Freitag, 31. August 2007
Let's get lost
Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass all meine Ratschläge auf persönlichen Erfahrungen basieren? Nein? Nun, all meine Ratschläge basieren auf persönlichen Erfahrungen. Die letzte Erfahrung ist noch ziemlich frisch.

Nach einem langen, anstrengenden Flug und einem kurzen, nicht minder anstrengenden Kleiderwechsel (remember: nach Langstreckenflügen passen nur Stretchhosen oder Umstandskleidung) stehe ich wieder in der Hotellobby. Ich bin das erste Mal in Denver im Layover. Der denvererprobte Kollege kennt sich aus und darüber hinaus noch einen Buchladen ganz in der Nähe. Auf meiner Liste steht EIN ganz bestimmtes Buch, ein Geschenk für eine Freundin. Wir schlagen den Weg Richtung Shoppingmall ein. Fünf Stunden, fünf Bücher, ein Paar Laufschuhe und zwei Wasserblasen später erreiche ich völlig erschöpft den Hoteleingang. Der Kollege sitzt davor auf dem Raucherbänkchen (nur Nichtraucherzimmer) und grinst mich an. "Wo kommst Du denn jetzt her?" Das wüsste ich auch nur zu gerne. Was ist passiert?

Während wir die Straßen entlanglaufen, entspinnt sich ein Gespräch mittleren Anforderungsgrades. Irgendwann erreichen wir den Buchladen, wo sich unsere Wege trennen. Ich versacke langsam aber sicher zwischen den Regalen 'fiction' und 'self-improvement'. Die drei Bücher, die ich während der ersten zehn Minuten meines Aufenthaltes unter den Arm klemme, liegen eine Stunde später vor mir auf dem Tisch, an dem ich lesend sitze. Zwei Stunden später schleppe ich den Stapel an die Kasse (Abteilung 'self-discipline') und zahle. Der Kassierer fragt, ob ich eine Mitgliedskarte möchte. Ich möchte lieber keine, die kostet nämlich 10$ und würde mein Schwabengen zu einem weiteren Rundgang zwingen. Nebenbei lässt er eine Bemerkung über den Titel eines meiner Bücher fallen ('how to dance forever' oh that's a wonderful title, I'd like to play tennis forever - I have a hint for you: tape it on video, haha! Wie wir von hier allerdings zum Kuhmist kamen, den sich alle von Haarausfall betroffenen Männer auf den Kopf schmieren würden falls es hülfe [sic!], kann ich nicht mehr genau nachvollziehen). Mission mehr als beendet, Rückzug empfohlen.

Auf dem Rückweg komme ich am Laden eines Markenhändlers für Sportartikel vorbei. Wollte ich nicht schon immer mal Laufschuhe? Nicht dass ich Laufen würde, aber wenn ich solche Schuhe hätte, könnte ich damit ja anfangen. Life's all about possibilities. Und ich denke noch 'Frau Klugscheisser' denke ich, 'geh' da jetzt nicht rein!' Da sitze ich schon im zweiten Stock mit einem nagelneuen Laufschuh am rechten und einem ausgelatschten Treter am linken Fuß. 'Kann ich ja wenigstens mal anprobieren' denke ich, denn das Geld reicht höchstens noch für einen Schuh. Denke ich. Die Verkäuferin schaut betreten weg als ich es zähle. Dann bringt sie den zweiten. Auf einem kann man nicht stehen. Sie lacht verunsichert über meine Ausführungen, wie ungemein häßlich ich Laufschuhe im Allgemeinen finde, und ziemlich erleichtert, als ich nach der dritten Runde auf der Treppe nach unten winkend verschwinde. Sie winkt nicht zurück. Einer ihrer Arme deutet ausgestreckt Richtung Treppe, während der andere die Puppe umklammert, die ich auf der zweiten Runde anstieß.

Die Fußgängerzone in Denver heißt 16th Street shopping mall und sieht genauso aus wie die Königsstraße in Stuttgart. Nur fährt in Stuttgart kein Bus durch. Sonst wär's ja auch keine Fußgängerzone. Denke ich noch, bevor ich unter wütendem Hupen zur Seite springe. An der dritten Kreuzung weiß ich nicht mehr genau wo ich bin bzw. ob ich hier überhaupt schon mal war. Normalerweise merke ich mir einen Laden an der Ecke oder ein Straßenschild beim Hinweg. Hab' ich beim Tauchen gelernt. Zu Beginn immer eine Besonderheit unter Wasser merken. Normalerweise halte ich aber auch keine hochtrabenden Selbstgespräche. Die Straßennamen habe ich nie zuvor gehört. In meiner Tasche befinden sich Kärtchen mit Hoteladressen von Sao Paulo, Shanghai und eine Straßenkarte von San Francisco, ein U-Bahn Plan von Tokio und ein altes Ticket von der New Yorker Subway, kein Plan von Denver, keine Hoteladresse von Denver, nichts. Ich beschließe, solange zu laufen, bis mir etwas bekannt vorkommt. An der nächsten Ecke erkenne ich ein Café und biege rechts ab.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass Schnellimbißketten und Starbucks überall auf der Welt gleich aussehen? Nicht? Nun, alle Starbucks- und Schnellimbißketten sehen überall auf der Welt ziemlich gleich aus. Das nennt man Wiedererkennungswert. 'Kein Problem', denke ich 'kann ja jemanden fragen'. Denke ich. Bis mir klar wird, dass ich nicht mal weiß, in welchem Hotel ich mich so schnell umgezogen habe. Das aufkommende Gefühl der Panik bekämpfen, indem man sich auf Handlungsoptionen besinnt. Hab' ich beim Tauchen gelernt. Keine Adresse, keine Orientierung, kein Geld, keine Ahnung. Jetzt ruhig atmen und immer in Bewegung bleiben. Das ist die einzige Option, die mir einfällt.

Als ich den breit grinsenden Kollegen erkenne, bin ich ziemlich erleichtert. Und ziemlich kaputt. Genau genommen bin ich seine Vorgesetzte. 'Och, ich habe einen ausgiebigen Spaziergang gemacht, damit ich gut schlafen kann' denke ich auf seine Frage. In einer Führungsposition sollte man Fehler nicht ohne weiteres zugeben. Das reduziert Vertrauen. Hab' ich beim Tauchen gelernt. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich den Job als Tauchlehrer geschmissen habe? Nicht? Nun, der Tauchlehrerjob ist passé. Und Pfadfinder wollte ich sowieso nie werden. Mannmannmann, lost in einer rechtwinkeligen Stadt. Die Sache mit dem A380 könnte für mich zur echten Herausforderung werden.

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Mittwoch, 29. August 2007
The bright lights of Denver


Amerika ist - mit Ausnahme von New York, aber diese Stadt ist sowieso die Mutter aller amerikanischen Ausnahmen - nicht zum Laufen konzipiert. Die Wege sind lang und das Fleisch schwach. Wenn Amerika eines im Überfluß hat, dann ist es Fläche. Besonders flach scheint mir die Gegend um den flächenmäßig größten Flughafen der Welt, Denver Airport, zu sein. Wer aus Niedersachsen kommt, fühlt sich hier sicher schnell heimisch. Alle anderen starren in den Horizont, um irgendwo eine Erhebung zu entdecken.
Den Indianern scheint es hier ebenfalls gut gefallen zu haben. Entlang der Terminalwände hängen Portraits von Indianerhäuptlingen der unterschiedlichen Stämme und aus den Lautsprechern im Flughafengebäude klingt indianische Hintergrundmusik. Vermutlich fliegen Indianer aber nicht mehr so gerne seit man Tomahawks bei der Sicherheitskontrolle abgeben muss. Gesehen habe ich jedenfalls keinen.

Damit wären wir auch schon bei einem wesentlichen Punkt angelangt. Das Wichtigste an Denver ist der Flughafen. Kein Schwein wüsste etwas über die Stadt, wäre sie nicht in den Achzigern durch die Serie Denver-Clan zu zweifelhaftem Ruhm gelangt. Eine ganze Teeniegeneration spaltete sich damals in Denver- oder Dallasfans. Denver war für mich Krystle und Blake Carrington, Alexis, Steven und Fallon, war fulminante Fönfrisuren und Wangenimplantate, monströse Schulterpolster und schluchtenartige V-Ausschnitte. In Denver waren die Guten blond und die Bösen dunkelhaarig. Denver war die Erfindung von Catfights, machte Spätgebären populär und Intrigen salonfähig. Mit meiner damaligen Freundin spielte ich imaginäre Folgen oder auch gesendete nach. Sie war blond und trug ihr Pony nach außen geföhnt, weswegen sie automatisch die integere Krystle war. Ich war die labile Claudia Blaisdel, hatte dafür aber den jüngeren, attraktiveren Kerl an meiner Seite (über die Liaison mit Steven möchte ich an dieser Stelle lieber schweigen). Manchmal frage ich mich, wieviel von damals mein späteres Leben prägte.

In genau dieser Zeit war ich das erste Mal in Denver und damit der Star bei meinen Klassenkameradinnen. Dabei hatte ich nicht sonderlich viel zu erzählen. Und auch zwanzig Jahre später hat sich nicht viel geändert. Denver ist fad. Vielleicht war das der Grund, warum 'Denver-Clan' nicht in Denver gedreht wurde. Nächstes Mal fliege ich lieber nach Dallas.

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Dienstag, 28. August 2007
Easy
Werbung im amerikanischen Fernsehen ist selten unterhaltsam. Hier eine Ausnahme:



und hier einer der zahlreichen Folgespots.

[ganz alter Hut, trotzdem immer wieder gerne gesehen]

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