Mittwoch, 14. März 2007
Oooh, fashion!
Vergesst Vanity fair, vergesst Vogue. Shopping in New York ist out. Shanghai is the new Paris. Solche Sprüche kann ich mir erlauben, man kommt in meiner Position schließlich ganz schön rum. Zugegebenermaßen führen Sätze wie "also Sushi esse ich nur in Tokio" in nicht eingeweihten Kreisen leicht zu Verwirrung, und die gedankenlos auf den Tresen geworfene zollfreie Zigarettenschachtel kann schon mal als Porscheschlüsseläquivalent mißverstanden werden. Aber was habe ich schon von meinem Job anderes, als das Wissen, wo man welche Unnecessaires am billigsten erwerben kann, mal abgesehen davon, dass der Erwerb bestimmter Artikel illegal oder ethisch verwerflich ist?

Ein nettes kleines Kaschmirmäntelchen soll es diesmal werden. Da die chinesischen Feiertage rar und mit den Neujahrsfeiern für dieses Jahr erst mal bis auf Weiteres vorbei sind, kann ich sicher sein, dass die kleinen chinesischen Näherinnen meinem Wunsch innerhalb von 24 Stunden nachkommen. In den winzigen Buden des Stoffmarktes hängt noch immer die Winterkollektion. Designer auf der ganzen Welt bemühen sich schließlich jetzt schon um die kommende kalte Jahreszeit und alle Schnitte, alle Mode ist wiederkehrend.

Die Modelle sind ganz auf asiatische Maße ausgerichtet. Den Chinesen müssen wir Europäer wie Walrösser erscheinen. Immerhin ist so mehr Stoff zu verkaufen. Auf meinem Weg durch die engen Gänge bleibe ich an einem Büdchen hängen. Sofort habe ich die Aufmerksamkeit der Ladenbesitzerin geweckt. Ob ich den Mantel möge, der auf einem Modelltorso hängt. Noch bin ich nicht schlüssig, was ich eigentlich suche. Nein, der Mantel, den ich mir vorstelle sollte eher gerade als tailliert geschnitten und in der Taille nicht angereiht sein. Die Chinesin begreift sofort. "Same, same, but different", sie antwortet mit einer der gebräuchlichsten Phrasen, wie sich später herausstellen soll. Jawohl, genau so aber anders habe ich mir meinen zukünftigen Mantel vorgestellt. Man gibt sich hier sehr flexibel.

Wir diskutieren eine Weile über Länge, Kragen und Knöpfe. Sie legt mir dutzendweise zerfledderte Magazine und abgegriffene Darstellungen von Prototypen vor, bis wir uns einig werden. Obwohl sie - für chinesische Verhältnisse - erstaunlich gut englisch spricht, bin ich immer noch mißtrauisch. Also den Kragen habe ich mir etwas anders vorgestellt, lieber gerade als zu zackig und der Mantel sollte auf jeden Fall einen Schlitz hinten haben. Aber sonst genauso wie der, den ich gerade anprobiert habe und vielleicht auch so wie der komplett andere, den sie mir als erstes zeigte, halt irgendwas dazwischen. Himmel, das ist ja schon in heimischen Kaufhäusern schwierig, sich mit dem Personal zu verständigen, wie soll sie wissen, was ich tatsächlich möchte? Als sie meine Maße nimmt, werde ich nervös. Weit soll er werden, viel weiter als ihr Maßband gerade anzeigt, schließlich will ich darunter nicht nur ein dünnes Kleidchen tragen können. "Oh, yes, I understand", ebenfalls ein oft gehörter Satz, wenn ich mir auch nicht ganz sicher bin, ob auch der eine leere Phrase ist.

Als wir fertig sind, lasse ich mir noch einmal versichern, dass das gute Stück auch wirklich am nächsten Tag fertig ist. "Yes, maybe afternoon", versichert mir die Ladeninhaberin. Bei maybe werde ich noch nervöser als ich es sowieso schon bin. Es ist ja bekannt, dass Asiaten gerne dieses Wörtchen verwenden, um Verneinungen zu vermeiden. Erst der Preis beruhigt meine Nerven. "I give you a good prize." Ich bin mir sehr sicher, dass dieser gute Preis immer noch viel zu viel ist, für europäische Verhältnisse jedoch eine lächerliche Summe. Wir tauschen Geldscheine gegen einen Durchschlag meiner Maße und eine Visitenkarte - beides für mich unleserlich da chinesisch. Erst als ich im Taxi sitze, fällt mir ein, dass wir uns zwar über den Stoff einig waren, nicht aber über die Knöpfe. Was wäre das Leben ohne Überraschungen?

Als ich am nächsten Tag zur vereinbarten Zeit eintreffe, ist der Mantel noch nicht da. "Maybe ten minutes. Just walk around." Ich warte lieber. Die Chinesin verschwindet mit ihrem Handy im Getümmel. Auf dem kleinen Schemel sitzend beobachte ich, wie sich im Laden gegenüber ein dicker Amerikaner entblößt. Neue Hemden sollen es wohl werden. Die Van Laack Etikette läßt er sich sicher nachträglich einnähen. Überhaupt wäre das im Hinblick auf fehlende Renten ein neuer Industriezweig: handgestickte Etikette aus Altersheimproduktion. Meine Chinesin bleibt auch nach zehn Minuten noch verschwunden. Eine chinesische Familie prüft das Angebot des Ladens. Sie schauen mich mißtrauisch an. Ich konzentriere mich auf eine zerlesene Illustrierte.

Schließlich rauscht die Besitzerin mit einer Plastiktüte um die Ecke. Mein Mantel ist da. Irgendwie habe ich ihn mir anders vorgestellt aber er gefällt mir. Same but different ist er geworden. Der Gürtel ein wenig zu lang - wohl europäisch elefantösen Maßen angepasst - und die Schlaufen zu weit oben, der Schlitz etwas zu kurz und die Verarbeitung insgesamt nicht ganz sauber. Dafür sehen die zwei Reihen Knöpfe hervorragend aus und den Kragen hätte ich nicht besser beschreiben können, als er geworden ist. Ist mir doch egal, wenn die heimischen Temperaturen jetzt zu steigen beginnen. Ich trage die nächsten Wochen Kaschmir vom Feinsten. Mode betreffen ist eh alles same but different.

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Montag, 12. März 2007
A room with a view (8)
room with a view

Shanghai

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Donnerstag, 8. März 2007
Woman (is the nigger of the world)
Shakespeare only really wrote with two views on women - the conniving sexualized and the innocent virgins. The guys I work with in construction see me as either a sexual object or an incompetent child, so they aren't much different than Shakespeare. Except the Bard never would have let me use a sledge hammer.
Ellie, NY Times Building, 8th Avenue


Mikrobeitrag zum Weltfrauentag, da gefunden.

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Mittwoch, 7. März 2007
Auf einen Totenacker hat mich mein Weg gebracht
Manches Mal wenn die Beine unruhig scharren und sich im Kopf Endlosschleifen abspulen, muss ich ganz dringend meine Behausung verlassen. Meist führt mich mein Weg zum nahegelegenen alten Nordfriedhof. Die Bezeichnung ist irreführend, denn obwohl es sich tatsächlich um Grabstätten handelt, wurde dort schon lange keiner mehr betrauert. Mütter pflügen mit den neuesten Kinderwagenmodellen Bahnen durch den Kies, während die Kinder alte Grabsteine als Slalomhindernisse nutzen. Jogger drehen ihre Runden innerhalb der Mauern und Spaziergänger flanieren auf den kleinen Wegen, die sich wie Adern über die Grasfläche ziehen.



Der alte Brunnen, aus dem früher wohl das Blumenwasser geschöpft wurde, ist längst versiegt. Mein Weg führt mich oft daran vorbei und immer bleibe ich stehen. Bis jetzt kann ich mir keinen Reim aus der Abbildung machen. Eine Darstellung aus der Mythologie wohl, denn das einzige Ungetüm, das im biblischen Zusammenhang einst einen Menschen verschluckte, war ein Wal und kein Schlangenwesen. Heutzutage verschlucken wir uns selbst. Es ist wohl eines der ganz wenigen noch vollständigen Abbildungen, obgleich die Witterung bereits Spuren in Form von Rissen hinterlassen hat. Viele Statuen sind vom Verfall oder Vandalismus gezeichnet, so manchem Engel kam ein Flügel abhanden und andere haben diverse Körperteile eingebüßt. Ein Ort der Unvollkommenheit und Vergänglichkeit.

Genau hier fühle ich mich wohl, auf der morschen Bank, auf der noch kurz zuvor ein altes Mütterlein verschnaufte. Mein Blick gleitet an großen Bäumen entlang nach oben. Erst der Stamm, dann ein Ast, ein kleinerer Ast und schließlich ein Zweig, der sich dem Himmel entgegenstreckt. Jeder noch so kleine Zweig hat einen Anfang und ein Ende. Endlichkeit des Lebens. Dazwischen das ganze Treiben. Sich permanent wiederholend. Und immer wieder die Fragen in meinem Kopf. Durch den Himmel über mir scheinen sie zu fliegen, während sie noch zuvor an die Zimmerdecke prallten und auf mich herabprasselten wie ein kalter Regenguß.

Manchmal löst sich ein Gedanke aus dem Bauch und findet den Weg nach draußen in einer einzelnen Träne. Dann sitze ich ganz ruhig und fühle ihren Weg über mein Gesicht. Meinen Berg abtragen, Stück für Stück, Stein für Stein, Träne für Träne. Meine Gedanken entlassen. Das Lachen ist nicht weit. Zwischen knarzendem Kies und Vogelgezwitscher, zwischen Kinderstimmen und Motorengeräuschen und doch weit entfernt von allem Treiben um mich herum, denn ich lausche nach innen. Falls Sie mich dort treffen, auf der Bank, wundern Sie sich nicht. Es gab schon wunderlichere Menschen dort zwischen den Gräbern. Denn wer sich ablenken will, besucht keinen Friedhof. Die hierher kommen suchen etwas anderes. Ein wenig Frieden mit sich, ein wenig Ruhe oder einfach nur ein klein wenig Himmel über dem Kopf.

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Dienstag, 6. März 2007
The lakehouse
In der Schlußszene von The Lake House mich bei dem Gedanken wie unrealistisch ertappt. Dabei war's das von vorne bis hinten. Typ wartet zwei Jahre auf eine Frau, die mit ihm aus der Zukunft korrespondiert. Soll mir keiner erzählen, dass einer so lange warten würde. Und dann dieses Haus: Glaswände aber keine Toilette. Macht nichts, weil Schauspieler keine Verdauung haben. Zumindest die weiblichen, die nie essen.
Mir doch egal, ob Keanu Reeves nur einen Gesichtsausdruck hat, wenn der mir gefällt. Ansonsten gab's schon bessere Schmachtfetzen. Nicht ein einziges Mal wollte ich mit Meg Julia Sandraschätzchen tauschen, obwohl sie ihn zweimal küssen darf. Nächstes mal dann lieber gleich Matrix - Episode I. Und lieber ganz unrealistisch als inkonsequent.

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Montag, 5. März 2007
Sätze, die man sofort bloggen muss (23)
Bestimmt gibt es bald Blogs, in denen die Werbung origineller ist als die eigentlichen Texte. Dieser Gefahr möchte ich mich nicht aussetzen.

Wer hat's erfunden? Der Kid37, genau da nämlich.

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Mittwoch, 28. Februar 2007
Just listen
Jemand hat mich gelesen. Das ist erstmal nicht ungewöhnlich, denn so ein Blog ist bekanntlich dazu da, gelesen zu werden. Dieser Mensch tut es aber laut und mit Hintergrundmusik.

Hier kann man der unvergleichlichen Stimme von Mequito beim Vorlesen meiner Geschichte lauschen.

You made my day. Thank you so much.

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Baby you can pimp my car
Mein Auto ist beim Schraubenarzt. Nichts Ernstes, nur mal zur Vorsorgeuntersuchung. In letzter Zeit kamen ab und zu merkwürdige Geräusche aus der Verdauungsregion, die mich aber nicht weiter beunruhigten, denn sie wurden meist von den Geräuschen der Reifen übertönt. Die Reifen sind in Ordnung, da bin ich mir sicher. Dieses Klackern kam erst nach dem letzten Wechsel von Sommer auf Winter und auch nur, wenn man schnell in die Kurve fährt. Also fahr ich seitdem langsamer in die Kurve und das Klackern ist weg.

Alles in allem ist mein Auto noch ganz fit für sein Alter, mal abgesehen von der Batterie, die kürzlich ausgetauscht werden musste, weil sich morgens um halb fünf selten jemand auf der Straße findet, der mir Starthilfe geben könnte und ich nach dreimal die Schnauze voll hatte. Nach sieben Jahren darf die Batterie schon mal schlapp machen, wo ich selber fast jede Woche 'nen Durchhänger habe. Also war ich beim Notarzt und hab eine neue Batterie einbauen lassen. So ganz nebenbei erfuhr ich, dass es wartungsfreie und normale Batterien gibt und man bei der ausgedienten gelegentlich Wasser hätte auffüllen müssen. Das sei kein Hexenwerk, sagte der Mann in blau. Man müsse nur die Verdeckung mit einer Münze lösen und ein wenig darauf achten, beim Nachfüllen von destilliertem Wasser keine Spritzer auf die Kleidung zu bekommen.

Jetzt bin ich nicht völlig ahnungslos was Autos betrifft, könnte (Konjunktiv!) ich sogar Reifen selbst wechseln und diverse Innereien wie Motor, Kühler und Ölstab auf Anhieb orten. Das Problem liegt eher in meiner Einstellung. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal den Ölstand überprüfte. Zuhause wurde mir eingebläut, dass Öl nicht gleich Öl sei und man synthetisches niemals mit normalem mischen dürfe. Würde ich nun am Ölstab einen Mangel ablesen, wüsste ich nicht, womit das Behältnis aufzufüllen sei, da mein Schraubendoc um derlei Dinge ein Geheimnis macht, wie ein Dreisternekoch um seine Rezepte. Folglich schaue ich erst gar nicht nach, sondern verdränge die Tatsache, dass mein Auto Öl bräuchte. Was ich nicht weiß, macht höchstens den Motor heiß.

Das schlechte Gewissen lässt sich jedoch nicht ganz so einfach verdrängen, zumal morgens um halb fünf auch die Autobahn ganz schön leer ist und ich auf dem Weg zur Arbeit eventuell recht hilflos. Als ich den Wagen vorgestern mit den Worten keine Inspektion, nur Ölwechsel und die Bremsen überprüfen in der Werkstatt abstellte, ahnte ich noch nichts von dem Anruf, den ich heute bekommen sollte:

"Ja, äh wissens, ich hab mir erlaubt, weil ich kenn ja ihr Auto, gell, da hab ich mir gedacht, mach ich gleich eine Inspektion, wissens, weil mit dem Luftfilter, den kann ich ihnen nachher zeigen, gell, da wär ja nix mehr durchgangen. Und da war der Auspuff, also die Halterung von dem, die war durchg'rost und die hamma nachad auch wieder hing'schweißt. Aber sonst is alles in Ordnung, weil die Bremsen, gell, die machma dann nächstes Mal, also in am Jahr, weil die gehn noch ein Jahr. Da machen's sich jetzt amal keine Sorgen um die Kosten, weil die Kosten, die halten mir ja schon niedrig. Des hamma ja alles aufg'schriebn was wir bisher alles g'macht ham, die letzten Jahr und da müssen mir schon des Jahr eine Inspektion machen, weil sonst sind wir ja hintendran. Da hamma auch gleich die Zündkerzen aus'tauscht, weil des machma ja immer so, gell, und die Wischerblätter, also die kriegen sie dann aso..."

Ich stelle mir vor, ich wache nach einer Blinddarmoperation aus der Narkose auf und der behandelnde Arzt hat gleich noch meine Nase korrigiert und ein wenig Fett abgesaugt, weil's nötig war. Das nenne ich mal Service. Leider will sich mein Blinddarm genauso ungern von mir trennen, wie ich mich von meinem Geld. Ich fürchte, nächstes Jahr muss ich mir einen neuen Autodoc suchen. Gibt es eigentlich VHS-Kurse in Automechanik?

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Mittwoch, 28. Februar 2007
Cooler than the red dress
Bin ich eigentlich die Einzige, die es nicht versteht, wie man auf einem roten Teppich ein rotes Kleid präsentieren kann? Mensch, das tut doch in den Augen weh.

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Montag, 26. Februar 2007
Ein Schiff wird kommen


Frei nach dem Motto heute mach ich der Lu
das Schneewittchen
[s. "Le fabuleux destin d'Amélie Poulain"]


In den Kommentaren wird das Schiff am Strand von Athen zu Wasser gelassen...

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Freitag, 23. Februar 2007
Forever in blue jeans
Ob es meine erste unerfüllte Liebe war, kann ich nicht mit Sicherheit behaupten, jedenfalls blieb sie unerfüllt. Im Moment als er das Klassenzimmer zum ersten Mal betrat, war ich sofort unsterblich verknallt. Er hatte die schönsten blauen Augen, die ich bis dato jemals gesehen hatte - in Kombination mit dunklen Haaren DAS K.O. Kriterium, das mich bis zum heutigen Tag von den Socken haut.

Seine Familie kam aus Düsseldorf, eine Weltreise in der Vorstellung eines Drittklässlers. Den örtlichen Dialekt beherrschte er (noch) nicht und seine hochdeutsche Ausdrucksweise wirkte ein wenig affektiert. Mir war sofort klar, wie er sich fühlte, hatte ich doch selbst erst mühsam einen Dialekt erlernen müssen, der sich im Klang deutlich von dem unterschied, was ich daheim hörte. Ausserdem war er katholisch und damit automatisch mein. Die Coolen im Dorf, in dem wir zur Schule gingen, waren evangelisch, alle anderen hießen Sabine oder Caroline, waren blöd, dick oder sonstwie assozial. Zumindest im Religionsunterricht glaubte ich mich ausser Konkurrenz, denn für meine Begriffe war ich weder doof, noch häßlich, so attraktiv man eben mit typischem Siebzigerjahre Haarschnitt und Klamotten aussehen kann.

Das Highlight jeder Woche war der allsonntägliche Kirchgang. Mal abgesehen von neuem Lesestoff, den ich nach der Messe in der Kirchenbibliothek entlieh, entzückte mich nicht nur die Vorstellung vom Leib Christi, der mir in Form einer Oblate auf die Zunge gelegt wurde - die Frage, wie er da hineingekommen sei, konnte nie zu meiner Zufriedenheit beantwortet werden, weshalb meine Konzentration in Folge nicht mehr auf die Messe, sondern mehr auf diese Frage gerichtet war und darauf, die Reste Christi mit Zunge und Fingern vom Gaumen zu kratzen - sondern vor allem die Nähe zu den Ministrantenleibern, genauer gesagt zu einem ganz besonders blauäugigen. Selbst in dieser nachthemdähnlichen Kutte wirkte er ungemein anziehend.

Sobald sich die Reihen zur Messe füllten, hielt ich Ausschau nach seiner Mutter. Meist saß sie einige Reihen vor uns. Ich erkannte sie an ihrem grauen Haar, das zu einem Dutt streng nach hinten gekämmt war. Obwohl ich nie einen Satz mit ihr wechselte, schien sie mir eine gütige Frau zu sein. In meiner Vorstellung verstanden wir uns prächtig, was in Anbetracht einer späteren Heirat nicht unerheblich schien. Manchmal wirkte sie traurig, gelegentlich bedrückt, fast so, als ob eine unsichtbare Last auf ihren Schultern ruhte. Sein Vater machte mir mehr Sorgen, denn seine Körpergröße war für eine Achtjährige respektabel, wenn nicht gar furchteinflößend. In der Kirche begegnete ich ihm allerdings nie, überhaupt sah ich ihn nur wenige Male.

Er beachtete mich kaum. Anscheinend genügten all die unübersehbaren Gemeinsamkeiten nicht, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich musste meine Strategie ändern und seine Freunde zu meinen Freunden machen, um ihm näher zu sein. Abgesehen von einem verunglückten Kinobesuch mit einem Freund, der in derselben Hochhaussiedlung wohnte wie er, scheiterten meine Pläne. Unglücklich war hauptsächlich die Filmauswahl, die mir oblag. Während ich mich für Bernhard und Bianca entschied, fabulierte meine Begleitung ständig über intergalaktische Kriege und seltsame Wesen in Robotergestalt, deren Namen aus einer Kombination von Buchstaben und Zahlen bestanden. Es sollte noch zehn Jahre dauern, bis ich reif für Laserschwerter war.

Das Schicksal trennte vorläufig unsere Wege und brach mir das Herz, als die Wahl einer weiterführenden Schule anstand. Während er zunächst die Realschule besuchte, bevorzugte ich das benachbarte Gymnasium. Einige Zeit später tauchte er in einer Parallelklasse wieder auf. Ich legte typisches Pubertärgebaren an den Tag, spähte auf dem Schulhof, wandte mich schnell ab, wenn er in meine Richtung zu sehen schien und fühlte mehrmals täglich meine Wangen erröten. Mir entging nicht, wie verdammt gut seine Jeans saßen - Wrangler, Diesel oder Edwin, sicher bin ich mir nicht, aber auf keinen Fall waren es Levis. Über die lächerliche Karottenform der Achziger war sein Körper ebenso erhaben wie vormals über Ministrantenkutten.

Ein näherer Kontakt kam jedoch nicht zustande. So adoleszierten wir parallel nebeneinander her, bis ich mir eines Tages einen Ruck und ihm eine Einladung ins Kino gab. Aus Erfahrung klug, ließ ich ihn den Film auswählen. Kurze Zeit später verfolgte ich auf der Leinwand Platoon so gut es hinter vorgehaltener Hand zwischen den Fingern durch eben ging. Wenn man bedenkt, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt jegliche Filme mied, in denen geschossen oder Tote produziert wurden und selbst bei Fernsehkrimis meine Nerven blank lagen, war das ein mutiger Schritt. Lieber hätte ich mir die Zunge abgebissen als einzugestehen, welch verheerende Auswirkungen der Kriegsfilm auf meinen sensiblen Seelenhaushalt hatte, geschweige denn Trost an den starken Schultern meiner Begleitung zu suchen. Ich wollte cool sein und ebenbürtig. Die Sparte des schwachen Weibchens war in meinen Genen nicht angelegt.

Weder die Gelassenheit während des Kinobesuches, noch meine anschließend idiotische Bemerkung über seine Jeans - aus heutiger Sicht kann ich mir nicht erklären, was mich anderes als die pubertierenden Hormone geritten haben kann, als ich ihm sagte, wie ausgezeichnet ihm die Hose stünde und wie erstaunlich sie mit seiner Augenfarbe harmonierte, nur um augenblicklich meine Gesichtsfarbe chamäleonartig in rot zu wechseln - schienen bei ihm Eindruck zu hinterlassen. Stundenlange Analysen dieses Zwischenfalles und seiner diesbezüglichen [Nicht-]Reaktion mit Freundinnen, ergaben auch nach Wochen und Monaten keine Aufklärung. Die Zeichen standen gegen mich. Schließlich musste ich mir eingestehen, dass wohl aus der geplanten Hochzeit nichts werden würde.

Das weitere Schuldasein verbrachten wir eher neben- als miteinander. Er interessierte sich für Physik (?), ich mich für Kunst, er übte Formeln lösen, ich Tonleitern, er schwamm, ich steppte. Schließlich verlor ich ihn nach dem Abitur entgültig aus den Augen. Aus dem Sinn ging er mir nicht. Eine Freundin berichtete, er sei inzwischen Arzt. Ich ergoogelte jüngst seinen recht ungewöhnlichen Namen und fand mich kurze Zeit später vor einem Bild wieder. Er sieht immer noch verdammt gut aus, vielleicht sogar besser denn je. Zu gerne würde ich ihn fragen, was aus ihm, seinen Eltern und dem weinerlichen kleinen Bruder geworden ist, warum er gerade diese medizinische Fachrichtung wählte und ob er sich noch an mich erinnern kann. Eine diesbezügliche Mail wäre schnell verfasst, doch sollte die Jeans-Affäre das Einzige sein, woran er sich im Zusammenhang mit mir noch erinnert, werde ich mir lieber die Finger abhacken, als den Schleier des Vergessens zu lüften. Manche Briefe entfalten ihren Zauber erst mit den Jahren, die sie beim Verfasser weilen, ohne jemals abgeschickt worden zu sein.

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