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Dienstag, 4. August 2020
On the Road Again
frau klugscheisser, 13:12h
Auch wenn die Straße eher eine Startbahn und die große Freiheit noch eine Weile eingeschränkt ist, freue ich mich, wenigstens ab und zu wieder unterwegs zu sein. Das Leben am Boden ist nämlich anstrengend. Wenn ich nicht aufpasse, versinke ich im Sumpf von Untätigkeit, Langeweile und einer darauffolgenden Sinnkrise. Seit Monaten bewältige ich einen Tag nach dem anderen. Keine langfristigen Pläne, keine neuen Abenteuer, keine tiefgreifenden Änderungen. Ein Schritt vor den anderen. So funktioniert mein Alltag eher schleppend, doch die Zeit geht so auch vorbei. Ich habe mir angewöhnt, jeden Tag etwas zu tun, das mir Freude bereitet - Frühsport mit dem Fitnessfreund im Park (upgrading), musizieren mit der Klavierfreundin (performance), aushäusige Gartenarbeiten (outsourcing) und telefonische Kontaktaufrechterhaltung (maintenance). Das alles braucht zwar Kraft, setzt hinterher aber auch Energie frei, für die ich am Abend dankbar bin. Diese ungewöhnliche Zeit hat mir gezeigt, wie wichtig eigene Widerstandsfähigkeit und innere Entwicklung sind, und an diesen Punkten arbeite ich für mich.
Am Wochenende stand nun erneut ein Indienflug auf dem Plan, ein sogenannter Rückkehrerflug. Wie die Kollegin richtig bemerkte, gibt es nicht so viele indische Restaurants bei uns wie Menschen, die wir wöchentlich von dort nach hier transportieren. Tatsächlich bleiben die auch nicht in Deutschland. Der Anzahl zufolge, dürften also nicht nur indische Restaurants, sondern auch Reinigungsbetriebe und Kundendienstzentralen im Britischen Königreich und Amerika bald wieder reibungslos laufen. Die Angestellten des Flughafens lernen anhand von Schildern den korrekten Gebrauch von Masken, was möglicherweise ein Hinweis darauf ist, wieso viele ihre Masken nur noch aus kosmetischen Gründen tragen. Auch ich habe inzwischen Pickel am Kinn und um den Mund, muss sie aber nicht mehr überschminken, da ich ja für die gesamte Dauer des Fluges eine Maske trage. Das spart viel Zeit und Geld.

Ein neuer Fetisch scheint das Messen von Körpertemperatur zu sein. Nicht nur bei der Einreise, sondern auch beim Betreten des Hotels oder anderer Einrichtungen, überall wird einem ein pistolenähnliches Gerät vor die Stirn gehalten. Leider lag meine Körpertemperatur immer über 35°. Das nimmt man in Indien aber nicht so genau, denn die Umgebungstemperatur muss da sicher noch hinzugerechnet werden, wie man auch ein bisschen was addiert, wenn unter Zunge oder Arm gemessen wird. Übrigens hatte auch ein Passagier nach dem Aufwachen starke Bedenken seine Körpertemperatur betreffend, nach dem Toilettengang ging's aber wieder. Vermutlich konnte er das Fieber dort um 5 Grad runterpressen. Meine eigene Temperatur stieg beim Abendessen ebenfalls so stark an, dass selbst die Augen schwitzten. Das hauseigene Biryani war gar nicht mal so lecker, dafür aber beim ersten Bissen höllisch scharf. Hätte ich am nächsten Tag rektal Fieber gemessen, ich bin sicher, das wären ebenfalls fünf Grad mehr gewesen.

Der Brotteig wird am Deckel auf die Schüssel gebacken
Das schönste an der Reise war demnach nicht das Essen, auf das ich mich gefreut hatte, sondern die Klimaanlage. Während daheim alle bei über 30 Grad schwitzten, konnte ich eine Nacht wunderbar kühl schlafen. Zurück erwarteten mich immerhin noch 29 Grad in der Wohnung, die jedoch im Laufe des Tages ein paar Skalenpunkte nachließ. Noch nie war ich übrigens so glücklich über Regen wie in diesem Sommer.
Am Wochenende stand nun erneut ein Indienflug auf dem Plan, ein sogenannter Rückkehrerflug. Wie die Kollegin richtig bemerkte, gibt es nicht so viele indische Restaurants bei uns wie Menschen, die wir wöchentlich von dort nach hier transportieren. Tatsächlich bleiben die auch nicht in Deutschland. Der Anzahl zufolge, dürften also nicht nur indische Restaurants, sondern auch Reinigungsbetriebe und Kundendienstzentralen im Britischen Königreich und Amerika bald wieder reibungslos laufen. Die Angestellten des Flughafens lernen anhand von Schildern den korrekten Gebrauch von Masken, was möglicherweise ein Hinweis darauf ist, wieso viele ihre Masken nur noch aus kosmetischen Gründen tragen. Auch ich habe inzwischen Pickel am Kinn und um den Mund, muss sie aber nicht mehr überschminken, da ich ja für die gesamte Dauer des Fluges eine Maske trage. Das spart viel Zeit und Geld.

Ein neuer Fetisch scheint das Messen von Körpertemperatur zu sein. Nicht nur bei der Einreise, sondern auch beim Betreten des Hotels oder anderer Einrichtungen, überall wird einem ein pistolenähnliches Gerät vor die Stirn gehalten. Leider lag meine Körpertemperatur immer über 35°. Das nimmt man in Indien aber nicht so genau, denn die Umgebungstemperatur muss da sicher noch hinzugerechnet werden, wie man auch ein bisschen was addiert, wenn unter Zunge oder Arm gemessen wird. Übrigens hatte auch ein Passagier nach dem Aufwachen starke Bedenken seine Körpertemperatur betreffend, nach dem Toilettengang ging's aber wieder. Vermutlich konnte er das Fieber dort um 5 Grad runterpressen. Meine eigene Temperatur stieg beim Abendessen ebenfalls so stark an, dass selbst die Augen schwitzten. Das hauseigene Biryani war gar nicht mal so lecker, dafür aber beim ersten Bissen höllisch scharf. Hätte ich am nächsten Tag rektal Fieber gemessen, ich bin sicher, das wären ebenfalls fünf Grad mehr gewesen.

Der Brotteig wird am Deckel auf die Schüssel gebacken
Das schönste an der Reise war demnach nicht das Essen, auf das ich mich gefreut hatte, sondern die Klimaanlage. Während daheim alle bei über 30 Grad schwitzten, konnte ich eine Nacht wunderbar kühl schlafen. Zurück erwarteten mich immerhin noch 29 Grad in der Wohnung, die jedoch im Laufe des Tages ein paar Skalenpunkte nachließ. Noch nie war ich übrigens so glücklich über Regen wie in diesem Sommer.
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Montag, 13. Juli 2020
Berlin-Bombay
frau klugscheisser, 09:53h

Berlin Bombay
Das da oben ist der Duty Free Shop am Flughafen Delhi. Die Luxusartikel in blauer Folie verpackt, die normalerweise auf dem Weg durch das Terminal zum Kauf verleiten sollen. Passiert werden sie jetzt im Gänsemarsch hintereinander statt im Pulk. Auch die Passagiere selbst sind dort in Schutzanzüge und hinter Visiere verpackt. Alles erinnert an eine düster-schlecht inszenierte Zukunftsvision eines aufstrebenden Theaterregisseurs. Zwar fehlt das Bühnenblut doch die Menschen sind nur noch Statisten, die sich von einer Markierung zur nächsten bewegen.
Die Gründe warum sie in dieser Zeit fliegen, sind vorwiegend familiäre. Viele kleine Kinder und viele Alte sitzen in der bis auf den letzten Platz ausgebuchten Maschine. Sie sollen sich für sieben Stunden nicht von dort wegbewegen, bekommen eine verschlossene Box mit abgepackten Lebensmitteln - vorwiegend Süßigkeiten - und eine kleine Flasche Wasser. Auch wir tragen seit dem Weg zum Flughafen Masken, die bei 35° Schweißperlen um den Mund und nach ein paar Stunden Druckstellen hinter den Ohren hervorrufen. Abstand gibt es nicht, nicht in so einem kleinen Raum wie einem Flugzeug. Ich teile für viele Stunden mit 315 Menschen eine vergleichsweise winzige Fläche.
Die Angestellten im Fünfsternehotel stehen unter Quarantäne. Sie leben und arbeiten seit Wochen dort. Alle Einrichtungen wie Restaurant, Pool und Fitnesscenter sind geschlossen. Wir dürfen aber aus den Zimmern in den Garten. Das ist nicht selbstverständlich, denn andernorts - so hört man - werden den Crews nach Ankunft im Zimmer ihre Schlüssel entzogen. Natürlich ist vieles nicht überraschend, denn die Informationen über Bedingungen in den einzelnen Ländern werden veröffentlicht. Doch manches liest sich anders als es sich tatsächlich anfühlt.
Kaum ein Gast erwidert meinen Gruß beim Einsteigen. Die Köpfe gesenkt begeben sie sich zu den ausgewiesenen Plätzen. Wo ich sonst Nähe durch ein Lächeln oder eine Geste herstelle, prallt meine Menschlichkeit jetzt an Schutzmaßnahmen ab. Auf die ein oder andere verrutschte Maske muss hingewiesen werden, doch das bleibt fast der einzige verbale Austausch. So hat mich dieser Flug traurig und desillusioniert zurückgelassen, obwohl ich ihn vorab herbeisehnte. Nichts ist mehr wie es war, denn wir befinden uns innerlich wie äusserlich im Ausnahmezustand.
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Sonntag, 12. Juli 2020
Dawning
frau klugscheisser, 17:48h

Meine innere und äussere Recherche ergab: ich bin vollkommen normal. Das mag überraschend klingen, da meine Lebensweise, Biographie und die ein oder andere Art zu reagieren nicht dem entsprechen, was hinlänglich als Norm bezeichnet wird. Was ich damit meine, ist die Tatsache, dass mein Zustand der Traurigkeit, der Ratlosigkeit und der Suche eine Folge von allgemeiner Ratlosigkeit, von Isolation und gesellschaftlichen Einschränkungen ist. Weit klügere Menschen als ich haben die Konsequenz stetiger Individualisierung und Virtualisierung und die damit einhergehende innere Verwüstung bereits durchdacht. Mir fehlte die Verknüpfung zum Gefühl. Man nennt es übrigens Erfahrung, dieses Zuordnen von Wissen zu Gefühlen. Wer Erlerntes nur theoretisch abspeichert, sammelt Wissen, wer das Wissen mit Emotionen verknüpft, sammelt Erfahrung. Schließlich ermöglicht Erleben auch Empathie.
Was mir also konkret fehlt, ist das Gefühl von sozialer Zugehörigkeit. Ich fühle mich, als flöge ich durch luftleeren Raum. Gelegentlich überfällt mich Panik. Diese Attacken werden durch Verlustangst ausgelöst. Noch vor zwei Wochen schrieb ich das:
Alles wiederholt sich. Jeder Tag eine einzige Wiederholung dessen, was gestern, vorgestern oder vor Jahren war. Ich spüre, wie ich mir unmerklich entgleite. Da ist kein Kampfgeist mehr, keine Energie, mich gegen das zu stellen, was ich nicht ändern kann. Festhalten möchte ich mich, doch mein Griff geht in's Leere. Die Rituale werden zur leeren Hülle.
Insgesamt erlebe ich das, was Viele erst im letzten Lebensabschnitt kennenlernen, wenn die Erwerbstätigkeit und familiäre Aufgaben wegfallen, wenn große Lebensziele nicht mehr zu erwarten und sie völlig auf sich selbst zurückgeworfen sind, wenn Ablenkungs- oder Verdrängungsmechanismen nicht mehr greifen. Diese Mechanismen griffen übrigens noch nie besonders gut bei mir, weil ich sie für gewöhnlich zu schnell enttarne. Wiederholung ist an sich nichts Schlechtes, ihre Schönheit liegt darin, dass wir jedes Mal besser werden können. Wenn aber nach Abzug von allem Sinnstiftenden nichts mehr bleibt als sich wiederholende Tätigkeiten wie aufstehen, waschen, essen, schlafen, nützen auch die schönen Sprüche nicht. Dann macht über kurz oder lang auch das Aufstehen, waschen, essen und schlafen keinen Sinn mehr. Im Grunde wiederholt sich Lebendes nicht. Der Kreislauf vom Wachsen und Vergehen ist nur mikroskopisch wahrnehmbar. Vieles, wie das Älterwerden beispielsweise, wird erst in der Retrospektive erkennbar. Anderes reißt uns mit einem Knall aus der gewohnten Eintönigkeit. Es geht also darum, die mit Veränderung einhergehende Unsicherheit - im Umkehrschluss den Verlust einer Sicherheitsillusion - auszuhalten und anzunehmen.
Soweit ist alles wie immer. Seit Virus unseren Alltag auf den Kopf stellt, funktioniert aber nichts mehr wie früher. Während die Einen noch an altbewährten Strategien festhalten, zerfällt bei Anderen die letzte Säule ihres Daseins: das Netz reziproker Beziehungen.
Ich habe lange darüber nachgedacht, was mir besonders fehlt. Aufgrund meiner beruflichen Funktion bin ich in engem Austausch mit Passagieren und Kollegen. Das sind oft nur belanglose Gespräche, die so jedoch nie in einem Supermarkt stattfinden würden, ohne dass mich seltsame Blicke träfen. Das ist eine Form von Fürsorge für Fremde, die auf der Straße als übergriffig deklariert würde. Das ist das füreinander Einstehen im Kollegenteam, wie es sonst nur in einer Notlage erlebbar wäre. Die Frage, wieso uns das Virus nicht solidarisiert, ist schnell beantwortet: erstens ist die Bedrohung nicht sichtbar und zweitens unterbindet sie menschliche Nähe. Während sich Menschen bei anderen Bedrohungen instinktiv zusammenrotten, ist genau das jetzt die Gefahr. Kurz, das Virus stellt den Überlebensinstinkt einmal auf den Kopf. Wir können bei räumlicher Nähe nicht überleben, ohne menschliche Nähe werden wir aber seelisch sterben.
Eigentlich ist es nämlich die seelische Nähe, die unser Überleben instinktiv sichert. Sich öffnen und verletzbar machen geht oft nur noch in engen Zweierbeziehungen oder in familiärer Konstellation. Eine tiefe zwischenmenschliche Beziehung setzt eine tiefe, ehrliche Beziehung zu sich selbst voraus. Wer seine dunklen Seiten fürchtet, wird sie vor sich verstecken und sie im Gegenüber auch nicht sehen wollen. An Stelle von berührenden Begegnungen wuchs über die Jahre gefilterte Selbstdarstellung. So füttern wir uns gegenseitig mit Zucker statt Brot und wundern uns, dass wir trotzdem hungrig bleiben. Ich bewundere Leute, die über ihre Schwächen reden und über ihre tägliche Anstrengung, Leute, die sich für ihre Ehrlichkeit nicht schämen. Räumliche Nähe kann über vieles hinwegtäuschen - ihr jetziges Fehlen offenbart die eigentliche Sehnsucht nach tiefer Verbindung umso stärker.
Dass uns die Zwangspause zum Umdenken oder gar zu persönlicher Entwicklung anregen würde, die uns einander näher bringt, wird wohl Wunschdenken bleiben. So verstecken wir uns noch mehr hinter verschlossenen Türen, obwohl wir nach menschlichen Begegnungen dürsten. Die Parties, das Aufbegehren gegen Vorsichtsmaßnahmen sind ein verzweifeltes Festhalten an Bekanntem. Noch wird sich gegen die Botschaft gesträubt, dass eine Veränderung in der inneren Einstellung des Einzelnen beginnt und nach draussen rebelliert. Es ist auch viel einfacher, Fehlverhalten beim Nächsten anzuprangern als bei sich selbst. Noch funktioniert der Mechanismus der kognitiven Dissonanz hervorragend. Möglicherweise sind die düsteren Filme eines einzelnen Überlebenden in einer verwüsteten Umgebung nicht Utopie, sondern einzig mögliche Konsequenz. Denn so lange noch irgendetwas funktioniert, machen wir weiter mit der inneren wie äusseren Zerstörung.
Was mich rettet, sind die wenigen Gelegenheiten, bei denen ich mich von anderen emotional berühren lasse oder sie berühre, sind die Begegnungen ohne Seelenmaske, bei denen sich zwei Menschen vorurteilslos zuhören, ohne Scham in die gemeinsamen Abgründe schauen oder sich an der Existenz des Gegenüber erfreuen. Ich hoffe sehr, es wird immer mehr Menschen geben, die ähnlich empfinden. Denn nur so wird alles erträglicher.
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Sonntag, 14. Juni 2020
It is Familiar to Me
frau klugscheisser, 00:57h
Als nichts mehr ging, als ich tagelang nur noch mit letzter Kraft zwischen Bett und Toilette hin und her schlich, nahm ich all meinen Mut zusammen, buchte eine Bahnfahrkarte, packte einige Kleidungsstücke zusammen und fuhr zu meiner Mutter. Ich weiß nicht, woher ich die Energie nahm, denn das ist kein kleiner Schritt. Das ist ein erheblicher Kraftaufwand, physisch wie psychisch. Ich ahnte, dass es nicht leicht sein würde, denn das Verhältnis zu meiner Mutter ist alles andere als unbelastet. Ich wusste, ich müsste im richtigen Moment schweigen können und aussitzen, mich innerlich an einen unbehelligten Ort zurücklehnen. Und dennoch hatte ich das Bedürfnis, dieses Risiko einzugehen.

Nach der Narkose im Dezember, da war ich froh, dass sie an meinem Bett saß. Ich wachte auf, sprach ein paar Worte und nickte dann wieder ein. Sie wollte gehen, doch ich wünschte mir, dass sie meine Hand hält und bleibt, dass sie einfach nur da ist, während ich zwischen Traum und Wirklichkeit wechselte. Ich wollte etwas, das mir in meinem schutzlosen Zustand vertraut war und das mir die Illusion von Geborgenheit gäbe. Ich wollte meine Mutter. Kinder sehnen sich unbegreiflicherweise immer wieder nach den Eltern, die sie in manchen Fällen schlecht behandelten. Es ist ihre Normalität, die durch Kontinuität Überleben sichert. Dass es auch anders hätte sein können, begreifen sie erst viel später. Die Sehnsucht und eine diffuse Hoffnung auf Geborgenheit bleibt ein Leben lang. Das Unterbewusstsein ist wie ein Gänsekind, das sich kurz nach dem Schlüpfen auf gelbe Gummistiefel eingeschossen hat.
Meine Mutter wird älter. Langsam verliert sie ihre Spontaneität. Alles muss geplant werden, die Ankunft, die Abholung, die Mahlzeiten, die Abfahrt. Sie kommt nur schwer damit klar, dass ich kein Fleisch mehr esse. Eine altersgemäße Gelassenheit kann ich bei ihr nicht beobachten. Im Gegenteil, sie wirkt nervös und gehetzt. Alles muss perfekt sein, sie muss perfekt sein. Das ist anstrengend. Am Telefon fragte ich: "Gehst Du mit mir spazieren?" Sie sagte ja. Mehr konnte ich nicht erwarten. Ich durfte nicht mehr erwarten, denn Erwartungen erzeugen Enttäuschung, von der ich in letzter Zeit zu viel hatte. Ich wollte keinen Ratschlag und keine Erfahrungsberichte über ihre eigene Enttäuschung hören. Also sprach ich nicht über mich, sondern ertrug jeden Tag reaktionslos ihre Ausführungen über die Fehlbarkeit anderer und ihrer eigenen. Ich ließ mich bekochen, saß gemeinsam mit ihr im Garten und folgte den Gummistiefeln.
Es fing schon vor ein paar Wochen an. Plätzlich war da dieser Sumpf aus Angst und Traurigkeit. Angst vor Veränderung und Traurigkeit über Vergangenes. Früher konnte ich es kaum erwarten, dass sich etwas änderte, denn Veränderung ging immer mit der Hoffnung auf Besserung einher. Heute betrachte ich jede Änderung mit Argwohn. Kleinigkeiten ließen in mir gewaltige Wut aufsteigen. Die Nachbarin, die ihre Türe zu laut schließt, die Rücksichtslosigkeit Fremder. Ich reagierte empfindlich auf jegliche Einflüsse von aussen. Gleichzeitig suchte ich im Aussen Ablenkung von der Traurigkeit. Die Angst vor Veränderung entpuppte sich schließlich als Angst vor Vergänglichkeit, die sich mit der Traurigkeit zu einem großen Klumpen verband.
Ich hatte eine Flasche Wodka im Kühlschrank. Die trank ich über die vergangenen Tage. Eine Flasche mag objektiv betrachtet im Hinblick auf Suchtverhalten nichts bedeuten - für mich, die fast keinen Alkohol mehr trinkt, ist es viel. Ich neige zur Sucht. Alkohol, Zigaretten, Essen, Serien, alle Arten von Ablenkung, meine innere Türe steht dafür weit offen. Ich bin nicht gut im Aushalten. Als ich ihn fragte, ob sein Zustand jetzt ohne Drogen besser sei, sagte der Freund, es sei schlimmer, denn das Gedankenkarussell drehe sich zwar gleich schnell aber ohne Alkohol oder andere Ablenkung nehme er es intensiver wahr. Er sagte auch, dass es halt keinen Weg dran vorbei gäbe. Die Gedanken drehten sich schneller und schneller, man glaube, es würde einem schlecht aber aussteigen könne man eben auch nicht und wenn man glaube, es sei nicht mehr auszuhalten und man würde zerreissen, stoppe die Maschinerie und es breite sich große Ruhe aus. Das alles sagte der Freund, der seit einem heftigen Zusammenbruch keinen Tropfen Alkohol und keine Zigarette mehr anrührt. Manchmal liegt er aber tagelang auf der Couch und schaut Dokus.
Das immer schneller drehende Gedankenkarussell und auch die Ruhe von der er sprach,kenne kannte ich. Lange Zeit war ich gut darin, meine Gedanken und Gefühle nicht so wichtig zu nehmen, weil ich wusste, dass das nur die Oberfläche ist. Darunter ist es still. Was ich nicht wusste, war die Tatsache, dass sich diese Fähigkeit verliert, wie sich Muskeln zurückbilden, wenn sie nicht trainiert werden. Statt der Stille spürte ich plötzlich eine unerträgliche Einsamkeit, die auszuhalten noch schlimmer war als zu trinken oder zu schlafen. Obwohl ich Menschen hätte kontaktieren können, wäre es nicht leichter geworden. Es hätte sich falsch angefühlt, mich stellvertretend mit gutmeinenden Bekannten zu treffen. Diese spezielle Leere kann nur mit Vertrautheit befüllt werden und mit einer tiefen, ehrlichen Verbindung von Mensch zu Mensch. Ich brauchte das gewisse Etwas, das nur durch die gelben Gummistiefel gemildert wird.

Jetzt sitze ich ratlos hier und weiß nicht so recht, wo es hingehen soll. Man muss doch irgendwann lernen können, die Gummistiefel in sich selbst zu finden. Das habe ich zumindest mal wo gelesen. Meine eigenen gelben Gummistiefel sein, denen ich folgen kann und die nie fortgehen. Ich glaube, das ist so ein Lebensziel. Alles Erlebte läuft darauf hinaus. Ich glaube auch, dass ich immer woanders Ausschau halten werde, solange ich sie nicht selber trage. Draussen regnet es aber ich gehe erst wieder raus, wenn ich meine eigenen gelben Gummistiefel gefunden habe. Ich fürchte, dafür muss ich erst mal im Keller suchen gehen.

Nach der Narkose im Dezember, da war ich froh, dass sie an meinem Bett saß. Ich wachte auf, sprach ein paar Worte und nickte dann wieder ein. Sie wollte gehen, doch ich wünschte mir, dass sie meine Hand hält und bleibt, dass sie einfach nur da ist, während ich zwischen Traum und Wirklichkeit wechselte. Ich wollte etwas, das mir in meinem schutzlosen Zustand vertraut war und das mir die Illusion von Geborgenheit gäbe. Ich wollte meine Mutter. Kinder sehnen sich unbegreiflicherweise immer wieder nach den Eltern, die sie in manchen Fällen schlecht behandelten. Es ist ihre Normalität, die durch Kontinuität Überleben sichert. Dass es auch anders hätte sein können, begreifen sie erst viel später. Die Sehnsucht und eine diffuse Hoffnung auf Geborgenheit bleibt ein Leben lang. Das Unterbewusstsein ist wie ein Gänsekind, das sich kurz nach dem Schlüpfen auf gelbe Gummistiefel eingeschossen hat.
Meine Mutter wird älter. Langsam verliert sie ihre Spontaneität. Alles muss geplant werden, die Ankunft, die Abholung, die Mahlzeiten, die Abfahrt. Sie kommt nur schwer damit klar, dass ich kein Fleisch mehr esse. Eine altersgemäße Gelassenheit kann ich bei ihr nicht beobachten. Im Gegenteil, sie wirkt nervös und gehetzt. Alles muss perfekt sein, sie muss perfekt sein. Das ist anstrengend. Am Telefon fragte ich: "Gehst Du mit mir spazieren?" Sie sagte ja. Mehr konnte ich nicht erwarten. Ich durfte nicht mehr erwarten, denn Erwartungen erzeugen Enttäuschung, von der ich in letzter Zeit zu viel hatte. Ich wollte keinen Ratschlag und keine Erfahrungsberichte über ihre eigene Enttäuschung hören. Also sprach ich nicht über mich, sondern ertrug jeden Tag reaktionslos ihre Ausführungen über die Fehlbarkeit anderer und ihrer eigenen. Ich ließ mich bekochen, saß gemeinsam mit ihr im Garten und folgte den Gummistiefeln.
Es fing schon vor ein paar Wochen an. Plätzlich war da dieser Sumpf aus Angst und Traurigkeit. Angst vor Veränderung und Traurigkeit über Vergangenes. Früher konnte ich es kaum erwarten, dass sich etwas änderte, denn Veränderung ging immer mit der Hoffnung auf Besserung einher. Heute betrachte ich jede Änderung mit Argwohn. Kleinigkeiten ließen in mir gewaltige Wut aufsteigen. Die Nachbarin, die ihre Türe zu laut schließt, die Rücksichtslosigkeit Fremder. Ich reagierte empfindlich auf jegliche Einflüsse von aussen. Gleichzeitig suchte ich im Aussen Ablenkung von der Traurigkeit. Die Angst vor Veränderung entpuppte sich schließlich als Angst vor Vergänglichkeit, die sich mit der Traurigkeit zu einem großen Klumpen verband.
Ich hatte eine Flasche Wodka im Kühlschrank. Die trank ich über die vergangenen Tage. Eine Flasche mag objektiv betrachtet im Hinblick auf Suchtverhalten nichts bedeuten - für mich, die fast keinen Alkohol mehr trinkt, ist es viel. Ich neige zur Sucht. Alkohol, Zigaretten, Essen, Serien, alle Arten von Ablenkung, meine innere Türe steht dafür weit offen. Ich bin nicht gut im Aushalten. Als ich ihn fragte, ob sein Zustand jetzt ohne Drogen besser sei, sagte der Freund, es sei schlimmer, denn das Gedankenkarussell drehe sich zwar gleich schnell aber ohne Alkohol oder andere Ablenkung nehme er es intensiver wahr. Er sagte auch, dass es halt keinen Weg dran vorbei gäbe. Die Gedanken drehten sich schneller und schneller, man glaube, es würde einem schlecht aber aussteigen könne man eben auch nicht und wenn man glaube, es sei nicht mehr auszuhalten und man würde zerreissen, stoppe die Maschinerie und es breite sich große Ruhe aus. Das alles sagte der Freund, der seit einem heftigen Zusammenbruch keinen Tropfen Alkohol und keine Zigarette mehr anrührt. Manchmal liegt er aber tagelang auf der Couch und schaut Dokus.
Das immer schneller drehende Gedankenkarussell und auch die Ruhe von der er sprach,

Jetzt sitze ich ratlos hier und weiß nicht so recht, wo es hingehen soll. Man muss doch irgendwann lernen können, die Gummistiefel in sich selbst zu finden. Das habe ich zumindest mal wo gelesen. Meine eigenen gelben Gummistiefel sein, denen ich folgen kann und die nie fortgehen. Ich glaube, das ist so ein Lebensziel. Alles Erlebte läuft darauf hinaus. Ich glaube auch, dass ich immer woanders Ausschau halten werde, solange ich sie nicht selber trage. Draussen regnet es aber ich gehe erst wieder raus, wenn ich meine eigenen gelben Gummistiefel gefunden habe. Ich fürchte, dafür muss ich erst mal im Keller suchen gehen.
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Samstag, 30. Mai 2020
Tageblog 29.5.20 - Die dunkleren Tage
frau klugscheisser, 12:39h

Hübsche U-Bahnstationen haben wir hier. Das fiel mir gestern in der U3 auf dem Weg nach Moosach auf. Die vom Olympia-einkaufszentrum und vom Moosacher St. Martinsplatz sind auch sehr apart. An der Endstation holte ich ein paar Schüsseln bei einer Freundin ab, die letzte Woche mit Salat gefüllt dort geblieben sind. Wir haben nicht im Garten gegrillt und ich aß auch nichts vom Salat aus der Schüssel aber das ist eine längere Geschichte, die nur ein bisschen mit Nahrung als Platzhalter für Fürsorge zu tun hat.
Durch seine Auszeit bedingt vermisse ich Christian. Ich glaube, er ist derzeit in seinem Umfeld gut aufgehoben, im Gegensatz zu anderen Beispielen aus der Vergangenheit (*). So habe ich ein wenig darüber nachgedacht, wie das ist, wenn man plötzlich auf die dunkle Seite kippt, in der es keine erkennbaren Lichtstrahlen mehr gibt. Das muss nicht zwingend im Suizid enden, tut es aber leider doch in manchen Fällen. Für einen schwer zu revidierenden Energieverlust reicht schon, für längere Zeit dort zu verweilen. Was ich bei mir selbst sehr deutlich beobachtete, ist ein point of no return. Ist der überschritten, kann ich kaum noch initial um Hilfe bitten, geschweige denn Hilfe annehmen. Weil mich kenne, sende ich vorher Signale, die so unspezifisch klingen wie beispielsweise: "Ja, es geht mir nicht gut und ich würde gerne kommunizieren aber macht Euch bitte keine Sorgen, weil SO schlecht geht's mir auch wieder nicht und falls Ihr keine Zeit habt, ist das Ü-BER-HAUPT kein Problem, weil ich ja drüber steh' und das im Griff habe aber falls Ihr doch Zeit hättet, so zwischen Eurem gut organisierten Alltag und vorbildhaften Leben, dann wär's echt toll, Ihr würdet Euch mal bei mir melden, wobei ich vielleicht eher nicht reden möchte." Mal ehrlich, die Message versteht doch keiner. Leider geht das manchmal aber nicht deutlicher, denn ich will mir das so schlecht geht's mir nicht ja auch glauben und vor allem, dass ich den Rückweg ganz alleine schaffen kann. Der Weg selbst ist unvermeidbar, macht aber ganz schön Angst, weil man sich so verloren fühlt.
Es soll hier nicht um Ursachen gehen, sondern um die Angst vor der Isolation im Verhältnis zu den Reaktionen von Beobachtenden. Mit ungebetenen Ratschlägen ihre eigene Angst maskierend, sprechen sie mir nicht nur meine ureigene Selbstwirksamkeit, sondern auch das Anrecht auf den Zustand per se ab. Die Hoffnungslosigkeit vermeiden, wegreden oder auflösen hat noch nie funktioniert, sehr wohl aber zuhören, da sein und zeigen, dass was sich wie ein von der Welt fallengelassen anfühlt, nicht zutrifft. Ein paar Zeilen, eine Nachfrage, ein kleines Zeichen, all das bleibt in tiefer Nacht meist unbeantwortet, jedoch nicht ohne Wirkung. Womit wir beim Knackpunkt wären. Es geht halt nicht um Rationales, sondern um Emotionen.
Leider gibt es nicht viele Menschen, die unangenehme Gefühle auszuhalten in der Lage sind. Meistens sind es die, die selbst durch ein paar Täler gehen mussten und wissen, dass es keine Abkürzungen gibt und keine Erklärungen, man aber sehr wohl dahinter wieder Horizont sieht. Die Phase selbst ist es nicht alleine, die das Sein so schwer macht, sondern vor allem der innere Widerstand gegen die Sinnlosigkeit. Gleichzeitig sehnt sich die Seele am Abgrund nach Ruhe, nach Verbindung und Halt. Ich habe ein bisschen gebraucht, um das zu verstehen. Wenn sich ein Freund von mir dort befindet, gehe ich zu ihm und wir sitzen. Er erzählt, wenn er will und wenn nicht, dann schweigen wir eben. Man kann übrigens auch am Telefon schweigen. Rückmeldung gibt es fast nie, ich weiß also nicht, ob ich was richtig mache. Das ist auch erst mal zweitrangig, weil es nicht um mich geht. Er tut übrigens, falls nötig, das Gleiche für mich. Weil er von sich weiß, dass es funktioniert, weshalb ich es auf diese Weise auch weiß.
Wochenenden und Feiertage fallen mir übrigens gerade besonders schwer. Ich ziehe also die Decke über den Kopf und lasse das Telefon zur Sicherheit mal in der Nähe. Wenn sich der Himmel zuzieht, ist die Unendlichkeit in einem selbst. Manchmal wird ein Sturmtief auch weniger schlimm als angekündigt. Zur Not fahre ich zum Freund gemeinsam im Garten sitzen. Wir grillen aber nicht und essen auch keinen Salat. Nur die Schüsseln, die sollte ich langsam wieder abholen.

(*) das Ereignis, das Viele aus meiner Blogwelt - auch mich - erschütterte und das sich jährt.
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Dienstag, 26. Mai 2020
Tageblog 26.5.20 - Morgens
frau klugscheisser, 10:48h
Weil ich festgestellt habe, dass ich nicht mehr gut zu Fuß bin, drehe ich seit ein paar Wochen morgens eine StundeRunde. Dabei fällt mir in letzter Zeit immer wieder das satte Grün auf, das mich so froh macht.

Auf der Hälfte des Weges belohnt der Blick über die Stadt. Man siehtdeutlich mit Brillenunterstützung die Frauentürme rechts, sowie das Riesenrad im Osten der Stadt. Wenn es klar ist, kommen am Horizont die Berge zum Vorschein. Heute aber ist kein Migränefönwind.

Ich variiere meinen Weg immer ein wenig und entdecke so manche Kuriosität. Heute war es ein dicker Bruder, der mich aus dem Schaufenster grüßte.

Seit einem halben Jahr fuhr ich ausschließlich Rad, weil das Laufen so schwer fiel. Fast kommt es mir vor, als seien die Beine dadurch eingerostet. Davor bin ich immer sehr gerne gelaufen, oft stundenlang, Gedanken nachhängend, kontemplativ, die gleichmäßige Bewegung nur an Straßenrändern angehalten. Auf dem Rad braucht es sehr viel mehr Aufmerksamkeit für die Umgebung, für andere Verkehrsteilnehmer oder Passanten. Das riss mich immer aus der Kontinuität, weshalb ich vorwiegend sehr früh morgens durch die Stadt fuhr. Als noch vor wenigen Wochen alles zum Erliegen kam, war auch um sieben Uhr auf den Straßen die Welt noch in Ordnung. Jetzt hat sich schon vieles wieder geändert - maßgeblich der Rückstau vom mittleren Ring.

Bild vom April, noch ohne Stau
Wenn ich heimkomme, nutze ich die Energie für ein wenig Gymnastik aus dem Internet mit so lustigen Namen wie killer abs oder upper body power workout. Yoga und ich konnten leider keine Freundinnen werden aber der Cirque du soleil - vor allem die Luftakrobatin Elisabeth - hat es mir angetan. Natürlich glaube ich, dass ich mit ein paar wenigen Übungsstunden, schätzungsweise also in einer Woche, so muskulös aussehen werde wie sie, die ihre Tage an einem Seil hängend verbringt und nebenbei noch Trainings im Kollegium abhält. Ich muss nur jeden Tag 10 Minuten investieren. Bis jetzt lässt der sichtbare Erfolg noch auf sich warten, zumindest kann ich mich aber so fühlen als ob. Und das ist bekanntlich die Hauptsache. Na, kleiner Killer-Workout-Wettbewerb gefällig? Irgendwann kriege ich dann vielleicht auch wieder die richtigen Liegestützen und Klimmzüge hin, für die ich derzeit bestimmt nur zu schwer bin.

Auf der Hälfte des Weges belohnt der Blick über die Stadt. Man sieht

Ich variiere meinen Weg immer ein wenig und entdecke so manche Kuriosität. Heute war es ein dicker Bruder, der mich aus dem Schaufenster grüßte.

Seit einem halben Jahr fuhr ich ausschließlich Rad, weil das Laufen so schwer fiel. Fast kommt es mir vor, als seien die Beine dadurch eingerostet. Davor bin ich immer sehr gerne gelaufen, oft stundenlang, Gedanken nachhängend, kontemplativ, die gleichmäßige Bewegung nur an Straßenrändern angehalten. Auf dem Rad braucht es sehr viel mehr Aufmerksamkeit für die Umgebung, für andere Verkehrsteilnehmer oder Passanten. Das riss mich immer aus der Kontinuität, weshalb ich vorwiegend sehr früh morgens durch die Stadt fuhr. Als noch vor wenigen Wochen alles zum Erliegen kam, war auch um sieben Uhr auf den Straßen die Welt noch in Ordnung. Jetzt hat sich schon vieles wieder geändert - maßgeblich der Rückstau vom mittleren Ring.

Bild vom April, noch ohne Stau
Wenn ich heimkomme, nutze ich die Energie für ein wenig Gymnastik aus dem Internet mit so lustigen Namen wie killer abs oder upper body power workout. Yoga und ich konnten leider keine Freundinnen werden aber der Cirque du soleil - vor allem die Luftakrobatin Elisabeth - hat es mir angetan. Natürlich glaube ich, dass ich mit ein paar wenigen Übungsstunden, schätzungsweise also in einer Woche, so muskulös aussehen werde wie sie, die ihre Tage an einem Seil hängend verbringt und nebenbei noch Trainings im Kollegium abhält. Ich muss nur jeden Tag 10 Minuten investieren. Bis jetzt lässt der sichtbare Erfolg noch auf sich warten, zumindest kann ich mich aber so fühlen als ob. Und das ist bekanntlich die Hauptsache. Na, kleiner Killer-Workout-Wettbewerb gefällig? Irgendwann kriege ich dann vielleicht auch wieder die richtigen Liegestützen und Klimmzüge hin, für die ich derzeit bestimmt nur zu schwer bin.
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Montag, 25. Mai 2020
Memories
frau klugscheisser, 22:14h
Durch den Film gestern, musste ich ein bisschen darüber nachdenken, woher die positive Assoziation der Callas mit meiner Mutter kommt. Offensichtlich ist die Verbindung der Zeitdokumente mit alten Familienaufnahmen.
Auf dem Bild ist meine Mutter etwa 13 oder 14 Jahre alt. Daneben steht ihre Patin im adretten Kostüm der 50er. Diese Mode fand ich immer schon faszinierend - so elegant und auf Linie geschnitten aber selbstredend unbequem und deswegen nur zu Repräsentationszwecken geeignet.
Einige Jahre später begann meine Mutter beim Ministerium für Kultur und Sport in München zu arbeiten. Dadurch hatte sie Zugang zu günstigen Opern- und Theatereintrittskarten. Obwohl sie nie ein Instrument erlernte - abgesehen von einer kleinen Episode, in der ich ihr das Blockflötenspiel beizubringen entschlossen war, wir aber nach einer Weile das Unternehmen zu Gunsten des Familienfriedens wieder begruben - und auch sonst durch eher mittelständisch handwerklichen Hintergrund wenig künstlerisch-literarisch beeinflusst war, liebte sie die Oper. Man muss sich das bildhaft vorstellen. Damals war der Besuch einer Opernaufführung ein aussergewöhnliches Ereignis, das mit Glanz und vor allem Wohlhabenheit verbunden war. Die Bayrische Staatsoper mit den Kronleuchtern im Eingangsbereich, die Königsloge, die Abendroben und Fracke, das alles war so prunkvoll und nobel wie heute die Oscars. Die durchschnittliche Bevölkerung staunt nur aus der Ferne.
Meine Mutter besaß ein kleines Opernglas, das am Rand mit Perlmut besetzt war. Wann immer ich durfte, nahm ich es aus dem schwarzen Etui und hielt es mir vor die Augen. Gesehen habe ich damit nicht unbedingt besser, mit der nötigen Eleganz gehalten wirkte es aber sehr professionell. Und dann war da noch dieser Karton mit den Libretti. Heutzutage werden in der Oper bei Originalaufführungen - und das ist inzwischen Usus - englische oder deutsche Untertitel an den oberen Rand der Bühne projiziert, doch früher musste man die Texte kennen, um in den vollen Genuss der Handlung zu kommen. Folglich kaufte man sich vor einem Opernbesuch das Libretto, um es zu studieren und sich so für den musikalischen Genuss vorzubereiten. Besonders angetan hatte es mir Carmen. Nein, ich las sie nicht, ich lebte sie. Die beginnende Pubertät tat das Ihrige. im Badezimmer beschwor ich fortan durch mittelmäßigen Gesang, der sich aber in den Räumlichkeiten sehr imposant anhörte, den rebellischen Vogel der Liebe. Alles an diesen Büchlein, dem Opernglas und den Erzählungen schien so glanzvoll und dennoch aus einer sehr fernen Zeit.
Ich weiß nicht, ob es die Carmen war aber in einer der großen Rollen hat meine Mutter die Callas erlebt. Es war ein großes Glück, denn zu dieser Zeit war sie bereits berühmt-berüchtigt, weil sie so viele Vorstellungen absagte. Manchmal sang sie den ersten Akt, dann sprang eine Zweitbesetzung ein. Irgendwann gab sie bekanntermaßen nur noch konzertante Aufführungen. Sie zu erleben muss ein prägnantes Erlebnis gewesen sein. Den Ausdruck nicht nur auf der gesanlich musikalischen Ebene, sondern auch auf die menschlich schauspielerische zu heben, Bühnenpräsenz auszustrahlen, was sie vollbrachte war innovativ. Auch mein späterer Professor berichtete von einer zufälligen Begegnung in einem Tonstudio mit ihr, doch in meinem Kopf verbindet sich die Callas immer mit meiner Mutter, mit Prunk und Anmut und mit ein bisschen Modergeruch aus der alten Librettikiste.
Auf dem Bild ist meine Mutter etwa 13 oder 14 Jahre alt. Daneben steht ihre Patin im adretten Kostüm der 50er. Diese Mode fand ich immer schon faszinierend - so elegant und auf Linie geschnitten aber selbstredend unbequem und deswegen nur zu Repräsentationszwecken geeignet.
Einige Jahre später begann meine Mutter beim Ministerium für Kultur und Sport in München zu arbeiten. Dadurch hatte sie Zugang zu günstigen Opern- und Theatereintrittskarten. Obwohl sie nie ein Instrument erlernte - abgesehen von einer kleinen Episode, in der ich ihr das Blockflötenspiel beizubringen entschlossen war, wir aber nach einer Weile das Unternehmen zu Gunsten des Familienfriedens wieder begruben - und auch sonst durch eher mittelständisch handwerklichen Hintergrund wenig künstlerisch-literarisch beeinflusst war, liebte sie die Oper. Man muss sich das bildhaft vorstellen. Damals war der Besuch einer Opernaufführung ein aussergewöhnliches Ereignis, das mit Glanz und vor allem Wohlhabenheit verbunden war. Die Bayrische Staatsoper mit den Kronleuchtern im Eingangsbereich, die Königsloge, die Abendroben und Fracke, das alles war so prunkvoll und nobel wie heute die Oscars. Die durchschnittliche Bevölkerung staunt nur aus der Ferne.
Meine Mutter besaß ein kleines Opernglas, das am Rand mit Perlmut besetzt war. Wann immer ich durfte, nahm ich es aus dem schwarzen Etui und hielt es mir vor die Augen. Gesehen habe ich damit nicht unbedingt besser, mit der nötigen Eleganz gehalten wirkte es aber sehr professionell. Und dann war da noch dieser Karton mit den Libretti. Heutzutage werden in der Oper bei Originalaufführungen - und das ist inzwischen Usus - englische oder deutsche Untertitel an den oberen Rand der Bühne projiziert, doch früher musste man die Texte kennen, um in den vollen Genuss der Handlung zu kommen. Folglich kaufte man sich vor einem Opernbesuch das Libretto, um es zu studieren und sich so für den musikalischen Genuss vorzubereiten. Besonders angetan hatte es mir Carmen. Nein, ich las sie nicht, ich lebte sie. Die beginnende Pubertät tat das Ihrige. im Badezimmer beschwor ich fortan durch mittelmäßigen Gesang, der sich aber in den Räumlichkeiten sehr imposant anhörte, den rebellischen Vogel der Liebe. Alles an diesen Büchlein, dem Opernglas und den Erzählungen schien so glanzvoll und dennoch aus einer sehr fernen Zeit.
Ich weiß nicht, ob es die Carmen war aber in einer der großen Rollen hat meine Mutter die Callas erlebt. Es war ein großes Glück, denn zu dieser Zeit war sie bereits berühmt-berüchtigt, weil sie so viele Vorstellungen absagte. Manchmal sang sie den ersten Akt, dann sprang eine Zweitbesetzung ein. Irgendwann gab sie bekanntermaßen nur noch konzertante Aufführungen. Sie zu erleben muss ein prägnantes Erlebnis gewesen sein. Den Ausdruck nicht nur auf der gesanlich musikalischen Ebene, sondern auch auf die menschlich schauspielerische zu heben, Bühnenpräsenz auszustrahlen, was sie vollbrachte war innovativ. Auch mein späterer Professor berichtete von einer zufälligen Begegnung in einem Tonstudio mit ihr, doch in meinem Kopf verbindet sich die Callas immer mit meiner Mutter, mit Prunk und Anmut und mit ein bisschen Modergeruch aus der alten Librettikiste.
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Sonntag, 24. Mai 2020
Diva
frau klugscheisser, 22:58h
In der Mediathek vom BR/3SAT ist derzeit der Dokumentarfilm Maria by Callas in voller Länge zu sehen. Viele Privataufnahmen, viel Musik, ein Interview mit der Sängerin zieht sich als roter Faden durch fast zwei Stunden Material über die Darstellung der menschlichen Seite einer Ausnahmeerscheinung. Alles Gesprochene ist entweder aus Liveaufnahmen oder gelesenen Briefen entnommen; der Film verzichtet komplett auf Kommentare. 2017/18 war er kurze Zeit in den Programmkinos zu sehen, dann verschwand er.
Große Empfehlung für die nahe Zukunft, da ich nicht weiß, wie lange er noch hinter dem Link zu sehen ist.
Große Empfehlung für die nahe Zukunft, da ich nicht weiß, wie lange er noch hinter dem Link zu sehen ist.
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Dienstag, 19. Mai 2020
Tageblog 19.5.20 - von früher nach heute
frau klugscheisser, 15:19h
Die Sonne hat den Sommer mitgebracht. Noch sind die Temperaturen erträglich. Das Grün der Bäume macht mich glücklich, genauso wie die Blumen, die jetzt überall - auch in meinem Zimmer - blühen.

In diesem Licht wirkt alles nur noch halb so schlimm. Überhaupt habe ich mich langsam durch die Unerträglichkeit mittels Akzeptanz an's Ufer der Gelassenheit gerettet. Mir kommen immer wieder die fünf Trauerphasen in den Sinn. Trauer über etwas Verlorenes - egal ob Mensch oder Situation - die den Weg vom Leugnen, dem Zorn, der Verhandlung, durch die Depression und schließlich zur Akzeptanz findet. Meistens ist der Weg nicht geradlinig, oft führt er rückwärts oder seitlich, eine Abkürzung gibt es allerdings nicht.
Damals, als alles noch offen schien und ich jung, als ich aufstrebende Instrumentalkünstlerin mit großer Existenzangst im Nacken war, da gab es nur wenig altersgemäße Unbeschwertheit, obwohl die Situation nicht unbedingt schwierig war. Zu viele wenn und aber Gedanken, zu viel Nachdenken über Vergangenheit und Zukunft trübten meine Tage ein. Über allem lag ein verdunkelnder Schleier, den ich nicht zu fassen bekam, um ihn zu zerreissen. Ich wusste zu wenig über das Leben, während ich bereits zu vieles darüber ungewollt erfahren hatte. Diese Schwere durchzog nicht nur mein ganzes Dasein, sondern auch mein Wirken. Das Risiko loszulassen war zu groß als es einfach auszuprobieren. So klammerte ich mich an Menschen, Ereignisse und leere Hoffnung; und auch die Töne, die ich erzeugte waren so eng wie der Griff um meinen Hals, durch den sie sich hindurchquälten. Jeder Luftzug ein Kampf gegen das Gewicht auf meinem Brustkorb. Das Risiko aufzugeben, schien erst im Vergleich zum Verlorenen marginal. Wie wenig wusste ich, dass erst das Aufgeben und Loslassen zu der gewünschten Befreiung führte.
Rückwirkend lässt sich Vieles konstruieren aber eben nur linear, weil der Kopf es nicht anders gewohnt ist. Deshalb wehre ich mich gegen das fatalistische 'es hat so kommen müssen' Gewäsch. Wer weiß schon mit Sicherheit, wie die Dinge durch eine andere Abzweigung gekommen wäre. Ganze Drehbücher basieren auf derlei Gedankenspielerei. Das ist es nicht, was ich meine, wenn ich heute erkenne, um wie viel leichter ich atme, weil ich meinen Weg gegangen bin. Meine Töne klingen heute offener, voller und weniger gequält. Der Drang nach Dichte, das Streben nach Perfektion ist dem Zulassen von
Leichtheit und Fehlerhaftigkeit gewichen. Die Notwendigkeit des Messens an anderen statt an mir selbst und die Gnadenlosigkeit meines Urteils wurden durch Güte ersetzt. Heute kann ich nicht nur meine Fehlbarkeit, sondern auch die der anderen akzeptieren. Dazwischen liegt ein langer Weg, ein Trauerprozess, der in einem Stück eingefangen ist, das ich lange nicht hörte oder spielte. Es ist der Klagegesang aus der Welt der Mythen über den Tod von Linos. Jener maß sich in der Schönheit seines Gesangs mit Apollo und wurde von ihm getötet. Das moderne Stück mit dem Titel Chant de Linos war das Paradestück meiner künstlerischen Abschlussprüfung - sozusagen meine Promotion. Ich liebte es, weil Jolivet - der Komponist - damit alle Arten von Trauer darstellt und ich mich darin wiederfand.
Heute entdeckte ich es in der Einspielung eines damaligen Kommilitonen auf YT. Das Stück ist für ungeübte Ohren nicht besonders eingänglich, der Kommilitone aber inzwischen in Musikerkreisen weltberühmt. Und ich hätte zwar die ein oder andere Passage anders gespielt, kann seine Leistung aber neidlos würdigen. Das war nicht immer so.

In diesem Licht wirkt alles nur noch halb so schlimm. Überhaupt habe ich mich langsam durch die Unerträglichkeit mittels Akzeptanz an's Ufer der Gelassenheit gerettet. Mir kommen immer wieder die fünf Trauerphasen in den Sinn. Trauer über etwas Verlorenes - egal ob Mensch oder Situation - die den Weg vom Leugnen, dem Zorn, der Verhandlung, durch die Depression und schließlich zur Akzeptanz findet. Meistens ist der Weg nicht geradlinig, oft führt er rückwärts oder seitlich, eine Abkürzung gibt es allerdings nicht.
Damals, als alles noch offen schien und ich jung, als ich aufstrebende Instrumentalkünstlerin mit großer Existenzangst im Nacken war, da gab es nur wenig altersgemäße Unbeschwertheit, obwohl die Situation nicht unbedingt schwierig war. Zu viele wenn und aber Gedanken, zu viel Nachdenken über Vergangenheit und Zukunft trübten meine Tage ein. Über allem lag ein verdunkelnder Schleier, den ich nicht zu fassen bekam, um ihn zu zerreissen. Ich wusste zu wenig über das Leben, während ich bereits zu vieles darüber ungewollt erfahren hatte. Diese Schwere durchzog nicht nur mein ganzes Dasein, sondern auch mein Wirken. Das Risiko loszulassen war zu groß als es einfach auszuprobieren. So klammerte ich mich an Menschen, Ereignisse und leere Hoffnung; und auch die Töne, die ich erzeugte waren so eng wie der Griff um meinen Hals, durch den sie sich hindurchquälten. Jeder Luftzug ein Kampf gegen das Gewicht auf meinem Brustkorb. Das Risiko aufzugeben, schien erst im Vergleich zum Verlorenen marginal. Wie wenig wusste ich, dass erst das Aufgeben und Loslassen zu der gewünschten Befreiung führte.
Rückwirkend lässt sich Vieles konstruieren aber eben nur linear, weil der Kopf es nicht anders gewohnt ist. Deshalb wehre ich mich gegen das fatalistische 'es hat so kommen müssen' Gewäsch. Wer weiß schon mit Sicherheit, wie die Dinge durch eine andere Abzweigung gekommen wäre. Ganze Drehbücher basieren auf derlei Gedankenspielerei. Das ist es nicht, was ich meine, wenn ich heute erkenne, um wie viel leichter ich atme, weil ich meinen Weg gegangen bin. Meine Töne klingen heute offener, voller und weniger gequält. Der Drang nach Dichte, das Streben nach Perfektion ist dem Zulassen von
Leichtheit und Fehlerhaftigkeit gewichen. Die Notwendigkeit des Messens an anderen statt an mir selbst und die Gnadenlosigkeit meines Urteils wurden durch Güte ersetzt. Heute kann ich nicht nur meine Fehlbarkeit, sondern auch die der anderen akzeptieren. Dazwischen liegt ein langer Weg, ein Trauerprozess, der in einem Stück eingefangen ist, das ich lange nicht hörte oder spielte. Es ist der Klagegesang aus der Welt der Mythen über den Tod von Linos. Jener maß sich in der Schönheit seines Gesangs mit Apollo und wurde von ihm getötet. Das moderne Stück mit dem Titel Chant de Linos war das Paradestück meiner künstlerischen Abschlussprüfung - sozusagen meine Promotion. Ich liebte es, weil Jolivet - der Komponist - damit alle Arten von Trauer darstellt und ich mich darin wiederfand.
Heute entdeckte ich es in der Einspielung eines damaligen Kommilitonen auf YT. Das Stück ist für ungeübte Ohren nicht besonders eingänglich, der Kommilitone aber inzwischen in Musikerkreisen weltberühmt. Und ich hätte zwar die ein oder andere Passage anders gespielt, kann seine Leistung aber neidlos würdigen. Das war nicht immer so.
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Mittwoch, 6. Mai 2020
Tageblog 6.5.2020 - volle Kraft zurück
frau klugscheisser, 13:35h
Wenn der Tag mit frühem Aufstehen, sich zum Sport fertig machen, Tasse Tee und dann wieder in's Bett gehen beginnt, dann weiß ich auch nicht. Nicht nur die ganze Energie, auch die Freude, die Hoffnung, der Mut, der Tatendrang, alles weg. Meine Vermutung verstärkt sich, dass es noch sehr lange so gehen wird - mindestens bis nach der Rente. Meine selbstgelegten Termine und Aufgaben dünnen langsam aus. Der Rehasport hat mich bislang noch ganz gut bei der Stange gehalten, denn der bedeutet frühes Aufstehen, dann strammes Radeln zum Rehazentrum, dort anderthalb Stunden Übungen inklusive Balance und Dehnen, danach zwanzig Minuten Heimradeln. Der Rest des Tages hielt ein Gefühl von etwas getan zu haben an, obwohl danach nicht mehr viel passierte. Jetzt habe ich nur noch drei Termine bis das bewilligte Kontingent erschöpft ist. Gerade fühle ich mich aber alles andere als diszipliniert und habe große Mühe, mich im heimischen Rahmen bei der Stange zu halten.
Noch nie sehnte ich mich so sehr nach externen Aufgaben wie derzeit. Ich vermisse meinen Job, unterwegs sein, in fremde Kulturen eintauchen, der Austausch mit KollegInnen und Passagieren, die Unregelmäßigkeit, Tag- und Nachtgleiche - also der verwirrte Zustand im Körper, wenn ich ihm durch Tätigkeit oder Sonnenlicht Tag vorgaukle, innerlich aber alle Uhren auf Nacht stehen. Ich vermisse auch anderes, beispielsweise echte Begegnungen mit Menschen, Begegnungen, die nicht nur die Oberfläche ankratzen, sondern ein Austausch mit Einblick in die nicht so schönen Ecken drunter. Doch hier beobachte ich einen seltsamen Widerspruch. Je mehr ich Begegnungen vermisse, umso stärker ziehe ich mich zurück.
Meinen Alltag zu beschreiben braucht nur wenige Worte: ausgedünnt, langsam und zurückgezogen. Ich beobachte, wie mich Menschen schnell aggressiv werden lassen, wie ich sie vermeide, indem ich nur sehr früh einkaufen gehe oder draussen Sport treibe. Es gibt Freunde, die ich kontaktieren könnte. Gleichzeitig fällt es mir immer schwerer, dies in die Tat umzusetzen. Und dann ist da die Erinnerung an eine sehr dunkle und schwierige Zeit, die Panik in mir hochsteigen lässt. Ich erahne dieses Gespenst vor der Türe, das sich durch den offenen Spalt drängt. Das Dumme daran ist, die Türe befindet sich in mir zwischen Bewusstsein und Unterbewusstem. Sie steht vor allem im Schlaf und frühmorgens schon mal weit offen. Am Tag sperre ich sie ab und schaue nur durch das Guckloch wenn es wieder mal klingelt. Was soll ich also den Menschen erzählen, wenn sie mich fragen. Von Geistern, die hinter verschlossener Türe ihr Unwesen treiben? Nein, mir geht es natürlich gut, ich habe ja alles, was ich brauche. Nur einen Tagesablauf, den habe ich nicht - eher einen Zeittotlauf.
Der Widerspruch beginnt seltsamerweise bei den schönen Erlebnissen. Gestern beispielsweise habe ich mit einer Freundin, die professionelle Pianistin ist, eine weit zurückliegende Erinnerung aufgefrischt. Wir spielten die Prokoffiew Sonate, erst mal nur zum Antesten und sehen, woran jeder für sich noch arbeiten muss. Nach zwei, drei Wochen regelmäßigem Üben war das Gefühl des Fliegens beim Spielen wieder da, gleichzeitig aber auch die Angst vor dem Absturz. Ich war nie der intrinsische Typ, hatte zwar Spaß am Musizieren, das ziellose Üben alleine erzeugte aber in mir keine Freude. So ist das mit vielen schönen Erlebnissen, bei denen mir hinterher das Fehlen so viel schmerzlicher bewusst wird, als es mir vorher ist.
Ein schönes Erlebnis ist nur so schön, weil es nicht ständig da ist, sagte meine Oma mal zu mir. Darüber musste ich nachdenken und begriff, wie Süchte entstehen. Meine Mutter hingegen war Meisterin im Vermeiden, denn wer sich freut, kann auch enttäuscht werden. Ich fand das keine akzeptable Lösung. Etwas zwischen überhaupt nicht zulassen und ständig suchen musste doch möglich sein. In der Auseinandersetzung mit diesen Gefühlen stieß ich auf einen Ansatz, der aus dem Buddhistischen stammt. Man lässt die Gefühle zu, vermeidet nichts - auch nicht durch Ablenkung - und beobachtet sie, ohne sich zu sehr daran aufzuarbeiten. Der Vergleich von Gefühlen mit Wolken und Wetter gefiel mir. Wir können nur an unserer Einstellung dazu etwas ändern, was aber den Wolken und dem Wetter ziemlich egal ist. Also habe ich mir die richtige Kleidung für meine Seele besorgt, um bei Regen nicht allzu nass zu werden. Schutzkleidung. Da fängt der Vergleich zwischen Einstellung und Kleidung an zu schwächeln, denn irgendwann ist auch die beste Regenjacke durch.
Dieses lähmende Gefühl geht inzwischen bis auf die Knochen, schwer aushaltbar und nicht zu verändern. Jetzt hilft auch kein gelegentliches Telefonat oder andere Ablenkung mehr. Es ist einfach da, färbt auf alles ab was ich mache und scheint so endlos wie für ein Kind die Zeit bis zu den nächsten Ferien. Gespräche verpuffen, die Sehnsucht bleibt, wird groß, übermächtig. Manchmal weine ich, manchmal schließe ich die Augen und stelle mir eine Begebenheit vor, in der ich mich sicher und geborgen fühle. Das funktioniert ganz gut. Dann schlafe ich ein. Wenn ich wach werde, ist entweder der Tag noch nicht vorbei oder hat noch nicht begonnen. In diesen Momenten bezweifle ich, dass es jemals anders sein wird. Im Grunde war es immer so, nur habe ich mich besser ablenken können. So verbringe ich ganze Tage ungeduscht, zwischen Küche und Bett. Irgendwann werde ich zu essen aufhören - einkaufen, anrichten, alles zu viel Umstand.
Vor zwei Wochen begannen ein Internetfreund und ich eine Übung. Jeder schreibt morgens drei vorherrschende Gefühle auf, unkommentiert und ohne Beurteilung. Ich hoffte auf eine Regelmäßigkeit, an der ich mich festhalten kann. Manchmal bin ich überrascht von einem positiven Gefühl, bezweifle aber sofort seine Nachhaltigkeit. So entdeckte ich, dass Gefühle im Grunde nicht so vielfältig sind, wie immer angenommen. Nur die Interpretation ist es. Der Körper schüttet Adrenalin in gewissen Dosen aus und wir empfinden dabei ein Unwohlsein, mal stärker, mal schwächer. Der Kopf findet dafür in der Erinnerung sofort eine Ähnlichkeit und attribuiert. Eigentlich bin ich also gar nicht hoffnungsvoll oder verzweifelt, sondern nur mal mehr und mal weniger auf der Flucht. Kürzlich las ich von einem vierten Zustand neben Fight, Flight und Freeze. Er heißt Fawn, übersetzt bedeutet das sowas wie herumschwänzeln oder hofieren, auch katzbuckeln. Ich finde mich dabei wieder, meine dunklen Gedanken zu hofieren, damit sie mich nicht wie ein Raubtier attackieren. Auch ein Ablenkungsmanöver, genau wie zu arbeiten oder telefonieren oder essen oder schlafen oder alles andere, das im Grunde nur vergehende Zeit erträglich werden lassen soll.
Irgendwo habe ich diesen Titel gelesen: Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss. Damals befürchtete ich, die Aussage träfe zu. Heute empfinde ich es als anstrengend, den Fluss am Laufen zu halten, denn ohne mein Zutun bewegt sich die Kloake nicht. Das gilt nicht nur für derzeitige Krisenzeiten, in denen alle glauben, wenn nur wieder alles zur früheren Betriebsamkeit zurückfände, würde es ihnen besser gehen. Ich befürchte heute, das ist anhaltend allgemeingültig. Und so erschrecke ich vor jedem Anflug von Traurigkeit oder Überforderung, denn das könnte bedeuten, ich werde wieder auf Null zurückkatapultiert an einen Punkt, als alles noch viel aussichtsloser war. Lösung habe ich dafür auch keine. Eines ist jedoch sicher: morgen gehe ich nochmal zum Rehasport, ganz früh, ganz aufgedreht, und danach genieße ich die Genugtuung, wenigstens ein bisschen was geleistet zu haben.
Noch nie sehnte ich mich so sehr nach externen Aufgaben wie derzeit. Ich vermisse meinen Job, unterwegs sein, in fremde Kulturen eintauchen, der Austausch mit KollegInnen und Passagieren, die Unregelmäßigkeit, Tag- und Nachtgleiche - also der verwirrte Zustand im Körper, wenn ich ihm durch Tätigkeit oder Sonnenlicht Tag vorgaukle, innerlich aber alle Uhren auf Nacht stehen. Ich vermisse auch anderes, beispielsweise echte Begegnungen mit Menschen, Begegnungen, die nicht nur die Oberfläche ankratzen, sondern ein Austausch mit Einblick in die nicht so schönen Ecken drunter. Doch hier beobachte ich einen seltsamen Widerspruch. Je mehr ich Begegnungen vermisse, umso stärker ziehe ich mich zurück.
Meinen Alltag zu beschreiben braucht nur wenige Worte: ausgedünnt, langsam und zurückgezogen. Ich beobachte, wie mich Menschen schnell aggressiv werden lassen, wie ich sie vermeide, indem ich nur sehr früh einkaufen gehe oder draussen Sport treibe. Es gibt Freunde, die ich kontaktieren könnte. Gleichzeitig fällt es mir immer schwerer, dies in die Tat umzusetzen. Und dann ist da die Erinnerung an eine sehr dunkle und schwierige Zeit, die Panik in mir hochsteigen lässt. Ich erahne dieses Gespenst vor der Türe, das sich durch den offenen Spalt drängt. Das Dumme daran ist, die Türe befindet sich in mir zwischen Bewusstsein und Unterbewusstem. Sie steht vor allem im Schlaf und frühmorgens schon mal weit offen. Am Tag sperre ich sie ab und schaue nur durch das Guckloch wenn es wieder mal klingelt. Was soll ich also den Menschen erzählen, wenn sie mich fragen. Von Geistern, die hinter verschlossener Türe ihr Unwesen treiben? Nein, mir geht es natürlich gut, ich habe ja alles, was ich brauche. Nur einen Tagesablauf, den habe ich nicht - eher einen Zeittotlauf.
Der Widerspruch beginnt seltsamerweise bei den schönen Erlebnissen. Gestern beispielsweise habe ich mit einer Freundin, die professionelle Pianistin ist, eine weit zurückliegende Erinnerung aufgefrischt. Wir spielten die Prokoffiew Sonate, erst mal nur zum Antesten und sehen, woran jeder für sich noch arbeiten muss. Nach zwei, drei Wochen regelmäßigem Üben war das Gefühl des Fliegens beim Spielen wieder da, gleichzeitig aber auch die Angst vor dem Absturz. Ich war nie der intrinsische Typ, hatte zwar Spaß am Musizieren, das ziellose Üben alleine erzeugte aber in mir keine Freude. So ist das mit vielen schönen Erlebnissen, bei denen mir hinterher das Fehlen so viel schmerzlicher bewusst wird, als es mir vorher ist.
Ein schönes Erlebnis ist nur so schön, weil es nicht ständig da ist, sagte meine Oma mal zu mir. Darüber musste ich nachdenken und begriff, wie Süchte entstehen. Meine Mutter hingegen war Meisterin im Vermeiden, denn wer sich freut, kann auch enttäuscht werden. Ich fand das keine akzeptable Lösung. Etwas zwischen überhaupt nicht zulassen und ständig suchen musste doch möglich sein. In der Auseinandersetzung mit diesen Gefühlen stieß ich auf einen Ansatz, der aus dem Buddhistischen stammt. Man lässt die Gefühle zu, vermeidet nichts - auch nicht durch Ablenkung - und beobachtet sie, ohne sich zu sehr daran aufzuarbeiten. Der Vergleich von Gefühlen mit Wolken und Wetter gefiel mir. Wir können nur an unserer Einstellung dazu etwas ändern, was aber den Wolken und dem Wetter ziemlich egal ist. Also habe ich mir die richtige Kleidung für meine Seele besorgt, um bei Regen nicht allzu nass zu werden. Schutzkleidung. Da fängt der Vergleich zwischen Einstellung und Kleidung an zu schwächeln, denn irgendwann ist auch die beste Regenjacke durch.
Dieses lähmende Gefühl geht inzwischen bis auf die Knochen, schwer aushaltbar und nicht zu verändern. Jetzt hilft auch kein gelegentliches Telefonat oder andere Ablenkung mehr. Es ist einfach da, färbt auf alles ab was ich mache und scheint so endlos wie für ein Kind die Zeit bis zu den nächsten Ferien. Gespräche verpuffen, die Sehnsucht bleibt, wird groß, übermächtig. Manchmal weine ich, manchmal schließe ich die Augen und stelle mir eine Begebenheit vor, in der ich mich sicher und geborgen fühle. Das funktioniert ganz gut. Dann schlafe ich ein. Wenn ich wach werde, ist entweder der Tag noch nicht vorbei oder hat noch nicht begonnen. In diesen Momenten bezweifle ich, dass es jemals anders sein wird. Im Grunde war es immer so, nur habe ich mich besser ablenken können. So verbringe ich ganze Tage ungeduscht, zwischen Küche und Bett. Irgendwann werde ich zu essen aufhören - einkaufen, anrichten, alles zu viel Umstand.
Vor zwei Wochen begannen ein Internetfreund und ich eine Übung. Jeder schreibt morgens drei vorherrschende Gefühle auf, unkommentiert und ohne Beurteilung. Ich hoffte auf eine Regelmäßigkeit, an der ich mich festhalten kann. Manchmal bin ich überrascht von einem positiven Gefühl, bezweifle aber sofort seine Nachhaltigkeit. So entdeckte ich, dass Gefühle im Grunde nicht so vielfältig sind, wie immer angenommen. Nur die Interpretation ist es. Der Körper schüttet Adrenalin in gewissen Dosen aus und wir empfinden dabei ein Unwohlsein, mal stärker, mal schwächer. Der Kopf findet dafür in der Erinnerung sofort eine Ähnlichkeit und attribuiert. Eigentlich bin ich also gar nicht hoffnungsvoll oder verzweifelt, sondern nur mal mehr und mal weniger auf der Flucht. Kürzlich las ich von einem vierten Zustand neben Fight, Flight und Freeze. Er heißt Fawn, übersetzt bedeutet das sowas wie herumschwänzeln oder hofieren, auch katzbuckeln. Ich finde mich dabei wieder, meine dunklen Gedanken zu hofieren, damit sie mich nicht wie ein Raubtier attackieren. Auch ein Ablenkungsmanöver, genau wie zu arbeiten oder telefonieren oder essen oder schlafen oder alles andere, das im Grunde nur vergehende Zeit erträglich werden lassen soll.
Irgendwo habe ich diesen Titel gelesen: Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss. Damals befürchtete ich, die Aussage träfe zu. Heute empfinde ich es als anstrengend, den Fluss am Laufen zu halten, denn ohne mein Zutun bewegt sich die Kloake nicht. Das gilt nicht nur für derzeitige Krisenzeiten, in denen alle glauben, wenn nur wieder alles zur früheren Betriebsamkeit zurückfände, würde es ihnen besser gehen. Ich befürchte heute, das ist anhaltend allgemeingültig. Und so erschrecke ich vor jedem Anflug von Traurigkeit oder Überforderung, denn das könnte bedeuten, ich werde wieder auf Null zurückkatapultiert an einen Punkt, als alles noch viel aussichtsloser war. Lösung habe ich dafür auch keine. Eines ist jedoch sicher: morgen gehe ich nochmal zum Rehasport, ganz früh, ganz aufgedreht, und danach genieße ich die Genugtuung, wenigstens ein bisschen was geleistet zu haben.
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