Freitag, 2. September 2022
Let The Good Times Roll
Während ich an einem Plastiktisch auf dem schmalen Gehweg einen Teller frisch zubereitetes Phat Thai verspeise, kriecht eine Schnecke an der Wellblechabsperrung entlang. Wenn man ihren Standort - oder in diesem Fall Kriechort - nur gelegentlich registriert, legt sie einen beachtlichen Weg zurück, während sie sich unter Beobachtung kaum fortzubewegen scheint. Ich finde das ein sehr anschauliches Beispiel für Zeitempfinden.



Das Essen wird übrigens in Bangkok auf der Straße zubereitet. Eine alte Frau zieht jeden Abend einen Wagen an den Straßenrand, auf dem sie die Zutaten schneidet, kocht und anrichtet. Serviert wird dann entweder auf Plastikgeschirr oder zum Mitnehmen in beschichtetes Papier gewickelt, das ich daheim von der Wursttheke kenne. Ich gehe jeden Tag dort vorbei, kaufe eine kleine Portion Phat Thai und gebe umgerechnet 50 Cent extra. Das ist für die Frau wahrscheinlich viel Geld. Der Kellner in der Rooftopbar eine Straße weiter rümpft darüber die Nase. Ich kann mit dieser Währung schlecht umgehen, rechne in Euro, wäge ab und finde doch keine gute Relation, was als Trinkgeld angemessen scheint. Im Kaufhaus zahle ich für ein T-Shirt made in Bangkok 5 Euro, daneben 50. Ja was denn nun, möchte ich am liebsten rufen.



Der Verkehr ist verrückt. Am ersten Tag fahre ich Bus. Fahrtrichtung ist hier links. Ich denke in Himmelsrichtungen, meine Fahrt soll nach Westen gehen, folglich muss ich auf den Bus an der hiesigen Straßenseite warten. Als er kommt, steige ich ein und krame nach Geldscheinen. Eine Kontrolleurin bittet mich, einen Sitzplatz einzunehmen bevor ich bezahle. Sie bewahrt das Wechselgeld in einer länglichen Schatulle mit Deckel. Geschickt zählt sie mit der freien Hand die Münzen und zieht einen Fahrschein von der Rolle, händigt mir beides aus und geht zum nächsten Fahrgast. Eine halbe Stunde später hat der Bus drei Haltestellen zurückgelegt. Auch hier ist Zeit relativ. Ich beschließe, mit der Metro zurückzufahren.

Am nächsten Tag fahre ich ein Stück Taxi, weil es regnet - wie jeden Tag. Mein Ziel liegt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der Fahrer kennt weder die Straße noch Englische Wörter. Ich öffne Googlemaps auf dem Handy. Als er vor der Abbiegung hält, deute ich an, er solle bis zur nächsten Kehre weiterfahren. Da kommt aber keine Kehre. Als er schließlich auf der anderen Seite an der richtigen Seitenstraße hält, hat sich der Preis auf dem Taximeter verdoppelt. Sein zahnloses Lachen hört sich fast an, als würde er mich auslachen. Dabei drückt er nur seine Verlegenheit damit aus. Ja, die dumme Touristin hat auf Weiterfahren bestanden, obwohl sie über die Fußgängerbrücke billiger an's Ziel gekommen wäre. Ich gebe auch hier Trinkgeld, allerdings sind es nur ein paar Groschen. Bei Regen ein freies Taxi mit freundlichem Fahrer zu finden grenzt an ein Wunder. Ich bin mir sicher, das Tourituktuki hätte mich doppelt soviel gekostet.



In der Metro falle ich nicht nur mit meinem orangen Sommerkleid auf, sondern vor allem mit der Tigermaske, die ein Geschenk eines Ladeninhabers war. Ich bin hier nicht nur im fliegerischen Einsatz, sondern auch in geheimer Mission unterwegs. Der kleine Junge mir gegenüber möchte auch so eine Maske. Das macht er seiner Mutter durch Blicke und Fingerzeigen klar. Dann betritt ein Mönch die Bahn. Sein Gewand hat dieselbe Farbe wie mein Kleid. Vielleicht sieht er mich aber nicht deswegen so komisch an, sondern wegen der Maske. Das fällt mir aber erst später ein, denn ich sehe mich ja nicht von aussen. Jemand räumt einen Sitzplatz. Auf einem Schild wird gebeten, für Alte, Kranke, Schwangere und Mönche aufzustehen. Das ist mir neu. Ich sollte das Kleid mal zu Stoßzeiten und ohne Jacke in der Bahn tragen, dann kriege ich sicher einen Sitzplatz.

Am Zielort muss ich mich beeilen, um vor dem großen Feierabendverkehr zurück zu sein. Dann weichen die Motor- und Fahrräder auf die sowieso schon schmalen Gehwege aus. Ich erschrecke nicht nur einmal über die wohl unterschiedlich wahrgenommene Gefährlichkeit der Fortbewegung als Fußgehende zum motorisierten Verkehr. Dennoch lege ich einen beträchtlichen Teil des Weges freiwillig so zurück, denn alles andere macht bei stehendem Verkehr keinen Sinn. Ich bin spät dran. Für den nächsten Tag nehme ich mir vor, ein wenig früher loszukommen. Oder die Erledigungen schneller zu absolvieren. Wahrscheinlich werde ich aber einen Platzregen abwartend irgendwo unterstehen und mich anschließend im Schneckentempo auf schmalen Wegen hinter anderen Fußgängern einreihen. Irgendwann komme ich an, egal ob ich mich schnell oder langsam bewege. Eigentlich ist nur wichtig, was dazwischen passiert.

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Montag, 15. August 2022
Nothing but Blue Skies Do I See


Während ich nach der Ankunft aus San Francisco das Mitleid meiner Kollegen beim Betrachten der neuen Nachrichten auf meinem Handy und dem Ausruf: "Ich fliege morgen!" bekam, musste ich aufklären, dass es sich nicht um Arbeit handelt, sondern mein Vorhaben, am nächsten Tag bei schönstem Sonnenschein und klarer Sicht einen ersten Tandemflug mit dem Gleitschirm zu absolvieren. Ohne Triebwerke und nur mit ein paar Gurten zwischen mir und der Luft zog uns ein dünner Stoffschirm auf fast 3000m Höhe. Ich sah staunend in die Ferne, nach unten und oben in's Blau, musste fast eine ganze Stunde grenzdebil lachen und dann feststellen, dass man davon einen sehr trockenen Mund bekommt. Der Wind ist nämlich nicht zu unterschätzen. Die Landung war etwas unsanft, jedoch ohne bleibende Schäden. Ich fürchte, ich mache das in Zukunft noch öfter. Also das Fliegen mit Gleitschirm, nicht das unsanfte Landen. Und irgendwann vielleicht auch ohne Piloten und ganz alleine.



Der kleine, bunte Fleck, das ist unser Schirm, an dem ich hänge.

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Mittwoch, 3. August 2022
Fog


Auf den letzten Drücker, nämlich am vorletzten Ausstellungstag, war ich endlich in der spektakulären Installation von Fujiko Nakaya im Haus der Kunst. Richtig, ich war drin. Der Besuchende sieht die nämlich nicht nur, sie ist auch spür- und riechbar. Wenn in den großen Raum vom Wasserbeckenrand aus Düsen der Nebel sprüht, versinken alle Personen darin. Das trübe blaugrünliche Oberlicht trägt zum Stimmungsbild bei und lässt alles noch ein wenig unwirklicher erscheinen. Als ich vom Nebel umhüllt war, konnte ich ihn nicht nur aussen an meinem Körper spüren, ich spürte ihn beim Einatmen auch in mich dringen. Noch nie war ich so sehr Teil einer Kunstinstallation wie bei dieser. Während Kunstschaffende dies immer wieder bewirken wollen, wenn sie mit sich unter Betrachtung verändernden Kunstwerken darauf hinweisen, so bleibt dieser gewünschte Effekt meist auf der intellektuellen Ebene stecken.

Im Vorfeld stand die Kleiderfrage und jene, ob ein Regencape notwendig sei. Schließlich fiel die Entscheidung auf Latex. Es verträgt Nässe und fungiert als Bindeglied zwischen Körper und Kunstwerk. So sind wir ein bisschen zum Kunstwerk im Kunstwerk geworden. Dass wir damit nicht vom eigentlichen Fokus ablenken würden, stellten wir sicher, indem wir alltagstaugliche Formen wählten. Allerdings waren wir im Nebel letztlich sowieso unsichtbar.









Es wurden zudem Bilder, Projektionen und Filme über frühere Installationen der Künstlerin gezeigt. Auch hier integrierten wir uns sozusagen in's Werk.





Für mich war das eine aufregende Aktion, denn obwohl heutzutage viel mehr Aussergewöhnliches im öffentlichen Raum toleriert wird, waren wir natürlich Blickfang. Das begann schon auf dem Weg durch den Englischen Garten zum Haus der Kunst. Passanten schauten kurz, dann weg, nach Passieren drehten sie sich um, Gruppen verstummen, begannen dann hinter unserem Rücken aufgeregt zu tuscheln, Handys wurden gezückt, angebliche Selfies kopfüber geschossen. Niemand fragte oder sprach uns an. Ich beschreibe hier meine Beobachtung völlig wertfrei. Natürlich waren die Leute verwundert, natürlich genossen wir die verhohlene Aufmerksamkeit, doch vermisste ich die Offenheit des jungen Mannes mit mutmaßlichem Down-Syndrom, der uns von oben bis unten musterte und dann breit anlachte. Wir lachten erleichtert zurück.
An der Nordseite des Hauses gingen wir die Treppe hoch auf die Terrasse der Goldenen Bar. Von dort gelangte man zur Ostseite und damit zur Ausseninstallation. Auch hier schienen die Leute bemüht wegzusehen, ihre Blicke waren aber im Rücken zu spüren. An der geöffneten Flügeltüre der Ostseite kam uns eine Aufsichtsperson entgegen, die ich fragte, ob wir hier die Ausstellung betreten dürften. Er lächelte und meinte nach kurzem Blick auf die Eintrittskarten, es sei offensichtlich, dass wir uns explizit für diese Ausstellung zurechtgemacht hätten.

Ich begreife Kunst als das Mittel zur Verbindung zwischen Menschen. Der Kunstschaffende drückt in seinem Medium das aus, was im Gespräch schwer begreifbar zu machen ist. Im Rahmen einer Kunstausstellung sind die Menschen offener für die Auseinandersetzung mit Andersartigkeit. Ich hätte mir gewünscht, mit denen in Kontakt zu treten, die sich hinter unserem Rücken über unser Auftreten äusserten - verbal oder nonverbal. Wie aber kann überhaupt ein Miteinander entstehen, wenn wir uns nicht einmal mehr in die Augen schauen?

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Mittwoch, 27. Juli 2022
How Do You Sleep?
Wenn Leute hören, dass ich mich bei einer simplen Erkältung krankmelde, werde ich gelegentlich mitleidig belächelt. Muss ich mich wirklich für sowas vor Menschen rechtfertigen, die nicht alle Implikationen meines Berufes kennen? Ich denke, spätestens wenn wieder irgendwo ein Flieger wegen menschlichem Versagen abstürzt - was im Klartext, da machen wir uns nichts vor, fehlende Reaktionsfähigkeit bedeutet - wird auch dem letzten Zweifelnden klar, wieso ich mich wegen Übermüdung gegen den Arbeitsantritt entscheide. So vor zwei Tagen geschehen.

Bei fehlendem Schlaf habe ich zwar bei alltäglichen Beschwerden und Schimpftiraden die hilfreiche LmA Einstellung, nicht aber die Klarheit, im Notfall Prioritäten sinnvoll abzuarbeiten. In meinem Fall bedeutet das nicht zwangsläufig einen Absturz aber was tun Sie, wenn Sie schließlich unten sind? Richtig, Sie wollen raus aus dem brennenden oder im besten Falle nur demolierten Teil, und zwar möglichst schnell und mit möglichst wenig Schaden an Leib und Seele. Na gut, der Absatz wird vielleicht auf der Strecke bleiben, dafür nicht der ganze Fuß oder das Bein, wenn es irgendwo drinsteckt und die Panikmenge über Sie drüber steigt. Oder beim weniger dramatischen Fall, in dem Sie vielleicht im Flug ein medizinisches Problem ereilt. Da möchten Sie sich in guten Händen wissen, wenn mal wieder kein Arzt an Bord und der nächste Flughafen mehr als drei Flugstunden weg ist.

Genau das kann ich nach nur zwei Stunden Schlaf nicht garantieren. Übrigens kann ich es unter normalen Umständen nach 12 Stunden Flug kurz vor der Landung auch nicht mehr zu 100%. Wenn da vorher schon ein Defizit war, wird's kriminell. Wie oft habe ich von Kolleg:innen gehört, die sich eben durchbeissen. Für ihren Folgeplan, der nach Krankmeldung meist obsolet wird oder für dieses zweifelhafte Pflichtbewusstsein, das man als Kind eingetrichtert bekommen hat und das Sich-Aufreiben für eine unpersönliche Institution feiert und ein sogenanntes Burnout als Simulantentum abtut. Das geschieht nicht nur durch die Gesellschaft von aussen, das haben viele von uns sehr erfolgreich internalisiert und dann als Wertevorstellung an ihre Nachkommen weitergegeben.

Es gibt Berufsgruppen, die leiden unter Dauermüdigkeit. Schichtarbeitende im Gesundheitswesen oder Serviceberufen genau wie andere an Schnittstellen Arbeitende, die einen Betrieb am Laufen halten und nie fehlen dürfen. Man merkt's erst, wenn sie genau das tun. Deshalb an dieser Stelle die Bitte: seien Sie nett zu denen, erwähnen Sie nicht, wie müde jemand aussieht, sondern bedanken Sie sich stattdessen für deren Arbeit. Das wirkt nämlich viel belebender als alles andere. Natürlich freuen wir uns über mehr Gehalt aber ein bisschen Freundlichkeit kann mir einen ganzen Tag retten, wenn ich mich mal wieder kaum noch auf den Beinen halten kann. Und urteilen Sie nicht, wenn Sie nicht in der gleichen Position sind oder irgendwann waren. Niemals. Damit sind Sie übrigens in allen Lebenslagen gut beraten.

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Mittwoch, 20. Juli 2022
Riding on a Train
Wer mit den Öffentlichen fährt, erlebt nicht immer Erfreuliches. Vor allem seit Corona und dem 9 Euro Ticket sind die Begegnungen von zweifelhafter Natur - einmal zu nah und zu gefährlich unbedeckt, das andere Mal zu voll. Es gibt allerdings auch Interessantes zu sehen, manchmal auch schöne Begegnungen. So war ich letzte Woche tagsüber am U-Bahnhof unterwegs und konnte ein paar Beobachtungen übere menschliches Verhalten machen - genauer gesagt das psychologische Phänomen der Verhaltensdistribution.

Als ich am Bahnsteig ankomme, fällt mir eine ältere Frau auf, relativ gut gekleidet, Papiertüten renomierter Läden neben sich stehend, sie selbst sitzt auf einer der aus Draht geformten Sesselbänke. Sie hat die Augen geschlossen und sinkt langsam zur Seite. Als sie dabei ihre Nebensitzerin berührt, steht selbige auf und entfernt sich. Daraufhin kippt die ältere Dame ungehindert auf den Sitz neben sich. Die Umstehenden beobachten, schauen weg, manche tuscheln, manche gehen einen Schritt zur Seite, andere scheinen unsicher, wie sie sich verhalten sollen. Auch ich weiß die Situation nicht so recht einzuschätzen. Was vielleicht wie zu viel Alkohol in Kombination mit zu wenig Schlaf aussieht, könnte auch einen anderen Grund haben. Da ich beim Fliegen auf diverse Krankheitsbilder geschult werde, beschließe ich zu handeln. Wenn sich die Dame in der Unterzuckerung befindet, sieht das für Aussenstehende ebenfalls aus wie ein wenig zu tief in's Glas geschaut. Sollte es sich um eine Obdachlose handeln, die halt hier ihren Rausch ausschlafen möchte, wird sie mir das schon sagen. Und auch Obdachlose haben übrigens ein Recht auf Hilfe von ihren Mitmenschen - unterlassene Hilfeleistung ist auch da ein Thema.

Ich nähere mich der Dame, berühre sie am Oberarm, spreche sie laut an. Sie reagiert nicht. Also schüttle ich ein wenig, frage ob alles in Ordnung ist. Jetzt sehen mir alle am Bahnsteig in unmittelbarer Nähe Stehenden interessiert zu. Die Frau fährt plötzlich nach oben, murmelt Unverständliches, schnappt ihre Taschen und steht auf. Wäre sie nicht zu sich gekommen, hätte ich sie im nächsten Schritt in den inneren Oberarm gezwickt, dann nochmal auf der anderen Seite und bei Nichtreagieren die Notfallnummer gerufen. So aber bin ich erleichtert. Die U-Bahn ist noch nicht eingefahren, weshalb sie sich wieder setzt und sofort erneut einschläft. Als die Bahn kommt, wecke ich sie wieder. Sie springt auf, schnappt die Tüten und steigt ein. Eine Station vor mir verlässt sie den Wagon, um es sich in einer ruhigeren Station gemütlich zu machen.

Ich habe keine Ahnung, was der Grund für ihr Verhalten war aber gelernt, keine Mutmaßungen oder gar Diagnosen zu stellen. Denn genau das ist der Beginn allen Übels. Die Menschen beobachten und beurteilen. Wenn bereits viele andere herumstehen und keiner eingreift, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass eine neu hinzugekommene Person etwas tut. Im Gegenteil ist die Wahrscheinlichkeit eines Eingreifens höher, je weniger Personen involviert sind. Die Verantwortung verteilt sich auf alle Anwesenden - so in einem sozialpsychologischen Experiment einst nachgewiesen. Ich möchte dann lieber doch nicht das tun, was mein Sozialtrieb mir nahelegt, sondern mit klarem Verstand und ohne Ausreden helfen.

Als ich vor zwei Tagen meinen Koffer am Flughafen wieder in Empfang nehmen durfte, fuhr ich ebenfalls mit der S-Bahn heim. Mir gegenüber setzte sich eine etwas jüngere Frau mit einem Koffer und einem Geigenkasten. Mein Interesse war geweckt. Nur wie spricht man jemanden an, der Ohrstöpsel trägt, während ich eine Maske aufhabe? Ich hab's bewerkstelligt, woraus sich ein sehr schönes Gespräch zwischen einer internationalen Berufsmusikerin und mir entspann. Auch hier wieder war mir die Aufmerksamkeit aller Umsitzenden sicher, obwohl der Austausch auf Englisch stattfand. Ich erzählte ein wenig aus meiner beruflichen Vergangenheit, sie aus ihrer Gegenwart, doch so wirklich viel wollte sie nicht von sich preisgeben. Da bohre ich auch nicht nach. Dass sie wissen wollte, ob ich liiert sei oder gar verheiratet, ob ich alleine wohne und andere soziale Umstände, zähle ich zu kulturellen Unterschieden. Ein Nordamerikaner fragt beispielsweise ohne mit der Wimper zu zucken beim ersten Treffen nach dem Einkommen, während die Unterhaltung über Geld bei uns eher unter vorgehaltener Hand geführt wird. Später habe ich ein Bild von ihr und die dazugehörige Biographie im Netz gefunden. Sie kam an diesem Tag zwar aus London und spielt in einem schwedischen Ensemble, ist selbst aber Finnin. Vielleicht spricht man in Finnland schnell über soziale Verhältnisse, weil bei der langen Dunkelperiode keiner alleine sein möchte. Ich werde es nie erfahren, denn auch die Konzertkarte habe ich abgelehnt. Eines Tages sieht man sich bestimmt wieder. Die Welt ist ja dieses Dorf, von dem alle sprechen - unter Fliegenden noch mehr als für die sogenannten Fußgänger.

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Donnerstag, 14. Juli 2022
Ich hab noch einen Koffer in Berlin
Berlin ist ein Ort, an dem mein Koffer nicht stand. Dafür hat er mir sowohl aus Düsseldorf als auch München Mails geschickt - natürlich nicht er, sondern die Beauftragten des Flughafens, die für ordnungsgerechte Zuordnung des massenhaft stehengebliebenen Passagiergepäcks zuständig sind. Am 24.Juni gab ich ihn ab und winkte ihm - wie jedes Mal - beim Verschwinden in den Förderbandschlund noch einmal scherzhaft zu, wünschte ihm eine gute Reise und baldiges Wiedersehen. Dann war er für die Dauer von einer Woche überhaupt nicht mehr lokalisierbar. Wie so ein Halbstarker während der Wiesnzeit oder ein Rheinländer im Karneval.

Irgendwann gegen Ende des gemeinsamen Urlaubs mit Frau Herzbruch nebst Nachwuchs erhielt ich die Meldung, er sei jetzt auf dem Weg nach Düsseldorf, wobei ich zuvor Anweisung gegeben hatte, er möge doch bitteschön - wenn schon nicht nach Fuerteventura geliefert - in München auf mich warten. Nach unserer Ankunft in Düsseldorf sah das dann so aus:



Man forderte mich auf, doch gerne das abgestellte Gepäck zwischen Band 1 und 13 selbst zu inspizieren und nach meinem Koffer zu suchen. Dieses Gepäck war sehr unübersichtlich dort auf die Besitzenden wartend gesammelt. In München am nächsten Tag dann ein ähnliches Bild. Der Unterschied hier: man hatte sorgsam Reihen gebildet, durch die Suchende gehen konnten, um sich einen Überblick zu verschaffen. Weiterer Unterschied: es roch etwas streng aus diversen Koffern.



Nach diesem mir gebotenen Bild ließ ich alle Hoffnung fahren, mein Gepäck jemals wiederzusehen und füllte den Verlustreport aus, verabschiedete mich innerlich von jedem eingepackten Teil und schloß dieses Kapitel meines Lebens ab, wie einst der Eintrag im Poesiealbum lautete: Was du liebst, lass gehen. Wenn es zurückkommt ist es deines, wenn nicht, nie deines gewesen.

Gestern erreichte mich die Nachricht, dass mein Großer gerne aus dem Flughafenland abgeholt werden möchte und zwar subito, denn wenn ich ihn nicht abholen würde, käme er frei Haus geliefert. Nur als ich sagte, ich sei nicht anwesend, lenkte die Konversation in die gewünschte Richtung. Ich meine, hey, er stand mehr als zwei Wochen irgendwo rum, von wo er jetzt SOFORT weg soll, weil da kein Platz mehr für ihn ist? Mein Koffer stinkt nicht und passt sich auch sonst sehr praktisch den Gegebenheiten an. Ich finde, die paar Tage kann er ruhig noch da stehen wo er ist. Und zum ersten Mal in meinem Leben werde ich nach einem Urlaub in der Lage sein, saubere Wäsche auszupacken und sofort verräumen zu können.

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Dienstag, 12. Juli 2022
Walk in Your Shoes
Die geneigte Leserschaft erinnert sich vielleicht an die letzte Reise mit Frau Herzbruch nach Florenz. Dort standen wir dann vor diesem Schuhladen.



Feinstes italienisches Handwerk. Ich konnte nicht widerstehen und musste die Stiefel anprobieren.



Doch war ich mir sehr unsicher, ob ich jemals wieder ohne größere Schmerzen auf Absätzen laufen können würde. Kurz gesagt, ich kann wieder. Zwar nicht lange aber hey, wenn das der einzige Grund ist, der gegen einen Kauf spricht und Frau Herzbruch sogar für schnödes Parfum dort mit mir hinreist, dann kann ich auch bestellen.



Vor ein paar Tagen kamen sie an. Ich hatte leider keine Zeit zum Auspacken und gebührend bewundern, weswegen ich das auf heute verschob. Sowas muss zelebriert werden - der Preis rechtfertigt's!
Die liebevolle Verpackung begann übrigens bereits beim Umschlag des Kartons, den ich sehr begeistert zerstörte noch bevor ich dran dachte, ein Foto zu machen. Im Inneren zwei weiche Schuhsäckchen und dann das:



Also habe ich sie einmal schick abgelichtet, bevor ich sie Wind und Wetter sowie meinen krummen Füßen aussetze und sie nie wieder so unberührt aussehen werden.



In der Sommersonne sehen sie noch viel schöner aus als damals im Laden. Und ich bin ein bisschen verliebt.

Das waren aber nicht die einzigen Schuhe, die ich mir geleistet habe. In den Kommentaren geht's weiter.

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Freitag, 20. August 2021
Umbrella
Natürlich war ich schlaflos in Seattle. Mal wieder. Das ist bei neun Stunden Zeitverschiebung auch kein Wunder. Man kommt im Hotel an und muss die Geschehnisse des Fluges verarbeiten, ist einerseits unglaublich erschöpft, andererseits bereits über den Einschlafzeitpunkt hinaus aufgedreht. Manchmal schrecke ich aus dem Schlaf hoch, weil mir was einfällt, was ich im Flug vergessen habe. Das Kissen für 23 Delta, und 41 Kilo wollte doch noch ein Glas Rotwein. Jetzt ist es zu spät. Liegt die Ankunftszeit mitten im örtlichen Tag, ist es ratsam, sich nicht sofort hinzulegen. Das würde nämlich eine lange Wachphase in der Nacht mit viel Lesen und wahllosem Fernsehprogramm bedeuten. Sightseeing ist erst mit aufgehender Sonne möglich.

Es ist sehr selten geworden, dass ich nach all den Jahren ein Ziel zum ersten Mal anfliege. Seattle war so eines. Doch statt die Zeit mit Erkunden der Stadt zu verbringen, blieb ich wegen Gehschmerz zunächst in meinem Bett. Ganz nebenbei lud auch das Wetter nicht zur Erkundung ein. Für den dauerhaften Regen ist Seattle berühmt. Seit diesem Sommer sind wir in Deutschland ebenfalls mit viel Regen vertraut. Der Regen in Seattle ist jedoch anders. Er kommt nicht nur von oben, sondern meist von überall. Ganztägig feiner Sprühregen macht einen Schirm obsolet, wie die Einwohnenden wissen. Auch ein Grund, im Zimmer zu bleiben.

Immerhin hatte ich von dort einen schönen Blick auf die Space Needle, der berühmte Aussichtsturm. Durch die Serie Grey's anatomy erlangte die Stadt einen gewissen Bekanntheitsgrad. Tatsächlich gibt es sogar Fantouren zu berühmten Meilensteinen wie etwa dem Haus von Meredith Grey und dem Hafen - Schauplatz des Fährenunglücks am Ende von Staffel 3. Der ein oder andere Ort war mir am nächsten Tag ebenfalls vertraut. Auf den Weg zum Public Market überlegte ich die ganze Zeit woher ich dieses Schild kannte, bis mir einfiel, dass es als Plakat gegenüber des Fahrstuhls im Eingangsbereich des Seattle Grace Memorial Hospital in der Serie hing. Und da dieser Fahrstuhl ein zentraler Ort der Kommunikation zwischen diversen Figuren ist, sah ich das Bild unbewusst jedes Mal, wenn die Kamera aus dem Blickwinkel der aufgehenden Türen nach draussen filmte. Das Krankenhausgebäude selbst ist übrigens, wie Sie sicherlich schon ahnten, in Wahrheit keines.

Meine einzige Aktion blieb der Spaziergang über den Markt, auf dem mir besonders die vielen Meerestiere und Blumen auffielen. Ansonsten ist er ziemlich unspektakulär, wie eigentlich alles Seattle.



Nachts erstrahlt die Stadt mit den vielen Lichtern besonders schön. Dann ist auch der Blick hinauf zum Turm spektakulär. Auch diese Perspektive gibt es - wenn ich mich recht erinnere - zum Ende der Staffel 5, wie überhaupt viele perspektivischen Aufnahmen in Szeneschnitten verarbeitet wurden. Das Bild unten hat mir der Kollege geliehen, denn ich selbst war zu dem Zeitpunkt bereits wieder im Bett. Den Blick (Bild ganz oben) nach Sonnenuntergang vom Kerrypark über die Stadt sieht man übrigens auch in weiteren Filmen. Ja, so habe ich auch gestaunt, dass amerikanische Spielfilme nicht nur in New York oder Los Angeles spielen. Für mich bleibt diese Stadt aber für immer eng verbunden mit der Saga rund um das SGM Hospital.

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Freitag, 23. Juli 2021
Take me to the subway


Das Zitat aus der 53. ist auch im 54. Jahr noch brandaktuell. So habe auch ich mich - und das nicht erst in Manhattan - oft gefragt: "Where am I going?" Vor allem aber: "How do I get there?"



Zunächst muss man wissen, dass das Konzept des öffentlichen Nahverkehrs in keiner Stadt einfacher funktioniert als in NYC. Ich sage das aus der Erfahrung mit Munich City, wo ich bereits einige Jahre lebte, für diverse Strecken aber unwissentlich zu viel bezahlte. Böse Zungen behaupten, die verwirrende Vielfalt der Tarife im städtischen Verkehrsverbund Münchens seien eine zusätzliche Einnahmequelle aus dem touristischen Segment.

Daheim bereits recherchiert, wusste ich um die Unterscheidung von PATH und METRO Zügen sowie deren eigenem Tarifsystem. Und das geht so: eine Fahrt kostet $2.75. Egal wie weit und wie oft falsch gefahren, bezahlt wird beim Betreten und Verlassen der Station durch ein Drehkreuz. Wer öfter zu fahren plant, kann eine Metrokarte für $1 erwerben und die mit einer beliebigen Summe aufladen. Dann gibt es noch sogenannte unlimited Karten für sieben oder dreissig Tage. Bei zehn Fahrten hat sich die kleine unbegrenzte Karte schon gelohnt. Die Fahrscheinautomaten von PATH und METRO sehen identisch aus, mit dem kleinen Unterschied, dass bei PATH keine unlimited Fahrscheine angezeigt werden.

Da ich zwischen Herberge und Manhattan mit dem PATH Zug pendelte und irgendwo fälschlicherweise gelesen hatte, die unlimited METRO Karte gelte auch für ausgewählte PATH Strecken, war meiner inneren Schwäbin klar, ich würde die erste Fahrt nicht von der nahen, sondern der nächsten, ferneren, dafür aber größeren Station antreten. An den Automaten der nahen Station gab es nämlich keine unlimited Karte. Als ich - bedingt durch Verkehr, Baustellenumgehung und Schwüle - eine Stunde später naßgeschwitzt an der größeren Station feststellte, dass es auch hier keine unbegrenzten Karten gab, da wusste ich, dass weder die Umgebung noch erhöhte Schrittzahlen die eingesparten zwei Euro fuffzig wert gewesen sind. Fast hätte man es vorher ahnen können.

Auf dem Rückweg ein neues Schwierigkeitslevel am PATH Automaten, der zwar meine Kreditkarte einzog, mir aber im Gegenzug kein Ticket ausließ. Ich wusste aus meiner Recherche, dass im Ausland Wohnhafte bei der Frage nach einer Postleitzahl 99999 eingeben mussten. Das funktionierte so bei der METRO, nicht aber im PATH. Immer wenn ich die Nummer eingab, fragte der Bildschirm, ob ich denn ab hier weitermachen oder lieber abbrechen wolle. Normalerweise breche ich Unterhaltungen ab, die aneinander vorbeilaufen. Die Maschine war wohl ähnlich eingestellt. Die komplette Interaktion spielten wir mit identischem Ergebnis etwa drei Mal durch. Soviel zu meinem geistigen Zustand, denn schon Einstein wusste, die Definition von Wahnsinn sei, dieselbe Handlung zu wiederholen und andere Ergebnisse zu erwarten. Immerhin vermutete ich bei jedem Vorgang eine Abbuchung von $2.75. Das entspräche dem Minutenpreis einer 45minütigen Gesprächstherapiesession und ist so gesehen für Manhattan reell.

Ein Angestellter hinter dem Drehkreuz verwies mich auf ein Kabeltelefon an einem Pfosten. Inzwischen war bereits der zweite Zug ein- und ohne mich abgefahren. Da bot mir eine junge Frau an, auf ihre Karte das Drehkreuz zu passieren. Nein, sie bot nicht nur an, sie insistierte. Und ich war so verwirrt, dass ich mich letztlich nicht einmal mehr gebührend bedanken konnte, denn als ich mich zum Ausgang umdrehte, war sie bereits über die Treppen nach oben verschwunden.



Am Ende des Tages war der Zug fast leer und ich sehr erschöpft aber um viele Eindrücke reicher. Manchmal sind zwei Euro fuffzig halt doch mehr als eine Zahl.

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Sonntag, 13. Juni 2021
Rocky Mountain High
by John Denver



Zugegeben, es waren dann doch nicht die Rockies, zumindest aber ein Berg am Fuße von Boulder. Eine leichte, nicht zu anstrengende Bergwanderung sollte es werden. So hatte der Kollege diesen Ausflug angekündigt, der während unseres mehrtägigen Aufenthalts in Denver stattfinden sollte. Ich sollte nicht die Einzige bleiben, die beim Aufstieg ihre körperlichen Kräfte verließen. Kein Wunder, bewegte ich mich doch die letzten Monate verletzungsbedingt vorwiegend im Kopf und weniger auf den Beinen.

Zugegeben, die Erzählungen des Kollegen am Vortag - er und ich waren auf einer kleinen Wanderung um einen See unterwegs, auf der er seine üblichen Gewaltmärsche erwähnte - hätten mich stutzig machen sollen. Als er sich für die vierstündige Fußvariante entschied, ich mich aber für den Bus zurück, da hatte ich es noch ein klein wenig bereut, wollte ihm aber durch meine körperlichen Gebrechen kein Hindernis für sein Geherlebnis sein.

Zugegeben, während die untrainierte Kollegin sich unterschätzte, hatte ich mich an meiner doch fitten Vergangenheit orientierend überschätzt. Auch die Kombination aus Hitze und über 2000m Höhe hatten mich nicht abgeschreckt - was ich nicht weiß usw - wohl aber die großen, in die Felsen geschlagenen Stufen zu Beginn des Aufstiegs, die den immerwährenden Schmerz beim Anheben des Beines schnell verdoppelten. Dennoch wollte nicht aufgeben, sondern oben ankommen, koste es was es wolle.

Zugegeben, die Strecke war nicht nur viel länger, sondern vor allem viel steiler als gedacht. Die Einschätzung wurde durch die verdeckte Sicht auf den Gipfel noch erschwert. Nach jeder Wegbiegung dann große Enttäuschung, da sich der erhoffte Gipfel dann doch nur als eine weitere Etappe auf dem Weg nach oben herausstellte. Also weiter über unwegsame Steine und Felsen, mal kletternd, mal steigend.

Zugegeben, auch die Hoffnung am Gipfel auf einen leichteren Abstieg - so die Aussage des erfahrenen Kollegen, der sich jedoch nicht mehr so genau erinnern konnte - zerschlug sich sehr schnell. Man wollte nicht den schwierigen Aufstieg zurück, also wählten wir den Abstieg zur anderen Seite, der noch schmälere Wege, noch steilere Klettereien und noch unwegsamere bis unkenntlichere Pfade bediente als zuvor. Das alles ohne wirkliche Ausrüstung - wobei adäquates Schuhwerk ja relativ ist, denn während nicht nur echte Australier, sondern auch die Kollegin gerne in Flipflops wandert, hat unsereins schon vom Anblick diversen Schuhwerks Blasen und Scheuerstellen.

Zugegeben, während ich auf der gesamten Strecke nicht nur einmal still in mich hineinfluchte, war ich hinterher nicht nur stolz, sondern auch glücklich über meine Leistung. Und im Nachhinein betrachtet war alles sowieso nur noch halb so anstrengend. Immerhin hatte ich am nächsten Tag keine zusätzlichen Folgeerscheinungen in Form von Schmerzen. Aber die Aussicht war einfach bombastisch. Ich fürchte, ich muss das irgendwann wiederholen.


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