... newer stories
Montag, 19. Juni 2006
Baby baby balla balla
frau klugscheisser, 19:33h
Unsere Flieger haben jetzt Fußballnasen. Natürlich nicht im derzeitigen Damenbindendesign, sondern im alten. Komisch, dass der Mehrheit diese Assoziation erst jetzt kommt. Bei Tennisbällen hat noch nie ein Hahn nach Design gekräht, obwohl die schon seit ich denken kann zwei aneinanderliegende Binden eingearbeitet haben. Und jetzt findet alle Welt solche Formen merkwürdig. Mir ist egal, ob alle Welt auf Sechsecke oder Damenbindendesign schaut. Aber ich bin auch kein Fußballfan. Was Flugzeuge mit Fußball zu tun haben, ist mir allerdings schleierhaft. Sieht ganz so aus, als würden die Maschinen den Ball durch die Luft vor sich herschieben. Hoffentlich trifft er nicht gerade in das Himmelstor, wenn ich an Bord bin. Seit dem Tag des Eröffnungsspieles war kaum ein männlicher Angestellter mehr fähig, seine normalen Aufgaben zu erledigen. Einziges Thema des Rampagenten sind seine geschenkten VIP Karten. Der Brückenfahrer ruft ständig Viva Italia und der Loader hat dieses runde Leuchten im Auge. Selbst die Gäste sind völlig verändert. Wird sonst nach Anschlussflügen gefragt, so stehen jetzt Fragen nach Spielergebnissen im Vordergrund. Die Krawatten wurden gegen Fahnen eingetauscht und die Laptoptaschen gegen Rucksäcke in Deutschlandfarben. Sie bringen Girlanden und überdimensionale Hüte, Fahnenstangen und Banner statt Anzugtaschen zum Verstauen. Auch die Laune scheint merklich besser als sonst. Zeitgleich hielt babylonisches Sprachgewirr an innerdeutschen Destinationen Einzug. Überhaupt sprechen die Menschen mehr miteinander. Man weiß ja, man ist zu Gast bei Freunden. Das läuft zwischen starrsinnig englisch negierenden Nationen folgendermaßen ab: man nimmt Augenkontakt auf, ruft der anderen Partei eine den Ländernamen implizierende Phrase in seiner Muttersprache entgegen und gestikuliert anschließend individuell. Der weitere Gesprächsverlauf wird wesentlich vom derzeitigen Spielstand beeinflusst. Da fließt schon mal die ein oder andere Drohgebärde mit ein. Selbst Japaner, die sonst sehr zurückhaltend auftreten, lassen sich zu emotionalen Ausbrüchen hinreißen. Gestern beobachtete ich einen ganzen Gefühlsticker durch die Mimik eines japanischen Geschäftsreisenden ziehen, als er vom Unentschieden erfuhr.
Wird eine Destination angeflogen, deren Nation gerade verloren hat, muss die Crew speziell gebrieft werden. Das ist wie bei einem Staatstrauerakt. Passagiere bewegen sich mit hängenden Schultern und Köpfen durch die Gegend, die Belader fragen verschämt nach Taschentüchern oder seufzen leise vor sich hin. Unklar ist mir noch, ob und in welcher Form ich mein Beileid aussprechen oder es lieber für mich behalten soll. Was sagt man in solch einem Fall? Mein Beileid zum verlorenen Spiel/Unentschieden? Ich denke an sie in dieser Zeit des schweren Verlustes? Da werden Hoffnungen zu Grabe getragen und Träume verabschiedet. So was ist nicht zu unterschätzen. Trotzdem habe ich noch nicht die richtigen Worte gefunden. Vielleicht überreiche ich einfach eine Kondolenzkarte in Form einer schwarz umrandeten Damenbinde, in die Fußballanstecknadeln eingearbeitet sind. Wenn wir die Pins nämlich austeilen, werden erwachsene Männer zu kleinen Jungs, greifen gierig in die Körbe und tragen heim, soviel die Hände halten können. Ehrlich, da entbrennt der Ballneid. Hat der Sitznachbar zufällig zwei davon erwischt, was seinen Augen strahlenden Glanz verleiht, will der nächste auch zwei. Erkläre ich, es gäbe für jeden nur eines, kann ich bis zum einsetzenden Trotzgeschrei die Sekunden zählen. Selbst wenn ich wollte, hätte ich nicht für jeden zwei. Ich bin schließlich kein Fußballpinscheißer. Kleine Jungs werden beim Einsteigen von ihren Vätern vorgeschoben, um Fußballzeitschriften abzugreifen. Wahrscheinlich werden die lieben Kleinen keinen auch noch so kurzen Blick hineinwerfen können, da das Druckwerk sofort von Papi in Beschlag genommen wird. Passagiere der Businessklasse wollen plötzlich nicht mehr essen, sobald sie ein Geduldsspiel ergattern, bei dem man einen Schokoladenball in ein Papptor befördern muss und statt Tomatensaft trinkt man jetzt Cola. Selbst der Flughafen ist vom Fußballfieber nicht verschont geblieben. Ich meine damit nicht die grünen Matten vor den Checkin Schaltern und nicht die vielen Werbeplakate, von denen Spieler herablächeln. Seit neuestem steht an fast jedem Gate ein Kickertisch. Es finden sich immer zwei bis vier Spieler, die darüber ihre Abflugszeit vergessen. Manche vergessen die auch, weil sie wie hypnotisierte Häschen auf den Monitoren laufende Spiele verfolgen. Leute, ich werde Euch daran erinnern, wenn dieser Wahnsinn endlich ein Ende gefunden hat. Dann fliegt ihr verspätet ab, weil ich vor lauter bloggen vergesse, meinen Dienst pünktlich anzutreten. Oder ich lasse meiner Trauer über den Verlust eines künstlichen Fingernagels verbal freien Lauf. Oder ich erzähle stundenlang über meine neuesten Konzertkarten und versäume nicht, hinterher im Detail über jede Bewegung des Dirigenten zu berichten. Dann will ich mal sehen, wie weit es mit eurer Toleranz her ist. Hab ich schon erwähnt, dass ich Fußball hasse? Nein? Macht nichts. Da gibt es nämlich den Spruch eines klugen Mannes, in dem jener bei höheren Mächten bezüglich der Dinge, die er nicht ändern kann, um Gelassenheit bittet. Daran werde ich euch erinnern, wenn euer Land von der WM ausscheidet. Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich muss für meinen nächsten Einsatz noch eine gelbe und eine rote Karte basteln. Das ist die einzige Form der Kommunikation, die derzeit international verstanden wird.
Der Song im Titel stammt übrigens von einem Herrn namens Chubby Checker. Da ist doch Name beinahe Programm.
Wird eine Destination angeflogen, deren Nation gerade verloren hat, muss die Crew speziell gebrieft werden. Das ist wie bei einem Staatstrauerakt. Passagiere bewegen sich mit hängenden Schultern und Köpfen durch die Gegend, die Belader fragen verschämt nach Taschentüchern oder seufzen leise vor sich hin. Unklar ist mir noch, ob und in welcher Form ich mein Beileid aussprechen oder es lieber für mich behalten soll. Was sagt man in solch einem Fall? Mein Beileid zum verlorenen Spiel/Unentschieden? Ich denke an sie in dieser Zeit des schweren Verlustes? Da werden Hoffnungen zu Grabe getragen und Träume verabschiedet. So was ist nicht zu unterschätzen. Trotzdem habe ich noch nicht die richtigen Worte gefunden. Vielleicht überreiche ich einfach eine Kondolenzkarte in Form einer schwarz umrandeten Damenbinde, in die Fußballanstecknadeln eingearbeitet sind. Wenn wir die Pins nämlich austeilen, werden erwachsene Männer zu kleinen Jungs, greifen gierig in die Körbe und tragen heim, soviel die Hände halten können. Ehrlich, da entbrennt der Ballneid. Hat der Sitznachbar zufällig zwei davon erwischt, was seinen Augen strahlenden Glanz verleiht, will der nächste auch zwei. Erkläre ich, es gäbe für jeden nur eines, kann ich bis zum einsetzenden Trotzgeschrei die Sekunden zählen. Selbst wenn ich wollte, hätte ich nicht für jeden zwei. Ich bin schließlich kein Fußballpinscheißer. Kleine Jungs werden beim Einsteigen von ihren Vätern vorgeschoben, um Fußballzeitschriften abzugreifen. Wahrscheinlich werden die lieben Kleinen keinen auch noch so kurzen Blick hineinwerfen können, da das Druckwerk sofort von Papi in Beschlag genommen wird. Passagiere der Businessklasse wollen plötzlich nicht mehr essen, sobald sie ein Geduldsspiel ergattern, bei dem man einen Schokoladenball in ein Papptor befördern muss und statt Tomatensaft trinkt man jetzt Cola. Selbst der Flughafen ist vom Fußballfieber nicht verschont geblieben. Ich meine damit nicht die grünen Matten vor den Checkin Schaltern und nicht die vielen Werbeplakate, von denen Spieler herablächeln. Seit neuestem steht an fast jedem Gate ein Kickertisch. Es finden sich immer zwei bis vier Spieler, die darüber ihre Abflugszeit vergessen. Manche vergessen die auch, weil sie wie hypnotisierte Häschen auf den Monitoren laufende Spiele verfolgen. Leute, ich werde Euch daran erinnern, wenn dieser Wahnsinn endlich ein Ende gefunden hat. Dann fliegt ihr verspätet ab, weil ich vor lauter bloggen vergesse, meinen Dienst pünktlich anzutreten. Oder ich lasse meiner Trauer über den Verlust eines künstlichen Fingernagels verbal freien Lauf. Oder ich erzähle stundenlang über meine neuesten Konzertkarten und versäume nicht, hinterher im Detail über jede Bewegung des Dirigenten zu berichten. Dann will ich mal sehen, wie weit es mit eurer Toleranz her ist. Hab ich schon erwähnt, dass ich Fußball hasse? Nein? Macht nichts. Da gibt es nämlich den Spruch eines klugen Mannes, in dem jener bei höheren Mächten bezüglich der Dinge, die er nicht ändern kann, um Gelassenheit bittet. Daran werde ich euch erinnern, wenn euer Land von der WM ausscheidet. Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich muss für meinen nächsten Einsatz noch eine gelbe und eine rote Karte basteln. Das ist die einzige Form der Kommunikation, die derzeit international verstanden wird.
Der Song im Titel stammt übrigens von einem Herrn namens Chubby Checker. Da ist doch Name beinahe Programm.
... link (14 Kommentare) ... comment
Samstag, 17. Juni 2006
Only the lonely
frau klugscheisser, 10:19h
Gestern der Supergau. Firewall upgedatet und Computer neu gestartet. Das fand der kleine Kerl wohl putzig, jedenfalls hat der das Spielchen selbständig noch eine ganze Weile fortgesetzt. Immer rauf und wieder runter. Natürlich nicht ganz, sondern nur bis zu einer Bluescreenanzeige, auf der in einigen Sätzen erklärt war, was kaputt ist. Die Anzeige war lange genug zu sehen, um sie als Fehlermeldung zu identifizieren aber zu kurz, um sie richtig durchzulesen. Robin eilte dann zur Hilfe und hatte die glorreiche Idee, die Anzeige zu fotografieren, um sie zu lesen. Ging nicht, weil sie zu schnell wieder weg war. Filmen funktionierte, wenngleich die Einstellung im Film ähnlich der Echtzeiteinstellung an Länge war. Also zu zweit vorm Bildschirm und die Äuglein gekniffen. Half aber nix. Um das Thema hier mal abzukürzen: war ein Hardwarefehler. Wir mussten leider amputieren. Der Patient ist wohlauf und befindet sich noch bis Sonntag in der Reha.
So kam´s, dass ich mein Leben gestern und heute ohne Internetverbindung fristen muss. Am Anfang fühlte ich mich gleich ein wenig einsamer, so ganz ohne Verbindung zur Aussenwelt. Dann habe ich mich daran erinnert, dass man auch telefonieren und Leute treffen kann. So ganz in echt und ohne Bildschirm dazwischen. Dumm nur, dass alle meine Adressen und Telefonkontakte auf dem Computer gespeichert sind. Unter der einzigen Telefonnummer, die ich auswendig weiß, war keiner zu erreichen. Es rief auch keiner von sich aus an. Das ist meistens so, weil meine Bekannten glauben, ich sei sowieso nicht daheim. Im Grunde unlogisch, weil ich ja ab und zu doch daheim bin. Immerhin zahle ich die monatliche Miete nicht, damit meine Möbel sich wohl fühlen. Schließlich hab ich mich dann für DVD gucken entschieden. Draußen läuft sowieso nur Fußball. Erst der alte Klassiker Le grand bleu. Völlig weltfremd und zum dreissigsten Mal gesehen. Mann glaubt, er sei ein Fisch, Frau verliebt sich in Mann, Mann verliebt sich in Delphin, das alte Spiel eben. Man kennt das ja. Gleich Audrey Hepburn in Breakfast at Tiffany´s hinterhergeschoben. War sehr frustrierend. Die Frau sieht nach einer durchzechten Nacht noch phantastisch aus. Wie unrealistisch. Immerhin festgestellt, dass George Peppart einem Bekannten von mir ähnlich sieht. Sofort gewechselt zu Les choses de la vie mit unsSissi Romy. Mann (Michel Piccoli) hat einen Autounfall. Kurz vor seinem Tod zieht sein Leben an ihm vorbei. Konnte sich nie zwischen zwei Frauen entscheiden, zwischen Freiheit und Bindung, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sowas frustriert extrem. Ausserdem will man nach diesem Film nicht unbedingt in ein Auto steigen. Also bin ich ins Bett gestiegen, meinen eigenen Film träumen. Der war aber auch nicht viel besser. Morgen kommt mein Sorgenkind wieder heim. Dann gibt´s neue Geschichten. Wo ich momentan schreibe? Naja, man hat ja so seine Beziehungen...
So kam´s, dass ich mein Leben gestern und heute ohne Internetverbindung fristen muss. Am Anfang fühlte ich mich gleich ein wenig einsamer, so ganz ohne Verbindung zur Aussenwelt. Dann habe ich mich daran erinnert, dass man auch telefonieren und Leute treffen kann. So ganz in echt und ohne Bildschirm dazwischen. Dumm nur, dass alle meine Adressen und Telefonkontakte auf dem Computer gespeichert sind. Unter der einzigen Telefonnummer, die ich auswendig weiß, war keiner zu erreichen. Es rief auch keiner von sich aus an. Das ist meistens so, weil meine Bekannten glauben, ich sei sowieso nicht daheim. Im Grunde unlogisch, weil ich ja ab und zu doch daheim bin. Immerhin zahle ich die monatliche Miete nicht, damit meine Möbel sich wohl fühlen. Schließlich hab ich mich dann für DVD gucken entschieden. Draußen läuft sowieso nur Fußball. Erst der alte Klassiker Le grand bleu. Völlig weltfremd und zum dreissigsten Mal gesehen. Mann glaubt, er sei ein Fisch, Frau verliebt sich in Mann, Mann verliebt sich in Delphin, das alte Spiel eben. Man kennt das ja. Gleich Audrey Hepburn in Breakfast at Tiffany´s hinterhergeschoben. War sehr frustrierend. Die Frau sieht nach einer durchzechten Nacht noch phantastisch aus. Wie unrealistisch. Immerhin festgestellt, dass George Peppart einem Bekannten von mir ähnlich sieht. Sofort gewechselt zu Les choses de la vie mit uns
... link (8 Kommentare) ... comment
Freitag, 16. Juni 2006
Die musikalische Reise - Teil 21
frau klugscheisser, 03:50h
Sie steht vor dem Theatro de Rosalia in la Coruña. Die Zigeuner sind längst weitergezogen. Sie hat sich von Kolya, Laika und den anderen, nicht ohne einen aufsteigende Emotionen blockierenden Kloß im Hals verabschiedet. Neben guten Wünschen hält sie ein Amulett in Händen, das sie beschützen und an Kolya erinnern soll. Von Laika hat sie eine kleine Figur aus Holz bekommen. Es ähnelt einem Hund, doch genau kann sie es nicht identifizieren. In ihrem Kopf hämmern die ersten Takte des Scherzos aus Bruckners siebenter Sinfonie. Sie ist wieder alleine, so alleine, wie es Bruckner war, als er stundenlang auf der Orgel des Stiftes St. Florian nur einen einzigen Akkord anschlug. So ist es überliefert. Sie ahnt, was er dabei empfunden haben mag. Vielleicht wollte er dem Klang hinterher lauschen, sein Ende abwarten und ergründen. Vielleicht waren die Klänge sein geistiges Zuhause. Der Nebeneingang des Theaters lässt sich öffnen. Wahrscheinlich probt das ortsansässige Orchester gerade. Sie tritt in das Dunkel. Die kühle Luft schlägt ihr entgegen. Ein wenig unsicher tastet sie sich in den Gängen vor, bis ihre Augen sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben. Vor einiger Zeit war sie bereits einmal hier für ein Rezital. Sie weiß, dass im Keller ein Flügel steht, auf dem sie sich damals für das Konzert eingespielt hat. Als sie die Treppen begleitet von Klängen einer Schuberstsinfonie des probenden Orchesters hinuntersteigt, erinnert sie sich an den zurückliegenden Auftritt. Sie spielte ein Klavierkonzert von Brahms mit dem mittelmäßigen Orchester unter einem noch mittelmäßigerem Dirigenten. Die Konzertagentur hatte ihr diesen Auftritt vermittelt, doch am Ende war sie froh, dass es vorbei war. Sie war und ist auf diese kleinen Auftritte angewiesen, wenn sie eine internationale Karriere aufbauen will. Dabei waren es meist die fernen Orte, die sie lockten, nicht die musikalischen Gelegenheiten.
Die ersten Akkorde, die sie anschlägt, klingen verstimmt. Der nahegelegene Atlantik fordert sein Attribut in Form von verstimmten Klaviersaiten. Die Partitur hat sie so oft gespielt, sie hat sie im Kopf. Erst der Anfang des ersten Satzes, dieses Öffnen eines ganzen Universums mittels Sprüngen über mehrere Oktaven. Mischas Celloklang läuft über ihre Finger in die Tasten des alten Flügels. Sie kann den überwältigenden Orgelklang aus den Noten förmlich spüren. Dann das zweite Thema, übergeben von einem zu Ende gelaufenen ersten Klangkonglomerat, so zart und zögerlich, als ob es keine Daseinsberechtigung hätte, und dennoch durch Umkehrung aus dem allumfassenden ersten entstanden, wie nach schwerer Geburt. Die Pizzicati der Streicher mögen auf dem Klavier nicht so recht zur Geltung kommen. Sie hadert ein wenig mit ihren Fingern, die im Laufe der Reise steif geworden zu sein scheinen. Die Themen vereinen sich im Laufe der Durchführung bis zu einem ersten Höhepunkt, den sie in die Tasten schmettert. Während der ganzen Zeit hat sie die Aufnahmen von Celibidache – dem einzigen Dirigenten, der Bruckners Höhepunkte adäquat zur Geltung bringt – vor ihrem inneren Ohr. Sie erinnert sich an eine Probe mit dem Stuttgarter Rundfunksinfonieorchester, in der sie als Zuhörer saß. Es wurde eine Aufführung der siebten von Schubert geprobt. Die ganze Zeit war sie fassungslos und mit offenem Mund Zeugin eines Entstehungsprozesses von Musik, die vor Jahrzehnten niedergeschrieben, nun in neuem Glanz erstrahlte. Es war nicht die Musik, die sie erstarren ließ, sondern der unvergleichliche Sog, der sie zu anderen Ufern fortzutragen schien. Celibidache verstand es wie kein anderer, die Musik zu dem Leben zu erwecken, die ihr angemessen war. Seine Musiker waren für ihn nicht Personen, sondern Instrumente, die er unter seiner Regie erklingen ließ. So manches verschnupfte Ego nahm er im Dienste des Ganzen geflissentlich in Kauf. Nur so konnte Einzigartiges im Moment des Erklingens entstehen.
Die ersten Bassisten betreten den Kellerraum, in dem sie gedankenversunken Bruckners Tönen am Flügel folgt. Man spricht sie an, doch versteht sie die spanischen Worte nicht. Sie entschuldigt sich auf englisch für ihre Anwesenheit, greift nach ihren Habseligkeiten und flüchtet von diesem Ort. Draußen lässt sie sich in der Sonne nieder, die den Asphalt des Hafens erhitzt. Sie weiß nicht, wie es weitergehen soll, mit ihr, mit der Musik, mit dem Klavier. Morgen wird sie sich ein Ticket nach Deutschland holen und von dort Kontakt zur Agentur aufnehmen. Ihr Leben hat sie wieder. Es lässt nicht los, solange sie nicht im Stande ist loszulassen.
Die ersten Akkorde, die sie anschlägt, klingen verstimmt. Der nahegelegene Atlantik fordert sein Attribut in Form von verstimmten Klaviersaiten. Die Partitur hat sie so oft gespielt, sie hat sie im Kopf. Erst der Anfang des ersten Satzes, dieses Öffnen eines ganzen Universums mittels Sprüngen über mehrere Oktaven. Mischas Celloklang läuft über ihre Finger in die Tasten des alten Flügels. Sie kann den überwältigenden Orgelklang aus den Noten förmlich spüren. Dann das zweite Thema, übergeben von einem zu Ende gelaufenen ersten Klangkonglomerat, so zart und zögerlich, als ob es keine Daseinsberechtigung hätte, und dennoch durch Umkehrung aus dem allumfassenden ersten entstanden, wie nach schwerer Geburt. Die Pizzicati der Streicher mögen auf dem Klavier nicht so recht zur Geltung kommen. Sie hadert ein wenig mit ihren Fingern, die im Laufe der Reise steif geworden zu sein scheinen. Die Themen vereinen sich im Laufe der Durchführung bis zu einem ersten Höhepunkt, den sie in die Tasten schmettert. Während der ganzen Zeit hat sie die Aufnahmen von Celibidache – dem einzigen Dirigenten, der Bruckners Höhepunkte adäquat zur Geltung bringt – vor ihrem inneren Ohr. Sie erinnert sich an eine Probe mit dem Stuttgarter Rundfunksinfonieorchester, in der sie als Zuhörer saß. Es wurde eine Aufführung der siebten von Schubert geprobt. Die ganze Zeit war sie fassungslos und mit offenem Mund Zeugin eines Entstehungsprozesses von Musik, die vor Jahrzehnten niedergeschrieben, nun in neuem Glanz erstrahlte. Es war nicht die Musik, die sie erstarren ließ, sondern der unvergleichliche Sog, der sie zu anderen Ufern fortzutragen schien. Celibidache verstand es wie kein anderer, die Musik zu dem Leben zu erwecken, die ihr angemessen war. Seine Musiker waren für ihn nicht Personen, sondern Instrumente, die er unter seiner Regie erklingen ließ. So manches verschnupfte Ego nahm er im Dienste des Ganzen geflissentlich in Kauf. Nur so konnte Einzigartiges im Moment des Erklingens entstehen.
Die ersten Bassisten betreten den Kellerraum, in dem sie gedankenversunken Bruckners Tönen am Flügel folgt. Man spricht sie an, doch versteht sie die spanischen Worte nicht. Sie entschuldigt sich auf englisch für ihre Anwesenheit, greift nach ihren Habseligkeiten und flüchtet von diesem Ort. Draußen lässt sie sich in der Sonne nieder, die den Asphalt des Hafens erhitzt. Sie weiß nicht, wie es weitergehen soll, mit ihr, mit der Musik, mit dem Klavier. Morgen wird sie sich ein Ticket nach Deutschland holen und von dort Kontakt zur Agentur aufnehmen. Ihr Leben hat sie wieder. Es lässt nicht los, solange sie nicht im Stande ist loszulassen.
... link
... older stories