Freitag, 23. Februar 2007
Forever in blue jeans
Ob es meine erste unerfüllte Liebe war, kann ich nicht mit Sicherheit behaupten, jedenfalls blieb sie unerfüllt. Im Moment als er das Klassenzimmer zum ersten Mal betrat, war ich sofort unsterblich verknallt. Er hatte die schönsten blauen Augen, die ich bis dato jemals gesehen hatte - in Kombination mit dunklen Haaren DAS K.O. Kriterium, das mich bis zum heutigen Tag von den Socken haut.

Seine Familie kam aus Düsseldorf, eine Weltreise in der Vorstellung eines Drittklässlers. Den örtlichen Dialekt beherrschte er (noch) nicht und seine hochdeutsche Ausdrucksweise wirkte ein wenig affektiert. Mir war sofort klar, wie er sich fühlte, hatte ich doch selbst erst mühsam einen Dialekt erlernen müssen, der sich im Klang deutlich von dem unterschied, was ich daheim hörte. Ausserdem war er katholisch und damit automatisch mein. Die Coolen im Dorf, in dem wir zur Schule gingen, waren evangelisch, alle anderen hießen Sabine oder Caroline, waren blöd, dick oder sonstwie assozial. Zumindest im Religionsunterricht glaubte ich mich ausser Konkurrenz, denn für meine Begriffe war ich weder doof, noch häßlich, so attraktiv man eben mit typischem Siebzigerjahre Haarschnitt und Klamotten aussehen kann.

Das Highlight jeder Woche war der allsonntägliche Kirchgang. Mal abgesehen von neuem Lesestoff, den ich nach der Messe in der Kirchenbibliothek entlieh, entzückte mich nicht nur die Vorstellung vom Leib Christi, der mir in Form einer Oblate auf die Zunge gelegt wurde - die Frage, wie er da hineingekommen sei, konnte nie zu meiner Zufriedenheit beantwortet werden, weshalb meine Konzentration in Folge nicht mehr auf die Messe, sondern mehr auf diese Frage gerichtet war und darauf, die Reste Christi mit Zunge und Fingern vom Gaumen zu kratzen - sondern vor allem die Nähe zu den Ministrantenleibern, genauer gesagt zu einem ganz besonders blauäugigen. Selbst in dieser nachthemdähnlichen Kutte wirkte er ungemein anziehend.

Sobald sich die Reihen zur Messe füllten, hielt ich Ausschau nach seiner Mutter. Meist saß sie einige Reihen vor uns. Ich erkannte sie an ihrem grauen Haar, das zu einem Dutt streng nach hinten gekämmt war. Obwohl ich nie einen Satz mit ihr wechselte, schien sie mir eine gütige Frau zu sein. In meiner Vorstellung verstanden wir uns prächtig, was in Anbetracht einer späteren Heirat nicht unerheblich schien. Manchmal wirkte sie traurig, gelegentlich bedrückt, fast so, als ob eine unsichtbare Last auf ihren Schultern ruhte. Sein Vater machte mir mehr Sorgen, denn seine Körpergröße war für eine Achtjährige respektabel, wenn nicht gar furchteinflößend. In der Kirche begegnete ich ihm allerdings nie, überhaupt sah ich ihn nur wenige Male.

Er beachtete mich kaum. Anscheinend genügten all die unübersehbaren Gemeinsamkeiten nicht, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich musste meine Strategie ändern und seine Freunde zu meinen Freunden machen, um ihm näher zu sein. Abgesehen von einem verunglückten Kinobesuch mit einem Freund, der in derselben Hochhaussiedlung wohnte wie er, scheiterten meine Pläne. Unglücklich war hauptsächlich die Filmauswahl, die mir oblag. Während ich mich für Bernhard und Bianca entschied, fabulierte meine Begleitung ständig über intergalaktische Kriege und seltsame Wesen in Robotergestalt, deren Namen aus einer Kombination von Buchstaben und Zahlen bestanden. Es sollte noch zehn Jahre dauern, bis ich reif für Laserschwerter war.

Das Schicksal trennte vorläufig unsere Wege und brach mir das Herz, als die Wahl einer weiterführenden Schule anstand. Während er zunächst die Realschule besuchte, bevorzugte ich das benachbarte Gymnasium. Einige Zeit später tauchte er in einer Parallelklasse wieder auf. Ich legte typisches Pubertärgebaren an den Tag, spähte auf dem Schulhof, wandte mich schnell ab, wenn er in meine Richtung zu sehen schien und fühlte mehrmals täglich meine Wangen erröten. Mir entging nicht, wie verdammt gut seine Jeans saßen - Wrangler, Diesel oder Edwin, sicher bin ich mir nicht, aber auf keinen Fall waren es Levis. Über die lächerliche Karottenform der Achziger war sein Körper ebenso erhaben wie vormals über Ministrantenkutten.

Ein näherer Kontakt kam jedoch nicht zustande. So adoleszierten wir parallel nebeneinander her, bis ich mir eines Tages einen Ruck und ihm eine Einladung ins Kino gab. Aus Erfahrung klug, ließ ich ihn den Film auswählen. Kurze Zeit später verfolgte ich auf der Leinwand Platoon so gut es hinter vorgehaltener Hand zwischen den Fingern durch eben ging. Wenn man bedenkt, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt jegliche Filme mied, in denen geschossen oder Tote produziert wurden und selbst bei Fernsehkrimis meine Nerven blank lagen, war das ein mutiger Schritt. Lieber hätte ich mir die Zunge abgebissen als einzugestehen, welch verheerende Auswirkungen der Kriegsfilm auf meinen sensiblen Seelenhaushalt hatte, geschweige denn Trost an den starken Schultern meiner Begleitung zu suchen. Ich wollte cool sein und ebenbürtig. Die Sparte des schwachen Weibchens war in meinen Genen nicht angelegt.

Weder die Gelassenheit während des Kinobesuches, noch meine anschließend idiotische Bemerkung über seine Jeans - aus heutiger Sicht kann ich mir nicht erklären, was mich anderes als die pubertierenden Hormone geritten haben kann, als ich ihm sagte, wie ausgezeichnet ihm die Hose stünde und wie erstaunlich sie mit seiner Augenfarbe harmonierte, nur um augenblicklich meine Gesichtsfarbe chamäleonartig in rot zu wechseln - schienen bei ihm Eindruck zu hinterlassen. Stundenlange Analysen dieses Zwischenfalles und seiner diesbezüglichen [Nicht-]Reaktion mit Freundinnen, ergaben auch nach Wochen und Monaten keine Aufklärung. Die Zeichen standen gegen mich. Schließlich musste ich mir eingestehen, dass wohl aus der geplanten Hochzeit nichts werden würde.

Das weitere Schuldasein verbrachten wir eher neben- als miteinander. Er interessierte sich für Physik (?), ich mich für Kunst, er übte Formeln lösen, ich Tonleitern, er schwamm, ich steppte. Schließlich verlor ich ihn nach dem Abitur entgültig aus den Augen. Aus dem Sinn ging er mir nicht. Eine Freundin berichtete, er sei inzwischen Arzt. Ich ergoogelte jüngst seinen recht ungewöhnlichen Namen und fand mich kurze Zeit später vor einem Bild wieder. Er sieht immer noch verdammt gut aus, vielleicht sogar besser denn je. Zu gerne würde ich ihn fragen, was aus ihm, seinen Eltern und dem weinerlichen kleinen Bruder geworden ist, warum er gerade diese medizinische Fachrichtung wählte und ob er sich noch an mich erinnern kann. Eine diesbezügliche Mail wäre schnell verfasst, doch sollte die Jeans-Affäre das Einzige sein, woran er sich im Zusammenhang mit mir noch erinnert, werde ich mir lieber die Finger abhacken, als den Schleier des Vergessens zu lüften. Manche Briefe entfalten ihren Zauber erst mit den Jahren, die sie beim Verfasser weilen, ohne jemals abgeschickt worden zu sein.

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Donnerstag, 22. Februar 2007
Sätze, die man sofort bloggen muss (22)
Der Tod, die hinterhältige Sau.
Kommt meistens uneingeladen, bedient sich ungebührlich am Buffet des Lebens und wenn er endlich geht, muss Tafelsilber gezählt werden.

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Sätze, die man sofort bloggen muss (21)
Effektivstes Mittel gegen Schmutz und Hausstaub:
Brille absetzen.

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Montag, 19. Februar 2007
If you can make it there, you'll make it everywhere (3)
Irgendwann sind 24 Stunden vorbei, nämlich nach genau 24 Stunden, und das Ende ist schnell erzählt. Ich laufe die 30 Blogs Blocks entlang, es ist nach wie vor kalt und meine Beine tun das, was ich zu Beginn des Tages in den Bordcomputer eingegeben habe. Sie bewegen sich ferngesteuert. Meine Gedanken haben auf diese Weise mehr Freiraum. Irgendwie bin ich froh, nicht erreichbar zu sein, fernab von Hiobsbotschaften. Ich will mich lieber auf die schönen, seltsamen und außergewöhnlichen Kleinigkeiten konzentrieren.

Da ist dieser Mann, den Kragen des Mantels hochgeklappt, darunter Anzug, schwarze Schuhe aus glänzendem Leder. Er trägt Ohrenschützer, die aussehen wie ein sehr breiter Haarreif. Haare gibt es auf seinem Kopf keine zu bändigen, deswegen sitzt der Stoffreif im Nacken. An das rechte Ohrenteil presst er sein Handy, spricht ab und zu einige Worte. Eindeutiger Vorteil gegenüber früheren Ohrwärmern ist die Telefontauglichkeit. Da ist die junge Frau auf hochhackigen Stiefeln. Zwischen den Schaftenden unterhalt ihrer Knie und dem Beginn des Rockes prangt eine weite Strecke bare Angriffsfläche für niedrige Temperaturen. Ich muss wegsehen, will ich nicht noch mehr frieren. Alles nur im Kopf, denke ich. Kälte, Hitze, Trauer, Freude, all das ist wohl Einstellungssache. An einem dieser sehr heißen Sommertage versuchte ich mir vorzustellen, wie kalt so ein Wintertag sein kann. Geschwitzt habe ich trotzdem. Auch jetzt gelingt es mir nicht, meinem Körper tropisches Klima vorzugaukeln, ohne ein wenig zu zittern.

New York. Man liebt oder man hasst diese Stadt. Dazwischen existiert nichts. Keine Graustufen, nur Superlativen. Mörderisch kalt oder siedend heiß, niemals lauwarm. Manhattan als Geschmacksverstärker. Nach einer Weile bin ich in der Gegend, in der ich mich schon an Weihnachten herumdrückte. Innerlich kämpfe ich gegen aufsteigende negative Gefühlserinnerungen. Eine Straße ist eine Straße ist eine Straße, nicht mehr und nicht weniger. Die Assoziationen häufen wir selbst drauf, wie den Abfall im Straßengraben. Wie andere das wohl machen? Ich meine, sind wir denn nicht alle ein wenig Sklaven unserer Assoziationen? Verdrängungsdarwinismus oder angeborene Erinnerungsschwäche, wie oft habe ich mir das schon gewünscht. Es funktioniert bei mir nicht. Je länger ich lebe, umso mehr Müll schleppe ich mit mir herum und bin verdammt, ihn auch noch permanent anzusehen. Die schmutzigen Fenster und den Staub in meiner Wohnung kann ich allerdings erstaunlich gut ausblenden.

Instinktiv laufe ich schneller. Schließlich tauchen Häuser auf, die mir fremd sind. Nur den Eingang zu Barney's habe ich auf einem Foto im Internet gesehen. Jeans werden im obersten Stock verkauft. Ich betrete den Laden durch die Drehtüre und möchte nach einem Blick ins Innere am liebsten mit demselben Schwung wieder nach draußen, doch es ist warm drinnen und ich will nicht umsonst so weit gelaufen sein. Ich betrete die schmale Rolltreppe nach oben. Im ersten Stock Designernamen, im zweiten dasselbe. Von Treppe zu Treppe komme ich mir schäbiger vor in meinen alten Schuhen, der schmuddeligen Jacke, ungeschminkt zwischen all dem aufgetakelten Personal, das wie Falken durch die schmalen Gänge zwischen Kleiderstangen kreisend nach Kundschaft späht, um sich in einem unbedachten Moment auf die Beute zu stürzen. Es gibt kein Versteck, keinen Zufluchtsort, keinen Unterschlupf. Sobald man die spärlichen Schilder durch die Finger gleiten lässt, ist man ihnen schutzlos ausgeliefert. Meine einzige Chance ist, ständig in Bewegung zu bleiben, nie irgendwo zu stehen oder die Ware näher zu betrachten, den Anschein von Langeweile zu erwecken. Nein, ich brauche keine Hilfe, ich suche hier nichts, denn das hier ist nicht meine Klasse. Wie ein Süßwasserfisch, der versehentlich im Salzwasser gelandet ist, komme ich mir vor. Das oberste Stockwerk erreicht, gehe ich schnurstracks zur anderen Seite und fahre die vielen Treppen wieder abwärts, unterbrochen nur durch den Bogen zwischen dem Ende einer und dem Anfang einer neuen Treppe.

Wo ist sie hin, meine Selbstsicherheit, was aus mir geworden? Am liebsten möchte ich mich verkriechen, was ich die meiste Zeit zuhause bereits ausgiebig mache. Ich bin enttäuscht von mir. Erwartungen, Vorsätze, alles dahin. Zudem spüre ich diesen leichten Schmerz im Knie. Der Tag ist gelaufen. Ich trete den Rückweg zum Hotel an, denn vor mir liegen noch einige Stunden Flug, die ich gerne in harmonischer Zusammenarbeit mit meinem Knie verbringen möchte. Es wird mir einen Strich durch die Rechnung machen, doch das weiß ich jetzt noch nicht.

Am Abend holt uns der Bus vom Hotel ab, um uns zum Flughafen zu bringen. Die Fahrt geht Richtung Süden, bis er in eine der großen Straßen nach Osten einbiegt. Und plötzlich sehe ich all die Läden, die ich suchte, einer neben dem anderen. Genau diese Straße hatte ich in meinem Slalom ausgespart, denn in der Erinnerung war sie viel kleiner. Zumindest mein nächster Aufenthalt in der großen Stadt dürfte erfolgversprechender sein. Bis dahin freue ich mich an der alten Lieblingsjeans mit den mittlerweile ausgefransten Rändern, den durchschabten Innenschenkeln und der ausgerissenen Gürtelschlaufe, so gut es eben geht. Man wird tatsächlich mit den Jahren bescheidener. Zumindest arbeite ich daran.

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