Dienstag, 7. September 2010
Mighty Quinn
Wenn der letzte Kräcker gegessen und alle Weine getestet, wenn sie alle Filme bereits gesehen und alle Toiletten benutzt, mit allen Umsitzenden Brüderschaft getrunken und vom Flugpersonal Galleyverbot bekommen haben. Wenn sie die Leuchtstreifen am Boden und die Stauräume über ihnen vermessen, die Fenster gezählt und die Funktion der Sitze en détail nachvollzogen haben, wenn ihnen dann auf ihrem nächsten Langstreckenflug immer noch langweilig ist, dann machen sie doch mal was Kreatives:




via SchinkenoderKäse

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Sonntag, 8. November 2009
Gimme More
Gimme More

Versetzen Sie sich bitte für einen Augenblick in folgende Situation (und vielleicht können erfahrene Zugfahrer - etwa Frau Kaltmamsell oder Herr Mequito- noch Erhellendes zu diesem Thema beitragen):

Sie kaufen eine Fahrkarte zweiter Klasse für eine Bahnfahrt von - sagen wir mal - München nach Hamburg. Ausserdem haben Sie sich ein schönes Plätzchen am Fenster reservieren lassen. Als Sie Ihr Abteil betreten, merken Sie, dass ausnahmslos alle weiteren Plätze belegt sind. Einige Leute stehen in den Gängen und Gepäckstücke versperren die restlichen Freiflächen. Ein Blick ins Abteil der ersten Klasse zeigt, dass dort sehr viele Plätze frei sind. Sie suchen also einen Zugschaffner auf und erklären ihm, dass Sie sich im Grunde mit mehr Platz wohler fühlen und Sie sich deshalb gerne in die erste Klasse setzen würden. Daraufhin fragt Sie der Schaffner, welche Klasse Sie bezahlt haben und bietet Ihnen an, für einen Aufpreis Ihr zweite Klasse in ein erster Klasse Ticket umzuwandeln. Sie möchten jedoch nicht mehr Geld bezahlen und untermauern dieses Anliegen argumentativ. Denn genau genommen unterscheide sich die erste Klasse ja nur durch die Farbe der Sitzbezüge von der zweiten. Und das kann ja nun wirklich nicht im Sinne der Bahn sein, für die Farbe der Sitzbezüge einen Aufpreis von fast 50 Prozent zu verlangen.

Der Schaffner scheint Ihre schlüssige Argumentation nicht nachzuvollziehen, weshalb Sie Ihrem Anliegen etwas mehr Nachdruck verleihen. Es verhielte sich nämlich so, dass Sie im Grunde nur sehr selten mit der Bahn führen, da Sie klaustrophobisch veranlagt seien und sich diese Eigenart ungünstig auf alle Umsitzenden auswirke, wenn Sie sich in dichtem Gedränge befänden. Ausserdem hätten Sie sich kürzlich einer Arthroskopie unterziehen müssen, weshalb Sie nun das Bein auf der langen Fahrt weit von sich strecken oder besser noch hochlegen müssten, um den Heilungsprozess zu begünstigen. Doch selbst gesundheitliche Bedenken scheinen den Kontrolleur nicht zur preislichen Ermäßigung einer erster Klasse Fahrkarte zu bewegen.

Da weder logische noch gesundheitliche Argumente den Diensthabenden überzeugen können, ziehen Sie ein letztes Register. Sie verstünden natürlich sehr wohl, dass er - der Verantwortliche - seine Vorschriften habe, doch so von Vorgesetztem zu Vorgesetztem, von Mensch zu Mensch, quasi von Freund zu Freund wäre da sicherlich auch mal eine Ausnahme drin, da ja die zweite Klasse nun wirklich überzulaufen drohe und Sie ja so gut wie zur Stammkundschaft gehörten. Ausserdem würden Sie zukünftig das Unternehmen Bahn in höchsten Kreisen lobend erwähnen, was in höchsten Kreisen ja auch sehr viel wert sei - sogar mehr wert als so ein lächerlicher Aufpreis. Ganz nebenbei bemerkt seien Sie ja quasi ein Duzbruder des Marketingchefs der Bahn und würden ganz bestimmt bei nächster Gelegenheit ein gutes Wort für ihn, den Kontrolleur, einwerfen, wobei Sie sehr konzentriert auf das Namensschild an seinem Revers starren und ihr Filofax unter entsprechendem Anfangsbuchstaben aufschlagen.

Der Diensthabende reagiert auch auf diesen Versuch abweisend. Nun sehen Sie sich genötigt, sehr, sehr ungehalten zu werden. Der Angestellte scheint wirklich nicht mit dem nötigen Respekt Ihnen gegenüber, geschweige denn mit der nötigen Intelligenz für Ihre schlüssige Argumentationskette gesegnet zu sein, was Sie verbal deutlich zum Ausdruck bringen. Dies ist dann auch Ihr letztes Register. In der Vergangenheit haben Sie damit schon oft Ihr Ziel erreicht, selbst wenn Sie es sehr traurig finden, dass man immer erst laut werden muss. Ihr Gegenüber wendet sich jedoch wortlos ab und ruft über ein Funktelefon den Wachdienst.

Das haben Sie sich irgendwie anders vorgestellt. Nächstes Mal setzen Sie sich einfach ungefragt in die erste Klasse. Denn das wird wohl nicht auffallen - bei so vielen Menschen. Oder Sie reisen zu zweit und kaufen nur ein erster Klasse Ticket. Da kann ein Kontrolleur wohl schwerlich ablehnen, wenn Sie sich mit Ihrem Geschäftspartner zusammensetzen. Oder noch besser, Sie legen sich einen berühmten Namen zu. Wenn Sie dann in der ersten Klasse sitzen, wird man Sie nicht wegschicken. Das traut sich kein dahergelaufener Schaffner.

Sie winken ab. So würden Sie sich niemals aufführen, und Sie können sich auch nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die das tun. Ich auch nicht und trotzdem erlebe ich genau das andauernd.

Das Leben ist ein Irrenhaus, bloß nimmt keiner seine Medikamente.

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Donnerstag, 22. Oktober 2009
Picture Of You
Weder würde ich mich als Frauenrechtlerin bezeichnen, noch zur Gruppe der HaarspalterInnen zählen, die Endungen von Substantiven verklausulieren. Im Gegenteil. Werde ich nach meiner Berufsbezeichnung gefragt, gebe ich gerne die männliche Form an. Warum? Weil ich kann. Die besten Witze über Juden kommen beispielsweise aus den eigenen Reihen. Da bin ich die Letzte, die auf politisch korrekte Formulierungen pocht.

Es gibt allerdings eine Ausnahme. Ein Wort, das bei mir innere Gefechtsstellung auslöst, ist Frauenzeitschrift. Einst eine wertfreie Konnotation, bedient dieser Ausdruck heute das Stereotyp Frau = Aussehen/Äusserlichkeit = niedriger Intellekt = Fotos gucken. Zeitschriften, die unter diesen Sammelbegriff fallen, werden von meinem Kundenkreis auch gerne 'was Leichtes', 'Klatsch&Tratsch' oder 'Promischau' genannt. Das Erstaunliche an der Sache ist aber, dass in meiner persönlichen Erhebung mehr Männer als Frauen nach sogenannten Frauenzeitschriften verlangen.

Schlaumeier könnten jetzt behaupten, es flögen ja auch mehr Männer als Frauen, weswegen ich das im Kopf mal prozentual überschlagen und ins Verhältnis gesetzt habe. Demnach sind über die Hälfte aller Frauenzeitschriften lesende Fluggäste Männer. Der Rest ist weiblich und liest anspruchsvolle Titel bzw. längere Artikel mit wirtschaftlich oder politisch geprägtem Inhalt.

Gelegentlich entbrennen richtige Grabenkämpfe zwischen Krawattenträgern um das letzte Exemplar. Das Argument 'für meine Frau/Sekretärin/Mutter' wird dann schon mal um das adjektiv 'kranke' erweitert und so der Mitleidsbonus ins Spiel geworfen. Bei Bildchenliteratur wird auch ungern geteilt, denn so ein Foto kann unter Umständen das Gehirn einen ganzen Flug lange beschäftigen, während sich ein Artikel aus Buchstaben schnell dem Ende nähert. Dementsprechend groß die Enttäuschung, sollte man selbst bei der Verteilung nicht bedacht worden sein.

Wenn nun ein Kunde nach sog. Frauenzeitschriften verlangt, reiche ich gerne Wirtschaftsthemen mit dem Hinweis auf die Wünsche meiner weiblichen Kundschaft. Spätestens dann entgleisen schon mal die männlichen Gesichtszüge. Schnell wird ein '"also was mit Bildern" hinterhergeschoben, um Flugmutti zu besänftigen und das begehrte Blatt doch noch zu erhalten. Werde ich auf der nächsten Party nach meinem Beruf gefragt, antworte ich wahrheitsgemäß: "Ich bin in der Erwachsenenbildung tätig."

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Donnerstag, 27. November 2008
Berlin Bombay
Heute Morgen schreckte mich diese Nachricht auf. Als Risiko des Lebens könnte man es auch fatalistisch bezeichnen, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein. Ich aber mag gar nicht weiter darüber nachdenken.


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Freitag, 2. Mai 2008
I've had the taste of danger
Wenn man im Urlaub oder auf Parties mit Unbekannten ins Gespräch kommt, wird früher oder später die Frage nach dem Beruf gestellt.
"Und was machst du so?"
Wie ich sie hasse, wie ich mich winde, sie zu beantworten, wie ich das schleifende Geräusch der Schubladen förmlich hören kann, wie ich sie in den Gesichtern zugeschoben sehe, wenn endlich meine Antwort fällt. Ich kann sie nachvollziehen, die Frage. Womit beschäftigt sich dieser Mensch tagein, tagaus? Was sind seine Interessen? Bemerkenswerterweise üben immer mehr Menschen dieser Tage eine Tätigkeit aus, die weder mit ihren Interessen, noch ihrem erlernten Beruf auch nur das Geringste zu tun hat. Wenn sich da mal nicht die ein oder andere völlig falsche Schublade schließt.

Und dann begegnet mir noch so ein Phänomen in regelmäßigen Abständen. Nenne ich meine Einkunftsquellenbezeichnung, dann hat sofort jeder was dazu zu sagen. Jeder ist schon mal geflogen, hat eine Geschichte parat, jeder kennt sich - bei mindestens zwei Ferienflügen im Jahr - aus oder hat eine vermeindlich originäre Frage. Viele beklagen sich über die Arroganz der Kabinenkollegen, glauben zu wissen, dass der männliche Anteil sowieso schwul sei - natürlich immer mit Ausnahme der Piloten, denn das sind ja ganz harte Kerle - und der weibliche mit Flugzeugführern verbandelt. Viele fühlten sich während eines Fluges irgendwann mal gegängelt, übersehen oder ungerecht behandelt und tun dies nach meiner Antwort lautstark kund. Und keiner läßt sein vermeindliches Wissen gerne von fachkundiger Seite korrigieren (nein, das sei genau so gewesen, und nein, es gibt ja auch keinen Unterschied zwischen Charter- und Linienflug).

Aber kennen sie mich damit wirklich? Oder ist der Wunsch nach Bedienen einer Schublade einfach größer? Für die Meisten ist dann jegliche Neugier gestillt. Kaum einer fragt, was ich vorher, nebenher oder danach gemacht habe bzw. noch plane. Und kaum einer kann sich vorstellen, was während eines Notfalles in der Kabine wirklich geschieht. Diese sicherheitsrelevanten Aufgaben sind kein geringer Teil unserer täglichen Arbeit. Ein- bis zweimal im Jahr werden in einer Flugzeugattrappe die verschiedensten möglichen Notfallsituationen durchgespielt. Ich kann ihnen versichern, dass - obwohl nur Übung - sich in diesem Moment alles sehr echt anfühlt. Da bleibt kein Puls auf 90. Selbst wenn ich dieses Trainingsvideo (via Hypoxia) sehe, steigt meine Atemfrequenz.

Wenn Sie das nächste Mal einen Kabinenmitarbeiter treffen, dann denken Sie bitte auch daran. "We're here to save your ass, not to wipe it!" wie einst die Angestellte einer amerikanischen Fluggesellschaft meinte. Also nicht vergessen: der nächste Arsch, der gerettet werden muß, könnte Ihrer sein.


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Mittwoch, 9. April 2008
Little china girl
Ich könnte jetzt über die Schwierigkeiten beim Hosenkauf in Asien schreiben, speziell über die sich von Europa unterscheidenden Größen und über den daraus resultierenden Frust. Ich könnte auch über die Hilfsbereitschaft der Menschen dort berichten, insbesondere derer auf Straßen und in Läden. Weiter könnte ich mich einmal mehr über die halsbrecherische Fahrweise der Chinesen und der daraus resultierenden Problematik, einen verdorbenen Magen nicht während der Taxifahrt auf links zu stülpen, auslassen. Das will aber derzeit keiner lesen, denn derzeit lautet das Motto: Wer China sagt, muss auch Tibet sagen.

Wer öffentlich bekennt, chinesische Produkte erworben zu haben, wird gerne mal virtuell gesteinigt. Denn - das wussten schon die Alten - man zeigt gerne mit Fingern auf andere. Der Chinese an sich ist schlecht. Da gibt es keine Differenzierung, keine Grautöne. Zu diesem Thema habe ich jedoch kaum etwas beizutragen. Nur soviel: während morgens die Bilder von Unruhen während des Fackellaufes in Paris noch unzensiert auf Deutsche Welle und Japansender ausgestrahlt wurden, hat man ab 17.00 Ortszeit die Ausstrahlung unterbrochen. Soviel zur Reaktionszeit der verantwortlichen Zensurstelle.

Außerdem noch ein Bild
aus dem fahrenden Taxi,
weil ich das immer mal
einem bekannten
Bayerischer Blogger nachmachen

zeigen wollte.
Ist aber auch für die Katz, weil hier
ausnahmsweise
mal keine fünf Fahrräder
und ein Moped nebeneinander fahren
und auch Hupgeräusche so schlecht
zu sehen sind.
Deswegen genug für heute.
Blöder Mist aber auch.

Unter diesen Bedingungen ist es nicht ratsam, sich aus dem Fenster zu beugen. Auch nicht bei akuter Übelkeit.


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Montag, 18. Februar 2008
Georgia on my mind
"Tiflis? Liegt das nicht in Libyen?"
Mal abgesehen davon, dass man bei diesem ganzen politischen Durcheinander keine Ahnung mehr hat, wie sich welche Länder derzeit benennen und was zu welchem Territorium gehört, kennt man manche Orte nur noch als Schlagworte aus den Medien. Ich wusste beispielsweise lange nicht, dass man in Castrop-Rauxel auch richtig wohnen kann, statt die meiste Zeit mit dem Auto auf Straßendreiecken zu stehen. Städte-, Länder- und Staatsnamen werden zu geflügelten Worten und der olle Diercke zum Katechismus für Spätsechz'ger. Wohl dem, der ihn nach seiner Schulzeit gegen geringes Entgeld erwarb.

So weiß ich kluges Kind natürlich, dass Eriwan nicht nur eine Radiostation ist und Tiflis die Hauptstadt Georgiens, was nicht über reichlich grundlegendere Geographielücken hinwegtäuschen soll. Selbst wenn sich noch ein dicker Strich durch das Abbild Deutschlands in meinem Diercke Weltatlas zieht, belehrt mich mein Lohnsteuerabzug eines Besseren. Dagegen hielt ich die Schwarzmeerflotte immer für die Bezeichnung eines Chores, dem man beitreten kann, wenn man dem Domspatzenalter entwachsen ist, statt an einen Undergroundclub der Marine zu denken. Seit heute weiß ich aber: das Schwarze Meer gibt es wirklich. Es ist sogar so groß, dass riesige Schiffe hineinpassen.

Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, das Schwarze Meer. Von oben. Ziemlich groß ist's und ziemlich schwarz. Es war auch Nacht. Allerdings weiß ich, daß es irgendwann auch zu Ende ist, das Schwarze Meer. Dahinter liegt dann Georgien. Davor übrigens Rumänien und nein, man muss nicht - wie einst eine von mir erfolgreich in die Irre geführte Kollegin - die Bedienung der Schwimmwesten demonstrieren, wenn man nach Bukarest fliegt. Sollten Sie also Georgien suchen, gucken Sie rechts von Bukarest, rechts vom Schwarzen Meer. Wenn Sie Eriwan sehen, sind Sie im Prinzip schon zu weit. Beim Kaspischen Meer auch. Wie gut, dass ich nicht Fluglotse geworden bin.

Die Georgier sprechen übrigens nicht russisch, sondern georgisch. Da sind sie eigen, die Georgier. Fast wie die Brasilianer, die man unter keinen Umständen auf spanisch ansprechen sollte. Jetzt spreche ich weder georgisch noch russisch und kann auch die Schriftzeichen nicht korrekt zuordnen. Da geht es mir ähnlich wie unserem Cateringmitarbeiter, der mir Einreiseformulare hinterlässt. Brav verteile ich die an unsere Gäste, bis mich einer darauf aufmerksam macht, daß es sich hierbei um Einreiseformulare für die Ukraine handelt. Ein marginaler Unterschied für mich, internationaler Konfliktstoff für Georgier. Glücklicherweise sind sie zu müde, um mit mir über Karikaturen Schriftzeichen zu streiten.

Die Georgier haben auch nichts mit den Albanern am Hut. Sie wissen schon, DIE Albaner aus der Verfilmung von Vargas-Llosas Roman der Tante Julia und ihrem Kugel Kunstschreiber. Obwohl, ursprünglich waren die Albaner im Buch Bolivianer. Marginale Unterschiede, sowohl in nautischen Meilen als auch im soziokulturellen Milieu. Meine Georgier haben eines gemeinsam: sie wollen alle nach oder weg von Tiflis. Möglicherweise haben sie letzteres mit Albanern, Ukrainern und Bolivianern gemeinsam. Wer will schon in einem Land bleiben, in dem eine Gehhilfe eher dem Untergestänge eines Leifheit Servierwagens aus den Siebzigern ähnelt, als einem mobilitätsfördernden Gerät, dessen Stabilität nur unwesentlich die der sich damit fortbewegenden Person übertrifft. Kurzum, Georgien ist ein relativ armes Land. Das hat es definitiv mit Albanien, der Ukraine und einigen anderen Ländern gemeinsam.

Eines haben sie auch mit mir gemeinsam, die Georgier: sie stehen nicht gerne mitten in der Nacht auf, um sich anschließend in ein Flugzeug zu begeben. Aber weil das Schwarze Meer groß und die Entfernung zum Rest der Welt noch größer ist, lässt es sich nicht umgehen. Letztlich will sich auch ein Georgier mal davon überzeugen, dass Castrop-Rauxel nicht in Holland liegt und der Begriff 'Nordsee' nicht für Devotionalienaufkleber steht. Ob mit oder ohne Gehhilfe.

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Mittwoch, 16. Januar 2008
Precious moments
Es gibt Tage, da habe ich Angst vor dem, was auf mich zu kommt. Es ist nicht leicht, Passagiere, Cockpit und Kabinenkollegen gleichermaßen zufriedenzustellen und mein persönlicher Anspruch ist verdammt hoch. Meistens zu hoch. Wir arbeiten daran.

Aber manchmal ist alles wider Erwarten sehr leicht. Ein kleiner Smalltalk beim Einsteigen, ein Witz mit der Kollegin, eine kleine Gefälligkeit für den Kapitän und alles läuft wie am Schnürchen. An solchen Tagen mag ich meinen Job. Ich mag es, wenn Passagiere zufrieden sind, wenn die Kollegen lachen und wenn ich mich nur darauf konzentrieren muss, ein Kissen oder einen extra Getränkewunsch nicht zu vergessen. An solchen Tagen geschehen meist außergewöhnliche Dinge. Kleinigkeiten, die mich innerlich zum Schmunzeln bringen. Dieses Schmunzeln schiebe ich dann die ganze Zeit wie einen der schweren Wagen vor mir her.

Die Dame am Fenster möchte noch einen Schluck Sekt. Als ich nachgieße, bedankt sie sich überschwänglich und streckt mir Geld entgegen. "Sie müssen nicht für Getränke extra bezahlen," sage ich, doch sie lässt sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. "Nein, nein, nehmen Sie bitte. Sie sind so nett!" Ich bin ein wenig gerührt und weiß nicht recht, was ich tun soll. Einerseits sind wir firmenseitig angehalten, keine Zuwendungen anzunehmen. Andererseits will ich sie nicht zurückweisen. "Aber Sie haben doch schon so viel mit dem Ticket bezahlt," erwidere ich. Unbeirrbar streckt sie mir die Münzen entgegen. Schließlich nehme ich sie entgegen und bedanke mich artig.

Der Herr in der ersten Reihe hat sein Mahl beendet. Ich räume das Tablett ab, nicht ohne die Schokolade herunterzunehmen und sie mit einem Lächeln auf die Seitenlehne zu legen. "Das brauchen Sie sicher noch zum Kaffee". "Ach, dat weiß isch jetzt nischt, ob sie dat jut mit mir meinen," entgegnet er mit unverkennbarem Dialekt. "Wissen Sie, isch mach grad' Jewischt". Auf meiner Stirn bildet sich ein sichtbares Fragezeichen. "Dat war der einzische Vorsatz für dat neue Jahr. Un bei so ein Geschäftsessen, da könnense ja nisch sachen: 'ein kleinen Salat und en Wassa für misch' weil dat is nisch jut für et Jeschäft." Langsam verstehe ich, was er meint. Horst Schlämmer hat Kreislauf und mein Passagier macht Gewicht. Sehr konsequent. So landet die Schokolade letztlich auf meinen Hüften.

Dem Passagier in Reihe fünf tue ich einen kleinen Gefallen, worauf er sich mit einem Crashkurs in griechisch bedankt. Auf dem Zettel hat er in lateinischer Schrift festgehalten, wie ich zukünftig griechische Passagiere korrekt willkommen heiße. 'Kalossorisate' schmettere ich fröhlich dem nächsten Einsteigenden entgegen. Dummerweise versteht der nur englisch. Macht nichts. Weil es schon nach 19.00 Uhr ist, darf ich jetzt auch 'kali spera' wünschen. Auf meinem nächsten Flug sage ich 'kali daogerma' zum Nächstbesten, der die Maschine nach 12.30 besteigt. Soll keiner sagen, wir würden uns nicht bemühen. Und schon gar nicht, wir wären dumm.

Nur das Kissen für 16C habe ich vergessen. Das ist allerdings schon drei Flüge her. Meistens fällt mir sowas erst ein, wenn ich abends im Bett liege. Aber im Nirvana geht ja nichts verloren. Kriegt der nächste, der fragt halt zwei Kissen. Damit wäre das Karma dann gerettet.

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Sonntag, 13. Januar 2008
Come fly with me
Aus gegebenem Anlass ein Erinnerungslink für alle, die am Montag wieder fliegen.

Anm: Für Langstreckenpassagiere machen wir bezüglich Nummer 8 selbstverständlich 1 (in Worten: EINE) Ausnahme.

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Donnerstag, 3. Januar 2008
One more chance
Meine indischen Freunde mal wieder. Die sind meistens wie unausgeschlafene kleine Kinder: quengelig, fordernd und schlichtweg anstrengend. Erst wenn auch der letzte Nerv blank liegt und sie weder mit Schmollen noch Schreien ihr Ziel erreichen, schauen sie einen aus großen schwarzen Kulleraugen an, bedanken sich artig und du wirst weich.

230 davon fliegen mit mir ins neue Jahr. Beim Einsteigevorgang wird die indische Kollegin plötzlich hektisch. Ihr neues Jahr beginnt viereinhalb Stunden früher, sie hat jedoch keine Zeit für Sentimentalitäten. Um Mitternacht überfliegen wir Teheran. Raketen zünden sie jedoch keine, obwohl die im Iran sicher viele davon haben. Zumindest behauptet das der Bush ja immer. Gegen sechs UTC beginnt unsere interne Party am Pool. Ein kalter Wind lässt uns bald an die Bar flüchten. Als der erste Kopf auf den Tresen schlägt, lösen wir die Runde zugunsten unserer Betten auf.

Die Happy-New-Year-Policy des Hotels wird streng eingehalten. Bei unserer Ankunft bin ich noch freudig überrascht, dass mir von jedem Mitarbeiter ein "Happy new year!" entgegenschmettert. Bereits eine Stunde später geht es mir auf die Nerven. Der Angestellte am Lift wünscht mir innerhalb einer halben Stunde fünfmal ein glückliches neues Jahr. Soviel Glück kann nicht gut sein. Als Antwort brumme ich sowas wie "du mich auch" in mich hinein.

München ist friedlich und kalt bei unserer Ankunft. Arschkalt sozusagen. Die Überreste auf den Straßen lassen erahnen, was hier akustisch stattfand. Und ich bin froh, dass ich es nicht hören musste. Der Hall des Paukenschlags im alten klingt noch in meinem inneren Ohr. Neues Jahr, neues Glück, steigen Sie ein, fahren Sie mit. In diesem Sinne allen Lesern ein happy new year!

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