Donnerstag, 20. August 2020
Everything Counts in Large Amounts
Bei meinem heutigen Ausflug an den Starnberger See konnte ich wunderbare Sozialstudien betreiben, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Nicht am See selbst, denn dort beobachtete ich vor allem die Segler und Ruderer oder starrte einfach auf's Wasser. Dafür war die Heimreise mit der S-Bahn umso ergiebiger.

Die elektronische Anzeige kündigt die Bahn zurück in die Stadt mit wechselnden Abfahrtszeiten an. Als sie auf dem gegenüberliegenden Gleis eintrifft, stellt sich auch die Gleisangabe als irrtümlich heraus. Innerlich gebe ich sie bereits verloren, denn um sie zu erreichen, muss ich durch die Unterführung auf die andere Seite, setze mich aber dennoch mit vielen anderen Wartenden in Richtung Treppenabgang in Bewegung. Die Menschenmenge begegnet beim nächsten Treppenaufgang den Angekommenen, die Treppe bietet zu wenig Raum für gleichzeitigen Auf- und Abstieg. In beide Richtungen wird geschnaubt, gedrängelt und geschwitzt, denn die Temperaturen liegen im Aussenbereich um 30°. Oben laufe ich noch ein Stück nach vorne. Vermutlich steigen alle bei der ersten erreichbaren Türe ein. Ich befinde mich zunächst in einem fast vollständig leeren Abteil, bis sich nach wenigen Minuten drei ältere Damen im geschätzten Alter um 75 in der Sitzgruppe neben meiner niederlassen. Nach und nach stoßen eine Ausflugsgruppe und weitere Einzelpersonen hinzu.

Gerti, die vermutlich älteste der Damenrunde, beschwert sich bei den Freundinnen über die Gleisänderung. Man hätte schließlich mehr als 10 Minuten auf dem falschen Bahnsteig gewartet und hätte da ja schon in Ruhe das Gleis wechseln können, hätte man's halt gewusst. Aber nein - und da pflichten ihr die Freundinnen eifrig bei - da müsse man sich auf den letzten Drücker abhetzen und zudem so ohne Information, das sei wirklich nicht die feine Art. Nun sei man aber froh, es rechtzeitig geschafft zu haben. Auch hier wieder eifriges Nicken der Begleiterinnen. Mir fällt auf, dass ich diese Stimmen bereits am falschen Bahnsteig sich über fehlenden Schatten beschweren gehört habe. Und obwohl ich nach vorne in die Sonne auswich, während die Drei im Schatten am Treppenabgang warteten, kann ich meinem Schicksal nicht entgehen.

Nach der zweiten Station hält der Zug unvermutet auf freier Strecke. Ein paar Minuten passiert nichts, dann fällt Gerti ein, dass sie genau diese Situation vor Kurzem schon einmal erlebte. Keine Information hätt's gegeben, nichts. Noch beraten die Damen, ob es schlimmer sei, in einem Tunnel zu stehen oder auf freier Strecke. Nach weiteren fünf Minuten hat es auch jetzt noch keine Durchsage gegeben und die Damen werden unruhig. Ob Gerti wohl Recht behält und der Zug diesmal auch eine halbe Stunde ohne Erklärung auf der Stelle bleibt? Es werden Handys gezückt. Die Verspätungsapp hat Gerti nicht drauf, denn die braucht so viel Platz. Karla hat mehr Speicher, kann aber keine Verspätung ablesen. Da schallt die Stimme des Zugführers in tiefem bayrisch und auch sonst schwer verständlich durch das Abteil. "Mndammherrrrrn wenganaratchnschnStrrrrrunghamapfrrrrammmpstzt... wanniwoaswaslosis."

Gerti ist indigniert, weil die Damen nichts verstehen, obwohl sie selbst sowohl Landessprache als auch Dialekt beherrschen. Ich überlege kurz ob ich übersetze, verwerfe den Gedanken dann aber kurzerhand, da ich nicht in's Gespräch eingebunden werden möchte. Überhaupt möchte ich nur sitzen und beobachten, was mit den Leuten um mich und mit mir geschieht. Die Bahn steht nun schon seit 20 Minuten mit ungewisser Weiterfahrt. Während ich durch die Reflexion der Plastikabsperrung die Insassen hinter mir registriere, bemerke ich einen kurzen Anflug von Panik in mir aufsteigen. Ein geschlossener Raum ohne Möglichkeit zur Flucht, dazu steigende Temperaturen, lassen auch andere Reisende nicht gleichgültig. Einer hat sein Shirt ausgezogen, ein anderer eine Flasche Bier geöffnet. Die ersten Masken werden kurz gelüftet. Ich bleibe stoisch, während Gertis Damen überlegen, wie man Kontakt zum Zugführer aufnehmen könne. Da sei doch immer so ein Knopf am Ausgang mit einem Mikrofon. Die Türen werden jetzt genau inspiziert. Der Knopf ist aber nur zum Öffnen da. Dieses Risiko will man letztlich doch nicht eingehen. Stattdessen wird weiter über die Bahn im Allgemeinen und den Zugführer im Besonderen larmentiert.

Schnell sind sich Gertis Damenkränzchen und andere Reisende einig, dass die Entschuldigungen der Bahn generell geheuchelt seien. Man könne sich ja nicht mal irgendwo beschweren, das bringe ja nichts, denn wenn es was brächte, hätten es die vielen von Verspätung betroffenen Pendler schon getan. Zwischenzeitlich werden vorbeifahrende Züge kommentiert und Vorschläge unterbreitet, den Zug wenigstens bis zur nächsten Station fahren zu lassen. Eine andere Problemlösung kommt vom Viererabteil hinter Gertis. Man könne ja das Gleis wechseln. Wohlgemerkt weiß keiner, ob die Störung die Strecke oder den Zug betrifft, als Gerti einfällt, dass der Zug ja bereits vom falschen Gleis abgefahren sei. Sie ist sich jetzt ziemlich sicher, der Defekt am Zug war schon vorher bekannt gewesen, man habe ihn zum Test aber trotzdem fahren lassen und nun stünde er eben auf dem nicht benötigten Gleis. Dieses Wissen bekräftigt sie noch mehrere Male, während hinter uns die ersten unverschämt Rufe laut werden. Man ist sich einig, dass der Zugführer, der kurz vorher in einer weiteren Ansage seine Bemühung um Problembehebung kundtat, und die Bahn uns absichtlich in diese unsägliche Situation gebracht haben. Nur die Ausflugsgruppe, der Biertrinker und ich bleiben stoisch. So entstehen Verschwörungstheorien, denke ich und der Biertrinker schüttelt ein wenig den Kopf.

Der Rest ist schnell erzählt. Der Zug setzt sich nach etwa einer Stunde in Bewegung und alle steigen einigermaßen wohlbehalten an der nächsten Station aus. Auch Gerti, die zuvor ankündigte, im Abteil gleich zu kollabieren, damit endlich etwas geschehe und nun Kopfschmerzen beklagt. Nach der letzten Ansage des Zugführers mit Aufforderung an alle, den Zug bitte zu verlassen, beschweren sich die Damen noch lautstark über seine fehlende Entschuldigung (Anm.d.R.: eine geheuchelte). Als dieser den Zug zur Kontrolle abläuft, schauen ihm alle stumm mahnend hinterher. Mein Fazit des Tages lautet: Du kannst es den Leuten einfach nicht recht machen. Und ich frage mich wieder, ob sich je einer mal in die andere Seite von Dienstleistung versetzt. Gerti tut es jedenfalls nicht.

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Dienstag, 21. Januar 2020
Sun is Shining


Die Sonne gibt heute alles, während ich langsam zum Knochendoktor an der Theatinerkirche vorbei schleiche. Ich ahne, dass was nicht stimmt, will's aber nicht wahrhaben. Eigentlich sollte doch schon längst und vor allem wo ich doch so jung und so weiter. Fakt ist aber, dass die Schmerzen und die Krücken immer noch da sind. Dann das Urteil: Geduld, Heilung verzögert, wahrscheinlich zu viel Belastung und zu wenig Ruhe, wahrscheinlich der Ilio, weil auf dem Röntgenbild alles im grünen Bereich. Das Bein kann ich trotzdem nicht heben. Die Laune heute auch nicht.

Morgen schließe ich ein fulminantes Jahr ab. Eines das mit einer tollen Feier und einigen tollen Begegnungen begann, das viel Neues, viel Fernes und Kurioses aber auch viel Schmerzen und viel Tränen brachte. Ich habe viel gelernt und viel gelassen, viel getan und viel gelebt. Dankbarkeit für dieses Lebensjahr, wenn es auch in Teilen keines ist, an das ich mich erinnern, so doch eines, das ich auf keinen Fall missen möchte. Das Gute überwiegt das Schwierige. So darf es gerne weitergehen.

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Donnerstag, 17. Oktober 2019
No Surprise

Gestern war ich zu Gast bei einer Geburtstags-Überraschungsparty. Eigentlich ahnte der Jubilar bereits von der bevorstehenden Überraschung und hatte seinem Freund meine Telefonnummer zugespielt, indem er sein Handtelefon entsperrt auf dem Tisch ließ. Auch andere Dinge waren nicht so sehr vom Planer als vielmehr vom Jubilar selbst geplant, wie beispielsweise die Örtlichkeit und die Zusammensetzung des Kuchens. Ein geschickter Schachzug, wie ich finde. Der Planer indes hatte viel Freude am Umsetzen seiner angeblich eigenen Ideen und dem Gelingen der Überraschung, wie er über den Sammelkanal verlauten ließ. Das rührende an der Geschichte ist, dass er selbst nichts davon ahnte, wie sehr er in gewisser Weise manipuliert wurde. Der Freude des Geburtstagskindes tat dies keinen Abbruch. Am Ende waren alle glücklich.

Das Geschenk allerdings war eine Überraschung, denn damit hatte der Beschenkte nun wirklich nicht gerechnet. Er wollte einfach nur einen schönen Abend mit seinen Freunden verbringen. Dass dann sowohl Deko als auch etwas zum Auspacken präsentiert wurden, rührte ihn doch sehr. Das eigentliche Präsent befand sich in einem Umschlag, doch so ein Umschlag repräsentiert nicht gut. Also habe ich einen Karton aufgehübscht, ihn mit Luftfolie ausgestopft, damit man vorab schütteln kann und schließlich mit einer Schleife verschlossen. Die Spannung war beim Öffnen groß, die Überraschung noch größer.



Und schließlich waren alle sehr zufrieden, dass sie ihn doch noch überraschen konnten. Der Planer tat mir jedoch ein bisschen leid, denn er hätte sich sicher mehr über das ganze Gelingen seines Planes gefreut als einen Teilerfolg zu erhalten. Doch die Freude des Teilüberraschten machten das sicher wieder wett.


All das ließ mich wieder über die Sache nachdenken, wie viel mehr der Akt des Schenkens mit dem Gebenden als mit dem Beschenkten zu tun hat.

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Dienstag, 8. Oktober 2019
Who Let The Dogs Out
Da war diese ältere Dame mit dem Schäferhund - ein Servicehund offensichtlich, er trug ein Geschirr und hatte ein Zeugnis. Die Beiden sorgten bei allen Anwesenden für großen Aufruhr, denn der Hund war einerseits sehr groß und sollte andererseits in der Kabine reisen. Normalerweise werden Hunde dieser Größenordnung in speziellen Behältnissen im Frachtraum befördert. Das war auch der ursprüngliche Plan seiner Besitzerin. Doch Beförderungsvorschriften für die Größe des Behältnisses, das für den Hund laut Mitarbeitern zu klein war, machten diesen Plan zunichte. So tauchte er bei uns auf und sollte seinen Platz zu Füßen der Dame einnehmen, wofür er eigentlich auch zu groß schien. Die Dame war sehr aufgebracht, denn sie hatte von dieser Vorschrift an jenem Tag zum ersten Mal gehört, obwohl sie ihren Hund in der Vergangenheit doch schon öfter in selbigem Behältnis den Frachtverantwortlichen ohne weitere Einwände übergeben konnte. Eine gewisse Unsicherheit über die neue Beförderungssituation ließ sie noch aufgeregter sein, als sie ohnehin war.

Nun muss man wissen, dass auch die Beförderung in der Kabine strengen Regeln unterliegt. Während in anderen Ländern selbst Ponies zur emotionalen Unterstützung zu Füßen des hilfsbedürftigen Gastes liegen dürfen, beschränkt sich unser Recht auf Hunde und Katzen einer bestimmten Größe. Das liegt schlicht am Platzmangel und den Rechten weiterer, nebensitzender Passagiere. Dem Hund schien das alles herzlich egal zu sein. Er wirkte lethargisch und mehr um seine einknickenden Hinterläufe bemüht als um die Halterin, die sich selbst auf sein Geschirr zu stützen schien. Dies wiederum führte zu großer Aufruhr unter den Kolleginnen. So berichtete eine, der Hund wäre nicht in Ordnung, man solle doch das Tier von der Beförderung ausschließen und bitteschön dem Veterinär vorstellen, eine andere bat für eine Begutachtung ihre Erfahrung als Tierarztpraktikantin an, was nun wiederum mich staunend und ratlos zurückließ. Wie erklärt man besorgten Kolleginnen, dass der Beförderungsausschluß eines Servicehundes zur berechtigten Klage gegen die Firma führt? Wie erhält man das gute Arbeitsklima, wenn die allgemeine Verantwortung in erster Linie gegenüber den Passagieren gilt, nicht aber für mitgeführte Tiere?

Schließlich brachten wir das Tier in einer Mittelreihe auf dem Boden zum Liegen. Der Halterin standen dadurch drei Plätze zur Verfügung. Gelegentlich ragte jedoch ein Hinterlauf, der Schwanz und nach ein paar Stunden der komplette hintere Hund in den Gang. Ich versuchte vorsichtig aber erfolglos dieses Hintere wieder in die Reihe zu schieben, denn im dunklen Gang bildete es eine Stolperquelle. Zudem wollte ich Verletzungen des Hundes vermeiden. Das Tier war aber um so viel schwerer als ein Gepäckstück, es ließ sich nicht schieben und musste durch die Besitzerin per Zuruf wieder zum Nachrücken gebracht werden. Eine halbe Stunde lag es dann in der neuen Position. Wir besserten fortan halbstündig nach. Ein Passagier wäre mir in vergleichbarer Situation beim zweiten Mal wahrscheinlich an den Hals gesprungen, der Hund aber schien über alle Maßen geduldig.

Am Ende des Fluges informierte ich den Betreuungsdienst über die ungewöhnliche Situation. Der bereitgestellte Rollstuhl sei möglicherweise mehr für das Tier als die Dame, was den Herrn Betreuer wiederum ratlos zurückließ. Wie der Hund dann mit schwachen Hinterläufen zum Ausgang lief, wurde uns klar, dass es sich nicht um ein körperliches Gebrechen, sondern vielmehr um die Folgen der Narkose handelte. Das Tier war ja ursprünglich für den Transport im Frachtraum sediert worden. So klärten sich auf einen Schlag alle Fragen und Zweifel. Obwohl sich die Hündin bedingt durch Vorschriften für viele Stunden in einer recht misslichen Lage befand, hatte sie sich vorbildlich benommen. Zehn Stunden ohne Toilettengang, das soll erst mal ein anderer Fluggast nachmachen. Und ich empfand tiefes Mitgefühl, denn das Gangbild des Tieres glich zu diesem Zeitpunkt durch die eingeschränkte Benutzbarkeit der Hüftgelenke dem meinen doch mehr als gewöhnlich.

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Donnerstag, 26. September 2019
Rice & Curry

Noch bevor ich mich daheim akklimatisieren konnte, bin ich schon wieder unterwegs. Diesmal Indien, diesmal tolles Curry. Das und die schönen, farbigen Tücher aus erlesenem Garn sind überhaupt das Beste an Indien. Ein kleines Schmankerl, wenn man - wie ich - zuletzt für zwei Wochen mit dem Essen und anderen Widrigkeiten zu kämpfen hatte. Und schon sind die Weihnachtsgeschenke besorgt - ein paar Pashminas, ein bisschen Masala Tee und Gewürze, die natürlich auch ncht fehlen dürfen.

Dabei bemerke ich immer wieder, wie die Wertigkeit von Produkten aus fernen Ländern gesunken ist, seit jeder selbst reisen kann und alles auch in heimischen Läden erhältlich ist. Meiner Mutter brachte ich einst teuren Safran aus dem Iran mit, den sie möglicherweise auch billiger selbst hätte erstehen können. Die japanischen Essstäbchen habe ich mir deswegen verkniffen, ebenso andere Bambuserzeugnisse, für mich selbst habe ich in Japan jedoch einen Fächer erworben. Das Staunen über Exotisches ist erloschen. Was bleibt ist ein fahler Nachgeschmack von Verfügbarkeit. Nur wer selbst dort gewesen ist und die Eindrücke mit den Gegenständen veknüpft, kann dessen Wert schätzen. Globalisierung ist eine billige Hure, die jedoch niemals emotionale Reminiszenz ersetzen kann.

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Dienstag, 24. September 2019
Fish in the Sea

Wenn man wie ich vor kurzem beschlossen hat, fortan weitgehend auf tierische Nahrungsmittel zu verzichten - und nein, ich bin nicht zum Vegetarismus konvertiert, ich verspreche mir nur körperliche Besserung meiner Beschwerden abgesehen von Gründen persönlicher Weigerung, weiterhin zum globalen Wahnsinn beizutragen - der ist in Japan bei der Nahrungsaufnahme, zumindest auf dem Land ziemlich aufgeschmissen. Man könnte meinen, es gäbe dort überall Reis. Dachte ich auch, doch was mir aufgetischt wurde, war viel Fleisch, viel Fisch und viel Undefinierbares. Schnecken konnten durch die dazu servierten Häuser identifiziert werden, anderes Kriechgetier weniger.

Irgendwann war mir nach anderen Genussmitteln als Tofu und Reis, zumal alles auch ohne Fisch sehr fischlastig schmeckt. Das kommt durch die Würze mit Seetang und Algen. Die klassischen Reisdreiecke Onigiri sind in getrocknete Algenblätter gewickelt. Eine köstlich vegetarische Variante verstecken eingelegte Pflaumen im Inneren. Und jetzt essen Sie mal zwei Wochen nur das oder bleiben Sie hungrig und konsequent. Chips und Knabbereien beinhalten ebenfalls meist fischige Komponenten, denn das Salz wird damit geschmacklich ersetzt. Natürlich gibt es auch Süßigkeiten, doch bin ich aus Skepsis beim Eis geblieben. Das wird oft in kleinen Plastikbehältnissen zum Herauspressen oder -saugen (zuzeln, wie der Bayer es nennt) serviert - sehr praktisch für unterwegs. Abgesehen von fischlastiger Würze gibt es noch die Wasabivariante, die asiatische Meerrettichverwandte. Sehr scharf und sehr lecker als Snack sind Wasabierbsen, Sashimiverweigerer würzen aber auch anderes mit der grünen Paste.

Dann wäre da noch die Sache mit dem Essbesteck. Natürlich benutzt man in Japan Stäbchen. Natürlich muss dafür der Reis klumpig und das Gemüse klein geschnitten sein. Natürlich schlürft man Nudeln nicht und Suppe wird auch nicht gelöffelt. Der weitgereiste Tourist weiß das und ist dann sehr enttäuscht, wenn er das erste Mal im Restaurant einen Löffel zum Ramen benutzenden Japaner oder die Einheimische entdeckt, die Nudeln einsaugt. Ja, es gibt auch Japaner, die sich nicht an die Regeln halten, wie es Europäer gibt, die das Messer links und die Gabel rechts halten oder gar ganz auf Essbesteck verzichten. Worauf allerdings nicht verzichtet wird, ist das feuchte Tuch für die Hände vor dem Essen. Man kann nicht davon ausgehen, dass sich jeder die Hände wäscht, hat aber zumindest einen ersten Eindruck vom Gegenüber, der sich möglicherweise das Tüchlein über Gesicht und Nacken führt, um es dann anschließend inclusive persönlicher Körpersekrete auf dem Tisch ablegt. Das ist fast so schlimm wie hierzulande einmal mit Straßenschuhen auf den Tisch stehen - in Bayern nur auf dem Oktoberfest zulässig, nicht aber im Restaurant, auch nicht bei besonders guter Stimmung. Stäbchen sind übrigens aus Bambus und werden nur einmal verwendet. Trotzdem sollte man sich damit nicht am Rücken kratzen.

Wasser ist übrigens überall umsonst, während Alkoholisches sehr teuer bezahlt werden muss. Sake schmeckt lecker und ähnelt ein bisschen Wodka in Konsistenz und Wirkung. Am liebsten trinkt der Japaner grünen, ungesüßten Tee zum Essen. Auch zum Kaffee gibt es keinen Zucker. Man findet aber überall kleine Dosen mit Flüssigsirup, um zu süßen. Ist der Kaffee am Frühstücksbuffet übrigens warm, dann befindet man sich an einem westlichen Buffet. In Japan wird Kaffee vorzugsweise kalt serviert. Auch englischer Tee ist in der kalten Variante überall erhältlich, während man für warmen auf westlich orientierte Hotels zurückgreifen muss.

Damit wären meine kulinarischen Erkenntnisse auch schon abgehandelt. Ich weiß, es ist wenig, Essen nimmt aber auch daheim bei mir keinen so großen Stellenwert ein. Ich bin nur froh, wieder Kartoffeln und Brot nebst anderen Leckereien auf dem Speiseplan zu haben. Und gelegentlich mal ein gutes Curry.

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Sonntag, 22. September 2019
I Warned You

Es gibt merkwürdige Sachen in Japan, die sind natürlich nur merkwürdig, weil sie für uns ungewohnt und deswegen anders sind. Die Warnhinweise zum Beispiel. Da fotografiert eine Gruppe Japaner am Bahnsteig und die Szene wird durch einen einfahrenden Zug unterbrochen. Klare Nominierung für den Darwin Award. Auch bei uns gibt es ja mittlerweise Warnhinweise, man solle ein in die Gleise gefallenes Handy nichts selbst bergen oder wenigstens gelegentlich mal davon hoch sehen. Es zeigt sich, was inzwischen wichtiger als das Leben anderer oder sein eigenes geworden ist. Kürzlich beim Unfall eines russischen Passagierflugzeug haben die Gäste den Evakuierungsvorgang unnötig verlängert, weil sie unbedingt ihr Handgepäck bergen wollten. Sowas könnte für die nachfolgenden Passagiere ganz schlimme Folgen haben. Wenn's brennt, ist mir meine Gucci Tasche nicht so wichtig, ich muss aber gestehen, ich war vor meiner Zeit als Airlinemitarbeiterin ebenfalls sehr besorgt, im Falle eines Falles schnell genug mein teures Instrument greifen zu können.

Die Warnungen, die häufig bei uns Schmunzeln hervorrufen, stehen in Verbindung mit Verhalten in Notdurftanstalten. Dort findet man beispielsweise folgenden Hinweis:


In Japan gibt es immer zweierlei Toiletten, eine westliche und ein asiatisches Plumsklo - ein im Boden eingelassenes Becken, über das man sich hockt und anschließend mit Wasser spült. An der Wand befestigte Halterungen bieten Hilfe bei der Balance. Diese Halterung ist nicht vergleichbar mit einem Klodeckel, der bei Festhalten mit der Person kippen würde. Es sind in den vergangenen Jahren viele Unfälle auf diese Weise passiert. Also Augen auf bei der Toilettenwahl. Zudem bietet eine westliche Toilette immer die Möglichkeit, sich während des Aufenthaltes mit Verhalten im Katastrophenfall auseinanderzusetzen.

Natürlich brauchen westliche Besucher auch konkrete Verhaltenshinweise im öffentlichen Raum. Touristenattraktion Nummer eins sind Tempel und heilige Stätten. Dort sieht man vieles, was Gläubige möglicherweise bei Ausübung ihrer Religion stören könnte. Deswegen auch hier die Bitte, man möge doch vor Betreten Hüte und Sonnenbrillen entfernen (s. unten rechts) sowie Gespräche einstellen. Fahrräder werden übrigens in Japan nicht einfach am Straßenrand abgestellt, sondern ordentlich nebeneinander an vorgesehenen Plätzen aufgereiht, ansonsten drohen empfindliche Strafen. Ob sich dieses Konzept vielleicht auch in München anwenden ließe?

Hinweisschild am Bahnhof Kyoto

Also Kinder, bitte immer schön hinten anstellen und Schuhe ausziehen!

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Sonntag, 8. September 2019
Hit the Road



Jedes Mal wenn ich mich in einer fremden Kultur bewege, beobachte ich die Menschen um mich herum sehr sorgfältig. Ich schaue mir an, wie sie alltägliche Dinge tun, wie sie sich bewegen, miteinander umgehen und welche Gepflogenheiten sich von meiner Kultur unterscheiden. Schließlich bin ich Gast und möchte mich korrekt benehmen. Vor allem aber möchte ich niemanden unnötig vor den Kopf stoßen. Manchmal habe ich das Taschentuch schon an der Nase, wenn mir einfällt, dass man sich in Asien nicht schnäuzt, sondern die Pampe lieber in eine Nase und Mund bedeckende Maske laufen läßt.

Mal abgesehen vom Linksverkehr habe ich gleich nach unserer Ankunft die Radfahrgepflogenheiten beobachtet, konnte aber keine allgemeingültigen Regeln ableiten. Da gab es die, die einen fahrradwegähnelnden Streifen am Rand des Gehweges benutzen, jedoch in alle erdenklichen Richtungen. Und dann gibt es die, die mit dem Rad am Straßenrand fahren - ebenfalls in alle erdenklichen Richtungen. Daraus könnten sich folgende Schlussfolgerungen ableiten:
1. es gibt keine allgemeingültigen Regeln für Radfahrer
2. es gibt nicht sofort erkennbare Regeln, die sehr kompliziert sind und
3. es gibt Regeln, die aber permanent missachtet werden, vergleichbar mit München - da radeln die Leute auch kreuz und quer.

Stelle man sich die Situation andersrum vor. Da kommen Leute aus einer anderen Kultur in mein Land und versuchen sich zurechtzufinden. Die Einheimischen missachten jede erdenkliche Regelung, erwarten insgeheim aber von den Touristen oder Neuansässigen, diese Regeln zu kennen und einzuhalten. Davon abgeleitet hätte jede öffentliche Handlung eines Einheimischen gewissermaßen Vorbildcharakter.

Ich bin also nicht nur vom Fahren - insbesondere vom Abbiegen - im fließenden Linksverkehr etwas überwältigt, sondern auch vom Geheimwissen der japanischen Verkehrskultur. Abgesehen davon ist es ungeheuer heiß hier. 36° mit viel Luftfeuchtigkeit laden nicht zum Verweilen an schönen Orten. Man flüchtet eher in kleine Cafés und kitschige Andenkenläden, allesamt stark klimatisiert. Oder man tritt einfach weiter in die Pedale, nutzt den Fahrtwind und endet irgendwann dort, wo Kultur im Kühlen abseits von Touristenströmen stattfindet, nämlich unter der Dusche.

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Samstag, 7. September 2019
Tokyo Inn


Noch bin ich nicht dort, zumindest aber auf dem Weg. Und der ist bekanntlich das Ziel. Für 10 Tage durch Japan radeln - wenn Sie mich vor einiger Zeit gefragt hätten, wäre das sicher nicht mein priorisiertes Ferienziel gewesen. Suchen Sie mal hier die Einträge über Japan, da finden Sie etwa drei Seiten, die mein Fremdheitsgefühl diesem Land gegenüber belegen. Gerade ist Nacht und weil ich mal wieder nicht schlafen kann, habe ich selber nachgelesen. Allerdings mag ich Radfahren - zumal neben Schwimmen aufgrund körperlicher Einschränkung derzeit die einzige schmerzlose Fortbewegungsform - und war noch nie weiter als im Umkreis von Tokyo.

Als erstes sind wir nach Osaka geflogen, von dort nach Kyoto gefahren. Wegen der Kultur. Aber die ersten anderthalb Tage geschah vieles nur im Halbschlaf. Großer Erschöpfungszustand und die Frage, wieso man sich das freiwillig antut. Das Licht brennt in den Augen und die Temperaturen sowieso. Hier ist noch immer höchster Hoch-Sommer, während daheim bereits die Janker aus dem Schrank geholt werden. Es ist immer das Gleiche: zwei Tage gemäßigte Temperaturen und man kann sich nicht mehr vorstellen, wie sich Extremwerte anfühlen. Das macht das Kofferpacken nicht einfacher. Dann aber trotz und erst recht Kultur. Fushimi Inari Schrein, kennen Sie. Doch, das sind diese orangefarbenen Torbögen, die kurz hintereinander stehen und dadurch wie ein langer Tunnel oder eine Raupe aussehen, die sich den Berg rauf und runter wälzt.



Wälzen tun sich auch die Menschen da durch - zumal Wochenende. Erinnert mich an‘s Taj Mahal. Auf Bildern scheint immer alles sehr groß, weit und leer, in Wirklichkeit sehr anders. Irgendwann ist dann die Kultur zweitrangig. Man hat Hunger, Durst und ein paar Mückenstiche - Menschliche Bedürfnisse. Immer wieder wundere ich mich in den ersten beiden Tagen, wie viel ich bereits über diese fremde Kultur weiß. Auch über die Pantoffelgepflogenheiten und wann man sie wie rum stellt. Manchmal glaube ich, das weiß ich alles nur, weil ich‘s mal hier gelesen habe. Dann fällt mir wieder ein, ich war der Autor der Beiträge. Seltsam dieses Altern und wo das Wissen hingeht, von dem man so fest glaubte, es sei ein Gut wie ein Haus, das man erwirbt und fortan besitzt.

Ich sitze also hier - es ist dunkel, heiß und unbequem - und ich frage mich, was ich hier tue, denn Fahrradfahren kann ich auch daheim. Nur halt nicht so schön oder so. Die G‘iant Räder sind übrigens nicht schlecht und die Wege noch flach. Morgen Nacht dann mehr, wenn es wieder heißt: Schlaflos im Land der aufgehenden Sonne.



Frühstück am nächsten Morgen. So startet man hier in den Tag.

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Mittwoch, 7. August 2019
When I met you (in the summer)


Manchmal erlebst du magische Momente. Das Licht stimmt, die Kamera ist fokussiert, die Hintergrundmusik nicht zu laut und der eigene Bauch fühlt sich gut an. Da kommt ein Mensch um die Ecke. Mit einem Satz hat er deine ganze Aufmerksamkeit. Eigentlich reicht auch nur ein Wort. Etwas, das in dir schwingt, das Erinnerungen weckt, ein Bild zaubert. Als ob du einen Finger in die Spannung bohren könntest, so dicht wird die Atmosphäre. Plötzlich ist das Sehnen greifbar. Du fasst es an, bist elektrisiert. Und ganz unbemerkt hat es sich personifiziert.

Du wunderst dich. Deine Geschichte hat dich gelehrt, was du glaubst von dir zu wissen. Du kannst nicht aus deiner Haut. Mit dieser Situation bist du überfordert. Da ist etwas komplett neu. Etwas Unbekanntes bringt dich im vertrauten Raum zum Taumeln.Wenn du es zulässt, reißt es dich in unbekannte Gewässer. Und du bist dir nicht sicher, ob du das willst. Überhaupt brauchst du den Boden der Konventionen unter den Füßen, damit du nach außen sein kannst, was du einmal festgelegt hast. Unangenehm fühlt es sich an, weil du nicht weißt, wie du darauf reagieren sollst. Weil du es nicht einfach wegleugnen kannst, stolperst du weiter. Du hoffst auf Umstände, rationalisierst und träumst gleichzeitig ein bisschen von dem, was sein könnte.

Alles kommt anders, denn Leben passiert, während wir Pläne schmieden. Leben hat keine Ponyhöfe und Kindergeburtstage sowieso nur für Menschen mit Nachwuchs. Das gilt übrigens auch für Parkplätze. Die sind selten frei. Deswegen parkst du deinen Kopf noch lange nicht unter Verbotsschildern, sondern suchst brav die Lücke am Straßenrand. So lange rangieren, bis es passt. Dann ist der Lack ab. Du steigst aus und prüfst den Schaden, befühlst die Dellen. Unversehrt liegt lange zurück. Vielleicht warst du es nie wirklich, jedenfalls kannst du dich nicht daran erinnern. Aber du hast dich immer wieder ausgebeult und aufpoliert.

Entweder du akzeptierst die konventionelle Grenze oder lehnst dich ganz weit hinüber ins Neuland. Du hast die Illusion von Sicherheit längst entblößt, hältst Dich aber gerne daran fest. Fixe Ideen sind handlicher als Erkenntnisse. Geduld gehört nicht zu deinen besten Eigenschafen, Binsenweisheiten machen dich aggressiv. Handlung als Übersprung. Und so wartest du und rauchst. Bis alles vorbei ist oder von vorne beginnt.

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