Donnerstag, 9. Februar 2012
Oh yeah, life goes on
Manchmal fühlt sich das Leben an, als ob ich auf einer Klippe stünde. Vor mir fällt der Boden steil ab und eine riesige Schlucht tut sich auf, deren Grund nicht sichtbar ist. Wenn ich mich bewege, lösen sich kleine Steinchen und stürzen in die Unendlichkeit. Dieses Gefühl der Übelkeit im Magen, der Schwindel im Kopf. Ich kann nicht weg, weil ich sonst in Gefahr laufe, den Steinchen nach unten zu folgen. Wegsehen oder gar die Augen schließen kann ich aber auch nicht, denn dann verliere ich durch den Schwindel das Gleichgewicht. Es gibt nur eine Möglichkeit: aushalten.

Manchmal bin ich überrascht, wie ich in die Situation gekommen bin. Natürlich habe ich mich da selbst hineinmanoevriert. Oder ich war die ganze Zeit schon da und konnte es bisher nur erfolgreich vor mir leugnen. Mich ablenken, darüber hinwegspielen, mir die Sache schön reden. Alles Vermeidungstaktik. Am Ende stehe ich dann doch wieder vor dem Abgrund und muss zugeben, dass es da ganz schön tief runtergeht. Nicht nur das, ich muss auch die Ausweglosigkeit akzeptieren, denn am Ende stehe ich immer wieder an dieser Klippe.

Wie schwer es mir fällt, manche Dinge auszuhalten, das erlebe ich immer wieder mit Kleinigkeiten im Alltag. Hunger beispielsweise. Ich habe Appetit und esse, behaupte aber es wäre Hunger. Als ich wegen meiner Weisheitszähne nur sehr wenig zu mir nahm, da spürte ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder, was Hunger ist. Oder ein Jucken im Auge, dem ich sofort mit Reiben entgegenwirke. Oder einsam sein. Ich lese, schaue Filme, telefoniere oder lenke mich sonstwie von diesem unerwünschten Zustand ab.

Seit einiger Zeit versuche ich, nicht sofort auf eine Situation zu reagieren, sondern sie erst zu spüren, sie in ihrem ganzen Ausmaß wahrnehmen. Das klingt vielleicht erst einmal lächerlich oder gar unverständlich. Wieso sollte ich nicht sofort auf einen Reiz reagieren? Weil ich mir des Reizes erst einmal bewußt werden will. Ich will wissen, was da juckt und zwackt bevor ich etwas dagegen tue. Sofort zu reagieren hieße, vor einem Schatten wegzulaufen, obwohl er nur der einer Katze statt des vermeindlichen Tigers war.

Das ist nicht neu und auch nicht besonders einfallsreich. Ich will das Rad nicht erfinden. Allerdings habe ich gemerkt, dass ich auf diese Weise besser für anderes gewappnet bin. Die Untiefen im Fahrwasser des Alltags können mich nicht mehr so sehr schrecken. Das bedeutet nicht, dass ich die Angst und Unsicherheit nicht mehr spüre. Im Gegenteil, ich spüre sie umso deutlicher. Aber sie werfen mich nicht mehr komplett aus der Spur, weil ich deswegen am Steuer herumreißen würde.

Und wie alles ist auch das ein Prozess, etwas, das ich täglich üben und mich daran erinnern muss. Denn es ist so leicht, die Augen zu schließen oder davor wegzurennen. Die Klippe ist da. Vielleicht aber habe ich einen Fallschirm, von dem ich noch nichts weiß.

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Montag, 10. Oktober 2011
Wrong
Etwas fühlt sich sehr falsch an. Wie wenig ich davon begreifen kann. Wie schnell doch die Grenze meiner eigenen kleinen Denkdimension erreicht ist. Irgendwas scheint da in dieser unserer Welt ziemlich schief zu laufen. Und wir können scheinbar nur sehr wenig dagegen tun. ICH kann scheinbar nur sehr wenig dagegen tun.

In einem kleinen Zimmer des Amtsgerichtes mit der Aufschrift Zeugenbetreuung wartet meine Freundin darauf, dem Mann gegenübergestellt zu werden, der sie vor einem halben Jahr überfallen und zu vergewaltigen versucht hat. Sie hatte Glück, denn zwei jugendliche Passanten konnten das Schlimmste verhindert. Trotzdem hat sie Angst, dem Mann gegenüber zu stehen, der sie für einen Moment in ihrem Leben hat völlig ausgeliefert fühlen lassen. Der Moment hat sich in jede einzelne Neurone ihres Organismus eingebrannt. Jetzt sitzen wir auf einem roten Sofa in diesem Zimmer, das wir mit geschätzt fünfzig Stofftieren und einem riesigen Gummibaum teilen. Erst ist sie ganz still, dann weint sie. Ich bin froh um jede Träne, denn die löst etwas von der Schockstarre, in die sie abwechselnd mit gespielter Heiterkeit verfällt.

Die Zeugenbetreuung besteht nicht nur aus einem geschützen Aufenthaltsort für Opfer und Zeugen von Gewaltverbrechen, sie hat auch eine gute Seele. Während Frau Hartl meine Freundin zum Rauchen nach draußen vor die Sicherheitskontrolle begleitet, blättere ich in dem Buch, das auf dem Tisch liegt. Auf der ersten Seite bittet sie ihre Schützlinge, etwas hineinzuschreiben, etwas Persönliches, das vielleicht die Aufregung löst oder auch anderen Wartenden hilft. Was ich darin lese, macht mich fassungslos. Mütter von ermordeten Kindern, Kinder die sexuell missbraucht, Frauen die von Fremden oder Familienangehörigen geprügelt wurden, sie alle haben warme Worte des Dankes für diese Frau, die ihre Angst auffing. Manche Sätze sind kaum verständlich, die Schrift schwer lesbar, doch läßt sich vieles zusammenreimen. Ein Mädchen schreibt, sie warte hier an ihrem 13. Geburtstag, um ihrem Vater gegenüber gestellt zu werden. Sie schreibt von ihrer Angst und ihrem Leben, das doch bisher so kurz gewesen sei. Eine andere schreibt nur einen Satz: Fahrud ist ein Arsch. Aus jeder Zeile, jedem Zwischenraum quillt unfassbarer Schmerz.

Viele Jahre habe ich mich gefragt, warum jemand so etwas tut, Gewalt ausübt gegen Frauen (ja auch gegen Männer - ich weiß um die Dunkelziffer), gegen Kinder, schlicht gegen Schwächere. Als ich älter wurde, habe ich gelernt, diese Frage nicht mehr zu stellen. Weil es darauf keine Antwort gibt. So einfach ist das. Tatsächlich? So einfach ist es nicht. Ich weiß um die Narben, die Erinnerungen und die Alpträume. Ich kenne diese maßlose Wut, die auf das Gefühl völliger Hilflosigkeit folgt. Wunden heilen aber dieses Gefühl hört niemals auf. Die Frage, die ich mir heute stelle ist, ob eine Antwort etwas daran ändern würde, ob sie die Wut begrenzen und die Hilflosigkeit verwandeln könnte. Kann es eine Antwort geben, die so überzeugend, so aufklärend ist, dass sie das schafft? Ich weiß es nicht.

Drei Zigarettenlängen, selbstgedrehte, später bringt Frau Hartl meine Freundin zurück. Eine junge Frau stößt zu uns. Sie spricht nur gebrochen deutsch. Aus der Unterhaltung der Anwältin mit Frau Hartl höre ich heraus, dass sie gegen ihren Mann aussagen soll. Ihre ganze Hoffnung steckt in der geplanten Videovernehmung. Nach der Flucht ins Frauenhaus möchte sie ihren Mann verständlicherweise nicht sehen. Nach etwa einer Stunde kommt die frohe Nachricht: der Mann hat alles gestanden und erspart ihr so eine erneute Aussage. Alles noch einmal haarklein erzählen, die Situation wieder erleben, die Angst spüren und diese verdammte Hilflosigkeit. Die Staatsanwaltschaft macht den Deal Geständnis gegen Strafminderung, um Betroffene vor einer Retraumatisierung zu schützen.

In der Sitzungspause überbringt die Anwältin auch meiner Freundin die frohe Botschaft. Die Aussage bleibt ihr erspart, dennoch müssen wir bis zum Ende der Verhandlung warten. Frau Hartl beginnt auf Nachfrage meinerseits ein wenig zu plaudern. Eine spezielle Ausbildung habe sie nicht, sei nur seit den Siebzigern im Justizgebäude auf verschiedenen Posten gewesen. Überhaupt hätte man ja in Bayern erst sehr spät sowas wie eine Zeugenbetreuung eingerichtet. Das gäbe es erst seit ungefähr 15 Jahren. Und dann wurde halt geschaut, wer aus dem Laden sowas machen könne. Da sei die Wahl halt auf sie gefallen. So säßen all die Kinder und Frauen bei ihr auf dem Sofa. Manche ließe sie erst mal in Ruhe, mache die Türe zu, bis sie die zum Sitzungssaal begleitet. Andere wollten reden, um die Angst zu bekämpfen. Mit den meisten hätte sie körperlichen Kontakt, nicht wie die Richter und Anwälte, die ja da droben säßen und sich nur die Geschichten anhören würden. Besonders schlimm seien ja die Kinder. Erst letzte Woche sei ein kleines Mädchen dagewesen, das wurde vom Großvater jahrelang missbraucht. Und dann gibt es noch die vielen Mädchen, die zur Prostitution gezwungen wurden und die Eltern von ermordeten Kindern. Da brauche sie manchmal auch Abstand. Dann nimmt sie sich eine Woche Urlaub. Bei Fällen mit der Drogenmafia sei sie auch schon in brenzlige Situationen gekommen aber sie sei ja über den Funk verbunden, da sei schnell jemand da.

Ich staune über ihre Kraft und die Zuversicht, die sie ausstrahlt. Jeden Tag mit menschlichem Elend von diesem Ausmaß konfrontiert zu sein und dennoch die Hoffnung und das Lachen nicht zu verlernen, das ist wahre Größe. Sie zeigt uns eine Postkarte von dem Mädchen, das gegen den Großvater aussagen musste. Manchmal schrieben ihr die Schützlinge, wie es ihnen jetzt gehe. Dann wisse sie nicht immer ganz genau wer das war, weil so viele dort ein- und ausgehen. Trotzdem freue sie sich über jeden Gruß. Vielleicht ist das die Quelle ihrer Zuversicht - die Worte derer, die auf ein wenig menschliche Wärme angewiesen waren und die sie nun selbst wieder geben können.

Der Angreifer meiner Freundin bekommt zwei Jahre und neun Monate Haftstrafe. Das werden in seinem Fall wohl 33 äußerst unangenehme Monate sein. Denn selbst unter Straftätern gibt es einen Ehrenkodex. Nach vier Stunden Warten dürfen wir gehen. Ich weiß nicht so recht, was ich meiner Freundin sagen soll. Also sage ich nichts. Ein Satz aus dem Urteil des Richters sagt viel mehr. Weil er so gut tut zwischen all den Fragen. Und weil er ein wenig von der Zuversicht zurückgibt, die einem durch so ein traumatisches Ereignis geraubt wurde. Die Anwältin zitiert ihn kurz bevor sie sich verabschiedet:

In dieser Stadt soll keine Frau Angst haben müssen, wenn sie abends alleine durch einen Park nach Hause läuft.

Danke Herr Richter.

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Mittwoch, 15. Oktober 2008
What Were We Thinking
Wir lesen Bücher, beschäftigen uns mit Filmfiguren, hören Geschichten aus dem Leben von Freunden und Bekannten, wir lenken uns ab mit Fernsehen, Kino und Musik, wir betäuben unsere Gedanken mit Alkohol und Tabletten, wir geben uns den Kick mit schnellen Autos, Bungeesprüngen und Motorrädern, wir fixieren uns auf unseren Körper und investieren all unsere Energie und unser Geld für ein jugendliches, makelloses Äusseres, wir beschäftigen uns täglich mit Arbeit, die wir nicht mögen und sind den Rest des Tages bemüht, uns davon abzulenken, wir adaptieren Glaubenssätze von Eltern, Lehrern, Partnern, Ärzten und Politikern, von Nachbarn und Freunden, ohne sie auf ihre Gültigkeit zu überprüfen. Wir haben nicht nur zu denken aufgegeben, weil es unangenehm und anstrengend ist, sondern tun auch alles dagegen, es stattfinden zu lassen.

Und dann wundern wir uns, dass wir nicht wissen, wer wir sind und was wir wirklich wollen?

Frau Klugscheisser, Gesammelte Werke Bd. 1

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Mittwoch, 8. Oktober 2008
Wer, wie, was.. (1)
Warum werden Pornos eigentlich synchronisiert?

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Donnerstag, 8. Mai 2008
...
Mir ist vorhin sowas unglaublich Blödes passiert, dass ich es überhaupt niemandem erzählen hier nicht schreiben kann.

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Donnerstag, 3. April 2008
Return to sender

via Isabo

Mich gruselt ja immer, wenn ich einem netten Menschen eine elektronische Nachricht schreibe und es antwortet der Postdämon. Da entstehen so Bilder in meinem Kopf wie man sie aus dem Exorzisten kennt. Es gibt auch weniger furchteinflößende Dämonen, die heißen dann im allgemeinen Sprachgebrauch 'Abwesenheitsnotiz'. Beide entfremden gleichermaßen eine ansonsten persönliche Kontaktaufnahme oder machen diese gar unmöglich.

So erging es mir erst kürzlich wieder. Sie erinnern sich vielleicht an diese Geschichte über eine alte Jugendliebe. Aus gegebenem Anlaß Sentimentalität rang ich mich zu einer ersten Kontaktaufnahme durch. Da der besagte Herr inzwischen in einem großen Berliner Krankenhaus eine Stelle als Oberarzt bekleidet, war seine Mailadresse via Google schnell in Erfahrung zu bringen.

Sie kennen das sicherlich. Da feilt man stunden-, wenn nicht gar tagelang an einem einigermaßen ansprechenden Text, drückt unter Herzklopfen und mit den eigenartigsten Vorstellungen über mögliche Empfängerreaktionen im Kopf den 'senden' Knopf und wartet. Doch statt einer Reaktion erreicht einen am nächsten Tag nur eine Nachricht, dass die elektronische Post unzustellbar sei. Unnu?

Anrufen geht gar nicht, weil viel zu persönlich nach all den Jahren Sendepause. Fax geht nicht, weil nicht für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt. Bleibt nur der Postweg. Ich sollte vielleicht einfach eine Postkarte schreiben. Überhaupt sollte man viel mehr Postkarten verschicken und das Ritual so vor dem Aussterben bewahren. Kürzlich gab mir eine neue Bekanntschaft zur Kontaktaufnahme eine Visitenkarte mit Postanschrift. Vergeblich suchte ich Mailadresse und Fernsprechnummer. So begann ich wieder Postkarten zu schreiben. Ich hätte auch Rauchzeichen senden können, die Chance auf eine Antwort wäre jedenfalls weitaus größer geworden. Ich Dussel habe natürlich vergessen, meine eigene Adresse darauf zu notieren.

Wenn ich mir den Text meiner Mail zur ersten Kontaktaufnahme nach zwanzig Jahren so durchlese, war sie nicht einmal besonders geistreich. Genaugenommen war sie pseudowitzig, verklemmt, inhaltslos und mit Allgemeinplätzen gespickt.

"Seitdem denke ich ungefähr einmal im Jahr - so häufig bin ich etwa in Berlin - über eine Kontaktaufnahme nach.[...]
(Versuch einer Rechtfertigung, ist zudem gelogen. Warum meine ich, mich für eine Kontaktaufnahme rechtfertigen zu müssen? Fragen, die mein Therapeut möglicherweise beantworten könnte, es aber nicht tut, sondern nur Gegenfragen wie etwa "und wie fühlen Sie sich dabei?" stellt.)

Kannst Du Dir eigentlich vorstellen, wie schwer es ist, einen einigermaßen sinnvollen Text zu verfassen, wenn man sich zwanzig Jahre nicht gesehen hat und davor auch nicht gerade in regem Austausch stand, einen aber im Verlauf einer gemäßigten Midlifekrise die Neugier darüber nicht mehr losläßt, was wohl aus den Menschen geworden ist, die man aus der Schulzeit kannte, aufgrund latent resistenter Minderwertigkeitskomplexe Klassentreffen jedoch meidet?"
(Rechtfertigung für qualitativ flachen Stil. Möglicherweise gibt es aber Menschen, die keine bachmannpreisverdächtigen Ausführungen in ihrem persönlichen Posteingang erwarten.)

Vielleicht ist der Maildämon sowas wie eine Instanz für Stil und Inhalt, sozusagen der Reich-Ranicki der Elektroschreiberei. Ein Glück, dass sie nie beim vorgesehenen Empfänger landete. Auf diese Weise habe ich noch eine Chance und 'das erste Mal' bereits zum zweiten Mal. Falls Sie, lieber Leser, eine bessere Idee haben, wie bzw. mit welchen Inhalten ich mit besagtem Herrn in Kontakt treten sollte, dann wäre ich Ihnen um einen Hinweis in Form eines Kommentares äußerst dankbar.

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Dienstag, 24. April 2007
Blinded by the light
Es gibt einen Spruch, der besagt dass, willst Du etwas über den Charakter eines Menschen erfahren, dann beobachte, wie er sein Personal behandelt. Nun sind heutzutage die Wenigsten in der Lage, abgesehen von einer Putzfrau einen Stab an Hauspersonal zu unterhalten, was wiederum zeigt, wie lange dieser Spruch zurückgeht. An Aktualität hat er jedoch nicht verloren. Man mag mich für verrückt erklären aber genau daran halte ich mich in meinem Urteil über einen Mitmenschen. Worte können derer viele schön formuliert sein, sie sind allesamt nichtig, wenn sie nicht mit den Handlungen des Sprechers übereinstimmen.

Das Personal der Neuzeit sind Assistenten, Personenschützer und eben die Gruppe, zu der ich ebenfalls gehöre. Dienstleistende, die möglichst unaufdringlich ihre Aufgabe in der Öffentlichkeit erledigen. So habe ich schon einige bekannte Persönlichkeiten auf ihren Flügen begleitet, unter ihnen nicht wenige Politiker. Den Meisten mag man von Unehrlichkeit über Korruption bis hin zu Machtobsession viel unterstellen, eines waren sie jedoch nicht: unhöflich. Jürgen Trittihn, Otto Schilly, Claudia Rotth, um nur einige namentlich zu nennen, stets freundliche Zeitgenossen.

Als ich auf der Suche nach meinem verliehenen Kugelschreiber in die Runde fragte, wer der werten Herrschaften ihn wohl diesmal geklaut hätte, erwiderte Herr Kinkle auf schwäbisch charmante Art: "Ha i wars ned!" Und die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt nickte mir jedesmal freundlich zu, wenn ich sie beim Vorbeigehen mal wieder fragend anstarrte, da mir nicht einfallen wollte, woher mir die Dame bekannt sei. Nun bleiben auch die Damen und Herren des öffentlichen Lebens sicherlich nicht vor Gemütsschwankungen verschont. Die Kunst besteht eben darin, selbige nicht in der Öffentlichkeit auszuleben.

Herr Stoiba war bester Dinge als ich ihn traf, obwohl er soeben als Kanzlerkandidat abgelehnt und zudem auf diese Tatsache von Seiten einer Mitreisenden angesprochen wurde (O-Ton: Dit war ja nu nüscht mitter Wahl, wa?). Auch Herr Kohhl schien die Gelassenheit in Person, während man im Untersuchungsausschuß des Bundestags fieberhaft nach Beweisen für seine Beteiligung an der CDU-Spendenaffäre suchte. Selbst über meinen freud'schen Faux-pas sah er gelassen hinweg, als ich ihm gedankenlos den aktuellen Spiegel anbot, dessen Titelbild sein Konterfei zeigte.

Dass unser Altaltbundeskanzler Herr Sch.midt gelegentlich seinem Unmut in Form von unschönen Worten und Gebaren freien Lauf lässt, schreiben manche meiner Kolleginnen seiner Nikotinabhängigkeit zu. Persönlich war ich zum Glück noch nicht Zielobjekt seiner Beschimpfungen. Ein einziger Politiker hat es bisher geschafft, durch sein Verhalten in seinem Ansehen auf meiner inneren Skala von 'gleichgültig' auf 'widerwärtig' zu sinken. Ich spreche von Wolfgang Sch..ble. Über ihn ist dieser Tage viel zu lesen. Von Gesetzesentwürfen zur inneren Sicherheit, von Einschränkung persönlicher Freiheit und von seinem Traum des Überwachungsstaates. Nun bin ich nicht nur ein gewissermaßen politisch ungebildeter Mensch, sondern zähle mich zudem zu der Masse des einfachen Volkes. Vielleicht sind mir deswegen Umgangsformen und ein persönlicher Eindruck zur Urteilsbildung über einen Menschen so wichtig.

Aus Gründen möchte ich über die einzelnen Vorkommnisse im Zusammentreffen lieber schweigen, nicht aber über meinen Eindruck, den ich damals - es mögen inzwischen schon ein paar Jahre ins Land gezogen sein - von ihm gewonnen habe. Dieser Mensch offenbarte im Umgang mit seinen Begleitern und mir nicht nur durchweg unsympathische Züge, er wirkte zudem auf mich ungeduldig, verbissen und verhärmt, kurz: jede Faser seines Körpers schien Unzufriedenheit auszustrahlen. Mich erinnerte seine Erscheinung an jene Charaktere, mit denen lange Jahre in Hollywoodfilmen deutsche Nazis besetzt wurden. Und all das sogar mit 'Behindertenbonus'. Der Mann mag in seinem Leben eine unvorstellbar schwere Phase hinter sich gebracht haben. Trotz allem ist nicht zu vergessen, dass er ein öffentliches Amt bekleidet und ihm dies die Macht gibt, seinem unterschwelligen Unmut Ausdruck zu verleihen.

Mehrmals las ich in letzter Zeit Vermutungen über seine Traumatisierung durch das Attentat. Ich bin weder Psychologe, noch kann ich mir hierüber ein Urteil erlauben. Was ich jedoch mit Sicherheit behaupten kann, ist, dass der Mann auf mich in höchstem Maße unsympathisch, wenn nicht gar bedrohlich wirkt. Ich hoffe, dass noch mehr Menschen aus seiner unmittelbaren Umgebung, die etwas zu sagen haben und auch die, die nur alle vier Jahre durch ein kleines Kreuz auf einem Zettel in Erscheinung treten, auf ihr Bauchgefühl achten mögen.

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Freitag, 8. Dezember 2006
A touch of sense and sensibility
Man kennt diesen Begriff, er wird oft und gerne umgangssprachlich benutzt und doch finde ich keine fundierten Informationen darüber. Unter einer Künstlerseele versteht man gemeinhin gesteigertes Einfühlungsvermögen, Sensibilität, emotionales Erfassen tiefgründiger Zusammenhänge und deren Verarbeitung in Schrift, Bild oder Musik. Man spricht von Künstlerseelen im Zusammenhang mit Meisterwerken, von Menschenhand erschaffener Göttlichkeit. Man sagt Künstlerseele und meint damit innerlich zerrissene Menschen, Suchende, die psychisch labil, sich im Leben nicht zurechtfinden und ihm gegebenenfalls schließlich ein Ende setzen. Fast scheint mir der Begriff ein wenig überstrapaziert, eine Art posthume Glorifizierung, ein idealisierender Erklärungsversuch für etwas, das im Grunde jeder mehr oder weniger schon erfahren hat.

Woher kommt dieser Begriff? Stammt er aus der Epoche der Romantik? Während die Nachwelt Berühmtheiten wie etwa Vincent van Gogh, Klaus Mann, oder Kurt Cobain als Künstlerseelen darstellt, spricht man über unzählige Anonyme als Depressive, Borderliner oder Schizophrene. Eine Künstlerseele muss schon in Vorleistung gehen, um als solche bezeichnet zu werden, obwohl die Voraussetzungen beider Gruppen sich durchaus gleichen. Was aber, wenn die tiefsinnige Seele nicht mit Worten, Farben oder Klängen umzugehen gelernt hat, was wenn sie keine der gängigen Ausdrucksformen als die ihre bezeichnet? Ist sie dann des Künstlers unwürdig? Komm mir jetzt keiner mit dem oft [falsch] zitierten Beuys, wonach jeder ein Künstler sei [wahlweise Bob Ross]. Ist nicht jeder halbwegs intelligente und einfühlsame Mensch ab und zu innerlich zerrissen? Oder fördert eine an der Spitze der Bedürfnispyramide angekommene Gesellschaft, deren Sucht nach Selbstausdruck durch die narzisstische Peitsche des Machbarkeitswahnes krankhaft getrieben wird, die innere Zerrissenheit? Kurz: ist es der Mensch selbst oder die Möglichkeiten, die ihn zu einem Suchenden machen?

Sowohl äußere Einflüsse, als auch innere Voraussetzungen mögen hierbei eine Rolle spielen. Doch bezweifle ich eine eindeutige Zuordnung des Begriffes und dessen Exklusivität im Bezug auf eine Berufsgruppe. Und wer will schlussendlich Kunst definieren?

Gedankenfortspinnung in den Kommentaren, sowie aufschlußreiche Links zum Begriff (Definition, Geschichte, Wissenschaft) werden ausdrücklich erbeten.

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Montag, 20. November 2006
Who cares (7)
Den ganzen Tag erfolglos versuchen wach zu werden, nur um dann nachts nicht schlafen zu können.

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Mittwoch, 5. Juli 2006
Sport sells
Das is ja mal´n Ding. Da hatte ein Herr Stefan Kuzmany in der taz dieselbe Idee wie ich, nämlich aus den zwei kleinen Italienern elf zu machen. Merkwürdig, dass zwei Zeilen daraus tupfengleich sind:
Eine Reise in den Norden Ist für andre schick und fein
Doch elf kleine Italiener Werden bald zu Hause sein


Ist bestimmt Zufall, denn seine Zeilen singen sich bei Weitem nicht so geschmeidig wie meine.

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