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Mittwoch, 5. September 2007
Soliloquy
frau klugscheisser, 16:59h
Du wirst vom Läuten geweckt. "Sie ist vor 10 Minuten gestorben" sagt die Stimme am Telefon. Alles was du denken kannst, ist, was du gerade geträumt hast. Dann stehst du auf. Du schaust auf die Straße. Autos fahren vorbei, Leute laufen die Gehwege entlang. Es regnet. Ein Tag wie jeder andere.
Du gehst in die Küche und machst dir einen Tee. Jemand ist gestorben. An einem ganz normalen Wochentag. Täglich sterben Menschen auf der ganzen Welt. Ihre Zeit ist abgelaufen. Du denkst an deine eigene Endlichkeit.
In etwas mehr als zwei Wochen wäre sie 85 geworden. Der Anruf kam nicht überraschend. Sie war lange Zeit krank. Jetzt ist sie erlöst. Vielleicht ist das aber auch nur eine Phrase, mit der sich die Zurückgebliebenen trösten. Wer weiß schon, was danach kommt?
Du hast oft über den Tod nachgedacht, auch über deinen eigenen. Trotzdem trifft dich die Vorstellung mit einer Wucht, die dich schwanken lässt. Deine Beine werden schwach. Du setzt dich an den Tisch. Kann man jemals vorbereitet sein?
Die Tasse steht vor dir. Noch ist sie voll. Bald wird sie halbleer sein. Schönrederei ist jetzt nicht dein Ding. Irgendwann wirst du sie ausgetrunken haben. Und während du Tee trinkst, läuft deine Zeit ab. Einfach so. Du kannst nichts dagegen tun. Du kannst sie nicht beschleunigen.
Du fühlst dich eigenartig. Nicht richtig traurig, eher melancholisch und ein wenig ängstlich. Wie geht es jetzt weiter? Du kannst nicht einfach Urlaub nehmen. Ob dir ein freier Tag für die Beerdigung zusteht, weißt du nicht. Du liest in den Dienstvorschriften, findest aber nichts. In Kürze hast du einen Langstreckenflug, den du wirklich gerne antreten würdest. Heute Abend hast du was vor. Dein Gehirn tickt weiter, als ob nichts gewesen wäre.
Was ist pietätlos und wer ausser dir kann über dich urteilen? Du selbst bist dein schärfster Richter. Du glaubst nicht an Schuld und Sühne, an Fegefeuer und ein Leben danach. Zumindest nicht in vorstellbarer Form. An was du aber glaubst, ist dein Gewissen. Du kennst die Selbstvorwürfe in schlaflosen Nächten nur zu gut.
Langsam solltest du duschen. Jeden Augenblick deines Lebens läuft die Zeit. Sie peitscht dich durch den Tag, den Monat, das Jahr wie ein erbarmungsloser Zuchtmeister. Deine Zeit läuft ab. Du merkst es nur, wenn du stehenbleibst, atmest und dich umsiehst. Du merkst es, wenn sie für einen anderen abgelaufen ist.
Plötzlich werden deine Augen feucht. Du wehrst dich nicht. Durch die schwersten Situationen geht man im Leben alleine. Keiner kann sie dir abnehmen. Du weißt das. Vielleicht sind sie gerade deswegen so schwer. Der Tod ist die letzte schwere Situation, durch die jeder alleine gehen muss. Diese Art Alleinsein macht dir Angst.
Du merkst, wie wenig du über andere weißt. Du kennst nur deine Gedanken, deine Gefühle, dein Leben. Du weißt nur, wie sich etwas für dich anfühlt. Natürlich kannst du ahnen, was in einem anderen Menschen vorgeht. Du kannst dir vorstellen, wie er etwas erlebt. Aber sicher kannst du dir nicht sein. Und keiner kennt dich so gut wie du selbst.
Wenn du den Atem anhältst, kannst du deinen Herzschlag hören. Das Herz schlägt immer weiter. Einfach so. Bis nach einem Schlag keiner mehr folgt. Du weißt nie, welcher der letzte Schlag sein wird. Vielleicht ist es der nächste. Vielleicht folgen noch viele tausend Schläge. Jeder einzelne davon bedeutet Leben. Und du nimmst dir vor, in Zukunft noch genauer hinzuhören, wenn ein anderer den Atem anhält.
Du gehst in die Küche und machst dir einen Tee. Jemand ist gestorben. An einem ganz normalen Wochentag. Täglich sterben Menschen auf der ganzen Welt. Ihre Zeit ist abgelaufen. Du denkst an deine eigene Endlichkeit.
In etwas mehr als zwei Wochen wäre sie 85 geworden. Der Anruf kam nicht überraschend. Sie war lange Zeit krank. Jetzt ist sie erlöst. Vielleicht ist das aber auch nur eine Phrase, mit der sich die Zurückgebliebenen trösten. Wer weiß schon, was danach kommt?
Du hast oft über den Tod nachgedacht, auch über deinen eigenen. Trotzdem trifft dich die Vorstellung mit einer Wucht, die dich schwanken lässt. Deine Beine werden schwach. Du setzt dich an den Tisch. Kann man jemals vorbereitet sein?
Die Tasse steht vor dir. Noch ist sie voll. Bald wird sie halbleer sein. Schönrederei ist jetzt nicht dein Ding. Irgendwann wirst du sie ausgetrunken haben. Und während du Tee trinkst, läuft deine Zeit ab. Einfach so. Du kannst nichts dagegen tun. Du kannst sie nicht beschleunigen.
Du fühlst dich eigenartig. Nicht richtig traurig, eher melancholisch und ein wenig ängstlich. Wie geht es jetzt weiter? Du kannst nicht einfach Urlaub nehmen. Ob dir ein freier Tag für die Beerdigung zusteht, weißt du nicht. Du liest in den Dienstvorschriften, findest aber nichts. In Kürze hast du einen Langstreckenflug, den du wirklich gerne antreten würdest. Heute Abend hast du was vor. Dein Gehirn tickt weiter, als ob nichts gewesen wäre.
Was ist pietätlos und wer ausser dir kann über dich urteilen? Du selbst bist dein schärfster Richter. Du glaubst nicht an Schuld und Sühne, an Fegefeuer und ein Leben danach. Zumindest nicht in vorstellbarer Form. An was du aber glaubst, ist dein Gewissen. Du kennst die Selbstvorwürfe in schlaflosen Nächten nur zu gut.
Langsam solltest du duschen. Jeden Augenblick deines Lebens läuft die Zeit. Sie peitscht dich durch den Tag, den Monat, das Jahr wie ein erbarmungsloser Zuchtmeister. Deine Zeit läuft ab. Du merkst es nur, wenn du stehenbleibst, atmest und dich umsiehst. Du merkst es, wenn sie für einen anderen abgelaufen ist.
Plötzlich werden deine Augen feucht. Du wehrst dich nicht. Durch die schwersten Situationen geht man im Leben alleine. Keiner kann sie dir abnehmen. Du weißt das. Vielleicht sind sie gerade deswegen so schwer. Der Tod ist die letzte schwere Situation, durch die jeder alleine gehen muss. Diese Art Alleinsein macht dir Angst.
Du merkst, wie wenig du über andere weißt. Du kennst nur deine Gedanken, deine Gefühle, dein Leben. Du weißt nur, wie sich etwas für dich anfühlt. Natürlich kannst du ahnen, was in einem anderen Menschen vorgeht. Du kannst dir vorstellen, wie er etwas erlebt. Aber sicher kannst du dir nicht sein. Und keiner kennt dich so gut wie du selbst.
Wenn du den Atem anhältst, kannst du deinen Herzschlag hören. Das Herz schlägt immer weiter. Einfach so. Bis nach einem Schlag keiner mehr folgt. Du weißt nie, welcher der letzte Schlag sein wird. Vielleicht ist es der nächste. Vielleicht folgen noch viele tausend Schläge. Jeder einzelne davon bedeutet Leben. Und du nimmst dir vor, in Zukunft noch genauer hinzuhören, wenn ein anderer den Atem anhält.
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Pleased to meet you
frau klugscheisser, 03:03h
Das schöne an Blogs ist die Tatsache, dass da echte Menschen dahinterstecken. Wenn ich brilliante, geistreiche, anrührende, humorvolle und beknienswerte Texte anderer Blogger lese, stelle ich mir die Menschen dahinter immer brilliant, geistreich, humorvoll und beknienswert schön vor. Solche Menschen will ich dann auch persönlich treffen. Mein Arbeitgeber schickt mich in fremde Städte, in denen diese Menschen wohnen. Was liegt da näher, als Hobby mit Beruf zu verbinden? Ich nenne es Bloggertourismus, wenn ich in Hamburg mit Herrn Kid ins Glas philosophiere oder auf einen Sprung beim Opa vorbei schaue. Leider will sich mit mir niemand in Tokio, New York oder Shanghai treffen, und selbst die deutschen Städte sind noch längst nicht alle abgedeckt.
In Köln wohnt Frau Applebum, die ich am Wochenende ganz kurz vor ihrem täglichen Training im Studio besuche. Meine Zeit lässt keinen gemeinsamen Kaffee mehr zu, aber immerhin kann ich einen kurzen Blick auf anmutige Profibewegungen erhaschen. Dann musst ich zurück ins Hotel, vor dem sich an diesem Tag eine riesige Menschentraube versammelt hat. Nervös kichernde Teenies, gestylte Jungs, einige Bierbauchschieber, dazwischen ein paar Mütter mit ihren Sprößlingen. Was aussieht wie die Kreuzung aus Fans von Tokio Hotel und den Wildecker Herzbuben, entpuppt sich als Castingteilnehmer für DSDS. Ihr gemeinsamer Traum ist es, einmal vor versammelter Mannschaft von Bohlen verhöhnt zu werden. Anders kann ich es mir nicht erklären. "Alles Loser" bemerkt der Kollege mehrmals gut hörbar beim Verlassen des Hotels. In der Tat klingt seine Kostprobe vom kleinen grünen Kaktus in der Lobby sehr apart [die Trolleydollys wurden leider so kurzfristig nicht zum Casting zugelassen] und allemal besser als das, was sich hinter verschlossener Türe im sechsten Stock abspielt. Auf diesem Stockwerk befindet sich zufällig auch mein Zimmer. So werde ich unfreiwillig Zeuge, wie die nichtssagenden Schäfchen einzeln zum Schafott geführt werden. "Was sind denn deine Hobbies?" fragt die Assistentin einen der Teilnehmer auf dem Weg. "Fußball und Fahrrad" antwortet er leise. "Und sonst?" Langes Schweigen. Ob er seine Stimme kurz darauf wiedergefunden hat, erfahre ich nicht mehr. Einen Kameraassistenten treffe ich zufällig im Lift, der sich nur bei gültiger Zimmerkarte, nämlich meiner, in Bewegung setzt. In einem kurzen Gespräch erfahre ich, dass diese Art Sendungen nicht nur für mich der Alptraum schlechthin sind. Wenigstens wird er dafür bezahlt. Alle anderen bezahlen an die GEZ.
"Wenigstens haste was zum bloggen" meint Frau Applebum zum Schluß. Muss man ja auch für dankbar sein. Nächstes Mal habe ich hoffentlich mehr Zeit. Vielleicht sogar für ein Training. In der offenen Ballettstunde hätte ich mir sogar zugetraut mitzumachen. Dann aber nicht gerade neben Frau Applebum, denn da käme ich mir eher vor wie ein Duplikat der Wildecker Herzbuben beim Casting zu DSDS.
In Köln wohnt Frau Applebum, die ich am Wochenende ganz kurz vor ihrem täglichen Training im Studio besuche. Meine Zeit lässt keinen gemeinsamen Kaffee mehr zu, aber immerhin kann ich einen kurzen Blick auf anmutige Profibewegungen erhaschen. Dann musst ich zurück ins Hotel, vor dem sich an diesem Tag eine riesige Menschentraube versammelt hat. Nervös kichernde Teenies, gestylte Jungs, einige Bierbauchschieber, dazwischen ein paar Mütter mit ihren Sprößlingen. Was aussieht wie die Kreuzung aus Fans von Tokio Hotel und den Wildecker Herzbuben, entpuppt sich als Castingteilnehmer für DSDS. Ihr gemeinsamer Traum ist es, einmal vor versammelter Mannschaft von Bohlen verhöhnt zu werden. Anders kann ich es mir nicht erklären. "Alles Loser" bemerkt der Kollege mehrmals gut hörbar beim Verlassen des Hotels. In der Tat klingt seine Kostprobe vom kleinen grünen Kaktus in der Lobby sehr apart [die Trolleydollys wurden leider so kurzfristig nicht zum Casting zugelassen] und allemal besser als das, was sich hinter verschlossener Türe im sechsten Stock abspielt. Auf diesem Stockwerk befindet sich zufällig auch mein Zimmer. So werde ich unfreiwillig Zeuge, wie die nichtssagenden Schäfchen einzeln zum Schafott geführt werden. "Was sind denn deine Hobbies?" fragt die Assistentin einen der Teilnehmer auf dem Weg. "Fußball und Fahrrad" antwortet er leise. "Und sonst?" Langes Schweigen. Ob er seine Stimme kurz darauf wiedergefunden hat, erfahre ich nicht mehr. Einen Kameraassistenten treffe ich zufällig im Lift, der sich nur bei gültiger Zimmerkarte, nämlich meiner, in Bewegung setzt. In einem kurzen Gespräch erfahre ich, dass diese Art Sendungen nicht nur für mich der Alptraum schlechthin sind. Wenigstens wird er dafür bezahlt. Alle anderen bezahlen an die GEZ.
"Wenigstens haste was zum bloggen" meint Frau Applebum zum Schluß. Muss man ja auch für dankbar sein. Nächstes Mal habe ich hoffentlich mehr Zeit. Vielleicht sogar für ein Training. In der offenen Ballettstunde hätte ich mir sogar zugetraut mitzumachen. Dann aber nicht gerade neben Frau Applebum, denn da käme ich mir eher vor wie ein Duplikat der Wildecker Herzbuben beim Casting zu DSDS.
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Freitag, 31. August 2007
Let's get lost
frau klugscheisser, 01:42h
Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass all meine Ratschläge auf persönlichen Erfahrungen basieren? Nein? Nun, all meine Ratschläge basieren auf persönlichen Erfahrungen. Die letzte Erfahrung ist noch ziemlich frisch.
Nach einem langen, anstrengenden Flug und einem kurzen, nicht minder anstrengenden Kleiderwechsel (remember: nach Langstreckenflügen passen nur Stretchhosen oder Umstandskleidung) stehe ich wieder in der Hotellobby. Ich bin das erste Mal in Denver im Layover. Der denvererprobte Kollege kennt sich aus und darüber hinaus noch einen Buchladen ganz in der Nähe. Auf meiner Liste steht EIN ganz bestimmtes Buch, ein Geschenk für eine Freundin. Wir schlagen den Weg Richtung Shoppingmall ein. Fünf Stunden, fünf Bücher, ein Paar Laufschuhe und zwei Wasserblasen später erreiche ich völlig erschöpft den Hoteleingang. Der Kollege sitzt davor auf dem Raucherbänkchen (nur Nichtraucherzimmer) und grinst mich an. "Wo kommst Du denn jetzt her?" Das wüsste ich auch nur zu gerne. Was ist passiert?
Während wir die Straßen entlanglaufen, entspinnt sich ein Gespräch mittleren Anforderungsgrades. Irgendwann erreichen wir den Buchladen, wo sich unsere Wege trennen. Ich versacke langsam aber sicher zwischen den Regalen 'fiction' und 'self-improvement'. Die drei Bücher, die ich während der ersten zehn Minuten meines Aufenthaltes unter den Arm klemme, liegen eine Stunde später vor mir auf dem Tisch, an dem ich lesend sitze. Zwei Stunden später schleppe ich den Stapel an die Kasse (Abteilung 'self-discipline') und zahle. Der Kassierer fragt, ob ich eine Mitgliedskarte möchte. Ich möchte lieber keine, die kostet nämlich 10$ und würde mein Schwabengen zu einem weiteren Rundgang zwingen. Nebenbei lässt er eine Bemerkung über den Titel eines meiner Bücher fallen ('how to dance forever' oh that's a wonderful title, I'd like to play tennis forever - I have a hint for you: tape it on video, haha! Wie wir von hier allerdings zum Kuhmist kamen, den sich alle von Haarausfall betroffenen Männer auf den Kopf schmieren würden falls es hülfe [sic!], kann ich nicht mehr genau nachvollziehen). Mission mehr als beendet, Rückzug empfohlen.
Auf dem Rückweg komme ich am Laden eines Markenhändlers für Sportartikel vorbei. Wollte ich nicht schon immer mal Laufschuhe? Nicht dass ich Laufen würde, aber wenn ich solche Schuhe hätte, könnte ich damit ja anfangen. Life's all about possibilities. Und ich denke noch 'Frau Klugscheisser' denke ich, 'geh' da jetzt nicht rein!' Da sitze ich schon im zweiten Stock mit einem nagelneuen Laufschuh am rechten und einem ausgelatschten Treter am linken Fuß. 'Kann ich ja wenigstens mal anprobieren' denke ich, denn das Geld reicht höchstens noch für einen Schuh. Denke ich. Die Verkäuferin schaut betreten weg als ich es zähle. Dann bringt sie den zweiten. Auf einem kann man nicht stehen. Sie lacht verunsichert über meine Ausführungen, wie ungemein häßlich ich Laufschuhe im Allgemeinen finde, und ziemlich erleichtert, als ich nach der dritten Runde auf der Treppe nach unten winkend verschwinde. Sie winkt nicht zurück. Einer ihrer Arme deutet ausgestreckt Richtung Treppe, während der andere die Puppe umklammert, die ich auf der zweiten Runde anstieß.
Die Fußgängerzone in Denver heißt 16th Street shopping mall und sieht genauso aus wie die Königsstraße in Stuttgart. Nur fährt in Stuttgart kein Bus durch. Sonst wär's ja auch keine Fußgängerzone. Denke ich noch, bevor ich unter wütendem Hupen zur Seite springe. An der dritten Kreuzung weiß ich nicht mehr genau wo ich bin bzw. ob ich hier überhaupt schon mal war. Normalerweise merke ich mir einen Laden an der Ecke oder ein Straßenschild beim Hinweg. Hab' ich beim Tauchen gelernt. Zu Beginn immer eine Besonderheit unter Wasser merken. Normalerweise halte ich aber auch keine hochtrabenden Selbstgespräche. Die Straßennamen habe ich nie zuvor gehört. In meiner Tasche befinden sich Kärtchen mit Hoteladressen von Sao Paulo, Shanghai und eine Straßenkarte von San Francisco, ein U-Bahn Plan von Tokio und ein altes Ticket von der New Yorker Subway, kein Plan von Denver, keine Hoteladresse von Denver, nichts. Ich beschließe, solange zu laufen, bis mir etwas bekannt vorkommt. An der nächsten Ecke erkenne ich ein Café und biege rechts ab.
Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass Schnellimbißketten und Starbucks überall auf der Welt gleich aussehen? Nicht? Nun, alle Starbucks- und Schnellimbißketten sehen überall auf der Welt ziemlich gleich aus. Das nennt man Wiedererkennungswert. 'Kein Problem', denke ich 'kann ja jemanden fragen'. Denke ich. Bis mir klar wird, dass ich nicht mal weiß, in welchem Hotel ich mich so schnell umgezogen habe. Das aufkommende Gefühl der Panik bekämpfen, indem man sich auf Handlungsoptionen besinnt. Hab' ich beim Tauchen gelernt. Keine Adresse, keine Orientierung, kein Geld, keine Ahnung. Jetzt ruhig atmen und immer in Bewegung bleiben. Das ist die einzige Option, die mir einfällt.
Als ich den breit grinsenden Kollegen erkenne, bin ich ziemlich erleichtert. Und ziemlich kaputt. Genau genommen bin ich seine Vorgesetzte. 'Och, ich habe einen ausgiebigen Spaziergang gemacht, damit ich gut schlafen kann' denke ich auf seine Frage. In einer Führungsposition sollte man Fehler nicht ohne weiteres zugeben. Das reduziert Vertrauen. Hab' ich beim Tauchen gelernt. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich den Job als Tauchlehrer geschmissen habe? Nicht? Nun, der Tauchlehrerjob ist passé. Und Pfadfinder wollte ich sowieso nie werden. Mannmannmann, lost in einer rechtwinkeligen Stadt. Die Sache mit dem A380 könnte für mich zur echten Herausforderung werden.
Nach einem langen, anstrengenden Flug und einem kurzen, nicht minder anstrengenden Kleiderwechsel (remember: nach Langstreckenflügen passen nur Stretchhosen oder Umstandskleidung) stehe ich wieder in der Hotellobby. Ich bin das erste Mal in Denver im Layover. Der denvererprobte Kollege kennt sich aus und darüber hinaus noch einen Buchladen ganz in der Nähe. Auf meiner Liste steht EIN ganz bestimmtes Buch, ein Geschenk für eine Freundin. Wir schlagen den Weg Richtung Shoppingmall ein. Fünf Stunden, fünf Bücher, ein Paar Laufschuhe und zwei Wasserblasen später erreiche ich völlig erschöpft den Hoteleingang. Der Kollege sitzt davor auf dem Raucherbänkchen (nur Nichtraucherzimmer) und grinst mich an. "Wo kommst Du denn jetzt her?" Das wüsste ich auch nur zu gerne. Was ist passiert?
Während wir die Straßen entlanglaufen, entspinnt sich ein Gespräch mittleren Anforderungsgrades. Irgendwann erreichen wir den Buchladen, wo sich unsere Wege trennen. Ich versacke langsam aber sicher zwischen den Regalen 'fiction' und 'self-improvement'. Die drei Bücher, die ich während der ersten zehn Minuten meines Aufenthaltes unter den Arm klemme, liegen eine Stunde später vor mir auf dem Tisch, an dem ich lesend sitze. Zwei Stunden später schleppe ich den Stapel an die Kasse (Abteilung 'self-discipline') und zahle. Der Kassierer fragt, ob ich eine Mitgliedskarte möchte. Ich möchte lieber keine, die kostet nämlich 10$ und würde mein Schwabengen zu einem weiteren Rundgang zwingen. Nebenbei lässt er eine Bemerkung über den Titel eines meiner Bücher fallen ('how to dance forever' oh that's a wonderful title, I'd like to play tennis forever - I have a hint for you: tape it on video, haha! Wie wir von hier allerdings zum Kuhmist kamen, den sich alle von Haarausfall betroffenen Männer auf den Kopf schmieren würden falls es hülfe [sic!], kann ich nicht mehr genau nachvollziehen). Mission mehr als beendet, Rückzug empfohlen.
Auf dem Rückweg komme ich am Laden eines Markenhändlers für Sportartikel vorbei. Wollte ich nicht schon immer mal Laufschuhe? Nicht dass ich Laufen würde, aber wenn ich solche Schuhe hätte, könnte ich damit ja anfangen. Life's all about possibilities. Und ich denke noch 'Frau Klugscheisser' denke ich, 'geh' da jetzt nicht rein!' Da sitze ich schon im zweiten Stock mit einem nagelneuen Laufschuh am rechten und einem ausgelatschten Treter am linken Fuß. 'Kann ich ja wenigstens mal anprobieren' denke ich, denn das Geld reicht höchstens noch für einen Schuh. Denke ich. Die Verkäuferin schaut betreten weg als ich es zähle. Dann bringt sie den zweiten. Auf einem kann man nicht stehen. Sie lacht verunsichert über meine Ausführungen, wie ungemein häßlich ich Laufschuhe im Allgemeinen finde, und ziemlich erleichtert, als ich nach der dritten Runde auf der Treppe nach unten winkend verschwinde. Sie winkt nicht zurück. Einer ihrer Arme deutet ausgestreckt Richtung Treppe, während der andere die Puppe umklammert, die ich auf der zweiten Runde anstieß.
Die Fußgängerzone in Denver heißt 16th Street shopping mall und sieht genauso aus wie die Königsstraße in Stuttgart. Nur fährt in Stuttgart kein Bus durch. Sonst wär's ja auch keine Fußgängerzone. Denke ich noch, bevor ich unter wütendem Hupen zur Seite springe. An der dritten Kreuzung weiß ich nicht mehr genau wo ich bin bzw. ob ich hier überhaupt schon mal war. Normalerweise merke ich mir einen Laden an der Ecke oder ein Straßenschild beim Hinweg. Hab' ich beim Tauchen gelernt. Zu Beginn immer eine Besonderheit unter Wasser merken. Normalerweise halte ich aber auch keine hochtrabenden Selbstgespräche. Die Straßennamen habe ich nie zuvor gehört. In meiner Tasche befinden sich Kärtchen mit Hoteladressen von Sao Paulo, Shanghai und eine Straßenkarte von San Francisco, ein U-Bahn Plan von Tokio und ein altes Ticket von der New Yorker Subway, kein Plan von Denver, keine Hoteladresse von Denver, nichts. Ich beschließe, solange zu laufen, bis mir etwas bekannt vorkommt. An der nächsten Ecke erkenne ich ein Café und biege rechts ab.
Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass Schnellimbißketten und Starbucks überall auf der Welt gleich aussehen? Nicht? Nun, alle Starbucks- und Schnellimbißketten sehen überall auf der Welt ziemlich gleich aus. Das nennt man Wiedererkennungswert. 'Kein Problem', denke ich 'kann ja jemanden fragen'. Denke ich. Bis mir klar wird, dass ich nicht mal weiß, in welchem Hotel ich mich so schnell umgezogen habe. Das aufkommende Gefühl der Panik bekämpfen, indem man sich auf Handlungsoptionen besinnt. Hab' ich beim Tauchen gelernt. Keine Adresse, keine Orientierung, kein Geld, keine Ahnung. Jetzt ruhig atmen und immer in Bewegung bleiben. Das ist die einzige Option, die mir einfällt.
Als ich den breit grinsenden Kollegen erkenne, bin ich ziemlich erleichtert. Und ziemlich kaputt. Genau genommen bin ich seine Vorgesetzte. 'Och, ich habe einen ausgiebigen Spaziergang gemacht, damit ich gut schlafen kann' denke ich auf seine Frage. In einer Führungsposition sollte man Fehler nicht ohne weiteres zugeben. Das reduziert Vertrauen. Hab' ich beim Tauchen gelernt. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich den Job als Tauchlehrer geschmissen habe? Nicht? Nun, der Tauchlehrerjob ist passé. Und Pfadfinder wollte ich sowieso nie werden. Mannmannmann, lost in einer rechtwinkeligen Stadt. Die Sache mit dem A380 könnte für mich zur echten Herausforderung werden.
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Mittwoch, 29. August 2007
The bright lights of Denver
frau klugscheisser, 03:39h

Amerika ist - mit Ausnahme von New York, aber diese Stadt ist sowieso die Mutter aller amerikanischen Ausnahmen - nicht zum Laufen konzipiert. Die Wege sind lang und das Fleisch schwach. Wenn Amerika eines im Überfluß hat, dann ist es Fläche. Besonders flach scheint mir die Gegend um den flächenmäßig größten Flughafen der Welt, Denver Airport, zu sein. Wer aus Niedersachsen kommt, fühlt sich hier sicher schnell heimisch. Alle anderen starren in den Horizont, um irgendwo eine Erhebung zu entdecken.
Den Indianern scheint es hier ebenfalls gut gefallen zu haben. Entlang der Terminalwände hängen Portraits von Indianerhäuptlingen der unterschiedlichen Stämme und aus den Lautsprechern im Flughafengebäude klingt indianische Hintergrundmusik. Vermutlich fliegen Indianer aber nicht mehr so gerne seit man Tomahawks bei der Sicherheitskontrolle abgeben muss. Gesehen habe ich jedenfalls keinen.
Damit wären wir auch schon bei einem wesentlichen Punkt angelangt. Das Wichtigste an Denver ist der Flughafen. Kein Schwein wüsste etwas über die Stadt, wäre sie nicht in den Achzigern durch die Serie Denver-Clan zu zweifelhaftem Ruhm gelangt. Eine ganze Teeniegeneration spaltete sich damals in Denver- oder Dallasfans. Denver war für mich Krystle und Blake Carrington, Alexis, Steven und Fallon, war fulminante Fönfrisuren und Wangenimplantate, monströse Schulterpolster und schluchtenartige V-Ausschnitte. In Denver waren die Guten blond und die Bösen dunkelhaarig. Denver war die Erfindung von Catfights, machte Spätgebären populär und Intrigen salonfähig. Mit meiner damaligen Freundin spielte ich imaginäre Folgen oder auch gesendete nach. Sie war blond und trug ihr Pony nach außen geföhnt, weswegen sie automatisch die integere Krystle war. Ich war die labile Claudia Blaisdel, hatte dafür aber den jüngeren, attraktiveren Kerl an meiner Seite (über die Liaison mit Steven möchte ich an dieser Stelle lieber schweigen). Manchmal frage ich mich, wieviel von damals mein späteres Leben prägte.
In genau dieser Zeit war ich das erste Mal in Denver und damit der Star bei meinen Klassenkameradinnen. Dabei hatte ich nicht sonderlich viel zu erzählen. Und auch zwanzig Jahre später hat sich nicht viel geändert. Denver ist fad. Vielleicht war das der Grund, warum 'Denver-Clan' nicht in Denver gedreht wurde. Nächstes Mal fliege ich lieber nach Dallas.
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Dienstag, 28. August 2007
Easy
frau klugscheisser, 03:14h
Werbung im amerikanischen Fernsehen ist selten unterhaltsam. Hier eine Ausnahme:
und hier einer der zahlreichen Folgespots.
[ganz alter Hut, trotzdem immer wieder gerne gesehen]
und hier einer der zahlreichen Folgespots.
[ganz alter Hut, trotzdem immer wieder gerne gesehen]
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Montag, 27. August 2007
Walk a mile in my shoes
frau klugscheisser, 19:01h
Müdigkeit, schmerzende Füße und ein Anwachsen des Körperumfanges sind Symptome, unter denen Kabinenmitarbeiter nach einem Arbeitstag fast immer leiden. Zwingen Sie sich probeweise, 24 Stunden ohne geistig anregende Tätigkeit wach zu bleiben, verbringen Sie 12 davon auf einem Laufband, essen Sie zwischendurch 5 Liter Bohnensuppe und setzen sich anschließend, wenn ihr Biorhythmus tiefste Nacht meldet, vor eine grelle Neonröhre, dann wissen Sie, wie wir uns am Zielort in etwa fühlen. Nicht unbedingt beneidenswert, oder? Flugpersonal und so mancher Normalreisende hat nur kurzen Aufenthalt in fernen Städten, weswegen man sich bereits im Anschluß an den langen Flug aus dem Hotel quält. Im Folgenden nun einige wertvolle Tipps aus meinem reichen Erfahrungsfundus für die ersten Stunden in der Fremde.
Wenn ich an Ausflüge in Bangkok, Tokio, Shanghai, Los Angeles oder San Francisco denke, senkt sich über alle Eindrücke ein Schleier der Benommenheit. Man läuft durch Straßen wie ferngesteuert, ständig bemüht, die Augen offenzuhalten und nicht über die eigenen Füße zu stolpern. Leichter Schwindel ist mein treuer Begleiter. Das Sichtfeld ist auf Scheuklappenweite reduziert und die Wahrnehmung ganz allgemein ähnelt der Berieselung vor dem Fernsehgerät, mit dem Unterschied, dass auf der Couch die Füße selten so weh tun. Die Eindrücke ziehen an einem wie ein Film vorbei, in dem man nicht Hauptdarsteller, sondern höchstenfalls Statist ist, den dringenden Wunsch habend, es möge sich nicht um einen Krimi handeln (Statisten in Krimis sind meistens tot) und es komme schon bald ein Bett darin vor.
Falls Sie weiblich sind und glauben, Sie sollten in Frustphasen, während PMS oder bei Liebeskummer besser nicht einkaufen gehen, weil Sie nicht Herr ihrer Bedürfnisse sind, erweitern Sie ihre Liste um den Zustand nach einem Langstreckenflug. Ich habe Flugbegleiterinnen in Johannesburg erlebt, die zum Rückflug neben schweren Koffern riesige Holzgiraffen anschleppten. Das Schicksal der Tiere endet meist elend unter Hausstaub begraben oder im Kamin. Orchideen aus Bangkok gehen nach einiger Zeit von selbst kaputt, nicht aber funktionslose Funktionswäsche aus Asien, für die viele Polyester ihr Leben ließen. Machen Sie sich vorher eine Einkaufsliste - vorausgesetzt Sie haben nicht gerade PMS, Liebeskummer oder sonstigen Frust - und halten Sie sich strikt daran. Aber kaufen Sie NIEMALS etwas, das nicht auf dieser Liste steht. Selbst wenn die Verkäuferin beim Leben ihrer Großmutter geschworen hat, dass Sie eine typische Size 6 sind, wird ihnen die Hose deshalb noch lange nicht passen, und die 38er Bluse aus Fernost ist nunmal für schmalbrüstige Asiatinnen konzipiert. Großmütter von Verkäuferinnen sterben oft früh.
Einzige Ausnahme in obiger Regel ist ein Stadtplan. Dieses notwendige Accessoire könnte Sie in Kombination mit einem Kompass unter Umständen vor dem schmerzhaften Hühneraugentod bewahren. Vorausgesetzt Sie sind eine Frau, die Straßenkarten von Burda-Schnittmustern unterscheiden und ihrem Verwendungszweck gemäß interpretieren kann. Vergessen Sie alles, was Sie über die Hilfsbereitschaft der jeweiligen Landesbewohner gehört haben. Tipps von hilfsbereiten Passanten zählen eher zur Kategorie Smalltalk. Die Wenigsten haben einen so guten Orientierungssinn wie Sie. Erschwerend kommt hinzu, dass man Sie in Fernost lieber in die Irre führt, als die eigene Ahnungslosigkeit zuzugeben. Stadtpläne gibt es übrigens an der Hotelrezeption meist gratis, inklusive für Sie später unverständlicher Kulieinzeichnungen eines Angestellten.
Ein Stadtplan allein macht allerdings auch noch keinen Rückweg. Versichern Sie sich vor Verlassen des Hotels, dass Sie eine Visitenkarte mit Adressaufdruck des selbigen mit sich führen. Je weniger die örtlichen Schriftzeichen unseren europäischen ähneln, um so wertvoller wird das kleine Stück Pappe, das Sie notfalls einem Taxifahrer in die Hand drücken können, vorausgesetzt Sie sind am Ende ihrer Einkaufstour im Besitz von genügend bunt bedruckten Lappen. Falls sich in Ihren Taschen nur noch Münzen befinden, werden Sie den Rückweg wohl oder übel zu Fuß antreten müssen. In meiner Tasche - eine faltbare, die immer mitreist - befinden sich unzählige solcher Pappkärtchen. Die Herausforderung besteht darin, sich für das richtige zu entscheiden. Keine leichte Aufgabe in tranceähnlichem Zustand. Falls Sie die beiden Testfragen 'wie heißen Sie?' und 'wissen Sie, wo sie sind?' für sich nicht eindeutig beantworten können, bleiben Sie lieber im Hotel. Andernfalls könnten Sie sich schnell in einer lokalen geschlossenen Einrichtung wiederfinden.
Fremde Währungseinheiten sind ebenfalls eine große Gefahrenquelle. Der Abnutzungszustand bunt bebilderter Scheine ist ebenso wenig aussagekräftig wie diverse Nullen hinter einer Ziffer. Selbst die Größe von Münzen täuscht manchmal über ihren tatsächlichen Wert. Einzig das Wissen um den Umrechnungskurs hilft hier weiter. Das Rechenzentrum im Gehirn arbeitet jedoch umgekehrt proportional zum Schlafdefizit. Lassen Sie sich nicht dazu verleiten, den entsprechen Koeffizienten der Einfachheit halber zu runden. Wer früher im Österreichurlaub mit Sieben als Multiplikator Schwierigkeiten hatte, sollte sich vor einem Aufenthalt in Asien oder Amerika besser entmündigen lassen. So manches Schnäppchen entpuppt sich nach einer Nacht als Luxusartikel. Auch 100 Yen oder 99 Cent Shops bewahren Sie nicht davor, zu viel Geld auszugeben. Selbst wenn Sie noch so viel Freude beim Erwerb der Billigartikel hatten, glauben Sie mir, die Freude der Tante an einem Plastikelch oder die des Onkels über Toilettenschlappen hält sich in Grenzen.
Zum Schluß noch ein Hinweis in eigener Sache: sollten Sie jemals im Ausland eine auf den Stufen eines öffentlichen Gebäudes zusammengekauerte, weinende Person mit Ray Ban Sonnenbrille und Guccifaketasche bemerken, handelt es sich weder um eine geistig Verwirrte, noch um eine Oberklassenobdachlose, sondern um die Angestellte einer Fluggesellschaft. Setzen Sie sie in das nächste Taxi und geben Sie dem Fahrer genügend Geld, die größeren Hotels der Stadt abzufahren. Mit Ihrem selbstlosen Handeln haben Sie ermöglicht, dass mehr als 200 Passagiere ihr Ziel pünktlich erreichen. Und wer weiß, vielleicht erhalten Sie eines Tages ein Päckchen mit einem Dankschreiben und Toilettenschlappen oder einem Plastikelch. Das könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.
Wenn ich an Ausflüge in Bangkok, Tokio, Shanghai, Los Angeles oder San Francisco denke, senkt sich über alle Eindrücke ein Schleier der Benommenheit. Man läuft durch Straßen wie ferngesteuert, ständig bemüht, die Augen offenzuhalten und nicht über die eigenen Füße zu stolpern. Leichter Schwindel ist mein treuer Begleiter. Das Sichtfeld ist auf Scheuklappenweite reduziert und die Wahrnehmung ganz allgemein ähnelt der Berieselung vor dem Fernsehgerät, mit dem Unterschied, dass auf der Couch die Füße selten so weh tun. Die Eindrücke ziehen an einem wie ein Film vorbei, in dem man nicht Hauptdarsteller, sondern höchstenfalls Statist ist, den dringenden Wunsch habend, es möge sich nicht um einen Krimi handeln (Statisten in Krimis sind meistens tot) und es komme schon bald ein Bett darin vor.
Falls Sie weiblich sind und glauben, Sie sollten in Frustphasen, während PMS oder bei Liebeskummer besser nicht einkaufen gehen, weil Sie nicht Herr ihrer Bedürfnisse sind, erweitern Sie ihre Liste um den Zustand nach einem Langstreckenflug. Ich habe Flugbegleiterinnen in Johannesburg erlebt, die zum Rückflug neben schweren Koffern riesige Holzgiraffen anschleppten. Das Schicksal der Tiere endet meist elend unter Hausstaub begraben oder im Kamin. Orchideen aus Bangkok gehen nach einiger Zeit von selbst kaputt, nicht aber funktionslose Funktionswäsche aus Asien, für die viele Polyester ihr Leben ließen. Machen Sie sich vorher eine Einkaufsliste - vorausgesetzt Sie haben nicht gerade PMS, Liebeskummer oder sonstigen Frust - und halten Sie sich strikt daran. Aber kaufen Sie NIEMALS etwas, das nicht auf dieser Liste steht. Selbst wenn die Verkäuferin beim Leben ihrer Großmutter geschworen hat, dass Sie eine typische Size 6 sind, wird ihnen die Hose deshalb noch lange nicht passen, und die 38er Bluse aus Fernost ist nunmal für schmalbrüstige Asiatinnen konzipiert. Großmütter von Verkäuferinnen sterben oft früh.
Einzige Ausnahme in obiger Regel ist ein Stadtplan. Dieses notwendige Accessoire könnte Sie in Kombination mit einem Kompass unter Umständen vor dem schmerzhaften Hühneraugentod bewahren. Vorausgesetzt Sie sind eine Frau, die Straßenkarten von Burda-Schnittmustern unterscheiden und ihrem Verwendungszweck gemäß interpretieren kann. Vergessen Sie alles, was Sie über die Hilfsbereitschaft der jeweiligen Landesbewohner gehört haben. Tipps von hilfsbereiten Passanten zählen eher zur Kategorie Smalltalk. Die Wenigsten haben einen so guten Orientierungssinn wie Sie. Erschwerend kommt hinzu, dass man Sie in Fernost lieber in die Irre führt, als die eigene Ahnungslosigkeit zuzugeben. Stadtpläne gibt es übrigens an der Hotelrezeption meist gratis, inklusive für Sie später unverständlicher Kulieinzeichnungen eines Angestellten.
Ein Stadtplan allein macht allerdings auch noch keinen Rückweg. Versichern Sie sich vor Verlassen des Hotels, dass Sie eine Visitenkarte mit Adressaufdruck des selbigen mit sich führen. Je weniger die örtlichen Schriftzeichen unseren europäischen ähneln, um so wertvoller wird das kleine Stück Pappe, das Sie notfalls einem Taxifahrer in die Hand drücken können, vorausgesetzt Sie sind am Ende ihrer Einkaufstour im Besitz von genügend bunt bedruckten Lappen. Falls sich in Ihren Taschen nur noch Münzen befinden, werden Sie den Rückweg wohl oder übel zu Fuß antreten müssen. In meiner Tasche - eine faltbare, die immer mitreist - befinden sich unzählige solcher Pappkärtchen. Die Herausforderung besteht darin, sich für das richtige zu entscheiden. Keine leichte Aufgabe in tranceähnlichem Zustand. Falls Sie die beiden Testfragen 'wie heißen Sie?' und 'wissen Sie, wo sie sind?' für sich nicht eindeutig beantworten können, bleiben Sie lieber im Hotel. Andernfalls könnten Sie sich schnell in einer lokalen geschlossenen Einrichtung wiederfinden.
Fremde Währungseinheiten sind ebenfalls eine große Gefahrenquelle. Der Abnutzungszustand bunt bebilderter Scheine ist ebenso wenig aussagekräftig wie diverse Nullen hinter einer Ziffer. Selbst die Größe von Münzen täuscht manchmal über ihren tatsächlichen Wert. Einzig das Wissen um den Umrechnungskurs hilft hier weiter. Das Rechenzentrum im Gehirn arbeitet jedoch umgekehrt proportional zum Schlafdefizit. Lassen Sie sich nicht dazu verleiten, den entsprechen Koeffizienten der Einfachheit halber zu runden. Wer früher im Österreichurlaub mit Sieben als Multiplikator Schwierigkeiten hatte, sollte sich vor einem Aufenthalt in Asien oder Amerika besser entmündigen lassen. So manches Schnäppchen entpuppt sich nach einer Nacht als Luxusartikel. Auch 100 Yen oder 99 Cent Shops bewahren Sie nicht davor, zu viel Geld auszugeben. Selbst wenn Sie noch so viel Freude beim Erwerb der Billigartikel hatten, glauben Sie mir, die Freude der Tante an einem Plastikelch oder die des Onkels über Toilettenschlappen hält sich in Grenzen.
Zum Schluß noch ein Hinweis in eigener Sache: sollten Sie jemals im Ausland eine auf den Stufen eines öffentlichen Gebäudes zusammengekauerte, weinende Person mit Ray Ban Sonnenbrille und Guccifaketasche bemerken, handelt es sich weder um eine geistig Verwirrte, noch um eine Oberklassenobdachlose, sondern um die Angestellte einer Fluggesellschaft. Setzen Sie sie in das nächste Taxi und geben Sie dem Fahrer genügend Geld, die größeren Hotels der Stadt abzufahren. Mit Ihrem selbstlosen Handeln haben Sie ermöglicht, dass mehr als 200 Passagiere ihr Ziel pünktlich erreichen. Und wer weiß, vielleicht erhalten Sie eines Tages ein Päckchen mit einem Dankschreiben und Toilettenschlappen oder einem Plastikelch. Das könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.
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Sonntag, 26. August 2007
A room with a view (16)
frau klugscheisser, 12:05h

Denver, Colorado
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Montag, 20. August 2007
The boxer
frau klugscheisser, 23:43h
Nach einem langen Arbeitstag aus den Schuhen, Schlüssel auf die Ablage, Uniform auf die Bügel. Mein Blick fällt auf ein Päckchen, das da so unberührt und harmlos an der Türe liegt. Jemand hat mir eine CD von meiner Wunschliste geschenkt und schreibt:
Ich wäre auch gerne ein besserer Mensch - klappt nicht wirklich... Keep on writing - und danke dafür!!
Da wurde mir kurz sehr warm um's Herz.
[Der Dank ist ganz auf meiner Seite. Einen herzlichen Gruß nach Berlin unbekannterweise. Vielleicht genügt ja schon der Gedanke... ]
Ich wäre auch gerne ein besserer Mensch - klappt nicht wirklich... Keep on writing - und danke dafür!!
Da wurde mir kurz sehr warm um's Herz.
[Der Dank ist ganz auf meiner Seite. Einen herzlichen Gruß nach Berlin unbekannterweise. Vielleicht genügt ja schon der Gedanke... ]
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Montag, 13. August 2007
Waiting is the hardest part
frau klugscheisser, 17:36h
Normalerweise weigere ich mich, vor acht das Reich der Träume zu verlassen, es sei denn, man bietet mir als Gegenleistung Geld. Für den Routinecheck beim Fliegerarzt bekomme ich keines, muss aber trotzdem hin. Heute Morgen also um kurz vor sechs aus dem Bett gefallen, schnell in frische - vor allem tageslichttaugliche - Unterwäsche geschlüpft und ab zum Einsatzzentrum. Hilft ja nix, die lassen mich sonst nicht mehr in die Luft.
Erst mal fülle ich eine Menge Zettel mit einer Menge Fragen zu meinem Werdegang, Vorerkrankungen und sonstigen Auffälligkeiten aus. Da die Sprechstundenhilfe droht, ich müsse jedes 'ja' begründen, schreibe ich sicherheitshalber überall ein 'nein', außer beim Abschnitt mit den Drogen. Hier schreibe ich wahrheitsgemäß 'Zigaretten', bis ich zwei Zeilen weiter unten explizit nach meinen Rauchgewohnheiten gefragt werde. Ich streiche also die Zigaretten unter 'Drogen' wieder raus, sonst glaubt noch einer, ich würde die intravenös konsumieren. Die Fragen sind beantwortet, meine Zeit aber noch nicht um. Ich warte. Aus Langeweile blättere ich in meinem Impfbuch und stelle fest, dass die nächste Tetanus in drei Jahren fällig wird. Ich ahne, dass mir diese Tatsache bis in drei Jahren entfallen ist und bettle die Sprechstundenhilfe um eine vorzeitige Impfung an. Die hat's jedoch auf mein Blut abgesehen. Arzthelferinnen wollen auch immer nur das eine.
Nach der Blutentnahme bekomme ich einen schicken Plastikbecher für die Urinprobe und ein verschließbares Röhrchen für festere Bestandteile. Eigentlich will ich mir damit noch etwas Zeit lassen, doch die freundliche Dame beharrt auf sofortige Abgabe der flüssigen Variante. Na schön, kann sie haben. "Bitte NUR den Mittelstrahl" höre ich in meinem inneren Ohr. Als ich vor drei Jahren zuletzt bei der Untersuchung war, wurde ich unfreiwillig Zeuge eines Dramas, das sich zwischen Labor und Herrentoilette abspielte. Ein Pilot, dem das Wort 'Mittelstrahl' nicht so geläufig war, wurde insgesamt viermal resolut und unter lautstarken Instruktionen auf den Weg zur Toilette geschickt. Immer schön an den wartenden Kollegen vorbei. Als er das vierte Mal die Türe der Toilette hinter sich schloß, sah er ziemlich ausgemergelt aus. In der Hand trug er zitternd die letzten Tröpfchen des goldenen Gutes zum Labor. Bei den Worten der Laborantin "bissl wenig aber wird schon gehen" und unter dem Applaus der Wartenden huschte ein erleichtertes Lächeln über sein Gesicht.
Die diversen Untersuchungen sind schnell vorbei. Der schwerste Teil steht mir allerdings noch bevor. Ich soll dieses verschlossene Röhrchen mit dem entsprechenden Inhalt füllen. Weil die Untersuchung innerhalb von drei Tagen erfolgen muss, ich jedoch nicht extra für eine Stuhlprobe den weiten Weg nochmals zurücklegen will, entscheide ich mich zu warten. Meistens hilft morgens ein Kaffee und eine Zigarette, um den Vorgang zu beschleunigen. In der Kantine sitzen einige Kollegen, die natürlich alle fragen, was ich hier in zivil mache. "Ich mache gleich eine Stuhlprobe", antworte ich wahrheitsgemäß. Schnell sind die Kollegen mit praktischen Tipps bei der Hand. Von Sauerkraut über Buttermilch bis hin zu Glaubersalz wird alles debattiert. Ich winke dankend ab, dauert zu lange, ist zu aufwendig oder leicht übertrieben. Beim dritten Kaffee haben die Gesprächsthemen gewechselt. In meinem Bauch tut sich immer noch nichts. Ab und zu stößt ein neuer Kollege zur Gruppe, selbstverständlich fragend, was ich hier treibe. Und dann geschieht plötzlich in zweifacher Form etwas, auf das ich lange gewartet habe. Nur, wie alles im Leben, kommt's halt nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte.
Es gibt da nämlich einen Kollegen, nach dem ich schon seit einiger Zeit Ausschau halte, sobald ich das Einsatzzentrum betrete. Unser gemeinsamer Flug ist schon ein paar Monate her. Meine Telefonnummer hat er ganz sicher verloren, denn er rief nie an. Aus sicherer Quelle erfuhr ich, dass er weder schwul noch liiert sei, letzteres aber gerne wäre. Böse Zungen könnten jetzt behaupten, er sei entweder inkompatibel oder schlichtweg nicht an mir interessiert. In meinem Alter kann man sich jedoch so eine Einstellung nicht mehr leisten. Außerdem war ich schon immer hartnäckig. Getroffen habe ich ihn allerdings seitdem nicht mehr. Bis gerade eben jedenfalls, denn plötzlich steht er mir den Rücken zugewandt am Nebentisch. In meinem Kopf beginnt es zu rattern. Soll ich ihn ansprechen? Was soll ich denn sagen? Oh Gott, mir ist warm. Mist, die Bluse ist schon naß unter den Armen. Und zum Schminken hat's heute Morgen auch nicht mehr gereicht. Meine Güte, der große Pickel am Kinn und die Tränensäcke, so kann ich ihm unmöglich unter die Augen treten. Und wenn er mich fragt, was ich hier mache? Ich kann wohl kaum antworten, dass ich 'endlich mal wieder so richtig scheissen möchte'. Ganz schlecht, wenn einer ein Zitat nicht als solches erkennt und dann auch noch so eines. Außerdem ist er sowieso sicher in Eile. Am Besten ganz unauffällig verhalten. Der sieht mich bestimmt nicht. Oder doch lieber ansprechen? Hab schließlich lange genug gewartet... Und noch bevor ich irgendetwas beschließe, beginnt es, durch den Adrenalinstoß ganz natürlich angetrieben, in meinem Bauch ebenfalls zu rattern. "Hallo! Was machst Du denn hier?" höre ich ihn noch rufen, bevor ich wie von der Tarantel gestochen zur Türe hinauslaufe.
"Scheiß auf den Typ!" murmle ich leise, als ich das Röhrchen mitsamt Inhalt beim Labor abgebe. Wenn das mal kein Wink des Schicksals war.
Erst mal fülle ich eine Menge Zettel mit einer Menge Fragen zu meinem Werdegang, Vorerkrankungen und sonstigen Auffälligkeiten aus. Da die Sprechstundenhilfe droht, ich müsse jedes 'ja' begründen, schreibe ich sicherheitshalber überall ein 'nein', außer beim Abschnitt mit den Drogen. Hier schreibe ich wahrheitsgemäß 'Zigaretten', bis ich zwei Zeilen weiter unten explizit nach meinen Rauchgewohnheiten gefragt werde. Ich streiche also die Zigaretten unter 'Drogen' wieder raus, sonst glaubt noch einer, ich würde die intravenös konsumieren. Die Fragen sind beantwortet, meine Zeit aber noch nicht um. Ich warte. Aus Langeweile blättere ich in meinem Impfbuch und stelle fest, dass die nächste Tetanus in drei Jahren fällig wird. Ich ahne, dass mir diese Tatsache bis in drei Jahren entfallen ist und bettle die Sprechstundenhilfe um eine vorzeitige Impfung an. Die hat's jedoch auf mein Blut abgesehen. Arzthelferinnen wollen auch immer nur das eine.
Nach der Blutentnahme bekomme ich einen schicken Plastikbecher für die Urinprobe und ein verschließbares Röhrchen für festere Bestandteile. Eigentlich will ich mir damit noch etwas Zeit lassen, doch die freundliche Dame beharrt auf sofortige Abgabe der flüssigen Variante. Na schön, kann sie haben. "Bitte NUR den Mittelstrahl" höre ich in meinem inneren Ohr. Als ich vor drei Jahren zuletzt bei der Untersuchung war, wurde ich unfreiwillig Zeuge eines Dramas, das sich zwischen Labor und Herrentoilette abspielte. Ein Pilot, dem das Wort 'Mittelstrahl' nicht so geläufig war, wurde insgesamt viermal resolut und unter lautstarken Instruktionen auf den Weg zur Toilette geschickt. Immer schön an den wartenden Kollegen vorbei. Als er das vierte Mal die Türe der Toilette hinter sich schloß, sah er ziemlich ausgemergelt aus. In der Hand trug er zitternd die letzten Tröpfchen des goldenen Gutes zum Labor. Bei den Worten der Laborantin "bissl wenig aber wird schon gehen" und unter dem Applaus der Wartenden huschte ein erleichtertes Lächeln über sein Gesicht.
Die diversen Untersuchungen sind schnell vorbei. Der schwerste Teil steht mir allerdings noch bevor. Ich soll dieses verschlossene Röhrchen mit dem entsprechenden Inhalt füllen. Weil die Untersuchung innerhalb von drei Tagen erfolgen muss, ich jedoch nicht extra für eine Stuhlprobe den weiten Weg nochmals zurücklegen will, entscheide ich mich zu warten. Meistens hilft morgens ein Kaffee und eine Zigarette, um den Vorgang zu beschleunigen. In der Kantine sitzen einige Kollegen, die natürlich alle fragen, was ich hier in zivil mache. "Ich mache gleich eine Stuhlprobe", antworte ich wahrheitsgemäß. Schnell sind die Kollegen mit praktischen Tipps bei der Hand. Von Sauerkraut über Buttermilch bis hin zu Glaubersalz wird alles debattiert. Ich winke dankend ab, dauert zu lange, ist zu aufwendig oder leicht übertrieben. Beim dritten Kaffee haben die Gesprächsthemen gewechselt. In meinem Bauch tut sich immer noch nichts. Ab und zu stößt ein neuer Kollege zur Gruppe, selbstverständlich fragend, was ich hier treibe. Und dann geschieht plötzlich in zweifacher Form etwas, auf das ich lange gewartet habe. Nur, wie alles im Leben, kommt's halt nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte.
Es gibt da nämlich einen Kollegen, nach dem ich schon seit einiger Zeit Ausschau halte, sobald ich das Einsatzzentrum betrete. Unser gemeinsamer Flug ist schon ein paar Monate her. Meine Telefonnummer hat er ganz sicher verloren, denn er rief nie an. Aus sicherer Quelle erfuhr ich, dass er weder schwul noch liiert sei, letzteres aber gerne wäre. Böse Zungen könnten jetzt behaupten, er sei entweder inkompatibel oder schlichtweg nicht an mir interessiert. In meinem Alter kann man sich jedoch so eine Einstellung nicht mehr leisten. Außerdem war ich schon immer hartnäckig. Getroffen habe ich ihn allerdings seitdem nicht mehr. Bis gerade eben jedenfalls, denn plötzlich steht er mir den Rücken zugewandt am Nebentisch. In meinem Kopf beginnt es zu rattern. Soll ich ihn ansprechen? Was soll ich denn sagen? Oh Gott, mir ist warm. Mist, die Bluse ist schon naß unter den Armen. Und zum Schminken hat's heute Morgen auch nicht mehr gereicht. Meine Güte, der große Pickel am Kinn und die Tränensäcke, so kann ich ihm unmöglich unter die Augen treten. Und wenn er mich fragt, was ich hier mache? Ich kann wohl kaum antworten, dass ich 'endlich mal wieder so richtig scheissen möchte'. Ganz schlecht, wenn einer ein Zitat nicht als solches erkennt und dann auch noch so eines. Außerdem ist er sowieso sicher in Eile. Am Besten ganz unauffällig verhalten. Der sieht mich bestimmt nicht. Oder doch lieber ansprechen? Hab schließlich lange genug gewartet... Und noch bevor ich irgendetwas beschließe, beginnt es, durch den Adrenalinstoß ganz natürlich angetrieben, in meinem Bauch ebenfalls zu rattern. "Hallo! Was machst Du denn hier?" höre ich ihn noch rufen, bevor ich wie von der Tarantel gestochen zur Türe hinauslaufe.
"Scheiß auf den Typ!" murmle ich leise, als ich das Röhrchen mitsamt Inhalt beim Labor abgebe. Wenn das mal kein Wink des Schicksals war.
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Sonntag, 12. August 2007
Oh the warm feeling
frau klugscheisser, 03:10h
Es gibt so Tage, da wäre ich gerne ein besserer Mensch. Das passiert vorwiegend, wenn ich besonders dünnhäutig bin, weil nach einer Langstrecke übernächtigt, ein anrührendes Buch zu Ende gelesen, einen Film unter die Haut gehen lassen, den Vollmond bejammert oder schlichtweg kurz vor meiner Regel. In solch einem Zustand würde ich ohne mit der Wimper zu zucken Zeitschriftenabos an der Türe unterschreiben, Geld verleihen, dem GEZ Angestellten einen Kaffee anbieten und eventuell Jehovas Zeugen beitreten. Deswegen gibt es in solch einer Gemütsverfassung nur einen Ausweg: kein Außenkontakt! Fenster und Türen dicht machen und die Decke bis über beide Ohren ziehen, bis sich der Gefühlsdusel langsam wieder beruhigt.
Wenn ich danach - Herr meiner Sinne - allerdings immer noch der Meinung bin, ich sollte mein Scherflein zum Gemeinwohl beitragen, dann wird das wohl einen fundierten Grund haben. Jetzt bin ich nicht der Typ, der sich gemeinnützigen Organisationen anschließt oder Obdachlosen Suppe kocht. Ich kenne mich einfach zu gut, um zu wissen, dass solche Aktionen bei mir temporär begrenzt wären. Mir liegen mehr die kleinen Gesten, die man jederzeit im Alltag unterbringen kann und die mich hoffentlich über kurz oder lang dauerhaft zu einem besseren Menschen machen. Oder so.
Es ist doch so: wir bezahlen Gesprächstherapeuten, damit uns jemand zuhört. Wir sehnen uns nach engen Zweierbeziehungen, um einen vermeindlichen Anker in den Alltagsstürmen zu haben. Wir kaufen Häuser, Autos und Kleider, um von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Wir verhindern jeden Anflug von Einsamkeit mit im Hintergrund laufenden Fernsehern und Radios. Ganz tief drinnen glauben wir immer noch, mit unserer Existenz gleichzeitig ein Anrecht auf Glück gepachtet zu haben. Und obwohl wir wissen, dass es auf die herkömmliche Weise nicht funktioniert, versuchen wir es immer wieder, anstatt unsere Methode auch nur einmal zu ändern. Wir klatschen wie Fliegen ständig an die Fensterscheiben des Lebens und hinterlassen dort unseren Jammerkot, anstatt durch den geöffneten Spalt zu entkommen.
Meistens sind es Kleinigkeiten, die den Alltag erhellen. Eine Blume, ein Lächeln, ein Kompliment, ungeteilte Aufmerksamkeit. Wir alle wollen wahrgenommen werden. Dennoch fällt es uns manchmal so schwer, dieses Bedürfnis gegenseitig zu stillen. So hetzt jeder mit seinem Defizit durch die Gegend, obwohl die Lösung so einfach wäre. Der alten Dame an der Ampel einen wunderschönen Tag wünschen, ein kleiner Plausch mit der geschwätzigen Hausmeisterin, ein Kompliment an die Kollegin für ihre neue Frisur, eine Freundschaft anbieten, anstatt sie einzufordern, einer alten Verwandten ohne Grund über die Wange streichen, eine Postkarte an einen Bekannten verschicken, es gibt unzählige Möglichkeiten.
Der Lohn ist das warme Gefühl im Bauch, wenn es gelingt, ein Lächeln auf ein Gesicht zu zaubern. Funktioniert garantiert. Man muss es nur wahrnehmen.
In diesem Sinne, good night and good luck.
Das Wort zum Sonntag sprach diesmal Frau Klugscheisser.
Wenn ich danach - Herr meiner Sinne - allerdings immer noch der Meinung bin, ich sollte mein Scherflein zum Gemeinwohl beitragen, dann wird das wohl einen fundierten Grund haben. Jetzt bin ich nicht der Typ, der sich gemeinnützigen Organisationen anschließt oder Obdachlosen Suppe kocht. Ich kenne mich einfach zu gut, um zu wissen, dass solche Aktionen bei mir temporär begrenzt wären. Mir liegen mehr die kleinen Gesten, die man jederzeit im Alltag unterbringen kann und die mich hoffentlich über kurz oder lang dauerhaft zu einem besseren Menschen machen. Oder so.
Es ist doch so: wir bezahlen Gesprächstherapeuten, damit uns jemand zuhört. Wir sehnen uns nach engen Zweierbeziehungen, um einen vermeindlichen Anker in den Alltagsstürmen zu haben. Wir kaufen Häuser, Autos und Kleider, um von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Wir verhindern jeden Anflug von Einsamkeit mit im Hintergrund laufenden Fernsehern und Radios. Ganz tief drinnen glauben wir immer noch, mit unserer Existenz gleichzeitig ein Anrecht auf Glück gepachtet zu haben. Und obwohl wir wissen, dass es auf die herkömmliche Weise nicht funktioniert, versuchen wir es immer wieder, anstatt unsere Methode auch nur einmal zu ändern. Wir klatschen wie Fliegen ständig an die Fensterscheiben des Lebens und hinterlassen dort unseren Jammerkot, anstatt durch den geöffneten Spalt zu entkommen.
Meistens sind es Kleinigkeiten, die den Alltag erhellen. Eine Blume, ein Lächeln, ein Kompliment, ungeteilte Aufmerksamkeit. Wir alle wollen wahrgenommen werden. Dennoch fällt es uns manchmal so schwer, dieses Bedürfnis gegenseitig zu stillen. So hetzt jeder mit seinem Defizit durch die Gegend, obwohl die Lösung so einfach wäre. Der alten Dame an der Ampel einen wunderschönen Tag wünschen, ein kleiner Plausch mit der geschwätzigen Hausmeisterin, ein Kompliment an die Kollegin für ihre neue Frisur, eine Freundschaft anbieten, anstatt sie einzufordern, einer alten Verwandten ohne Grund über die Wange streichen, eine Postkarte an einen Bekannten verschicken, es gibt unzählige Möglichkeiten.
Der Lohn ist das warme Gefühl im Bauch, wenn es gelingt, ein Lächeln auf ein Gesicht zu zaubern. Funktioniert garantiert. Man muss es nur wahrnehmen.
In diesem Sinne, good night and good luck.
Das Wort zum Sonntag sprach diesmal Frau Klugscheisser.
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Samstag, 11. August 2007
Heard it through the grapevine
frau klugscheisser, 14:25h
Würden die Menschen öfter 'wir' als 'ich' denken, wäre die Welt zweifellos ein kleines bisschen schöner. Allegra berichtet beispielsweise von der neapolitanischen Tradition des caffè pagato, die ich sehr schön finde:
jemand kommt in eine bar um sich einen caffè zu bestellen...anstelle eines caffè's bezahlt er allerdings zwei...er selbst trinkt nur den einen und den zweiten...bezahlten...laesst er als kredit stehen fuer irgendjemanden, der sich keinen caffè leisten kann...dieser jemand kann dem caffètrinker voellig unbekannt sein...wichtig dabei ist nur die tatsache, dass falls mal wirklich jemand in not geraten ist und sich, aus welchen gruenden auch immer, keinen caffè in der bar leisten kann, sich in napoli mit gutem gewissen in irgendeine bar begeben kann um einem "caffè pagato" zu bestellen...irgendjemand wird schon einen bezahlt haben...
jemand kommt in eine bar um sich einen caffè zu bestellen...anstelle eines caffè's bezahlt er allerdings zwei...er selbst trinkt nur den einen und den zweiten...bezahlten...laesst er als kredit stehen fuer irgendjemanden, der sich keinen caffè leisten kann...dieser jemand kann dem caffètrinker voellig unbekannt sein...wichtig dabei ist nur die tatsache, dass falls mal wirklich jemand in not geraten ist und sich, aus welchen gruenden auch immer, keinen caffè in der bar leisten kann, sich in napoli mit gutem gewissen in irgendeine bar begeben kann um einem "caffè pagato" zu bestellen...irgendjemand wird schon einen bezahlt haben...
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