Donnerstag, 2. Oktober 2008
'Till I met a blind man who taught me how to see
Aerosmith

Lesenswerter Artikel über einen Blinden, der von der Beförderung im Flugzeug ausgeschlossen wurde, weil er nicht am Fenster sitzen wollte. Christiane hat diesen Artikel gefunden und kommentiert die Hintergründe für derlei Regularien. Dennoch ist die Vorgehensweise der Airline nicht nachvollziehbar.

Ich verstehe meine Rolle an Board nicht als Erzieherin, sondern als Sicherheits- bzw. Servicepersonal. Das bedeutet, ich weise die betroffenen Personen ganz klar auf diverse Umstände hin und übertrage damit die Verantwortung. So lange allgemeine Abläufe nicht gestört oder bestimmte Sicherheitsvorschriften grob verletzt werden, zählt immer noch der gesunde Menschenverstand, der allerdings immer mehr durch Vorschriften ersetzt wird und dadurch vom Aussterben bedroht zu sein scheint.

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Caught A Light Sneeze
Gestern noch Hals wie Reibeisen. Nachts ein Gefühl, als ob ich versehentlich Säure getrunken hätte, die sich bei jedem Schlucken langsam durch die Schleimhäute frißt. Heute Nacht dann das Rückspiel Nasenschleimhaut gegen Luft. Geht meistens unentschieden aus. Morgen aller Voraussicht nach Reizhusten.

Ich habe mir sagen lassen, mit dieser Sorte Selbstausdruck läge ich derzeit voll im Trend.

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Montag, 29. September 2008
Strawberry Fields Forever
Es gibt keine dummen Fragen? Gibt's wohl, saudumme sogar. Treffe ich zufällig einen Künstler in einer Kneipe. Nee, nicht irgendeinen brotlosen Selbstverwirklicher, sondern einen, dessen Bilder man kennt. Und was frage ich ihn?

"Isn't it annoying to go somewhere and people react like oh, you're Isaac Abrams?"

Seine Antwort dagegen ist alles andere als dumm. Er habe gelernt, dies als Wertschätzung anzuerkennen und die Menschen in ihrem Ausdruck zu respektieren. Darüber hinaus habe er ja lange im Schatten von Warhol & co gestanden und ein wenig Egostreicheleinheiten täten jetzt auch mal ganz gut.

Überhaupt ein gutes Gespräch, das sich da am Ende eines langen Abends ergibt. Was macht einen Künstler erfolgreich? Wenn er es schafft, ein Vehikel für seinen Ausdruck zu finden oder wenn er anerkannt ist, wenn seine Bilder Unsummen erzielen? War demnach van Gogh zu Lebzeiten erfolgreich? Hat er jemals seine Zerrissenheit wirklich vermitteln können? Oder ging er genau daran zu Grunde?

Während ich in einem Ordner blättere, in dem in Abbildungen seiner Bilder in Klarsichtfolie stecken, schildert Abrams wie er versuche, das perfekte Bild zu malen. Ich nicke gelegentlich. Die Gedanken sind mir nicht fremd. Doch lieber höre ich zu, als mich mit einer weiteren Frage zu blamieren.

Da kommt seine Tocher - eine junge Jazzsängerin - und ermahnt zum Gehen. "It's always like that!" stöhnt sie, "my father talking in the middle of a crowd". Noch vor wenigen Stunden stand sie selbst im Mittelpunkt, sang My Heart Belongs To Daddy, während ihr Vater den Kopf in den Busen einer Zufallsbekanntschaft grub und sie irritiert ihren Text vergaß.

Und was soll schon peinlich sein? Ein Aussetzer auf der Bühne? Intensive Fanbetreuung mit Körperkontakt? Egopflege? Alles menschlich denke ich, und jeder wie er mag. Weil peinlich ist doch nur, was ich als solches definiere. Peinlich muss eine Frage also nicht sein. Dumm bleibt sie aber trotzdem.

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Sonntag, 28. September 2008
Sun Is Shining
Und jetzt alle: "...weather is sweet, make you wanna move your dancing feet now!"










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Dienstag, 23. September 2008
Gimme A Break


In Kürze hier wieder Bilder von Sonne, Meer und Strand. Bis dahin lautet das Motto:

Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen!

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Freitag, 19. September 2008
Women In Uniform
Iron Maiden

Kaum gebloggt, ist schon wieder 'ne Woche vorbei. Dabei hatte ich so gute Vorsätze. Von den kleinen Erlebnissen im Alltag wollte ich erzählen. Wie ich beispielsweise in Uniform bei Ikea war und erkennen musste, dass man nicht "eben schnell mal bei Ikea" vorbeigeht und schon gar nicht in Uniform und vor dem Dienst. Auch dann nicht, wenn man meint, man hätte noch genügend Zeit. Auch dann nicht, wenn man genau weiß, was man braucht. Ikea ist nämlich ein Laden wie ein schwarzes Loch. Man wird angezogen und unweigerlich verschluckt. Dann irrt man bei der verzweifelten Suche nach dem Ausgang durch die Abteilungen und wenn man wieder draußen ist, befindet man sich in einer anderen Zeitzone. Zumindest aber in einem Paralleluniversum.

Dieses schwarze Loch befindet sich in München ganz in der Nähe des Flughafens. Dazu muss man wissen, dass der Flughafen in einem ehemaligen Moorgebiet liegt (den Kalauer von wegen versumpfen bei Ikea spare ich mir an dieser Stelle). Es bietet sich also an, vor oder nach dem Dienst noch schnell nach Brunkrissla, Thisted und Ektorb zu suchen, im Vorbeigehen Lenda, Lisbet und weitere Kleinigkeiten mitzunehmen, um an der Kasse dann auf eine horrende Summe auf dem Display zu starren. Kann man machen, muss man aber nicht machen. Vor allem nicht in Uniform.

Das Thema 'in Uniform in der Öffentlichkeit außerhalb meines Arbeitsplatzes bewegen' ist ein ganz eigenes. Am Revers meines Sakkos steht nämlich nicht nur mein Name, sondern auch ein unsichtbares Schild mit der Aufschrift Auskunft. Kollegen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Dienst fahren, können davon ein Lied singen. Wann fährt der nächste Zug nach Hinterdupfing? Wo muss ich umsteigen nach Schildburga? Was kostet eine Fahrkarte nach Irgendwo? Wo ist die nächste Toilette? Bei Ikea dann nur marginale Unterschiede in der Fragestellung: Wo gibt es Regale? Kann man diese Haken mit einem anderen System kombinieren? Wo kann ich das umtauschen? Wie komme ich am schnellsten zum Ausgang? Meine Antwort auf die letzte Frage lautete: "Das würde ich auch gerne wissen. Bitte sagen Sie mir Bescheid, sobald Sie was Neues herausgefunden haben."

Mir ist bewußt, dass so eine Uniform etwas Offizielles darstellt und somit die Hemmschwelle sinkt, sich an diese Person zu wenden. Selbst wenn zwischen Uniform und Umgebung kein erkennbarer Bezug besteht, fragt es sich leichter. Ob nun Politesse, Bahnangestellter oder Flugpersonal, man traut ihnen einfach mehr Wissen zu als einem in Anzug oder Strickjacke. Und ich darf nicht mal unfreundlich sein. Das fiele dann nämlich negativ auf meine Firma zurück. Ausserdem läßt es sich ohne Namensschild viel leichter unfreundlich sein.

Deswegen wird so ein Gang in Uniform außerhalb des Flugzeuges für mich regelmäßig zum Spießrutenlauf. Trifft man gelegentlich andere Uniformierte, dann findet eine Art Fraternisierung statt. Man muss sich das wie beim Motorradfahren vorstellen: Motorradfahrer grüßen sich beim Vorbeifahren gegenseitig mit Handsignal. Nur die Vespafahrer werden geschnitten. So nickt ein Uniformträger dem anderen wissend zu, es sei denn, es handelt sich um Straßenkehrer oder Müllabfuhr. In Straßenkontrollen werde ich uniformiert schon mal durchgewunken und Absperrungen sind auch nur noch reine Attrappe. Schließlich kann so eine Uniform auch ihre Vorzüge haben. Und wenn ich jemanden privat kennenlerne, ist der Spruch: "Hey, hast du 'nen Fetisch? Ich hab' nämlich 'ne Uniform" immer noch für einen Lacher gut.

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Dienstag, 16. September 2008
Ring of fire
Sollte das Haus, in dem ich wohne, jemals abbrennen, dann ist das mit Sicherheit meine Schuld. Soviel vorab, weil hinterher wollen es wieder alle vorher gewußt haben. Diese Erkenntnis ist auch nicht ganz neu, sondern eher sowas wie ein Erfahrungswert. Ob Würstl, Kartoffel oder Reis, eine Hitzequelle und genügend vergangene Zeit verwandeln alles in Briketts, weswegen ich auch diesen ganzen Hype um die Braunkohlereserven nicht ganz nachvollziehen kann. Ich erzeuge davon jede Woche einen Topf voll. Und obwohl man mir rät, nicht alles so schwarz zu sehen, tue ich genau das beim Blick unter den Deckel.

Neueste Erkenntnis ist, dass man mit etwas Geduld sogar Suppe anbrennen lassen kann. Während ich nämlich über meine moralische Integrität nachdenke oder einfach mal eben die Probleme der Welt im Kopf löse, verwandelt sich meine Küche regelmäßig wahlweise in ein Dampfbad oder eine Räucherstube. Letztlich kann man bei Gedanken zum Rentenproblem schon mal was auf der Platte vergessen. Damit läge die Lösung quasi am heimischen Herd. Hat ja Frau Herman auch so ähnlich gesagt. Wie dem auch sei, in nächster Zeit gibt's Rohkost. Nicht weil ich Angst vor Feuer hätte, sondern schlichtweg keinen Topf mehr besitze.

Meine heutige Erkenntnis während der Kartoffelmetamorphose lautete:
so ist das halt im Leben; die einen können kochen und die anderen besser denken. Ganz wenige können beides zur selben Zeit. Der Rest ist obdachlos.

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Sonntag, 14. September 2008
c minor
Französ. Suite Nr.2

Wissenschaftler haben festgestellt, dass die klare und symmetrische Struktur von Barockmusik eine beruhigende Wirkung auf das menschliche Gemüt hat. Um das festzustellen brauche ich keine Wissenschaft, sondern nur meine Stereoanlage. Wenn es ganz schlimm kam, hat mir der olle Bach immer wieder den Kopf zurechtgerückt. Muß man sich nur drauf einlassen können.

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Freitag, 12. September 2008
Insomnia




... mehr (Text), wenn ich geschlafen habe...


Nachtrag: So ist das mit den Goldbergvariationen. Einst für einen schlaflosen Grafen auf Cembalo gespielt, heute für schlaflose Mittelständler auf ordinären Beschallungsanlagen.

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Donnerstag, 11. September 2008
C sharp minor
Glenn Gould, Beethoven Sonate op. 27,2

Der Unterschied zwischen Glenn Gould und mir ist, dass Gould sein Leben lang tat, was er am besten konnte. Ich mache meistens Dinge, die ich (noch) nicht kann. Das allerdings mit einer gewissen Hartnäckigkeit und Ausdauer.

Kürzlich fragte mich einer, ob ich Johnny Depp mag. Nein, ich mag ihn nicht. Ich mag auch Jude Law nicht und muss beim Anblick von Matthew McConaughey nicht hyperventilieren. Na schön, wenn der Clooney neben mir stünde, würde ich vielleicht ein wenig schneller atmen aber auch nur noch die nächsten drei bis vier Jahre. Dann hat er seinen Zenit überschritten und verbringt den Rest seines Lebens am Pool mit einem Hausschwein. Der einzige Schauspieler, für den ich je schwärmte, war Robert Redford und das auch nur, weil man als Adoleszierende ja quasi gezwungen ist, für irgendwen zu schwärmen, der unter Gleichaltrigen bekannt ist. Insgeheim aber gehörte mein Herz Männern wie Glenn Gould und Klaus Kinski.

Es ist das kleine - oder auch große - Quentchen Wahnsinn, das mich immer schon faszinierte. Die steile Klippe am Rande des Abgrundes, an der sie alle so nonchalant entlangschlendern diese Genies. Der Kitzel, ohne Absicherung einen Grat entlangzubalancieren, welcher zwischen Himmel und Hölle liegt. Ich kann mich heute noch stundenlang damit beschäftigen, was in einem Gustav Mahler vorgegangen sein mag, der sein kleines Mädchen zu Grabe trägt, nachdem er drei Jahre zuvor die Kindertotenlieder Rückerts vertonte. Und was bewegt einen, der fröhliche Tanzstücke komponierte, dabei aber - von seinen sogenannten Freunden gar als 'Schwammerl' tituliert - der einsamste Bursche war, den man sich vorstellen kann? Und wie hat einer gelebt, dessen einzig tiefe Bindung die zu Werken toter Komponisten war, dessen brilliante Intelligenz in messerscharfer Analyse durch tonale Zusammenhänge schnitt, der aber keine Ahnung von der Stabilität des kanadischen Dollars hatte? Es interessierte ihn einfach nicht.

Glenn Gould und ich, wir waren zu verschieden. Und obwohl ich die Sache mit dem Wahnsinn mehrmals ausprobierte, wollte es einfach nicht gelingen. Vielleicht fehlte mir die nötige Intelligenz, vielleicht eine gewisse Genialität. Jedenfalls ist nie was aus uns geworden. Bereut habe ich es aber nicht. Echter Wahnsinn kann im Alltag nämlich ganz schön anstrengend sein. Und ich bin inzwischen schon um einiges ruhiger geworden.

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Donnerstag, 11. September 2008
We sail tonight for Singapore (4)


Angeblich bekommt man immer das, was man verdient und ich verdiene ein paar warme Tage am Wasser. Aber muss es denn ausgerechnet in Singapur sein? Der geneigte Leser wird unschwer aus vorangegangenen Berichten herauslesen, das diese Stadt nicht zu meinen Lieblingsaufenthaltsorten gehört.

Heute im Test: Natur und Strand.

Na gut, Singapur und Natur sind zwei Begriffe, die sich gegenseitig relativieren, wenn nicht gar neutralisieren. Nehmen wir beispielsweise Sentosa, eine vorgelagerte Insel, künstliches Naherholungsgebiet und Touristenattraktion mit Showeinlage. Am Strand liegen und den plätschernden Wellen zuhören? Die Gezeiten beobachten während im Hintergrund Vögel zwitschern? Fehlanzeige. Sentosa ist nicht leise, Sentosa ist laut, stinkend und quillt über vom menschlichen Wochenendbefall. Nur mit Glück findet am Abend die Sonne eine Lücke zwischen den Kränen und Tankern, um ins Meer zu sinken. Die Strände ein einziges großes Katzen Hundeklo, Bewirtungsbetriebe mit Loungebeschallung, gegen die nicht einmal Kindergeschrei ankommt.

Selbst ein phantasieloser Geist ist sich in Anbetracht der umliegenden Industrie bzw. der Schiffe über die Zusammensetzung des Meerwassers klar. Ins Wasser wollen sowieso nur Hunde und Kinder (was wiederum der Wasserqualität innerhalb einer Lagune auch nicht gerade zuträglich ist). Alles was größer ist, verfängt sich auf dem Weg dorthin sowieso in einem der zahlreichen Beachvolleyballnetze. Man rennt gerne irgendwelchen fliegenden Objekten hinterher. Wer nicht fängt hat Pech. Der nächste Hund steht immer parat, um die fliegende Beute zu verschleppen. Einige Männer suchen mit Metalldetektoren im Sand. Der Kollege vermutet, gesucht wird ein Hund, der sich gemeinsam mit einem fliegenden Objekt verbuddelte. Ich vermute eher, die suchen ein Sixpack vom letzten Wochenende.



Wir haben keine Wahl, wir harren einfach aus. Mit einem Krug frischen Ananassaft läßt sich auch das bewerkstelligen. Zu Beginn sind Himmel und Körper noch weiß. Später wechselt beides die Schattierung. Obwohl mir rot ausgesprochen gut steht, bekomme ich diesmal im Gegensatz zur Kollegin davon nicht viel ab. Ja, wir Flugpersonal sind in mancher Hinsicht einfach unbelehrbar. Sonnencreme ist nur für Weicheier und Socken sehen scheiße aus; Wasser sammelt sich gerne in Blasen an den Füßen und auch die wechseln gerne mal die Farbe von klar nach rot. Bis zum Bus, der alle Besucher im Kreis um die Insel chauffiert, weil Laufen hier sowieso völlig out ist, schaffe ich es auch ohne Schuhe.

Am Abend schieben wir uns durch Touristenschwärme in Richtung Gondel. Unser Copilot wählt wegen akuter Höhenangst(!) lieber die eingleisige Bahn für den Rückweg. Und wieder neigt sich ein Layover dem Ende entgegen. Mir scheint, ich bin die Einzige, die darüber nicht traurig ist. Singapur ist nicht meine Stadt, nicht meine Welt und nicht mal meine dritte Wahl. Lieber bin ich schlaflos in Tokio, verbrenne mir die Haut in Sao Paulo und die Haare in Hongkong. Überhaupt Hongkong, da wäre mal wieder eine neue Sonnenbrille fällig. Eine, mit der der Himmel blauer wird, während wir uns auf den langen Schmuddelwinter vorbereiten. Zum Glück gibt es dann für mich irgendwo auf der Welt immer ein wärmeres Fleckchen als daheim. Nur bitte nicht Singapur.

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