Donnerstag, 18. Mai 2006
AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHH!!


Ich hab´s gewusst. Der nächste Hammer ist schon da.
Herr Shhhh fällt Samstag bei der Lesung aus. Jetzt soll ich die Freakshow geben. Naja, wenn Aussehen genügt. Bin Samstag eh in FRA. Muss da - wie jedes Jahr - am lebenden Objekt unter Beweis stellen, dass ich in der Lage bin, eine Flugzeugtüre zu öffnen und hinterher noch ne Menge dummer Fragen korrekt beantworten (z.B. welche Farbe hat ein Passagiersitz? Antwort: a.)blau b.)grün c.)gelb).

Hey Saintphalle, Mark und Bandini, keine Angst, ich bin´s nur. Ich hab noch nie auf Lesungen randaliert, das Publikum beleidigt oder mich nackig gemacht. Ich mach das nur verbal mit ekligen Geschichten. Hihi

Alte Fliegerweisheit: Nach müde kommt blöd. Ohgottogottogott, ich muss endlich schlafen...

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Bad hair day
0.03 Teil 5 der Geschichte ist fertig und online. Wieso tu ich mir das überhaupt an? Interessiert doch eh keinen. Erste leichte Spuren von Sinnfragen im Kopf.

0.33 Unheimlich wichtigen Sinnspruch unheimlich spontan formuliert und gebloggt. Fühle mich unheimlich weise und intelligent. Computer ausgeschaltet.

0.45 Duschen. Haare waschen. Damit Zeit gespart. Wecker eine halbe Stunde später gestellt.

1.10 Computer wieder an, da unheimlich wichtiger Sinnspruch unheimlich falsch formuliert. Leo sagt your english is to run away. Komme mir unheimlich blöd vor. Sich stark verdichtende Anzeichen einer ersten Sinnkrise.

1.17 Breton mit Baudelaire verwechselt. Drei Haare ausgerissen.Dabei mit der Maus rhythmisch gegen die Stirn geschlagen. Anklicken hilft. Manchmal. Kommentar verbessert.

1.30 Blick auf die Uhr. Zeitersparnis als Selbsttäuschung entlarvt. Duschen nur drei Stunden vorverlegt. Dauer der Dusche immer gleich lang. Bis kein heisses Wasser mehr kommt. Mit der Faust gegen die Stirn geschlagen.

1.50 Beginn der schweren Sinnkrise ins Bett verlegt.

3.45 Wecker klingelt. Aufstehen. Mit Zahnbürste im Mund Teewasser kochen. Leichte Koordinationsschwierigkeiten. Mit Zahnbürste umrühren. Neue Erkenntnis: Zahnpasta schwimmt oben.Tee weggeschüttet.

3.55 Schwere Sinnkrise steuert auf ersten dramatischen Höhepunkt zu. Erster klarer Gedanke: was tue ich um diese Zeit in meiner Küche? Analyse eingeleitet. Hat was mit Broterwerb zu tun. Zu einem Ergebnis mittels Ausschlussverfahren gelangt: bin kein Bäcker, keine Zeitungsfrau, kein Postbeamter. Bleibt nur Saftschubse. Während des Milchtrinkens mit dem Kopf auf Tischplatte aufgeschlagen. Dabei von Intelligenz geträumt.

4.00 Uniform passt noch. Freue mich. Erinnerungsvermögen setzt ein. Letztens Uniform eine Größe größer bestellt und erhalten. Frustration setzt ein.

4.15 Neben der Sinnsuche Autosuche. Sehe lauter VWs ohne Antennen. Setze Brille auf. Sehe plötzlich Mülltonnen statt Autos. Macht donnerstags irgendwie Sinn.

4.18 Schalte das Autoradio ein. Keine Antenne, kein Empfang. Macht nix. Rauschen wirkt beruhigend. Stelle mir vor, ich bin am Meer.

4.26 Leere vierspurige Autobahn. Ein Taxi auf der linken Spur. Überhole rechts. Taxi schlägt Haken nach rechts und ordnet sich hinter mir ein. Haben wir Nebel? Kann nix sehen, weil Halogenscheinwerfer vom Taxi im Rückspiegel blenden. Sinnkrise verstärkt sich.

4.35 Treffe Kollegin im Einsatzzentrum. Ist seit 2.00 da. Frage sie, ob sie kein Zuhause hat. Sie sagt schon aber keine Schlüssel. Denke lange darüber nach.

4.45 Einsatzleiterin teilt uns mit, wir fliegen statt 4 legs (Flüge) nur diesen einen und anschließend deadhead (nicht arbeitend) heim. Eruptiv-kollektiver Ausbruch von tiefer Sinnkrise. Schlagen zu dritt rhythmisch mit dem Kopf gegen die Wand. Klingt fast wie Rap. Einsatzleiterin sagt, Fliegerarzt sei erst ab 9.00 im Haus.

10.00 Rückkehr an die Homebase. Vom Flugzeug in den Crewbus. Fahrer wartet noch.

10.12 Frage Busfahrer, worauf wir warten. Fahrer zuckt mit den Schultern. Vermute mal, hat heute ebenfalls Sinnkrise. Ermutige ihn, darüber zu sprechen. Er deutet auf das Schild Während der Fahrt den Fahrer bitte nicht ansprechen. Spekuliere über philosophische Doppeldeutigkeit des Wortes Fahrt. Kopf schlägt mehrmals von alleine gegen Scheibe.

10.30 Sitze im Auto. Sonnenbrille vergessen. Fahre nach Gehör. Wenn ich nix höre, ist alles in Ordnung. Trainiert die Sinne ungemein.

10.54 Höre auffällig lautes Motorengeräusch von einem Daimler vor mir. Scharfes Bremsen. Schlage mit dem Kopf auf den Lenker.

11.00 Parkplatz gefunden. Ziehe wegen morgiger Frühtour mit Kreide den Weg zur Haustüre nach. Beginn eines starken Platzregens. Fühle mich dennoch sehr intelligent. Da steh ich doch drüber.

11.10 Uniform ausgezogen. Will ins Bett. Höre Türglocke. Hausmeisterin will mit Elektriker in mein Bad. Keinen Bock auf Orgie. Hausmeisterin sagt, es geht um den Luftabzug. Mit der Hand gegen die Stirn geschlagen. Inzwischen repariert Elektriker den Lichtschalter, damit er was sieht. Fragt, ob ich nie Licht auf dem Weg ins Bad brauche. Sage, bin blind und orientiere mich nach Geruch. Elektriker zögert leicht, bevor er die Türe öffnet.

11.30 Alles fertig. Bettschwere erreicht. Leichte Kopfschmerzen von zu viel Sinnsuche. Frisur ist im Arsch vom vielen Schlagen und Schütteln.

Tag dauert noch etwa 12 Stunden.
AAAAAAAAAAAAAHH!!!

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Think of it twice
The saddest thing I own is my memory. Everything that is stowed there can´t be changed or reversed. Even the happier moments are somehow sad because they´re gone forever and I HATE farewells!

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Die musikalische Reise - Teil 5
Als die Maschine landet ist es Nachmittag, obwohl ihr Körper behauptet, es wäre bereits Abend. Vom Flughafen John F. Kennedy nimmt sie den Bus bis zur Grand Central Station. Sie war noch nie zuvor in Manhattan. Das World Trade Center hat sie verpasst. Während der Anschläge saß sie wie so oft in ihrer Wohnung und übte. Erst am nächsten Tag las sie in der Zeitung davon. Ihre Mutter scherzt ab und zu, sie würde es nicht einmal mitbekommen wenn der Krieg ausbräche. Ihr Verhalten hat jedoch weniger mit verträumter Versunkenheit als vielmehr hart erarbeiteter Disziplin zu tun. Einmal an den Tasten sitzend, hat sie sich über die Jahre angeeignet, alles um sich herum auszublenden. Erst wenn die vorgenommene Zeiteinheit verstrichen ist, genehmigt sie sich eine Pause. Sinnvoll sind hoch konzentrierte Einheiten von 45 Minuten, auf die eine 15 minütige Pause folgt. So kommt sie auf etwa 8 Stunden Übzeit pro Tag. Der Rest des Tages ist ausgefüllt mit externen Proben, essen, schlafen und den alltäglichen Kleinigkeiten. Wenn sie – wie jetzt – auf Reisen ist, zehrt sie von der Vorarbeit. Hinterher muss sie neu beginnen. Die verspielte Leichtigkeit, die das Publikum so bewundert, ist hart erarbeitet. Man bekommt in diesem Metier nichts geschenkt. Die Mähr vom Wunderkind ist eine Lüge. Genialität kommt erst zur Geltung, wenn die 95 Prozent Arbeit erbracht wurden. Es geht nicht von alleine, auch wenn das so mancher Anfänger gerne glauben mag und sich hinterher auf fehlendes Talent herausredet. Manchmal wünscht sie sich einen Zustand herbei, in dem sie nur noch ein wenig Fingerübungen machen muss. Doch gleichzeitig weiß sie, dass dieser Wunsch aus dem Reich der Illusionen kommt. Irgendwann wird sie kein neues Repertoire mehr erarbeiten müssen, sondern nur noch aufwärmen. Die Grundarbeit bleibt jedoch immer dieselbe. Und dann gibt es noch so viele Stücke, die mit ihr wachsen. Das Mozartkonzert hat sie vor zwei Jahren auch noch völlig anders aufgefasst, als sie es jetzt tut. Der Kopf kennt das Notenmaterial, doch immer wieder revidiert sie Fingersatz oder Spannungsbögen. Und das braucht Zeit, um sich zu setzen. Wer vor 500 Leuten spielt, braucht nicht nur Nerven aus Stahl, sondern vor allem eine schlafwandlerische Sicherheit in der Technik. Morgen früh wird sie mit dem Orchester die Probe aufs Exempel machen. Dann wird sie wissen, was möglicherweise am Abend auf sie zukommt.

Obwohl ihre Beine vom Flug schwer sind, beschließt sie, von der Grand Central Station aus zu laufen. Den Koffer kann sie ja hinter sich herziehen. Sie orientiert sich kurz am Ausgang – das Hotel liegt in nordöstlicher Richtung – dann läuft sie los. Zwischen den Häuserschluchten blitzt hie und da blauer Himmel. Als sie nach oben blickt, wird ihr schwindelig. Man sagt, Touristen erkenne man in New York daran, dass sie ständig nach oben sehen. Als sie zum zweiten Mal von einem Passanten angerempelt wird, beschließt sie, doch lieber auf den Boden zu schauen. Die Luft ist stickig und mit Autoabgasen geschwängert. Kein besonders idyllisches Pflaster. Irgendetwas Undefinierbares schwingt in der Luft zwischen den Wolkenkratzern, lässt die Straße vibrieren und beschleunigt ihren Schritt. Diese Stadt pulsiert wie eine künstliche Herzklappe, tickt wie der beschleunigte Sekundenzeiger eines Ziffernblattes, schiebt Menschen und Autos wie der Kolben einer Dampflok durch die Straßen. Sie spürt förmlich die Gedankenmasse der Millionenstadt in ihrem Kopf explodieren. Eigentlich hätte morgen Abend der Pianist Lang Lang spielen sollen, der 2003 in der Carnegie Hall debutierte. Das sonst so verhaltene New Yorker Publikum war begeistert. Man sagte ihr, er hätte aus gesundheitlichen Gründen abgesagt, deswegen die Anfrage bei den Finalisten des diesjährigen Tschaikowsky Wettbewerbs. Ablehnen könne sie nicht. So eine Chance bekomme man nur einmal. Bei dem Gedanken an das morgige Konzert wird ihr schummrig. Die Knie geben bei jedem Schritt ein wenig mehr nach als üblich. Sie könnte hundert Mal hintereinander in dieser blöden Carnegie Hall spielen und wäre trotzdem jedes einzelne Mal davor nervös. Auch das geht nicht vorbei, wie so mancher Laie fälschlicherweise glauben mag. Manchmal muss sie sich vor Konzerten übergeben. Oder sie hat starke Kopfschmerzen. Der Erwartungsdruck ist enorm. Er macht sich über den Körper Luft. Mit der Zeit hat sie gelernt, trotz Kopfschmerzen und anderen Schwierigkeiten zu spielen. Irgendwann einmal hat sie einfach begonnen, sich zu ignorieren. Das Klavier hat sie zu sich selbst erbarmungslos werden lassen.

Der Weg zum Hotel führt sie über die 42. Straße auf den Broadway, der sich schließlich am Times Square mit der 7th Avenue kreuzt. Von dort geht es weiter in Richtung Norden auf die Carnegie Hall zu. Kurz hat sie an der 5th Avenue und der nächsten Kreuzung gezögert, ob sie abbiegen soll. Morgen ist auch noch Zeit für das Rockefeller Center mit der Radio City Music Hall und ein kleines Frühstück vor Tiffanys Schaufenster. Das einzig Besondere an dem von der Agentur gebuchten Hotel ist der überhöhte Preis. Das Fenster des winzigen Zimmers führt zu einem Luftschacht. Bevor sie das Bad betreten möchte, muss sie den Koffer schließen. Die geschmacklosen Tapeten konkurrieren gegen den abgetretenen Teppich in Modrigkeit. Sie würde gerne das Fenster öffnen, um wenigstens die Illusion von Frischluft zu haben, weiß allerdings nicht, wie sie das bewerkstelligen soll. Schließlich kapituliert sie. Wenn sie ganz vorsichtig Luft holt, muss sie nicht zu viel Verfall auf einmal atmen. Plötzlich wird ihr schwarz vor Augen. Das Bett fängt ihren übermüdeten Körper auf. Sie hört Stimmfetzen, sieht sich inmitten einer starrenden Menschenmenge. Ja, morgen wird sie ihr Bestes geben. Sie verspricht es noch einmal ausdrücklich. Die Menge kommt näher, wirkt bedrohlich, kein Lichtstrahl dringt bis zu ihr durch. In Sekundenbruchteilen ist sie ins Reich der Träume hinübergeglitten.

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Mittwoch, 17. Mai 2006
Sätze, die man sofort bloggen muss
A: wenn du dir was wünschen dürftest, was wäre das?
B: eine Gummizelle mit so weichen Gummiwänden. Ganz für mich allein...
A: ?

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Ils n´ont pas d´idée
Vieil océan,
ta forme harmonieusement sphérique,
qui réjouit la face grave
de la géométrie,
ne me rappelle que trop les petits yeux de
l'homme, pareils à
ceux du sanglier pour la petitesse, et à
ceux des oiseaux de nuit pour la perfection
circulaire du contour. Cependant,
I'homme s'est cru beau dans tous les siècles.
Moi, je suppose plutôt
que l'homme ne croit à sa beauté
que par amour-propre; mais,
qu'il n'est pas beau réellement et qu'il s'en doute;
car, pourquoi regarde-t-il la figure
de son semblable, avec tant de mépris ?
Je te salue, vieil océan!


Les chants de Maldoror, Lautréamont

Kann jemand, der sich so viele Gedanken um das Wesen des Menschseins macht, die Menschen verachten? Spätpubertäre Ergüsse, übersteigerte Pathetik? Noch bin ich zu keiner endgültigen Meinung über die Gesänge des Maldoror und ihren Verfasser gelangt.

Zum ersten Mal kam ich mit diesem Buch während meines Studiums in Berührung. Da war dieser Gitarrenstudent, merkwürdig verhalten, ein wenig verwahrlost, schwarze Ränder unter den Nägeln, die Haare strähnig im Gesicht, redete nie viel, doch wenn er etwas sagte, machten mich seine Worte neugierig. Wir belegten ähnliche Seminare, trafen uns gelegentlich in der Mensa und plauderten ein wenig. Dann verlor ich ihn wieder aus den Augen.

Einige Zeit später half er mir, den Zeichentrickfilm eines Freundes zu vertonen. Er hatte das volle Vertrauen des Fachdozenten, mit dem ich telefoniert hatte, und somit einen Schlüssel zum Tonstudio für elektronische Musik. Wir arbeiteten drei Tage an einer Tonspur von drei Minuten. Als der Film endlich fertig war, wollte ich ihn gemeinsam mit ihm ansehen. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Ich fragte bei seinem Professor nach, doch der wusste von nichts. Er habe ihn ebenfalls schon einige Zeit nicht mehr gesehen. Ich bat ihn um eine Telefonnummer, die er mir gab. Als ich dort anrief, nahm er irgendwann nach langem Läuten den Hörer ab. Wir plauderten eine Weile und verabredeten uns für den kommenden Tag. Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl. Am nächsten Tag sollte er mit der S-Bahn kommen. Ich würde ihn am Bahnsteig abholen. Die S-Bahn kam ohne ihn. Auch in der nächsten saß er nicht. In der Prähandyära fuhr ich nach Hause, um bei ihm anzurufen. Er behauptete, die Bahn verpasst zu haben. Ich schlug die nächste S-Bahn vor, mit der Ahnung, dass er auch die nicht nehmen würde. Am Bahnsteig wurde die Ahnung zur Gewissheit. Ich rief wieder an, ergebnislos. Einige Stunden später nahm er den Hörer ab. Alles was ich sagte war: "Ich komme jetzt vorbei. Wage es nicht, mir die Türe nicht zu öffnen!" Dann fuhr ich los. Es war bereits später Abend. Er öffnete tatsächlich. In seinem Zimmer wüstes Durcheinander, auf dem Plattenteller drehte Joni Mitchell vor sich hin. Er saß auf dem Boden, vor ihm das Buch. Ob ich es kenne? Ich verneinte. Das Buch sei so etwas wie seine persönliche Bibel. Wenn ich ihn verstehen wolle, müsse ich es lesen. Dann las er mir die achte Strophe des ersten Gesanges vollständig vor. Alles was ich begriff, war, dass ich ihn da rausholen musste. Ich schnappte meine Sachen, befahl ihm, sich anzuziehen und mir zu folgen. Wir fuhren los.
Ich schlief auf dem Boden. Meine Schlafcouch überließ ich ihm. Am nächsten Morgen saß er auf dem Boden in Zimmermitte, genau wie ich ihn am Vorabend in seinem Zimmer vorgefunden hatte. Er zitterte stark. Das machte mir Angst. Ich schrie ihn an, er solle zu zittern aufhören. Meine Erbarmungslosigkeit verfehlte nicht ihre Wirkung. Die Flasche Martini aus meinem Kühlschrank, die dort seit einem halben Jahr unberührt gestanden hatte, war genauso leer wie mein Geldbeutel. Letzteres bemerkte ich erst später. Ich fuhr ihn heim und sagte ihm, er könne mich jederzeit anrufen.

Es verging einige Zeit, bis ich ihn wiedersah. Sein Prof erzählte mir, er sei in einer psychiatrischen Klinik. Er sagte noch etwas von sehr intelligent, fast schon genial und deswegen nicht lebensfähig. Begriffen habe ich erst viel später was er damit meinte. In der Klinik besuchte ich ihn. Wir redeten ein wenig. Als ich ging, war das ein Abschied für immer.

Jedes Mal, wenn mir die Maldororgesänge in die Hände fallen, muss ich an diesen komischen Kerl denken. Was macht Menschen so kaputt? Sind es die Umstände/Umwelt oder die Unfähigkeit, für die Umstände Verantwortung zu übernehmen und sie zu beeinflussen?

Erster Gesang, vierte Strophe:

Es gibt Leute, die schreiben, um durch edle Eigenschaften des Herzens, die sie erfinden oder auch wirklich haben, menschlichen Beifall zu suchen. Mir aber dient mein Genie, die Wonnen der Grausamkeit zu schildern! Keine vergänglichen, gekünstelten Wonnen, sondern solche, die mit dem Menschen begonnen haben und die mit ihm enden. Kann sich gemäß der geheimen Beschlüsse der Vorsehung nicht das Genie der Grausamkeit verbinden? oder kann man nicht Genie haben, weil man grausam ist? Den Beweis wird man in meinen Worten finden; es steht euch frei, mir zu lauschen, wenn ihr wollt … Pardon, mir schien, als hätten sich auf meinem Kopf die Haare gesträubt; aber das hat nichts zu sagen, denn es ist mir sehr leicht gelungen, sie mit der Hand in ihre vorherige Lage zurückzubringen. Er, der hier singt, behauptet nicht, daß seine Kavatinen etwas Unbekanntes seien; im Gegenteil, er ist es zufrieden, daß die vermessenen und bösen Gedanken seines Helden in allen Menschen sind.

von hier

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Die musikalische Reise - Teil 4
Das Konzert war überraschend gut. Sie hatte das Orchester unterschätzt. Noch kurz nach der Generalprobe im Saal der Ferenc Liszt Hochschule für Musik hätte sie nicht für möglich gehalten, dass der Abend so gut laufen würde. Tempounstimmigkeiten, Intonationsschwierigkeiten in den Bläsergruppen und schwammige Streicher, die der Dirigent jedoch mit seinem Einfühlungsvermögen in die Solostimme überwand und zu einer Einheit zwang. Der neue Tag begann grau. Die Wolken würden heute den ganzen Tag am ungarischen Himmel hängen. Sie war schon morgens abgereist, um einen kostbaren Tag in ihren eigenen vier Wänden zu verbringen. Morgen würde sie nach New York fliegen. Sie brauchte einen Tag, um sich zu sammeln, Gedanken zu sortieren und auch die Schmutzwäsche. Während des Auspackens schweift sie ab. Der junge Kunststudent von damals war nur der Beginn einer inneren Reise zu sich selbst. Sie lernte viele andere Künstler kennen, Musiker, Dirigenten, Professoren aber auch Schreiber und Tänzer. Alle hatten sie eines gemeinsam. Da war diese tiefe Sehnsucht nach Verständnis, nach Heimat, nach Sicherheit und gleichzeitig eine starke Furcht vor Verletzung des so weichen Innersten. Die den Kreativen eigene und notwendige Sensibilität wird erst gehätschelt, dann versteckt und verbarrikadiert. Alle bauen sie dicke Mauern aus Steinen der Intellektualität, Überheblichkeit und Unnahbarkeit um ihre Herzen. Dabei suchen sie alle verzweifelt nach dem Gegenüber, der diese Mauern einzureißen oder wenigstens zu umgehen in der Lage war. Gleichzeitig getrieben von an Selbstzerstörung grenzender Disziplin, entwickeln sie eine Selbstverachtung, die ein Öffnen scheinbar unmöglich machen. Man will die dunklen Stellen vertuschen. Keiner soll sie zu sehen bekommen, außer man selbst. Wie sollte eine Begegnung der Seelen da noch möglich sein? Das Dilemma schien unausweichlich, die Spiralen von eigenem Unvermögen und Sehnsucht begannen sich wie ein Perpetuum mobile zu drehen.

Auch sie spürt diesen Streit in sich. Herz gegen Kopf, Verstand gegen Gefühl, Mensch gegen Seele, es geht nicht mit aber auch nicht ohne einander. Manchmal, wenn das Gefühl zu übermächtig wurde, wenn es sie in Stücke zu reißen drohte, setzte sie sich an ihr Instrument, um der Wut und Trauer Ausdruck zu verleihen. In solchen Momenten spielt sie Bártòk, Schubert oder Brahms, manchmal hämmert sie auch nur unkoordiniert mit den Fingern oder der ganzen Faust auf die Tasten ein. Doch Bártòk, Schubert und Brahms sind lange tot. Sie können nichts gegen diese überwältigenden Emotionen ausrichten. Dieser schwarze Kasten mit den vielen Saiten, an dem sie so viel Zeit verbrachte, ist ihr Sprachrohr und ihr Hassobjekt zugleich. Wie soll sie mit etwas Frieden schließen, das sie um so viel betrogen hat? Manchmal wünschte sie, als eine andere geboren zu sein. Sie stellt sich vor, Tag für Tag in einem Büro zu sitzen, den Gesprächen der Kollegen zu lauschen und unwichtige administrative Aufgaben zu erledigen. Die Pausen wären gewerkschaftlich geregelt, ebenso der Urlaubsanspruch. Sie hätte vielleicht eine Familie, ein, zwei Kinder und einen Mann, mit dem sie sich nachts um die Bettdecke streiten würde. Der Schuh gleitet aus ihrer Hand und fällt mit lautem Gepolter auf das Parkett. Das Geräusch reißt sie aus ihrem Tagtraum. Ihr langes Haar verdeckt die Augen, als sie den Kopf energisch zur Seite dreht, um die Gedanken abzuschütteln. Was nützt es, sich in ein was-wäre-wenn Spiel einzulassen, wo doch alles ganz anders ist. Die Zukunft sieht verheißungsvoll aus. Wer weiß, an welche Orte die sie bringen, wen sie treffen und welcher neue Eindruck sie berühren wird. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil ihres Lebens besteht darin, mit immer neuen Situationen konfrontiert zu sein. Sie ist neugierig auf das Leben, ja verlangt gar mehr von ihm. Durchschnittlichkeit ist ihr verhasst, genau wie der gleichmäßige Strom, in dem die Menschen neben ihr zu schwimmen scheinen. Sie will mehr, will alles.

Morgen Vormittag wird sie in die Maschine nach New York steigen. Eine ihr fremde Welt wartet da draußen. Die Carnegie Hall als Beginn einer internationalen Karriere. Während sie durch die Post blättert spielt Martha Argerich im Hintergrund Schumanns Fantasie op.17. Man sagt der Argerich nach, sie hätte mit all ihren Kammermusikpartnern geschlafen. Keiner - außer sie selbst - weiß, ob das der Wahrheit entspricht. Höchst wahrscheinlich schwingt bei den Verbreitern solcher Geschichten verletzte Eitelkeit oder im weiblichen Fall eine gehörige Portion Neid mit. Sie wäre gerne ein wenig wie Martha. Wild, leidenschaftlich und gleichzeitig berechnend und abweisend. Das zieht Männer an. Es weckt ihren Jagdinstinkt. Aber auch Martha wird einsame Nächte in tristen Hotelzimmern fremder Städte erleben. Im Grunde ist keiner aus ihrem Metier zu beneiden. In den Köpfen derer, die keine Ahnung davon haben, wie es ist, werden Klischees gezüchtet. Nicht immer decken sie sich mit der ernüchternden Wirklichkeit. Mit diesem Gedanken schließt sie das Fenster. Draußen beginnt es zu regnen. Nach einem langen Winter in Süddeutschland endlich einmal wieder Temperaturen, die den Asphalt im Regen riechbar machen. Das Neue hat gerade erst begonnen. Sie muss nur abwarten und die Augen offen halten.

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Dienstag, 16. Mai 2006
What are u lookin´for? (2)
Heute mal kurz herzlich gelacht:

Search request: scheiss mich an
Search request: scheiss bethoven
Search request: sprüche für scheiß typen
Search request: scheiss america
Search request: uschi´s bestrafung


Und? Wie wollen wir Uschi bestrafen? Vorschläge?

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Das Verhalten des Einzelnen in der zähen Masse
Auf diesen Beitrag von Frau eins60 bin ich erst gestern zufällig gestoßen (körperlich eins sechzig, geistig drei Meter zehn). Lesenswert, sehr sogar!

Und dann ist es zu spät. Dann ist die Chance vorbeigelaufen, dann hat sich der andere leise verabschiedet, geht in eine andere Stadt, eine andere Freundschaft oder ins Jenseits. Und der Moment ist verstrichen, in dem man sein Leben hätte ändern können, in dem man jemandem hätte nah sein können. Der Moment, in dem man hätte platzen können vor Glück. Für diese Gefühlsjubelei nehme ich den Fall in die stinkende Brühe der Niederlage in Kauf.

Das mit dem Jenseits passiert leider viel zu häufig. Ist auch menschlich, irgendwie. Aber immerhin bleibt die Zeit, die man sich hier täglich um die Ohren schlägt. Und die kann man ja sinnvoll nutzen, anstatt sich an der Sicherungskopie festzukrallen. Meistens ändert man sein Leben nur, wenn man von ihm gezwungen wird. Wenn überhaupt nichts mehr geht, wird der Krisenstab einberufen, analysiert, diskutiert und neue Strategien entwickelt. Schade, dass es immer erst zu einem Systemzusammenbruch kommen muss. Wer schon die kleinen Bugs im vorfeld sieht und repariert, wird später nicht den ganzen Mist neu konfigurieren müssen. Auf dem Sterbebett ist es nämlich zu spät. Dann kann man nur noch bedauern, was man versäumt hat.

Note to myself: mal wieder die laufenden Prozesse im Taskmanager angucken.

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Die musikalische Reise - Teil 3
Die Konzertagentur schreibt ihr vor, wo sie heute und morgen zu sein hat. Die entscheiden über ihr Leben. Damals, gleich nach ihrem ersten gewonnenen Wettbewerb hat ihr ehrgeiziger Vater diese Agentur über einen Freund engagiert. Man machte Bekanntschaften, knobelte Geschäftsbeziehungen und kleine Gefälligkeiten neben dem kalten Buffet oder einem Glas Wein aus. Zusammenkünfte, bei denen sie regelmäßig durch Abwesenheit glänzte. Nur während der Hausmusikzirkel durfte sie als Hauptattraktion nie fehlen. Sie war das Zirkuspferdchen, das Kunststücke am heimischen Flügel präsentierte. Damals hasste sie diese Treffen der Einflussreichen im elterlichen Haus und liebte es zugleich, Anerkennung in Form von Applaus zu bekommen. Die Konzertagentur war mittlerweile nicht mehr für sie als der verlängerte Arm der Eltern. Wo sie wann zu sein hat, wird ihr per Post übermittelt. Heute soll sie mit einem Orchester unter der Leitung eines unbekannten Dirigenten in Budapest spielen, wo sie zwei Tage bleiben würde. Dann übermorgen Rom, am darauffolgenden Tag heim, um den Koffer umzupacken und sich auf das Debüt in der Carnegie Hall vorzubereiten. All das wächst ihr langsam über den Kopf. Sie hasst es, fremdbestimmt zu sein. Viel lieber würde sie Luft schöpfen, ihren Gedanken nachhängen und in der ihr gewohnten Umgebung sein. Doch die Saat des Ehrgeizes ihrer Eltern scheint Früchte zu tragen. Sie will nicht ohne den Applaus sein, ohne die Anerkennung für ihre Entbehrungen und seelischen Qualen. Da ist etwas in ihr, das sie anzutreiben scheint, immer weiter zu gehen. Weiter und weiter, wie der Wanderer, der ihr aus Schuberts Werk so nah scheint.

Die Altstadt Budapests empfängt sie freundlich. Frühsommerliche Sonne erwärmt den Asphalt. Noch sind die Temperaturen erträglich. Sie erinnert sich an die Hitze des Spätsommers einer Klassenfahrt hierher. Die Blasen an ihren Füssen schmerzten, als sie von Laden zu Laden lief, um Klaviernoten aus den Archivaren aufzutreiben. Vieles wurde in der Zeit, als Budapest noch unter sozialistisch kommunistischem Regime stand, billiger verkauft, als sie es in Deutschland hätte erwerben können. Eines der damals erworbenen Schnäppchen war Bartóks Allegro barbaro. Dieses Kleinod, das ihr in den Stunden der Wut so ans Herz gewachsen war, würde sie heute Abend als Zugabe spielen. Nicht gerade kompatibel mit dem so erhabenen Mozart. Mozart sei leicht, verspielt und dennoch tragisch. Die Worte ihrer langjährigen Lehrerin während der Schulzeit klingen noch in ihrem Ohr. Bartók sei wild, zornig und ursprünglich. Diese Äusserung machte sie neugierig. Sie musste die Noten haben, den Text lernen, die Gefühle durch ihre Finger begreifen. Je öfter sie das Allegro spielte, umso mehr fühlte sie mit der Zeit die Kraft der Aussage in Klängen. Manchmal war sie so wütend auf ihre Eltern, dass sie in ihr Zimmer rannte, die Türe hinter sich zuknallte und mit der Faust auf die Klaviatur hämmerndihren Gefühlen freien Lauf ließ. Klänge wurden zum Befreiungsschlag gegen die elterliche Unterdrückung, jedes Fortissimo ein Aufschrei gegen empfundene Ungerechtigkeit. Obwohl all das lange her ist, spürt sie immer noch die Kraft, die in Bartóks Stück gebannt scheint. Manches Mal wünschte sie, einem Menschen zu begegnen, der die durch ihre Finger hervorgebrachten Aussagen deuten könnte.

Die Kettenbrücke verbindet Búda mit Pest. Alte Autokatalysatoren machen die Luft dort stickig. Sie steht eine Weile auf der Brücke und starrt auf das fließende Donauwasser. Was wäre, wenn sie einfach hinunterspringen würde? Ein durchaus reizvolles Gedankenspiel. Nein, tot wäre sie nicht, dazu braucht es mehr. Was wäre, wenn sie sich das Leben nehmen würde? Wer würde um sie trauern, wer sie vermissen? Natürlich wäre das eine Schande für die Eltern. Sie wären schockiert, wüssten nicht, was sie im Bekanntenkreis sagen sollten. Während sie diesen Gedanken nachhängt, erblickt sie ein Blatt, das auf der Wasseroberfläche dahinschwimmt. Nein, solche Gedanken will sie abschütteln wie der Wind das herbstliche Blatt am Baum. Viel zu sehr ist sie mit dem Leben verwachsen, mit den Tönen und mit dem Augenblick, der sie sich jeden Moment neu kreieren lässt. Sie ist in ihrem Innersten reich, ausgefüllt von Gedanken und Gefühlen, die sie jetzt der Welt zu präsentieren bereit ist. Diese Chance will sie sich nicht entgehen lassen. Während sie langsam das Trottoire neben dem Brückengeländer entlang schlendert, erklingen in ihrem inneren Ohr die ersten Takte des Mozartkonzertes. So oft hat sie sich die Aufnahme von Clara Haskil unter einem nicht namhaften Orchester mit einem noch viel unnamhafteren Dirigenten angehört. Diese Frau, die ihre wichtigsten Lebensjahre in einem Gipskorsett verbrachte, war eine ihrer heimlichen Heldinnen. Nur wenige Aufnahmen zeugen von ihrer schöpferischen Kraft. Dennoch gelangte sie posthum durch einen nach ihr benannten Klavierwettbewerb und einige wenige erhaltene Aufnahmen zu Weltruhm. Die Aufnahme des langsamen Satzes aus dem Mozartklavierkonzert KV 488 birgt so viel von diesem Leiden, von der trotzigen Zärtlichkeit der Interpretin, dass man sie kaum ohne davon berührt zu sein anhören kann. Genau dieses Erbe wird sie heute Abend in die Welt tragen. Wer es nicht begriffen hat, wird spätestens durch ihre heutige Interpretation begreifen, welche Dimensionen solch ein Werk zu eröffnen in der Lage ist. Mit diesen Gedanken im Schlepptau schreitet sie langsam ihrer derzeitigen Unterkunft entgegen. Langsam senkt sich die Abenddämmerung über die Stadt. Hier will sie nicht bleiben, lieber einen Tag früher abreisen, lieber bei sich sein. Noch bevor sie den Konzertsaal betritt, wird sie auch von dieser Stadt Abschied genommen haben.

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