Samstag, 19. März 2022
Freedom II
Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, die Monogamie und ihre Ausläufer. Ich sag's mal so: Monogamie ist ein faszinierendes Gedankenkonstrukt, das zumeist an menschlicher Imperfektion scheitert. Die Imperfektion heißt Langeweile. Wer etwas lange hat, will was anderes. Das trifft sowohl auf Besitztümer und Situationen als auch auf abstrakte Zustände wie beispielsweise Glück oder Frieden oder gar Menschen zu. Man glaubt, etwas oder jemanden zu seiner Zufriedenheit zu brauchen. Wir ahnen, dass Glück mit äusseren Gegebenheiten nur korreliert. Kausal hingegen ist die eigene Einstellung zum Glück. Ich für meinen Teil finde Alleinesein schön, nur halt nicht immer. Beispielsweise gab es in den vergangenen zwei Pandemiejahren etliche Gelegenheiten, in denen ich einsame Panik verspürte. Logischerweise suche ich in solchen Momenten die Nähe zu anderen sozialen Wesen. Auch im Normalfall suche ich mir die Menschen aus, die sich am besten für bestimmte gemeinsame Aktivitäten eignen. Mag ja nicht jeder in die Oper oder findet Tanzen toll. Womit wir wieder bei der Monogamie wären, die gerne mit romantischer Liebe verwechselt wird. Eine Person für alles.

Ich möchte es mit einer Frau vergleichen, die einen handwerklich begabten Mann geheiratet hat. Ein paar Jahre später entwickelt sie Interesse an kulturellen Ereignissen. Jetzt muss der Mann mit in die Oper, obwohl der lieber im Keller schrauben würde. Eine andere Option gibt es nicht, denn wofür hätte man sonst geheiratet, um dann seine Zeit mit anderen zu verbringen. Und wieso ist es verwerflich, Sex mit einem Opernbesuch gleichzustellen? Konkret ist das die Frau, die die Qualitäten ihres Partners immer noch schätzt und deshalb auch keinen Ersatz, sondern für weitere Gelegenheiten Ergänzungen sucht. Wer das nicht verwerflich findet, ahnt zumindest das Konfliktpotential in der Sache. Nein, es ist nicht einfach. Es erfordert viel ehrliche Kommunikation und Selbstreflektion - eine Investition in persönlicher Entwicklung, die sich besser auszahlt als jeder Überlebenskurs im Teutoburger Wald.

So eine Form habe ich lange gesucht und bin dabei auf die unterschiedlichsten Menschen gestoßen. Die einen in ihrem Bestreben wahrhaftig, die anderen unglaubwürdig, weil es sich im Nachhinein doch nur als die Überganghgsphase weg von Frau/Mann plus Kind(er) hin zum neuen Subjekt der Begierde entpuppte. Auf dem Weg waren weder bisherige noch neue Partner für die nie gleichwertig, die Polyamorie mit Promiskuität verwechseln. Andere wiederum legen sich generell nicht gerne fest und reagieren unverbindlich zweideutig auf alles, was Verbindlichkeit sucht. Und da wären wir wieder beim romantischen Konstrukt der Verbindlichkeit, der Schwüre ewiger Liebe, the one and only. Nein, Verbindlichkeit hat nichts damit zu tun, dass es nur eine Person in meinem Leben gibt. Verbindlichkeit ist die Art, wie ich was sage und in Folge mache. Verbindlichkeit ist, ein Treffen auszumachen und das Zustandekommen nicht kurz vorher nochmal telefonisch bestätigen zu müssen. Ich kann eine Dienstleistung unverbindlich in Anspruch nehmen - schließlich bin ich zu nichts verpflichtet - oder mich verbindlich dem jeweiligen Fachpersonal anvertrauen.

Verbindlich bezieht sich auf die Sprache, die ich spreche. Es ist die Klarheit, in der ich kommuniziere und Missverständnisse möglichst minimiere (ja komplizierte Sachverhalte sind manchmal schwierig klar zu formulieren). Unverbindliche meinen es meist nicht so, wie es verstanden wurde, wenn sich daraus ein persönlicher Nachteil oder eine Unannehmlichkeit ergeben könnte. Will ich mich auf mehrere Personen verbindlich einlassen, bedarf das eines gewissen Aufwands, da sich keiner der Beteiligten zurückgesetzt fühlen sollte. Das wäre nicht nur unverbindlich, sondern vor allem ungerecht und das Konstrukt des Vielliebens damit obsolet. Wahrscheinlich ist es so, dass mit einem Partner im direkten Vergleich mehr Zeit verbracht wird. Der Unterschied liegt in der Qualität der Begegnung, nicht der Quantität. Gleichwertigkeit meint die von mir erbrachte Intensität. Es bedeutet, dass ich eine Person nicht für das liebe, was sie mir entgegenbringt, sondern für das, was sie ist. Das lasse ich jetzt mal so stehen. An dieser Stelle folgt meistens die Frage: ja geht denn sowas überhaupt in der Praxis? Ich denke ja, weil ich es bereits bei anderen beobachtet habe. Möglicherweise kann ich bald aus eigener Erfahrung berichten. Bis es soweit ist, erzähle ich nächstes Mal noch ein bisschen über weitere Neigungen, die mir auf meiner Suche so begegnet sind.

... link


Donnerstag, 24. Februar 2022
Freedom

Living alone as a woman is not just a luxury but a refusal to bend into the shape of patriarchal assumption and expectation.


Helena Fitzgerald schreibt im verlinkten Artikel über's Alleinsein. Fast mein ganzes Leben lang fühlte ich mich seltsam unvollständig. Nicht nur weil ich allein lebte, sondern vor allem, weil ich es als Frau tat. Da war die Großtante, die sich nach Verwitwung und gescheiterter, kinderloser Ehe ein schönes Leben machte. Hat sich die Gebärmutter entfernen lassen, damit sie ihren Spaß haben kann, so die Meinung in der Familie. Die mitschwingende Verachtung habe selbst ich als Kind begriffen. Da war die geliebte Oma, die nach dem Krieg den gefallenen Mann betrauerte und offiziell nie wieder liiert war. Die Bilder in der alten Kiste und die Trauer um die durch die Krebsoperation verlorene Brust sprachen für sich. Kurzum ich lernte als Kind, dass man als Frau allein entweder bedauernswert oder aber verrucht wäre. Inzwischen habe ich mich damit versöhnt, dass meine Lebensweise für die Gesellschaft - immer noch - suspekt zu sein scheint.

"Women who live alone are objects of fear or pity, witches in the forest or Cathy comics. Even the current cultural popularity of female friendship still speaks to how unwilling we all are to accept women without a social framework; a woman who's "alone" is a woman who's having brunch with a bunch of other women. When a woman is truly alone, it is the result of a crisis - she is grieving, has lost something, is a problem to be fixed."

Was sich die Leute eben so unter einer alleinlebenden Frau vorstellen. Ich gebe zu, meine Dreissiger verbrachte ich mit der Vorstellung, wieviel besser es die hätten, die in einer Gemeinschaft oder Beziehung wohnten. Die Sache mit dem grüneren Gras verstand ich nicht, weil ich von klein auf ungewollt und ungewöhnlich viel Zeit alleine verbrachte. Als ich meiner besten Freundin erklärte, wie sehr ich sie um Beziehung und Familie beneidete und wie wenig Grund sie deshalb für ihre depressive Verstimmtheit hätte, war die Freundschaft endgültig am Limit. Ihre Perspektive war mir so fremd wie die eines Marsianers. Nichts hätte ich damals lieber gehabt als eine Beziehung, womit gleichzeitig all meine Probleme gelöst gewesen wären, so zumindest meine Vorstellung.

"The idea that we progress in a clear trajectory from single unit to couple form, and achieve a sort of emotional success by doing so, seems wrong to me. Love is about what we give up when choosing to knit our life against someone else's - to make a home in the shared bed, and enjoy the small talk between bodies within the inhabited space. A paired life is not an aspirational state, but a compromised one. Loneliness is not the terror we escape; it is instead the reward we give up when we believe something else to be worth the sacrifice."

Vor einigen Jahren dämmerte in mir nicht nur die Erkenntnis, dass eine Beziehung für mich inzwischen weniger erstrebenswert wäre als allein zu leben, sondern vor allem jene vom eigentlichen Zweck der Vermehrung und Aufzucht der Brut konträren Formen von Zusammensein. Plötzlich schienen mir sehr viel mehr Formen von Beziehung als die gesellschaftlich anerkannte möglich. Ob mono- oder polygam, ob reine Freundschaften oder Zweckverbindungen, wer ausser mir selbst kann bestimmen, wie ich leben will? So lange weder Involvierte noch ich selbst dabei zu Schaden kommen, darf alles sein. Dass es nicht einfach sein würde, war mir schnell klar.

"Loving someone else, and joining our life with theirs, asks us to sit down with the brutal facts of ourselves, to sift finely between what is true and what we wish were true, in order to understand what we need and what we can offer."

Loslassen wollte ich lernen, weil ich mein Glück nicht mehr von einer Person abhängig machen wollte. Weil ich nicht mehr an die Monogamie glaubte aber für Polygamie zu unsicher war. Da kam einer, mit dem ich sehr viel tollen Sex hatte, der sich auch für meine Person interessierte, sich aber nicht verbinden ließ. Unverbindlichkeit, so verpönt in der Gesellschaft. Ja, ja, diese Männer, die sich nur die Rosinen rauspicken und beim kleinsten Problem verduften. Solche Sprüche hörte ich meist von weiblicher Seite. Zwischen den Zeilen schwingt Bitterkeit mit, wenn sie sich der Verpflichtungen von Kind und Haushalt alleine ausgesetzt sehen, während die Erzeuger an ihren Karrieren basteln und die Wochenenden lieber mit anderen 'Jungs' verbringen. Zwingt die Biologie Frauen etwa dazu, verbindlich zu sein?

Er hat übrigens jedes meiner Probleme mit mir besprochen, nur nicht immer zu meinem gewählten Zeitpunkt. Und mir stellte sich die Frage, ob ich lieber einen Hund hätte, der jederzeit auf Zuruf reagiert, als einen anderen Menschen mit eigenem Willen. Ich kann mir auch die Rosinen rauspicken, denn obwohl ich inzwischen in einem Alter bin, in dem der körperliche Abbau mit natürlichen Mitteln nicht mehr zu vertuschen ist, scheint innere Unabhängigkeit einen unwiderstehlichen Reiz auf andere auszuüben. Bevor ich aber bald noch mehr über meine persönlichen Befreiungsschläge verrate, lasse ich die Dame in meinem Namen das Schlusswort sprechen:


Ain't nothing more dangerous than a woman that is okay being alone (Ton an!)

... link


Mittwoch, 23. Februar 2022
All Eyes on Us
Sehr verehrte Menschen, die sich mittels eines Flugzeugs von einem Ort zum nächsten transportieren lassen, wenn wir Ihnen raten, zum jetzigen Zeitpunkt die Toiletten nicht aufzusuchen, sich stattdessen anzuschnallen und den Gurt festzuziehen, dann gibt es dafür einen Grund. Meistens haben die Piloten nämlich auf dem Radar eine hässliche rote Fläche von unbestimmtem Ausmaß direkt auf der berechneten Flugroute geortet. Diese Fläche induziert in ihrer Farbigkeit eine Verdichtung bestimmter Partikel wie es beispielsweise bei Wolken der Fall ist. Sie kennen das von den Coronainzidenzkarten. Dort wo es am dunkelsten ist, möchte man gerade jetzt nicht sein, ist es aber im Falle von kerosinturbinengetriebenen Reisen ziemlich schnell. So schnell, dass der Pilot unter Umständen nicht mal mehr die aus zwei Buchstaben bestehenden Flugzeugkennung an den am Boden befindlichen Lotsen melden kann bevor es scheppert.

Stellen Sie sich das in etwa so vor: im Verkehrsfunk wird Stau auf Ihrer Strecke gemeldet, während Sie vor sich noch freie Bahn sehen. Das Stauende kündigt sich nicht immer durch Vorbremsende langsam an, es könnte ganz unvermittelt hinter einer Biegung liegen. Und dann hat auch der Bremsautomat schlechte Karten. Haben Sie schon mal Wind gesehen, ohne Bäume oder andere Gegenstände, die sich bewegen? So ähnlich sieht es aus, wenn Sie aus dem Flugzeugfenster starren. Sie sehen nichts. Dafür spüren Sie plötzlich sehr viel. Beispielsweise könnten Sie die Taschen, Hunde, Kinder oder andere lose Mitreisende spüren, die Sie beim freien Fall streifen. Und glauben Sie mir, dass Sie sich dann nicht einfach mal eben festhalten können. Die Wucht, mit der ein Flieger durch unterschiedliche Luftdruckschichten geschleudert wird, kann maximal mit einem großen Tanker verglichen werden, der durch hohen Seegang schlingert. Dieser Worst Case muss nicht eintreffen, falls er es jedoch tut, sind wir froh, alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen zu haben.

Wenn wir Sie also bitten, sich zu setzen und anzuschnallen, tun wir dies selbstverständlich ebenfalls. Wir können Sie nicht dazu zwingen, werden aber in weiser Voraussicht selber nicht mehr aufstehen, um Ihnen ein Kissen, ein Getränk oder irgendwas anderes zu bringen. Wenn Sie also meinen, uns anschreien und als unverschämt bezeichnen zu müssen, weil wir gerne mit heilen Knochen heimkehren, ist das nicht nur unangebracht, sondern vor allem höchst bedenklich. Dann kann es Ihnen durchaus passieren, dass später die Chefin höchstpersönlich vor Ihnen steht und Ihnen erklärt, dass Ihr Verhalten Konsequenzen haben kann. Diese Konsequenzen ergeben sich aus dem Kleingedruckten, dem Sie beim Kauf Ihres Tickets zustimmten und bestehen aus Mahnungen bis hin zum Ausschluss von zukünftigen Flügen. Sollten Sie das begriffen haben, wird Ihnen die Chefin diese Konsequenzen möglicherweise erlassen. Was Sie Ihnen allerdings nicht erlässt, ist eine persönliche Entschuldigung bei der betreffenden Mitarbeiterin, gegenüber derer Sie Ihre Stimme erhoben haben. Bei der letzten Begebenheit hat mein Appell an den letzten Funken menschlichen Anstands jedenfalls gewirkt. Das Ehrgefühl der Kollegin wurde durch eine Entschuldigung des betreffenden Passagiers wiederhergestellt.

... link


Dienstag, 22. Februar 2022
Two Thousand Years


Dieses Datum, diese Uhrzeit. Vor allem heute.

... link


Getting Older
Die letzte große Feier liegt neun Jahre zurück. Ich erinnere mich noch ganz genau an das Treppenhaus in Salzburg, das WG Zimmer und die Küche, in der sich am Ende jede Party einfindet. Du wohntest hier, weil Du in der Stadt eine neue Stelle angetreten hattest. An jenem Abend war ich, wie immer, mit Abstand die Älteste, und insgeheim hatte ich in den Tagen bis zu diesem Geburtstag oft die Jahre überschlagen, die uns trennten. 14 Jahre, in denen ich mengenmäßig vielleicht mehr und vor allem andere Erfahrungen als Du gemacht hatte. Du hast mich immer ganz selbstverständlich akzeptiert und in Deinen Bekanntenkreis integriert. Ich hingegen schluckte an dem Abend schwer an der Alterskröte. Zum ersten Mal hatte ich bei Deiner Geburt nachgerechnet, später immer an den Geburtstagen. Wie alt würde ich sein, wenn Du in die Schule kommst, wenn Du volljährig wirst oder zu arbeiten beginnst? Dazwischen verging die Zeit. Das Ereignis war ganz leise herangeschlichen und hatte mich rücklings überwältigt. Du warst jetzt 30. Und ich?

Da gab es all diese Vorstellungen in meinem Kopf, wie mein Leben aussehen würde, wenn Du 30 wärst. Vielleicht hätte ich eine Familie aber ganz bestimmt eine Partnerschaft, eine größere Wohnung, einen tollen Job, kurzum all das, was man gemeinhin als gesicherte Verhältnisse bezeichnet. Ich hätte Dir gerne Ratschläge gegeben - schließlich macht man das so als ältere Schwester. Nun waren aber meine Verhältnisse alles andere als gesichert und ich nicht in der Position, die man als vorbildhaft beschreiben würde. Im Gegensatz dazu hattest Du die beständigeren Beziehungen, den besseren Job und Träume, die Du mit allen Dir gegebenen Möglichkeiten umsetztest. Sogar die Vernunft war auf Deiner Seite, während in meiner Tasche eine Schachtel Zigaretten steckte, die ich nach langer Abstinenz an diesem Abend zu rauchen plante. Wenn ich mich schon schlecht fühlte, dann wenigstens so richtig.

Obwohl ich mich nie wirklich auf konventionellen Pfaden bewegte, ließen mich gesellschaftliche Konventionen immer wieder über meine eigenen Füße stolpern. Es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis ich begriff, dass diese Dinge, die ich zu wollen glaubte, nicht aus meinen Bedürfnissen entsprangen. So verbrachte ich viel Zeit mit Selbstsabotage. Du wirst Dich gerade fragen, wieso ich so viel von mir schreibe, wo heute doch Dein Tag ist. Zu meiner Verteidigung kann ich nur anbringen, dass wir die Welt und die Menschen darin immer in Bezug auf uns selbst begreifen.

Du warst so oft geduldig mit mir, hast mir am Telefon zugehört und in den dunklen Tagen die Kommunikation nie abreissen lassen. In Deiner Güte hast Du mir immer eine Hand gereicht und mich wissen lassen, dass Deine Türe für mich offen steht. Wir waren nicht immer einer Meinung aber immer wohlwollend gegenüber einander. Und das, meine Liebe, werde ich von Dir immer im Herzen tragen. Lass mich Dir im Gegenzug nur eines weitergeben - ja, jetzt kommt die große Schwester zum Zug. Mit Beständigkeit und etwas Glück treibt alles im Leben in eine Richtung, die wir am Ausgangspunkt nicht für möglich gehalten hätten. Der Schlüssel dazu liegt in uns selbst, denn nicht nur die Umstände, sondern zuallererst verändern wir uns ständig. Ich schreibe Dir das heute, weil der bevorstehende Eintritt in eine neue Dekade oft ein mulmiges Gefühl in uns auslöst - vor allem im letzten Jahr der alten. Das Unbekannte macht uns Angst. Vielleicht ist es aber nur die Angst vor unseren eigenen Meinungen und Gedanken. Und wenn Du an unserem Beispiel zurückschaust, ist dieses Älterwerden vielleicht gar nicht so schlimm.

An jenem Abend hatte ich zu Deinem runden Geburtstag eine kleine Rede gehalten, von der ich heute nichts mehr weiß. Im Vorfeld wolltest Du mich davon abbringen, aus Angst, es könnte peinlich werden. Ich weiß nur noch, dass ich vorher fürchterlich viel getrunken, geraucht, mich hinterher in's Waschbecken übergeben habe und dann in Deinem Bett eingeschlafen bin, während die Party um mich herum weiterlief. Das war dann der eigentlich peinliche Part. Die Rede aber fanden alle sehr schön. Im Grunde ist nichts so schlimm wie in unserer Vorstellung. Nicht einmal Geburtstagsreden.

... link


Dienstag, 15. Februar 2022
Ladies in Their Sensitivities
Wenn er mit wirklich schlechtem Nachtschlaf anfängt, hat der Tag schon zu Beginn verloren. Dann sind die Nachbarn zu laut, das Essen zu heiß, das Wetter zu trübe und die eigene Laune im Keller. Dabei ist von aussen betrachtet alles wie immer. Die Nachbarn sind lebendig, das Essen schneller warm al erwartet, das Wetter macht eine Pause und meiner Laune ist das alles herzlich egal. Was ist dann anders als sonst?

Ich reagiere extrem empfindlich auf Reize aus meinem Umfeld. Handlungen anderer Leute beziehe ich viel zu schnell und ohne triftige Gründe auf mich. Überhaupt scheint mein sogenanntes Erregungspotential erhöht - oder die Auslöseschwelle für eine irrationale Reaktion viel zu niedrig. Ich bin äusserst unruhig und in mir nicht daheim. Und das fühlt sich sehr unangenehm an. Früher hätte ich in so einem Zustand geraucht oder getrunken oder beides. Heute vermeide ich diese Art Ablenkungsmanöver. Naja, nicht ganz, an solchen Tagen surfe ich völlig unreguliert im Netz, ohne mich auf längere Texte konzentrieren zu können.

Klar, Hormone. Andererseits sind Hormone nicht nur zu bestimmten Zeiten am Werk, sondern eigentlich immer. Mit dem Unterschied, dass ich dünnhäutiger bin als sonst. Die gute Seite drin finden, sich akzeptieren, umdeuten, ach lasst mich doch alle in Ruhe mit dem Scheiß. Ich geh' jetzt springen. Morgen manifestiert sich meine schlechte Laune an der entzündeten Achillessehne und ich habe wenigstens einen Grund dafür.

... link


Mittwoch, 2. Februar 2022
02.02.2022
Für so ein schönes Datum braucht's einen Platzhalter hier. Der nächste Eintrag folgt in 20 Tagen.

... link


Freitag, 28. Januar 2022
Soul Chemistry


Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, steht in der Bibel, und obwohl ich die generell für eine nette Geschichtensammlung halte, steht manchmal auch Wahres drin, wie dieser Satz beispielsweise. Folglich habe ich mich aufgemacht, um trotz all der Omikronwirren mal wieder jemanden in echt zu treffen. Ich meine hey, steht doch sogar in der Bibel!

Der junge Mann hatte auch sofort einen Vorschlag, wo man sich begegnen könnte - eine mir unbekannte Bar mit dem Namen Call Soul. Als fachfremde Person fiel es mir schwer, den Namen mit irgendwas aus der Chemie zu assoziieren - vielleicht kann Frau Brüllen da etwas Licht ins Dunkel bringen. Jedenfalls ging's in der Getränkekarte und auch sonst viel um's Periodensystem. Der obige Cocktail wurde beispielsweise durch special effects Blubber inklusive Dampf aus dem Laborglas (wie heißen die Dinger richtig?) aufgemotzt. Das soll aber nicht das eigentliche Thema sein, denn verwirrender war das, was mir vor der Türe passierte.

Die Impfnachweiskontrolle war schon auf der Heimseite angekündigt, weshalb ich keinen Verdacht schöpfte, als mich ein vor der Treppe zum Eingang telefonierender Herr mit ausgestreckter Hand zu warten anwies. Ich wartete und wunderte mich ob der Unfreundlichkeit. Und dann noch im Dienst privat telefonieren. Als er mich schließlich nach Impfzertifikat und Ausweis fragte, zeigte ich beides vor und wunderte mich erneut, als der junge Mann mein Geburtsdatum betonte. Sodann gab er die Treppe zum Kellereingang frei, jedoch nicht ohne mich darauf hinzuweisen, dass ich mein Zertifikat drinnen noch einmal zu zeigen hatte.

Ja, der junge Mann hatte mich veräppelt, war nur Gast und probierte das aus, was - so erfuhr ich später - die neueste Masche zur Anmache ist. Ich vermute mal es war mein Alter, das ihn die Sache doch recht zügig aufklären ließ. Auf meinen Protest hin lud er mich ein, bei seinen Freunden Platz zu nehmen. Auf mich wartete allerdings weitaus angenehmere Gesellschaft, weshalb ich die Episode schlicht als Kompliment für mein Aussehen mit anschließender Verzweiflungsgeste verstand. In Dunkelheit und mit Kapuze + Maske gehe ich aber sicher noch für Mitte Zwanzig durch. Qed.

... link


Samstag, 22. Januar 2022
Having a Blast
Es gab mal ein Blog für Betrunkene , in dem ich dareinst beitrug. Heute bin ich auch aus Gründen angeschickert. Das Ausdrücken in diesem Zustand ist aber nicht mehr so dringend. Schon schön, dieses Älterwerden?

... link


Dienstag, 11. Januar 2022
Going Home


In memoriam Stefan Öhlschläger

Man traf sie stets zusammen auf der Straße, in der Tram oder im Supermarkt an, häufig lautstark miteinander schimpfend. Passanten - meist Stadtunkundige - drehten sich mit ungläubigem Blick oder amüsiertem Lächeln nach ihnen um. Denn wenn die Öhlschläger Zwillinge eines nicht waren, dann unauffällig. Selbst im tiefen Winter sah man sie draussen in knalligen Hotpants und unter der Winterjacke bauchfrei bekleidet laufen. Nur das Schuhwerk wurde den Temperaturen angepasst. Und wer sie übersah, der hörte sie eben.

Was nicht in's Bild passt, wird belächelt, doch wer weiß schon, welche Geschichte hinter den beiden Erscheinungen steckte? Geschichten hatten die Beiden bestimmt zu erzählen. Von ihrer Zeit als Modelle - mir bekannt ist beispielsweise ein Buch über Haare von Herlinde Kölbl, in denen sie auftauchten - oder ganz allgemein von Erlebnissen im Zusammentreffen mit dem konservativen Münchner Volk. Bisweilen muss sich sogar der Durchschnittsmensch über konservative Verhaltensweisen und Ansichten in München wundern. Für Aufmerksamkeit benahmen sie sich eben ein wenig anders als andere, doch geschadet haben sie damit niemandem.

Kennengelernt habe ich die Beiden beim Tanzunterricht in einer bekannten Münchner Tanzschule. Einer von ihnen - ich vermute, es war Stefan - nahm Ballettunterricht, der andere - das muss dann Christian gewesen sein - wartete vor dem Saal und beobachtete seinen Bruder durch die Scheibe. Ich vermutete immer eine gewisse Genderfluidität bei einem der Zwillinge, wenn nicht gar bei beiden. Genaues wusste ich aber nie. Irgendwann sind sie aus der Schule geflogen, weil sie der Aufforderung nach "züchtiger Kleidung" nicht nachgekommen waren. Besorgte Eltern hatten sich bei der Schulleitung beschwert, nachdem Stefan gerne durchsichtige Netzhemdchen im Unterricht trug. In meinen Augen war das übertrieben, denn sie hätten keiner Seele etwas zuleide getan.

Dann sah ich sie längere Zeit nicht mehr, erfuhr aber über die Presse, dass sie aus ihrer Wohnung ausziehen mussten. Ihr weiteres Schicksal verfolgte ich nicht mehr, bis ich gestern die Todesnachricht las. Für den Überlebenden wird nun eine sehr harte Zeit anbrechen, denn ich bin mir sicher, mit seinem Bruder ist auch ein Teil seiner eigenen Identität verstorben. Ich wünsche ihm die Kraft und den Mut, einen neuen Weg einzuschlagen.

Liebe Lesende, sollten Sie ein besonders auffälliges Individuum im öffentlichen Bereich antreffen, dann bitte verurteilen Sie diesen Menschen nicht gleich aufgrund seines Aussehens oder seines Benehmens. Niemand kann wissen, was sich dahinter verbirgt. Letztlich erleben wir alle Schmerz oder Freude und suchen das Glück auf die uns ganz eigene Weise - etwas das uns alle eint.

... link


Montag, 3. Januar 2022
Thank You for Being a Friend
Il Sole bacia i belli


Gerade hatte ich das Studium an der Musikhochschule Stuttgart begonnen. Der alte Bau am Urbansplatz warf einen riesigen Schatten auf die Verkehrsinsel davor, der die Mülltonnenbox aus Waschbeton ganz knapp verfehlte. Dort oben saß ich in der Wartezeit zwischen zwei Seminaren in meinem luftigen Kostüm - Gänsehaut am ganzen Körper - und hielt mein Gesicht in die warmen Sonnentrahlen. Für einen kurzen Moment, gemessen an der Dauer eines Lebens, war ich sorgenfrei. Im Vorbeigehen hörte ich Dich diesen Satz sagen und bedankte mich lächelnd. Das Kompliment war auch für mich - des Italienischen nicht mächtig - zu verstehen. Die Sonne küsst die Schönen.

Natürlich warst Du mir schon vorher aufgefallen. Die fröhliche Dame, die in einem der Sekretariate arbeitete und die man oft bunt gekleidet durch die Gänge laufen sah. Die kleine, rothaarige Frau, die immer lächelte, wenn man ihr im Aufzug oder Treppenhaus begegnete und die für jeden ein freundliches Wort übrig hatte. Noch wusste ich nichts über Dich, weder Deine Zuständigkeit noch Privates. Auf dem Schild neben der Bürotüre im vierten Stock stand Dein Name: Engelbrecht. Den hatte ich mir gemerkt. Am nächsten Morgen legte ich einen selbstgepflückten Wiesenstrauß dort ab. Kurze Zeit später trat ich zum ersten Male ein. Das Zimmer war mehr als nur Arbeitsraum. Es unterschied sich so sehr von all den tristen Räumen im Gebäude. Es war Anlaufstelle für Lehrende, mit denen Du Dich über Kunst, Musik sowie den neuesten Hochschulklatsch austauschtest. Es war Zufluchtsstätte für Studierende, die ihre Sorgen und Nöte mit Dir teilten. Es war Dein kleines Reich, das Du mit Schönem ausgeschmückt hattest und mit Leben erfülltest. Auch ich saß alsbald häufig auf dem Stuhl vor Deinem Schreibtisch und wunderte mich nie, dass Du immer Zeit für meine langatmigen Schilderungen fandest. Ich nahm als selbstverständlich, wofür Du jedes Mal Deine Arbeit beiseite schobst.


Es war Sommer als ich Deinen Lebensgefährten kennenlernte. Ich war ihm gelegentlich in den Gängen der Hochschule über den Weg gelaufen. Ihr wart meiner Einladung zur Vernissage gefolgt, die ich musikalisch umrahmte. Du trugst rote, hochhackige Schuhe zum Kleid. Es gab nur wenige Sitzgelegenheiten, weshalb Du einen Stuhl mit dem Professor teiltest. Und weil man in der Regel nicht auf dem Schoß von Arbeitsbekanntschaften sitzt, musste es sich um den Herzensmann handeln. Auf den ersten Blick überraschte diese Verbindung, denn während Du immer besonders edle Einzelstücke trugst, verortete man seinen Modestil eher in der sogenannten alternativen Szene. Die Diskrepanz in Einstellung und Lebensweise, so erfuhr ich viel später, überbrücktest Du durch das Zelebrieren der Verbundenheit im Kern.


Dann lernte ich auch Deine Tochter kennen. Mich erstaunte, dass sie nur wenige Jahre jünger war als ich. Da wurde mir bewusst, dass Du ja auch im Alter meiner Mutter sein musstest. Fortan verglich ich Euch gedanklich in vieler Hinsicht. Meine Mutter schnitt dabei immer schlechter ab. Du warst so viel liebevoller, herzlicher und mir zugewandter, so hätte ich es mir von ihr gewünscht. In den darauffolgenden Jahren wünschte ich mir Dich des Öfteren an ihre Stelle. Als Freundschaft war mir unsere Verbindung jedoch viel wertvoller als eine komplizierte Beziehung zwischen Mutter undTochter. Das begriff ich am Beispiel Deiner eigenen Tochter. So konnte ich Dir ungehindert mein Herz über Familiäres ausschütten und mich von Dir trösten lassen. Einmal hast Du sogar mir meiner Mutter über mich gesprochen. Allein die Tatsache, dass jemand für mich Partei ergreift, hat mich damals tief berührt und gestärkt.


Wieder fiel mir Dein exquisiter Geschmack auf, als ich zum ersten Mal Deine Wohnung betrat. Liiert war ich damals mit einem sehr jugendlichen und realitätsfernen jungen Mann, der mich aus meiner Rationalität wieder an das Staunen erinnerte. Wir waren zum Teetrinken eingeladen. Deine Wohnräume spiegelten die Liebe zum Detail wieder. Hier ein Bild, dort eine Vase, jeder Gegenstand war bewusst gewählt, nichts zufällig platziert. Alles hatte eine Geschichte, von denen Du einige mit uns teiltest. In einer zweckdienlichen Umgebung aufgewachsen, eröffnete sich mir eine völlig neue Perspektive. Du serviertest Kuchen und andere Leckereien auf schönem Geschirr. Während Du langsam genießen konntest, verschlang ich blitzschnell, was mir schmeckte. Ein andermal waren es Ingwermandeln, die Du in einem Schälchen im Büro darbotest, welches ich zu Deinem Entsetzen im Handumdrehen geleert hatte. Im Nachhinein war mir mein Verhalten mehr als peinlich, doch meine Unbeherrschtheit war nur eine Seite von Unersättlichkeit. Dem gegenüber stand eine immerwährende Leere, die weder mit Nahrung oder Erlebnissen noch Zuwendung zu füllen war. Deine Bereitschaft, mich in meiner Rastlosigkeit anzunehmen, ließ mich für einen kurzen Moment Linderung spüren. Deine immerwährende Geduld wirkte mit der Zeit heilend auf meine getriebene Seele.


Nach einer angemessenen Zeit der Bekanntschaft hast Du mir das vertrauliche Du angeboten. Obwohl es mir zu Beginn zu benutzen schwer fiel, machte mich die Bedeutung der Geste stolz. Alsbald erzähltest Du mir sehr Persönliches, zu dem ich außer Hypothetischem nichts Hilfreiches beitragen konnte. Als der Herzensmann erkrankte und bald darauf starb, wollte ich gerne für Dich da sein, ganz so, wie Du es immer für mich warst. Dieser Aufgabe war ich jedoch nicht gewachsen. Ich hätte Dir so gerne die Schwere abgenommen, die fortan Deinen Alltag überzog. Du wusstest, dass es nicht möglich ist. Damals warst Du so alt wie ich heute. Ich dachte, was für ein blödes Alter es sei, um einen Lebenspartner zu verlieren, da man doch hätte gemeinsam alt werden wollen. Einen geliebten Menschen zu verlieren, passt zu keinem Zeitpunkt in die Lebensplanung. In meiner jugendlichen Vorstellung war es das Alter, in dem man nicht mehr suchte, geschweige denn fand. Später belehrtest Du mich wieder eines Besseren als eine kurze Romanze wie ein Tornado durch Dein Leben fegte und Dich seelisch zerzaust hinterließ. Danach konzentriertest Du Deine Zuneigung auf den Enkel und all die Freundschaften, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Allen gemeinsam war Deine Liebe.


Man müsse auch Freundschaften zu den Jüngeren pflegen, denn die Älteren stürben und dann stünde man wieder alleine da. Eine zunächst irritierende Aussage, erklärte aber Deine Offenheit für die Belange derer, die ihre Füße noch zögernd auf holprigen Wegen positionieren, wo Erfahrenere zielsicher entlangschreiten. Selbst konnte ich mit jüngeren Altersgruppen nichts anfangen und suchte die Nähe zu denen mit einem Vorsprung an Lebenserfahrung. Ich fragte mich, wie man derart besondere Freundschaften findet. Da waren die ehemaligen Studierenden oder Lehrkräfte aus Deiner aktiven Hochschulzeit, Dein ehemaliger Kommilitone, ein Ersatzfamilienpaar aus der Zeit als junge Mutter, aber auch die Frau auf der Straße, der Stammfriseur und der junge Mann aus dem Restaurant, der bald zur wöchentlichen Mittagstischverabredung und später zu einem weiterer Sohn wurde. Du ludst diese Menschen mit offenen Armen in Dein Leben ein, weil Du in ihnen das Besondere sahst. Vor allem die Verbindungen aus jungen Jahren pflegtest Du treu. Als eine lange Freundschaft zu scheitern drohte, fiel Dir das Ende schwer. Doch so groß Deine Geduld auch war, war es für Dich an der Zeit, eine klare Grenze zu ziehen. Unser Kontakt verlagerte sich nach meinem Wegzug auf lange Telefonate, die allmählich seltener wurden. Du gabst mir den Raum, den ich brauchte, ohne mich ganz aufzugeben. Deine Tür stand für mich immer offen.


Inzwischen warst Du pensioniert. Deine Kinder hätten Dir den Computer eingerichtet, doch Du verweigertest den Einzug moderner Kommunikationstechnik in Deine privaten Räumlichkeiten. Briefe und Telefonate waren Dir lieber als elektronische Nachrichten. Der Charme Deiner wohlüberlegten und handgeschriebenen Zeilen waren mit den schnell getippten nicht zu vergleichen. So mussten alle zum Stift oder Hörer greifen, die mit Dir in Kontakt treten wollten. Briefe kann man in Schachteln bewahren, um den Augenblick des Geschriebenen viel später noch einmal zu beleben. Das hat mich immer schon an Handschriftlichem fasziniert. Ich begann nun, in unregelmäßigen Abständen Postkarten an Dich zu senden. Auch sie wanderten bei Dir nach einiger Zeit vom Ansichtsplatz in eine Schachtel. Die Motive waren mit Bedacht gewählt, die Texte hielt ich eher kryptisch. Später formulierte ich verständlicher, weil Du immer nach dem Sinn fragtest und ich mich nicht mehr an meine Gedankengänge erinnern konnte. Jede Karte wurde mit einem Anruf Deinerseits oder einer Gegenkarte quittiert. Dann nahm ihre Frequenz ab, die Anrufe wurden seltener. Wie immer, warst Du auch in diesen Zeiten geduldig.


Während der seltenen Gespräche prallten manchmal unsere unterschiedlichen Ansichten aufeinander. Und alles Gesagte traf tief in mein Herz - auch meine eigenen Worte. Dabei wollte ich nicht verletzen, nur meinen Standpunkt untermauern. Ich wollte mich nicht reiben, sondern sachlich diskutieren, wollte kein Mitleid und keine Ratschläge. Die Gespräche verloren ihre Wärme, fast als ob unsere Beziehung in die Pubertät gekommen wäre. Manchmal weinte ich über die verlorene Verbindung, doch das Verbindende war nie ganz weg. So arbeitete ich meine Traumata an den Nahestehenden ab. Wieder hast Du ausgehalten und ausgesessen. Generell ging es Dir immer besser, während ich in meiner persönlichen Talsohle zu stecken schien. Als ich nicht mehr über mich reden wollte, weil sich doch nur alles wiederholte, berichtetest Du von Deinen täglichen Erlebnissen. Wen Du kürzlich auf dem Markt getroffen hattest, welchen Film Du im Kino gesehen und welches Buch Dir gefallen hatte, dass Du jetzt ein Abo für den Eintritt in die Staatsgalerie besaßt und was alles in der neuen Nebenbeschäftigung geschah, all das erzähltest Du kurzweilig wie niemand anderes. Deine Schilderungen waren so lebendig, ich konnte mir vorstellen dabeizusein.


Allmählich kamen wir uns wieder näher. Ich begriff, dass eine Freundschaft auch solche Phasen überdauert. Man streift alte Sichtweisen wie Haut ab und wächst in neue. Wachstumsschmerzen sind unvermeidbar. Wichtig ist nur, das gegenseitige Wohlwollen beizubehalten. Zwei Mal besuchtest Du mich in meiner kleinen Wohnung. Wir hatten viel Spaß miteinander. Vielleicht erinnerst Du Dich noch an die Überraschung unter dem Kissen? Ein kleines Präsent, das viel Gelächter hervorrief. Während ich mich auf einen Auftritt vorbereitete, besuchtest Du das Museum Brandhorst. Deine Begeisterung für die riesigen Gemälde von Cy Twombly färbte auf mich ab und lockte mich in die Ausstellung. Auch andere Kunstwerke sah ich nicht ohne ein Lächeln beim Gedanken an Deine Schilderungen. Mehrmals besuchten wir zusammen die Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart, wo wir bei Deinen beiden Lieblingsbildern verweilten. Emil Noldes Zitronengarten verknüpfst Du mit der Zeit Deiner großen Liebe während Der Jurist für Dich Ordnung und kindliche Geborgenheit symbolisiert. Und obwohl ich es zunächst anders wahrnahm, sehe ich jetzt wie in einem Kippbild gleichzeitig meine und Deine Assoziation.


Als ich Dich fragte, welche Orte Du in Europa noch bereisen wolltest, nanntest Du Stockholm. Wir werden die Stadt im Mai gemeinsam besuchen, sofern es die derzeitige Lage erlaubt. Drei Nächte beziehen wir dann ein zentral gelegenes Hotel, erkunden die Straßen, Museen und Sehenswürdigkeiten. Wir werden in Cafés Menschen beobachten und uns den leiblichen Genüssen hingeben. Vielleicht brauchen wir auch ein wenig Geduld füreinander - so genau weiß ich das nicht, denn es wird unsere erste gemeinsame Reise werden. Aber nach einer Weile werden wir darüber lachen und uns nur noch an die schönen Begebenheiten erinnern.


Keiner von uns kann wissen, wie lange wir uns noch austauschen können, uns erzählen und zuhören, uns erinnern und auf ein Treffen freuen. Das ist der Lauf der Dinge. Dennoch fällt es mir unendlich schwer, mir mein Leben ohne Dich vorzustellen, ohne ein abendliches Telefonat, eine gelegentliche Postkarte oder eine Umarmung, ohne Deine Wärme und Fürsorge. Es fällt mir schwer und lässt mich gleichzeitig jede unserer Begegnungen noch mehr schätzen. Du fragtest einmal, welchen Deiner Gegenstände ich gerne als Erinnerung an Dich behielte. Darauf wusste ich keine rechte Antwort. Ich schwankte zwischen einem Schal und einem Deiner Kunstwerke, doch eigentlich wollte ich keine Sache nennen, denn die müsste ich eines Tages gegen Dich eintauschen. Mein Blick fiel auf die Fotografien, die während der Hochschulzeit in Deinem Büro hingen. Andere Bilder trugen bereits einen Namen auf ihrer Rückseite. Das blaue Sofa oder den Lesesessel hätte ich sehr gerne, denn dort verbrachtest Du viele Abende. Das Lautenbild im Wohnzimmer hast Du oft betrachtet, die Figurine einer Tänzerin mit dem Geliebten ausgesucht und im Auto aus der Provence heimtransportiert. Auch heute fällt mir die Entscheidung schwer. Wenn der Tag gekommen ist, hoffe ich, etwas von Dir in Händen zu halten, wozu ich Deine Gedanken oder die Geschichte kenne. Diese Geschichte kann ich dann mit Deinen Freunden teilen. Jeder und Jede von ihnen wird dann einen kleinen Ausschnitt Deines Lebens hüten und Du niemals ganz weg sein. Und ich werde die Nähe derer suchen, in denen Du lebendig bist.

... link