Mittwoch, 25. März 2020
Rückholaktionen


Derzeit ist es am Flughafen stiller als sonst. Natürlich abgesehen von dem Moment, wo ein sogenannter Rückholerflug ankommt. Dann strömen Menschenmassen in Richtung Passkontrolle und wundern sich über die Schilder, auf denen um Abstand gebeten wird. Vielen der Zurückgeflogenen ist nämlich die Situation nicht präsent, die sich innerhalb einer Woche so eklatant verändert hat. Sie waren im Urlaub in fernen Ländern, haben vielleicht gelegentlich etwas in den Nachrichten oder der Zeitung über den Virus gelesen und dabei vom Cocktail am Strand genippt. Alles schien sehr weit weg, so weit, wie für unsereins eine Naturkatastrophe oder eine kriegerische Auseinandersetzung auf einem anderen Kontinent weg ist, während wir auf dem heimischen Sofa sitzen. Wir sind kurz betroffen aber dann vergessen wir die Dinge wieder. Zur Kontrolle fragen Sie sich mal, wie sehr im Angesicht der Ausgangsbeschränkungen die derzeitige Flüchtlingssituation auf Lesbos noch präsent ist.

Und dann werden sie plötzlich vom Reiseveranstalter kontaktiert, der Ihnen mitteilt, dass die Hotels und Grenzen bald geschlossen sind und sie sich schleunigst mitsamt ihrer Klamotten auf den Weg zum Flughafen machen sollen. Dort wartet ein Flugzeug des auswärtigen Amtes, das sie nach Frankfurt bringen wird. An dieser Stelle entstehen die ersten Fragen, denn Lieschen Müller wohnt mit ihrem Mann Heinz in der Nähe von Düsseldorf, von wo sie sich vor zwei Wochen mit Hilfe eines super Sparangebotes auf den Weg in die DomRep machten und dahin auch wieder zurück möchten. Jetzt soll ihre Reise aber in Frankfurt zu Ende sein. Wer zahlt denn dann das Bahnticket und überhaupt müssen sie ja dann die Koffer selbst schleppen und für Getränke am Bahnhof teures Geld zahlen und was ist mit der schönen letzten Woche, die sie mit ihrem Mann am Pool nochmals so richtig an Bräune nachlegen wollte? Nein, das lassen sie sich nicht so einfach gefallen. Heinz Müller steht auch schon mit rotem Kopf an der Rezeption und verlangt stimmgewaltig einen Kontakt zur örtlichen Reiseleitung, um seine Meinung mal in aller Deutlichkeit zu äussern. Das wiederholt er danach noch ein paarmal mit anderen Ansprechpartnern, unter anderem der am Eingang der Condormaschine stehenden Stewardess.

Lieschen und Heinz Müller ist der Ernst der Lage nicht bewußt. Damit sind sie kein Einzelfall, denn auch Oberstudienrat Möllenkamp findet sich dicht gedrängt neben Gattin und einer unbekannten Familie sitzend in der Economyklasse wieder, obwohl er einen Rückflug in der Premiumklasse gebucht hatte. Hinter ihm schreit ein Kind und seine Gattin schnieft wegen ihrer Hundehaarallergie mit Blick auf einen aus der Tasche lugenden Hund drei Plätze weiter indigniert in ihr sorgsam gefaltetes Taschentuch. Diese Zustände sind unzumutbar und unwürdig, findet er, schließlich habe man sich durch viel Geld vor Kontakt zum gemeinen Volk schützen wollen und bei seinem Vorhaben kommt ihm die allgemeine Virenangst sehr gelegen. Er knipst ein paar Fotos und filmt kurz mit der Handykamera über die Reihen, weil man ja Beweismaterial braucht. Möglicherweise kann das einem Bekannten vom Fernsehen zuspielen werden, um seinem Ärger Nachdruck zu verleihen. Die Jungesellenpartygruppe findet es im Gegensatz dazu nicht schlimm, so eng zu sitzen. Viel schlimmer finden die Männer, dass sie kein Bier bekommen. Einer bestellt einen Whiskey und fragt den zuständigen Flugbegleiter, wo denn hier die Weiber blieben. Die anderen verfallen in grölendes Gelächter, während sich der Flugbegleiter beschämt in die Galley zurückzieht, um seinen drei männlichen Kollegen davon zu berichten.

Er und seine Kollegen wurden auf diesen Flug eingeteilt. Am Vortag erschien morgens überraschend die Nummer vom Einsatz auf dem Display, denn der Flug war erst 12 Stunden vor Abflug vom auswärtigen Amt bestellt worden. So setzten sie sich - jeder für sich - in's Auto und fuhren zum Flughafen, um zwei Stunden später in einem leeren Passagierflugzeug Richtung Punta Cana abzuheben. Die Nacht verbrachten sie in einem Hotel am Flughafen. Auch hier Ausgangssperre, Kontaktverbot selbst untereinander, und zum Rauchen durfte man nur einzeln vor die Türe. Mahlzeit gab es ebenfalls keine bei der Ankunft, denn für so wenige Gäste brauche man - so das Management - keinen late night Zimmerservice mehr. Dafür bekamen sie Frühstück auf's Zimmer. Ein abgepackter Joghurt, eine Scheibe Knäckebrot und eine Orange, dazu eine Tasse Instantkaffee. Auch fernab von der Heimat spürt er deutlich die derzeitige Krisensituation. Was sie gleich beim Rückflug erwarten würde, darüber hatten sie von anderen Kollegen bereits gehört oder gelesen. Jetzt, wo Kommunikationskanäle wichtiger denn je sind, tauschen sich viele in Foren oder Gruppen innerhalb sozialer Medien aus. Dort war die Rede von dankbaren Passagieren und davon, dass sie vereinzelt als Helden gefeiert würden. Was sich ihnen auf diesem Flug bietet, ist das genaue Gegenteil.

Die Partygruppe wundert sich zwar über die Gesichtsmasken und Handschuhe tragende Besatzung, doch so richtig geht die Stimmung erst in den Keller, als kein Nachschub an alkoholischen Getränken mehr zu erwarten ist. Stattdessen werden Wasserflaschen und eine kalte Snackbox gereicht. Sowas kennt man nicht von renomierten Fluggesellschaften, bei denen man doch zumindest eine warme Mahlzeit mit Spezialzubereitung für Laktose-, Gluten- und religionsbedingt Intolerante erwarten könnte. Am Flughafen Frankfurt morgens angekommen muss auch Oberstudienrat Möllenkamp Dampf ablassen, als er von der Dame hinter dem Serviceschalter ein Bahnticket in Aussicht gestellt bekommt. Zumindest kann er für sich und seine Gattin ein Flugticket nach Berlin herausschlagen. Das Video von diesem Flug wird die Öffentlichkeit ein paar Stunden später in einem ZDF Bericht zu sehen bekommen und sich über die nicht eingehaltene Abstandsregelung aufregen.

Was ich hier exemplarisch schildere, ist - abgesehen von Namen und Fluggesellschaft - tatsächlich so geschehen. Während Supermarktangestellte und Polizei in der Öffentlichkeit gefeiert werden, müssen wir Flugangestellte mit unterschiedlichsten Reaktionen rechnen. Vielleicht haben Sie auch das Video im ZDF Journal gesehen. Es entstand - laut ZDF Redaktion - am 23.3. auf dem Flug LH186 von Frankfurt nach Berlin. Dann denken Sie bitte auch an Gegebenheiten wie beispielsweise Durchführbarkeit und Kostenfaktoren eines Fluges. Und vergessen Sie die Angestellten nicht, die in dieser Zeit weder ihre Arbeitsstelle noch sich gefährden möchten. Was wir möchten, ist, Sie wieder gut heimzubringen. Die Alternative hierzu wäre, auf unbestimmte Zeit im Ausland in Quarantäne zu sitzen. Dann sind aber auch dort Hotels, Pools und Geschäfte geschlossen, der Strandspaziergang verboten und die Massenunterkunft noch enger und unbequemer als ein Heimflug auf der Chartermaschine des auswärtigen Amts. In Anbetracht der Umstände ist das Wie dann erst mal zweitrangig. Wir verstehen ihren Ärger. Weil wir aber auch Menschen mit Ängsten und Sorgen sind, freuen wir uns, als solche wahrgenommen zu werden. Und das nicht erst in Krisenzeiten. Wir erwarten kein Lob aber ein wenig Verhältnismäßigkeit und menschliche Reife würden wir schon gerne voraussetzen können.

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Bloß gut, dass Ihre Kolleginnen und Kollegen Handschuhe und Schutzmasken bekamen.

Die Urlauber können heilfroh sein, dass sie noch heimgeholt wurden. Heute Morgen hörte ich im Deutschlandfunk Kultur Korrespondentenberichte über die Situation in der Dominikanischen Republik, Haiti, Benin und Gambia sowie Myanmar. Die Dominikanische Republik hatte bereits ab dem 16. März alle Flüge von und nach Europa ausgesetzt - nachdem viele dominikanische Arbeitskräfte aus Italien auf Urlaub heimgekehrt waren und mit ihren Familien und in Bars gefeiert hatten. Nachts gilt dort inzwischen eine Ausgangssperre von 20 bis 6 Uhr.

Ich stelle mir gerade Oberstudienrat Möllenkamp nebst Gattin gerade beim nächsten Einkauf vor den leeren Klopapier-Regalen vor. Wird er die Marktleitung verklagen?

Für Flüchtlingscamps wie Moria gilt seit vier Tagen die Ausgangssperre:

Fears of catastrophe as Greece puts migrant camps into lockdown

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H. denkt an alle, die das öffentliche Leben und die Versorgung und Sicherung am Laufen halten.
Und an die Camps ...
Und auch, wie es Dir ergeht.
Es gibt ja viel Zeit zum Nachdenken für die nicht Arbeitenden.

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Im "Tagesspiegel" las ich unlängst, den Artikel

Wenn helfende Hände fehlen: So versuchen Bauern, die Spargelernte noch zu retten


Die Spargelernte ist gewissermaßen der Lackmustest, für das, was da noch kommt, denn es geht um das erste Frischgemüse, das seit Beginn der Coronakrise hierzulande geerntet wird. Das Volumen betrug im Vorjahr für Deutschland 130.000 Tonnen, mit einem Wert von fast 845 Millionen Euro.

Etliche Spargelbauern versuchten, die Erntehelfer einfliegen zu lassen. Weil eben nicht jeder Spargel stechen kann, macht man es falsch, zerstört man die Wurzel und ruiniert das Feld. In der Print-Version des Artikels stand das auch sehr deutlich drin, inklusive Zitat eines Spargelbauerns. Online fehlt diese Passage.

Eben las ich, dass heute ab 17 Uhr keine Erntehelfer mehr aus Rumänien und Bulgarien einfliegen dürfen, und frage mich gerade, ob jetzt noch schnell ein paar Flugzeuge starten.

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Es bestürzt mich, wie es Ihnen und Ihren Kolleg:innen ergeht. Meine Hochachtung vor dem, was Sie und alle anderen Beteiligten, sämtliche Helfer:innen leisten, auch an eigener Emotionsarbeit.

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Diese Anspruchshaltung wird man sicher nicht mehr lange durchhalten können. Solche Umstände kippen all die schlechten menschlichen Eigenschaften nach außen. Und ihr musste das aushalten! Mein Respekt.
Danke für‘s Erzählen.

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