Freitag, 16. Februar 2007
If you can make it there, you'll make it everywhere (2)
Den Laden zu finden, wo ich meine alte Lieblingsjeans erworben hatte, ist folglich die Aufgabe, die ich mir diesmal in New York stelle. In der Zwischenzeit sind wir in einem anderen Hotel untergebracht. Ich erinnere mich, dass die Zimmer in der alten Unterkunft so klein waren, dass man den Koffer zuklappen musste, um Zugang zum Badezimmer zu haben und dass ich mich bei meinem letzten Aufenthalt dort wunderte, warum das Frühstück für Crewmitglieder plötzlich gratis war. Die Begründung dafür und für den Umzug lautete, bei einem Brand in den unteren Stockwerken hätte die Alarmanlage versagt und die Kollegen seien nicht geweckt worden. Vielleicht habe ich deswegen den Namen des Hotels verdrängt.

Es muss irgendwo in der Nähe des Empire State Buildings gewesen sein, soviel weiß ich noch. Einmal liefen wir abends nach der Ankunft auf der Suche nach einer Kneipe an der Warteschlange vorbei. Zu spät, um sich einzureihen, denn die Besucherplattform schloß eine Viertelstunde später. Wir aßen Hühnerflügel und tranken dazu Bier aus Kübeln. Ich weiß nicht mehr, ob ich mitgetrunken habe, weil ich Bier nicht mag. Der Copilot - ein Schwabe - meinte, es sei billiger, wenn wir einen Kübel für alle bestellen. Vermutlich habe ich dann doch mitgetrunken. Als wir die Kneipe verließen, fuhr eine von vielen Stretchlimousinen vorbei, die man mieten kann. Ich sagte, ich würde gerne mal mit so einem Ding fahren. Wir erkundigten uns nach dem Preis. Als der Copilot zögerte, überredete ich ihn mit dem Argument, jeder - auch ein Schwabe - müsse mindestens einmal in seinem Leben mal in so einem Ding gesessen haben, und durch vier geteilt sei die Summe für jeden erschwinglich. Also fuhren wir in der Stretchlimo einmal um den Block und freuten uns wie die Schneekönige.

Schätzungsweise 15-20 Blocks lege ich nach Süden in besagte Gegend zu Fuß zurück. Ich habe schon kältere Winter in Manhattan erlebt, doch der Wind treibt die Kälte auf unangenehme Art durch Stoff und Poren, bis sie in den Knochen steckt. Ich kann mir vorstellen, wie es kürzlich Herrn nff ergangen sein muss. Manhattan ist leicht zu Fuß zu erkunden, wären da nicht die vielen Ampeln, die ständig rot leuchten, sobald ich eine Straße überqueren will. Am Anfang warte ich brav auf Laufbefehl, den andere Passanten zu ignorieren scheinen. Das Einbahnstraßensystem ist relativ einfach zu überblicken. Nach ersten zaghaften Versuchen, Straßen bei rot zu überqueren, ohne sofort verhaftet zu werden, gewinne ich mehr Sicherheit. Schließlich genügt ein Blick nach rechts oder links. Nach einer Weile spüre ich weder Kälte noch Müdigkeit. Der sogenannte Laufflash hat eingesetzt. Meine Beine bewegen sich ganz von alleine. So kann ich stundenlang gehen.

Ich grase das Gebiet in einer Art Slalom zwischen fünfter Avenue und Broadway Richtung Times Square ab. Unter Wasser scheint das System erfolgversprechender als bei der Suche an Land. Sowohl das Hotel als auch der Laden scheinen wie vom Erdboden verschluckt. Immerhin sind inzwischen vier Jahre vergangen. New York Jahre sind wie Hundejahre. Die Stadt verändert sich permanent. Ich führe meinem schockgefrosteten Körper warme Flüssigkeit aus einem Pappbecher zu. Das und die Beherrschung des Ampelsystems lassen mich für einen ganz kurzen Augenblick wie ein echter New Yorker fühlen. Spätestens als an der nächsten Straßenecke ein Passant um Auskunft bittet, ist das Gefühl schlagartig verschwunden. I'm not from here, sagt die Dame neben mir und ich schaue ganz schnell weg - nach oben - damit er die Frage nicht noch einmal an mich richtet.

Dieser verflixte Laden ist unauffindbar. Noch gebe ich mich allerdings nicht geschlagen. Jeans kann man schließlich überall kaufen. Da gibt es dieses Kaufhaus, von dem M. letztens sprach. Vor ein paar Monaten habe ich es gesucht und nicht gefunden. Sie hatte sich um zehn Blocks geirrt. Diesmal habe ich extra nachgeschlagen. So mache ich mich auf den Weg 30 Blocks Richtung Norden.

[to be continued...]

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Donnerstag, 15. Februar 2007
If you can make it there, you'll make it everywhere (1)
Natürlich funktioniert es nicht. Das war ja so klar. Wenn es zuhause nicht klappt, wieso sollte es woanders? Wenn ich ein neues Kleidungsstück brauche und danach suche, werde ich unter Garantie nicht fündig. Kleider tauchen im Leben auf wie große Lieben, sechs Richtige oder Steuerprüfungen, nämlich plötzlich und wenn man am wenigsten damit rechnet. Kleider wollen wie einmalige Gelegenheiten ergriffen werden. Tut man das nicht, schmollt das Schicksal. Wer dann noch - wie ich - kein Einkaufsgen geerbt hat, kann auf die nächste Gelegenheit lange warten. Dabei bräuchte ich die neue Jeans inzwischen sehr dringend. Meine Gebete werden hoffentlich bald erhört.

Angefangen hat alles vor vier Jahren. Damals saß ich mit einer Kollegin in einem New Yorker Hotelzimmer vor dem Fernseher. Bush erklärte dem Irak und wir allen Männern den Krieg. Solcherlei Ereignisse verbinden unterbewußt auf ungeahnte Weise und so beschloß ich - ganz entgegen meiner sonstigen Abneigung - ihr am Folgetag auf einer Shoppingtour Gesellschaft zu leisten. Wir liefen gemeinsam die Straßen in der Nähe des Times Square entlang. Zielsicher steuerte sie bestimmte Läden an, in denen sie das dargebotene Sortiment fachkundig prüfte. Bereits im dritten Laden wurde mir ein wenig langweilig und so lenkte ich mich ab, indem ich nach Kleidungsstücken suchte, die ihrer Figur schmeicheln würden. Ein Tisch in der Mitte des Ladens, auf dem Jeans als Sonderangebote deklariert gestapelt waren, zog mich magisch in seinen Bann. Ich strich über den Stoff, ließ Preisschilder durch meine Finger gleiten und ehe ich mich versah, hielt ich eine Hose in meiner Größe in den Händen. Da war sie, die mich die nächsten Jahre begleiten sollte. Ich zögerte erst ein wenig, doch mein Körper wollte sie spüren und mit ihr zu einem Ganzen werden.

Normalerweise bin ich nicht der Typ, der jedem Gefühl sofort nachgibt. Nein, ich widerstehe meistens der Versuchung fleischlicher Gelüste - zumindest was den Erwerb von unnötigen Utensilien angeht - wenn, ja wenn nicht dieses Preisschild gewesen wäre. Meine schwäbisch geprägte Sozialisation überrumpelte sofort jegliche rationalen Erwägungen und ehe ich mich versah, befand sie sich erst auf meiner Haut, dann in einer Tüte und war gegen Bares mein. Fortan waren wir unzertrennlich. Unsere Beziehung wurde durch Bemerkungen Außenstehender, wie etwa tolle Hose, geiler Arsch gestärkt. Mit den Jahren rieben wir uns, passten uns an und wollten nicht mehr ohne einander sein. Wir gingen sprichwörtlich durch dick und dünn, wobei ersteres unweigerlich irreversible Spuren an den Nähten hinterließ.

Nach drei Jahren ging ich fremd. Ich fühlte mich unattraktiv und ungeliebt, als sie in mein Leben trat. Unverzeihlich war er, der Kauf meiner ersten Stretchjeans. Ich fühlte mich schlecht, sehr schlecht, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Niemals, dachte ich, würde ich so tief sinken, als dass mir derlei Gewebe ins Haus käme. Aber die Versuchung war einfach zu groß, genau wie mein Körpergewicht. Und wieder war die schwäbische Argumentation schuld. So musste sie - meine Lieblingsjeans - im Schrank ausharren, bis ich sie endlich wieder an mich heranlassen konnte. Als es soweit war, bemerkte ich an ihr mit Schrecken Spuren des Verfalls. So leid es mir tut, wir müssen demnächst Abschied voneinander nehmen.

[to be continued...]

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Freitag, 9. Februar 2007
Silent death
Nuestra vidas son los rios
que van a dar en la mar,
qu'es el morir.

Jorge Manrique, Vorwort zu "Nachtzug nach Lissabon" von Pascal Mercier



Eine seltsame Sache ist das mit dem Tod. In unserer Gesellschaft wird er vehement verdrängt, obwohl seine Unvermeidbarkeit dem Leben erst Sinn verleiht. Ganz egal ob er sich ankündigend wie ein Damoklesschwert in der Luft hängt oder plötzlich zuschlägt, die zukünftig bzw. tatsächlich Hinterbliebenen scheinen überrumpelt. Ganz altersunabhängig scheint der Verlust eines Elternteiles den Abschluß der Erwachsenwerdung zu manifestieren. Während selbstgewählte Partner möglicherweise gehen, sind Eltern eine scheinbar immerwährende Instanz und gleichzeitig Synonym für Heimat. Man mag zu ihnen stehen wie man will, der Abschied ist meist hart.

So gelassen wir der eigenen Endlichkeit auch ins Auge blicken, so betroffen reagieren wir auf Verluste im Umfeld. Bei meiner ersten Begegnung mit dem Tod war ich gerade mal neun Jahre alt. Schon damals begriff ich intuitiv, dass die Trauer rein gar nichts mit dem Toten, dafür umso mehr mit den Weiterlebenden zu tun hat. Damals hielt man mich fern von der Trauerfeier. Heute glaube ich, Kinder begreifen den Tod auf ihre ganz eigene Art und verarbeiten ihn im Erleben besser als jeder Erwachsene - auch ohne pädagogisch wertvolle Geschichten über tote Kanarienvögeln.

Man mag ihn gelegentlich beschwören, weil die Hoffnung verlorenging, weil die Kraft für die ewig wiederkehrende Alltagslast fehlt, weil keine Lösung in Sicht ist, weil körperliches Leid impliziert ist. Und trotzdem habe ich erlebt, wie schwer das Sterben sein kann. Die immense Kraft des Lebens ist nicht zu unterschätzen. Menschen, die körperlich tausend Tode sterben, die alle Verantwortung und Hoffnung hinter sich gelassen haben und zum Gehen bereit wären, scheinen sich mit aller Kraft an das Leben zu klammern, ertragen unendliche Schmerzen und Qualen selbst ohne medizinische Maßnahmen, als würden sie mit dem Tod um die nächste Stunde, den nächsten Tag oder gar eine Woche schachern. Unbegreiflich und doch verständlich. Nicht umsonst existieren Begriffe wie 'Todesangst' und 'Lebenswille'.

Was bleibt, ist die Erinnerung, manchmal Selbstzweifel und Vorwürfe, öfter eine Glorifizierung der Vergangenheit, meistens eine Lücke. Wer keine hinterläßt hat sich um sein eigenes Leben betrogen. Aber wissen werden wir es nicht mehr.

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Mittwoch, 7. Februar 2007
Demnächst wird es wohl einen Todesfall in meiner Rudimentärfamilie zu beklagen geben. Und damit all die vielen Gedanken in die Vergangenheit. Schwerpunkte verschieben sich für einige Zeit. Der lapidare Spruch nicht wichtig, schließlich ist keiner gestorben steht plötzlich in einem völlig neuen Licht. Manchmal weiß ich nicht mehr, was richtig und was falsch ist, nicht einmal mehr, was ich hier in dieser Welt überhaupt treibe. Zumindest für diese Gedanken ist die Präsenz des Todes gut.

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Freitag, 2. Februar 2007
Up and down
Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass ich derzeit arg nach Worten ringe. Da gibt es wohl die ein oder andere Geschichte in meinem Kopf, die geschrieben werden möchte. Ich nehme mir vor, dies zu tun, setze mich hin und dann kommt nix raus, das Eingabefenster bleibt leer oder der halbscharige Text wird mit einem tiefen Seufzen wieder gelöscht. So lenke ich mich mit kleinen Spielereien, wie Stöckchen, Videos aus der Tube oder anderen Unsinnigkeiten ab. Heute beispielsweise habe ich mich adeln lassen:

My Peculiar Aristocratic Title is:
Imperial Majesty Smartass the Sardonic of Much Madness upon Avon
Get your Peculiar Aristocratic Title

und danach gleich noch einen Glückskeks erstanden:

My Fortune Cookie told me:
It's lucky you're going so slowly, because you're going in the wrong direction.
Get a cookie from Miss Fortune

aber besonders erbaulich ist das alles nicht. Angefangen hat das Elend damit, dass ich viel in anderen Blogs gelesen habe, Schreiber, die so famos formulieren, dass man vor lauter Vergnügen glucksend am Bildschirm klebt. Mir kam zu Ohren, dass einige ihre Texte in Word verfassen, lange daran arbeiten und je nach Zufriedenheit das Endresultat veröffentlichen. Bis zu diesem Zeitpunkt schrieb ich ins offene Eingabefenster wie ich auch spreche, schickte das Ergebnis in die Internetwelt und korrigierte manchmal hinterher noch ein wenig herum. Aha, dachte ich, daran wird's liegen. In Folge öffnete ich ein Worddokument, nur um mich stundenlang vom blinkenden Curser Cursor hypnotisieren zu lassen. Ein vollständiger Satz, geschweige denn ein ganzer Text kam dabei selten zustande. Selbst die von Malern praktizierte Technik, eine leere Leinwand mit einem Strich, einem Farbklecks oder ähnlichem zu entjungfern, funktionierte nicht. Das Dokument blieb leer, das Hirn ausgetrocknet.

Na schön, dann eben nicht. In einer kurzen Anwandlung frühkindlichen Trotzes verwarf ich sowohl jeglichen Gedanken an eine mögliche Schreibtechnik, als auch an mögliche Texte. Dass es sich hierbei nicht um eine Schreibblockade handelte, war mir sonnenklar, schließlich sah ich mich nie als Schreiber, sondern als Erzähler. Fatal wurde die Schlußfolgerei erst, als mir das alte Klischée in den Sinn kam, Frauen hätten doch immer was zu erzählen. Bevor ich mich mit den ungeheuren körperlichen und finanziellen Belastungen einer Geschlechtsumwandlung beschäftigte, beschloss ich, lieber damit aufzuhören.

Aber aufhören ist keine Lösung. Der Kopf produziert munter weiter und irgendwann ist der Mitteilungsdruck so groß, dass man doch wieder in die Tasten greift. Nur mit der Form hapert's noch ganz gewaltig. Man hat ja so seine Ansprüche. Inzwischen lese ich nur noch wenig in anderen Blogs. Zugriffszahlen interessieren mich nicht mehr, denn ich weiß, dass mir ein paar wohlgesonnene stille und auch kommentierende Leser die Treue halten. Das ist mehr wert als Hundertscharen von Durchklickern. Vor einiger Zeit stand in einem Kommentar etwas sehr Rührendes, an das ich mich heute wieder erinnerte. Danke, dass ihr da seid. Es kommen auch wieder andere Zeiten.

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Freitag, 2. Februar 2007
Because of curiosity
Ein Stöckchen von der Kaltmamsell
Sechs kuriose oder komische Dinge über mich:

1. Während eines Filmes hab ich noch nie geweint, ausser es kommt darin eine Geburtsszene vor. Das wirkt totsicher (selbst bei dieser bescheuerten Szene aus "Look who's talking" hab ich geheult wie ein Schloßhund).

2. Manchmal rede ich laut mit mir selbst.

3. Ich hatte mal eine leichte Form von Flugangst.

4. Ich wäre in vielen Situationen lieber ein Mann.

5. Ich weiß nicht genau, was ich verdiene. Das hat mich noch nie wirklich interessiert. Irgendwie reicht's immer, egal ob wenig oder viel.

6. Ein vernünftiges Maß zu finden, fällt mir meist schwer.

Was wohl Die Vargas, Gaga, Diagonale, Frau Stella, Shiraz und Maz [gerne in den Kommentaren] als Kuriositäten zu bieten haben?

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Mittwoch, 31. Januar 2007
Sätze, die man sofort bloggen muss (19)
Das schwerste Kunststück im Leben, ist, grundlos glücklich zu sein.

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Montag, 29. Januar 2007
Du hast die Haare schön
Dass die Welt ungerecht ist, wissen wir nicht erst seit gestern. So mancher Lockenkopf föhnt stundenlang jede Strähne glatt, obwohl das feuchte Klima draußen alle Bemühungen in Sekunden zunichte machen. Für Spaghettilookträger wie mich wurde ein ganzer Industriezweig mit Rundbürsten und Lockenstäben aus dem Boden gestampft, deren Ergebnis so placeboartig ist, wie die von Cellulitecremes und Diätpillen. Es hilft nichts, man muss sich mit den Gegebenheiten abfinden. Wer das nicht will, greift weiter zu Hilfsmitteln jeglicher Art.

Mein Vermieter ist so ein Typ. Schon beim ersten Treffen konnte ich meinen Blick kaum von seiner Haarpracht abwenden. Mir drängte sich unweigerlich die Frage auf, ob das, was da auf seinem Kopf thronte, tatsächlich naturgegeben sei. Noch nie hatte ich so dichtes Haar gesehen, das ohne Beifügung von Gel sowohl einen Scheitel zuließ, als auch eine akkurate Frisur. Im Laufe des vergangenen Jahres stellte ich fest, dass die Haarpracht je nach Tageszeit im Sitz variierte. Vor allem morgens schien der Haaransatz tiefer in die Stirn zu liegen, dafür standen die Haare im Nacken stärker vom Kopf ab als der Rest. Der Sinn leuchtet mir ein, denn ganz instinktiv zieht man sich eine Kopfbedeckung bei rauhem Wetter tiefer ins Gesicht oder schützt sich gerne unausgeschlafen vor neugierigen Blicken. Dass dieses Prinzip jedoch bei aufgesetzten Haaren die Mitmenschen irritieren kann, schien ihm noch keiner verraten zu haben.

Ich bin mir immer noch leicht unsicher, ob der Mann tatsächlich ein Toupet trägt. Die Zeit, in der die Existenz solcher Utensilien noch nicht in meine Vorstellung gedrungen ist, liegt nicht so lange zurück. Das verhält sich ähnlich wie mit dem Ungeheuer von Lochness. Man hat davon gehört aber gesehen hat man es noch nicht. Als ich im Urlaub einst einen Bekannten aus dem Bett holte und dieser seinen Haarersatz in der Eile verkehrt herum aufsetzte, da sah ich es zum ersten Mal. Mein Weltbild geriet damals leicht ins Wanken. Ich glaube, es wäre nicht besonders ratsam, meinen Vermieter aus dem Bett zu klingeln. Bleibt mir nichts anderes übrig, als ihn weiterhin kritisch zu beobachten und zu hoffen, dass er eines Tages einen Fehler macht.

Einstweilen guck ich schöne Haare und bin wohl die Letzte, die vom Ursprung dieses Spruches Kenntnis nimmt.

via kleinesf

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Sonntag, 28. Januar 2007
And follow your memories upstream

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Dienstag, 23. Januar 2007
A touch of everyday life
Wer viel unterwegs ist, braucht Konstanten. Mehr als andere, deren Konstante allein schon die Räumlichkeit ist, in der sie ihre Arbeit verrichten. So schleichen sich langsam an verschiedenen Orten diverse Verhaltensweisen ein. In Hongkong beispielsweise nehme ich bei jedem Aufenthalt die Fähre, die mich von Wanchai direkt nach Tsim Sha Tsui - die andere Seite der Stadt - bringt. Die Überfahrt dauert nur wenige Minuten. Ich habe dort kein konkretes Ziel, vielmehr ist es die Fähre an sich, die mich magisch anzieht. Nicht einmal der Aussicht halber lohnt sich die Fahrt, denn meistens umhüllt dichter Dunst die hohen Fassaden auf der jeweils anderen Seite.

Vielleicht sind es die Menschen, die mich reizen und mit denen ich während der Überfahrt indirekt in Kontakt trete, wobei das Attribut "indirekt" so gar nicht zur chinesischen Mentalität passen mag. Im dicht besiedelten China scheut man den Körperkontakt zu Fremden nicht, was mich als Europäer mit räumlich ausgeprägter Distanzzone immer wieder irritiert. Die Passagiere warten auf das Eintreffen des Schiffes vor verschlossenem Gitter. Eine kleine Frau drängt sich an mir vorbei nach vorne, obwohl die Fähre noch nicht angelegt hat. Als sich das Tor zum Einsteigen öffnet, werde ich von Passanten mehrmals gestreift. Obwohl an Deck mehr als genug Platz für die wenigen Fahrgäste existiert und es auch keine besseren Plätze gibt, haben es die Chinesen eilig, an Bord zu kommen. Beim Aussteigen ein ähnliches Bild. Alle rennen zur geschlossenen Rampe, die zum Überbrücken der Lücke zwischen Boot und Hafen heruntergelassen wird, als ob der erste Ankömmling einen Preis zu erwarten hätte. Während ich die Station passiere, drängt sich wieder eine kleine Gestalt neben mich. Ich bin neugierig was passiert, wenn ich unbeirrt auf gleicher Höhe bleibe, den von ihr gewählten Abstand beibehaltend. Natürlich geschieht nichts. Nicht einmal irritiert reagiert die Alte. Persönliche Distanz, die in Europa nur in Ausnahmesituationen (öffentliche Verkehrsmittel etc.) und mit entsprechendem Verhalten begleitet unterschritten wird, scheint hier eine Form von Luxus zu sein.

Über den Sitzbänken ist eine Lehne angebracht, die zur jeweiligen Fahrtrichtung geschwenkt werden kann. Man fährt einfach lieber vorwärts. Um mich herum wird ständig telefoniert oder sich mit dem Mobiltelefon beschäftigt. Ich habe noch nie einen Fahrgast in ein Buch versunken gesehen. Dabei erinnere ich mich bei jeder Überfahrt an eine vor langer Zeit gelesene Beschreibung aus einem Roman. Der Protagonist lebt in Hongkong und benützt häufig die alten grün-weißen Boote der Star Ferry. Und an eine weitere Passage aus dem Buch denke ich während der Überfahrt:

'You must eat the cold porridge,' he told me once. It's a Chinese expression. Cantonese, I guess [...]
The way he explained it, eating the cold porridge means working at something for so long that when you get home there is nothing left to eat but cold porridge [...] That's how you get good at something, he told me. That's how you get good at anything. You eat the cold porridge. You work at it when the others are playing. You work at it when the others are watching TV. You work at it when the others are sleeping. To become the master of something, you must eat the cold porridge, Grashopper.
*

Nicht dass ich Kartoffelbrei besonders gerne mögen würde - kalt schon gleich zweimal nicht - aber diesen Vergleich mag ich sehr, weil er so einfach ist. Und weil ich genau dieses Prinzip des kalten Kartoffelbreies vor langer Zeit zu meinem gemacht habe. Ich mag in den meisten Dingen nicht besonders gut sein aber ich bin stur. Sogar in den Dingen, die mir nicht wirklich gut tun. Wenn Ausdauer ein chinesisches Attribut ist, dann bewundere ich die Chinesen dafür. Um wieviel schnelllebiger und vergänglicher ist dagegen unsere kleine westliche Welt. Manch einer probiert sich in Tai Chi oder Yoga oder das, was er als westliche Form davon kennt. Manch einer konvertiert zum Buddhismus, um endlich die langersehnte Zufriedenheit zu erlangen. Wenn die sich nicht schlagartig nach einigen Monaten der Übung einstellt, wird das Konzept meist schnell gegen ein neues oder wieder gegen die alte Couch eingetauscht. Dabei ist alles so viel einfacher und gleichzeitig um so viel schwieriger.

Solchen Gedanken hänge ich auf der siebenminütigen Fahrt mit der Star Ferry hinterher. Letztens hatte ich meine Karte zu Hause vergessen und war somit ohne Zahlungsmittel. Von den geliehenen Hongkong Dollar einer Kollegin konnte ich die anderthalb Aufenthaltstage mehr schlecht als recht überrunden, doch die Überfahrt habe ich mir nicht nehmen lassen. Mit 2,20 (umgerechnet etwa 20 Cent) ist ein Ticket so ziemlich das Billigste, was man in Hongkong kriegen kann, mal abgesehen von unfreiwilligem Körperkontakt. Den gibt's umsonst.

*Tony Parsons One for my baby

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A room with a view (7)


Hongkong nach hinten raus

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