Samstag, 25. Juni 2011
Quand Tu Dors...


Simone sein. Mit Yves einschlafen und neben ihm aufwachen. Ein intensiver Moment, der ein Leben anhielt.

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Dienstag, 11. März 2008
The lion sleeps tonight
The lion sleeps tonight



Er heißt Leonhardt und ist ein Löwe. Zum Leben erweckt hat ihn der Mann mit den Initialen O und W, genannt Oweh. Leonhardt ist der beste Freund von Jonas. Gemeinsam bestehen sie diverse Abenteuer, die der Zeichen- und Schreibfeder von Oweh entsprangen. Die Geschichten sind Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke für Jonas, seinen Sohn, der nicht bei ihm lebt. Ich finde sowohl die Idee, als auch die Geschichten und Bilder so reizend, dass ich sie meinen Lesern gerne ans Herz legen möchte. Bitte lesen Sie unter "ungelenkes Gekrakel" (Oweh, Meister des Litotes) die Abenteuer von Jonas und seinem Freund.

Übrigens sind auch die "verdorbenen Lichtbilder" durchaus sehenswert. Bitte jetzt aber keine falschen Erwartungen, die Bilder sind weniger moralisch anrüchig, als vielmehr der Titel reinste Untertreibung des Fotografen.

Der Untergang des Abendlandes

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Donnerstag, 2. August 2007
Ruby Tuesday
Eigentlich ist heute Donnerstag. Trotzdem habe ich eine Verabredung mit Morrie, der sonst nur dienstags weise Ratschläge erteilt. Eigentlich ist Morrie auch schon lange tot. Dass ich dennoch etwas über seine Gedanken erfahre, ist Mitch Albom zu verdanken. Der hat ihn vor seinem Tod nämlich jeden Dienstag besucht und mit ihm über das Leben im Allgemeinen und im Besonderen geplaudert. Das Ergebnis dieser Treffen wurde '97 [alter Schinken, ich weiß] unter dem Titel 'Tuesdays with Morrie' veröffentlicht.

"All right, I'll be your coach. And you can be my player. You can play all the lovely parts of life that I'm too old for now."
Sometimes we eat together in the cafeteria. Morrie, to my delight, is even more of a slob than I am. He talks instead of chewing, laughs with his mouth open, delivers a passionate thought a mouthful of egg salad, the little yellow pieces spewing from his teeth.
It cracks me up. The whole time I know him, I have two overwhelming desires: to hug him and to give him a napkin.


Morrie leidet wie Stephen Hawking und einst Jörg Immendorff an amyotropher Lateralsklerose. Während der Gespräche mit seinem ehemaligen Studenten Mitch Albom ist die Krankheit bereits weit fortgeschritten. Gemeinsam betrachten sie das Leben und was es braucht, um glücklich zu sein. Morries Tipps sind von bestechender Einfachheit, was nicht weiter erstaunt. Im Angesicht des Todes verliert das Leben jegliche Pathetik.

"Dying," Morrie suddenly said, "is only one thing to be sad over, Mitch. Living unhappily is something else. So many of the people who come to visit me are unhappy."[...]
"I may be dying but I'm surrounded by loving, caring souls. How many people can say that?"


Solche Sätze sitzen und sind mit Sicherheit nachhaltig wirksamer als jeder Potterzauberspruch. Trotzdem ist das Buch keine schwere Kost. Mit wenig Umfang und kurzen Kapiteln eignet es sich hervorragend für zwischendurch. Übrigens gibt es für Lesefaule angeblich eine Verfilmung mit Jack Lemmon. Mit Dank an den Spender - endlich hat jemand zur Abwechslung mal ein gutes Buch im Flieger vergessen - und bis nächsten Dienstag.

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Samstag, 5. Mai 2007
The devil may care
Live love today, love come tomorrow or May
Don't even stop for a sigh, it doesn't help if you cry
That's how I live and I'll die
Devil may care.
[D. Krall]



Dies ist die Geschichte von Ole*. Keine erdachte Geschichte könnte je so grausam sein wie die vom Leben geschriebenen. Details mögen frei erfunden sein, im Wesentlichen hat sie sich jedoch so oder ähnlich zugetragen.

Ole kam aus Schweden, um das Ingenieurswesen an einer deutschen Universität zu studieren. Schon bald schloß er Freundschaft mit Dietmar und Wang, einem deutschen und einem chinesischen Kommilitonen. Sie waren wie die drei Musketiere und ihre Freundschaft war eine dieser seltenen, auf Lebenszeit angelegten. Es dauerte nicht lange, da lernten erst Wang und wenig später auch Dietmar ihre zukünftigen Ehefrauen kennen. Ole ließ sich etwas mehr Zeit bei der Auswahl der richtigen Partnerin, doch schließlich hatte er sie gefunden. Sie hieß Ingrid, von ihm liebevoll Ingerlein genannt. Das Ende des Studiums und die Geburt der ersten Kinder tat ihrer Freundschaft keinen Abbruch. Ole fungierte nicht nur als Trauzeuge, sondern auch als Pate für je eines der Kinder von Dietmar und Wang. Als das lang herbeigesehnte erste Kind von Ole und Ingrid das Licht der Welt erblickte, fiel die Wahl des Taufpaten automatisch auf einen der beiden Freunde.

Man traf sich zu Familienfesten und allen erdenklichen Anlässen. Mindestens einmal im Jahr – meist im Winter zum Skifahren - verbrachten die drei einen gemeinsamen Urlaub mit ihren Familien und Freunden. Meine erste bleibende Erinnerung an Ole geht auf einen jener Urlaube zurück. Seine Aufgabe bestand darin, die Kinder ins Bett zu bringen. Als selbsternannter Geschichtenerzähler war er unschlagbar. Wir bettelten jeden Abend um eine Fortsetzung, obwohl manche von uns den Gutenachtgeschichten, die er sich für seine Töchter ausdachte, schon entwachsen waren. Nicht nur um seine eigenen Kinder kümmerte er sich rührend, auch jedes andere, das sich in seiner Nähe aufhielt, wurde auf der Stelle zeitweise adoptiert. Ole liebte Kinder und die Kinder liebten ihn. Noch mehr als für seine Kinderliebe beneideten ihn die Freunde heimlich um seine Ehe. Keiner konnte sich daran erinnern, dass zwischen Ole und Ingrid je ein böses Wort gefallen wäre. Ingrid war Oles große Liebe und so behandelte er sie auch. Zuvorkommend las er ihr stets jeden Wunsch von den Augen ab. Im Gegenzug vergötterte Ingrid ihren Ole, der sie auf Händen durch den Alltag trug. Während mancher Auseinandersetzung in Dietmars und Wangs Ehen wurde, nicht immer zum Gefallen der Männer, Ole und Ingrid als leuchtendes Beziehungsvorbild zitiert.

Dabei war Ole nicht besonders attraktiv. Schon früh büßte er seine Haarpracht ein. Der Rest wechselte bald von blond in seriöses grau, wovor Wangs asiatische Haarpracht noch lange verschont blieb. So athletisch wie Dietmar war er nie und seine Vorliebe für gutes Essen hinterließ sichtbare Spuren um die Körpermitte. Alle körperlichen Nachteile machte Ole mit unvergleichlichem Charme, Witz und sonnigem Wesen locker wett. Obwohl er jedes weibliche Wesen in seiner Nähe in Sekundenbruchteilen um den Finger zu wickeln verstand, ließ er keinen Zweifel daran, wohin er tatsächlich gehörte. Wie eine unsichtbare Mauer begrenzte der Bund seiner Ehe mit Ingrid das sorglose Spiel und ließ sie von außen unantastbar werden. Auch bei Geschlechtsgenossen erfreute sich Ole an Beliebtheit. Wie könnte man je einen Menschen unsympathisch finden, der so höflich, so diplomatisch, so umgänglich war und gleichzeitig soviel Güte ausstrahlte. Diesem Menschen wünschte man nichts Böses.

Eines Tages erkrankte Oles ältere Tochter. Die Diagnose lautete Krebs, eine Form mit guten Heilungschancen. Ole scheute keine Kosten und Mühen für die Genesung seiner Tochter. Man zog alternative Heilmethoden genauso wie herkömmliche Schulmedizin in Betracht. Ole ließ sich beurlauben, um mit ihr Zeit in Frankreich zu verbringen, während Ingrid sich daheim um die jüngere schulpflichtige Tochter kümmerte. Bei ihrer Rückkehr war man guter Dinge und die Ärzte bestätigten eine Verbesserung ihres Zustandes. Dennoch fraßen dringend benötigte medizinische Hilfsmittel langsam die Ersparnisse auf. Vor allem aber sollte die Tochter alles bekommen, was sie sich wünschte. Das Abitur rückte ebenso wie die anstehende Berufswahl in ferne Zukunft, denn erst einmal sollte das Wunschkind wieder gesund werden. Sie wünschte sich einen weiteren Aufenthalt an Frankreichs Küste und einen Wechsel ihrer Behandlung auf ausschließlich teure Alternativmedizin.

Wieder trafen sie sich, diesmal um Oles Tochter und Dietmars Patenkind zu beerdigen. Keiner konnte begreifen, wieso das Schicksal ausgerechnet Ole so übel mitspielte. Dieser Mann, dem seine Familie alles bedeutete, war in seinen Grundfesten erschüttert. Und das Leben ging weiter. Während Wang bereits geschieden war und verbale Auseinandersetzungen zwischen Dietmar und seiner Frau schon rituelle Züge annahmen, schienen Ole und Ingrid durch das Ereignis noch fester als vorher zusammengeschweißt. All die Jahre ohne Streit, Ole stets fürsorglich um sein Ingerlein bemüht. Als Ingrid ebenfalls mit Krebs diagnostiziert wurde, begann das Drama von vorne. Ingrid kämpfte, denn sie wollte noch lange Jahre gemeinsam mit ihrem Ole verbringen. Die Freunde waren fassungslos. Wieviel Leid konnte ein Mann ertragen, ohne daran zu zerbrechen? Schließlich wendete sich das Blatt und Ingrid gewann den Kampf. Gemeinsam mit Ole. Die Zeit für den Tod, der sie einmal trennen sollte, war noch nicht gekommen.

Die Treffen wurden seltener. Obwohl die Kinder aus dem Haus und der Ruhestand nicht weit waren, gab es immer weniger Gelegenheit sich zu sehen. Eine der seltenen Nachrichten über Ole und Ingrid machte schnell die Runde. Und wieder waren die Freunde erschüttert. Diesmal war es Ole, der das Schicksal herausforderte. Er hatte eine Geliebte. Man nahm Ole ins Gebet und Ingrid mit in den Urlaub. Ingrid hing so sehr an ihrem Ole, dass sie lieber litt, als sich von ihm zu trennen. Keiner konnte es ihr verübeln, zumal Ole sich charmant und zuvorkommend wie eh und je um sie bemühte. Abgesehen von manch einsamen Nächten, die Ole im Bett der Geliebten oder auf Reisen verbrachte, hatte sich zwischen ihnen nichts geändert. Die Geliebte ihrerseits war eine von der modernen Art, die keinerlei Besitzansprüche stellte. Den Freunden wurde er allmählich fremd. Nicht nur hatte er den Glauben an die ideale Beziehung in ihnen zerstört, sondern auch das Bild eines aufrichtigen und zuverlässigen Mannes. Fast konnte man meinen, sie litten ein wenig mehr als Ingrid, die sich im Stillen mit der Situation zu arrangieren schien.

Während andere zurückblicken, fing für Ole das Leben mit 66 an. Er hatte dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen. Aus Ole wurde ein Pendler zwischen den Welten, einer der das Abenteuer suchte, während er die Sicherheit in der Tasche wähnte. Doch alle Sicherheit ist so vergänglich wie das Leben selbst. Als er sie fand, war Ingrid bereits seit Stunden tot. "Bis dass der Tod uns scheidet", stand im Abschiedsbrief. Bis heute bin ich mir nicht sicher, wer damit mehr überfordert war: Ole selbst, seine Geliebte oder seine Freunde.


*Alle Namen wurden vom Autor geändert und stehen nicht in Zusammenhang mit noch lebenden Bloggern.

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Freitag, 23. März 2007
Return to fantasy
~Dieser Beitrag ist (noch) nicht gesponsort~
Das kleine Kino an der Ecke Falls Sie am Wochenende noch nichts vorhaben und in München wohnen, besuchen Sie doch mal das kleine Programmkino in der Isabellastraße. Schauen Sie sich beispielsweise an, was wahres Leben ist, nachdem Sie jetzt das Leben der anderen kennen oder erfahren Sie mehr über das Leben nach der Hochzeit. Sollten Sie mittwochs Zeit haben und zudem des Spanischen (wahlweise italienisch oder französisch) mächtig sein, können Sie dort jede Woche einen Originalfilm mit Untertitel in dieser Sprache genießen. Sie mögen lieber englische Filme? Kein Problem. Auch die laufen täglich im Original und Sie sparen sich stundenlanges Schlangestehen wie etwa an der Cinema-kasse. Unschwer zu erkennen, dass mir dieses kleine Kino sehr am Herzen liegt. Kürzlich ging ich auf einem Spaziergang dort vorbei. Durch die Türe drang Klaviermusik nach draußen. Ich lauschte für einen Moment der Melodie der Goldbergvariationen bis sie von Dialog unterbrochen wurde. Plötzlich wirbelten mich meine Gedanken durch die Luft und setzten mich in einer längst vergangenen Zeit ab.

Als Kind war Weihnachten, wie man sich unschwer vorstellen kann, etwas ganz Besonderes. Dabei war es nicht die Bescherung, die den 24. zu einem aufregenden Tag machte, sondern das Warten. Während die Erwachsenen am Nachmittag die Stube für die Ankunft des Christkindes vorbereiteten, wurde ich kurzerhand bei Bekannten abgeliefert, die ein kleines Kino in einem Münchner Vorort besaßen. Bei unserer Ankunft öffnete die dicke Kassiererin, manchmal auch die Besitzerin selbst, die an Leibesfülle ihrer Kollegin in nichts nachstand, die Türe zum Kinderparadies hinter der Kasse. Dort wurden meine Taschen mit Eiskonfekt, Gummibärchen, Schokostäbchen mit Fruchtfüllung, sauren Ringen und derlei mehr bis zum Anschlag gefüllt, bevor man mich in den bereits abgedunkelten Saal führte. Was die Taschen nicht mehr hielten, hielt ich in Händen, so auch eine geöffnete Fantaflasche. Ich dachte, so ein Kino zu besitzen müsse ungeheuer praktisch sein, weil man immer Süßigkeiten im Haus hat, für die man nicht bezahlen muss.

Am Eingang zum Kinosaal wartete bereits die Platzanweiserin und führte mich mit ihrem Taschenlampenstrahl zu einer leeren Reihe. Ich kam mir immer sehr wichtig dabei vor, wie ein VIP. Einmal war die Platzanweiserin krank (oder bereits eingespart), da durfte ich die Lautstärke auf dem Sitz hinter der letzten Reihe regulieren. Offiziell gab es nichts zu regulieren, ich drehte aber um des Effektes willen den Knopf ein klein wenig nach rechts und wieder zurück. Schließlich war dies eine einmalige Chance, die ich nicht ungenutzt lassen wollte. Am Ende des Filmes war ich froh, meiner ungeheuren Verantwortung wieder enthoben zu sein.

In den Sommerferien durfte ich zu meiner großen Freude dann bei den Bekannten übernachten. Ihre Tochter war einige Jahre älter als ich. Sie schwärmte damals für die Popgruppe Sailor und insbesondere für deren Frontmann Georg Kajanus (der mit dem Ringelshirt). Zu jener Zeit kannte ich gerade mal Boney M und die Abba Songs, die auf einer abgenudelten Cassette meiner Mutter bei Autofahrten liefen. Dagegen machten die Bandmitglieder auf Postern, mit denen die Tochter unserer Bekannten ihr Zimmer gepflastert hatte, richtig was her. Noch in diesem Sommer bekam ich meine erste LP, natürlich von der Band mit dem Nickelodeon. Damit begann der Kampf um den elterlichen Plattenspieler und schließlich um die Musikauswahl während langer Autofahrten in die Ferien.

Von jenem Übernachtungsbesuch ist mir noch gut in Erinnerung, wie wir die großen Filmspulen wechselten und uns schließlich in die Abendvorstellung schlichen. Der Film - sowohl Titel als auch Inhalt sind mir leider entfallen - war mit Sicherheit nicht für unser Alter geeignet. Was wir (nicht) zu sehen bekamen wurde mir hinterher en détail von der Tochter des Hauses erklärt, die über eine fundierte Bildung aus der Bravo verfügte. Somit blieben keine Fragen offen. Mit meinem neugewonnenen Wissen konnte ich sogar meine Großmutter und ihre Kaffeedamen erstaunen. Die folgenden Kinobesuche beschränkten sich leider wieder auf Nachmittagsvorstellungen von Disneyfilmen.

Irgendwann musste das Kino der Bekannten erst einem Blumenladen und später einer Discountkette weichen. Die Zuschauerzahlen waren spärlich, das Geschäft lief schlecht. Um aktuelle Filme zu sehen fuhr man in die Innenstadt zu den großen Kinos. Für Vororte waren neue Filme damals noch einige Wochen gesperrt oder zu wenige Kopien vorhanden. Aber wer will schon Wochen auf laufende Filme warten? Mit dem Verkauf wurde ein Kapitel Familiengeschichte beendet. Erst war meine Großmutter, später meine Mutter dort Platzanweiserin, ich selbst leider nur einen Tag. Es gab immer lustige Geschichten und Ereignisse rund um das Kino zu berichten. Dass mein Großvater wohl während der Abendvorstellungen mit der Filmvorführerin fremd ging, erfuhr ich erst, als das Kino nicht mehr existierte.

Leuchtreklame dezentIch weiß nicht, ob die Besitzerin schließlich alle Süßigkeiten alleine aufgegessen hat und wo die großen Filmplakate geblieben sind, die sie mir schenkte - um das Plakat von Sauras Carmen habe ich damals sehr gebettelt. Das Studio Isabella weckt jedenfalls gute Erinnerungen, auch ohne Fruchtgummis.

Ich sollte wirklich öfter ins Kino gehen. Und Sie auch.

Studio Isabella, Neureutherstr. 29/Ecke Isabellastraße
Weitere Artikel über das Isabella:
Münchner Kinos im Vergleich
Förderpreis für Programmauswahl
Wochenprogramm mit Links auf Inhalt

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Freitag, 23. Februar 2007
Forever in blue jeans
Ob es meine erste unerfüllte Liebe war, kann ich nicht mit Sicherheit behaupten, jedenfalls blieb sie unerfüllt. Im Moment als er das Klassenzimmer zum ersten Mal betrat, war ich sofort unsterblich verknallt. Er hatte die schönsten blauen Augen, die ich bis dato jemals gesehen hatte - in Kombination mit dunklen Haaren DAS K.O. Kriterium, das mich bis zum heutigen Tag von den Socken haut.

Seine Familie kam aus Düsseldorf, eine Weltreise in der Vorstellung eines Drittklässlers. Den örtlichen Dialekt beherrschte er (noch) nicht und seine hochdeutsche Ausdrucksweise wirkte ein wenig affektiert. Mir war sofort klar, wie er sich fühlte, hatte ich doch selbst erst mühsam einen Dialekt erlernen müssen, der sich im Klang deutlich von dem unterschied, was ich daheim hörte. Ausserdem war er katholisch und damit automatisch mein. Die Coolen im Dorf, in dem wir zur Schule gingen, waren evangelisch, alle anderen hießen Sabine oder Caroline, waren blöd, dick oder sonstwie assozial. Zumindest im Religionsunterricht glaubte ich mich ausser Konkurrenz, denn für meine Begriffe war ich weder doof, noch häßlich, so attraktiv man eben mit typischem Siebzigerjahre Haarschnitt und Klamotten aussehen kann.

Das Highlight jeder Woche war der allsonntägliche Kirchgang. Mal abgesehen von neuem Lesestoff, den ich nach der Messe in der Kirchenbibliothek entlieh, entzückte mich nicht nur die Vorstellung vom Leib Christi, der mir in Form einer Oblate auf die Zunge gelegt wurde - die Frage, wie er da hineingekommen sei, konnte nie zu meiner Zufriedenheit beantwortet werden, weshalb meine Konzentration in Folge nicht mehr auf die Messe, sondern mehr auf diese Frage gerichtet war und darauf, die Reste Christi mit Zunge und Fingern vom Gaumen zu kratzen - sondern vor allem die Nähe zu den Ministrantenleibern, genauer gesagt zu einem ganz besonders blauäugigen. Selbst in dieser nachthemdähnlichen Kutte wirkte er ungemein anziehend.

Sobald sich die Reihen zur Messe füllten, hielt ich Ausschau nach seiner Mutter. Meist saß sie einige Reihen vor uns. Ich erkannte sie an ihrem grauen Haar, das zu einem Dutt streng nach hinten gekämmt war. Obwohl ich nie einen Satz mit ihr wechselte, schien sie mir eine gütige Frau zu sein. In meiner Vorstellung verstanden wir uns prächtig, was in Anbetracht einer späteren Heirat nicht unerheblich schien. Manchmal wirkte sie traurig, gelegentlich bedrückt, fast so, als ob eine unsichtbare Last auf ihren Schultern ruhte. Sein Vater machte mir mehr Sorgen, denn seine Körpergröße war für eine Achtjährige respektabel, wenn nicht gar furchteinflößend. In der Kirche begegnete ich ihm allerdings nie, überhaupt sah ich ihn nur wenige Male.

Er beachtete mich kaum. Anscheinend genügten all die unübersehbaren Gemeinsamkeiten nicht, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich musste meine Strategie ändern und seine Freunde zu meinen Freunden machen, um ihm näher zu sein. Abgesehen von einem verunglückten Kinobesuch mit einem Freund, der in derselben Hochhaussiedlung wohnte wie er, scheiterten meine Pläne. Unglücklich war hauptsächlich die Filmauswahl, die mir oblag. Während ich mich für Bernhard und Bianca entschied, fabulierte meine Begleitung ständig über intergalaktische Kriege und seltsame Wesen in Robotergestalt, deren Namen aus einer Kombination von Buchstaben und Zahlen bestanden. Es sollte noch zehn Jahre dauern, bis ich reif für Laserschwerter war.

Das Schicksal trennte vorläufig unsere Wege und brach mir das Herz, als die Wahl einer weiterführenden Schule anstand. Während er zunächst die Realschule besuchte, bevorzugte ich das benachbarte Gymnasium. Einige Zeit später tauchte er in einer Parallelklasse wieder auf. Ich legte typisches Pubertärgebaren an den Tag, spähte auf dem Schulhof, wandte mich schnell ab, wenn er in meine Richtung zu sehen schien und fühlte mehrmals täglich meine Wangen erröten. Mir entging nicht, wie verdammt gut seine Jeans saßen - Wrangler, Diesel oder Edwin, sicher bin ich mir nicht, aber auf keinen Fall waren es Levis. Über die lächerliche Karottenform der Achziger war sein Körper ebenso erhaben wie vormals über Ministrantenkutten.

Ein näherer Kontakt kam jedoch nicht zustande. So adoleszierten wir parallel nebeneinander her, bis ich mir eines Tages einen Ruck und ihm eine Einladung ins Kino gab. Aus Erfahrung klug, ließ ich ihn den Film auswählen. Kurze Zeit später verfolgte ich auf der Leinwand Platoon so gut es hinter vorgehaltener Hand zwischen den Fingern durch eben ging. Wenn man bedenkt, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt jegliche Filme mied, in denen geschossen oder Tote produziert wurden und selbst bei Fernsehkrimis meine Nerven blank lagen, war das ein mutiger Schritt. Lieber hätte ich mir die Zunge abgebissen als einzugestehen, welch verheerende Auswirkungen der Kriegsfilm auf meinen sensiblen Seelenhaushalt hatte, geschweige denn Trost an den starken Schultern meiner Begleitung zu suchen. Ich wollte cool sein und ebenbürtig. Die Sparte des schwachen Weibchens war in meinen Genen nicht angelegt.

Weder die Gelassenheit während des Kinobesuches, noch meine anschließend idiotische Bemerkung über seine Jeans - aus heutiger Sicht kann ich mir nicht erklären, was mich anderes als die pubertierenden Hormone geritten haben kann, als ich ihm sagte, wie ausgezeichnet ihm die Hose stünde und wie erstaunlich sie mit seiner Augenfarbe harmonierte, nur um augenblicklich meine Gesichtsfarbe chamäleonartig in rot zu wechseln - schienen bei ihm Eindruck zu hinterlassen. Stundenlange Analysen dieses Zwischenfalles und seiner diesbezüglichen [Nicht-]Reaktion mit Freundinnen, ergaben auch nach Wochen und Monaten keine Aufklärung. Die Zeichen standen gegen mich. Schließlich musste ich mir eingestehen, dass wohl aus der geplanten Hochzeit nichts werden würde.

Das weitere Schuldasein verbrachten wir eher neben- als miteinander. Er interessierte sich für Physik (?), ich mich für Kunst, er übte Formeln lösen, ich Tonleitern, er schwamm, ich steppte. Schließlich verlor ich ihn nach dem Abitur entgültig aus den Augen. Aus dem Sinn ging er mir nicht. Eine Freundin berichtete, er sei inzwischen Arzt. Ich ergoogelte jüngst seinen recht ungewöhnlichen Namen und fand mich kurze Zeit später vor einem Bild wieder. Er sieht immer noch verdammt gut aus, vielleicht sogar besser denn je. Zu gerne würde ich ihn fragen, was aus ihm, seinen Eltern und dem weinerlichen kleinen Bruder geworden ist, warum er gerade diese medizinische Fachrichtung wählte und ob er sich noch an mich erinnern kann. Eine diesbezügliche Mail wäre schnell verfasst, doch sollte die Jeans-Affäre das Einzige sein, woran er sich im Zusammenhang mit mir noch erinnert, werde ich mir lieber die Finger abhacken, als den Schleier des Vergessens zu lüften. Manche Briefe entfalten ihren Zauber erst mit den Jahren, die sie beim Verfasser weilen, ohne jemals abgeschickt worden zu sein.

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Freitag, 12. Januar 2007
Ihr lacht wohl über den Träumer, der Blumen im Winter sah?
Atmen. Atmen lassen. Ohne Anstrengung. Ein und aus. Mit der ausfließenden Luft sinkt mein Körper tief hinunter. Und dann ist da dieser Moment der Ruhe, kurz bevor die Luft erneut meine Lungen füllt. Es fühlt sich an, als wäre ich in mir angekommen. Dieser kleine Augenblick des Friedens, den ich tagsüber vor lauter Denken nicht wahrnehme, jetzt ist er da. Etwas, das mich an innere Heimat erinnert.

Heimat, was ist das? An jene, wo die Freunde sind, glaube ich nicht mehr. Man ist immer allein. Umso mehr, wenn man sich selbst verloren hat. Kaum einer kann sich noch spüren, sich aushalten, ohne im nächsten Moment die Flucht in Ablenkung zu ergreifen. Jetzt ist, wenn es weh tut*. Manche Berührung schmerzt. Trotzdem suche ich nach etwas, das mich berührt, suche nach Gemeinsamkeit, nach geistigen Berührungspunkten.

Und plötzlich ist sie wieder in meinem Kopf, in den Ohren, im Herzen. Musik. Klänge, die mich ein Leben lang begleiteten, mit denen ich mich verbunden fühle. Meine innere Heimat. Teilen kann ich sie nicht, die Gefühle. Mir fehlen die Worte. Wie so häufig in letzter Zeit, bin ich damit alleine. Aber einsam bin ich damit nicht mehr.

*erinnert von hier


F. Schubert Sonate A-Dur D.959

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Sonntag, 17. Dezember 2006
Gute Reise
Auch heute steht sie vor dem kleinen Laden und betrachtet die Bilder in der Auslage. Es sind Bilder vom Meer, von Palmen und Sonne. Immer wenn sie zum Bäcker geht, um sich ein halbes Brot für die nächste Woche zu holen, kommt sie an dem kleinen Reiseladen vorbei. Mit dem aufgeschnittenen Brot in der Tasche bleibt sie dann vor der Scheibe stehen. Was sie auf den Bildern sieht, ist so ganz anders, als das, was sie kennt. Vor vielen Jahren ist sie mit ihrem Mann verreist. Sie waren gemeinsam in den Alpen und am Mondsee. Einmal sind sie mit dem Zug bis zur Küste gefahren. Dort hat sie das Meer gesehen. Es sah aber nicht aus wie auf den bunten Bildern in der Auslage. Als der Mann gestorben war, wollte sie nicht mehr wegfahren. Der Sohn hat sie an Weihnachten immer eingeladen. Und auch die Schwester lag ihr in den Ohren. Es sei doch mit dem Zug nicht weit. Dabei lag zwischen ihnen sogar eine Landesgrenze. Sie hatte vergessen, wo sie ihren Pass hingeräumt hat. Den brauchte sie nicht mehr, seit der Mann gestorben war. So antwortete sie nur, sie würde lieber daheim bleiben.

Am Muttertag oder an Ostern kommt meist der Sohn zu Besuch. Sie weiß, dass er schnell ungeduldig wird. Deswegen hängt sie schon am Vortag den Mantel und den Hut an die Garderobe und stellt die Schuhe dazu. Wenn sie den Schlüssel nicht gleich findet, schimpft er mit ihr. Darum legt sie den Schlüssel neben die Handtasche. Er schimpft auch wegen der Krümel auf dem Teppich. Wenn sie die Wohnung nicht sauber halten könne, brauche sie eben eine Putzfrau. Als ob sie nicht putzen könnte. Damals als sie mit ihm schwanger war, hat sie bei fremden Herrschaften geputzt. Der Mann hat nicht genug für drei verdient und sie brauchten jede Mark. Dem Sohn sagt sie das nicht. Auch nicht, dass die Augen immer schwächer werden. Sie schämt sich, dass sie die Krümel übersehen hat. Dabei will sie ihm doch zeigen, dass sie gut alleine zurecht kommt. Er hat eine eigene Familie, um die er sich kümmern muss und eine anstrengende Arbeit. Da will sie ihm keine zusätzlichen Sorgen machen.

Viel braucht sie nicht zum Leben. Die kleine Rente reicht für die Wohnung und das Nötigste. Sonntags zieht sie ein schönes Kleid an, setzt den Hut auf und geht in den Park. So haben sie es immer gemacht, als der Mann noch lebte. Danach geht sie, wie jeden Tag, zum Grab und zupft das Gras zwischen den Sträuchern. Im Herbst stellt sie ein kleines Licht vor den Grabstein. Damit er es ein wenig heller hat. Ist dunkel genug da drunten. Einmal in der Woche hat sie frische Blumen dabei. Die tauscht sie gegen die verwelkten in der grünen Vase aus und schüttet frisches Wasser aus einer Friedhofskanne hinein. Eine Weile spricht sie mit ihm, erzählt ihm vom Sohn. Wie stolz er wäre, wenn er ihn sehen könnte. Wie er sie mit dem großen neuen Auto abgeholt hat und sie in einem feinen Restaurant gegessen haben. Der Sohn verdient gutes Geld. Sie will sich nicht beklagen, nur er, der Mann, fehle ihr halt ein wenig. Dann streicht sie energisch die Träne von der Wange, sagt schnell auf Wiedersehen und macht sich auf den Weg. Von dem Reiseladen erzählt sie nichts. Am Ende hält er sie noch für undankbar.

Sorgfältig hat sie die Angebote studiert und sich schließlich entschieden. Die Dame im Laden war sehr freundlich. Natürlich bräuchte sie einen gültigen Reisepass. Ihre Wangen glühen, als sie daran denkt, wie sie ihn zwischen all den alten Briefen fand, ihn in die Handtasche steckte und damit zu dem kleinen Laden marschiert ist. Dem Sohn wird sie nichts davon erzählen und auch nicht dem Mann. Am Ende halten die sie noch für verrückt. Ein wenig verrückt ist es schon, was sie plant. Wenn sie sich vorstellt, wie sie zwischen den großen Palmen herumspaziert, fühlt sie sich fast wieder wie ein junges Mädchen. Sie wird endlich einmal den Ort sehen, den sie nur von den Bildern in der Auslage kennt. Manchmal schickt der Sohn Postkarten mit ähnlichen Bildern. Auf der Rückseite steht, dass es sehr warm sei, dort wo er gerade sei, und dass die Sonne jeden Tag scheine. Sie hat in den Jahren ein wenig Geld gespart. Ihre Hände zitterten, als sie es vor sich auf den Tisch legte, um die Reise zu bezahlen. Der Koffer war über die Jahre auf dem Schrank eingestaubt. Jetzt steht er sauber und gepackt im Flur. Die Schlüssel liegen neben der Handtasche. Sie schlüpft in den Mantel, setzt den Hut auf und geht zum Sessel. Das Taxi wird bald da sein.

Sie hat die Nachbarin gebeten, die Blumen zu gießen und nach dem Rechten zu sehen. Die Nachbarin dreht den Schlüssel im Schloss. Die Türe öffnet sich. Im Flur steht ein Koffer. Als sie das Zimmer betritt, sitzt die alte Dame mit Mantel und Hut im Sessel, den Kopf auf die Brust gesunken, als ob sie nur kurz eingenickt sei. Die Hand im Schoß hält ein Flugticket nach Mexiko.

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