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Mittwoch, 11. April 2007
Big in Japan (2)
frau klugscheisser, 02:25h
Auf der Suche nach den Glücksutensilien mache ich mich morgens auf den Weg zum Tempel. Am Bahnhof wartet die erste Hürde in Form des Fahrkartenautomaten. Ich weiß, ich muss zur Station Asakusa und auf dem Weg in der U-Bahn zweimal umsteigen, was mir angesichts der japanischen Beschriftung des Bahnnetzes jedoch wenig nützt. Der Automat zeigt verschiedene Fahrpreise in arabischen Lettern an und die Regel lautet: wenn du den korrekten Fahrpreis nicht kennst, löse das billigste Ticket. Nachzahlungen sind an der nächsten Station kein Problem. Nachdem ich also das billigste Ticket erworben habe, will ich die Schranke am Eingang passieren, doch weiß ich nicht, in welchen Schlitz ich es stecken soll, zumal in englischsprachigen Nahverkehrsbroschüren eindrücklich vor dem Verlust der Fahrkarte gewarnt wird. Wenn ich sie also in irgendeine Öffnung stecke und sie nicht mehr herauskommt, habe ich verloren. Keiner der Beamten am Nachzahlschalter spricht englisch, doch ist einer so freundlich, seine Glasbehausung zu verlassen, um das Ticket der doofen Touristin in die richtige Öffnung einzuführen. Während ich auf den Zug warte, zähle ich die Stationen bis zum ersten Wechsel. Es sind genau 11. Meistens steht der Name der jeweiligen Station auch auf englisch ausgeschrieben, doch sicher ist sicher.Als ich mich im Zug setzen will, stoße ich mit dem Kopf an die herabhängenden Haltegriffe. Auf dem Hinflug meinte mein ca. 1.60 großer Kollege, er sei gerne in Japan, weil er sich da endlich mal richtig groß fühlen könne.
Ich bin überrascht, wie leer der Zug ist, kennt man doch die Berichte von Bahnbeamten, die Menschentrauben zusammenquetschen, damit sich die Türen schließen können. Auf der Fahrt sehe ich einen Park mit blühenden Kirschbäumen. Selbst die Japanerin, die mir gegenüber sitzt, dreht sich um, um den Anblick zu bestaunen. In zartem rosa und weiß heben sich die Blüten gegen die triste Industrielandschaft ab. In einem Seminar sagte einst die Dozentin, wolle man sich dieser fremdartigen Kultur mit all ihren Diskrepanzen zur Neuzeit nähern, so könne man dies am Besten über die Ästhetik. So langsam begreife ich, was sie damit meinte. Kirschbäume - auch blühende - habe ich in meinem Leben viele gesehen, doch niemals in solcher Fragilität. Hier werden sie liebevoll gestutzt, getrimmt und in Form gebracht, wie man es mit allen Pflanzen macht. Man erinnere sich nur an die aufwendige Bonsaipflege und die Kunst des Ikebana.Je näher ich meiner endgültigen Destination komme, umso bunter mischen sich ausländische Fahrgäste mit Einheimischen. Viele japanische Frauen tragen Kimonos. Es ist Samstag und die Straßen jetzt schon ziemlich voll. Japanische Trachten wie Dirndl zur Oktoberfestzeit soweit das Auge reicht. Um zum Tempel zu gelangen muss man sich durch eine enge Gasse zwängen, die von Ramschläden und Imbißbuden gesäumt wird. Selbst auf der linken Seite komme ich nur schleichend voran. Schließlich erreiche ich das Ende der Budengasse. In einem großen Trog qualmen bündelweise Räucherstäbchen. Die Menschen drumherum fächeln sich den Rauch zu oder schöpfen ihn wie Wasser mit den hohlen Händen über ihre Köpfe. Rechts und links kleine Holzkästen, aus denen sie Omikujis ziehen. Die Trommeln, in denen sich Stäbe mit den entsprechenden Nummern befinden werden pausenlos geschüttelt. Da ich wohl hier niemanden ausfindig machen werde, der mir mein Omikuji übersetzen könnte, verzichte ich lieber. Wer will schon ein schlechtes Orakel aus Nichtwissen ständig mit sich führen.
Das Omamori hingegen muss ich unbedingt haben, es soll ja ein Mitbringsel zum Geburtstag werden. Rechts und links vom Eingang werden sie jeweils verkauft. Ich weiß von der Kollegin, dass jedes Omamori eine spezielle Bedeutung hat. Als ich den Verkäufer frage, ob er englisch spricht, winkt der ganz hektisch ab. Er hat durch meine Frage ein wenig von seinem Gesicht verloren. Mit dem restlichen Teil lacht er und hofft wohl, dass ich möglichst schnell das Weite suche. Zweiter Versuch am Stand gegenüber. Ich spreche einen Umstehenden an, ob er mir die Bedeutung der ausgestellten Omamoris übersetzen könne. Kann er, wenn auch in sehr gebrochenem und schwer verständlichen Englisch. Ich traue mich nicht nachzuhaken, sondern ergehe mich stattdessen in eifrigem Kopfnicken und vielen Ahs und Ohs. Soviel ich verstanden habe, gibt es welche für langes Leben und Gesundheit, sicheres Autofahren, Abwenden von Unglück und schließlich eines für Reichtum. Es könnte allerdings auch für eine große Familie gewesen sein. Die Gestik ließ mehr Interpretationsspielraum als jegliche Gebärden meiner Gehörlosen Gäste und dieses Amulett ist somit aus dem Rennen. Langes Leben und Gesundheit ist zu teuer, deswegen entscheide ich mich für Abwenden von Unglück. Ist ja auch was.
Auf dem Rückweg streife ich versehentlich eine Person, die völlig regungslos zwischen dem Getümmel steht und die ich zunächst für eine Schaufensterpuppe hielt.
Es ist ein Mönch, der um Almosen bittet. Auch vor den Stufen zum Ueno-Park steht einer. Diesmal bin ich allerdings aufmerksamer. Ich weiß nicht, ob es sich schickt, ihn zu fotografieren. Heimlich zücke ich das Handy von der Seite. Auch im Ueno-Park sind unglaublich viele Menschen. Man lagert auf großen Planen, vor denen die Schuhe feinsäuberlich abgestellt wurden. Gras hat hier keine Chance zu wachsen. Am Eingang ein Straßenmusikant, der sich anhört, als hätten es die Indiogruppen aus der Stuttgarter Fußgängerzone inzwischen bis Japan geschafft. Von irgendwo dröhnen Popsongs über Lautsprecher, die gelegentlich von offiziellen Durchsagen übertönt werden. Keinerlei Idylle, hier ist es mir zu laut und zu voll. Außerdem bin ich hundemüde.
Der Rückweg ist ein Kinderspiel. Ich bin jetzt Tokyo-Underground-Experte. Bevor ich am späten Nachmittag selig in mein Bett sinke, platziere ich das Omamori auf dem Nachttisch und halte den Kaeru ein wenig in der Hand. So schnell kann mir kein Unglück mehr passieren. Zumindest möchte ich daran ganz fest glauben.... link
Dienstag, 10. April 2007
Sätze, die man sofort bloggen muss (24)
frau klugscheisser, 14:46h
Es gibt nur ganz wenige Berufsgruppen, in denen man sein Leben dadurch riskiert, ein charakterliches Schwein zu sein. Kapitän ist eine davon.
Oder würden Sie ihren Arsch riskieren, um jemanden zu retten, der sie vorher wie Dreck behandelt hat?
Oder würden Sie ihren Arsch riskieren, um jemanden zu retten, der sie vorher wie Dreck behandelt hat?
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Montag, 9. April 2007
Big in Japan (1)
frau klugscheisser, 15:19h
Ich kann mich erinnern, als Kind sonntags mit Begeisterung die Sendung für Gehörlose Sehen statt hören verfolgt zu haben. Die ein oder andere Gebärde habe ich imitiert, nur um danach in schallendes Gelächter auszubrechen. Die Geste für Staatsflagge, oder das, was ich dafür hielt, ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.
Eine Gruppe Gehörloser macht sich diesmal mit uns auf den Weg nach Tokyo (passt wie Faust auf Auge, nachdem ich die Tage davor endlich Babel gesehen habe). Ich briefe meine Crew dementsprechend. Es nütze nichts, mit den Betroffenen lauter zu sprechen - ein Impuls, dem so mancher instinktiv nachgibt - im Service Zettel und Stift bereitzuhalten und sich im Falle einer Evakuierung im Besonderen auf diese Menschen einzustellen. Über die Kollegin, die nebenbei Dolmetscherin für Gebärdensprache ist und heute zufällig mit uns arbeitet bin ich besonders froh, doch die Gehörlosen sind allesamt japanischer Nationalität. Sie klärt uns auf, dass die Gebärden nicht international verständlich sind, sondern wie andere Sprachen aus dem kulturellen Hintergrund entstanden. Im Service lerne ich die Gebärden für Wasser, für Huhn und für Rindfleisch. Nehmen wir ersteres Beispiel, so ist die Gebärde für Wasser bei uns eine Geste, als ob man sich mit der Hand das Gesicht wäscht. Im japanischen wird Wasser mit beiden Händen dargestellt. Eine hält eine imaginäre Schüssel, während die andere daraus dem Gesicht Wasser zufächelt. Vom deutschen Huhn wird mit den Fingern nur der Schnabel dargestellt, während im Japanischen das Merkmal des Kammes mit der Handkante an der Stirn symbolisiert wird, ähnlich dem Taucherzeichen für Hai.
Schließlich lerne ich noch, dass das, was ich jahrzehntelang als Übersetzung für Staatsflagge hielt, in Wirklichkeit das Zeichen für keine Ahnung ist. Man sollte nicht alles glauben, was man im Fernsehen sieht. Dann konzentriere ich mich darauf, meine japanischen Kolleginnen über diverse Gebräuche auszufragen. Ich suche ein kleines Geburtstagsgeschenk, einen Glücksbringer oder ähnliches und einen Kaeru, nur wo bekomme ich sowas? Man versichert mir, ich würde beim Tempel fündig.
Es gibt zwei Sorten von Glücksbringern: Omamori und Omikuji. Ein Omamori ist ein Bild oder ein Spruch, der als Anhänger verpackt immer bei sich zu tragen sei. Man dürfe es niemals öffnen, da das Glück sonst verloren ginge, während man das Omikuji - ein richtungsweisender Spruch - liest und danach - je nachdem ob es positiv oder negativ ausfällt - entweder bei sich trägt oder an eine Stange, einen Ast o.ä. nahe dem Tempel knotet. Ich foppe die Kolleginnen ein wenig, indem ich frage, ob sie ihr Omamori tatsächlich niemals gelesen hätten und woher sie wüssten, dass da wirklich etwas drin steckt. Sie versichern mir, Japaner seien nicht neugierig und man müsse unter allen Umständen an das im Tempel erworbene Glück glauben.
Im Japanischen hat Kaeru zwei Bedeutungen (gelernt bei Isabo). Einmal ist es der Frosch und zum anderen wiederkehren. Man steckt den kleinen Frosch in die Tasche oder die Geldbörse, damit das Geld oder verliehene Dinge wieder zurückkommen. Auf dem Rückflug faltet die Kollegin als Dekoration für mich einen Vogel - sie hat die Kunst des Origami von ihrer Großmutter gelernt - und schreibt meine Glückwünsche, die ich nächste Woche zusammen mit den Glücksbringern übergebe, in japanischen Schriftzeichen auf ein Stück Papier. Ich bin immer wieder überwältigt von der japanischen Freundlichkeit. Möglicherweise ist es auch nur ein alter Spruch, an den ich auf der Straße erinnert wurde. Eine Passantin trug ihn als Aufdruck auf ihrem T-Shirt: God helps those who help themselves. Auf diese Weise hat sie sich absolute Narrenfreiheit bei ihrer Vorgesetzten erworben, obgleich sie mir durch ihre Arbeit keinerlei Grund zur Klage lieferte. Das Glück steckt eben in den kleinen Dingen.

Eine Gruppe Gehörloser macht sich diesmal mit uns auf den Weg nach Tokyo (passt wie Faust auf Auge, nachdem ich die Tage davor endlich Babel gesehen habe). Ich briefe meine Crew dementsprechend. Es nütze nichts, mit den Betroffenen lauter zu sprechen - ein Impuls, dem so mancher instinktiv nachgibt - im Service Zettel und Stift bereitzuhalten und sich im Falle einer Evakuierung im Besonderen auf diese Menschen einzustellen. Über die Kollegin, die nebenbei Dolmetscherin für Gebärdensprache ist und heute zufällig mit uns arbeitet bin ich besonders froh, doch die Gehörlosen sind allesamt japanischer Nationalität. Sie klärt uns auf, dass die Gebärden nicht international verständlich sind, sondern wie andere Sprachen aus dem kulturellen Hintergrund entstanden. Im Service lerne ich die Gebärden für Wasser, für Huhn und für Rindfleisch. Nehmen wir ersteres Beispiel, so ist die Gebärde für Wasser bei uns eine Geste, als ob man sich mit der Hand das Gesicht wäscht. Im japanischen wird Wasser mit beiden Händen dargestellt. Eine hält eine imaginäre Schüssel, während die andere daraus dem Gesicht Wasser zufächelt. Vom deutschen Huhn wird mit den Fingern nur der Schnabel dargestellt, während im Japanischen das Merkmal des Kammes mit der Handkante an der Stirn symbolisiert wird, ähnlich dem Taucherzeichen für Hai.
Schließlich lerne ich noch, dass das, was ich jahrzehntelang als Übersetzung für Staatsflagge hielt, in Wirklichkeit das Zeichen für keine Ahnung ist. Man sollte nicht alles glauben, was man im Fernsehen sieht. Dann konzentriere ich mich darauf, meine japanischen Kolleginnen über diverse Gebräuche auszufragen. Ich suche ein kleines Geburtstagsgeschenk, einen Glücksbringer oder ähnliches und einen Kaeru, nur wo bekomme ich sowas? Man versichert mir, ich würde beim Tempel fündig.
Es gibt zwei Sorten von Glücksbringern: Omamori und Omikuji. Ein Omamori ist ein Bild oder ein Spruch, der als Anhänger verpackt immer bei sich zu tragen sei. Man dürfe es niemals öffnen, da das Glück sonst verloren ginge, während man das Omikuji - ein richtungsweisender Spruch - liest und danach - je nachdem ob es positiv oder negativ ausfällt - entweder bei sich trägt oder an eine Stange, einen Ast o.ä. nahe dem Tempel knotet. Ich foppe die Kolleginnen ein wenig, indem ich frage, ob sie ihr Omamori tatsächlich niemals gelesen hätten und woher sie wüssten, dass da wirklich etwas drin steckt. Sie versichern mir, Japaner seien nicht neugierig und man müsse unter allen Umständen an das im Tempel erworbene Glück glauben.
Im Japanischen hat Kaeru zwei Bedeutungen (gelernt bei Isabo). Einmal ist es der Frosch und zum anderen wiederkehren. Man steckt den kleinen Frosch in die Tasche oder die Geldbörse, damit das Geld oder verliehene Dinge wieder zurückkommen. Auf dem Rückflug faltet die Kollegin als Dekoration für mich einen Vogel - sie hat die Kunst des Origami von ihrer Großmutter gelernt - und schreibt meine Glückwünsche, die ich nächste Woche zusammen mit den Glücksbringern übergebe, in japanischen Schriftzeichen auf ein Stück Papier. Ich bin immer wieder überwältigt von der japanischen Freundlichkeit. Möglicherweise ist es auch nur ein alter Spruch, an den ich auf der Straße erinnert wurde. Eine Passantin trug ihn als Aufdruck auf ihrem T-Shirt: God helps those who help themselves. Auf diese Weise hat sie sich absolute Narrenfreiheit bei ihrer Vorgesetzten erworben, obgleich sie mir durch ihre Arbeit keinerlei Grund zur Klage lieferte. Das Glück steckt eben in den kleinen Dingen.

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Sonntag, 8. April 2007
A room with a view (9)
frau klugscheisser, 22:09h

Tokyo Sonntag 6.00 local time
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Montag, 2. April 2007
The secrets that you keep
frau klugscheisser, 02:29h
Es passiert immer in Japan. Diese offenen Fragen in Filmen, diese Geheimniskrämerei. Seit beinahe vier Jahren rätselt man, was wohl Bob Harris seiner Charlotte zum Abschied zuflüsterte und jetzt ein Brief, den nur der Herr Kriminalbeamte entziffern darf. Fair ist das nicht.
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Sonntag, 1. April 2007
Or just getting older?
frau klugscheisser, 03:30h
Am Königsplatz lassen sich die ersten warmen Sonnenstrahlen im Windschatten der Glyptothek gut genießen. Ich sitze auf den Stufen und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Neben mir eine Gruppe junger Studenten. Wortfetzen wehen herüber. Einer der jungen Burschen spricht von einer schönen Frau da drüben. Intuitiv wende ich suchend meinen Kopf, bis ich begreife, dass er wohl mich meint.
Straßenarbeiter, die um das Wohl der schönen Frau besorgt sind, als ich mit dem Radl eine unwegsame Stelle passiere. Früher haben solche Bemerkungen in mir Unwohlsein verursacht. Heute genieße ich sie, wohl weil sie seltener geworden sind. Ob das der Vorteil des Älterwerdens ist?
Straßenarbeiter, die um das Wohl der schönen Frau besorgt sind, als ich mit dem Radl eine unwegsame Stelle passiere. Früher haben solche Bemerkungen in mir Unwohlsein verursacht. Heute genieße ich sie, wohl weil sie seltener geworden sind. Ob das der Vorteil des Älterwerdens ist?
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Freitag, 30. März 2007
Hey you
frau klugscheisser, 00:33h
Heute von mehreren Norwegern mit einem "hej hej" begrüßt worden. Musste unwillkürlich lachen, weil mich das an diese Geschichte erinnerte. Wetten, daß Step-Aerobic von den alten Wikingern erfunden wurde?
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Donnerstag, 29. März 2007
Lay off of my black suede shoes
frau klugscheisser, 00:59h
Da müsse ich halt fragen und nicht selber suchen, meint die Dame in dem kleinen Laden in der Hohenzollernstraße. Sie stolziert zwischen den Kartons herum, kommentiert die Wahl der Kundinnen und fuchtelt dabei wild mit einem langen silbernen Schuhlöffel. Überhaupt mache jede Kundin so eine Unordnung. Aber das sei ja jetzt vorbei, weil sie ihren Laden schließe und dann könnten die werten Damen mal schauen, wo sie noch brauchbare Schuhe herbekommen. Heutzutage würde ja nur Mist aus Plastik oder billigem Leder verkauft. Wenn sie mit ihrem Laden nicht mehr sei, gäbe es in München überhaupt kein gescheites Schuhwerk mehr zu erwerben. Erst bin ich ein wenig von ihrer strengen Art eingeschüchtert, doch die niedrigen Preise halten mich vor Verlassen des Ladens zurück. Ich schaue mich ein wenig um, probiere hier und da. Zwei Paar ziehe ich in die engere Wahl. Es sind die einzigen, die mir gefallen und noch in meiner Größe verfügbar sind. Ob ich den linken probieren wolle, fragt sie unwirsch. Will ich nicht, denn wenn der rechte passt, passt auch der linke, da mein linker Fuß der schmälere ist. Damit entlocke ich ihr das erste Lächeln. Beim Zahlen frage ich sie, ob die Geschäftsaufgabe nicht schwer für sie sei. Nein, sei sie nicht, denn es gäbe schließlich auch noch ein anderes Leben. Aber so qualitativ hochwertige Schuhe wie die ihren wären dann in München Vergangenheit. Als sie das Preiswapperl von der Sohle entfernt, erwähne ich anerkennend die dünne Gummirippsohle auf dem Leder. Da lächelt sie ein weiteres Mal. Ja, so habe sie eben eingekauft, nur das Beste halt. Aber das sei jetzt in München vorbei. Als ich auf die Straße trete, bin ich fast ein wenig erleichtert, ihrer bayrisch zwidernen Art entkommen zu sein. Dann hänge ich die beiden Tüten mit den Kartons an die Lenkstange und radle heim. Natürlich konnte ich mich nicht entscheiden und habe deswegen beide Paare genommen.
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Mittwoch, 28. März 2007
Dance like this
frau klugscheisser, 01:57h
Dancing is not about how many pirouettes you can make or how high you can lift your legs but expressing your emotions in a movement.
Nunzio
Ein Tsunami von Glückshormonen schwappt durch meine Blutbahnen. Es funktioniert jedes Mal, egal wie müde, ausgelaugt, energielos oder deprimiert ich vorher war. Wenn ich vom Training komme, macht meine Seele Flick-Flacks und in meinem Bauch hüpfen die Neurotransmitter von Synapse zu Synapse. Einen nicht unwesentlichen Anteil an der Wirkung hat dabei Nunzio. Seine Art zu unterrichten ist einmalig. Man spürt, dass er liebt, was er tut. In jeder Sekunde der anderthalb Stunden - meistens werden es fast zwei - ist er aufmerksam und gibt 150%. Egal wieviele Schüler in der Stunde anwesend sind - und es werden laufend mehr - schafft er es, jeden einzelnen zu korrigieren und zu motivieren. Er vermittelt den Teilnehmern das Gefühl, wahrgenommen zu werden und wichtig zu sein.
Die Zusammensetzung der Gruppen ist bunt. Es kommen Dicke und Dünne, Junge und Alte, Menschen mit und ohne Vorkenntnisse in Ballett oder ähnlichen Disziplinen. Jeder wird akzeptiert. Die Atmosphäre innerhalb der Gruppen ist freundlich und wohlwollend. Kein Konkurrieren, keine bösen Blicke und kein Jahrmarkt der Eitelkeiten - dafür sorgt er durch seine ihm eigene Art. Es wird weder vor den anderen getadelt, noch gelobt, keine Gruppen von schlechteren und besseren Tänzern gebildet, kurzum es wird nicht beurteilt. Während des halben Jahres, das ich nun regelmäßig trainiere, habe ich Schüler über sich selbst hinauswachsen sehen, von denen ich zunächst glaubte, sie könnten nicht stolperfrei einen Fuß vor den anderen setzen.
Er sagt, er lerne von uns. Anfangs bezweifelte ich diese Aussage, doch mit der Zeit habe auch ich viel von den anderen gelernt. Inzwischen kann ich - man höre und staune - an guten Tagen eine ganze Diagonale saubere Pirouetten drehen. An schlechten geht nur eine Drehung, die ich stehe. Aber auch darauf bin ich mächtig stolz, denn nach dem anfänglichen Pirouettendesaster
nicht aufgegeben zu haben, sondern trotzdem Spaß zu empfinden, das braucht schon eine ganze Menge. Ich kann inzwischen Liegestützen (sogar die gaaaanz langsamen) und seit die Zerrung am rechten Oberschenken abgeheilt ist auch wieder Spagat seit- und vorwärts. Im letzten halben Jahr habe ich mindestens 5 Kilo dauerhaft ohne Diät abgenommen - genau weiß ich es nicht, weil meine Waage der Wohnung verwiesen wurde - und bin in der Lage, die restlichen Speckröllchen einigermaßen kontrolliert durch Choreographien zu schwingen. Außerdem wird meine Memorierfähigkeit und die Umsetzung von Bewegungsabläufen immer schneller. Wenn das mal insgesamt keine Erfolgsmeldung ist.
Die Gruppen sind nach Können in Grundkurs, Mittelstufe und Fortgeschrittene aufgeteilt, wobei Mittelstufe in etwa das bedeutet, was in anderen Laienkursen eher als fortgeschritten proklamiert wird. Seit Dezember nehme ich an allen Stufen teil, da sie sich wunderbar über die Woche verteilen. Stimmt gar nicht, der Fortgeschrittenenkurs ist noch zu schwer für mich, weswegen ich eine Zwischenstufe (intermediate/advanced) in einer anderen Schule belege aber lange dürfte es nicht mehr dauern. Im Grunde ist mir egal, welche Stufe gerade läuft. Das Aufwärmtraining ist überall ähnlich und selbst im Grundkurs kann ich immer was lernen. Die Glückshormone machen einfach so süchtig, dass ich sie fünf Tage die Woche brauche, vorausgesetzt ich bin nicht irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs. Immerhin braucht es dazu nur einen einzigen Mann, den ich mir mit knapp 30 anderen Frauen (und dem ein oder anderen männlichen Schüler) ganz ohne Eifersüchteleien teile. Soll noch einer behaupten, dass das nicht außergewöhnlich sei.
Nunzio
Ein Tsunami von Glückshormonen schwappt durch meine Blutbahnen. Es funktioniert jedes Mal, egal wie müde, ausgelaugt, energielos oder deprimiert ich vorher war. Wenn ich vom Training komme, macht meine Seele Flick-Flacks und in meinem Bauch hüpfen die Neurotransmitter von Synapse zu Synapse. Einen nicht unwesentlichen Anteil an der Wirkung hat dabei Nunzio. Seine Art zu unterrichten ist einmalig. Man spürt, dass er liebt, was er tut. In jeder Sekunde der anderthalb Stunden - meistens werden es fast zwei - ist er aufmerksam und gibt 150%. Egal wieviele Schüler in der Stunde anwesend sind - und es werden laufend mehr - schafft er es, jeden einzelnen zu korrigieren und zu motivieren. Er vermittelt den Teilnehmern das Gefühl, wahrgenommen zu werden und wichtig zu sein.
Die Zusammensetzung der Gruppen ist bunt. Es kommen Dicke und Dünne, Junge und Alte, Menschen mit und ohne Vorkenntnisse in Ballett oder ähnlichen Disziplinen. Jeder wird akzeptiert. Die Atmosphäre innerhalb der Gruppen ist freundlich und wohlwollend. Kein Konkurrieren, keine bösen Blicke und kein Jahrmarkt der Eitelkeiten - dafür sorgt er durch seine ihm eigene Art. Es wird weder vor den anderen getadelt, noch gelobt, keine Gruppen von schlechteren und besseren Tänzern gebildet, kurzum es wird nicht beurteilt. Während des halben Jahres, das ich nun regelmäßig trainiere, habe ich Schüler über sich selbst hinauswachsen sehen, von denen ich zunächst glaubte, sie könnten nicht stolperfrei einen Fuß vor den anderen setzen.
Er sagt, er lerne von uns. Anfangs bezweifelte ich diese Aussage, doch mit der Zeit habe auch ich viel von den anderen gelernt. Inzwischen kann ich - man höre und staune - an guten Tagen eine ganze Diagonale saubere Pirouetten drehen. An schlechten geht nur eine Drehung, die ich stehe. Aber auch darauf bin ich mächtig stolz, denn nach dem anfänglichen Pirouettendesaster
nicht aufgegeben zu haben, sondern trotzdem Spaß zu empfinden, das braucht schon eine ganze Menge. Ich kann inzwischen Liegestützen (sogar die gaaaanz langsamen) und seit die Zerrung am rechten Oberschenken abgeheilt ist auch wieder Spagat seit- und vorwärts. Im letzten halben Jahr habe ich mindestens 5 Kilo dauerhaft ohne Diät abgenommen - genau weiß ich es nicht, weil meine Waage der Wohnung verwiesen wurde - und bin in der Lage, die restlichen Speckröllchen einigermaßen kontrolliert durch Choreographien zu schwingen. Außerdem wird meine Memorierfähigkeit und die Umsetzung von Bewegungsabläufen immer schneller. Wenn das mal insgesamt keine Erfolgsmeldung ist.
Die Gruppen sind nach Können in Grundkurs, Mittelstufe und Fortgeschrittene aufgeteilt, wobei Mittelstufe in etwa das bedeutet, was in anderen Laienkursen eher als fortgeschritten proklamiert wird. Seit Dezember nehme ich an allen Stufen teil, da sie sich wunderbar über die Woche verteilen. Stimmt gar nicht, der Fortgeschrittenenkurs ist noch zu schwer für mich, weswegen ich eine Zwischenstufe (intermediate/advanced) in einer anderen Schule belege aber lange dürfte es nicht mehr dauern. Im Grunde ist mir egal, welche Stufe gerade läuft. Das Aufwärmtraining ist überall ähnlich und selbst im Grundkurs kann ich immer was lernen. Die Glückshormone machen einfach so süchtig, dass ich sie fünf Tage die Woche brauche, vorausgesetzt ich bin nicht irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs. Immerhin braucht es dazu nur einen einzigen Mann, den ich mir mit knapp 30 anderen Frauen (und dem ein oder anderen männlichen Schüler) ganz ohne Eifersüchteleien teile. Soll noch einer behaupten, dass das nicht außergewöhnlich sei.
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Montag, 26. März 2007
Daylight savings time
frau klugscheisser, 01:46h
Zwei ältere Damen unterhalten sich. "Mein Eisprung ist in letzter Zeit so unregelmäßig", sagt die eine. Darauf die andere: "Also meiner ist so regelmäßig, da kann ich die Uhr nach stellen. Sommerzeit... Winterzeit..."
Letzte Nacht war da ein merkwürdiges Geräusch neben meinem Bett zu hören. Es kam aus der Richtung, in der mein Wecker steht. "Wird am Ende dieses Wochenende die Uhr umgestellt?" dachte ich noch im Halbschlaf. Obwohl es jedes Jahr zur selben Zeit - nämlich am letzten Sonntag im März - geschieht, war ich dieses Jahr überrascht. Noch nie habe ich aufgrund der Zeitumstellung verschlafen, seit es Funkuhren gibt ist das auch ein Ding der Unmöglichkeit. Und dennoch trifft mich die Zeitumstellung jedes Jahr härter als jeder Jetlag. Während ich in anderen Ländern die Ortszeit einfach akzeptiere, ohne mir Gedanken um die Heimatzeit zu machen, bin ich daheim jedes Jahr zweimal gezwungen, meine innere Uhr den Zeigern auf einem Ziffernblatt anzugleichen. "Ach, eigentlich ist es ja erst halb acht/neun/zehn/etc", der am öftesten gedachte Satz in den Wochen nach der Umstellung, käme mir auf Reisen niemals in den Sinn.
Als die Zeitumstellung schließlich 1980 in Deutschland permanent eingeführt wurde, spürte ich zum ersten Mal den Groll gegen unsere Machthaber. Ich empfand es als himmelschreiende Ungerechtigkeit, mich armes Schülerlein fortan eine Stunde früher aus dem Bett zu holen. Insgeheim hatte ich den Verdacht, das wäre ein Racheakt meiner Mutter, die mit der Regierung unter einer Decke steckte. Wir klärten das später im selben Gespräch, in dem sie mich überzeugte, nicht adoptiert oder nach der Geburt verwechselt worden zu sein. Wer mich morgens weckte, konnte sich einer geballten Ladung schlechter Laune sicher sein. Dass meine Mutter sehr bald diese Aufgabe einem mechanischen Wecker überließ, war die Rettung unserer familiären Beziehungen. Immerhin muss man sich vor einem Wecker nicht wochenlang rechtfertigen oder entschuldigen, wenn man ihn mal anschreit.
Eine Stunde ist wertvolle Traumzeit, die mir seit 27 Jahren gestohlen wird. Schlaumeier behaupten jetzt, sie würde mir am Ende des Jahres zurückgegeben. Das stimmt so nicht, denn am Ende des Jahres wache ich trotzdem nach 8 oder weniger Stunden Schlaf auf, ob es nun neun oder erst acht Uhr ist. Dann habe ich eine Stunde mehr Wachzustand, die ich irgendwie sinnvoll füllen muss. Die Rechnung geht so nicht auf. Sommerzeit mag für Bänker und Beamte, für wichtige und weniger wichtige Arbeitnehmer sinnvoll sein, für Taugenichtse wie mich ist sie es nicht. Morgen früh werde ich vermutlich sehr schlechte Laune haben, weil ich das Ende eines drehbuchreifen Traumes verpasse. Schlechte Zeiten für Träumer.
Letzte Nacht war da ein merkwürdiges Geräusch neben meinem Bett zu hören. Es kam aus der Richtung, in der mein Wecker steht. "Wird am Ende dieses Wochenende die Uhr umgestellt?" dachte ich noch im Halbschlaf. Obwohl es jedes Jahr zur selben Zeit - nämlich am letzten Sonntag im März - geschieht, war ich dieses Jahr überrascht. Noch nie habe ich aufgrund der Zeitumstellung verschlafen, seit es Funkuhren gibt ist das auch ein Ding der Unmöglichkeit. Und dennoch trifft mich die Zeitumstellung jedes Jahr härter als jeder Jetlag. Während ich in anderen Ländern die Ortszeit einfach akzeptiere, ohne mir Gedanken um die Heimatzeit zu machen, bin ich daheim jedes Jahr zweimal gezwungen, meine innere Uhr den Zeigern auf einem Ziffernblatt anzugleichen. "Ach, eigentlich ist es ja erst halb acht/neun/zehn/etc", der am öftesten gedachte Satz in den Wochen nach der Umstellung, käme mir auf Reisen niemals in den Sinn.
Als die Zeitumstellung schließlich 1980 in Deutschland permanent eingeführt wurde, spürte ich zum ersten Mal den Groll gegen unsere Machthaber. Ich empfand es als himmelschreiende Ungerechtigkeit, mich armes Schülerlein fortan eine Stunde früher aus dem Bett zu holen. Insgeheim hatte ich den Verdacht, das wäre ein Racheakt meiner Mutter, die mit der Regierung unter einer Decke steckte. Wir klärten das später im selben Gespräch, in dem sie mich überzeugte, nicht adoptiert oder nach der Geburt verwechselt worden zu sein. Wer mich morgens weckte, konnte sich einer geballten Ladung schlechter Laune sicher sein. Dass meine Mutter sehr bald diese Aufgabe einem mechanischen Wecker überließ, war die Rettung unserer familiären Beziehungen. Immerhin muss man sich vor einem Wecker nicht wochenlang rechtfertigen oder entschuldigen, wenn man ihn mal anschreit.
Eine Stunde ist wertvolle Traumzeit, die mir seit 27 Jahren gestohlen wird. Schlaumeier behaupten jetzt, sie würde mir am Ende des Jahres zurückgegeben. Das stimmt so nicht, denn am Ende des Jahres wache ich trotzdem nach 8 oder weniger Stunden Schlaf auf, ob es nun neun oder erst acht Uhr ist. Dann habe ich eine Stunde mehr Wachzustand, die ich irgendwie sinnvoll füllen muss. Die Rechnung geht so nicht auf. Sommerzeit mag für Bänker und Beamte, für wichtige und weniger wichtige Arbeitnehmer sinnvoll sein, für Taugenichtse wie mich ist sie es nicht. Morgen früh werde ich vermutlich sehr schlechte Laune haben, weil ich das Ende eines drehbuchreifen Traumes verpasse. Schlechte Zeiten für Träumer.
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