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Donnerstag, 15. Februar 2007
If you can make it there, you'll make it everywhere (1)
frau klugscheisser, 00:43h
Natürlich funktioniert es nicht. Das war ja so klar. Wenn es zuhause nicht klappt, wieso sollte es woanders? Wenn ich ein neues Kleidungsstück brauche und danach suche, werde ich unter Garantie nicht fündig. Kleider tauchen im Leben auf wie große Lieben, sechs Richtige oder Steuerprüfungen, nämlich plötzlich und wenn man am wenigsten damit rechnet. Kleider wollen wie einmalige Gelegenheiten ergriffen werden. Tut man das nicht, schmollt das Schicksal. Wer dann noch - wie ich - kein Einkaufsgen geerbt hat, kann auf die nächste Gelegenheit lange warten. Dabei bräuchte ich die neue Jeans inzwischen sehr dringend. Meine Gebete werden hoffentlich bald erhört.
Angefangen hat alles vor vier Jahren. Damals saß ich mit einer Kollegin in einem New Yorker Hotelzimmer vor dem Fernseher. Bush erklärte dem Irak und wir allen Männern den Krieg. Solcherlei Ereignisse verbinden unterbewußt auf ungeahnte Weise und so beschloß ich - ganz entgegen meiner sonstigen Abneigung - ihr am Folgetag auf einer Shoppingtour Gesellschaft zu leisten. Wir liefen gemeinsam die Straßen in der Nähe des Times Square entlang. Zielsicher steuerte sie bestimmte Läden an, in denen sie das dargebotene Sortiment fachkundig prüfte. Bereits im dritten Laden wurde mir ein wenig langweilig und so lenkte ich mich ab, indem ich nach Kleidungsstücken suchte, die ihrer Figur schmeicheln würden. Ein Tisch in der Mitte des Ladens, auf dem Jeans als Sonderangebote deklariert gestapelt waren, zog mich magisch in seinen Bann. Ich strich über den Stoff, ließ Preisschilder durch meine Finger gleiten und ehe ich mich versah, hielt ich eine Hose in meiner Größe in den Händen. Da war sie, die mich die nächsten Jahre begleiten sollte. Ich zögerte erst ein wenig, doch mein Körper wollte sie spüren und mit ihr zu einem Ganzen werden.
Normalerweise bin ich nicht der Typ, der jedem Gefühl sofort nachgibt. Nein, ich widerstehe meistens der Versuchung fleischlicher Gelüste - zumindest was den Erwerb von unnötigen Utensilien angeht - wenn, ja wenn nicht dieses Preisschild gewesen wäre. Meine schwäbisch geprägte Sozialisation überrumpelte sofort jegliche rationalen Erwägungen und ehe ich mich versah, befand sie sich erst auf meiner Haut, dann in einer Tüte und war gegen Bares mein. Fortan waren wir unzertrennlich. Unsere Beziehung wurde durch Bemerkungen Außenstehender, wie etwa tolle Hose, geiler Arsch gestärkt. Mit den Jahren rieben wir uns, passten uns an und wollten nicht mehr ohne einander sein. Wir gingen sprichwörtlich durch dick und dünn, wobei ersteres unweigerlich irreversible Spuren an den Nähten hinterließ.
Nach drei Jahren ging ich fremd. Ich fühlte mich unattraktiv und ungeliebt, als sie in mein Leben trat. Unverzeihlich war er, der Kauf meiner ersten Stretchjeans. Ich fühlte mich schlecht, sehr schlecht, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Niemals, dachte ich, würde ich so tief sinken, als dass mir derlei Gewebe ins Haus käme. Aber die Versuchung war einfach zu groß, genau wie mein Körpergewicht. Und wieder war die schwäbische Argumentation schuld. So musste sie - meine Lieblingsjeans - im Schrank ausharren, bis ich sie endlich wieder an mich heranlassen konnte. Als es soweit war, bemerkte ich an ihr mit Schrecken Spuren des Verfalls. So leid es mir tut, wir müssen demnächst Abschied voneinander nehmen.
[to be continued...]
Angefangen hat alles vor vier Jahren. Damals saß ich mit einer Kollegin in einem New Yorker Hotelzimmer vor dem Fernseher. Bush erklärte dem Irak und wir allen Männern den Krieg. Solcherlei Ereignisse verbinden unterbewußt auf ungeahnte Weise und so beschloß ich - ganz entgegen meiner sonstigen Abneigung - ihr am Folgetag auf einer Shoppingtour Gesellschaft zu leisten. Wir liefen gemeinsam die Straßen in der Nähe des Times Square entlang. Zielsicher steuerte sie bestimmte Läden an, in denen sie das dargebotene Sortiment fachkundig prüfte. Bereits im dritten Laden wurde mir ein wenig langweilig und so lenkte ich mich ab, indem ich nach Kleidungsstücken suchte, die ihrer Figur schmeicheln würden. Ein Tisch in der Mitte des Ladens, auf dem Jeans als Sonderangebote deklariert gestapelt waren, zog mich magisch in seinen Bann. Ich strich über den Stoff, ließ Preisschilder durch meine Finger gleiten und ehe ich mich versah, hielt ich eine Hose in meiner Größe in den Händen. Da war sie, die mich die nächsten Jahre begleiten sollte. Ich zögerte erst ein wenig, doch mein Körper wollte sie spüren und mit ihr zu einem Ganzen werden.
Normalerweise bin ich nicht der Typ, der jedem Gefühl sofort nachgibt. Nein, ich widerstehe meistens der Versuchung fleischlicher Gelüste - zumindest was den Erwerb von unnötigen Utensilien angeht - wenn, ja wenn nicht dieses Preisschild gewesen wäre. Meine schwäbisch geprägte Sozialisation überrumpelte sofort jegliche rationalen Erwägungen und ehe ich mich versah, befand sie sich erst auf meiner Haut, dann in einer Tüte und war gegen Bares mein. Fortan waren wir unzertrennlich. Unsere Beziehung wurde durch Bemerkungen Außenstehender, wie etwa tolle Hose, geiler Arsch gestärkt. Mit den Jahren rieben wir uns, passten uns an und wollten nicht mehr ohne einander sein. Wir gingen sprichwörtlich durch dick und dünn, wobei ersteres unweigerlich irreversible Spuren an den Nähten hinterließ.
Nach drei Jahren ging ich fremd. Ich fühlte mich unattraktiv und ungeliebt, als sie in mein Leben trat. Unverzeihlich war er, der Kauf meiner ersten Stretchjeans. Ich fühlte mich schlecht, sehr schlecht, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Niemals, dachte ich, würde ich so tief sinken, als dass mir derlei Gewebe ins Haus käme. Aber die Versuchung war einfach zu groß, genau wie mein Körpergewicht. Und wieder war die schwäbische Argumentation schuld. So musste sie - meine Lieblingsjeans - im Schrank ausharren, bis ich sie endlich wieder an mich heranlassen konnte. Als es soweit war, bemerkte ich an ihr mit Schrecken Spuren des Verfalls. So leid es mir tut, wir müssen demnächst Abschied voneinander nehmen.
[to be continued...]
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Freitag, 9. Februar 2007
Silent death
frau klugscheisser, 10:28h
Nuestra vidas son los rios
que van a dar en la mar,
qu'es el morir.
Jorge Manrique, Vorwort zu "Nachtzug nach Lissabon" von Pascal Mercier
Eine seltsame Sache ist das mit dem Tod. In unserer Gesellschaft wird er vehement verdrängt, obwohl seine Unvermeidbarkeit dem Leben erst Sinn verleiht. Ganz egal ob er sich ankündigend wie ein Damoklesschwert in der Luft hängt oder plötzlich zuschlägt, die zukünftig bzw. tatsächlich Hinterbliebenen scheinen überrumpelt. Ganz altersunabhängig scheint der Verlust eines Elternteiles den Abschluß der Erwachsenwerdung zu manifestieren. Während selbstgewählte Partner möglicherweise gehen, sind Eltern eine scheinbar immerwährende Instanz und gleichzeitig Synonym für Heimat. Man mag zu ihnen stehen wie man will, der Abschied ist meist hart.
So gelassen wir der eigenen Endlichkeit auch ins Auge blicken, so betroffen reagieren wir auf Verluste im Umfeld. Bei meiner ersten Begegnung mit dem Tod war ich gerade mal neun Jahre alt. Schon damals begriff ich intuitiv, dass die Trauer rein gar nichts mit dem Toten, dafür umso mehr mit den Weiterlebenden zu tun hat. Damals hielt man mich fern von der Trauerfeier. Heute glaube ich, Kinder begreifen den Tod auf ihre ganz eigene Art und verarbeiten ihn im Erleben besser als jeder Erwachsene - auch ohne pädagogisch wertvolle Geschichten über tote Kanarienvögeln.
Man mag ihn gelegentlich beschwören, weil die Hoffnung verlorenging, weil die Kraft für die ewig wiederkehrende Alltagslast fehlt, weil keine Lösung in Sicht ist, weil körperliches Leid impliziert ist. Und trotzdem habe ich erlebt, wie schwer das Sterben sein kann. Die immense Kraft des Lebens ist nicht zu unterschätzen. Menschen, die körperlich tausend Tode sterben, die alle Verantwortung und Hoffnung hinter sich gelassen haben und zum Gehen bereit wären, scheinen sich mit aller Kraft an das Leben zu klammern, ertragen unendliche Schmerzen und Qualen selbst ohne medizinische Maßnahmen, als würden sie mit dem Tod um die nächste Stunde, den nächsten Tag oder gar eine Woche schachern. Unbegreiflich und doch verständlich. Nicht umsonst existieren Begriffe wie 'Todesangst' und 'Lebenswille'.
Was bleibt, ist die Erinnerung, manchmal Selbstzweifel und Vorwürfe, öfter eine Glorifizierung der Vergangenheit, meistens eine Lücke. Wer keine hinterläßt hat sich um sein eigenes Leben betrogen. Aber wissen werden wir es nicht mehr.
que van a dar en la mar,
qu'es el morir.
Jorge Manrique, Vorwort zu "Nachtzug nach Lissabon" von Pascal Mercier
Eine seltsame Sache ist das mit dem Tod. In unserer Gesellschaft wird er vehement verdrängt, obwohl seine Unvermeidbarkeit dem Leben erst Sinn verleiht. Ganz egal ob er sich ankündigend wie ein Damoklesschwert in der Luft hängt oder plötzlich zuschlägt, die zukünftig bzw. tatsächlich Hinterbliebenen scheinen überrumpelt. Ganz altersunabhängig scheint der Verlust eines Elternteiles den Abschluß der Erwachsenwerdung zu manifestieren. Während selbstgewählte Partner möglicherweise gehen, sind Eltern eine scheinbar immerwährende Instanz und gleichzeitig Synonym für Heimat. Man mag zu ihnen stehen wie man will, der Abschied ist meist hart.
So gelassen wir der eigenen Endlichkeit auch ins Auge blicken, so betroffen reagieren wir auf Verluste im Umfeld. Bei meiner ersten Begegnung mit dem Tod war ich gerade mal neun Jahre alt. Schon damals begriff ich intuitiv, dass die Trauer rein gar nichts mit dem Toten, dafür umso mehr mit den Weiterlebenden zu tun hat. Damals hielt man mich fern von der Trauerfeier. Heute glaube ich, Kinder begreifen den Tod auf ihre ganz eigene Art und verarbeiten ihn im Erleben besser als jeder Erwachsene - auch ohne pädagogisch wertvolle Geschichten über tote Kanarienvögeln.
Man mag ihn gelegentlich beschwören, weil die Hoffnung verlorenging, weil die Kraft für die ewig wiederkehrende Alltagslast fehlt, weil keine Lösung in Sicht ist, weil körperliches Leid impliziert ist. Und trotzdem habe ich erlebt, wie schwer das Sterben sein kann. Die immense Kraft des Lebens ist nicht zu unterschätzen. Menschen, die körperlich tausend Tode sterben, die alle Verantwortung und Hoffnung hinter sich gelassen haben und zum Gehen bereit wären, scheinen sich mit aller Kraft an das Leben zu klammern, ertragen unendliche Schmerzen und Qualen selbst ohne medizinische Maßnahmen, als würden sie mit dem Tod um die nächste Stunde, den nächsten Tag oder gar eine Woche schachern. Unbegreiflich und doch verständlich. Nicht umsonst existieren Begriffe wie 'Todesangst' und 'Lebenswille'.
Was bleibt, ist die Erinnerung, manchmal Selbstzweifel und Vorwürfe, öfter eine Glorifizierung der Vergangenheit, meistens eine Lücke. Wer keine hinterläßt hat sich um sein eigenes Leben betrogen. Aber wissen werden wir es nicht mehr.
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Mittwoch, 7. Februar 2007
frau klugscheisser, 01:48h
Demnächst wird es wohl einen Todesfall in meiner Rudimentärfamilie zu beklagen geben. Und damit all die vielen Gedanken in die Vergangenheit. Schwerpunkte verschieben sich für einige Zeit. Der lapidare Spruch nicht wichtig, schließlich ist keiner gestorben steht plötzlich in einem völlig neuen Licht. Manchmal weiß ich nicht mehr, was richtig und was falsch ist, nicht einmal mehr, was ich hier in dieser Welt überhaupt treibe. Zumindest für diese Gedanken ist die Präsenz des Todes gut.
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