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Dienstag, 23. Mai 2006
Die musikalische Reise - Teil 7
frau klugscheisser, 01:11h
Eigentlich hätte sie beim Blick aus dem Fenster den Baum im Innenhof sehen sollen. Stattdessen sieht sie auf eine weiße Wolkendecke. In weniger als einer halben Stunde wird sie an der Westküste landen. Der Gedanke an die vergangene Nacht durchfährt ihren Bauch. Er hinterlässt ein warmes Schwingen in ihrer Körpermitte, das sich wie Wellenkreise im Wasser langsam nach allen Seiten ausbreitet. Auf dem Weg von der Probe zum Hotel spürte sie seine Hand auf ihrer Schulter. Sie drehte sich um. Seine Worte hallten in jeder einzelnen ihrer Körperhöhlen nach. Sie hörte seine Stimme während des Konzertes, spielte nur für ihn, wollte ihm in Tönen so vieles erzählen, was über die Jahre geschehen war. Später lag er wie sein Cello zwischen ihren Beinen. Doch nicht sie spielte ihn, sondern er sie. Seine Hände glitten über ihren Körper, brachten ihn in Schwingung, zupften, strichen und stimmten eine längst vergessene Melodie in ihrem Innersten an. Sie spürte ihn vibrieren, als er in ihr kam. Als sie wieder erwachte, war sie allein. Was ihr blieb, war ein klebriges Gefühl zwischen ihren Schenkeln und ein Zettel auf dem Nachttisch. Seine Kontaktadresse stand da in klaren Lettern neben der Anweisung, wo sie das Ticket für den Flug nach San Francisco abholen sollte. Dort würde sie für den ausgefallenen Kammermusikpartner einspringen. Musikalisch kannten sie sich lange genug, sodass sich Proben erübrigten. Einstweilen würde er vorreisen und alles arrangieren. Ein kurzer Anruf bei ihrer Agentur bestätigte, dass er sie bereits gesucht hatte. Die Lücke zwischen ihren Konzerten in New York und Rom stimmte mit seinen Plänen überein. Man hatte über ihren Kopf entschieden, ohne sie vorher zu fragen. Sie ärgert sich ein wenig darüber. Gleichzeitig weiß sie, dass seine ungestüme Art, für Überraschungen zu sorgen, Ausdruck seiner Selbst ist. Schon damals waren sie deswegen aneinandergeraten. Als Klavierbegleitung konnte sie sich einfügen, nicht aber als Mensch.
Sie weiß nicht einmal, wann genau sie ihn wiedersehen wird. Kleine Notizen an Rezeptionen und neben Telefonapparaten werden ihr wie in einem Detektivspiel den Weg zu ihm weisen. Am Ausgang des Flughafens wartet ein Chauffeur, der sie zu ihrem Hotel bringen soll. Erst gleitet ihr Blick suchend über die Menschenmenge, bis sie das Schild mit der Aufschrift Ma petite Julie sieht. Der Halter, ein Schwarzer in légèrer Kleidung, grinst, als sie ihren Namen nennt. Ja, er hätte Anweisung, sie in die Stadt zu bringen. Auf dem Rücksitz liegt ein Fax mit dem Namen des Hotels, sowie Ort und Zeit für eine kurze Probe. Am Abend will er die beiden Brahmssonaten für Violoncello und Klavier aufführen. Die erste in e-moll war das Stück, mit dem sie seine Bekanntschaft vor vier Jahren machte. Seine Agentur hatte ihre Nummer vom Vorlesungsverzeichnis des Konservatoriums. Der Ruf einer ausgezeichneten Begleiterin eilte ihr über die Hochschulgrenzen voraus. Es folgten unzählige Proben und Konzerte mit verschiedensten Stücken aus dem Cellorepertoire. Nebenbei formierten sie ein Klaviertrio mit einem mäßig bekannten, dafür musikalisch hervorragenden Violinisten. Die Schubert- und Beethoventrios spielten sie so lange, bis sie zu den Ohren herauskamen. Dabei kann sie sich an den Trios von Schubert normalerweise nicht satt hören. Möglicherweise hat sie sich irgendwann einmal an den beiden Musikern sattgehört. Oder sie hat sich im Laufe der Zeit verändert. Sie wuchs aus der Rolle der kleinen Begleiterin hinaus, um zu dem zu werden, was sie jetzt ist. Eine Frau, die sich nicht mehr einfach sagen lässt, was sie zu tun oder zu lassen hat. Sie ist stolz auf das, was sie erreicht hat, auf das, was sie ist. In nur einer Nacht hat er sie wieder zu Wachs in seinen Händen werden lassen. Wie konnte das geschehen? Was ist seine Zauberformel, die sie nicht nein sagen lässt? Während sie sich auf der Rückbank des Wagens zurücklehnt, spürt sie wieder die warmen Kreise durch ihren Körper ziehen.
Sie weiß nicht einmal, wann genau sie ihn wiedersehen wird. Kleine Notizen an Rezeptionen und neben Telefonapparaten werden ihr wie in einem Detektivspiel den Weg zu ihm weisen. Am Ausgang des Flughafens wartet ein Chauffeur, der sie zu ihrem Hotel bringen soll. Erst gleitet ihr Blick suchend über die Menschenmenge, bis sie das Schild mit der Aufschrift Ma petite Julie sieht. Der Halter, ein Schwarzer in légèrer Kleidung, grinst, als sie ihren Namen nennt. Ja, er hätte Anweisung, sie in die Stadt zu bringen. Auf dem Rücksitz liegt ein Fax mit dem Namen des Hotels, sowie Ort und Zeit für eine kurze Probe. Am Abend will er die beiden Brahmssonaten für Violoncello und Klavier aufführen. Die erste in e-moll war das Stück, mit dem sie seine Bekanntschaft vor vier Jahren machte. Seine Agentur hatte ihre Nummer vom Vorlesungsverzeichnis des Konservatoriums. Der Ruf einer ausgezeichneten Begleiterin eilte ihr über die Hochschulgrenzen voraus. Es folgten unzählige Proben und Konzerte mit verschiedensten Stücken aus dem Cellorepertoire. Nebenbei formierten sie ein Klaviertrio mit einem mäßig bekannten, dafür musikalisch hervorragenden Violinisten. Die Schubert- und Beethoventrios spielten sie so lange, bis sie zu den Ohren herauskamen. Dabei kann sie sich an den Trios von Schubert normalerweise nicht satt hören. Möglicherweise hat sie sich irgendwann einmal an den beiden Musikern sattgehört. Oder sie hat sich im Laufe der Zeit verändert. Sie wuchs aus der Rolle der kleinen Begleiterin hinaus, um zu dem zu werden, was sie jetzt ist. Eine Frau, die sich nicht mehr einfach sagen lässt, was sie zu tun oder zu lassen hat. Sie ist stolz auf das, was sie erreicht hat, auf das, was sie ist. In nur einer Nacht hat er sie wieder zu Wachs in seinen Händen werden lassen. Wie konnte das geschehen? Was ist seine Zauberformel, die sie nicht nein sagen lässt? Während sie sich auf der Rückbank des Wagens zurücklehnt, spürt sie wieder die warmen Kreise durch ihren Körper ziehen.
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Sonntag, 21. Mai 2006
Yesterday
frau klugscheisser, 22:22h
Gestern war einer der Tage, die unbedingt in die Hirnrinde gebrannt gehören. Schon Schumann sagte Es ist des Lernens kein Ende.
Ankunft am Flughafen Frankfurt. Piktogramme weisen mir den Weg zur nächsten Toilette, auf der ich meine Kleidung wechseln will. Im Anbetracht des einsetzenden Platzregens scheint mir der Rock und die Schuhe unpassend für die vor mir liegende Suchaktion des Café International. Nach drei passierten Piktogrammen verschwinden die entsprechenden Hinweise. Eine Türe mit gleichem Zeichen sucht man jedoch vergeblich. Nachdem ich auf diese Weise zweimal die große Runde durch Terminal A, B und C hinter mich gebracht habe, weiß ich, warum es viele Menschen auf Flughäfen so eilig haben.
Der Harndrang treibt sie durch die Hallen. Irgendwie erinnert mich das Spiel an eine Schnitzeljagd. Auf Anfrage am Infoschalter bekomme ich den Weg zur nächsten Toilette gewiesen, die hoffnungslos überfüllt ist. Ich begebe mich in den Wickelraum. Wenigstens kann ich dort bequem meine Kleidung den Witterungsverhältnissen anpassen. Mehr ist aber nicht drin. Weiter zum öffentlichen Nahverkehr. Ich will eine Streifenkarte ziehen, die gibt’s aber nicht, wie mir die freundliche Dame am Schalter auf hochhessisch mitteilt. Frankfurt übertrifft preislich in Bezug auf Einzelfahrten sogar Münchner Verhältnisse. Auf dem Bahnsteig gibt es nur einen einzigen Routenplan. Der befindet sich zwischen den Gleisen und ist bei eingefahrenem Zug nicht sichtbar. Als ich nachfrage, warum das so ist, vermutet ein freundlicher Herr, die Pläne am Bahnsteig seien zugeschmiert und danach entfernt worden. Ich frage eine Dame, ob die eingefahrene S-Bahn in Richtung Hauptbahnhof fährt. Sie weiß es nicht. Merkwürdig, in Frankfurt scheint das Fahren mit S-Bahnen allgemeine Wochenendbeschäftigung zu sein. Man steigt in eine S-Bahn und fährt ohne bestimmtes Ziel durch die Gegend. Verständlich, bei den hohen Spritpreisen, wäre da nicht der stolze Preis einer Einzelfahrt. Sicher hatte die Angesprochene eine Tageskarte, die sie mal so richtig ausnutzen wollte. Bevor der nächste Zug einfährt, erblicke ich einen Herrn, dem ich mehr Kenntnis unterstelle. Außerdem wirkt er mit den vier Streifen am Jackenärmel auf mich vertraut. Zu Unrecht, wie ich bei kurzer Nachfrage erfahren muss. Auch er weiß nicht, ob die Bahn mich bis zur Konstablerwache bringen wird. Dafür entspannt sich zwischen uns in der fahrenden Bahn ein nettes kleines Gespräch, das ich immer wieder durch hektische Blicke nach oben zum Streckennetzplan unterbreche. Er fliegt für Air France und wünscht mir noch einen schönen Tag. Obwohl er mir keine Auskunft geben konnte, wird mir langsam klar, warum man in Uniform so häufig angesprochen wird. Persönlich vermeide ich es, mich außerhalb des Flughafens in Dienstkleidung zu bewegen, weil ich diese Sorte Gespräche nicht mag.
An der Konstablerwache lerne ich durch ein kurzes Telefonat, dass Bandini in Wirklichkeit gar nicht Bandini heisst. Ich bin verwirrt, habe ich doch bislang alles geglaubt, was im Internet steht. Immerhin hat der Mann einen Plan. Das ist schon mehr, als so manch anderer hat. Er dirigiert mich gezielt in das Restaurant, in dem die anderen Leser bereits warten. Im Café schweift mein Blick suchend über die Menge. Logisch siehste niemanden, denke ich hast ja auch keine Brille auf. Erst als ich jene auf der Nase trage, fällt mir ein, wie unwahrscheinlich es ist, Menschen zu erkennen, die man vorher noch nie gesehen hat. Aus der Menge springt ein hilfreicher Herr auf. Das muss Bandini sein. Tatsächlich, er ist es. Mark bestellt Schweinenackensteak. Geistesabwesend wiederhole ich laut seine Bestellung. Das ist der Moment, wo ihm spätestens Zweifel am Vollbesitz meiner geistigen Kräfte gekommen sein müssen. Wie soll ich jetzt noch erklären, dass ich das Wort exorbitant finde und es laut auf der Zunge zergehen lassen musste? Klingt doch blöd. Klingt nach Rechtfertigung. Insgeheim formuliere ich bereits eine Geschichte über Schweinenackensteak. Ohne Krautsalat. Frau Saint-Phalle legt sich wohl ihren schlechten Eindruck von mir noch zurecht, zumindest erwidert sie wenig auf meinen sprudelnden Redefluss. Wahrscheinlich kommt sie einfach nicht zu Wort. Später beschimpfe ich die Truppe auf dem Weg zum Café unflätig mit den Worten Ihr Spießer, als außer mir keiner bei roter Ampel die dreispurige Straße überqueren will. Das ist der Moment, wo mir klar wird, dass ich wohl nie wieder in Frankfurt zu einer Lesung eingeladen werde. Nein, auch nicht als Publikum. Ausser ich werde von einem Auto überfahren. Dann würden nämlich alle unheimlich nette Sachen über mich bloggen. Sie war mutig und tapfer, doch der Verkehr hat ihrem Ruhmeszug ein jähes Ende gesetzt. Sie gab ihr Leben für eine Lesung... [räusper]
Was ich aber eigentlich erzählen will, sind meine Eindrücke der Abendveranstaltung:
Bandinis Texte eignen sich hervorragend zum Vorlesen. Obwohl nicht geplant, konnten die anwesenden Damen ihn nötigen, männliche Geschlechtsteile zuzeigen beschreiben. Aus der Reihe „mein erstes Mal“ hörten wir von in schwulen Beinfalten sitzenden Zecken und Gott- Arztvertrauen, das ihm entgegengebracht wurde.
Dass Schuhe auf Autobahnen ausgesetzt werden, lernte ich in einem wunderbaren Text von Mark793, der mit seinem Erklärungsansatz das Publikum noch schonte. Frau Saint-Phalle gilt mein absoluter Respekt. Chapeau, werte Frau Saintphalle, für den Vortrag von großen und kleinen Toden [le petit mort]. Als die ersten Anzüglichkeiten erklangen, wusste der ein oder andere Zuhörer vor und auf der Bühne nämlich fast nicht mehr wohin mit soviel Frühlingshormonen im Blickfeld.
Bleibt mir nur noch, mich bei meinem Bettgeber für die Reibekuchen zu bedanken, deren Duft mich um 4.00 morgens nicht mehr aus den Fängen des einsetzenden Schlafkomas reißen konnten und die ich stattdessen vier Stunden später beim zweiten Versuch, mich endgültig meiner Straßenkleidung incl. Schuhen zu entledigen, kalt an meinem Kopfende vorfand. So liebevoll bin ich selten umsorgt worden.
Gelesen:
I believe I can fly (auf myblog)
Die musikalische Reise – Teil 5
Sprich zu Deiner Hand!
Ankunft am Flughafen Frankfurt. Piktogramme weisen mir den Weg zur nächsten Toilette, auf der ich meine Kleidung wechseln will. Im Anbetracht des einsetzenden Platzregens scheint mir der Rock und die Schuhe unpassend für die vor mir liegende Suchaktion des Café International. Nach drei passierten Piktogrammen verschwinden die entsprechenden Hinweise. Eine Türe mit gleichem Zeichen sucht man jedoch vergeblich. Nachdem ich auf diese Weise zweimal die große Runde durch Terminal A, B und C hinter mich gebracht habe, weiß ich, warum es viele Menschen auf Flughäfen so eilig haben.
Der Harndrang treibt sie durch die Hallen. Irgendwie erinnert mich das Spiel an eine Schnitzeljagd. Auf Anfrage am Infoschalter bekomme ich den Weg zur nächsten Toilette gewiesen, die hoffnungslos überfüllt ist. Ich begebe mich in den Wickelraum. Wenigstens kann ich dort bequem meine Kleidung den Witterungsverhältnissen anpassen. Mehr ist aber nicht drin. Weiter zum öffentlichen Nahverkehr. Ich will eine Streifenkarte ziehen, die gibt’s aber nicht, wie mir die freundliche Dame am Schalter auf hochhessisch mitteilt. Frankfurt übertrifft preislich in Bezug auf Einzelfahrten sogar Münchner Verhältnisse. Auf dem Bahnsteig gibt es nur einen einzigen Routenplan. Der befindet sich zwischen den Gleisen und ist bei eingefahrenem Zug nicht sichtbar. Als ich nachfrage, warum das so ist, vermutet ein freundlicher Herr, die Pläne am Bahnsteig seien zugeschmiert und danach entfernt worden. Ich frage eine Dame, ob die eingefahrene S-Bahn in Richtung Hauptbahnhof fährt. Sie weiß es nicht. Merkwürdig, in Frankfurt scheint das Fahren mit S-Bahnen allgemeine Wochenendbeschäftigung zu sein. Man steigt in eine S-Bahn und fährt ohne bestimmtes Ziel durch die Gegend. Verständlich, bei den hohen Spritpreisen, wäre da nicht der stolze Preis einer Einzelfahrt. Sicher hatte die Angesprochene eine Tageskarte, die sie mal so richtig ausnutzen wollte. Bevor der nächste Zug einfährt, erblicke ich einen Herrn, dem ich mehr Kenntnis unterstelle. Außerdem wirkt er mit den vier Streifen am Jackenärmel auf mich vertraut. Zu Unrecht, wie ich bei kurzer Nachfrage erfahren muss. Auch er weiß nicht, ob die Bahn mich bis zur Konstablerwache bringen wird. Dafür entspannt sich zwischen uns in der fahrenden Bahn ein nettes kleines Gespräch, das ich immer wieder durch hektische Blicke nach oben zum Streckennetzplan unterbreche. Er fliegt für Air France und wünscht mir noch einen schönen Tag. Obwohl er mir keine Auskunft geben konnte, wird mir langsam klar, warum man in Uniform so häufig angesprochen wird. Persönlich vermeide ich es, mich außerhalb des Flughafens in Dienstkleidung zu bewegen, weil ich diese Sorte Gespräche nicht mag.
An der Konstablerwache lerne ich durch ein kurzes Telefonat, dass Bandini in Wirklichkeit gar nicht Bandini heisst. Ich bin verwirrt, habe ich doch bislang alles geglaubt, was im Internet steht. Immerhin hat der Mann einen Plan. Das ist schon mehr, als so manch anderer hat. Er dirigiert mich gezielt in das Restaurant, in dem die anderen Leser bereits warten. Im Café schweift mein Blick suchend über die Menge. Logisch siehste niemanden, denke ich hast ja auch keine Brille auf. Erst als ich jene auf der Nase trage, fällt mir ein, wie unwahrscheinlich es ist, Menschen zu erkennen, die man vorher noch nie gesehen hat. Aus der Menge springt ein hilfreicher Herr auf. Das muss Bandini sein. Tatsächlich, er ist es. Mark bestellt Schweinenackensteak. Geistesabwesend wiederhole ich laut seine Bestellung. Das ist der Moment, wo ihm spätestens Zweifel am Vollbesitz meiner geistigen Kräfte gekommen sein müssen. Wie soll ich jetzt noch erklären, dass ich das Wort exorbitant finde und es laut auf der Zunge zergehen lassen musste? Klingt doch blöd. Klingt nach Rechtfertigung. Insgeheim formuliere ich bereits eine Geschichte über Schweinenackensteak. Ohne Krautsalat. Frau Saint-Phalle legt sich wohl ihren schlechten Eindruck von mir noch zurecht, zumindest erwidert sie wenig auf meinen sprudelnden Redefluss. Wahrscheinlich kommt sie einfach nicht zu Wort. Später beschimpfe ich die Truppe auf dem Weg zum Café unflätig mit den Worten Ihr Spießer, als außer mir keiner bei roter Ampel die dreispurige Straße überqueren will. Das ist der Moment, wo mir klar wird, dass ich wohl nie wieder in Frankfurt zu einer Lesung eingeladen werde. Nein, auch nicht als Publikum. Ausser ich werde von einem Auto überfahren. Dann würden nämlich alle unheimlich nette Sachen über mich bloggen. Sie war mutig und tapfer, doch der Verkehr hat ihrem Ruhmeszug ein jähes Ende gesetzt. Sie gab ihr Leben für eine Lesung... [räusper]
Was ich aber eigentlich erzählen will, sind meine Eindrücke der Abendveranstaltung:
Bandinis Texte eignen sich hervorragend zum Vorlesen. Obwohl nicht geplant, konnten die anwesenden Damen ihn nötigen, männliche Geschlechtsteile zu
Dass Schuhe auf Autobahnen ausgesetzt werden, lernte ich in einem wunderbaren Text von Mark793, der mit seinem Erklärungsansatz das Publikum noch schonte. Frau Saint-Phalle gilt mein absoluter Respekt. Chapeau, werte Frau Saintphalle, für den Vortrag von großen und kleinen Toden [le petit mort]. Als die ersten Anzüglichkeiten erklangen, wusste der ein oder andere Zuhörer vor und auf der Bühne nämlich fast nicht mehr wohin mit soviel Frühlingshormonen im Blickfeld.
Bleibt mir nur noch, mich bei meinem Bettgeber für die Reibekuchen zu bedanken, deren Duft mich um 4.00 morgens nicht mehr aus den Fängen des einsetzenden Schlafkomas reißen konnten und die ich stattdessen vier Stunden später beim zweiten Versuch, mich endgültig meiner Straßenkleidung incl. Schuhen zu entledigen, kalt an meinem Kopfende vorfand. So liebevoll bin ich selten umsorgt worden.
Gelesen:
I believe I can fly (auf myblog)
Die musikalische Reise – Teil 5
Sprich zu Deiner Hand!
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Freitag, 19. Mai 2006
Die musikalische Reise - Teil 6
frau klugscheisser, 02:03h
Als sie die Augen öffnet, fällt ihr Blick auf eine kleine Spinne, die sich von der Zimmerdecke direkt über ihr abseilt. Mit einem Ruck springt sie aus dem Bett. Draußen ist es noch dunkel. Die Uhr zeigt 4.00. Sie schaltet das Fernsehgerät ein und zappt sich durch unzählige Kanäle. Aus dem Kasten biedern Werbeprofis in adjektivreichen Sätzen ihre Produkte an, Nachrichtensprecher verkünden mit ernster Miene die neuesten Vorkommnisse, unterbrochen von Bildern aus fernen Ländern, in Bezug auf das kleine amerikanische Zentrum des Universums. Sie verspürt den dringenden Wunsch, die Wände gegen Unbegrenztheit einzutauschen. Während sie in ihre Schuhe schlüpft, klingt im inneren Ohr das Thema der Goldbergvariationen von Bach. Dem schlaflosen Grafen hat er sie einst gewidmet. Die interessanteste Aufnahmen des Stückes existieren von Gould, dem Enfant terrible der Klaviermusik. Zwischen der ersten und zweiten Aufnahme liegen mehr als 10 Jahre musikalische Entwicklung. Sie hätte viel darum gegeben, einmal, nur einmal, die Möglichkeit gehabt zu haben, mit Glenn Gould zu sprechen. In ihrer Vorstellung vom einsamen menschenscheuen Künstler sind ihr Goulds Interpretationen ans Herz gewachsen. Ein großer Unterschied zwischen ihr und Gould besteht darin, dass sie immer noch verhasste Aufgaben für Geld erfüllen muss. Sie unterrichtet an verschiedenen Musikschulen, hat nebenbei einen kleinen Lehrauftrag am Konservatorium ergattert und begleitet ab und an die Absolventen der dortigen Streicherklassen. Früher spielte sie manchmal für Geld in Ballettklassen oder in kleinen Bars, doch das ist lange her. Sie kann sich nicht über Geldnot beklagen. Die Eltern sind sehr spendabel. Auf Dauer muss sie sich aus dem Zwang der erkauften Liebesbekundungen lösen. Die Abende als Barpianistin waren so schlecht nicht. Sie lernte dadurch andere Menschen kennen, deren Welt nicht die ihre war. Mit der Zeit langweilten sie die immer gleichen Gesichter, musikalischen Wünsche und persönlichen Geschichten, die man ihr an der Theke unaufgefordert erzählte. Vielleicht war es auch nur der Sumpf von Verzweiflung und Einsamkeit dieser Menschen, die sie dort kündigen ließen. Sicher ist sie sich nicht.
Die Straßen in Manhattan scheinen nie zu schlafen. Sie geht Richtung Central Park. Bilder aus längst vergessenen Kinofilmen steigen in ihr auf. Während sie einen Fuß vor den anderen setzt, träumt sie von Freiheit. Eine Zeit mit frei ziehenden Wolken, Bergen, Meer oder einer bis zum Horizont reichender Wiese. Eine Zeit ohne den schwarzen Folterknecht aber nie ohne Musik. Sie würde gerne wie andere diese Zeit mit neuen Herausforderungen füllen. Für ein Hobby war nie Zeit übrig. Sie möchte wissen, wie es ist, auf langen Brettern einen schneebedeckten Hang hinuntersausen oder unter Wasser zu atmen, wie es sich anfühlt, auf dem Rücken eines Pferdes durch den Wald getragen zu werden oder vom Gipfel eines Berges in den Sonnenuntergang zu schweben. Die Verletzungsgefahr bei derlei Sportarten sei für sie zu groß. Also blieb sie all die Jahre zu Hause. Das Meer und die Berge sah sie nur in Begleitung ihrer Eltern. Manchmal wünscht sie sich, an der Hand eines Mannes durch die Straßen zu laufen oder gemeinsam das Bild eines großen Meisters zu betrachten, so wie damals in Barcelona. Ein einmaliges Erlebnis, das sich später nicht mehr wiederholte. Männer traf sie viele, doch keiner war dabei, der ihre Gedanken nachvollziehen konnte. So trafen sich Körper nur an der Oberfläche. Die Seelen blieben während dieser Begegnungen unberührt. Bei solchen Gedanken fühlt sie sich naiv und kindisch. Natürlich nützt es nichts, sich die Realität schön zu träumen. Aber die Träume halten sie am Leben, lassen sie weitergehen, weiterschauen, weiter sehnen.
Am Rande des Central Park gibt es selbst noch um diese nachtschlafende Zeit Pferdekutschen. Wallache stehen im Gechirr eingespannt mit hängenden Köpfen auf drei Beinen am Rande der vielbefahrenen 59. Straße. Ein erbarmungswürdiger Anblick. Vereinzelte Pärchen ziehen Richtung Eingang Plaza Hotel. Ein Obdachloser schiebt den mit seinen Habseligkeiten gefüllten Einkaufswagen vor sich her. Es ist ihr bewusst, dass ein Nachtspaziergang durch den Central Park von ausgeprägter Dummheit zeugen würde. Da gibt es zu viele Drogenabhängige, zu viel Kriminalität, von der sie bis jetzt nur aus den Medien hörte. Dennoch fühlt sie sich von den dunklen Silhouetten der Bäume magisch angezogen. Es ist das Risiko, der Adrenalinkick, der ihr das Gefühl gibt, noch lebendig zu sein. Auf eine Art ist sie nicht besser als all die Junkies, genauso abhängig und süchtig nach Grenzerfahrungen, von denen sie hofft, eines Tages nicht nur zu wissen, wie Leben funktioniert, sondern das Wissen auch transformieren zu können. Nach den beiden Tagen in New York wird sie ein, zwei freie Tage haben, in denen sie weiterreisen möchte. Die Orte einer unbeschwerten Kindheit will sie besuchen und hoffen, dass ihr das Gefühl zu konservieren und bei Bedarf abzurufen möglich ist. In den nächsten zwei Wochen stehen noch einige Konzerte an. Den genauen Plan hat sie nicht auswendig parat. Dafür ist ihre Agentur zuständig. Vielleicht sollte sie heute im Laufe des Tages dort anrufen, schon allein um herauszufinden, auf welchen Flug nach Deutschland sie gebucht ist. Die Realität hat sie wieder eingeholt und in Ketten gelegt. Vor dem Eingang zum Park kehrt sie um und geht langsam zurück zum Hotel.
Die Straßen in Manhattan scheinen nie zu schlafen. Sie geht Richtung Central Park. Bilder aus längst vergessenen Kinofilmen steigen in ihr auf. Während sie einen Fuß vor den anderen setzt, träumt sie von Freiheit. Eine Zeit mit frei ziehenden Wolken, Bergen, Meer oder einer bis zum Horizont reichender Wiese. Eine Zeit ohne den schwarzen Folterknecht aber nie ohne Musik. Sie würde gerne wie andere diese Zeit mit neuen Herausforderungen füllen. Für ein Hobby war nie Zeit übrig. Sie möchte wissen, wie es ist, auf langen Brettern einen schneebedeckten Hang hinuntersausen oder unter Wasser zu atmen, wie es sich anfühlt, auf dem Rücken eines Pferdes durch den Wald getragen zu werden oder vom Gipfel eines Berges in den Sonnenuntergang zu schweben. Die Verletzungsgefahr bei derlei Sportarten sei für sie zu groß. Also blieb sie all die Jahre zu Hause. Das Meer und die Berge sah sie nur in Begleitung ihrer Eltern. Manchmal wünscht sie sich, an der Hand eines Mannes durch die Straßen zu laufen oder gemeinsam das Bild eines großen Meisters zu betrachten, so wie damals in Barcelona. Ein einmaliges Erlebnis, das sich später nicht mehr wiederholte. Männer traf sie viele, doch keiner war dabei, der ihre Gedanken nachvollziehen konnte. So trafen sich Körper nur an der Oberfläche. Die Seelen blieben während dieser Begegnungen unberührt. Bei solchen Gedanken fühlt sie sich naiv und kindisch. Natürlich nützt es nichts, sich die Realität schön zu träumen. Aber die Träume halten sie am Leben, lassen sie weitergehen, weiterschauen, weiter sehnen.
Am Rande des Central Park gibt es selbst noch um diese nachtschlafende Zeit Pferdekutschen. Wallache stehen im Gechirr eingespannt mit hängenden Köpfen auf drei Beinen am Rande der vielbefahrenen 59. Straße. Ein erbarmungswürdiger Anblick. Vereinzelte Pärchen ziehen Richtung Eingang Plaza Hotel. Ein Obdachloser schiebt den mit seinen Habseligkeiten gefüllten Einkaufswagen vor sich her. Es ist ihr bewusst, dass ein Nachtspaziergang durch den Central Park von ausgeprägter Dummheit zeugen würde. Da gibt es zu viele Drogenabhängige, zu viel Kriminalität, von der sie bis jetzt nur aus den Medien hörte. Dennoch fühlt sie sich von den dunklen Silhouetten der Bäume magisch angezogen. Es ist das Risiko, der Adrenalinkick, der ihr das Gefühl gibt, noch lebendig zu sein. Auf eine Art ist sie nicht besser als all die Junkies, genauso abhängig und süchtig nach Grenzerfahrungen, von denen sie hofft, eines Tages nicht nur zu wissen, wie Leben funktioniert, sondern das Wissen auch transformieren zu können. Nach den beiden Tagen in New York wird sie ein, zwei freie Tage haben, in denen sie weiterreisen möchte. Die Orte einer unbeschwerten Kindheit will sie besuchen und hoffen, dass ihr das Gefühl zu konservieren und bei Bedarf abzurufen möglich ist. In den nächsten zwei Wochen stehen noch einige Konzerte an. Den genauen Plan hat sie nicht auswendig parat. Dafür ist ihre Agentur zuständig. Vielleicht sollte sie heute im Laufe des Tages dort anrufen, schon allein um herauszufinden, auf welchen Flug nach Deutschland sie gebucht ist. Die Realität hat sie wieder eingeholt und in Ketten gelegt. Vor dem Eingang zum Park kehrt sie um und geht langsam zurück zum Hotel.
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