Donnerstag, 18. Oktober 2007
What you get is what you see
Ein déjà-vu jagt das nächste. Die (Wieder-)Entdeckung der Langsamkeit. Elsa hieß das Modem, das Kilobite für Kilobite durch die Drähte schaufelte, und war grün, das aber nur am Rande. Als vor Kurzem das viel schnellere Modem seinen Geist aushauchte, fanden sich noch Reminiszenzen von Elsa in irgendwelchen Systemdateien. Wir trennten uns vor etwa zwei Jahren. Danach verbrachte sie einsame Nächte in den Tiefen des Einbauschrankes. Kürzlich fiel sie mir wieder in die Hände und ich setzte sie am Straßenrand aus. Jemand muss sie noch in derselben Nacht adoptiert haben, denn am nächsten Morgen war sie verschwunden. Elsa war langsam, dafür umso zuverlässiger. Nicht so wie die jungen Dinger ohne Durchhaltevermögen. Mein Neuer heißt Fritz und hat sein Pulver schon nach wenigen Tagen verschossen. Jetzt weigert er sich, Bilder und Metaphern durch den Äther zu leiten. Ganze Seiten lädt er nur noch mit viel Zureden und Bestätigung. Ein Ende der Rekonvaleszenz ist nicht in Sicht. Fritz ist schuld, wenn hier in geraumer Zeit nichts Neues erscheint. Alte Schnarchnase!
CHRRRRRRRrrrrrrrzzzzzzzzz...

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Mittwoch, 10. Oktober 2007
Wer, wie was?
Auf dem Heimflug, den wir in Uniform zwischen den Passagieren sitzend antreten, neben mir ein achtjähriger Junge auf dem Weg von einem Elternteil zum anderen. Normalerweise stelle ich mich 'tot', um Gesprächen mit Umsitzenden zu entgehen und auch das Kindchenschema animiert nicht zwingend mein Fürsorgegen. Ganz entgegen meiner Gewohnheiten bekämpfe ich die bleierne Müdigkeit und lasse mich auf eine Unterhaltung ein. Das Handy müsse er jetzt ausschalten, meint der Kleine pflichtbewußt. Auf meine Frage, ob denn seine Klassenkameraden auch so ein Ding besitzen, nickt er kurz. Die hätten sogar welche mit Kamera und so Schnickschnack aber die Nummern, die wisse er nicht und deswegen könne er auch nicht mit ihnen telefonieren. Selbst seine eigene Nummer kenne er nicht, denn er soll damit ja nur zu Hause anrufen und sagen, dass er jetzt angekommen sei. So etwas habe ich mir bereits gedacht. Gleichzeitig fühle ich mich sehr alt, so alt, wie man sich bei dem 'zu meiner Zeit' Gedanken eben fühlt.

Als wir starten, sage ich, das sei mein liebster Moment beim Fliegen. Die Geschwindigkeit drückt den Körper noch ein wenig tiefer in die Sitze, fast wie beim Achterbahn fahren. Er sagt, das wäre ganz anders, weil eine Achterbahn erst ganz langsam anfahre und danach erst die Geschwindigkeit komme. Ich entschuldige mich für den schlechten Vergleich, doch er nickt wissend. Wenn man oben sei, so der Kleine, dann spüre man beim Fliegen ja überhaupt nichts mehr, das sei als ob man stehe. Nur die Kurven, die würde man manchmal ein wenig spüren.

Dann sieht er mir direkt in die Augen. Er hätte da mal eine Frage: wenn man so eine Kurve fliege, das wäre ja seltsam, dass da trotzdem alles gerade bleibe. Er hätte einmal seine Jacke aufgehängt und die hinge in einer Kurve völlig gerade zum Flugzeugboden. Dabei müsse die ja eigentlich schräg hängen. Plötzlich lauschen Umsitzende auffällig unauffällig unserem Gespräch. Alle warten auf die logische Erklärung einer Fachkraft. Mir wird ein wenig mulmig, weil mir keine intelligente Antwort einfallen will. Erst rede ich ein wenig herum, stammle etwas von Geschwindigkeit und dass beim Start ja alles schräg hängt. Schließlich gebe ich zu, es nicht wirklich zu wissen. Die Umsitzenden wenden sich wieder ihren Gesprächen oder der Zeitungslektüre zu. Der Junge zuckt kurz mit den Schultern: "Naja, dann frage ich eben meinen Papa, der ist auch Flugbegleiter." Hoffentlich hat der Papa die richtige Antwort parat. Und zu meiner Ehrenrettung bei nächster Gelegenheit warte ich mal auf eine physikalische Erklärung von Herrn NFF, denn der muss es ja wissen.


Wissenswertes vom Fachmann:
Warum sie oben bleiben

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Montag, 8. Oktober 2007
A room with a view (19)


Fast acht Jahre war ich nicht mehr dort. Ich wollte nicht mehr nach Barcelona. Nicht in dieses neue Hotel, das gefühlte Lichtjahre vom Zentrum entfernt liegt. Das alte Hotel lag direkt an den Ramblas, hatte Flair und Steinboden, der jeden Schritt auf dem Gang akustisch verstärkte. Deswegen suchte man ein neues Hotel, eines mit Teppich.

Vor acht Jahren war jede Stadt spannend, jedes Hotel neu und jeder Aufenthalt aufregend. Damals glaubte ich noch, dass männliche Kollegen nur meine inneren Werte schätzen. So schlug ich einem, der von meinen inneren Werten besonders angetan schien, vor, den anstehenden Urlaub gemeinsam zu verbringen. Wir begossen unsere tollkühnen Pläne mit viel Flüssigkeit in diesem alten Hotel mit dem Steinboden. Als uns der Nachschub an der Bar wegen Dienstschluß verweigert wurde, wankten wir über den Steinboden zum Aufzug. Das richtige Zimmer zu finden, gestaltete sich außerordentlich schwierig und als der Schlüssel wenigstens ein richtiges Schloß fand, wollten wir kein Risiko eingehen. Immerhin waren da zwei Einzelbetten, die sich aber leicht über den Steinboden schieben ließen.

Am nächsten Morgen weckten mich Schritte und laute Stimmen. Was sich anhörte wie eine Personalversammlung direkt vor dem Bett, fand in Wirklichkeit auf dem Flur statt. Im Zimmer war ich allein. Ein kurzer Rundblick ließ mich erleichtert aufatmen. Mein Koffer, meine Kleider, mein Zimmer. Noch wusste ich weder, warum die Betten zusammengeschoben waren, noch von der Minibarrechnung, die auf mich wartete. Auf dem Nachttisch eine Visitenkarte und ein Gruß von einem, den ich nicht kannte. Noch nicht.

Zwei Monate später verbrachten wir eine gemeinsame Woche in einem Hotel mit Steinboden. Diesmal beschränkten wir uns nicht nur auf meine inneren Werte. Ein Jahr später zog ich mit einem Koffer in seine kleine Wohnung. Meine Möbel standen noch in einer anderen Stadt. Wir suchten nach einer größeren Bleibe, etwas mit Steinboden oder Parkett. Bezahlbar war jedoch nur Auslegware. Nach wenigen Monaten waren meine inneren Werte so platt wie sein Teppich. Irgendwann fand ich eine kleine Wohnung mit Parkett, nur für mich alleine. Er half beim Schieben des Bettes und baute die Regale auf. Dann kehrte er zu seinem Teppich zurück.

Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Es gibt kaum noch Hotelzimmer ohne Teppich. In manchen Hotels ist der Teppich inzwischen so lebendig, dass er als erstes draußen ist, wenn's brennt. Eine Hinweistafel neben der Türe mit der Aufschrift "Hier entsteht ein Mikrobiotop" würde mich nicht wundern. Dabei schluckt Teppich nicht nur Geräusche, sondern auch jegliche Romantik. Und Barcelona wird in meiner Erinnerung immer das kleine Hotel mit dem unvergleichlichen Flair und dem Steinboden sein.

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