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Sonntag, 8. September 2019
Hit the Road
frau klugscheisser, 16:28h

Jedes Mal wenn ich mich in einer fremden Kultur bewege, beobachte ich die Menschen um mich herum sehr sorgfältig. Ich schaue mir an, wie sie alltägliche Dinge tun, wie sie sich bewegen, miteinander umgehen und welche Gepflogenheiten sich von meiner Kultur unterscheiden. Schließlich bin ich Gast und möchte mich korrekt benehmen. Vor allem aber möchte ich niemanden unnötig vor den Kopf stoßen. Manchmal habe ich das Taschentuch schon an der Nase, wenn mir einfällt, dass man sich in Asien nicht schnäuzt, sondern die Pampe lieber in eine Nase und Mund bedeckende Maske laufen läßt.
Mal abgesehen vom Linksverkehr habe ich gleich nach unserer Ankunft die Radfahrgepflogenheiten beobachtet, konnte aber keine allgemeingültigen Regeln ableiten. Da gab es die, die einen fahrradwegähnelnden Streifen am Rand des Gehweges benutzen, jedoch in alle erdenklichen Richtungen. Und dann gibt es die, die mit dem Rad am Straßenrand fahren - ebenfalls in alle erdenklichen Richtungen. Daraus könnten sich folgende Schlussfolgerungen ableiten:
1. es gibt keine allgemeingültigen Regeln für Radfahrer
2. es gibt nicht sofort erkennbare Regeln, die sehr kompliziert sind und
3. es gibt Regeln, die aber permanent missachtet werden, vergleichbar mit München - da radeln die Leute auch kreuz und quer.
Stelle man sich die Situation andersrum vor. Da kommen Leute aus einer anderen Kultur in mein Land und versuchen sich zurechtzufinden. Die Einheimischen missachten jede erdenkliche Regelung, erwarten insgeheim aber von den Touristen oder Neuansässigen, diese Regeln zu kennen und einzuhalten. Davon abgeleitet hätte jede öffentliche Handlung eines Einheimischen gewissermaßen Vorbildcharakter.
Ich bin also nicht nur vom Fahren - insbesondere vom Abbiegen - im fließenden Linksverkehr etwas überwältigt, sondern auch vom Geheimwissen der japanischen Verkehrskultur. Abgesehen davon ist es ungeheuer heiß hier. 36° mit viel Luftfeuchtigkeit laden nicht zum Verweilen an schönen Orten. Man flüchtet eher in kleine Cafés und kitschige Andenkenläden, allesamt stark klimatisiert. Oder man tritt einfach weiter in die Pedale, nutzt den Fahrtwind und endet irgendwann dort, wo Kultur im Kühlen abseits von Touristenströmen stattfindet, nämlich unter der Dusche.
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Samstag, 7. September 2019
Tokyo Inn
frau klugscheisser, 23:00h

Noch bin ich nicht dort, zumindest aber auf dem Weg. Und der ist bekanntlich das Ziel. Für 10 Tage durch Japan radeln - wenn Sie mich vor einiger Zeit gefragt hätten, wäre das sicher nicht mein priorisiertes Ferienziel gewesen. Suchen Sie mal hier die Einträge über Japan, da finden Sie etwa drei Seiten, die mein Fremdheitsgefühl diesem Land gegenüber belegen. Gerade ist Nacht und weil ich mal wieder nicht schlafen kann, habe ich selber nachgelesen. Allerdings mag ich Radfahren - zumal neben Schwimmen aufgrund körperlicher Einschränkung derzeit die einzige schmerzlose Fortbewegungsform - und war noch nie weiter als im Umkreis von Tokyo.
Als erstes sind wir nach Osaka geflogen, von dort nach Kyoto gefahren. Wegen der Kultur. Aber die ersten anderthalb Tage geschah vieles nur im Halbschlaf. Großer Erschöpfungszustand und die Frage, wieso man sich das freiwillig antut. Das Licht brennt in den Augen und die Temperaturen sowieso. Hier ist noch immer höchster Hoch-Sommer, während daheim bereits die Janker aus dem Schrank geholt werden. Es ist immer das Gleiche: zwei Tage gemäßigte Temperaturen und man kann sich nicht mehr vorstellen, wie sich Extremwerte anfühlen. Das macht das Kofferpacken nicht einfacher. Dann aber trotz und erst recht Kultur. Fushimi Inari Schrein, kennen Sie. Doch, das sind diese orangefarbenen Torbögen, die kurz hintereinander stehen und dadurch wie ein langer Tunnel oder eine Raupe aussehen, die sich den Berg rauf und runter wälzt.
Wälzen tun sich auch die Menschen da durch - zumal Wochenende. Erinnert mich an‘s Taj Mahal. Auf Bildern scheint immer alles sehr groß, weit und leer, in Wirklichkeit sehr anders. Irgendwann ist dann die Kultur zweitrangig. Man hat Hunger, Durst und ein paar Mückenstiche - Menschliche Bedürfnisse. Immer wieder wundere ich mich in den ersten beiden Tagen, wie viel ich bereits über diese fremde Kultur weiß. Auch über die Pantoffelgepflogenheiten und wann man sie wie rum stellt. Manchmal glaube ich, das weiß ich alles nur, weil ich‘s mal hier gelesen habe. Dann fällt mir wieder ein, ich war der Autor der Beiträge. Seltsam dieses Altern und wo das Wissen hingeht, von dem man so fest glaubte, es sei ein Gut wie ein Haus, das man erwirbt und fortan besitzt.
Ich sitze also hier - es ist dunkel, heiß und unbequem - und ich frage mich, was ich hier tue, denn Fahrradfahren kann ich auch daheim. Nur halt nicht so schön oder so. Die G‘iant Räder sind übrigens nicht schlecht und die Wege noch flach. Morgen Nacht dann mehr, wenn es wieder heißt: Schlaflos im Land der aufgehenden Sonne.

Frühstück am nächsten Morgen. So startet man hier in den Tag.
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Mittwoch, 4. September 2019
The Gnome
frau klugscheisser, 15:40h

Das da oben habe ich heute beim Aufräumen im Keller gefunden. Eine Tageszeitung vom 8. April 1959, die zum Schutz vor Macken um Porzellan gewickelt war. Erstaunlich daran finde ich nicht nur, wie gut erhalten so ein 60 Jahre altes Druckerzeugnis ist, sondern auch die Meldungen selbst. Ende März flüchtete der Dalai Lama aus Tibet - eine Woche später berichtete ein deutscher Journalist im Lokalblatt (Starnberger Ausgabe). Das Bild zeigt eine Situation, in der chinesisches Militär auf Tibetaner trifft. Drunter die Überschrift des nächsten Artikels Müssen Gartenzwerge so sein?
Das ist eine Steilvorlage. Machense was draus!
*winkt rüber in die Gartenzwergfabrik
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Montag, 2. September 2019
Smalltalk Fails
frau klugscheisser, 11:10h
Wenn Passagiere in höheren Reiseklassen buchen, bezahlen sie gemeinhin viel Geld. Diese Kosten sind nicht in gastronomischer Qualität aufzuwiegen, auch wenn das viele Schnäppchenjäger meinen. Es gibt immer wieder Beispiele, die gerne in höheren Klassen reisen aber die niedrigste bezahlen möchten. Das häufigste Argument ist dann, sie würden auch nichts essen. Das ist uns jedoch relativ gleichgültig. Zum einen ist die Qualität der Speisen in den günstigen Klassen ebenfalls vergleichsweise hochwertig, zum anderen gibt es weitaus mehr Serviceleistungen, für die die Kundschaft mehr zu bezahlen bereit ist, beispielsweise Platz und Komfort bei der Abfertigung oder die persönliche Zuwendung.
Diese persönliche Zuwendung reicht von Smalltalk bis unbürokratischer Hilfestellung im Umgang mit aufgetretenen Ärgernissen. Natürlich helfen wir auch denen, die weniger bezahlen, nur muss dort der zeitliche Aufwand und etwaige Ersatz- oder Entschädigungsangebote vergleichsweise niedriger ausfallen. Und dann gibt es diese Menschen, die so häufig fliegen, dass sie öfter mit Angestellten der entsprechenden Airline als mit eigenen Angehörigen und Freunden sprechen. Viele davon haben nicht einmal die Zeit, Freundschaften zu pflegen. Die sprechen meist sehr gerne mit mir, und es ist immer ein großes Hallo, wenn man sich erneut begegnet. In diese Gespräche flechte ich situationsbedingt schon mal die ein oder andere persönliche Erfahrung ein.
So auch letztens als ich dem Ehepaar, das auf dem Weg in die sizilianischen Ferien war, etwas über's Segeln erzählte und meinte, Segeln sei die teuerste Art unbequem zu reisen. Daraufhin meinte der Herr nur trocken: "Wir besitzen ein Segelboot." Ich glaube nicht, dass ich die Konversation noch geschickt mit der Bemerkung, dass auch der Unterhalt für Segelboote sehr teuer sei, herumreißen konnte. Wer für mehrere tausend Euro fliegt, der rechnet den Unterhalt eines Segelbootes von den Spesen ab. Nicht meine Welt, weshalb es mir schwer fällt, mich darin zurechtzufinden. Die Kollegin wiederum, der ich diese Geschichte erzählte, berichtete von einer Familie mit unzähmbaren Kindern an Bord. Die Mutter entschuldigte sich mit der Bemerkung, man würde normalerweise nicht in so großen Flugzeugen reisen, worauf die Kollegin viel Verständnis für die arme Familie aufbrachte und den Kindern die Welt des Fliegens zeigen wollte. Was die Mutter aber eigentlich meinte, war, dass sie normalerweise mit einem kleinen Flugzeug ihrer Armada an Privatjets reist, mit denen man allerdings keine allzu langen Strecken fliegen kann.
Die Kollegin schämte sich ein bisschen für ihre Naivität. Und für mich war das wieder eine Bestätigung meiner These, dass wir alle immer von uns selbst ausgehen, es aber viel Übung kostet, sich in eine andere Welt hineinzuversetzen. Das bezieht sich übrigens auf jede andere Person, denn jeder Mensch ist ein eigenes kleines Universum.
Diese persönliche Zuwendung reicht von Smalltalk bis unbürokratischer Hilfestellung im Umgang mit aufgetretenen Ärgernissen. Natürlich helfen wir auch denen, die weniger bezahlen, nur muss dort der zeitliche Aufwand und etwaige Ersatz- oder Entschädigungsangebote vergleichsweise niedriger ausfallen. Und dann gibt es diese Menschen, die so häufig fliegen, dass sie öfter mit Angestellten der entsprechenden Airline als mit eigenen Angehörigen und Freunden sprechen. Viele davon haben nicht einmal die Zeit, Freundschaften zu pflegen. Die sprechen meist sehr gerne mit mir, und es ist immer ein großes Hallo, wenn man sich erneut begegnet. In diese Gespräche flechte ich situationsbedingt schon mal die ein oder andere persönliche Erfahrung ein.
So auch letztens als ich dem Ehepaar, das auf dem Weg in die sizilianischen Ferien war, etwas über's Segeln erzählte und meinte, Segeln sei die teuerste Art unbequem zu reisen. Daraufhin meinte der Herr nur trocken: "Wir besitzen ein Segelboot." Ich glaube nicht, dass ich die Konversation noch geschickt mit der Bemerkung, dass auch der Unterhalt für Segelboote sehr teuer sei, herumreißen konnte. Wer für mehrere tausend Euro fliegt, der rechnet den Unterhalt eines Segelbootes von den Spesen ab. Nicht meine Welt, weshalb es mir schwer fällt, mich darin zurechtzufinden. Die Kollegin wiederum, der ich diese Geschichte erzählte, berichtete von einer Familie mit unzähmbaren Kindern an Bord. Die Mutter entschuldigte sich mit der Bemerkung, man würde normalerweise nicht in so großen Flugzeugen reisen, worauf die Kollegin viel Verständnis für die arme Familie aufbrachte und den Kindern die Welt des Fliegens zeigen wollte. Was die Mutter aber eigentlich meinte, war, dass sie normalerweise mit einem kleinen Flugzeug ihrer Armada an Privatjets reist, mit denen man allerdings keine allzu langen Strecken fliegen kann.
Die Kollegin schämte sich ein bisschen für ihre Naivität. Und für mich war das wieder eine Bestätigung meiner These, dass wir alle immer von uns selbst ausgehen, es aber viel Übung kostet, sich in eine andere Welt hineinzuversetzen. Das bezieht sich übrigens auf jede andere Person, denn jeder Mensch ist ein eigenes kleines Universum.
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Donnerstag, 29. August 2019
Famous People
frau klugscheisser, 16:07h
Mit dem Berühmtheitsgrad ist das so eine Sache. Manche Menschen glauben, nur weil sie in irgendeinem B-Format im Privatfernsehen zu sehen waren, müsse sie alle Welt kennen. Die führen sich manchmal an Bord auf wie die Axt im Walde. Ein schönes Beispiel hierfür war eine ehemalige Talkshowmoderatorin - eine der ersten ihrer Gilde - und eine deutsche Sängerin der populären Musik, die hierzulande vor allem durch eine Dokusoap den breiten Massen bekannt ist. Und dann gibt es die anderen, die Bescheidenen, die nicht voraussetzen, dass man sie kennen müsse und sie deswegen Sonderbehandlung erwarten könnten.
So einer stieg einst auf einer Europastrecke bei mir ein. Ich erkannte ihn nicht sofort, doch etwas in mir meinte, diesen Herrn schon einmal gesehen zu haben. Ein Blick auf meine Passagierliste verriet mir seinen Namen. Leider konnte meine Kollegin aufgrund ihres jungen Alters keinen Zusammenhang zwischen der Person und der von mir geschilderten Berühmtheit herstellen. Wahrscheinlicher ist, dass es sich einfach um eine Nische der Kulturgeschichte handelt, in der sich dieser Mann bewegt, denn wer kennt schon den Gitarrenflamencojazzpopcrossover der Siebziger und Achziger, wenn sie erst viel später für Boybands und Sänger mit Nagetiernamen zu schwärmen begann? Da treffen Welten aufeinander.
Dieser Mann setzte sich also ganz unauffällig auf seinen ihm zugewiesenen Sitzplatz und schlief alsbald ein. Gerne hätte ich noch ein paar Worte mit ihm gewechselt, ihm gesagt, dass ich ihn kenne und seine Musik sehr mag, doch hier bewege ich mich jedes Mal auf dünnem Eis. So sehr es mich reizt, so unerwünscht ist im Grunde der Wechsel von Service- zu Privatperson. Zu meinen Aufgaben gehört auch der Schutz der Privatsphäre einer Person des öffentlichen Lebens. Gelegentlich spüre ich jedoch, dass Berühmtheiten durch Ansprache auch gerne ihr Ego streicheln lassen. Als der Kollege einst Winnetou um ein Autogramm bat, strahlte dieser über das ganze Gesicht. Und auch unser eingangs erwähntes Sternchen ließ sich erst beruhigen, als sie vom Sitznachbarn in ein Gespräch über sich verwickelt wurde.
Leider kam das Gespräch mit dem Gitarrengenie nie zustande. Erinnert habe ich mich an die Begegnung, als ich heute auf ein kleines Video von einem damals sehr erfolgreichen Album stieß. Der andere Gitarrengott steht ihm übrigens in keinster Weise nach. Listen and enjoy:
So einer stieg einst auf einer Europastrecke bei mir ein. Ich erkannte ihn nicht sofort, doch etwas in mir meinte, diesen Herrn schon einmal gesehen zu haben. Ein Blick auf meine Passagierliste verriet mir seinen Namen. Leider konnte meine Kollegin aufgrund ihres jungen Alters keinen Zusammenhang zwischen der Person und der von mir geschilderten Berühmtheit herstellen. Wahrscheinlicher ist, dass es sich einfach um eine Nische der Kulturgeschichte handelt, in der sich dieser Mann bewegt, denn wer kennt schon den Gitarrenflamencojazzpopcrossover der Siebziger und Achziger, wenn sie erst viel später für Boybands und Sänger mit Nagetiernamen zu schwärmen begann? Da treffen Welten aufeinander.
Dieser Mann setzte sich also ganz unauffällig auf seinen ihm zugewiesenen Sitzplatz und schlief alsbald ein. Gerne hätte ich noch ein paar Worte mit ihm gewechselt, ihm gesagt, dass ich ihn kenne und seine Musik sehr mag, doch hier bewege ich mich jedes Mal auf dünnem Eis. So sehr es mich reizt, so unerwünscht ist im Grunde der Wechsel von Service- zu Privatperson. Zu meinen Aufgaben gehört auch der Schutz der Privatsphäre einer Person des öffentlichen Lebens. Gelegentlich spüre ich jedoch, dass Berühmtheiten durch Ansprache auch gerne ihr Ego streicheln lassen. Als der Kollege einst Winnetou um ein Autogramm bat, strahlte dieser über das ganze Gesicht. Und auch unser eingangs erwähntes Sternchen ließ sich erst beruhigen, als sie vom Sitznachbarn in ein Gespräch über sich verwickelt wurde.
Leider kam das Gespräch mit dem Gitarrengenie nie zustande. Erinnert habe ich mich an die Begegnung, als ich heute auf ein kleines Video von einem damals sehr erfolgreichen Album stieß. Der andere Gitarrengott steht ihm übrigens in keinster Weise nach. Listen and enjoy:
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Dienstag, 27. August 2019
Uschi goes to Hollywood
frau klugscheisser, 22:46h

Das ist Uschi. Uschi ist Flugbegleiterin. Manchmal heißt Uschi aber auch Inge, nämlich dann, wenn auf einer Party mal wieder jemand jemanden kennt, der auch da arbeitet und ich diese Person ganz bestimmt kennen müsse. Die Inge, ja wie heißt die denn gleich mit Nachnamen, also die Familie heißt Müller, dann heißt sie wohl Inge Müller, ach so ein Zufall aber auch, wie, es gibt so viele bei euch mit dem Namen, die hat so längere glatte Haare, also so einen Pagenschnitt, blond, die kennst du ganz bestimmt. Leider habe ich schon so viele blonde Inge Müllers mit Pagenschnitt getroffen, dass ich der Beschreibung keine bestimmte Person zuordnen kann. Ich vergleiche das dann anschaulich mit Urlaubsbekanntschaften. Ach, sie sind aus Köln? Dann kennen sie bestimmt den Peter, der ist so mittelgroß, eher unauffällig, ja, dem sind sie ganz bestimmt beim Bäcker schonmal begegnet. Nein? Ach aber irgendwann treffen sie den bestimmt, dann richten sie unbedingt schöne Grüße von mir aus. Na? Klickts?
Darum soll es aber heute nicht gehen. Heute hatte ich ein internes Vorstellungsgespräch für eine neue Aufgabe. Etwa zwei Stunden vor dem Termin, als ich nach der genauen Uhrzeit suchte, fiel mir dieser Satz im längeren Anschreiben auf. Da stand, ich solle eine kurze Präsentation vorbereiten. Da hatte ich sofort Blutdruck, denn fast eine Stunde benötige ich für die Anfahrt und die Kleiderfrage hing auch noch in der Schwebe. Also improvisieren. Kann ich. Es sind viele Karten mit Symbolbildern geworden, von denen eines die Zeichnung oben ist. Soll meine Mutter noch einmal behaupten, ich hätte meine Schulzeit nicht sinnvoll genutzt, wenn ich unter der Bank kleine Cartoons mit Erlebnisberichten für die Freundin auf Spickzettel malte. Heutzutage macht man das via Whatsup. Da ich jedoch eine virtuelle Präsentation nicht mal schnell aus dem Ärmel schüttle, mussten die Stifte her.
Die Präsentation war natürlich viel länger als anberaumt, da jedes kleine Bildchen gewürdigt werden wollte. Da bin ich eigen. Notfalls wird im weiteren Gesprächsverlauf mit Fingerzeig auf das ein oder andere Kärtchen angeknüpft. Improvisation, ich erwähnte es bereits, gehört zu meinen Kernkompetenzen. Die Eingangsfragen geschickt umschiffen, ausholen, weit, weit ausholen, um sich dann in einem völlig anderen Thema wiederzufinden, weil dazu dieses noch unerwähnte Kärtchen passt, und dann nach einem zehnminütigen Monolog feststellen, dass ich die Eingangsfrage vergessen habe, jedoch noch nicht zum Aufgeben bereit sein und nochmals 5 Minuten rumschwurbeln, während ich krampfhaft nach der ursprünglichen Frage im Kurzzeitgedächtnis krame, kann ich auch. Manchmal habe ich Glück. Ausserdem gibt es Menschen, die mir auf meinen Gedankenwegen bereitwillig folgen und sich die Information aus meinem Monolog herausziehen, die sie durch ihre Fragen in Erfahrung bringen wollten. Ich glaube, ich wäre der geborene mittlere Managementtyp. Sehr überzeugend, sehr inkompetent aber immer eine kleine Analogie oder Anekdote auf den Lippen.
Wie kriege ich jetzt die Kurve zum heutigen Gespräch? Naja, ich hätte da noch ein paar Symbolbilder in den Kommentaren. Ziehen Sie einfach ein paar eigene Schlüsse:
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Montag, 26. August 2019
Kill em with Kindness
frau klugscheisser, 21:37h
Man könnte meinen, Kanada sei den Vereinigten Staaten ziemlich ähnlich, was Mensch und Kultur angeht. Wenn ich in Kanada bin, dauert es etwa eine Viertelstunde, bis ich mich wieder an den Unterschied gewöhnt habe. Während nämlich in USA die Menschen nur freundlich sind, wenn sie was verkaufen wollen, sind es die Kanadier von Natur aus. Auf der Straße weicht man sich aus, lächelt sich gelegentlich an und Türen werden ganz selbstverständlich aufgehalten, selbst wenn Nachfolgende noch zehn Schritte entfernt sind. Manchmal sprechen die Leute auch mit Fremden auf der Straße. Das ganze geschieht mit einem Selbstverständnis, dass mir immer ganz warm um's Herz wird. Dann schäme ich mich ein bisschen, weil ich mir ungehobelt vorkomme. Nur die Touristen, die in Scharen auftreten, die lassen erahnen, wie es für gewöhnlich im Rest der Welt zugeht. Das erstaunliche ist, dass man sich sehr schnell an Freundlichkeit gewöhnen kann, vorausgesetzt, man ist offen für Veränderung. Zurück im Münchner Nahverkehr bleibt leider der Kulturschock nicht aus. Und ich seufze still in mich hinein. Oh wie schön ist Kanada.
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Dienstag, 20. August 2019
Feelings
frau klugscheisser, 23:44h

Fragen Sie mal jemanden, was er fühlt, wenn das Gefühlspendel nicht in die ein oder andere Richtung ausschlägt. Die Person wird's nicht auf Anhieb wissen und nach ein wenig Bedenkzeit den Zustand als ruhig oder ausgeglichen beschreiben. Wenn die Gefühlsskala aber auf Maximum steht kann sie's sofort benennen. Im Grunde sind Gefühle also meist gesteigerte Erregungszustände. Angst, Wut, Trauer, Hass aber auch positive Gefühle wie Verliebtheit, Glück, Fröhlichkeit, alles zählt da drunter. Selbst Langeweile und Unzufriedenheit sind nichts anderes als Erregungszustände. Und die wollen wir gerne vermeiden, weil Erregungszustände anstrengend und auf Dauer sogar schädlich sein können. Das Vermeiden haben wir seit unserer Kindheit gelernt. Wir sind Meister in Vermeidungstaktiken wie die Ablenkungsindustrie und vor allem die Häufigkeit von Suchtverhalten zeigen. Wer sich davon ablenkt, hat aber die Gefühle deswegen nicht ausgeschalten, er hat sie nur in eine dunkle Ecke gedrückt. Da warten sie, bis sie uns in einem unaufmerksamen Moment hinterrücks überfallen. Manchmal erscheinen sie nicht als die ursprünglichen, sondern in abgewandelter Form. Wut ist so ein Beispiel. Meistens entsteht Wut aus Unterdrückung und war ursprünglich Verletztheit oder Angst.
Es gibt sehr viele wütende Menschen da draussen. Die projezieren diese Wut fast immer auf andere. Dabei sind sie im Grunde auf sich selbst wütend. Sie fragen sich sicher, wo dieser Beitrag hinführen soll. Wutbürger? Ausländerhass? Nein, dazu bin ich viel zu unpolitisch. Ich beobachte nur - fast immer erst mal mich selbst. Viele meiner Vermeidungsstrategien - rauchen, essen und noch paar andere, selbstzerstörerische - entstanden aus unterdrückter Traurigkeit oder Langeweile. Ich brauche ein Überdruckventil, wenn ich keinen Schaden nehmen will. Oder ich mache das, was eigentlich die ursprünglichste Strategie ist. Ich fühle. Gefühle haben nämlich nur einen Sinn: sie sind zum Fühlen da. Und noch viel erstaunlicher ist die Tatsache, dass sie relativ schnell vergehen, vorausgesetzt ich lade sie gedanklich nicht mit Bedeutung auf.
Klingt ein bisschen kompliziert, doch mit etwas Übung gelingt mir das ganz gut. Dann warte ich die paar Minuten ab anstatt zu essen, Nagelhaut zu kauen oder mich sonstwie abzulenken. Ein bisschen disziplinieren muss ich mich aber schon, weil mein Kopf natürlich immer was draus machen will. Ich kann aber bewußt entscheiden, die Frage nach dem Ursprung meiner Gefühle sein zu lassen. Viele Erregungszustände entstehen nämlich nur aus sehr trivialen Gründen: Schlafmangel, hormonelles Ungleichgewicht oder einfach ein kurzer Anstieg des Adrenalinspiegels. Da muss ich nicht drüber grübeln, das ist einfach so. Ich kann dem also Bedeutung beimessen oder es einfach wahrnehmen. Also meine Gefühle fühlen. Denn zu fühlen heisst gleichzeitig auch, lebendig zu sein.
Na schön, das war jetzt ein bisschen abgehoben. Ich fahre allerdings damit ganz gut. Und heute stieß ich auf das obige Motto. Das ist aus einer Sammlung von Kärtchen für jeden Tag, die spiritual AF heißt und die nicht so spirituell sind, wie der Name prophezeit. Gefunden in einem Scherzartikelladen in Vancouver auf der Suche nach einem Abschiedsgeschenk für eine Kollegin. Fand ich nach kurzer Überlegung dann doch nicht so passend. Also bekam sie eine Tasse mit Vancouver-Motiv, über die sie sich sehr gefreut hat. Und ich freue mich jetzt an den Kärtchen.
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Mittwoch, 14. August 2019
Sitting
frau klugscheisser, 12:19h
Es ist ein wenig befremdlich für mich, weil ich mich selbst ein bisschen besser kenne als die anderen mich, und gelegentlich bin ich erstaunt über meine autoritäre Ausstrahlung. So auch letztens, als ich mal wieder mit einem schlecht erzogenen Passagier zu tun hatte. Es gibt diese Menschen, die glauben, mit einem Flugticket nicht nur eine Sitzgelegenheit auf der Beförderung, sondern gleichzeitig das ganze Interieur mitsamt Personal gekauft zu haben. Die beschmutzen dann ungeniert diverse Flächen, legen die Füße auf alle möglichen Erhöhungen oder übergeben sich - nicht nur in Toiletten, sondern gerne mal inmitten des Ganges - und entfernen sich anschließend ohne ein Wort, in der Hoffnung, nicht dafür verantwortlich gemacht zu werden.
Gestern also wieder solch ein Exemplar in feinem Zwirn. Hatte die Füße oben auf die Rückenlehne des Vordersitzes bequem abgelegt. Nun gibt es Kollegen, die sich lange passende Sätze zurechtlegen, um Missbilligung auszudrücken und zur Verhaltenskorrektur zu bewegen. Man muss wissen, dass wir zur Freundlichkeit angehalten sind, sobald wir in Uniform auftreten. Nicht nur in unserem Arbeitsberech, sondern auch in der restlichen Öffentlichkeit. Bei mir funktioniert das nur begrenzt. Denn wenn ich sowas sehe, reagiere ich unvermittelt. Beim Vorbeigehen also ein kritischer Blick, gehobene Augenbrauen und die Beine mit einem hörbaren "m-mmm" kurz angetippt. Die flanellbekleideten Beine waren sowas von schnell unten, das hätte auch eine unbewusste Schutzreaktion sein können. Geht natürlich nicht immer so schnell und wortlos aber es erstaunt mich immer wieder, wenn es funktioniert. Ich vermute, die Personen wissen ihr schlechtes Benehmen genau einzuschätzen und warten nur, ob Mutti das auch toleriert.
Ganz anders in der anschließenden Heimfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Weil die S-Bahn durch Ausfälle sehr voll war, fand ich keinen Sitzplatz. Dabei hatten viele Fahrgäste ihre Koffer statt auf den Gepäckablagen oben der Einfachheit halber zwischen den Beinen oder vor freie Sitze geschoben. Ich finde das sehr rücksichtslos, zumal ich gerne nach 12 Stunden auf den Beinen die 50 Minuten Fahrtzeit sitzend verbracht hätte. Hier fiel mir wieder die Geschichte einer Kollegin ein, die von einem Vielflieger durch Zeigen seiner Clubkarte aufgefordert wurde, ihren Platz für ihn freizumachen. Ich weiß nicht mehr wie es ausging, jedoch bin ich sicher, er hat sie damit sehr in einen inneren Konflikt gebracht. Und ich wusste nicht, dass eine Vielflieger Clubkarte gleichzeitig auch Behindertenstatus impliziert, obwohl ich manches Mal am geistigen Allgemeinzustand solcher Personen zweifelte.
Werte Leserschaft, wenn Sie eine uniformierte Person im öffentlichen Nahverkehr sehen, dann starren Sie bitte nicht und sprechen sie schon gleich gar nicht an. Meistens wollen wir nämlich nur unsere Ruhe. Wir signalisieren dies auch sehr deutlich durch Kopfhörer o.ä. und Sonnenbrillen. Selbst wenn wir Uniform tragen, möchten wir nicht in ein Gespräch über unseren Berufsalltag verwickelt werden oder gar Auskunft über Bahnverbindungen geben müssen. Wir möchten nach diversen Stunden der öffentlichen Dienstleistung einfach nicht lächeln müssen oder freundliche Worte finden, können dies aber durch unseren Status nicht so deutlich zu verstehen geben. Und wir würden gerne sitzen, weil uns die Beine, die Füße und der Rücken weh tun. Bitte bieten Sie uns Plätze an, die möglicherweise durch Ihre Taschen oder Koffer unbenutzbar sind. Sie müssen ja nicht gleich aufstehen, es wäre aber hilfreich, wenn Sie wenigstens Ihre Beine ein wenig zur Seite nähmen, sollten diese besonders lang sein. Dann geben wir auch bei Ihrem nächsten Flug gerne wieder Auskunft und machen das Unmögliche möglich. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Gestern also wieder solch ein Exemplar in feinem Zwirn. Hatte die Füße oben auf die Rückenlehne des Vordersitzes bequem abgelegt. Nun gibt es Kollegen, die sich lange passende Sätze zurechtlegen, um Missbilligung auszudrücken und zur Verhaltenskorrektur zu bewegen. Man muss wissen, dass wir zur Freundlichkeit angehalten sind, sobald wir in Uniform auftreten. Nicht nur in unserem Arbeitsberech, sondern auch in der restlichen Öffentlichkeit. Bei mir funktioniert das nur begrenzt. Denn wenn ich sowas sehe, reagiere ich unvermittelt. Beim Vorbeigehen also ein kritischer Blick, gehobene Augenbrauen und die Beine mit einem hörbaren "m-mmm" kurz angetippt. Die flanellbekleideten Beine waren sowas von schnell unten, das hätte auch eine unbewusste Schutzreaktion sein können. Geht natürlich nicht immer so schnell und wortlos aber es erstaunt mich immer wieder, wenn es funktioniert. Ich vermute, die Personen wissen ihr schlechtes Benehmen genau einzuschätzen und warten nur, ob Mutti das auch toleriert.
Ganz anders in der anschließenden Heimfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Weil die S-Bahn durch Ausfälle sehr voll war, fand ich keinen Sitzplatz. Dabei hatten viele Fahrgäste ihre Koffer statt auf den Gepäckablagen oben der Einfachheit halber zwischen den Beinen oder vor freie Sitze geschoben. Ich finde das sehr rücksichtslos, zumal ich gerne nach 12 Stunden auf den Beinen die 50 Minuten Fahrtzeit sitzend verbracht hätte. Hier fiel mir wieder die Geschichte einer Kollegin ein, die von einem Vielflieger durch Zeigen seiner Clubkarte aufgefordert wurde, ihren Platz für ihn freizumachen. Ich weiß nicht mehr wie es ausging, jedoch bin ich sicher, er hat sie damit sehr in einen inneren Konflikt gebracht. Und ich wusste nicht, dass eine Vielflieger Clubkarte gleichzeitig auch Behindertenstatus impliziert, obwohl ich manches Mal am geistigen Allgemeinzustand solcher Personen zweifelte.
Werte Leserschaft, wenn Sie eine uniformierte Person im öffentlichen Nahverkehr sehen, dann starren Sie bitte nicht und sprechen sie schon gleich gar nicht an. Meistens wollen wir nämlich nur unsere Ruhe. Wir signalisieren dies auch sehr deutlich durch Kopfhörer o.ä. und Sonnenbrillen. Selbst wenn wir Uniform tragen, möchten wir nicht in ein Gespräch über unseren Berufsalltag verwickelt werden oder gar Auskunft über Bahnverbindungen geben müssen. Wir möchten nach diversen Stunden der öffentlichen Dienstleistung einfach nicht lächeln müssen oder freundliche Worte finden, können dies aber durch unseren Status nicht so deutlich zu verstehen geben. Und wir würden gerne sitzen, weil uns die Beine, die Füße und der Rücken weh tun. Bitte bieten Sie uns Plätze an, die möglicherweise durch Ihre Taschen oder Koffer unbenutzbar sind. Sie müssen ja nicht gleich aufstehen, es wäre aber hilfreich, wenn Sie wenigstens Ihre Beine ein wenig zur Seite nähmen, sollten diese besonders lang sein. Dann geben wir auch bei Ihrem nächsten Flug gerne wieder Auskunft und machen das Unmögliche möglich. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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Donnerstag, 8. August 2019
Trauma my ass!
frau klugscheisser, 16:36h
Kaputte Krieger via Augen geradeaus

Es war etwa um 2005 rum, da hatte ich plötzlich Flugangst. Bei Start oder Landung über Wasser bekam ich schwitzige Handflächen, erstarrte innerlich und konnte mich nicht mehr auf meine eigentliche Aufgabe - der mentalen Vorbereitung auf eine mögliche Evakuierung - konzentrieren. Ganz schön scheiße in meinem Job. Ich erinnere mich, dass ich als Passagier in einem kleinen Flugzeug fast ausgetickt bin, weil man mich nicht am Notausgang sitzen lassen wollte. Und ich weiß noch, wie mein Umfeld mit Unverständnis darauf reagierte und ich folglich alles daran setzte, meinen Zustand so weit wie möglich zu verheimlichen. Damals begriff ich nicht was mit mir los war, zumal ich bis dato ein Mensch war, der vor wenigen Dingen Angst hatte. Im Gegenteil, ich suchte das Risiko, liebte wilde Fahrgeschäfte auf dem Volksfest, war Höhlentaucherin und vermied auch sonst keine potentiell gefährlichen Situationen. Ich wusste nicht, dass mein Zustand einen Namen hatte, sonst hätte ich den googeln können. In diversen Fallbeschreibungen, deren Symptome meinen ähnelten, stand immer gleichzeitig was von "lebensbedrohlichen Ereignissen". Ein PTSD (post-traumatic stress disorder, deutsch: post-traumatisches Belastungssyndrom= PTBS) kannte ich nur in Zusammenhang mit Kriegsveteranen, Geiselnahmen oder sonstigen Gewaltopfern. Ich war sicher, das trifft auf mich nicht zu.
Irgendwann begriff ich, dass ich damit ebenfalls gemeint war. Ich litt unter sogenannten Flashbacks, Alpträumen, gesteigerten Erregungszuständen und Aussetzern. All das konnte ich jedoch geschickt überspielen. Meine Seele hat sich dann einen anderen, deutlicheren Weg gesucht, um sich Gehör zu verschaffen. Ich bekam Angst vor dem Fliegen. ICH! Nee, oder? Ich war doch die Unerschrockene, die Starke, die sich immer selbst hilft. Der Weg von der Einsicht zur Genesung war lang und steinig. Und beschissen. Was war geschehen? Abgesehen von Gewalterfahrungen in meiner Kindheit hatte ich in der Zeit einen Tauchunfall, der mich fast das Leben gekostet hätte. Das war der Auslöser. Es folgten Monate mir unerklärlichen Seelenleids. Ich verlor das Interesse an sozialen Kontakten, grub mich ein und wachte fast jede Nacht schweißgebadet auf, rauchte wie Schlot, fühlte mich aber sonst eher mau. Nicht richtig depressiv, eher so mittelschlecht. Ich brauchte starke Auslöser für Emotionalität und flüchtete in Affären und Sex. Damit konnte ich wenigstens die miese Allgemeinstimmung erklären. Die Erkenntnis, dass es am härtesten die Starken und Rationalen trifft, bringt mich heute dazu, es aufzuschreiben. Die können das Erlebte und die Folgen nämlich sehr lange leugnen, wegerklären oder sich schlichtweg davon ablenken. So auch ich. Bis es eben nicht mehr ging und ich mich krank melden musste.
Also suchte ich mir eine Therapeutin, mit der ich das Geschehene aufarbeitete. Nicht rational, sondern emotional. Mehrere Monate intensives Abtragen der Schutzschichten begleitet von lang anhaltenden Weinkrämpfen waren mein Alltag. Eine Folge von starkem Stresserleben ist der Schutzmechanismus der Seele, die damit verbundenen Emotionen abzuspalten. Erst wenn die Erinnerung abgerufen und dabei die zugehörigen Gefühle nochmals im geschützten Raum erlebt werden, kann der Mensch wieder ganz werden. Die unterdrückten Gefühle sind mächtig und auch nach vielen Jahren manchmal noch überwältigend. Sowas löst sich nicht mit einmal drüber weinen auf. Da muss man immer wieder dran, bis die emotionalen Wellen seichter werden. Manche behaupten, es wäre nie ganz heilbar. Meine Erfahrung ist, dass ich seichtere Wellen besser bewältigen kann als die Brecher, die mich schutzlos umhauen. Letztlich geht es genau darum, es in erlebbare Häppchen zu portionieren, damit ich bei einem Anflug nicht sofort in vegetative Starre verfalle oder mir mit Süchten drüber weg helfen muss. Nervosität in bestimmten Situationen, gelegentliche Alpträume oder leicht dysfunktionales Verhalten, inzwischen kann ich damit umgehen.
Vor ein paar Jahren absolvierte ich eine Ausbildung zur Krisenhelferin, die mich dazu befähigt, andere nach einem potentiell traumatisierenden Erlebnis zu unterstützen. Ich habe gelernt, dass sich traumatisierend nicht generalisieren lässt und Erleben sehr individuell abläuft. Was einer als Lappalie abtut, kann einen anderen umhauen. Dabei möchte ich nochmals betonen, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, sich ein Gefühl von Überwältigung einzugestehen. Es besteht kein kausaler Zusammenhang zwischen PTSD und emotionaler Schwäche. Die vermeindlich Starken leiden nur länger. Zudem gibt es Studien, die besagen, dass soziale Unterstützung bei der Verarbeitung von Erlebtem förderlich sein kann. Vietnam Veteranen, die in ein intaktes soziales Umfeld zurückkehrten, litten weniger unter PTSD, Abhängigkeiten oder anderen Folgen und waren schneller rehabilitiert.
Ein starkes Interesse an diesem Thema kann bereits Indikator für etwas sein, was da im Innersten schmort. Suchen Sie sich jemanden zum Reden. Es muss nicht gleich die Fachkraft sein, sollte aber professionell behandelt werden, wenn die Symptome den Alltag bereits stark einschränken. Was ebenfalls für einen Therapeuten spricht, ist die Tatsache, dass man dem auch zum hundertsten Mal dieselbe Geschichte erzählen kann, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Der kriegt dafür schließlich Geld. Ein Garant für Heilung ist Bezahlung nicht, wohl aber die Bereitschaft, sich mit seiner eigenen Vergangenheit, insbesondere den dunklen Ecken auseinanderzusetzen und dort hinzusehen, wo's richtig weh tut. Irgendwann tut's dann nicht mehr so weh. Das verspreche ich.
Anm.: Wenn Sie etwas tun möchten, dann verlinken Sie diesen Erfahrungsbericht für mehr Reichweite. Nicht weil ich eitel bin, sondern weil es viele gibt, denen damit möglicherweise geholfen werden kann.
Noch mehr Anm.: ich bin keine Expertin. Das ist nur ein Erfahrungsbericht. Es gibt aber Anlaufstellen, die helfen können:
PTSD Hilfe in München
Krisendienst München
Überregionaler Krisendienst

Es war etwa um 2005 rum, da hatte ich plötzlich Flugangst. Bei Start oder Landung über Wasser bekam ich schwitzige Handflächen, erstarrte innerlich und konnte mich nicht mehr auf meine eigentliche Aufgabe - der mentalen Vorbereitung auf eine mögliche Evakuierung - konzentrieren. Ganz schön scheiße in meinem Job. Ich erinnere mich, dass ich als Passagier in einem kleinen Flugzeug fast ausgetickt bin, weil man mich nicht am Notausgang sitzen lassen wollte. Und ich weiß noch, wie mein Umfeld mit Unverständnis darauf reagierte und ich folglich alles daran setzte, meinen Zustand so weit wie möglich zu verheimlichen. Damals begriff ich nicht was mit mir los war, zumal ich bis dato ein Mensch war, der vor wenigen Dingen Angst hatte. Im Gegenteil, ich suchte das Risiko, liebte wilde Fahrgeschäfte auf dem Volksfest, war Höhlentaucherin und vermied auch sonst keine potentiell gefährlichen Situationen. Ich wusste nicht, dass mein Zustand einen Namen hatte, sonst hätte ich den googeln können. In diversen Fallbeschreibungen, deren Symptome meinen ähnelten, stand immer gleichzeitig was von "lebensbedrohlichen Ereignissen". Ein PTSD (post-traumatic stress disorder, deutsch: post-traumatisches Belastungssyndrom= PTBS) kannte ich nur in Zusammenhang mit Kriegsveteranen, Geiselnahmen oder sonstigen Gewaltopfern. Ich war sicher, das trifft auf mich nicht zu.
Irgendwann begriff ich, dass ich damit ebenfalls gemeint war. Ich litt unter sogenannten Flashbacks, Alpträumen, gesteigerten Erregungszuständen und Aussetzern. All das konnte ich jedoch geschickt überspielen. Meine Seele hat sich dann einen anderen, deutlicheren Weg gesucht, um sich Gehör zu verschaffen. Ich bekam Angst vor dem Fliegen. ICH! Nee, oder? Ich war doch die Unerschrockene, die Starke, die sich immer selbst hilft. Der Weg von der Einsicht zur Genesung war lang und steinig. Und beschissen. Was war geschehen? Abgesehen von Gewalterfahrungen in meiner Kindheit hatte ich in der Zeit einen Tauchunfall, der mich fast das Leben gekostet hätte. Das war der Auslöser. Es folgten Monate mir unerklärlichen Seelenleids. Ich verlor das Interesse an sozialen Kontakten, grub mich ein und wachte fast jede Nacht schweißgebadet auf, rauchte wie Schlot, fühlte mich aber sonst eher mau. Nicht richtig depressiv, eher so mittelschlecht. Ich brauchte starke Auslöser für Emotionalität und flüchtete in Affären und Sex. Damit konnte ich wenigstens die miese Allgemeinstimmung erklären. Die Erkenntnis, dass es am härtesten die Starken und Rationalen trifft, bringt mich heute dazu, es aufzuschreiben. Die können das Erlebte und die Folgen nämlich sehr lange leugnen, wegerklären oder sich schlichtweg davon ablenken. So auch ich. Bis es eben nicht mehr ging und ich mich krank melden musste.
Also suchte ich mir eine Therapeutin, mit der ich das Geschehene aufarbeitete. Nicht rational, sondern emotional. Mehrere Monate intensives Abtragen der Schutzschichten begleitet von lang anhaltenden Weinkrämpfen waren mein Alltag. Eine Folge von starkem Stresserleben ist der Schutzmechanismus der Seele, die damit verbundenen Emotionen abzuspalten. Erst wenn die Erinnerung abgerufen und dabei die zugehörigen Gefühle nochmals im geschützten Raum erlebt werden, kann der Mensch wieder ganz werden. Die unterdrückten Gefühle sind mächtig und auch nach vielen Jahren manchmal noch überwältigend. Sowas löst sich nicht mit einmal drüber weinen auf. Da muss man immer wieder dran, bis die emotionalen Wellen seichter werden. Manche behaupten, es wäre nie ganz heilbar. Meine Erfahrung ist, dass ich seichtere Wellen besser bewältigen kann als die Brecher, die mich schutzlos umhauen. Letztlich geht es genau darum, es in erlebbare Häppchen zu portionieren, damit ich bei einem Anflug nicht sofort in vegetative Starre verfalle oder mir mit Süchten drüber weg helfen muss. Nervosität in bestimmten Situationen, gelegentliche Alpträume oder leicht dysfunktionales Verhalten, inzwischen kann ich damit umgehen.
Vor ein paar Jahren absolvierte ich eine Ausbildung zur Krisenhelferin, die mich dazu befähigt, andere nach einem potentiell traumatisierenden Erlebnis zu unterstützen. Ich habe gelernt, dass sich traumatisierend nicht generalisieren lässt und Erleben sehr individuell abläuft. Was einer als Lappalie abtut, kann einen anderen umhauen. Dabei möchte ich nochmals betonen, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, sich ein Gefühl von Überwältigung einzugestehen. Es besteht kein kausaler Zusammenhang zwischen PTSD und emotionaler Schwäche. Die vermeindlich Starken leiden nur länger. Zudem gibt es Studien, die besagen, dass soziale Unterstützung bei der Verarbeitung von Erlebtem förderlich sein kann. Vietnam Veteranen, die in ein intaktes soziales Umfeld zurückkehrten, litten weniger unter PTSD, Abhängigkeiten oder anderen Folgen und waren schneller rehabilitiert.
Ein starkes Interesse an diesem Thema kann bereits Indikator für etwas sein, was da im Innersten schmort. Suchen Sie sich jemanden zum Reden. Es muss nicht gleich die Fachkraft sein, sollte aber professionell behandelt werden, wenn die Symptome den Alltag bereits stark einschränken. Was ebenfalls für einen Therapeuten spricht, ist die Tatsache, dass man dem auch zum hundertsten Mal dieselbe Geschichte erzählen kann, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Der kriegt dafür schließlich Geld. Ein Garant für Heilung ist Bezahlung nicht, wohl aber die Bereitschaft, sich mit seiner eigenen Vergangenheit, insbesondere den dunklen Ecken auseinanderzusetzen und dort hinzusehen, wo's richtig weh tut. Irgendwann tut's dann nicht mehr so weh. Das verspreche ich.
Anm.: Wenn Sie etwas tun möchten, dann verlinken Sie diesen Erfahrungsbericht für mehr Reichweite. Nicht weil ich eitel bin, sondern weil es viele gibt, denen damit möglicherweise geholfen werden kann.
Noch mehr Anm.: ich bin keine Expertin. Das ist nur ein Erfahrungsbericht. Es gibt aber Anlaufstellen, die helfen können:
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