Freitag, 30. Januar 2009
Andantino


Andante, gehend, ein wenig bewegt. Gegangen ist einer, den ich persönlich kannte, die meiste Zeit jedoch nur virtuell kontaktierte, obwohl er nicht allzu weit entfernt wohnte. Zuletzt kommentierte er hier mit Gratulationen zu meinem Geburtstag. Mich überraschte dabei, dass er sich an dieses Datum erinnerte. Ich wollte ihm noch diese Woche eine Mail schreiben, habe es nicht getan und jetzt wird er sie nicht mehr lesen. Genausowenig wie die Fortsetzung seiner Lieblingsgeschichte.

Ach Edi, ich wollte dir noch so vieles schreiben, mit dir über Musik diskutieren, deine Seemannsgeschichten verfolgen, deine kleinen Videos gucken, mit dir lachen und nachdenken. Es schmeichelte mir, dass du meine musikalische Reise so sehr mochtest. Nur für dich hätte ich sie wiederbelebt, hatte bereits ein Konzept in petto als du in der Reha den Folgen eines Schlaganfalles trotztes. Unter die Jazzer wäre sie gegangen, unsere kleine Pianistin, in die Welt der ganz großen Improvisateure. Wie damals hätte ich dir Orte, Musikbeispiele und Namen geliefert. Alles fundiert, niet- und nagelfest. Das hätte dir sicherlich gefallen.

So aber wird sie für immer eingeschlafen sein. Vielleicht besser so, denn so großzügig wie du haben andere nicht über die kleinen und großen Holprigkeiten der Geschichte hinweggesehen. Nein, ich bin keine Literatin, nur eine, die mit Herzblut eigenes Erleben aufschrieb. Du wußtest das, hast mitgelitten und -gelacht, hast Musik dazu gehört und mit dem Finger auf der Landkarte die Route nachgezogen, die ich in Worten vorzeichnete. Edi, du ahnst nicht, wieviel du mir damit gegeben hast. Danke.


Opa Edi, der gerade sein Weihnachtsgeschenk in Empfang nehmen durfte. Noch ahnte er nichts vom Inhalt - ein Reisegutschein von seinen virtuellen Enkeln. Die Aktion der Opalandverschickung wurde im Dezember 06 von Matt Wagner in Wort und Bild dokumentiert. In Folge veranstaltete Edi in seinem Blog - dem Club der halbtoten Dichter - Preisausschreiben mit kniffligen Fragen aus den Bereichen Kunst, Kultur und Klamauk. Sein Ansinnen war, einen kleinen Teil an die Blogger zurückzugeben, die ihm die Reisen ermöglichten.
Edi schrieb seine Erlebnisse für gewöhnlich unter dem Pseudonym Neobazi. Er kommentierte hier als 'halbtot', was in gewisser Weise seinem Humor entsprach. Zuletzt lebte er im Kreise seiner Familie & Freunde im Allgäu und erlag am 28. Januar einem plötzlichen Herzstillstand.

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Weißt du eigentlich, Opa...
... daß ich immer an deine Geschichten denken muß, wenn wir Seemänner an Board haben? Wenn wir nach Hamburg oder Athen oder eine andere Hafenstadt fliegen, findet sich oft dieses Kürzel in meinen Unterlagen. Die Kollegen sind dann immer ein wenig besorgt, weil Seemänner so viel trinken aber meistens kann ich sie beruhigen, indem ich ihnen erzähle, dass ich mal einen kennengelernt habe und der meistens ziemlich friedlich war, selbst wenn er mal betrunken war. Das ist zwar ein wenig geflunkert, denn eigentlich hab ich's nur bei dir gelesen aber letztlich zählt ja nur das Ergebnis.

Weißt du, Opa, ich weiß ja, daß du das alles jetzt nicht mehr lesen wirst aber mir ist einfach danach, dir das zu erzählen, und wo wäre es besser aufgehoben als in den unendlichen Weiten des Netzes? Weißt du, du fehlst einer ganzen Menge Leute hier. Erst kam ich mir ein wenig seltsam vor, weil ich so wahnsinnig traurig war, obwohl wir uns nur so kurz kannten. Ich dachte, meine Traurigkeit stünde in keinem Verhältnis zu unserem Bekanntheitsgrad. Dann habe ich aber ein bisschen mit anderen gemailt und denen geht es genauso. Im Grunde zählt nur ein Wort oder eine Geste, die es bis ins Herz eines anderen Menschen hinein schafft, zählt eine Begegnung und ein Augenblick, der einen so berührt, dass einem ganz schwindelig wird vor lauter Nähe. Wie es aussieht, hast du das ziemlich oft geschafft, vor allem mit deinen Geschichten aber auch mit vielen persönlichen Gesprächen in Schrift und Laut.

Weißt du, Opa, du warst schon ein ganz Besonderer. Kein Heiliger und kein Prophet aber einer mit dem Herzen am rechten Fleck. Ich wünschte, es gäbe hier noch viel mehr von deiner Sorte. Und wenn es sie gibt, dann stolpere ich hoffentlich eines Tages über die. Hier oder anderswo.

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