Dienstag, 19. Oktober 2021
Elsewhere (3)
Hier gibt Sonja Lewandowsky ganz intime und wunderbar geschriebene Einblicke in die Seele von Turnmädchen. Angereichert wird ihr Essay durch Zitate aus Simone Biles' Buch Courage to Soar.

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Über Curse of Knowledge, eine kognitive Verzerrung bei Spezialisierten. Interessante Falle, in die ich selbst immer wieder tappe. Denn eigentlich glaube ich, weiß ich überhaupt nicht mehr als andere. Und was ich weiß, ist doch so offentsichtlich, sonst wüsste ich Dummerle es doch auch nicht. Heißt übrigens auch Imposter Syndrom.

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"It isn't just that we want a free car park ? we've come to think we're entitled to one, too." schreibt Farz Edraki in seinem lesenswerten Essay "We all love free car parking - but who's really paying for it?" für ABC Net. Und ja, da sind für mich neue Gedankengänge drin, z.B. dass kostenfreies Parken den Wohnraum teurer macht. Einfach mal selber lesen und nachdenken.

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Scudieri, Florenz

Es gibt einen Podcast (schon wieder einer), der den geschichtlichen Hintergründen von Dingen nachspürt. Die neueste Folge beschäftigt sich mit der pandemisch aufgeblühten Sehnsucht nach Vergangenem:
"We're looking for comfort and safety in the permanence of the past, or at least, what we think the past was. But, when it first appeared, nostalgia itself wasn't considered a feeling; it was a deadly disease." und jetzt weiß ich auch nicht.
The Nostalgia Bone, und ein erklärender Artikel aus dem Atlantic, wo ich auf den schönen Begriff el mal de corazón stieß, der aus dem Dreissigjährigen Krieg stammt.

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Eine meiner Lieblingsfragen ist, warum Leute dies oder jenes tun - mich selbst natürlich eingeschlossen. So stieß ich auf diesen Artikel, der sich mit menschlichen Reaktionen und ihren Auslösern beschäftigt und warum man nichts auf sich beziehen sollte.
"Emotional generosity is the ability to see past behaviours that we don't understand and proactively look for compassionate ways to explain them."
Das fasst in etwa meine Leitlinie zusammen, nach der ich im beruflichen wie privaten Kontext zu leben versuche. Denn wäre es nicht schön, würden alle statt mit dem Finger auf andere zu zeigen, diese Dinge an sich selbst verändern? Genau. An diser Stelle fällt mir auch eine Wahrnehmungsverzerrung ein, deren Name ich vergessen habe. Negative Verhaltensweisen anderer attribuieren wir auf deren Charakter, unsere eigenen auf die Umstände. Im Zweifel also für den Angeklagten. Sehr schön finde ich übrigens das kleine Video aus dem Artikel.

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Dienstag, 12. Oktober 2021
Discipline
Eigentlich gäbe es so vieles zu schreiben, doch eine längere Geschichte braucht gerade meine ganze Aufmerksamkeit. Schauen Sie doch einstweilen woanders (wird kontinuierlich erweitert)

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Montag, 20. September 2021
Touch me, feel me, get to know me inside


Heute habe ich eine Tube Gochujang mit Ablaufdatum 2020 weggeworfen, und das kam folgendermaßen:

Wenn Crews reisen, sind sie nicht privat, sondern dienstlich unterwegs, weshalb sie an ausländischen Flughäfen entweder die allgemeine oder die Sicherheitskontrolle für Angestellte passieren. Während bei der allgemeinen Sicherheitskontrolle einige Erleichterungen für Crews gegenüber Privatreisenden gelten - beispielsweise müssen wir meist weder Schuhe noch Gürtel und Jacken ablegen, die elektronischen Geräte sowie Flüssigkeiten dürfen im Handgepäck bleiben und wir können vordrängeln, was der Tatsache geschuldet ist, dass ansonsten entweder der Flug verspätet rausgeht oder die Arbeitszeiten wesentlich länger sein müssten - verfügt die Angestelltenkontrolle über einfacheres technisches Equipment. Es gibt dort normale Metalldetektorenportale und Detektoren, mit denen der Körper von Hand abgesucht wird. Die Sprengstoffdetektoren stehen übrigens überall, Crews werden aber nur am Heimatflughafen ausnahmslos auf Sprengstoffpartikel überprüft. Deshalb weiß die versierte Flugbegleiterin, dass Rückstände von Hand-, Schuh- und sonstige Cremes gerne mal von den Geräten als Sprengstoffpartikel erkannt werden.

Seit sich in meinem Körper Metall befindet, führe ich einen erbitterten Kampf mit dem Sicherheitspersonal, denn obwohl ich eingangs darauf hinweise, wird auf mehrmaliges Hin- und Herlaufen durch das Metalldetektorenportal mit jeweiligem Ablegen neuer Kleidungsteile bestanden und ist erstaunt, dass es auch fiept, wenn ich die unsichtbare Schranke halbnackt aber immer hoch erhobenen Hauptes durchschreite. Ist ja nicht so als hätte ich es nicht angekündigt. Vereinfacht wird die Prozedur, sobald sich einer dieser Ganzkörperscanner im Einsatz befindet. Darin darf ich nämlich sowohl die Schuhe als auch meine Frisur im Originalzustand anbehalten. An Angestelltenkontrollpunkten gibt es so einen modernen Schnickschnack aber nicht. Zu teuer, zu verwegen, whatever. Deshalb habe ich mir angewöhnt, möglichst als erste, möglichst ohne Schuhe, Jacke und Schmuck die Kontrolle zu durchschreiten. Selbst wenn ich zunächst Widerspruch vom Personal ernte, wird schnell klar, ich hatte recht. Missmutig wird dann der Handscanner gezückt oder gleich abgetastet. Und nein, es waren nicht die BH-Bügel, die der Scanner erkannte, sondern das interne Metall.

Als ich zuletzt aus Washington D.C. heimkehrte, war ich eingangs noch etwas mißmutig, weil die Kontrolle ungewöhnlich minutiös schien. Doch meine Laune sollte schnell in Ratlosigkeit umschlagen. Trotz meines Hinweises auf internalisiertes Metall musste ich zunächst die Schuhe ablegen, die wie mein Gepäck durch das Röntgengerät geschickt wurden. Dann bat man mich an die Seite, meine Handtasche und der kleine Koffer wurden ebenfalls auf einen seitlichen Tisch gelegt, die Angestellte zückte ein Paar blaue Latexhandschuhe, ich spannte noch ein bisschen Bauch- und Oberschenkelmuskulatur an - man möchte ja nicht gleich als unsportlich entlarvt werden - und schon ging es los. Ich glaube, ich wurde noch nie so gründlich abgetastet wie dort. Als ich an mir herabschaute, sah ich einen weißen Streifen, der auf meiner Oberbekleidung zwischen meinen Brüsten bis zu den Beinen senkrecht nach unten verlief und den Handkantenweg der TSA-Angestellten nachzeichnete.

Schließlich informierte mich die Dame, dass die Probe von ihren Handschuhen Sprengstoffpartikel angezeigt hätte. In Folge wischte sie jedes verdammte Teil aus dem Inhalt meiner Handtasche UND meines Kabinenkoffers mit dem Sprengstoffdetektor ab. Also abwischen, in den Detektor stecken, auf Ergebnis warten, Teststreifen auf dem Stab wechseln, abwischen, etc. Ich weiß nicht, wie viele Teile ich alles in allem mit mir führte, jedenfalls kam dadurch die oben abgebildete Tube koreanische Chilimischung aus meinem Koffer zum Vorschein, die ich vor etwa vier Jahren eingesteckt und dann vergessen hatte. Ein Teil weniger bei der nächsten Kontrolle. Obwohl ich die Dame unter Vortäuschung falscher Tatsachen (OCD) bat, mich den Koffer selbst wieder einräumen zu lassen, fand ich in meiner Schminktasche später einen längst vergessenen Fuselkiller. Vielleicht bin ich doch ein bisschen neurotisch, denn in meinen Taschen herrscht eine Ordnung, die mich alles blind finden lässt. Eine Fremde in meinen Sachen wühlen zu sehen, war mir unangenehm. Insgesamt dauerte der Vorgang ziemlich lange, war aber dadurch noch nicht abgegolten. Man kündigte an, die Supervisorin würde eine weitere Leibesvisitation in einem kleinen Zimmer durchführen. Vor meinem inneren Auge spielten sich Szenen ab, die denen bei der Aufnahme in einer Suchtklinik oder im Gefängnis ähneln, was mich, auch in Anbetracht der bereits verstrichenen Zeit, die ich nylonbestrumpft auf Steinboden stehend verbrachte, mutlos werden ließ.

Die Supervisorin machte mich darauf aufmerksam, dass sie, im Gegensatz zu ihrer Kollegin, nun bestimmte Körperregionen mit der Handfläche statt dem -rücken oder der -kante abtasten würde und schnalzte währenddessen einmal mit dem Latexrand ihres Handschuhs. Was dann folgte, war weitaus weniger schlimm als die Szenarien aus meinem Kopfkino, mein Bedarf an Körperkontakt mit Fremden ist jedoch über Jahre gedeckt. Welche Stoffe an meinem Körper nun tatsächlich für die exzessive Durchsuchung verantwortlich waren, kann ich nicht sagen, vermutlich war das neue Haarspray schuld. Mir hat aber auch noch nie ein Sicherheitsdienst über den Kopf gestrichen, zumal sich in meinem streng nach hinten gebundenen Haar keine metallischen Waffenteile verstecken lassen. Als ich endlich gehen durfte, fühlte ich mich seltsam verletzlich, ganz so als ob ich einen kleinen Teil von mir bei der Kontrolle gelassen hätte. So fühlt es sich also an, seine Selbstbestimmtheit aufzugeben. Die Crew war bereits zum Flieger vorausgegangen, nur der Copilot wartete am Ausgang der Kontrollstelle auf mich. Meine Schilderung kommentierte er mit: "Naja, is ja nix passiert." Und genau in dieser Aussage liegt der Unterschied zwischen Cockpit- und Kabinenangestellten.

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