Mittwoch, 28. Mai 2008
No more keeping my feet on the ground
Coldplay

Es ist doch immer das Gleiche in China. Man rennt über diverse Märkte, beinahe auf der Flucht vor den lautstarken Billigwarenpreisern. Begeht man einmal den Fehler stehenzubleiben, stürzen sie sich auf einen wie Schmeißfliegen auf Scheiße. 'I make you good price, my friend' lautet neben 'this is best quality, only that cheap for you' die gebräuchlichste Phrase. Wenn man dann ein Drittel des vom Händler vorgegebenen Preises nennt und trotz dessen schauspielerisch eindrucksvoller Verzweiflungsdarstellung geht, wird man meist mit der selbstgewählten Summe zum Geschäftsabschluß zurückgerufen.

Entweder bin ich vom Flug zu erschöpft oder einfach nicht der Typ für derartige Feilscherei, jedenfalls bevorzuge ich Händler, die mir von Beginn an faire Preise nennen, die ich nach vormalig guter Erfahrung gerne zu zahlen bereit bin. Leider gibt es zu viele Touristen, die beim Anblick einer Chanelplastikhandtasche für umgerechnet 50 Euro in wahre Begeisterungsstürme ausbrechen und dem Verkäufer am liebsten noch hundert Rimimbi (chinesische Währung, von Kollegen auch 'Dinger' genannt) drauflegen. Schon manchmal wünschte ich mir insgeheim, der Landessprache mächtig zu sein, um die Verkäufer hinterher zu belauschen. Diese Art Touristen fördern inzwischen utopische Olympiapreise in Peking. Es lohnt sich nicht mehr, auf Märkten einzukaufen. Wenn ich nicht eine dringende Besorgung zu erledigen habe, meide ich derartige Einkaufseinrichtungen sowieso.

Jetzt ist es aber so, dass man in 24 Stunden und mit einem Müdigkeitsschleier in Peking nicht sonderlich viel anstellen kann. Große Mauer und Kaiserpalast viel zu zeitaufwändig, das Gehirn nicht aufnahmefähig und die Füße versagten den Dienst bereits im Anflug. Mein kleines Import-Exportunternehmen mit Fernweh läuft immer noch. Vor einem Flug frage ich im Bekanntenkreis, ob sich jemand was wünscht, das ich von dort mitbringen kann. So verbringe ich meinen Aufenthalt noch einigermaßen sinnvoll. Leider komme ich dann auch nicht um besagte Märkte rum.

Meine Besorgungen sind dieses Mal schnell erledigt und ich streife haste nochmal über den Markt. Meine Augen fallen auf eine Einrichtung zur Nagelverschönerung, doch mein Gehirn hat keine Sekunde Zeit, um das nachzuvollziehen, was ich sehe, da hat mich eine kleine Chinesin bereits rabiat am Arm gepackt und zieht mich in Richtung eines freien Sessels. 'Naja,' denke ich 'warum nicht?'
Man muss sich das so vorstellen: während in langen Polstersesselreihen Kund/innen vor sich hin dösen, sitzen emsige Chinesen auf kleinen Schemeln davor, die Füße der Kunden auf den Schenkeln bearbeitend. Während die Hornhaut vom Hobel in alle Richtungen spratzelt, macht sich eine zweite Chinesin an den Händen zu schaffen oder knetet Gesicht und Nacken der Dösenden. Im ersten Moment sieht das alles sehr entspannend aus.

Im zweiten Moment sitze ich in einem Sessel und bin alles andere als entspannt. Ein Fuß steckt in einer Schüssel mit lauwarmem Wasser, während mein Folterknecht den anderen begutachtet. Hey, ich weiß, dass das an meiner Fußsohle nicht toll aussieht aber ich brauche eine Schutzschicht, wenn meine Füße stundenlang in hohe Schuhe gequetscht meinen Körper grazil über die Flugzeuggänge schweben lassen sollen und bitte lass davon noch was übrig. Er zückt das Messer, ich zucke mit dem Bein. In Folge liefern wir uns einem schier endlosen Kampf, den schließlich er gewinnt. Nach dreißig Minuten zwischen Kitzel und Schmerz bin ich entlassen. Ohne tote Haut, dafür mit weißen Fußnägeln. Die Kollegin meint, man bekäme normalerweise noch Blümchen draufgemalt. Darauf verzichte ich gerne, nachdem ich mir wegen Verständigungsschwierigkeiten nicht mal die Farbe aussuchen darf. Blümchen kann ich mit 'nem schwarzen Edding auch selbst malen.



Als meine Füße wieder in Schuhen und mit mir im Taxi stecken, bin ich wirklich erleichtert. Damit sich die Qualen gelohnt haben, werde ich in nächster Zeit nur noch offene Schuhe tragen. Mit ohne Socken. Das erste Mal Pediküre in China. Für nur vier Euro. Immerhin habe ich was erlebt, das ich jetzt schreiben kann. Unbezahlbar.

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