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Dienstag, 23. Februar 2021
Homeless
frau klugscheisser, 20:42h
Ich habe Fragen.
Vor einigen Tagen war es sehr kalt, danach sehr warm. Möglicherweise ist das Bild Ergebnis eines mit dem Wetterbericht abgestimmten Großwaschtages. Und je länger ich darüber nachdenke, umso trauriger macht es mich.
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Donnerstag, 3. September 2020
Ain't no Mountain High Enough
frau klugscheisser, 21:44h
Zwischendrin war ich dann mal wieder in Stuttgart. Das ist diese hügelige Stadt, in der ich einst den Führerschein gemacht habe und in der kein Bike mehr ohne E vorne fährt. Die innerste Innenstadt geht noch - zumindest die Fussgängerzone vom Bahnhof zum Königsplatz und ein Stück weiter ist flach. An den Rändern geht's aber schon nach oben los. So erinnere ich mich, wie ich zu Studienzeiten vom Hauptbahnhof - von dem inzwischen nicht viel mehr als eine riesige Baugrube übrig ist - über den Schlossgarten die Musikhochschule ansteuerte, davor aber die Landhausstraße hoch abbog, an der alten John Cranko Schule vorbei, danach in den Innenhof einbiegend am Wohnhaus meines Professors kurz vor Klingeln pausierte, denn es lagen sechs Stockwerke Altbau vor mir, an dessen Ende mich der über Sechzigjährige fröhlich in der Türe stehend begrüßte. Mir war es als Teenager immer ein wenig peinlich, weil ich so außer Atem war. Zudem sollte ich die kommende Stunde genau diesen Atem durch mein Instrument in Töne umwandeln. Eigentlich hatte ich vom vielen Fahrradfahren durch die Weinberglandschaft schon etwas Kondition gesammelt, doch die Begrüßung fiel immer sehr kurzatmig aus. Das Dilemma bestand darin, dass ich den guten Mann vom Zeitpunkt des Klingelns gemessen nicht länger als nötig an der Wohnungstüre warten lassen wollte. Verschnaufpausen im Zwischengeschoss waren demnach nicht drin. Kurz vor Drücken der Glocke nahm ich also jedes Mal noch einige tiefe Atemzüge, ähnlich der Apnoetauchenden kurz bevor sie unter Wasser gehen. Oben angekommen presste ich eine höfliche Begrüßungsfloskel zwischen gezwungen verlangsamten und manchmal auch angehaltenen Atemzügen heraus. Der rote Kopf verriet mich aber doch jedes Mal.
Dieses Mal ging ich andere Stufen - Stäffele, wie der Schwabe sie liebevoll nennt. Der alte Freund wohnt im Gebiet am Hang, das nur über eine lange Treppe oder viel Umweg zur nächsten Hauptverkehrsstraße führt. Und weil ich viel Zeit und wenig Schlaf hatte, dachte ich, es sei eine vorzügliche Idee, diese Stufen zu sportlichen Zwecken ein paar Mal nach oben zu laufen. Runter ging's über den geschlungenen und sehr steilen Weg durch einen Park. Mal abgesehen vom (natürlich rein temperaturbedingten) roten Kopf, war es ein wirklich gutes Training, das ich fast noch eine Woche später in den Waden spürte. Aber die Aussicht war phänomenal.

Dieses Mal ging ich andere Stufen - Stäffele, wie der Schwabe sie liebevoll nennt. Der alte Freund wohnt im Gebiet am Hang, das nur über eine lange Treppe oder viel Umweg zur nächsten Hauptverkehrsstraße führt. Und weil ich viel Zeit und wenig Schlaf hatte, dachte ich, es sei eine vorzügliche Idee, diese Stufen zu sportlichen Zwecken ein paar Mal nach oben zu laufen. Runter ging's über den geschlungenen und sehr steilen Weg durch einen Park. Mal abgesehen vom (natürlich rein temperaturbedingten) roten Kopf, war es ein wirklich gutes Training, das ich fast noch eine Woche später in den Waden spürte. Aber die Aussicht war phänomenal.

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Montag, 24. August 2020
Cry Me a River
frau klugscheisser, 10:38h
Vor einigen Tagen stieß ich auf diesen Artikel, der mich aus mehreren Gründen ansprach. Es geht darin um Musikstudierende, die wegen der allgemeinen Situation vermehrt im Unterricht weinen:
"Für die Musikstudenten ist der Zustand der Isolation mehr als nur unangenehm: Sie brauchen den sozialen Kontakt, um gemeinsam musizieren zu können. Und sie brauchen ein Publikum, das ihnen zuhört."
Zunächst erinnerte mich diese Zeilen an mein eigenes Studium. Die Arbeit, das Erlernen der Technik, geschieht natürlich alleine - das Studium besteht hauptsächlich daraus. Doch worunter ich am meisten gelitten habe, waren schon damals die vielen einsamen Stunden ohne Austausch, die Harmonien im Kopf zur Melodie ergänzend. Die wenigen Proben im Zusammenspiel halfen da nicht drüber weg, obwohl sie natürlich einen Höhepunkt und beliebte Abwechslung zum tristen Üben darstellten. Wenn Liebhaber von der Schönheit des Musikmachens schwärmen, ist die Vorstellung immer auf Zusammenspiel bezogen. Dass Profis die Proben so effizient und kurz wie möglich halten, ist ausserhalb ihres Verständnisses. Denn während für einen Profi die Probe nur zur Feinabstimmung im Hinblick auf die Aufführung dient, möchte der Laie so lange wie möglich mit anderen zusammen spielen. Meist steht dahinter auch kein Aufführungsdatum als Ziel, sondern das Zusammentreffen selbst.
Der zweite Aspekt des Artikels bewegt mich noch mehr, denn obig zitierter Satz betrifft nicht nur Musikschaffende, sondern eigentlich alle. Ersetzt man Musikstudenten durch Menschen und musizieren mit existieren, ist es die Zusammenfassung dessen, was ich derzeit erlebe. Mein ganzes Leben war bisher um Kommunikation und Verbindung zu anderen angesiedelt. Nun ist meine Arbeit weggebrochen, meine Freizeittätigkeiten liegen brach und der tägliche Austausch reduziert sich auf die wenigen Worte, die ich mit der Kassiererin im Supermarkt wechsle. Ich sitze wochenlang alleine in meiner Wohnung und weiß nicht, wie ich daran etwas ändern könnte. Telefonate können das nicht auffangen. Der einzige Unterschied zur Artikelüberschrift ist, dass ich nicht weine. Innerlich fühle ich mich aber sehr schwach, wenn nicht gar weinerlich. Das ist mir einerseits peinlich, denn Jammern war nie meine Absicht, und andererseits halte ich mit der wenigen Restenergie meine Fahnen hoch, versuche mich abzulenken oder mir Tätigkeiten auszudenken und bewahre Haltung. Das hat mich die Gesellschaft gelehrt, denn nur der Produktive bekommt Anerkennung.
Ich denke viel darüber nach, was in meinem Leben falsch gelaufen ist, über die Abzweigungen und meine generelle Einstellung, über das Älterwerden und mein Ringen mit dessen Auswirkungen. Mein Erleben beziehe ich rein auf meine Person, wohl weil ich nur wenig von anderen mitbekomme, wie sie all die Einschränkungen empfinden - der Austausch fehlt. Mich wundert, nicht mehr offene Zustandsbeschreibungen in Blogs zu finden. Aber auch hier ist man entweder zu beschäftigt oder zu bedeckt, um sich damit auseinanderzusetzen. Dabei würde genau das helfen. Die Erkenntnis, dass es anderen ähnlich geht, gäbe ein Gefühl von Gemeinschaft. Stattdessen sehe ich im Vergleich nur, was andere scheinbar haben das mir fehlt. Ich wünschte, die Pandemie brächte eine Veränderung in der inneren Auseinandersetzung mit sich und anderen. Von Gemeinsamkeit und Miteinander wird geredet, wenn es um deren Bekämpfung geht. Der Feind sitzt scheinbar draussen, doch was eigentlich fehlt, ist die Ehrlichkeit, Verletzbarkeit und Menschlichkeit, die das Miteinander erst wirklich werden lässt. Wir funktionieren nämlich als soziale Wesen nur in Beziehung mit anderen.
Lösungsvorschläge habe ich keine, nicht mal eine Pointe ausser der, dass ich nicht weine. Dabei würde ich es gerne mit jemandem, der nicht urteilt, sondern mitfühlt. Miteinander weinen - wörtlich oder metaphorisch - ist nämlich die höchste Form von Miteinander.
"Für die Musikstudenten ist der Zustand der Isolation mehr als nur unangenehm: Sie brauchen den sozialen Kontakt, um gemeinsam musizieren zu können. Und sie brauchen ein Publikum, das ihnen zuhört."
Zunächst erinnerte mich diese Zeilen an mein eigenes Studium. Die Arbeit, das Erlernen der Technik, geschieht natürlich alleine - das Studium besteht hauptsächlich daraus. Doch worunter ich am meisten gelitten habe, waren schon damals die vielen einsamen Stunden ohne Austausch, die Harmonien im Kopf zur Melodie ergänzend. Die wenigen Proben im Zusammenspiel halfen da nicht drüber weg, obwohl sie natürlich einen Höhepunkt und beliebte Abwechslung zum tristen Üben darstellten. Wenn Liebhaber von der Schönheit des Musikmachens schwärmen, ist die Vorstellung immer auf Zusammenspiel bezogen. Dass Profis die Proben so effizient und kurz wie möglich halten, ist ausserhalb ihres Verständnisses. Denn während für einen Profi die Probe nur zur Feinabstimmung im Hinblick auf die Aufführung dient, möchte der Laie so lange wie möglich mit anderen zusammen spielen. Meist steht dahinter auch kein Aufführungsdatum als Ziel, sondern das Zusammentreffen selbst.
Der zweite Aspekt des Artikels bewegt mich noch mehr, denn obig zitierter Satz betrifft nicht nur Musikschaffende, sondern eigentlich alle. Ersetzt man Musikstudenten durch Menschen und musizieren mit existieren, ist es die Zusammenfassung dessen, was ich derzeit erlebe. Mein ganzes Leben war bisher um Kommunikation und Verbindung zu anderen angesiedelt. Nun ist meine Arbeit weggebrochen, meine Freizeittätigkeiten liegen brach und der tägliche Austausch reduziert sich auf die wenigen Worte, die ich mit der Kassiererin im Supermarkt wechsle. Ich sitze wochenlang alleine in meiner Wohnung und weiß nicht, wie ich daran etwas ändern könnte. Telefonate können das nicht auffangen. Der einzige Unterschied zur Artikelüberschrift ist, dass ich nicht weine. Innerlich fühle ich mich aber sehr schwach, wenn nicht gar weinerlich. Das ist mir einerseits peinlich, denn Jammern war nie meine Absicht, und andererseits halte ich mit der wenigen Restenergie meine Fahnen hoch, versuche mich abzulenken oder mir Tätigkeiten auszudenken und bewahre Haltung. Das hat mich die Gesellschaft gelehrt, denn nur der Produktive bekommt Anerkennung.
Ich denke viel darüber nach, was in meinem Leben falsch gelaufen ist, über die Abzweigungen und meine generelle Einstellung, über das Älterwerden und mein Ringen mit dessen Auswirkungen. Mein Erleben beziehe ich rein auf meine Person, wohl weil ich nur wenig von anderen mitbekomme, wie sie all die Einschränkungen empfinden - der Austausch fehlt. Mich wundert, nicht mehr offene Zustandsbeschreibungen in Blogs zu finden. Aber auch hier ist man entweder zu beschäftigt oder zu bedeckt, um sich damit auseinanderzusetzen. Dabei würde genau das helfen. Die Erkenntnis, dass es anderen ähnlich geht, gäbe ein Gefühl von Gemeinschaft. Stattdessen sehe ich im Vergleich nur, was andere scheinbar haben das mir fehlt. Ich wünschte, die Pandemie brächte eine Veränderung in der inneren Auseinandersetzung mit sich und anderen. Von Gemeinsamkeit und Miteinander wird geredet, wenn es um deren Bekämpfung geht. Der Feind sitzt scheinbar draussen, doch was eigentlich fehlt, ist die Ehrlichkeit, Verletzbarkeit und Menschlichkeit, die das Miteinander erst wirklich werden lässt. Wir funktionieren nämlich als soziale Wesen nur in Beziehung mit anderen.
Lösungsvorschläge habe ich keine, nicht mal eine Pointe ausser der, dass ich nicht weine. Dabei würde ich es gerne mit jemandem, der nicht urteilt, sondern mitfühlt. Miteinander weinen - wörtlich oder metaphorisch - ist nämlich die höchste Form von Miteinander.
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Donnerstag, 20. August 2020
Everything Counts in Large Amounts
frau klugscheisser, 22:17h
Bei meinem heutigen Ausflug an den Starnberger See konnte ich wunderbare Sozialstudien betreiben, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Nicht am See selbst, denn dort beobachtete ich vor allem die Segler und Ruderer oder starrte einfach auf's Wasser. Dafür war die Heimreise mit der S-Bahn umso ergiebiger.
Die elektronische Anzeige kündigt die Bahn zurück in die Stadt mit wechselnden Abfahrtszeiten an. Als sie auf dem gegenüberliegenden Gleis eintrifft, stellt sich auch die Gleisangabe als irrtümlich heraus. Innerlich gebe ich sie bereits verloren, denn um sie zu erreichen, muss ich durch die Unterführung auf die andere Seite, setze mich aber dennoch mit vielen anderen Wartenden in Richtung Treppenabgang in Bewegung. Die Menschenmenge begegnet beim nächsten Treppenaufgang den Angekommenen, die Treppe bietet zu wenig Raum für gleichzeitigen Auf- und Abstieg. In beide Richtungen wird geschnaubt, gedrängelt und geschwitzt, denn die Temperaturen liegen im Aussenbereich um 30°. Oben laufe ich noch ein Stück nach vorne. Vermutlich steigen alle bei der ersten erreichbaren Türe ein. Ich befinde mich zunächst in einem fast vollständig leeren Abteil, bis sich nach wenigen Minuten drei ältere Damen im geschätzten Alter um 75 in der Sitzgruppe neben meiner niederlassen. Nach und nach stoßen eine Ausflugsgruppe und weitere Einzelpersonen hinzu.
Gerti, die vermutlich älteste der Damenrunde, beschwert sich bei den Freundinnen über die Gleisänderung. Man hätte schließlich mehr als 10 Minuten auf dem falschen Bahnsteig gewartet und hätte da ja schon in Ruhe das Gleis wechseln können, hätte man's halt gewusst. Aber nein - und da pflichten ihr die Freundinnen eifrig bei - da müsse man sich auf den letzten Drücker abhetzen und zudem so ohne Information, das sei wirklich nicht die feine Art. Nun sei man aber froh, es rechtzeitig geschafft zu haben. Auch hier wieder eifriges Nicken der Begleiterinnen. Mir fällt auf, dass ich diese Stimmen bereits am falschen Bahnsteig sich über fehlenden Schatten beschweren gehört habe. Und obwohl ich nach vorne in die Sonne auswich, während die Drei im Schatten am Treppenabgang warteten, kann ich meinem Schicksal nicht entgehen.
Nach der zweiten Station hält der Zug unvermutet auf freier Strecke. Ein paar Minuten passiert nichts, dann fällt Gerti ein, dass sie genau diese Situation vor Kurzem schon einmal erlebte. Keine Information hätt's gegeben, nichts. Noch beraten die Damen, ob es schlimmer sei, in einem Tunnel zu stehen oder auf freier Strecke. Nach weiteren fünf Minuten hat es auch jetzt noch keine Durchsage gegeben und die Damen werden unruhig. Ob Gerti wohl Recht behält und der Zug diesmal auch eine halbe Stunde ohne Erklärung auf der Stelle bleibt? Es werden Handys gezückt. Die Verspätungsapp hat Gerti nicht drauf, denn die braucht so viel Platz. Karla hat mehr Speicher, kann aber keine Verspätung ablesen. Da schallt die Stimme des Zugführers in tiefem bayrisch und auch sonst schwer verständlich durch das Abteil. "Mndammherrrrrn wenganaratchnschnStrrrrrunghamapfrrrrammmpstzt... wanniwoaswaslosis."
Gerti ist indigniert, weil die Damen nichts verstehen, obwohl sie selbst sowohl Landessprache als auch Dialekt beherrschen. Ich überlege kurz ob ich übersetze, verwerfe den Gedanken dann aber kurzerhand, da ich nicht in's Gespräch eingebunden werden möchte. Überhaupt möchte ich nur sitzen und beobachten, was mit den Leuten um mich und mit mir geschieht. Die Bahn steht nun schon seit 20 Minuten mit ungewisser Weiterfahrt. Während ich durch die Reflexion der Plastikabsperrung die Insassen hinter mir registriere, bemerke ich einen kurzen Anflug von Panik in mir aufsteigen. Ein geschlossener Raum ohne Möglichkeit zur Flucht, dazu steigende Temperaturen, lassen auch andere Reisende nicht gleichgültig. Einer hat sein Shirt ausgezogen, ein anderer eine Flasche Bier geöffnet. Die ersten Masken werden kurz gelüftet. Ich bleibe stoisch, während Gertis Damen überlegen, wie man Kontakt zum Zugführer aufnehmen könne. Da sei doch immer so ein Knopf am Ausgang mit einem Mikrofon. Die Türen werden jetzt genau inspiziert. Der Knopf ist aber nur zum Öffnen da. Dieses Risiko will man letztlich doch nicht eingehen. Stattdessen wird weiter über die Bahn im Allgemeinen und den Zugführer im Besonderen larmentiert.
Schnell sind sich Gertis Damenkränzchen und andere Reisende einig, dass die Entschuldigungen der Bahn generell geheuchelt seien. Man könne sich ja nicht mal irgendwo beschweren, das bringe ja nichts, denn wenn es was brächte, hätten es die vielen von Verspätung betroffenen Pendler schon getan. Zwischenzeitlich werden vorbeifahrende Züge kommentiert und Vorschläge unterbreitet, den Zug wenigstens bis zur nächsten Station fahren zu lassen. Eine andere Problemlösung kommt vom Viererabteil hinter Gertis. Man könne ja das Gleis wechseln. Wohlgemerkt weiß keiner, ob die Störung die Strecke oder den Zug betrifft, als Gerti einfällt, dass der Zug ja bereits vom falschen Gleis abgefahren sei. Sie ist sich jetzt ziemlich sicher, der Defekt am Zug war schon vorher bekannt gewesen, man habe ihn zum Test aber trotzdem fahren lassen und nun stünde er eben auf dem nicht benötigten Gleis. Dieses Wissen bekräftigt sie noch mehrere Male, während hinter uns die ersten unverschämt Rufe laut werden. Man ist sich einig, dass der Zugführer, der kurz vorher in einer weiteren Ansage seine Bemühung um Problembehebung kundtat, und die Bahn uns absichtlich in diese unsägliche Situation gebracht haben. Nur die Ausflugsgruppe, der Biertrinker und ich bleiben stoisch. So entstehen Verschwörungstheorien, denke ich und der Biertrinker schüttelt ein wenig den Kopf.
Der Rest ist schnell erzählt. Der Zug setzt sich nach etwa einer Stunde in Bewegung und alle steigen einigermaßen wohlbehalten an der nächsten Station aus. Auch Gerti, die zuvor ankündigte, im Abteil gleich zu kollabieren, damit endlich etwas geschehe und nun Kopfschmerzen beklagt. Nach der letzten Ansage des Zugführers mit Aufforderung an alle, den Zug bitte zu verlassen, beschweren sich die Damen noch lautstark über seine fehlende Entschuldigung (Anm.d.R.: eine geheuchelte). Als dieser den Zug zur Kontrolle abläuft, schauen ihm alle stumm mahnend hinterher. Mein Fazit des Tages lautet: Du kannst es den Leuten einfach nicht recht machen. Und ich frage mich wieder, ob sich je einer mal in die andere Seite von Dienstleistung versetzt. Gerti tut es jedenfalls nicht.
Die elektronische Anzeige kündigt die Bahn zurück in die Stadt mit wechselnden Abfahrtszeiten an. Als sie auf dem gegenüberliegenden Gleis eintrifft, stellt sich auch die Gleisangabe als irrtümlich heraus. Innerlich gebe ich sie bereits verloren, denn um sie zu erreichen, muss ich durch die Unterführung auf die andere Seite, setze mich aber dennoch mit vielen anderen Wartenden in Richtung Treppenabgang in Bewegung. Die Menschenmenge begegnet beim nächsten Treppenaufgang den Angekommenen, die Treppe bietet zu wenig Raum für gleichzeitigen Auf- und Abstieg. In beide Richtungen wird geschnaubt, gedrängelt und geschwitzt, denn die Temperaturen liegen im Aussenbereich um 30°. Oben laufe ich noch ein Stück nach vorne. Vermutlich steigen alle bei der ersten erreichbaren Türe ein. Ich befinde mich zunächst in einem fast vollständig leeren Abteil, bis sich nach wenigen Minuten drei ältere Damen im geschätzten Alter um 75 in der Sitzgruppe neben meiner niederlassen. Nach und nach stoßen eine Ausflugsgruppe und weitere Einzelpersonen hinzu.
Gerti, die vermutlich älteste der Damenrunde, beschwert sich bei den Freundinnen über die Gleisänderung. Man hätte schließlich mehr als 10 Minuten auf dem falschen Bahnsteig gewartet und hätte da ja schon in Ruhe das Gleis wechseln können, hätte man's halt gewusst. Aber nein - und da pflichten ihr die Freundinnen eifrig bei - da müsse man sich auf den letzten Drücker abhetzen und zudem so ohne Information, das sei wirklich nicht die feine Art. Nun sei man aber froh, es rechtzeitig geschafft zu haben. Auch hier wieder eifriges Nicken der Begleiterinnen. Mir fällt auf, dass ich diese Stimmen bereits am falschen Bahnsteig sich über fehlenden Schatten beschweren gehört habe. Und obwohl ich nach vorne in die Sonne auswich, während die Drei im Schatten am Treppenabgang warteten, kann ich meinem Schicksal nicht entgehen.
Nach der zweiten Station hält der Zug unvermutet auf freier Strecke. Ein paar Minuten passiert nichts, dann fällt Gerti ein, dass sie genau diese Situation vor Kurzem schon einmal erlebte. Keine Information hätt's gegeben, nichts. Noch beraten die Damen, ob es schlimmer sei, in einem Tunnel zu stehen oder auf freier Strecke. Nach weiteren fünf Minuten hat es auch jetzt noch keine Durchsage gegeben und die Damen werden unruhig. Ob Gerti wohl Recht behält und der Zug diesmal auch eine halbe Stunde ohne Erklärung auf der Stelle bleibt? Es werden Handys gezückt. Die Verspätungsapp hat Gerti nicht drauf, denn die braucht so viel Platz. Karla hat mehr Speicher, kann aber keine Verspätung ablesen. Da schallt die Stimme des Zugführers in tiefem bayrisch und auch sonst schwer verständlich durch das Abteil. "Mndammherrrrrn wenganaratchnschnStrrrrrunghamapfrrrrammmpstzt... wanniwoaswaslosis."
Gerti ist indigniert, weil die Damen nichts verstehen, obwohl sie selbst sowohl Landessprache als auch Dialekt beherrschen. Ich überlege kurz ob ich übersetze, verwerfe den Gedanken dann aber kurzerhand, da ich nicht in's Gespräch eingebunden werden möchte. Überhaupt möchte ich nur sitzen und beobachten, was mit den Leuten um mich und mit mir geschieht. Die Bahn steht nun schon seit 20 Minuten mit ungewisser Weiterfahrt. Während ich durch die Reflexion der Plastikabsperrung die Insassen hinter mir registriere, bemerke ich einen kurzen Anflug von Panik in mir aufsteigen. Ein geschlossener Raum ohne Möglichkeit zur Flucht, dazu steigende Temperaturen, lassen auch andere Reisende nicht gleichgültig. Einer hat sein Shirt ausgezogen, ein anderer eine Flasche Bier geöffnet. Die ersten Masken werden kurz gelüftet. Ich bleibe stoisch, während Gertis Damen überlegen, wie man Kontakt zum Zugführer aufnehmen könne. Da sei doch immer so ein Knopf am Ausgang mit einem Mikrofon. Die Türen werden jetzt genau inspiziert. Der Knopf ist aber nur zum Öffnen da. Dieses Risiko will man letztlich doch nicht eingehen. Stattdessen wird weiter über die Bahn im Allgemeinen und den Zugführer im Besonderen larmentiert.
Schnell sind sich Gertis Damenkränzchen und andere Reisende einig, dass die Entschuldigungen der Bahn generell geheuchelt seien. Man könne sich ja nicht mal irgendwo beschweren, das bringe ja nichts, denn wenn es was brächte, hätten es die vielen von Verspätung betroffenen Pendler schon getan. Zwischenzeitlich werden vorbeifahrende Züge kommentiert und Vorschläge unterbreitet, den Zug wenigstens bis zur nächsten Station fahren zu lassen. Eine andere Problemlösung kommt vom Viererabteil hinter Gertis. Man könne ja das Gleis wechseln. Wohlgemerkt weiß keiner, ob die Störung die Strecke oder den Zug betrifft, als Gerti einfällt, dass der Zug ja bereits vom falschen Gleis abgefahren sei. Sie ist sich jetzt ziemlich sicher, der Defekt am Zug war schon vorher bekannt gewesen, man habe ihn zum Test aber trotzdem fahren lassen und nun stünde er eben auf dem nicht benötigten Gleis. Dieses Wissen bekräftigt sie noch mehrere Male, während hinter uns die ersten unverschämt Rufe laut werden. Man ist sich einig, dass der Zugführer, der kurz vorher in einer weiteren Ansage seine Bemühung um Problembehebung kundtat, und die Bahn uns absichtlich in diese unsägliche Situation gebracht haben. Nur die Ausflugsgruppe, der Biertrinker und ich bleiben stoisch. So entstehen Verschwörungstheorien, denke ich und der Biertrinker schüttelt ein wenig den Kopf.
Der Rest ist schnell erzählt. Der Zug setzt sich nach etwa einer Stunde in Bewegung und alle steigen einigermaßen wohlbehalten an der nächsten Station aus. Auch Gerti, die zuvor ankündigte, im Abteil gleich zu kollabieren, damit endlich etwas geschehe und nun Kopfschmerzen beklagt. Nach der letzten Ansage des Zugführers mit Aufforderung an alle, den Zug bitte zu verlassen, beschweren sich die Damen noch lautstark über seine fehlende Entschuldigung (Anm.d.R.: eine geheuchelte). Als dieser den Zug zur Kontrolle abläuft, schauen ihm alle stumm mahnend hinterher. Mein Fazit des Tages lautet: Du kannst es den Leuten einfach nicht recht machen. Und ich frage mich wieder, ob sich je einer mal in die andere Seite von Dienstleistung versetzt. Gerti tut es jedenfalls nicht.
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Sonntag, 9. August 2020
Picture Perfect
frau klugscheisser, 10:55h
Einstweilen bin ich ein bisschen mehr auf Instagram unterwegs. Dort schaue ich mir Bilder von Landschaften und Orten an, wo ich gerade nicht sein darf, nach denen ich aber Sehnsucht habe. Zwischendurch stoße ich auf anderes, wie beispielsweise eine Tierfotografin, die die ersten Schritte eines Elefantenkalbs in Zimbabwe festhielt. Die Bilder und das kleine Video der ersten Gehversuche sind sehenswert. IG
Es ist heiß in Südfrankreich. Eine Freundin berichtete vom Aufenthalt dort. Man könne sich tagsüber nur im Haus aufhalten. Zum Glück hat fast jedes Heim zur Erfrischung einen Pool. Die Fotos von der Gegend lassen sich aber auch drinnen betrachten und wecken schöne Erinnerungen an diverse Besuche. (Die Bilder auf Instagram sind leider oft sehr gefiltert und unecht, für einen Sehnsuchtsanstoß reichen sie aber allemal).
Über das Hotel Bristol in Paris und seine Geschichte gibt es noch ein paar Wochen einen Film auf Arte zu sehen. Mir fällt auf, dass ich selbst bei deutschen Kommentaren die Untertitel lese. Im Französischen helfen sie zumindest, nicht zu viel vom Inhalt zu verpassen.
Es ist heiß in Südfrankreich. Eine Freundin berichtete vom Aufenthalt dort. Man könne sich tagsüber nur im Haus aufhalten. Zum Glück hat fast jedes Heim zur Erfrischung einen Pool. Die Fotos von der Gegend lassen sich aber auch drinnen betrachten und wecken schöne Erinnerungen an diverse Besuche. (Die Bilder auf Instagram sind leider oft sehr gefiltert und unecht, für einen Sehnsuchtsanstoß reichen sie aber allemal).
Über das Hotel Bristol in Paris und seine Geschichte gibt es noch ein paar Wochen einen Film auf Arte zu sehen. Mir fällt auf, dass ich selbst bei deutschen Kommentaren die Untertitel lese. Im Französischen helfen sie zumindest, nicht zu viel vom Inhalt zu verpassen.
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Mittwoch, 5. August 2020
Stir it up
frau klugscheisser, 11:29h
Bei Joel gefunden: Ein Langzeitxperiment über Geldzahlungen an afrikanische Arme. Das Projekt ist interessant, gestutzt habe ich jedoch beim vorletzten Absatz, in dem die Wirkung von Geld auf Depression erwähnt wird:
"So habe er in einem anderen Experiment Wege zur Linderung der Depression unter Dorfbewohnern in Kenia erforscht: Eine Gruppe erhielt ein Jahr lang Psychotherapie. Eine Kontrollgruppe bekam stattdessen Geld. Am Ende hatten die Empfänger weniger Depressionen – ein Ergebnis, mit dem er absolut nicht gerechnet hatte. Macht also Geld doch glücklich?"
Geld ermöglicht halt Dinge, die zu Selbstwirksamkeit verhelfen. Und Selbstwirksamkeit wiederum kann die Ausprägung von Depression moderieren - so wird eher ein Schuh draus.
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Pinguine sind Jäger. In Gefangenschaft brauchen sie - wie viele Lebewesen - Abwechslung und Anregungen. Das kann auch eine Seifenblasenmaschine sein.
Vergessen Sie bei zukünftigen Hamsterkäufen also nicht die Seifenblasen.
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Wussten Sie, dass man für die Einreise in fremde Länder zig Angaben machen muss - eigene Daten, Aufenthaltsadressen und -telefonnummern, Angaben über besuchte Länder der vergangenen Wochen und weiteres - man für die Einreise nach Deutschland aber nur einen Informationszettel des Bundesgesundheitsministeriums in die Hand gedrückt bekommt, der auf die Pflicht der Quarantäne im Falle einer Erkrankung hinweist? Ab Samstag wird das wohl etwas anders.
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How the Pandemic Defeated America
Langer aber interessanter Artikel über Pandemie, Politik und Anderes.
"The hardest-hit buildings were those that had been jammed with people for decades: prisons. Between harsher punishments doled out in the War on Drugs and a tough-on-crime mindset that prizes retribution over rehabilitation, America’s incarcerated population has swelled sevenfold since the 1970s, to about 2.3 million. The U.S. imprisons five to 18 times more people per capita than other Western democracies. Many American prisons are packed beyond capacity, making social distancing impossible. Soap is often scarce. Inevitably, the coronavirus ran amok."
Zufällig weiß ich von einer Strafanstaltangestellten in naher Verwandtschaft, dass die hierzulande schon bei geringstem Verdacht auf Kontakt mit Infizierten sofort unter Quarantäne gestellt wurden.
"So habe er in einem anderen Experiment Wege zur Linderung der Depression unter Dorfbewohnern in Kenia erforscht: Eine Gruppe erhielt ein Jahr lang Psychotherapie. Eine Kontrollgruppe bekam stattdessen Geld. Am Ende hatten die Empfänger weniger Depressionen – ein Ergebnis, mit dem er absolut nicht gerechnet hatte. Macht also Geld doch glücklich?"
Geld ermöglicht halt Dinge, die zu Selbstwirksamkeit verhelfen. Und Selbstwirksamkeit wiederum kann die Ausprägung von Depression moderieren - so wird eher ein Schuh draus.
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Pinguine sind Jäger. In Gefangenschaft brauchen sie - wie viele Lebewesen - Abwechslung und Anregungen. Das kann auch eine Seifenblasenmaschine sein.
Vergessen Sie bei zukünftigen Hamsterkäufen also nicht die Seifenblasen.
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Wussten Sie, dass man für die Einreise in fremde Länder zig Angaben machen muss - eigene Daten, Aufenthaltsadressen und -telefonnummern, Angaben über besuchte Länder der vergangenen Wochen und weiteres - man für die Einreise nach Deutschland aber nur einen Informationszettel des Bundesgesundheitsministeriums in die Hand gedrückt bekommt, der auf die Pflicht der Quarantäne im Falle einer Erkrankung hinweist? Ab Samstag wird das wohl etwas anders.
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How the Pandemic Defeated America
Langer aber interessanter Artikel über Pandemie, Politik und Anderes.
"The hardest-hit buildings were those that had been jammed with people for decades: prisons. Between harsher punishments doled out in the War on Drugs and a tough-on-crime mindset that prizes retribution over rehabilitation, America’s incarcerated population has swelled sevenfold since the 1970s, to about 2.3 million. The U.S. imprisons five to 18 times more people per capita than other Western democracies. Many American prisons are packed beyond capacity, making social distancing impossible. Soap is often scarce. Inevitably, the coronavirus ran amok."
Zufällig weiß ich von einer Strafanstaltangestellten in naher Verwandtschaft, dass die hierzulande schon bei geringstem Verdacht auf Kontakt mit Infizierten sofort unter Quarantäne gestellt wurden.
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Dienstag, 4. August 2020
On the Road Again
frau klugscheisser, 13:12h
Auch wenn die Straße eher eine Startbahn und die große Freiheit noch eine Weile eingeschränkt ist, freue ich mich, wenigstens ab und zu wieder unterwegs zu sein. Das Leben am Boden ist nämlich anstrengend. Wenn ich nicht aufpasse, versinke ich im Sumpf von Untätigkeit, Langeweile und einer darauffolgenden Sinnkrise. Seit Monaten bewältige ich einen Tag nach dem anderen. Keine langfristigen Pläne, keine neuen Abenteuer, keine tiefgreifenden Änderungen. Ein Schritt vor den anderen. So funktioniert mein Alltag eher schleppend, doch die Zeit geht so auch vorbei. Ich habe mir angewöhnt, jeden Tag etwas zu tun, das mir Freude bereitet - Frühsport mit dem Fitnessfreund im Park (upgrading), musizieren mit der Klavierfreundin (performance), aushäusige Gartenarbeiten (outsourcing) und telefonische Kontaktaufrechterhaltung (maintenance). Das alles braucht zwar Kraft, setzt hinterher aber auch Energie frei, für die ich am Abend dankbar bin. Diese ungewöhnliche Zeit hat mir gezeigt, wie wichtig eigene Widerstandsfähigkeit und innere Entwicklung sind, und an diesen Punkten arbeite ich für mich.
Am Wochenende stand nun erneut ein Indienflug auf dem Plan, ein sogenannter Rückkehrerflug. Wie die Kollegin richtig bemerkte, gibt es nicht so viele indische Restaurants bei uns wie Menschen, die wir wöchentlich von dort nach hier transportieren. Tatsächlich bleiben die auch nicht in Deutschland. Der Anzahl zufolge, dürften also nicht nur indische Restaurants, sondern auch Reinigungsbetriebe und Kundendienstzentralen im Britischen Königreich und Amerika bald wieder reibungslos laufen. Die Angestellten des Flughafens lernen anhand von Schildern den korrekten Gebrauch von Masken, was möglicherweise ein Hinweis darauf ist, wieso viele ihre Masken nur noch aus kosmetischen Gründen tragen. Auch ich habe inzwischen Pickel am Kinn und um den Mund, muss sie aber nicht mehr überschminken, da ich ja für die gesamte Dauer des Fluges eine Maske trage. Das spart viel Zeit und Geld.

Ein neuer Fetisch scheint das Messen von Körpertemperatur zu sein. Nicht nur bei der Einreise, sondern auch beim Betreten des Hotels oder anderer Einrichtungen, überall wird einem ein pistolenähnliches Gerät vor die Stirn gehalten. Leider lag meine Körpertemperatur immer über 35°. Das nimmt man in Indien aber nicht so genau, denn die Umgebungstemperatur muss da sicher noch hinzugerechnet werden, wie man auch ein bisschen was addiert, wenn unter Zunge oder Arm gemessen wird. Übrigens hatte auch ein Passagier nach dem Aufwachen starke Bedenken seine Körpertemperatur betreffend, nach dem Toilettengang ging's aber wieder. Vermutlich konnte er das Fieber dort um 5 Grad runterpressen. Meine eigene Temperatur stieg beim Abendessen ebenfalls so stark an, dass selbst die Augen schwitzten. Das hauseigene Biryani war gar nicht mal so lecker, dafür aber beim ersten Bissen höllisch scharf. Hätte ich am nächsten Tag rektal Fieber gemessen, ich bin sicher, das wären ebenfalls fünf Grad mehr gewesen.

Der Brotteig wird am Deckel auf die Schüssel gebacken
Das schönste an der Reise war demnach nicht das Essen, auf das ich mich gefreut hatte, sondern die Klimaanlage. Während daheim alle bei über 30 Grad schwitzten, konnte ich eine Nacht wunderbar kühl schlafen. Zurück erwarteten mich immerhin noch 29 Grad in der Wohnung, die jedoch im Laufe des Tages ein paar Skalenpunkte nachließ. Noch nie war ich übrigens so glücklich über Regen wie in diesem Sommer.
Am Wochenende stand nun erneut ein Indienflug auf dem Plan, ein sogenannter Rückkehrerflug. Wie die Kollegin richtig bemerkte, gibt es nicht so viele indische Restaurants bei uns wie Menschen, die wir wöchentlich von dort nach hier transportieren. Tatsächlich bleiben die auch nicht in Deutschland. Der Anzahl zufolge, dürften also nicht nur indische Restaurants, sondern auch Reinigungsbetriebe und Kundendienstzentralen im Britischen Königreich und Amerika bald wieder reibungslos laufen. Die Angestellten des Flughafens lernen anhand von Schildern den korrekten Gebrauch von Masken, was möglicherweise ein Hinweis darauf ist, wieso viele ihre Masken nur noch aus kosmetischen Gründen tragen. Auch ich habe inzwischen Pickel am Kinn und um den Mund, muss sie aber nicht mehr überschminken, da ich ja für die gesamte Dauer des Fluges eine Maske trage. Das spart viel Zeit und Geld.

Ein neuer Fetisch scheint das Messen von Körpertemperatur zu sein. Nicht nur bei der Einreise, sondern auch beim Betreten des Hotels oder anderer Einrichtungen, überall wird einem ein pistolenähnliches Gerät vor die Stirn gehalten. Leider lag meine Körpertemperatur immer über 35°. Das nimmt man in Indien aber nicht so genau, denn die Umgebungstemperatur muss da sicher noch hinzugerechnet werden, wie man auch ein bisschen was addiert, wenn unter Zunge oder Arm gemessen wird. Übrigens hatte auch ein Passagier nach dem Aufwachen starke Bedenken seine Körpertemperatur betreffend, nach dem Toilettengang ging's aber wieder. Vermutlich konnte er das Fieber dort um 5 Grad runterpressen. Meine eigene Temperatur stieg beim Abendessen ebenfalls so stark an, dass selbst die Augen schwitzten. Das hauseigene Biryani war gar nicht mal so lecker, dafür aber beim ersten Bissen höllisch scharf. Hätte ich am nächsten Tag rektal Fieber gemessen, ich bin sicher, das wären ebenfalls fünf Grad mehr gewesen.

Der Brotteig wird am Deckel auf die Schüssel gebacken
Das schönste an der Reise war demnach nicht das Essen, auf das ich mich gefreut hatte, sondern die Klimaanlage. Während daheim alle bei über 30 Grad schwitzten, konnte ich eine Nacht wunderbar kühl schlafen. Zurück erwarteten mich immerhin noch 29 Grad in der Wohnung, die jedoch im Laufe des Tages ein paar Skalenpunkte nachließ. Noch nie war ich übrigens so glücklich über Regen wie in diesem Sommer.
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Montag, 13. Juli 2020
Berlin-Bombay
frau klugscheisser, 09:53h

Berlin Bombay
Das da oben ist der Duty Free Shop am Flughafen Delhi. Die Luxusartikel in blauer Folie verpackt, die normalerweise auf dem Weg durch das Terminal zum Kauf verleiten sollen. Passiert werden sie jetzt im Gänsemarsch hintereinander statt im Pulk. Auch die Passagiere selbst sind dort in Schutzanzüge und hinter Visiere verpackt. Alles erinnert an eine düster-schlecht inszenierte Zukunftsvision eines aufstrebenden Theaterregisseurs. Zwar fehlt das Bühnenblut doch die Menschen sind nur noch Statisten, die sich von einer Markierung zur nächsten bewegen.
Die Gründe warum sie in dieser Zeit fliegen, sind vorwiegend familiäre. Viele kleine Kinder und viele Alte sitzen in der bis auf den letzten Platz ausgebuchten Maschine. Sie sollen sich für sieben Stunden nicht von dort wegbewegen, bekommen eine verschlossene Box mit abgepackten Lebensmitteln - vorwiegend Süßigkeiten - und eine kleine Flasche Wasser. Auch wir tragen seit dem Weg zum Flughafen Masken, die bei 35° Schweißperlen um den Mund und nach ein paar Stunden Druckstellen hinter den Ohren hervorrufen. Abstand gibt es nicht, nicht in so einem kleinen Raum wie einem Flugzeug. Ich teile für viele Stunden mit 315 Menschen eine vergleichsweise winzige Fläche.
Die Angestellten im Fünfsternehotel stehen unter Quarantäne. Sie leben und arbeiten seit Wochen dort. Alle Einrichtungen wie Restaurant, Pool und Fitnesscenter sind geschlossen. Wir dürfen aber aus den Zimmern in den Garten. Das ist nicht selbstverständlich, denn andernorts - so hört man - werden den Crews nach Ankunft im Zimmer ihre Schlüssel entzogen. Natürlich ist vieles nicht überraschend, denn die Informationen über Bedingungen in den einzelnen Ländern werden veröffentlicht. Doch manches liest sich anders als es sich tatsächlich anfühlt.
Kaum ein Gast erwidert meinen Gruß beim Einsteigen. Die Köpfe gesenkt begeben sie sich zu den ausgewiesenen Plätzen. Wo ich sonst Nähe durch ein Lächeln oder eine Geste herstelle, prallt meine Menschlichkeit jetzt an Schutzmaßnahmen ab. Auf die ein oder andere verrutschte Maske muss hingewiesen werden, doch das bleibt fast der einzige verbale Austausch. So hat mich dieser Flug traurig und desillusioniert zurückgelassen, obwohl ich ihn vorab herbeisehnte. Nichts ist mehr wie es war, denn wir befinden uns innerlich wie äusserlich im Ausnahmezustand.
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Sonntag, 12. Juli 2020
Dawning
frau klugscheisser, 17:48h

Meine innere und äussere Recherche ergab: ich bin vollkommen normal. Das mag überraschend klingen, da meine Lebensweise, Biographie und die ein oder andere Art zu reagieren nicht dem entsprechen, was hinlänglich als Norm bezeichnet wird. Was ich damit meine, ist die Tatsache, dass mein Zustand der Traurigkeit, der Ratlosigkeit und der Suche eine Folge von allgemeiner Ratlosigkeit, von Isolation und gesellschaftlichen Einschränkungen ist. Weit klügere Menschen als ich haben die Konsequenz stetiger Individualisierung und Virtualisierung und die damit einhergehende innere Verwüstung bereits durchdacht. Mir fehlte die Verknüpfung zum Gefühl. Man nennt es übrigens Erfahrung, dieses Zuordnen von Wissen zu Gefühlen. Wer Erlerntes nur theoretisch abspeichert, sammelt Wissen, wer das Wissen mit Emotionen verknüpft, sammelt Erfahrung. Schließlich ermöglicht Erleben auch Empathie.
Was mir also konkret fehlt, ist das Gefühl von sozialer Zugehörigkeit. Ich fühle mich, als flöge ich durch luftleeren Raum. Gelegentlich überfällt mich Panik. Diese Attacken werden durch Verlustangst ausgelöst. Noch vor zwei Wochen schrieb ich das:
Alles wiederholt sich. Jeder Tag eine einzige Wiederholung dessen, was gestern, vorgestern oder vor Jahren war. Ich spüre, wie ich mir unmerklich entgleite. Da ist kein Kampfgeist mehr, keine Energie, mich gegen das zu stellen, was ich nicht ändern kann. Festhalten möchte ich mich, doch mein Griff geht in's Leere. Die Rituale werden zur leeren Hülle.
Insgesamt erlebe ich das, was Viele erst im letzten Lebensabschnitt kennenlernen, wenn die Erwerbstätigkeit und familiäre Aufgaben wegfallen, wenn große Lebensziele nicht mehr zu erwarten und sie völlig auf sich selbst zurückgeworfen sind, wenn Ablenkungs- oder Verdrängungsmechanismen nicht mehr greifen. Diese Mechanismen griffen übrigens noch nie besonders gut bei mir, weil ich sie für gewöhnlich zu schnell enttarne. Wiederholung ist an sich nichts Schlechtes, ihre Schönheit liegt darin, dass wir jedes Mal besser werden können. Wenn aber nach Abzug von allem Sinnstiftenden nichts mehr bleibt als sich wiederholende Tätigkeiten wie aufstehen, waschen, essen, schlafen, nützen auch die schönen Sprüche nicht. Dann macht über kurz oder lang auch das Aufstehen, waschen, essen und schlafen keinen Sinn mehr. Im Grunde wiederholt sich Lebendes nicht. Der Kreislauf vom Wachsen und Vergehen ist nur mikroskopisch wahrnehmbar. Vieles, wie das Älterwerden beispielsweise, wird erst in der Retrospektive erkennbar. Anderes reißt uns mit einem Knall aus der gewohnten Eintönigkeit. Es geht also darum, die mit Veränderung einhergehende Unsicherheit - im Umkehrschluss den Verlust einer Sicherheitsillusion - auszuhalten und anzunehmen.
Soweit ist alles wie immer. Seit Virus unseren Alltag auf den Kopf stellt, funktioniert aber nichts mehr wie früher. Während die Einen noch an altbewährten Strategien festhalten, zerfällt bei Anderen die letzte Säule ihres Daseins: das Netz reziproker Beziehungen.
Ich habe lange darüber nachgedacht, was mir besonders fehlt. Aufgrund meiner beruflichen Funktion bin ich in engem Austausch mit Passagieren und Kollegen. Das sind oft nur belanglose Gespräche, die so jedoch nie in einem Supermarkt stattfinden würden, ohne dass mich seltsame Blicke träfen. Das ist eine Form von Fürsorge für Fremde, die auf der Straße als übergriffig deklariert würde. Das ist das füreinander Einstehen im Kollegenteam, wie es sonst nur in einer Notlage erlebbar wäre. Die Frage, wieso uns das Virus nicht solidarisiert, ist schnell beantwortet: erstens ist die Bedrohung nicht sichtbar und zweitens unterbindet sie menschliche Nähe. Während sich Menschen bei anderen Bedrohungen instinktiv zusammenrotten, ist genau das jetzt die Gefahr. Kurz, das Virus stellt den Überlebensinstinkt einmal auf den Kopf. Wir können bei räumlicher Nähe nicht überleben, ohne menschliche Nähe werden wir aber seelisch sterben.
Eigentlich ist es nämlich die seelische Nähe, die unser Überleben instinktiv sichert. Sich öffnen und verletzbar machen geht oft nur noch in engen Zweierbeziehungen oder in familiärer Konstellation. Eine tiefe zwischenmenschliche Beziehung setzt eine tiefe, ehrliche Beziehung zu sich selbst voraus. Wer seine dunklen Seiten fürchtet, wird sie vor sich verstecken und sie im Gegenüber auch nicht sehen wollen. An Stelle von berührenden Begegnungen wuchs über die Jahre gefilterte Selbstdarstellung. So füttern wir uns gegenseitig mit Zucker statt Brot und wundern uns, dass wir trotzdem hungrig bleiben. Ich bewundere Leute, die über ihre Schwächen reden und über ihre tägliche Anstrengung, Leute, die sich für ihre Ehrlichkeit nicht schämen. Räumliche Nähe kann über vieles hinwegtäuschen - ihr jetziges Fehlen offenbart die eigentliche Sehnsucht nach tiefer Verbindung umso stärker.
Dass uns die Zwangspause zum Umdenken oder gar zu persönlicher Entwicklung anregen würde, die uns einander näher bringt, wird wohl Wunschdenken bleiben. So verstecken wir uns noch mehr hinter verschlossenen Türen, obwohl wir nach menschlichen Begegnungen dürsten. Die Parties, das Aufbegehren gegen Vorsichtsmaßnahmen sind ein verzweifeltes Festhalten an Bekanntem. Noch wird sich gegen die Botschaft gesträubt, dass eine Veränderung in der inneren Einstellung des Einzelnen beginnt und nach draussen rebelliert. Es ist auch viel einfacher, Fehlverhalten beim Nächsten anzuprangern als bei sich selbst. Noch funktioniert der Mechanismus der kognitiven Dissonanz hervorragend. Möglicherweise sind die düsteren Filme eines einzelnen Überlebenden in einer verwüsteten Umgebung nicht Utopie, sondern einzig mögliche Konsequenz. Denn so lange noch irgendetwas funktioniert, machen wir weiter mit der inneren wie äusseren Zerstörung.
Was mich rettet, sind die wenigen Gelegenheiten, bei denen ich mich von anderen emotional berühren lasse oder sie berühre, sind die Begegnungen ohne Seelenmaske, bei denen sich zwei Menschen vorurteilslos zuhören, ohne Scham in die gemeinsamen Abgründe schauen oder sich an der Existenz des Gegenüber erfreuen. Ich hoffe sehr, es wird immer mehr Menschen geben, die ähnlich empfinden. Denn nur so wird alles erträglicher.
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Sonntag, 14. Juni 2020
It is Familiar to Me
frau klugscheisser, 00:57h
Als nichts mehr ging, als ich tagelang nur noch mit letzter Kraft zwischen Bett und Toilette hin und her schlich, nahm ich all meinen Mut zusammen, buchte eine Bahnfahrkarte, packte einige Kleidungsstücke zusammen und fuhr zu meiner Mutter. Ich weiß nicht, woher ich die Energie nahm, denn das ist kein kleiner Schritt. Das ist ein erheblicher Kraftaufwand, physisch wie psychisch. Ich ahnte, dass es nicht leicht sein würde, denn das Verhältnis zu meiner Mutter ist alles andere als unbelastet. Ich wusste, ich müsste im richtigen Moment schweigen können und aussitzen, mich innerlich an einen unbehelligten Ort zurücklehnen. Und dennoch hatte ich das Bedürfnis, dieses Risiko einzugehen.

Nach der Narkose im Dezember, da war ich froh, dass sie an meinem Bett saß. Ich wachte auf, sprach ein paar Worte und nickte dann wieder ein. Sie wollte gehen, doch ich wünschte mir, dass sie meine Hand hält und bleibt, dass sie einfach nur da ist, während ich zwischen Traum und Wirklichkeit wechselte. Ich wollte etwas, das mir in meinem schutzlosen Zustand vertraut war und das mir die Illusion von Geborgenheit gäbe. Ich wollte meine Mutter. Kinder sehnen sich unbegreiflicherweise immer wieder nach den Eltern, die sie in manchen Fällen schlecht behandelten. Es ist ihre Normalität, die durch Kontinuität Überleben sichert. Dass es auch anders hätte sein können, begreifen sie erst viel später. Die Sehnsucht und eine diffuse Hoffnung auf Geborgenheit bleibt ein Leben lang. Das Unterbewusstsein ist wie ein Gänsekind, das sich kurz nach dem Schlüpfen auf gelbe Gummistiefel eingeschossen hat.
Meine Mutter wird älter. Langsam verliert sie ihre Spontaneität. Alles muss geplant werden, die Ankunft, die Abholung, die Mahlzeiten, die Abfahrt. Sie kommt nur schwer damit klar, dass ich kein Fleisch mehr esse. Eine altersgemäße Gelassenheit kann ich bei ihr nicht beobachten. Im Gegenteil, sie wirkt nervös und gehetzt. Alles muss perfekt sein, sie muss perfekt sein. Das ist anstrengend. Am Telefon fragte ich: "Gehst Du mit mir spazieren?" Sie sagte ja. Mehr konnte ich nicht erwarten. Ich durfte nicht mehr erwarten, denn Erwartungen erzeugen Enttäuschung, von der ich in letzter Zeit zu viel hatte. Ich wollte keinen Ratschlag und keine Erfahrungsberichte über ihre eigene Enttäuschung hören. Also sprach ich nicht über mich, sondern ertrug jeden Tag reaktionslos ihre Ausführungen über die Fehlbarkeit anderer und ihrer eigenen. Ich ließ mich bekochen, saß gemeinsam mit ihr im Garten und folgte den Gummistiefeln.
Es fing schon vor ein paar Wochen an. Plätzlich war da dieser Sumpf aus Angst und Traurigkeit. Angst vor Veränderung und Traurigkeit über Vergangenes. Früher konnte ich es kaum erwarten, dass sich etwas änderte, denn Veränderung ging immer mit der Hoffnung auf Besserung einher. Heute betrachte ich jede Änderung mit Argwohn. Kleinigkeiten ließen in mir gewaltige Wut aufsteigen. Die Nachbarin, die ihre Türe zu laut schließt, die Rücksichtslosigkeit Fremder. Ich reagierte empfindlich auf jegliche Einflüsse von aussen. Gleichzeitig suchte ich im Aussen Ablenkung von der Traurigkeit. Die Angst vor Veränderung entpuppte sich schließlich als Angst vor Vergänglichkeit, die sich mit der Traurigkeit zu einem großen Klumpen verband.
Ich hatte eine Flasche Wodka im Kühlschrank. Die trank ich über die vergangenen Tage. Eine Flasche mag objektiv betrachtet im Hinblick auf Suchtverhalten nichts bedeuten - für mich, die fast keinen Alkohol mehr trinkt, ist es viel. Ich neige zur Sucht. Alkohol, Zigaretten, Essen, Serien, alle Arten von Ablenkung, meine innere Türe steht dafür weit offen. Ich bin nicht gut im Aushalten. Als ich ihn fragte, ob sein Zustand jetzt ohne Drogen besser sei, sagte der Freund, es sei schlimmer, denn das Gedankenkarussell drehe sich zwar gleich schnell aber ohne Alkohol oder andere Ablenkung nehme er es intensiver wahr. Er sagte auch, dass es halt keinen Weg dran vorbei gäbe. Die Gedanken drehten sich schneller und schneller, man glaube, es würde einem schlecht aber aussteigen könne man eben auch nicht und wenn man glaube, es sei nicht mehr auszuhalten und man würde zerreissen, stoppe die Maschinerie und es breite sich große Ruhe aus. Das alles sagte der Freund, der seit einem heftigen Zusammenbruch keinen Tropfen Alkohol und keine Zigarette mehr anrührt. Manchmal liegt er aber tagelang auf der Couch und schaut Dokus.
Das immer schneller drehende Gedankenkarussell und auch die Ruhe von der er sprach,kenne kannte ich. Lange Zeit war ich gut darin, meine Gedanken und Gefühle nicht so wichtig zu nehmen, weil ich wusste, dass das nur die Oberfläche ist. Darunter ist es still. Was ich nicht wusste, war die Tatsache, dass sich diese Fähigkeit verliert, wie sich Muskeln zurückbilden, wenn sie nicht trainiert werden. Statt der Stille spürte ich plötzlich eine unerträgliche Einsamkeit, die auszuhalten noch schlimmer war als zu trinken oder zu schlafen. Obwohl ich Menschen hätte kontaktieren können, wäre es nicht leichter geworden. Es hätte sich falsch angefühlt, mich stellvertretend mit gutmeinenden Bekannten zu treffen. Diese spezielle Leere kann nur mit Vertrautheit befüllt werden und mit einer tiefen, ehrlichen Verbindung von Mensch zu Mensch. Ich brauchte das gewisse Etwas, das nur durch die gelben Gummistiefel gemildert wird.

Jetzt sitze ich ratlos hier und weiß nicht so recht, wo es hingehen soll. Man muss doch irgendwann lernen können, die Gummistiefel in sich selbst zu finden. Das habe ich zumindest mal wo gelesen. Meine eigenen gelben Gummistiefel sein, denen ich folgen kann und die nie fortgehen. Ich glaube, das ist so ein Lebensziel. Alles Erlebte läuft darauf hinaus. Ich glaube auch, dass ich immer woanders Ausschau halten werde, solange ich sie nicht selber trage. Draussen regnet es aber ich gehe erst wieder raus, wenn ich meine eigenen gelben Gummistiefel gefunden habe. Ich fürchte, dafür muss ich erst mal im Keller suchen gehen.

Nach der Narkose im Dezember, da war ich froh, dass sie an meinem Bett saß. Ich wachte auf, sprach ein paar Worte und nickte dann wieder ein. Sie wollte gehen, doch ich wünschte mir, dass sie meine Hand hält und bleibt, dass sie einfach nur da ist, während ich zwischen Traum und Wirklichkeit wechselte. Ich wollte etwas, das mir in meinem schutzlosen Zustand vertraut war und das mir die Illusion von Geborgenheit gäbe. Ich wollte meine Mutter. Kinder sehnen sich unbegreiflicherweise immer wieder nach den Eltern, die sie in manchen Fällen schlecht behandelten. Es ist ihre Normalität, die durch Kontinuität Überleben sichert. Dass es auch anders hätte sein können, begreifen sie erst viel später. Die Sehnsucht und eine diffuse Hoffnung auf Geborgenheit bleibt ein Leben lang. Das Unterbewusstsein ist wie ein Gänsekind, das sich kurz nach dem Schlüpfen auf gelbe Gummistiefel eingeschossen hat.
Meine Mutter wird älter. Langsam verliert sie ihre Spontaneität. Alles muss geplant werden, die Ankunft, die Abholung, die Mahlzeiten, die Abfahrt. Sie kommt nur schwer damit klar, dass ich kein Fleisch mehr esse. Eine altersgemäße Gelassenheit kann ich bei ihr nicht beobachten. Im Gegenteil, sie wirkt nervös und gehetzt. Alles muss perfekt sein, sie muss perfekt sein. Das ist anstrengend. Am Telefon fragte ich: "Gehst Du mit mir spazieren?" Sie sagte ja. Mehr konnte ich nicht erwarten. Ich durfte nicht mehr erwarten, denn Erwartungen erzeugen Enttäuschung, von der ich in letzter Zeit zu viel hatte. Ich wollte keinen Ratschlag und keine Erfahrungsberichte über ihre eigene Enttäuschung hören. Also sprach ich nicht über mich, sondern ertrug jeden Tag reaktionslos ihre Ausführungen über die Fehlbarkeit anderer und ihrer eigenen. Ich ließ mich bekochen, saß gemeinsam mit ihr im Garten und folgte den Gummistiefeln.
Es fing schon vor ein paar Wochen an. Plätzlich war da dieser Sumpf aus Angst und Traurigkeit. Angst vor Veränderung und Traurigkeit über Vergangenes. Früher konnte ich es kaum erwarten, dass sich etwas änderte, denn Veränderung ging immer mit der Hoffnung auf Besserung einher. Heute betrachte ich jede Änderung mit Argwohn. Kleinigkeiten ließen in mir gewaltige Wut aufsteigen. Die Nachbarin, die ihre Türe zu laut schließt, die Rücksichtslosigkeit Fremder. Ich reagierte empfindlich auf jegliche Einflüsse von aussen. Gleichzeitig suchte ich im Aussen Ablenkung von der Traurigkeit. Die Angst vor Veränderung entpuppte sich schließlich als Angst vor Vergänglichkeit, die sich mit der Traurigkeit zu einem großen Klumpen verband.
Ich hatte eine Flasche Wodka im Kühlschrank. Die trank ich über die vergangenen Tage. Eine Flasche mag objektiv betrachtet im Hinblick auf Suchtverhalten nichts bedeuten - für mich, die fast keinen Alkohol mehr trinkt, ist es viel. Ich neige zur Sucht. Alkohol, Zigaretten, Essen, Serien, alle Arten von Ablenkung, meine innere Türe steht dafür weit offen. Ich bin nicht gut im Aushalten. Als ich ihn fragte, ob sein Zustand jetzt ohne Drogen besser sei, sagte der Freund, es sei schlimmer, denn das Gedankenkarussell drehe sich zwar gleich schnell aber ohne Alkohol oder andere Ablenkung nehme er es intensiver wahr. Er sagte auch, dass es halt keinen Weg dran vorbei gäbe. Die Gedanken drehten sich schneller und schneller, man glaube, es würde einem schlecht aber aussteigen könne man eben auch nicht und wenn man glaube, es sei nicht mehr auszuhalten und man würde zerreissen, stoppe die Maschinerie und es breite sich große Ruhe aus. Das alles sagte der Freund, der seit einem heftigen Zusammenbruch keinen Tropfen Alkohol und keine Zigarette mehr anrührt. Manchmal liegt er aber tagelang auf der Couch und schaut Dokus.
Das immer schneller drehende Gedankenkarussell und auch die Ruhe von der er sprach,

Jetzt sitze ich ratlos hier und weiß nicht so recht, wo es hingehen soll. Man muss doch irgendwann lernen können, die Gummistiefel in sich selbst zu finden. Das habe ich zumindest mal wo gelesen. Meine eigenen gelben Gummistiefel sein, denen ich folgen kann und die nie fortgehen. Ich glaube, das ist so ein Lebensziel. Alles Erlebte läuft darauf hinaus. Ich glaube auch, dass ich immer woanders Ausschau halten werde, solange ich sie nicht selber trage. Draussen regnet es aber ich gehe erst wieder raus, wenn ich meine eigenen gelben Gummistiefel gefunden habe. Ich fürchte, dafür muss ich erst mal im Keller suchen gehen.
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