Freitag, 1. Juli 2022
I will survive (2)
Jetzt ist alles wieder gut. Nein, nicht alles, denn morgen ist Rückreisetag. Da kann - und wird erfahrungsgemäß - noch viel passieren. Die Schmerzen bei Frau Herzbruch sind in ihrem Blog nachzulesen, meine begrenzen sich auf Muskelkater im Oberschenkelbereich vom Fahrradtag und Bizeps, den ich für gewöhnlich nicht spüre, weil ich kaum welchen habe aber gestern war Langhanteltraining und man muss auch mal was Neues ausprobieren. Das sagt Frau Herzbruch täglich dem Nachwuchs, der mich aus Gründen seit gestern auch offiziell Mama ruft. Heute sehe ich mich also nicht im Gruppensport, was sicher gut ist, denn dort werden meist Bekanntschaften zu Alleinreisenden geknüpft, die dann am Strand oder Pool vertieft werden - so gestern zu meinem Leidwesen geschehen. Da hat Ona mich einfach Mama gerufen und Schlimmeres, namentlich eine Neubesetzung unseres letzten offenen Sitzplatzes am Tisch verhindert. Zuvor saß da des Öfteren Thilo der Tauchlehrer, der von Onas Unterwasserfähigkeiten so begeistert war, dass er ihn gerne in einem Kurs gesehen hätte. Ona wiederum sah sich die letzten Tage meist chillend auf Bett oder Liege. Wachsen ist übrigens anstrengend und sticht Frühsport. Jedenfalls haben wir herausgefunden, dass es einen mitarbeiterbefreiten Sitzbereich auf der Terrasse gibt und den wir die letzten Tage bevorzugten. Mein rechter Platz ist seither wieder leer, da wünsche ich mir aber keinen Friedrich Merz Verschnitt her - der Alleinreisende sieht dem nämlich zum Verwechseln ähnlich, wobei ich seine politische Einstellung noch nicht erfragte. Ich möchte am liebsten überhaupt nichts von ihm wissen, das bewahrt mich vor grober Enttäuschung und Fluchtreflex.

Was wollte ich eigentlich erzählen? Ach ja, ich bin eine schlechte Leihmutter, denn während Frau Herzbruch beim Nachwuchsentertainment ausfiel, habe ich zwar alles gegeben aber immer nur in dem mir möglichen Rahmen. Da es hier einen Gleichaltrigen gibt, der aber etwas größer als Ona ist und in der ersten Liga Handball spielt, wollte ich unter keinen Umständen mit Ona Bälle zu gut werfen und fortan die Chance für eine beginnende wunderbare Freundschaft zwischen den Beiden vertun. Das Lob, ich sei aber gar nicht soo schlecht und er hätte selbst Gleichaltrige - was auch immer das in den Augen eines Dreizehnjährigen bedeuten mag - schon schlechter werfen sehen, beantwortete ich mit einem Wurf in die Hecke, worauf Ona sich für die Teilnahme am Clubrätsel entschied - er wollte mich nicht hängenlassen, war aber vom Bällewerfen dann doch gelangweilt - während ich den Ball rettete. Zuvor hatten wir am Strand Bodyboards ausgeliehen, ich dem Verleihenden schöne Augen gemacht und Ona selbige stark verdreht. Nach nur einer Stunde - geliehen wird jeweils zwei - war auch das durch, ich brachte beide Bretter zurück und musste feststellen, dass der herzbruch'sche Nachwuchs keine Zimmerkarte dabeihatte. Also wieder an den Strand, leise an Friedrich Nerz vorbeigeschlichen, Ona aus den Wellen gepfiffen und dann unter aller alleinreisender Augen sowie derer des nackten Mannes, dessen bestes Stück so lang ist, dass der sich nie hinsetzen oder -legen kann und immer in Richtung Weiblichkeit drehen muss, mit Ona zum Duschen abgezogen. Raten Sie, wie lange es dauerte, bis sich alle am Pool einfanden - der Nackte natürlich bekleidet, wobei ich den in Badehose selbständig überhaupt nicht wiedererkenne. Dafür habe ich den Leihsohn, dem das alles sehr peinlich ist.

Am Abend war Gala und meine Abwesenheit nicht sonderlich auffallend. Das Unterhaltungsprogramm ist clubniveaumäßig gut, das Feuerwerk ordentlich, doch Ona und ich waren da mehr um die Tiere besorgt als die Gäste, die den Lärm mit pappsüßen Cocktails betäubten. Heute Morgen waren die wohl immer noch betäubt, denn beim Frühstück war ich fast alleine anwesend. Auch kein Personal für Kaffee, und während uns sonst nach dem letzten Krümel der Teller quasi unter der zurückgeführten Gabel weggezogen wird, erschrak ich heute als er sich wie von Geisterhand nach eineinhalb Stunden am Tisch sitzend neben meiner Tastatur weg bewegte. Nein auch kein Friedrich Merz war da, denn der fand gestern Anschluss zu zwei netten Damen weit unter seinem Alter. Vermutlich ist er heute Abend aber wieder frei. Und so findet alles Gute sein Ende, damit Neues kommen kann. Ich bin gespannt, denn es wird sicherlich nicht die letzte Reise mit Frau Herzbruch nebst Nachwuchs sein. Vielleicht aber die letzte, die er mein Leihsohn sein möchte. Das macht mich ein bisschen traurig.

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Mittwoch, 29. Juni 2022
I will survive
Kaum ist die letzte Katastrophe abgeklungen, folgt die nächste auf dem Fuße. Ich meine, so ein Kofferverlust ist nicht wirklich katastrophal, wenn man mal bedenkt, dass ich mich in sommerlichen 24° mit Meeresbrise befinde. Ganz anders verhält es sich mit Frau Herzbruch. Die hat die Katastrophen ja quasi für sich gebucht - wir erinnern uns an den unfreiwilligen Einliegerpool mit Einlage nach Starkregen im Keller oder den Cluburlaub auf Kos, den sie als traumatisierendes Beispiel zu jeder Gelegenheit als Vergleich zitiert. Mit Trauma hatte ich heute ebenfalls zu kämpfen, dazu aber später.

Erst mal soll es darum gehen, dass ich immer noch weiß, wie ich das System für mich arbeiten lassen kann (work the syxtem), weil ich halt auch im Job Teil desselbigen bin. Und wenn Frau Herzbruch Cranberrysaft für ihre Blasenentzündung braucht, dann organisiere ich Cranberrysaft beim EInkaufsleiter des Clubs kurz vor halb zwölf abends. Zunächst sah das aber gar nicht gut aus, denn die kleine Yasemine-Isabellina schüttelte heftig ihren zu hoch gesteckten blonden Pferdeschwanz hin und her als ich danach fragte. Ihre Aufgabe - so OTon - sei es auch nicht, für uns einkaufen zui gehen, wobei ich mit solchen Statements sehr vorsichtig wäre, hätte ich Tomatensaft als Cranberry auszugeben versucht. Frau Herzbruch wollte beschwichtigen, da sei ich ja quasi berufsbedingt vorbelastet und würde den Unterschied durch überdurchschnittlich häufige Berührungspunkte sofort erkennen und Yasemine-Isabellina mit fehlender Erfahrung und Ferienjob als Kinderbetreuerin im Club sei da in Customer Relationship nicht so dolle geübt. Ich wiederum war der Meinung, da müsse Jasemine-Isabellina eben auf die harte Tour lernen, ließ mir Namen und Durchwahl der Clubchefin geben, vereinbarte einen Gesprächstermin an der Rezeption, mit dem zufälligen, dortigen Treffens mit dem Einkaufschef, der sein Handy zückte, den Küchenchef mit Beschaffung beauftragte - vorausgesetzt sowas sei überhaupt auf der Insel zu bekommen - und dem Ergebnis von persönlich in's Zimmer gelieferten zwei Litern Cranberrysaft für Frau Herzbruch. Kurzum, wir konnten schlimmere Folgen der Blasenentzündung abwenden.

Nun weiß die mir geneigte Leserschaft, dass ich einst als Tauchlehrerin in heimischen Gewässern aktiv war. Als Frau Herzbruch mit Nachwuchs beschloss, den Atlantik von unten zu erkunden, war ich von dieser Möglichkeit für mich nicht besonders angetan. Was ich hier nie erwähnte, war der Grund, weshalb ich damals sehr abrupt nicht nur die Karriere als Tauchlehrerin beendete, sondern vor allem selbst nicht mehr tauchen wollte: ich hatte einen Unfall. Von diesem Unfall war ich traumatisiert. Bearbeitet habe ich das Trauma nie wirklich, war nur mal danach mit viel Überwindung unter Wasser, doch das Vertrauen blieb aus. Ich wechselte das Hobby und verkaufte meine Ausrüstung bis auf ein paar Einzelstücke, die seitdem im Keller darben. Gestern beobachtete ich die Verantwortliche, wie sie mit den völlig unerfahrenen Frischlingen eine erste Lektion im Pool absolvierte und fand, dass sich Frau Herzbruch mit Nachwuchs dieser Obhut nur unter einem aufmerksamen zusätzlichen Augenpaar - nämlich meinem - ausliefern sollte. So kam es, dass ich mich heute Morgen ohne Frau Herzbruch - da betthütend - dafür aber mit freudig aufgeregtem Nachwuchs nach einer nur dreistündig schlafend verbrachten Nacht auf der Tauchbasis einfand. Was dann passierte, möchte ich aus Gründen nicht en détail hier beschreiben, es war allerdings sehr unangenehm. Kurz gesagt stieg ich völlig retraumatisiert aus dem Wasser, legte meine Ausrüstung ordnungsgemäß ab, wechselte in trockene Kleidung und konzentrierte mich die folgenden dreissig Minuten sehr angestrengt darauf, meine Atmung von Hyperventilation auf normal und damit zeitgleich meinen erhöhten Puls zu regulieren - Tüte war keine zur Hand, ich kann aber ganz gut den Kopf zwischen meine Knie stecken. Im Anschluss weinte ich die nächsten 15 Minuten unkontrolliert, während alle anderen aus dem Wasser kamen, ihre Ausrüstung ablegten und einzeln fragten, ob mit mir alles okay sei. Diese Frage kann ich auch heute Abend noch nicht mit völliger Sicherheit positiv beantworten, ich habe aber vorsofglich schon ein paar Gläser Wein intus und werde mir gleich den dritten Cocktail bestellen. Denn im Club herrscht ausgelasse Stimmung und Ona braucht ab morgen Anschluss an Gleichaltrige. Da sollte ich als seine zweite lesbische Mutter - ja, dieses Spiel haben wir uns ausgedacht und es macht ihm Spaß, das vorzugeben - nicht durch irrationales Verhalten bei den beobachtenden Erziehungsberechtigten Zweifel am Kontakt aufkommen lassen. Das bin ich ihm schuldig.

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Montag, 27. Juni 2022
Surrender 2
Als ich am nächsten Morgen mit Frau Herzbruch und Familie frühstücke, habe ich noch die leise Hoffnung, dass mein Koffer sich in Düsseldorf befindet. Alles andere wäre mehr als ärgerlich. Ernsthaft, ich habe einen ganzen Tag damit vergeudet, diesen Koffer so zweckmäßíg wie möglich zu füllen, habe die Aufgabe fast perfekt gelöst, obwohl ich trotz meiner beruflichen Routine sehr schlecht darin bin, und soll jetzt im lang ersehnten Urlaub darauf verzichten? Wir sprechen nicht von Unterwäsche und bestimmten Medikamenten im Waschbeutel, wir sprechen von Flossen und Tauchermaske, von seidenen Überwurfkleidchen und indischen Blusen, von zweit und Drittbikinis und Schwimmanzügen für unter den Neoprenanzug und von Sommerschuhen, geschweige denn Badelatschen. Dieses Zeug kauft man sich nicht doppelt, das besitzt man genau einmal und verzichtet dann halt in dieser einen Woche Urlaub schweren Herzens drauf. In den folgenden zwei Tagen fallen immer wieder Bemerkungen zwischen Frau Herzbruch und mir, was sich da so alles in dem in München stehenden Koffer befindet. Sie bohrt gelegentlich auch mit kleinen Bemerkungen über fehlende Zahnseide und anderem in meiner Wunde, und auch Ona bemerkt, dass die am Flughafen Düsseldorf gekauften Schuhe nicht seinem Geschmack entsprechen. Aber hey, die waren im Sonderangebot und ich brauchte welche, weshalb ich die unprobiert innerhalb von fünf Minuten kaufte, während Familie Herzbruch den Platz in der Schlange vor der Security sicherte und mich an der Kasse anrief, damit ich nach Bezahlung dort hinsprinte, um dann von einem Polizisten gebodyblocked und zum wieder hinten Anstellen gezwungen werde, wo ich auf den Rest der Reisegruppe treffe. Macht nix, es geht schneller als vermutet.

Nicht so schnell geht allerdings die Wartezeit am Gate auf den verspäteten Abflug vorbei. Erst als ich misstrauisch werde und mal einen Blick auf den Monitor werfe, dann sehr hektisch alle einsammle und im Sprint an das andere Ende des B Bereiches laufe, weil das Abfluggate gewechselt hat und unser Flug bereits aufgerufen ist, da ist wieder Spannung im Spiel. Wie so Anfänger. Nach der Landung vermisse ich die Tüte mit der neu gekauften Kleidung auch erst im Bus zum Terminal, was alle abgeholten Gäste etwa eine Stunde Verzögerung, ein sehr verkürztes Abendessen und mich einen vorgetäuschten Nervenzusammenbruch kostet. Ja, die Tüte befand sich im Gepäckfach ganz hinten, weshalb ich sie als körperlich eher kleine Person übersah. Und bei der Gepäckvermittlung weiß man zwar über Funk von der Tüte, hat jedoch keine freien Mitarbeitenden, die sie zum Ankunftsbereich bringen können. Die Clubbeauftragte drängt auf Abfahrt des Reisebusses mit den restilchen 40 Gästen. Ich wiederum will mich gerne am Abend noch umziehen und kein Geld für ein separates Taxi an's andere Ende der Insel ausgeben - ich will mir davon noch Sportkleidung finanzieren, denn das Sportprogramm war schließlich so abgesprochen. Es folgt ein klassischer Walk of shame durch den Reisebus, im Hintergrund die Entschuldigung der Verantwortlichen via Mikrofon. Diese mich durchbohrenden Blicke sind Garant für die Einhaltung der Abstandsregelung in den folgenden sieben Tagen - wir erinnern uns: Frau Herzbruch wollte im Club ja keine Freundschaften schließen. Alles richtig gemacht.

Ab diesem Zeitpunkt wird alles besser. Ich kaufe Kleidung, ein paar andere Kleinigkeiten und bin danach mit den wenigen eigenen und ein paar von Frau Herzbruch geliehenen Sachen sehr zufrieden. Nur gelegentlich fällt mir ein, was ich hätte dabeihaben können. Das erwähne ich, lache kurz und erfreue mich entweder am Buffet oder der Aussicht auf's Meer. Meinen Bikini hatte ich nämlich im Handgepäck, genau wie eine kurze Hose, eine sehr edle Bluse und meinen Schmuck. You don't get the Handgepäcksprofi out of the Flugbegleiterin.
Und so war das mit unserer Anreise. Eine echte Übung in Bescheidenheit und Hingabe an die Situation.

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Samstag, 25. Juni 2022
Surrender 1
Wir sitzen am Flughafen Düsseldorf. Die Reisegruppe bestehend aus Beebie Ona (175cm), Frau Herzbruch und mir, ist nach allen Unwägbarkeiten sehr entspannt und urlaubsbereit. Zuvor ist aber so einiges passiert. Da mir dieses Jahr in Anbetracht der Tatsache, dass inzwischen alles verreisen möchte, was zwei Jahre lang nicht vor die Wohnungstüre gegangen ist, die Standbyreisevariante zu unsicher schien, hatte ich bereits Anfang des Jahres für uns drei Flüge fest gebucht. Einmal mit alles, d.h. nicht nur Spätaufsteherfrühstück und Nachmittagsbuffet, schlechter Tischwein und pappsüße Cocktails inclusive, sondern auch Abholung und Bringdienst zum Flughafen. Das bin ich nicht gewöhnt, weil ich meist bei der Frage nach genauer Ankunftszeit schon scheitere. So ging ich bis gestern Morgen noch davon aus, dass der größte Aufreger langes Anstehen an der Sicherheitskontrolle sei. Weit gefehlt, denn ich habe die Situation am Flughafen München stark unterschätzt. Ich meine, hey, Düsseldorf und Chaos, klar, Berlin? Katastrophal. Aber München ist doch bayerisch-prozessoptimiert.

Als ich am Drop-off meinen Koffer abgeben will - eingecheckt habe ich natürlich bereits am Vorabend - informiert mich das System, dass mein Flug annuliert sei. Ich also ohne nachzudenken schnell umgebucht - dass das W-Lan am Flughafen nicht funktioniert, ärgert mich zwar, wundert mich aber nicht weiter - und durch die Security zum Gate im Laufschritt. Ich möchte den vorigen Flug noch kriegen, denn der nächste wird sicher voll. Der Flug ist bereits geschlossen. Die Ansagen machen mich stutzig. Man fordert gestrandete Passagiere auf, selbständig umzubuchen, sich Hotelzimmer zu suchen und innerdeutsch auf die Bahn umzusteigen. Ich würde diese Option ebenfall wählen, mein Koffer ist aber weg, ohne den ich ungern nach Düsseldorf und von dort am nächsten Tag in den Urlaub fliegen würde. Auf Nachfrage erfahre ich, dass ich den nur am selben Tag wieder zu sehen bekomme, wenn sich darin lebensnotwendige Medikamente befinden. Ich warte also ab. Draussen gehen Gewitter mit Starkregen nieder. Ich denke, bevor ich jetzt fünf Stunden mein Sitzfleisch strapaziere, kann ich auch am Serviceschalter Getränke und Snacks verteilen.

Die Schlange der Wartenden schlängelt sich mehrere hundert Meter. Ich schlängle mich dran vorbei zu einem Mitarbeiter hinter den Scheiben. Die Polizei ist übrigens hier überall präsent. Nach einer gewissen Zeit in der Menge weiß ich auch warum. Der Verantworliche findet toll, dass ich meine Unterstützung anbiete. Ich tue das nicht uneigennützig, denn ich erhoffe mir damit gesteigerte Chancen auf einen Sitzplatz in einer der Düsseldorfmaschinen. Und so kommt es, dass ich plötzlich einen Kabinentrolley voller Snacks und Getränke durch das Terminal schiebe, dabei mit verzweifelten, aggressiven oder auch fatalistisch fröhlichen Passagieren aus aller Lande spreche und dabei meine neue Wildlederjacke einmal komplett durchschwitze. Nach zwei Stunden informiere ich mich über meinen Flug, der in der Zwischenzeit ebenfalls gestrichen wurde. Darüber informiere ich wiederum Frau Herzbruch, die mit Ona gemeinsam in Düsseldorf alternativpläne ausarbeitet und mitfiebert.

Ich weiß inzwischen auch nicht mehr, was ich sonst machen soll. Also gehe ich zurück zu meinen Bodenfreunden, wo ich wenigstens was machen kann, das mich ablenkt. Eine Kollegin fragt, wo ich denn hin wolle und ob sie da jemanden am Gate informieren könne, damit ich auch wirklich mit komme. Ich bin sehr dankbar und mache mich nach einer weiteren Stunde auf den Weg zum Gate. Da stehen erwartungsgemäß sehr viele Leute, die alle mit der letzten möglichen Maschine nach Düsseldorf wollen. Ich kann mich nicht umbuchen, das Internet ist instabil. Folglich mache ich das einzige, was mir jetzt noch helfen kann. Ich gehe vom anderen Ende des Terminals zurück zum mittigen Servicecenter, klage mein Leid und finde ein offenes Ohr. Karina bucht mich an ihrem Computer eine Ebene höher um und ruft mich an, als ich sehr hektisch zurücklaufe, um diesen Flug nicht zu verpassen. Sie bringt mit ein ausgedrucktes Ticket an meinen Standort. Damit darf ich in's Flugzeug, die Türe geht zu, wir wollen los, doch nichts bewegt sich. Es ist kurz vor Nachtflugverbot und somit höchste Eisenbahn. Der Kapitän informiert die Passagiere, dass unser Slot schlecht ist und wir vielleicht doch nicht fliegen. Ich bin noch zuversichtlich. Schließlich starten wir. Als wir in Düsseldorf ankommen, gibt es niemanden, der sich um eine Treppe oder das Ausladen des Gepäcks kümmert. Später stellt sich heraus, dass der einzige Loader nur ein paar wenige Gepäckstücke auszuladen hat, weil die meisten in München geblieben sind. Auch mein Koffer ist nicht dabei. Nur soviel sei verraten: er taucht auch am nächsten Tag - dem Abflugtag nach Fuerteventura - nicht auf. Wir sind dennoch zuversichtlich, dass dieser Urlaub legendär werden wird.

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Freitag, 24. Juni 2022
Passenger
Es ist wieder soweit, ich verreise mit Frau Herzbruch. Dieses Mal nehmen wir Baby Ona mit, der ja inzwischen überhaupt kein Baby, sondern bereits Puberti ist. Und weil ich selbst gerade Pubertät 2.0 mache, passt das ganz hervorragend. Ich stelle mir das ungefähr so vor: gegen sieben morgens, wenn Frau Herzbruch noch sehr tief schläft und das auch noch ein paar Stunden so ungestört wie möglich fortführen möchte, schnappe ich meine Sportsachen, hole Ona aus den Federn, denke mir ein paar Übungen aus und schicke ihn ungefähr dreimal durch den Zirkel. Ich selbst mache natürlich auch etwa zwei Drittel der Übungen mit, beim Rest muss ich anfeuern und korrigieren. Diese Idee entstand mit der Wahl des Urlaubsortes. Die Vorgaben waren Meer und Buffet. Das war relativ einfach zu erfüllen. Zum obigen Vorschlag meinte Frau Herzbruch damals nur trocken: "Ich sag's mal so, während ich hier bereits die zweite Tasse Kaffee trinke, schläft Ona noch tief und fest."

Jetzt ist aber alles anders. Seit nicht nur die Körperhöhe, sondern auch die Hormonkonzentration enorm steigt, macht Ona in Selbstoptimierung und ist durchaus offen für Frühsport. Mein Plan geht also auf. Einziges Hindernis wird das Erreichen des Flugzeuges sein. Am Wochenende beginnen die Ferien in NRW, es gibt kein Personal am Flughafen und im Flieger selbst wird's auch knapp. Wir sind aber zuversichtlich, weil auch hierfür ein Plan besteht und der geht so: Vorabendcheckin von Koffern und dann am nächsten Tag schätzungsweise sechs Stunden vor Abflug an der Sicherheitskontrolle anstehen. Das bedeutet im Klartext Aufstehen um fünf und anstehen ab sieben. Wir sind ja zu dritt, da mache ich mit Ona schon mal einen Airportzirkel, während Frau Herzbruch die Lücke in der Schlange freihält. Andersrum bleibe ich dort stehen, wenn sie sich einen Kaffee holen oder wegbringen möchte. Wer noch das Prozedere zum Erwerb begehrter Konzertkarten in Vorinternetzeiten kennt, für den kommt dabei fast sowas wie nostalgische Festivalstimmung auf. Und dann ist da noch die Vorfreude auf Meer und Buffet. Wir sind drei Delayed Gratification Verfechter, wir kriegen das hin. Ganz bestimmt. Ausser ich kriege einen Nervenzusammenbruch beim Mithörenmüssen dummer Konversationen von Umstehenden, Frau Herzbruch zerlegt verbal das Sicherheitspersonal oder Ona wächst in der Schlange aus seiner Kleidung. Dann fliegen wir nicht nach Fuerte, sondern fahren mit dem Zug an die Ostsee. Tickets haben wir. Die bringen uns zumindest weg vom Flughafen DUS.

Übrigens möchte ich folgendes von aus dem internationalen Kollegium unbekannter Hand geschriebene Kleinod an Beschreibung derzeitiger Reisezustände nicht vorenthalten:

Just some good advice for those who plan to travel this summer:
Flying this summer is ROUGH!!! I feel like as a Flight Attendant I should attempt to share some tips to get you through airline travel for the foreseeable future.

1. Things are not good..... if its less than 7 hours - DRIVE! I'm not kidding. There is nothing enjoyable about flying right now. On any airline. If you must fly, keep reading.

2. Download and use the app of the airline you are flying. You can do everything on it - get your boarding pass, track your bags, see your incoming plane, and change a flight. It sure beats waiting in the long line to talk to an agent! Trust me - Usually these apps will tell you a flight is cancelled before the crew even knows!

3. Fly MUCH earlier than you need to - a whole day early if its important!! This week I saw many people miss important things like weddings, funerals, cruises, international connections, and graduations. The tears were very real, for very real reasons, and there was nothing I could do! If you have to be somewhere, spend the extra money, go a day early. Have a glass of wine and stay in a hotel, enjoy your night not being stressed while everyone else misses their events.

4. ALWAYS fly the first flight in the morning so you have all day to be rebooked if the shit hits the fan. Yes, that means it might be a 3:00 alarm, but morning flights don't cancel nearly as often.

5. This is not unique to this year, but keep in mind summer is thunderstorm season. A single storm can shut down a whole airport. We can't fly through them. Storms usually build as the day gets later. Book early flights!

6. Schedule long layovers - Your 1 hour layover is NOT enough anymore. 30 minutes, not a chance. 3 hours minimum.

7. What you see on the news is an understatement. We are short staffed and overworked. Not just pilots and flight attendants, but also ground crews. Without ground crews there is no one to park the planes, drive jetways, get your bags on/off planes, or scan boarding passes. This causes many delays that snowball throughout the day. Sometimes HOURS.(Another reason morning flights are best!)

8. When flight crews get delayed we time out. We can NOT fly longer than 16 hours. Its illegal. So it doesn't matter if you have a wedding to get to, when we are done we are done. The way things are now, there are no back up crews, so when this happens your flight cancels. (Now you are starting to see why those morning flights are best!)

9. Avoid connecting in Newark, London, Dublin, Amsterdam, Frankfurt and Munich. It is literal hell. You have a 50/50 chance your flight will cancel or missing your connection. They have been cancelling flights at their starting points just to keep the planes out of Newark because there just aren't enough people to manage the planes, so the gates stay full. Also the restaurants are expensive, it is not a great place to be stuck.

10. Be nice. As stated above, we are overworked and tired. We will not help you if you are mean. No one cares that you are going to miss your cruise if you are an asshole. So even if we can help, we will save our help for someone nice. Tensions are high. Our patience is gone. If you make us mad - you will not be flying on our planes. We will leave you behind without a second thought, and laugh about you later.

11. Being drunk on an airplane is a federal offense, so don't overdo it. If you drink too much at the bar waiting for your delayed flight you risk not being allowed to fly at all. We are too tired to deal with your drunk ass when we have legitimate issues to deal with.

12. Get trip insurance if you have a lot of money invested. I hate the whole idea of this, but I also hate the idea of losing money. Example: I was working a flight yesterday that waited over an hour for a gate. A family of 8 missed their flight to Rome. The only flight of the day. They were going to a cruise which they would now miss. They were all crying, there was nothing I could do. (Also a reason to fly a day early!)

13. Flights are FULL. If you buy the cheap seats you will not be able to sit with your family. It says so when you purchase your ticket!! Flight Attendants aren't there to rearrange the whole plane just so you can sit with your family because you tried to save $100 on a third party website.

14. Speaking of third party websites and saving money..... Like I said flights are FULL. If a flight is oversold, and no one volunteers to give up their seats, who do you think is the first to be bumped? You guessed it, the family that saved a few $$ by using sites like Expedia, Kayak, Hotwire etc.

15. Pack smart. Don't be "That guy" Don't hold up boarding because you have your extenders open till they are busting and you can't figure out how to make it fit in the overhead. (Passengers are stressed too, they can be aggressive when boarding a delayed flight)

16. Take showers, brush your teeth, leave the perfume off, don't eat stinky food (caesar salad and tuna fish I'm talking to you!), and bring headphones. Trust me. These things sound basic, but add to stress on crowded planes. If you are stuck on the tarmac for 3 hours after a 4 hour flight, you will thank me for this.

17. Bring a sweater if you tend to be cold. So tired of half naked girls asking me to turn the heat up. NO. Wear clothes!! Side note: If you dress like this and ask for heat,someone may not accommodate you

18. Thats not water on the bathroom floor. For the love of God wear shoes to the bathroom!

19. Don't tell a Flight Attendant they look tired. We are and we know. You may cause us to ugly cry right there in galley.

20. Happy Travels!

* copied from another smart f/a!

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Donnerstag, 9. Juni 2022
I have to Admit it's Getting Better
Die Nase läuft, der Husten hat mich ungefähr dreimal täglich fest im Griff und zusätzlich kann ich nur sehr schlecht schlafen, bin aber tagsüber dauermüde. So fühlt sich das also nach Corona an. Ich muss zugeben, noch weiß ich nicht, wann ich wieder voll einsatzfähig sein werde, denn bereits Kleinigkeiten lassen mich sehr erschöpft sein. Treppensteigen, kurze Strecken mit dem Rad fahren, alles ist sehr viel anstrengender als es noch vor der Infektion war. Obwohl ich mir eine gute Kondition antrainiert habe, scheint gerade alles für die Genesung aufgebraucht zu sein. Auch das Denken ist manchmal noch recht breiig. Ein Glück, dass ich im Privaten nur für mich entscheiden muss.

Wie ich also so langsam vor mich hintriele, muss ich an Owen Meany denken - die Romanfigur von Irving - und wie seine Langsamkeit und seine geringe Körpergröße von einem generellen Nachteil für einen einzigen aber durchaus sehr entscheidenden Moment zu einem Vorteil werden. Die Begebenheit ist Fiktion, die Botschaft ist aber doch in den Alltag übertragbar. Vielleicht werde ich zur Heldin, weil ich einen einzigen Moment zögere anstatt entschlossen zu handeln. Vielleicht fällt mir aber auch nur ein Handgepäckstück auf den Kopf, weil ich nicht schnell genug zur Seite springe. Vielleicht wird das Flugzeug, in dem ich meinen Dienst hätte antreten sollen, unauffindbar vom Radar verschwinden. Vielleicht habe ich aber im neu zugeteilten Dienst einfach nur einen motzigen Kollegen weniger mitzuschleifen. Man weiß es nicht, denn Parallelwelten gibt es nur für gewaschene Einzelsocken, nicht aber für Desillusionierte. Ich bleibe dabei: die beste aller Welten ist die, in der ich lebe. Ob mit oder ohne Corona. Und manchmal treffe ich Menschen, mit denen ich mir eine bessere Welt ausdenke und wir fangen an, ein bisschen hier und da nachzujustieren. Am Ende des Tages sind es nämlich nicht die Umstände, sondern die Begegnungen, die für mich das Leben schön machen. Danach halte ich es auch mit mir wieder für eine Weile gut aus.

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Dienstag, 7. Juni 2022
The Queen of Corona 10


Endlich! Und damit wäre dann dieser Eintrag auch der letzte seiner Art unter dieser Überschrift. Ich fühle mich zwar noch krank, das sind aber nur noch die Ausläufer des Virus. Und jetzt raten Sie mal, was ich wohl als erstes heute tun werde? Richtig, ich geh' den Müll runterbringen und anschließend spazieren.

Aber zurück zu gestern. Der Tag begann, wie jeder der vergangenen zehn, mit einem Teststäbchen in der Nase. Keine Ahnung, ob sich andere auch so anstellen aber bei mir bedeutet das im Nachgang Kettenniesen gepaart mit Hustenanfällen. Danach brauche ich eine Viertelstunde, um mich davon zu erholen. Der Nachtschlaf ist immer noch geprägt von Unruhe und Schweiß. In der vergangenen Woche musste ich die Bettwäsche dreimal komplett wechseln. Das Aufstehen fiel mir gestern besonders schwer. Zudem fühle ich mich morgens, als sei ich tags zuvor einen Marathon gelaufen, obwohl ich mich effektiv nicht viel mehr als innerhalb meiner vier Wände bewegte. Über den Tag quälten mich meine Augen, erst links, dann rechts mit unangenehmem Juckreiz. Schlechte Voraussetzungen für das Tragen von Kontaktlinsen. Dafür war das Ohr wieder voll funktionsfähig. Bei einer weiteren kleinen Gymnastikeinheit geriet ich ordentlich in's Schwitzen. Noch gehen die Kräftigungsübungen nur sehr eingeschränkt, müssen aber sein, damit ich mich überhaupt wieder schmerzfrei bewegen kann. Die Schulter ist nach dem Treppensturz auch noch nicht in Ordnung und braucht dringend Zuwendung durch eine Physiotherapeutin. Beim Putzen spürte ich zusätzlich das Knie, das ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen war.

Am Nachmittag dann wieder der große Kampf mit der Müdigkeit. Was soll ich sagen? Ich habe ihn verloren, schlief jedoch nicht bis zum Abend durch. Wenn das zur Genesung nötig ist, dann will ich mal nicht zu streng sein. Die nächsten Tage werde ich wohl eher wegen Aktivität müde sein, denn eines ist klar: nach dem Testergebnis hält mich nichts mehr drinnen. Auch nicht das Wetter.

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Montag, 6. Juni 2022
The Queen of Corona 9
Da ich morgens immer früh wach bin, habe ich auch an diesem Morgen die Kollegin wieder zum Dienst gehen sehen. Diese Tagestouren in aller Herrgottsfrüh sind für mich lange Geschichte. Das zeitige Aufstehen fand ich nicht schlimm daran, eher die Tatsache, dass die Tage so vollgepackt mit Menschen waren. Vier Flüge bedeuteten auch immer viermal Leute rein und raus, dreimal dazwischen gehetzt essen, keine Zeit für Toilette und so weiter. Ich beneide sie demnach nicht.

Der Schnelltest zeigte keinen zweiten Streifen, war aber einer von der Sorte unzuverlässig. Es ist der letzte seiner Art, den ich noch habe. Morgen mache ich wieder einen, von dem ich weiß, dass er auch kleinste Virenmengen anzeigt. Nachdem es mir ganz gut ging, raffte ich mich für ein paar Dehn- und Kräftigungsübungen auf. Auch kleinste Anstrengungen haben inzwischen einen äusserst schweißtreibenden Effekt. Zum Mittagessen probiere ich mich gerade durch die Suppenviefalt von Rewe. Es gab Thai Curry. Leider habe ich auf meiner Liste die Snacks vergessen, was ich abends bereute. Immerhin kann ich wieder etwas schmecken.

Draussen fanden am Nachmittag Sommergewitter statt, während ich drinnen mit Gebrauchsanweisungen und Antragsformularen beschäftigt war. Alles, was ich sonst ungerne mache und deswegen immer vor mir herschiebe, habe ich gestern erledigt - den Führerscheinumtausch, die Programmierung des neuen MP3 Player für den Sport, die Ablage. Dann war ich müde und schlief bis zum Abend. Die Unterbrechung zum Nachtschlaf war nicht nennenswert. Einmal gegen Mitternacht wach, ging es fast nahtlos mit viel Schwitzen bis zum Morgengrauen ohne größere Unterbrechung durch. Die Träume sind noch sehr wirr, fast wie Fieberträume. Inzwischen weiß ich mich beim Einschlafen auf Angenehmes zu konzentrieren, damit ich nicht mit Herzklopfen erschrocken wach werde. Andere Male beschäftigen mich Gefühle, die ich im Wachzustand nicht registriere. Mein Innenleben ist inzwischen reichhaltiger als meine Aussenaktivitäten, deren Radius sich auf den meiner Wohnung beschränkt. Oder wie meine Mutter beim wöchentlichen Telefonat zu sagen pflegt: "Sonst gibt's nix."

Ach doch: den Jagger Micha habe ich draussen singen gehört. Für ihr fortgeschrittenes Alter waren die Jungs ganz schön laut, hatten aber nach 23.00 auch ende. Der bayerischen Gesetzgebung (Sperrzeit für Aussengastronomie) haben nicht mal die Rolling Stones was entgegenzusetzen.

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Sonntag, 5. Juni 2022
The Queen of Corona 8
So langsam wiederholt sich alles. Einkaufen online, schlafen, schreiben, essen, telefonieren. Langsam brauche ich neuen Input. Dabei bin ich immer noch sehr müde. So müde, dass ich vor dem Laptop einnicke. Seit zwei Wochen habe ich mich nicht mehr körperlich betüchtigt. Das ist der Grund für allmählich einsetzende Schmerzen im Bewegungsapparat. Meine Achillessehne halt. Wenn ich wieder ganz fit werden will, also zum Fliegen fit, muss ich vorher erst ein paar Tage Kräftigungs- und Dehnübungen machen. Langsam kommt der Geschmackssinn zurück, das Ohr ist frei und gegen den Husten hilft der ekligste Saft, den ich je eingenommen habe.

Seit gestern Morgen weiß ich, dass in meinem Haus eine Kollegin wohnt. Ich habe sie frühmorgens in Uniform zum Dienst gehen sehen. Gehört habe ich davon bereits vor zwei Jahren als die nette Pianistin, zu der ich immer noch Kontakt halte, aus und die vermeindliche Kollegin eingezogen ist. Dann war Corona, dann hat ein anderer Hausbewohner erzählt, er hätte eine Kollegin von mir im Haus gesehen. Jetzt sah ich sie auch und werde fortan meine Augen offenhalten, ob sie mir auch in meiner Crew mal begegnet. Wir könnten gemeinsam vom Flug heimfahren. Auch andere Nachbarschaftsdinge habe ich den Tag über vom Fenster aus in Erfahrung bringen können. Wird wirklich Zeit, dass ich bald raus kann.

Das Telefonat mit der Einsatzplanung verlief wie erwartet. Ich werde mich am Montag nochmal melden, obwohl ich Montag nur weiß, dass ich noch nicht gesund sein werde. Manchmal glaube ich, das ist ein bisschen wegen der ansonsten fehlenden Kontrolle. In jedem Büro müssen sich die Angestellten für Fehlzeiten gefühlt im Kollegium rechtfertigen. Bei uns beobachtet das niemand, denn ein festes Kollegium gibt es nicht. Zu rechtfertigen habe ich mein Verhalten nur vor mir selbst und erst bei längeren Fehlzeiten vor meiner Teamleitung. Zudem will der Arbeitgeber die Planerstellung ein bisschen überschaubarer machen. Schön absurd wird's, wenn sich Angestellte nicht krank melden können, weil sie beispielsweise die Stimme verloren haben. Es gibt weder eine Mail- noch eine andere Adresse für eine schriftliche Eingabe. Dritte dürfen keine Krankmeldungen übernehmen. So hat einst ein Kapitän erzählt, es sei für ihn ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, die Einsatzplanung von seinem Krankenstand zu überzeugen. Das Fax aus dem Hotel hätte keiner ernst genommen. Aber wie soll ein Pilot seiner Tätigkeit ohne Stimme nachgehen? Grundlegende Aufgabe ist der Austausch mit den Lotsen via Funk. Auch ich fand mich einst morgens im Hotel ohne Stimme zur Abholung ein. Da musste eine Kollegin für die Ansagen einspringen und ich in München aussteigen, denn für eine mögliche Evakuierung hätte ich keine Kommandos rufen können.

Schätzungsweise zeigt der Schnelltest morgen oder übermorgen keinen zweiten Streifen mehr an. Dann gehe ich als erstes auf einen kleinen Spaziergang in's Grüne. Das vermisse ich neben dem Sport am meisten. Und mir nahe Menschen treffen. Dafür muss ich aber noch ein bisschen abwarten. Schließlich möchte ich die keinem Risiko aussetzen. Aber spätestens in einer Woche wird hemmungslos zurückgeknuddelt!

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Samstag, 4. Juni 2022
The Queen of Corona 7
Obwohl ich in der Nacht relativ gut schlief - gelegentliches Wachwerden wegen Nassgeschwitztseins ist inzwischen Normalität - war ich den ganzen Tag müde. So müde, dass ich gestern nachmittags UND abends ab 19.00 schlief. Nachts wurde ich zwar wach, doch hatte ich nicht die Energie, mehr als einen Toilettengang zu absolvieren. Aber kommen wir zurück zum Tag. Was ich nicht getan habe: weiter ausgemistet, gelesen, geschrieben, geputzt und gewaschen.
Was ich stattdessen getan habe: im Netz herumgeklickt, geschlafen. Das ist nicht weiter verwunderlich und auch nicht schlimm. Dennoch frage ich mich, ob sich das demnächst wieder ändern wird. Meine Dienststelle möchte spätestens morgen von mir eine Aussage, wann ich wieder zu arbeiten gedenke. Das ist für mich schwer einschätzbar, denn einerseits bin ich Typ Gehtschon, andererseits möchte ich nicht zu früh und dann wieder in den Seilen hängen. Zudem zeigt der Schnelltest immer noch zwei Striche. Frei bin ich laut Gesundheitsamt erst nach 10 Tagen und 48 symptomlosen Stunden.

Die Forderung meines Arbeitgebers nach frühzeitiger Einschätzung des Gesundheitszustandes habe ich immer gehasst. Telefonate laufen dann in etwa so ab:
Ich: ich bin immer noch krank.
Ag: wie lange noch?
Ich: keine Ahnung, vielleicht so ein, zwei Tage?
Ag: dann rufen Sie bitte morgen wieder an.
Ich: da bin ich aber noch krank.
Ag: dann rufen Sie übermorgen an. Wie lange geht das Attest?
Ich: muss ich morgen holen.
Ag: dann rufen Sie morgen an, wenn Sie wissen, wie lange das Attest geht.
Ich: das geht schätzungsweise bis einschließlich übermorgen.
Ag: dann rufen Sie morgen nochmal an.
Ich: ...
Ag: ...
Ich: Ja dann bis morgen.

Bleiben Sie also dran, wenn es am morgigen Pfingstsonntag zur spannenden Fragerunde kommt, wie lange mein Attest geht, das ich mir frühestens nach Pfingsten ausstellen lassen kann.

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