Freitag, 22. September 2006
Sätze, die man sofort bloggen muss (9)
Amazon Kundenrezension:
Dieser Film ist schlecht. Grottenschlecht. Sollte eines meiner Kinder diesen Film gut finden, werde ich die Göre zur Adoption frei geben. Sollten meine Eltern den Film gut finden, stecke ich sie ins Altersheim. Sollte meine Frau den Film mögen werde ich sie verkaufen. Primitivster Plakatismus gebraucht schlecht getanzte Tangoszenen um einer Aneinanderreihung öder langweilender Beziehungsszenen Filmlänge zu geben. Dialoge zum in die Tonne drücken: " Ich bin schwierig! - Ich auch!" (Junge Ballettstatistin beim Diner mit fusslahmem Hauptstatist). Mein Tip: Wenn vermeidbar dann vermeiden.

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Mittwoch, 20. September 2006
And so I face the final curtain
Wann ist die Zeit gekommen, seinen Hut zu nehmen? Annemarie Wendel probte ihren Tod im Fernsehen nur wenige Monate vor der Uraufführung, während ich bei Joopi Heesters das Gefühl nicht loswerde, er hätte seine eigene Beerdigung verpasst. Nur ganz wenige schaffen einen würdevollen Abgang. Den Meisten kommt ihr physisches Ableben zuvor. Zum Glück, möchte man sagen, denn der Rest inszeniert große Verabschiedungsszenen, deren einziger Sinn darin besteht, später fulminante Comebacks zu feiern.

In manchen Berufen setzt körperliches Unvermögen einen Schlusspunkt. Berühmte Musiker wechseln ans Dirigierpult, Tänzer werden zu Choreographen und Schauspieler zu Schriftstellern. Und was tut ein Schriftsteller, dem nichts mehr einfällt? Er wiederholt sich. So lange, bis Pseudokenner die Wiederholungen zum persönlichen Stilmerkmal erklären.

Aufgewärmte Suppe von gestern bleibt immer noch Suppe von gestern. Aber wer will schon jeden Tag Suppe essen? Kochen ist nicht meine Stärke. Geduld auch nicht. Noch weniger Stagnation. Ich hau mir jetzt die Langeweile so heftig um die Ohren, bis sie mir zu allen Poren wieder rauskommt. Und dann geh ich leben. Oder sterben.

Unbekannter Sänger erfreut die Bewohner eines Altenheimes:


And here the real stuff.

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Montag, 18. September 2006
Life sucks
Bloggen ist, ein kleines jämmerliches Leben für jeden zugänglich zu machen. Das Ganze existiert in millionenfacher Ausführung. Nachmittagstalkshows im Internet. Ohne Werbepausen.

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Sonntag, 17. September 2006
Swissful thinking


















Höflich sind sie, die Schweizer. Das muss man ihnen lassen.

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Freitag, 15. September 2006
Shake your money maker
Vorgestern habe ich darüber noch gehässig verständnisvoll geschmunzelt. Einen Tag später schon verging mir das Lachen gehörig. Wahrscheinlich ist der liebe Gott nur so schnell, weil sein Stellvertreter gerade in der Nähe war. Nein, der Papst ist nicht gemeint, vielmehr der aus der Sambahüftschwungabteilung.

Kennen Sie diese Bewegung, bei der man beide Schultern und alles, was sich dazwischen befindet, frenetisch hin und herschüttelt? Richtig, das tun vorwiegend leicht bekleidete und mit Federn verzierte brasilianische Schönheiten. Was bei denen mitschwingt, ist nicht größer als ein B-Körbchen, wobei ich mich auch in diesem Fall gelegentlich fragte, welche Superklebermasse die Straßsteinchen an Ort und Stelle hält. Möglicherweise besteht der Reiz der Shows gerade darin, da das Publikum gebannt auf den Augenblick wartet, in dem die Glitzerfassade bröckelt.

Nun trugen wir gestern weder Federn noch Glitzer zur Schau, sondern einzig unsere Körper zum Training. In der Umkleide hatte ich soeben noch meine üppigen 80D mittels Sportoberbekleidung auf 75B dezimiert, da wurde von uns eben jene oben beschriebene Bewegung auszuführen verlangt. Ich erstarrte im Kreise meiner drei Mitstreiter zur Säule. Yeah, shake it baby. Was bei einem Sambagott noch durchaus graziös anmutet, würde im Körper eines Walrosses zur noch billigeren Imitation als bierbäuchiges in rosa Tütüs bei Sportfesten zelebriertes Männerballett verkommen. Rechts von mir eine große mit A-Körbchen gesegnete Blonde, links von mir ein männlicher Mittänzer und eine, die ihre Schultern meist so weit nach vorne zieht, dass ich noch nie Gelegenheit hatte, ihre Oberweite auch nur ansatzweise zu schätzen. Und dann kommt der Spruch hey, this is fun!. Ja klar, Du mich auch. In meinem Kopf läuft eine Mischung an Bildern aus The Graduate (die Szene, in der die Gogotänzerin zwei auf ihren Brüsten befestigte Quasten gegenläufig rotieren lässt) und bei Stammestänzen gefilmter hängebusiger Afrikanerinnen. Nein, mir macht das keinen Spaß. Im Gegenteil, ich fühle mich kompromittiert. Halbherzig bewege ich meine Schultern zu vorgegebenen Schritten und hoffe, dass die Stunde bald zu Ende sein möge.


Nachts träume ich wirr von bunten Federn und schönen Körpern, die sich zu heissen Sambarhythmen bewegen. Als Zuschauer wirken die Bewegungen anregend. Um mitzumachen, muss ich vermutlich noch zehn Jahre älter werden, denn mit zunehmendem Alter verlieren sich Hemmungen - so jedenfalls meine bisherige Erfahrung. Und ich bin gespannt auf die nächste Aufführung von Espirito, die ich hoffentlich sehen darf. Da sind nämlich erblich belastete Profis beim Samba aus Leidenschaft zugange. [Für die Aufführung in der Allianzarena hatte ich keine Karte]


Bild: Lécio Leal mit Partnerin

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Mittwoch, 13. September 2006
Who cares (4)

Heiliger Stuhl ist nicht die Bezeichnung für päpstliche Ausscheidung, weswegen die Übersetzung in holy shit nicht zutreffend wäre.


1989: Kardinal Joseph Ratzinger bekommt von Narrhalla-Präsident Werner Hoser im Schloss Suresnes den Karl-Valentin-Orden überreicht. Foto: SZ
Angenommen Ratze ginge zwanzig Jahre später im Fasching als Papst, würde ihn der Stoiber Edi wegen Gotteslästerung drei Jahre lang einbuchten lassen?



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Montag, 11. September 2006
She said “Hello, hey Jo, you wanna give it a go?”
Am Wochenende wird endlich mal wieder um die Häuser gezogen. Mal so richtig die Sau rauslassen. Oder das kleine Ferkel. Je nachdem. Soweit der Plan. Die Klamotten gebügelt, das Gesicht verspachtelt, aufs Radl geschwungen. Doch wohin des Weges? Das Durchschnittsalter der Clubs überschritten, das der gediegenen Tanztees noch nicht erreicht, für Ü30 Resteficken zu schade. In einer hohlen Gasse erleuchtete Scheiben. Drinnen großer Andrang hohler Hirnmasse. Wenigstens falle ich dort nicht auf. Könnte man meinen. 20jähriges Bestehen wird gefeiert. Die Musik ist deutlich älter. Das Publikum auch. An der Bar entsteht gerade eine kleine Lücke, in die ich mich hineindrücke. Hohes Aufkommen an schmalen blonden Wesen. Somit falle ich aus dem Raster und doch auf. Mein einziger Trost die Aussage meines Friseurs, ich sei dunkelblond. Hilft jetzt aber nicht wirklich, weil ich mehr als einen Gesichtsausdruck draufhabe. Die müssen - im Gegensatz zu mir - nur repräsentieren. Als Grüppchen lässig in der Ecke stehen genügt schon. Soviel Schönheit erträgt mein Selbstbewusstsein heute Abend nicht. Ich wende mich von den Püppchen ab und meinem Wodka Tonic zu. Hinter mir hat die Stimmung ihren ersten Höhepunkt erreicht. Es wird wild getanzt. Wie man halt wild auf einer Stelle tanzen kann. Ist alles Interpretationssache. Ich fühle es jedenfalls an meinem Rücken auf und ab rubbeln. Auf halbem Fuß wippe ich ein wenig mit. Der andere schwebt frei über dem Treppenabsatz. Mir wird langsam klar, warum dieser Platz an der Bar noch frei war. Zu irgendwas muss das ständige Tanztraining ja gut sein. Die Balance hält sich leichter als die Contenance.

Während ich mich auf die unglaublich interessante Musterung der Thekenoberfläche konzentriere, scheint einer der Gäste mit mir Kontakt aufnehmen zu wollen. Auf den Eiswürfel in meinem Ausschnitt reagiere ich nicht. Pubertäres Spielchen. Erst als ich mich unbeobachtet wähne, schüttle ich das kalte Nass aus dem BH. Es tropft in den freischwingenden Schuh. Mit soviel Selbstbeherrschung haben die Herrschaften hinter mir nicht gerechnet. Ein zweiter Versuch mittels Schultertippen wird gestartet, dann ein dritter. Keine Reaktion, nicht einmal ein leises Zucken. Gott, bin ich eine coole Sau. Und so fad. Nach angemessener Zeit drehe ich mich um. Gut, dass ich inzwischen unterhalb der Stufe stehe. So kann mich der Typ hinter mir auf Augenhöhe ansprechen. Der steht nämlich noch oben. Die verbale Kontaktaufnahme gestaltet sich im Gegensatz zur nonverbalen origineller. Deshalb verzeihe ich ihm auch die Frage, was ich so mache. Ich denke, antworte ich wahrheitsgemäß. Darauf fällt selbst einem Münchner Original nicht mehr viel ein. Kann er nicht wissen, dass meine Stärken auch Abwürgen leichter Konversation beinhalten. Viel mehr würde mich ja ein anderer aus der Gruppe seiner Bekannten interessieren. Der ist ein wenig zurückhaltend, ernsthafter als die anderen. Sowas weckt Mutterinstinkte. Es wird beschlossen, die Lokalität zu wechseln. Man integriert mich in die laufenden Verhandlungen. Sehr rücksichtsvoll.

Auf dem Weg zur Maximilianstraße fragt Moni, ob die Herren mehr als zwei Sätze mit mir gewechselt hätten, bevor sie mich mitschleppten. Sie könnte aber auch Marion heissen oder Maria. Halt irgendwas mit M. Natürlich ist sie blond. Ich wittere weibliche Missgunst. Was sie nicht weiß, dass einer der Herren sich ihres verwaisten Handys angenommen hat. Ich weiß es, sage aber nichts. Das Münchner Original und der ernsthafte Typ radeln neben mir, Moria vor uns her. Vielleicht war ihr Repertoire nach dem zweiten Satz erschöpft. Vielleicht wollen die Herren aber auch nur von meiner Radlfunzel profitieren. Unwahrscheinlich, denn der volle Mond knallt sein Licht auf die Münchner Schickeria. An der nächsten Lokalität angekommen taut der ernsthafte Typ so richtig auf. Es entwickelt sich zwischen uns ein Gespräch über die Wichtigkeit, ernsthaft zu sein. Sätze gefolgt von langen Pausen. Zum Nachdenken. Drei werden es insgesamt schon gewesen sein. Ganz beachtlich für diese Uhrzeit. Jemand drückt mir ein Glas in die Hand. Gläser sind auf der Nobelmeile immer zu klein. Oder zu wenig drin. Oder ich zu schnell. Es dauert nicht lange, da hänge ich dem ernsthaften Typ am Hals. Oder er an meinem. Vermutlich hat mich nur jemand gestoßen. So genau weiß ich das nicht mehr. Sowohl die Balance als auch meine Contenance haben sich soeben verabschiedet. Spätestens als der ernsthafte Typ mit der Zunge sehr sorgfältig meine Mundhöhle inspiziert, ist das mit der Moral auch gegessen. Wären wir zwanzig Jahre jünger, hätten sich mit Sicherheit unsere Zahnspangen verhakt. So aber brauche ich mir keine Gedanken um die neuen Inlays zu machen. Die sitzen bombenfest. Nein, ganz so schlecht küsst er nicht. Im Gegenteil. Eine gewisse Ernsthaftigkeit lässt sich nicht leugnen.

Ich bestelle neu. Reden macht durstig. Knutschen auch. Die Halbwertszeit meines Getränkes sinkt drastisch zu fortgeschrittener Stunde. Dabei habe ich noch nicht einmal getrunken. Vom Tisch gefallen ist es. Einfach so. Wie von Geisterhand. Könnte aber auch mein Absatz gewesen sein. Ein rechter Scheißdreck ist das mit den niedrigen Tischen in diesen neumodischen Läden. Die Tatsache, dass die Ledersohlen meiner sündhaft teuren neuen Schuhe jetzt Alkohol saugen, wird verdrängt. Man muss Prioritäten setzen. Der Austausch von Körperflüssigkeit hat eindeutig Priorität. Das stärkt das Immunsystem. Was ich zudem verdränge ist eine Ansage des ernsthaften Typen, er müsse am nächsten Tag früh aufstehen und deswegen jetzt heim. Er wiederholt sich dreimal. Jedesmal unterbricht er seinen Satz, um mich zu küssen. Red du nur, denke ich. Solange du deine Zunge unter meinem Tisch.... Als er meine Hand auf seinem Oberschenkel spürt, springt er wie von der Tarantel gestochen auf und geht. Jetzt übertreibt er aber. Ich bin ja selber überrascht, wie die da hingekommen ist. Aber wir sind auch keine Zwanzig mehr. Die Chose war sowas von klar. Sonnenklar sozusagen.

Wir hinterlassen einen recht desolaten Eindruck, die Designersitzgruppe und ich. Ich grinse debil vor mich hin. Was soll ich auch anderes tun. Das Münchner Original sitzt noch neben mir. Er hat ja versprochen, auf mich aufzupassen. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass er seine große Chance jetzt gekommen sieht. Ich hingegen sehe da überhaupt nichts. Ganz unterschiedliche Blickwinkel. Sogar im Sitzen. Eine Weile scheint er zwischen Gentleman und Resteficken hin und hergerissen. Dann entlasse ich ihn aus seiner Verantwortung. Wir sind schließlich keine Zwanzig mehr. Ich bin schon groß. Naja, zumindest breit. Im wahrsten Sinne des Wortes. Darüber komme ich spätestens am nächsten Tag weg. Man hat ja Disziplin. Nicht aber über das Verhalten des ernsthaften Typen. Und heute ist schon Dienstag. Fast. Und ich wieder Zwanzig. Fast. So doof halt.

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Who cares (3)
Morgen vor fünf Jahren sollte ich nach NYC fliegen. Mein erster Gedanke bei den Bildern vom einstürzenden WTC: Mist, da oben bist Du nie gewesen! (Letzte Chance Ende August sprichwörtlich verschlafen). Der zweite: Da hab ich morgen also frei?

Abstumpfungsfolgen durch Informationsoverkill. Wer noch nie zu Bildern von Krieg und Zerstörung Chips gegessen hat, werfe den ersten Stein.

Nachtrag: natürlich haben mich die Geschehnisse betroffen gemacht. Aber sind wir mal ganz ehrlich, ist es nicht so, dass vieles, was wir an Bildinformation aufnehmen, weit weg scheint? Nach geraumer Zeit ist alles nur noch lauwarm, was vorher überkochte. Wer erinnert sich denn noch an den Tag als die Tsunamiwelle über einige Teile der Welt rollte? Und wer weiß noch, was er tat, als der Krieg im Kosovo ausbrach? Betroffenheit wird heutzutage in Hollywoodmanier zelebriert. Schön bunt müssen die Bilder sein und möglichst viele Tränen rühren, damit der Rubel rollt. Der Propagandawolf im Informationspelz. Keine Absolution nötig.

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Samstag, 9. September 2006
God is a concept by which we can measure our pain
Dieses Land macht mir Angst. Genauer gesagt die Menschen, die sich hier aufhalten. Wahrscheinlich wäre meine Angst nicht auf ein Land beschränkt, würde ich mich länger andernorts aufhalten. So aber konzentriert sich meine individuelle Wahrnehmung auf meine alltägliche Umgebung. Da passiert etwas und kaum einer sieht hin. Ich meine nicht die Katastrophen durch Unwetter und Gewalteinwirkung, ich meine die kleinen Dinge, die täglich stattfinden. Das Große beginnt im Kleinen. In jedem von uns.

Gestern blieb im Haus der Fahrstuhl stecken. Die Eingeschlossene betätigte den Notfallknopf und das laute Fiepen war deutlich im gesamten Gebäude zu hören. Mir war sofort klar, was da vor sich ging, doch wartete ich eine kleine Weile, bevor ich aktiv wurde. Nicht weil ich die Person quälen wollte, sondern um zu sehen, wer ausser mir darauf reagiert. Im Haus hielten sich ausser mir noch mehr Mieter auf, doch keiner schien sich zu Handeln aufgefordert zu fühlen. Also rief ich der Dame zwischen viertem und fünften Stock zu, ich würde Hilfe holen.

Vor längerer Zeit fand ich auf der Straße eine bewußtlose Person. Es war Nacht und Winter zudem. Die Frau wäre erfroren, hätte sie noch länger dort gelegen. Sie atmete kaum noch. Als ich Passanten zurief, sie sollten einen Rettungswagen alarmieren, erntete ich nur Kopfschütteln. Die nächsten Fußgänger vergrößerten schlichtweg ihren Radius um mich und die Bewußtlose. Ich ging in die nächste Kneipe und orderte dort selbst einen Rettungswagen. Dann wartete ich neben dem leblosen Körper. Von den Sanitätern erfuhr ich, es handele sich um eine Fixerin, die sich den goldenen Schuß gesetzt hatte.

Als wir auf der Rückkehr von einem Nachttauchgang auf der dreispurigen Autobahn ein brennendes Fahrzeug passierten, waren wir nicht die Ersten, die hielten, jedoch die ersten, die handelten. Es ist nicht leicht, eine vielbefahrene dreispurige Straße im Dunkeln abzusichern, auf der gerade eine Benzinspur entflammt. Da ich Umstehende anwies, Rettungswagen und Feuerwehr zu alarmieren, schien ich plötzlich Ansprechpartner und Beschwerdestelle zugleich zu sein. Einer sei vorhin über lose Fahrzeugteile gefahren, wer denn die Kosten dafür übernehme, ein anderer wollte wissen, wer ihm seine Decke ersetze, auf die wir den Verletzten gelegt hatten. Ich drehte mich wortlos um und ging.

Selbst schuld höre ich sie sagen, was kann ich schon tun. Ich bin beileibe nicht altruistisch veranlagt aber wenn diese Einstellung der Allgemeinheit weiter zunimmt, wird man mir bald ein Helfersyndrom diagnostizieren. Denn statt selbst aktiv zu werden, schreit alle Welt nach höheren Institutionen. Die Regierung wird´s schon richten. Wenn die nicht hilft, wird nach Gott gesucht. Kindliches Verhalten, nach den Eltern zu rufen, wenn man selbst hilflos scheint. Wir leben in einer Gesellschaft von überalterten Kleinkindern. Man überlässt das Handeln den Mächtigeren und beschwert sich im Gegenzug über Reglementierungen, die die eigene Freiheit einschränken. Ich beobachte dieses Verhalten schon eine ganze Weile (unter anderem hier* zu lesen). Aber was sollen mehr Kameras, stärkere überwachung und verschärfte Sicherheitsmaßnahmen ausrichten, wenn der Einzelne es versäumt, für sich Verantwortung zu übernehmen? Ich höre die Stimmen der ach so Wehrlosen: Ich gehe wählen aber was kann ich damit schon ausrichten? Die Politiker tun doch sowieso, was sie wollen. Politik, Wirtschaft, Macht und Geld, das hängt doch alles zusammen. Die Chose ist mir eine Nummer zu groß. Vielleicht liegt es genau daran, sich eben nicht seiner Freiheit berauben zu lassen, indem Eigenverantwortung übernommen wird. Zugegeben, das ist erst mal unbequem, denn schließlich bin ich damit auch für meine Fehler selbst verantwortlich. Lieber springen wir wie die Lemminge in den Abgrund, als uns auf eigene Beine zu stellen. Als Einzelperson kann ich nicht die Welt revolutionieren. Was ich allerdings tun kann, ist, meine eigene Einstellung zu revidieren. Wenn ich den Mut finde, mich in Wort und Tat gegen den allgemeinen Tenor zu stellen, bin ich schon stärker als drei Mitläufer. Sicher findet sich bald einer, der ähnlich denkt, dann noch einer und noch einer. Nur so kann etwas Neues beginnen, nur so existiert überhaupt eine Chance auf Veränderung.

Eine Lebenseinstellung lässt sich trainieren, wie alles. Es erfordert ein wenig Disziplin. Dann ist nichts mehr mit Ausflüchten wie so bin ich eben oder in meinem Alter kann man sich nicht mehr ändern. Unbequem zu sein, fällt mit der Zeit immer leichter, ja es kann sogar Spaß machen. Dieses Wochenende habe ich genügend Gelegenheit, die Herdenkatholiken auf der Straße zu beobachten. Ja, betet ihr nur für eine bessere Welt. Betet zu höheren Mächten und betet für euren heiligen Vater, Ersatzfigur für eine verlorene Kindheit. Ich weiß, ich bin mein eigener Gott, wenn auch ein ganz kleiner. Und ich möchte nie mehr tauschen.

*wo ich ebenfalls schon Beiträge einstellen durfte

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Freitag, 8. September 2006
Verano pasado
Die Tage werden kürzer, die Träume schwerer. Während letzte Sommergewitter das Ende einer Jahreszeit manifestieren, geht drinnen die Sehnsucht los. Letzte Gefühle von Leichtigkeit, von eruptiver Hitze, dann versiegt das Flimmern der Atmosphäre für lange Zeit.

Die Menschen werden stiller, hüllen ihre Seelen ein, um sie gegen den rauhen Wind zu schützen, der bald durch die Straßen der Begegnung fegt. Nur einmal noch wird für kurze Zeit ein kleines Fenster zum Herzen geoffnet. Dann nämlich, wenn der Kalender das Fest der Liebe anzeigt. Zu kurz zum Luft holen, schnell die Läden wieder versiegelt, damit die Wärme drinnen bleibt, die doch nur abgestandene Erinnerung ist.

Ach könnte ich ihn halten, den Sommer. In der Hand das blaue Band, stehe ich alleine auf der Straße. Die Ahnung, um das, was jetzt kommt, lässt es mich zerknittern. Nicht die Gewissheit um den nächsten Sommer, nicht die Erinnerung an strahlendes Licht, nichts kann mir die Angst nehmen, vor dem, was schon jetzt in jedem Morgen anbricht.

Ich öffne die Hand und betrachte das Band. Der Schweiß hat Schmutzränder darauf hinterlassen. Durch die Finger lasse ich es ins klare Wasser gleiten. Ich werde es säubern und trocknen und danach einem geben, dessen Sommer kürzer war als meiner, einem, der mehr Herbste durchlebte und den die Erinnerung mehr wärmt als mich. Und dann werde ich warten. Vielleicht kommt ein andrer, der mich an seinem blauen Band durch das Dunkel führt.

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Dienstag, 5. September 2006
Girl we'll be just like a bumper car
Gestern, da glaubte ich für einen kurzen Moment wieder an Romantik, an die große Liebe und an ein Schicksal. Starker Tobak, höre ich da die Agnostiker aufschreien. Fürwahr überdosiertes Hollywoodcredo für einen Realisten wie mich. Mit einem kleinen blauen Zettel unter dem Scheibenwischer fing alles an. Das krakelige Schriftbild durchdrang alsbald die dünnhäutige Gedankenblase wie eine Nadel und ließ sie platzen. Eine Telefonnummer sollte ich wählen. Doch nicht etwa, um in den Genuss eines Hormoncocktails zu kommen, sondern um finanzielle Satisfaktion für die Gratisrallyestreifen an meinem Auto einzufordern. Männer müssen wohl erst Sachschäden fabrizieren, um in die Gänge zu kommen.

Da ich derzeit eine humanitäre Phase durchlaufe (so mit Fremde anlächeln, Komplimente machen, Gratisratschläge verteilen, Geschenke verschicken, Sie wissen schon), wollte ich den Schaden auf sich beruhen lassen. Immerhin parke ich selbst französisch, meine Stoßstange sieht dementsprechend aus und das Auto gehört nicht zu meinen persönlichen Devotionalien. Das schadenverursachende Auto war zudem ein Opel und mit Opelfahrern bin ich von Natur aus nachsichtig - nicht wegen opelnder Blogger, sondern wegen Sentimentalitäten bezüglich einst eigenem opelnden Opa. Dieses Angebot wurde heute brüsk aufgrund von Firmenwagenmodalitäten ausgeschlagen. Nun also doch Versicherungssache, und ich verdiene mir an den heissen kostenlosen Seitenstreifen jetzt eine goldene Nase. Ein Beweis mehr für materielle Übergewichtigkeit in dieser Welt. Where is all the romance gone?

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