Mittwoch, 14. August 2019
Sitting
Es ist ein wenig befremdlich für mich, weil ich mich selbst ein bisschen besser kenne als die anderen mich, und gelegentlich bin ich erstaunt über meine autoritäre Ausstrahlung. So auch letztens, als ich mal wieder mit einem schlecht erzogenen Passagier zu tun hatte. Es gibt diese Menschen, die glauben, mit einem Flugticket nicht nur eine Sitzgelegenheit auf der Beförderung, sondern gleichzeitig das ganze Interieur mitsamt Personal gekauft zu haben. Die beschmutzen dann ungeniert diverse Flächen, legen die Füße auf alle möglichen Erhöhungen oder übergeben sich - nicht nur in Toiletten, sondern gerne mal inmitten des Ganges - und entfernen sich anschließend ohne ein Wort, in der Hoffnung, nicht dafür verantwortlich gemacht zu werden.

Gestern also wieder solch ein Exemplar in feinem Zwirn. Hatte die Füße oben auf die Rückenlehne des Vordersitzes bequem abgelegt. Nun gibt es Kollegen, die sich lange passende Sätze zurechtlegen, um Missbilligung auszudrücken und zur Verhaltenskorrektur zu bewegen. Man muss wissen, dass wir zur Freundlichkeit angehalten sind, sobald wir in Uniform auftreten. Nicht nur in unserem Arbeitsberech, sondern auch in der restlichen Öffentlichkeit. Bei mir funktioniert das nur begrenzt. Denn wenn ich sowas sehe, reagiere ich unvermittelt. Beim Vorbeigehen also ein kritischer Blick, gehobene Augenbrauen und die Beine mit einem hörbaren "m-mmm" kurz angetippt. Die flanellbekleideten Beine waren sowas von schnell unten, das hätte auch eine unbewusste Schutzreaktion sein können. Geht natürlich nicht immer so schnell und wortlos aber es erstaunt mich immer wieder, wenn es funktioniert. Ich vermute, die Personen wissen ihr schlechtes Benehmen genau einzuschätzen und warten nur, ob Mutti das auch toleriert.

Ganz anders in der anschließenden Heimfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Weil die S-Bahn durch Ausfälle sehr voll war, fand ich keinen Sitzplatz. Dabei hatten viele Fahrgäste ihre Koffer statt auf den Gepäckablagen oben der Einfachheit halber zwischen den Beinen oder vor freie Sitze geschoben. Ich finde das sehr rücksichtslos, zumal ich gerne nach 12 Stunden auf den Beinen die 50 Minuten Fahrtzeit sitzend verbracht hätte. Hier fiel mir wieder die Geschichte einer Kollegin ein, die von einem Vielflieger durch Zeigen seiner Clubkarte aufgefordert wurde, ihren Platz für ihn freizumachen. Ich weiß nicht mehr wie es ausging, jedoch bin ich sicher, er hat sie damit sehr in einen inneren Konflikt gebracht. Und ich wusste nicht, dass eine Vielflieger Clubkarte gleichzeitig auch Behindertenstatus impliziert, obwohl ich manches Mal am geistigen Allgemeinzustand solcher Personen zweifelte.

Werte Leserschaft, wenn Sie eine uniformierte Person im öffentlichen Nahverkehr sehen, dann starren Sie bitte nicht und sprechen sie schon gleich gar nicht an. Meistens wollen wir nämlich nur unsere Ruhe. Wir signalisieren dies auch sehr deutlich durch Kopfhörer o.ä. und Sonnenbrillen. Selbst wenn wir Uniform tragen, möchten wir nicht in ein Gespräch über unseren Berufsalltag verwickelt werden oder gar Auskunft über Bahnverbindungen geben müssen. Wir möchten nach diversen Stunden der öffentlichen Dienstleistung einfach nicht lächeln müssen oder freundliche Worte finden, können dies aber durch unseren Status nicht so deutlich zu verstehen geben. Und wir würden gerne sitzen, weil uns die Beine, die Füße und der Rücken weh tun. Bitte bieten Sie uns Plätze an, die möglicherweise durch Ihre Taschen oder Koffer unbenutzbar sind. Sie müssen ja nicht gleich aufstehen, es wäre aber hilfreich, wenn Sie wenigstens Ihre Beine ein wenig zur Seite nähmen, sollten diese besonders lang sein. Dann geben wir auch bei Ihrem nächsten Flug gerne wieder Auskunft und machen das Unmögliche möglich. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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über die Varianten von rücksichtlosem Breitmachen in S- und U-Bahnen (usw. usf.) könnte man Enzyklopädien verfassen, traurige. Da ist ganz viel Nachholbedarf in den Elternhäusern und Schulen. So viel blutleerer Scheißdreck wird eingebläut, aber empathische Umgangsformen sind eine nahezu unbekannte Größe. Öffentliche Verkehrsmittel mit versteckter Kamera wären ein grandioser Assessment-Center. Man identifiziert innerhalb von Sekunden kalte Super-Egoisten und Arschlöcher. Ich wünsche mir gutes Benehmen und Herzensbildung als zentrale Schulfächer.

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Herzensbildung
was für ein schönes Wort. Unbedingt in Schulen als Hauptfach konstituieren. Ich bemerke, dass viel Verhalten schlichtweg von Gedankenlosigkeit geprägt ist, nicht von Boshaftigkeit. Zumindest geht es mir mit dieser Annahme besser. Sonst müsste ich die Menschen hassen. Und Assessmentcenter mit öffentlichen Kameraaufnahmen abgleichen ist ebenfalls eine gute Idee. Hat nur einen kleinen Haken. Ich erinnere mich an die Überlegung, ob die Erwartung einer Entlohnung dann immer noch eine sog. gute Tat als solche gelten lässt. Das ist jetzt natürlich ein bisschen philosophisch, psychologisch. M.E. ist Handeln nur dann auf den Charakter zurückzuführen und authentisch, wenn es auch so geschähe, wenn niemand zusähe. Das gilt auch für Nasebohren.

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Dieses Bewerberauswahlverfahren wäre nur in Monaco durchführbar, wo die Bevölkerung anständig mit Kameras überwacht wird! Realistischer wäre, jemanden zu einem Nullachtfünfzehn Assessment-Center einzuladen, zu einer früheren Uhrzeit als der tatsächliche "Test", in einem Wartebereich zu platzieren, wo dann beengte U-Bahn und S-Bahnverhältnisse simuliert werden, die Kameras natürlich hochgradig versteckt. So könnte das funktionieren! Gedankenlosigkeit ist natürlich auch unterwegs, aber diese nicht boshaften Passagiere reagieren nicht stur, wenn man signalisiert, dass man mit einem halben Sitzplatz nicht zurechtkommt und rücken dann bis es passt. Ich beobachte reichlich "Breitbeinigsitzer", wie ich diese Kategorie Mann nenne, die sich einen Geburtsanspruch auf eine breite Sitzposition zugesteht, die Körperkontakt mit den Passagieren links und rechts von ihrem Platz erzwingt, wenn diese sich nicht klein wie eine Maus machen. Und das sind noch nicht mal Männer, die gerne Körperkontakt suchen, da hätte ich ja noch Verständnis! Es sind einfach nur arrogante Arschlöcher. Wahrscheinlich mit zu kleinem Pimmel.

Aber auch Frauen sind unter den Arschlöchern. Diejenigen, die ihre Marken-Handtasche oder Shopping Bag(s) gerne auf einem Platz neben sich haben, damit die feine Tasche keinen Straßenstaub vom Fußboden abkriegt. Auf den Schoß nehmen wäre zu unkomfortabel. Bittet man um den Platz, der von der Tasche besetzt wird, erntet man hochgezogene Augenbrauen, genervte Divenblicke. Gibt's auch von Studentinnen, nicht nur von schicken Businessladies. Meistens wird dann umständlich der Platz freigemacht, der Gesichtsausdruck ist von da an böse und schmallippig. Oder auch gerne praktiziert: Lady oder Studentin schlägt quer ausladend die Beine übereinander, wobei ein Bein den Platz vor dem Sitz daneben mit beansprucht, oder in den Stehbereich ragt. Der Radius wird auch dann beibehalten, wenn es nur noch Stehplätze gibt. Die Sitzposition ist vorzugsweise nach vorne gerückt, mit dem Hintern auf der vorderen Kante vom Sitz. Halt ganz wie im Wohnzimmer. Wellness first! Könnte ich kotzen!

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Wie gesagt, mir geht's besser, wenn ich keine Bösartigkeit, sondern Gedankenlosigkeit unterstelle. Und das ist schließlich das Wichtigste. Sonst müsste ich mich ja permanent aufregen.

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