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Montag, 15. August 2022
Nothing but Blue Skies Do I See
frau klugscheisser, 13:06h

Während ich nach der Ankunft aus San Francisco das Mitleid meiner Kollegen beim Betrachten der neuen Nachrichten auf meinem Handy und dem Ausruf: "Ich fliege morgen!" bekam, musste ich aufklären, dass es sich nicht um Arbeit handelt, sondern mein Vorhaben, am nächsten Tag bei schönstem Sonnenschein und klarer Sicht einen ersten Tandemflug mit dem Gleitschirm zu absolvieren. Ohne Triebwerke und nur mit ein paar Gurten zwischen mir und der Luft zog uns ein dünner Stoffschirm auf fast 3000m Höhe. Ich sah staunend in die Ferne, nach unten und oben in's Blau, musste fast eine ganze Stunde grenzdebil lachen und dann feststellen, dass man davon einen sehr trockenen Mund bekommt. Der Wind ist nämlich nicht zu unterschätzen. Die Landung war etwas unsanft, jedoch ohne bleibende Schäden. Ich fürchte, ich mache das in Zukunft noch öfter. Also das Fliegen mit Gleitschirm, nicht das unsanfte Landen. Und irgendwann vielleicht auch ohne Piloten und ganz alleine.

Der kleine, bunte Fleck, das ist unser Schirm, an dem ich hänge.
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Freitag, 12. August 2022
Be Sure to Wear Some Flowers in Your Hair
frau klugscheisser, 13:59h

Bombastisches Wetter in San Francisco, wo es häufiger regnet und nebelt als in Hamburg. Na gut, das schreibe ich nur, weil es so ein schöner Übergang vom letzten Eintrag über die Nebelausstellung ist. Eigentlich bin ich nämlich vor dem heißen Europäischen Sommer hierher geflüchtet. Der Wetterbericht versprach bewölkte 19°C, doch der Wind vertreibt die Wolken. Schließlich laufe ich ohneärmelig - eine Bezeichnung aus meinem frühkindlichen Wortschatz - aber mit Jacke über die Hügel. Wahrscheinlich kaufen im selben Moment zwei meiner Kollegen Kleidung, weil es hier meist kühler als erwartet ist. Übrigens laufe ich an diesem Tag mehr auf und ab als sowieso schon in San Francisco, weil die Vizepräsidentin da ist und ein ganzer Block abgesperrt wurde. Um einen Block herumgehen bedeutet hier aber entweder steil hoch oder steil runter. Das fühlt sich zu Fuß wie städtisches Bergsteigen an (urban mountainclimbing). Ich komme aus München und habe in Stuttgart Führerschein gemacht, ich kann das beurteilen.
Ob die Amerikaner diese alten Autos überhaupt fahren können? Am Berg anfahren? Mit Handbremse? Ich bezweifle das. Die auf Oldtimer spezialisierte Werkstatt hat anscheinend gut zu tun.
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Too Late to Apologize
frau klugscheisser, 13:38h

Mason Street, San Francisco
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Mittwoch, 3. August 2022
Fog
frau klugscheisser, 13:05h

Auf den letzten Drücker, nämlich am vorletzten Ausstellungstag, war ich endlich in der spektakulären Installation von Fujiko Nakaya im Haus der Kunst. Richtig, ich war drin. Der Besuchende sieht die nämlich nicht nur, sie ist auch spür- und riechbar. Wenn in den großen Raum vom Wasserbeckenrand aus Düsen der Nebel sprüht, versinken alle Personen darin. Das trübe blaugrünliche Oberlicht trägt zum Stimmungsbild bei und lässt alles noch ein wenig unwirklicher erscheinen. Als ich vom Nebel umhüllt war, konnte ich ihn nicht nur aussen an meinem Körper spüren, ich spürte ihn beim Einatmen auch in mich dringen. Noch nie war ich so sehr Teil einer Kunstinstallation wie bei dieser. Während Kunstschaffende dies immer wieder bewirken wollen, wenn sie mit sich unter Betrachtung verändernden Kunstwerken darauf hinweisen, so bleibt dieser gewünschte Effekt meist auf der intellektuellen Ebene stecken.
Im Vorfeld stand die Kleiderfrage und jene, ob ein Regencape notwendig sei. Schließlich fiel die Entscheidung auf Latex. Es verträgt Nässe und fungiert als Bindeglied zwischen Körper und Kunstwerk. So sind wir ein bisschen zum Kunstwerk im Kunstwerk geworden. Dass wir damit nicht vom eigentlichen Fokus ablenken würden, stellten wir sicher, indem wir alltagstaugliche Formen wählten. Allerdings waren wir im Nebel letztlich sowieso unsichtbar.



Es wurden zudem Bilder, Projektionen und Filme über frühere Installationen der Künstlerin gezeigt. Auch hier integrierten wir uns sozusagen in's Werk.
Für mich war das eine aufregende Aktion, denn obwohl heutzutage viel mehr Aussergewöhnliches im öffentlichen Raum toleriert wird, waren wir natürlich Blickfang. Das begann schon auf dem Weg durch den Englischen Garten zum Haus der Kunst. Passanten schauten kurz, dann weg, nach Passieren drehten sie sich um, Gruppen verstummen, begannen dann hinter unserem Rücken aufgeregt zu tuscheln, Handys wurden gezückt, angebliche Selfies kopfüber geschossen. Niemand fragte oder sprach uns an. Ich beschreibe hier meine Beobachtung völlig wertfrei. Natürlich waren die Leute verwundert, natürlich genossen wir die verhohlene Aufmerksamkeit, doch vermisste ich die Offenheit des jungen Mannes mit mutmaßlichem Down-Syndrom, der uns von oben bis unten musterte und dann breit anlachte. Wir lachten erleichtert zurück.
An der Nordseite des Hauses gingen wir die Treppe hoch auf die Terrasse der Goldenen Bar. Von dort gelangte man zur Ostseite und damit zur Ausseninstallation. Auch hier schienen die Leute bemüht wegzusehen, ihre Blicke waren aber im Rücken zu spüren. An der geöffneten Flügeltüre der Ostseite kam uns eine Aufsichtsperson entgegen, die ich fragte, ob wir hier die Ausstellung betreten dürften. Er lächelte und meinte nach kurzem Blick auf die Eintrittskarten, es sei offensichtlich, dass wir uns explizit für diese Ausstellung zurechtgemacht hätten.
Ich begreife Kunst als das Mittel zur Verbindung zwischen Menschen. Der Kunstschaffende drückt in seinem Medium das aus, was im Gespräch schwer begreifbar zu machen ist. Im Rahmen einer Kunstausstellung sind die Menschen offener für die Auseinandersetzung mit Andersartigkeit. Ich hätte mir gewünscht, mit denen in Kontakt zu treten, die sich hinter unserem Rücken über unser Auftreten äusserten - verbal oder nonverbal. Wie aber kann überhaupt ein Miteinander entstehen, wenn wir uns nicht einmal mehr in die Augen schauen?
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Mittwoch, 27. Juli 2022
How Do You Sleep?
frau klugscheisser, 19:49h
Wenn Leute hören, dass ich mich bei einer simplen Erkältung krankmelde, werde ich gelegentlich mitleidig belächelt. Muss ich mich wirklich für sowas vor Menschen rechtfertigen, die nicht alle Implikationen meines Berufes kennen? Ich denke, spätestens wenn wieder irgendwo ein Flieger wegen menschlichem Versagen abstürzt - was im Klartext, da machen wir uns nichts vor, fehlende Reaktionsfähigkeit bedeutet - wird auch dem letzten Zweifelnden klar, wieso ich mich wegen Übermüdung gegen den Arbeitsantritt entscheide. So vor zwei Tagen geschehen.
Bei fehlendem Schlaf habe ich zwar bei alltäglichen Beschwerden und Schimpftiraden die hilfreiche LmA Einstellung, nicht aber die Klarheit, im Notfall Prioritäten sinnvoll abzuarbeiten. In meinem Fall bedeutet das nicht zwangsläufig einen Absturz aber was tun Sie, wenn Sie schließlich unten sind? Richtig, Sie wollen raus aus dem brennenden oder im besten Falle nur demolierten Teil, und zwar möglichst schnell und mit möglichst wenig Schaden an Leib und Seele. Na gut, der Absatz wird vielleicht auf der Strecke bleiben, dafür nicht der ganze Fuß oder das Bein, wenn es irgendwo drinsteckt und die Panikmenge über Sie drüber steigt. Oder beim weniger dramatischen Fall, in dem Sie vielleicht im Flug ein medizinisches Problem ereilt. Da möchten Sie sich in guten Händen wissen, wenn mal wieder kein Arzt an Bord und der nächste Flughafen mehr als drei Flugstunden weg ist.
Genau das kann ich nach nur zwei Stunden Schlaf nicht garantieren. Übrigens kann ich es unter normalen Umständen nach 12 Stunden Flug kurz vor der Landung auch nicht mehr zu 100%. Wenn da vorher schon ein Defizit war, wird's kriminell. Wie oft habe ich von Kolleg:innen gehört, die sich eben durchbeissen. Für ihren Folgeplan, der nach Krankmeldung meist obsolet wird oder für dieses zweifelhafte Pflichtbewusstsein, das man als Kind eingetrichtert bekommen hat und das Sich-Aufreiben für eine unpersönliche Institution feiert und ein sogenanntes Burnout als Simulantentum abtut. Das geschieht nicht nur durch die Gesellschaft von aussen, das haben viele von uns sehr erfolgreich internalisiert und dann als Wertevorstellung an ihre Nachkommen weitergegeben.
Es gibt Berufsgruppen, die leiden unter Dauermüdigkeit. Schichtarbeitende im Gesundheitswesen oder Serviceberufen genau wie andere an Schnittstellen Arbeitende, die einen Betrieb am Laufen halten und nie fehlen dürfen. Man merkt's erst, wenn sie genau das tun. Deshalb an dieser Stelle die Bitte: seien Sie nett zu denen, erwähnen Sie nicht, wie müde jemand aussieht, sondern bedanken Sie sich stattdessen für deren Arbeit. Das wirkt nämlich viel belebender als alles andere. Natürlich freuen wir uns über mehr Gehalt aber ein bisschen Freundlichkeit kann mir einen ganzen Tag retten, wenn ich mich mal wieder kaum noch auf den Beinen halten kann. Und urteilen Sie nicht, wenn Sie nicht in der gleichen Position sind oder irgendwann waren. Niemals. Damit sind Sie übrigens in allen Lebenslagen gut beraten.
Bei fehlendem Schlaf habe ich zwar bei alltäglichen Beschwerden und Schimpftiraden die hilfreiche LmA Einstellung, nicht aber die Klarheit, im Notfall Prioritäten sinnvoll abzuarbeiten. In meinem Fall bedeutet das nicht zwangsläufig einen Absturz aber was tun Sie, wenn Sie schließlich unten sind? Richtig, Sie wollen raus aus dem brennenden oder im besten Falle nur demolierten Teil, und zwar möglichst schnell und mit möglichst wenig Schaden an Leib und Seele. Na gut, der Absatz wird vielleicht auf der Strecke bleiben, dafür nicht der ganze Fuß oder das Bein, wenn es irgendwo drinsteckt und die Panikmenge über Sie drüber steigt. Oder beim weniger dramatischen Fall, in dem Sie vielleicht im Flug ein medizinisches Problem ereilt. Da möchten Sie sich in guten Händen wissen, wenn mal wieder kein Arzt an Bord und der nächste Flughafen mehr als drei Flugstunden weg ist.
Genau das kann ich nach nur zwei Stunden Schlaf nicht garantieren. Übrigens kann ich es unter normalen Umständen nach 12 Stunden Flug kurz vor der Landung auch nicht mehr zu 100%. Wenn da vorher schon ein Defizit war, wird's kriminell. Wie oft habe ich von Kolleg:innen gehört, die sich eben durchbeissen. Für ihren Folgeplan, der nach Krankmeldung meist obsolet wird oder für dieses zweifelhafte Pflichtbewusstsein, das man als Kind eingetrichtert bekommen hat und das Sich-Aufreiben für eine unpersönliche Institution feiert und ein sogenanntes Burnout als Simulantentum abtut. Das geschieht nicht nur durch die Gesellschaft von aussen, das haben viele von uns sehr erfolgreich internalisiert und dann als Wertevorstellung an ihre Nachkommen weitergegeben.
Es gibt Berufsgruppen, die leiden unter Dauermüdigkeit. Schichtarbeitende im Gesundheitswesen oder Serviceberufen genau wie andere an Schnittstellen Arbeitende, die einen Betrieb am Laufen halten und nie fehlen dürfen. Man merkt's erst, wenn sie genau das tun. Deshalb an dieser Stelle die Bitte: seien Sie nett zu denen, erwähnen Sie nicht, wie müde jemand aussieht, sondern bedanken Sie sich stattdessen für deren Arbeit. Das wirkt nämlich viel belebender als alles andere. Natürlich freuen wir uns über mehr Gehalt aber ein bisschen Freundlichkeit kann mir einen ganzen Tag retten, wenn ich mich mal wieder kaum noch auf den Beinen halten kann. Und urteilen Sie nicht, wenn Sie nicht in der gleichen Position sind oder irgendwann waren. Niemals. Damit sind Sie übrigens in allen Lebenslagen gut beraten.
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Mittwoch, 20. Juli 2022
Riding on a Train
frau klugscheisser, 20:59h
Wer mit den Öffentlichen fährt, erlebt nicht immer Erfreuliches. Vor allem seit Corona und dem 9 Euro Ticket sind die Begegnungen von zweifelhafter Natur - einmal zu nah und zu gefährlich unbedeckt, das andere Mal zu voll. Es gibt allerdings auch Interessantes zu sehen, manchmal auch schöne Begegnungen. So war ich letzte Woche tagsüber am U-Bahnhof unterwegs und konnte ein paar Beobachtungen übere menschliches Verhalten machen - genauer gesagt das psychologische Phänomen der Verhaltensdistribution.
Als ich am Bahnsteig ankomme, fällt mir eine ältere Frau auf, relativ gut gekleidet, Papiertüten renomierter Läden neben sich stehend, sie selbst sitzt auf einer der aus Draht geformten Sesselbänke. Sie hat die Augen geschlossen und sinkt langsam zur Seite. Als sie dabei ihre Nebensitzerin berührt, steht selbige auf und entfernt sich. Daraufhin kippt die ältere Dame ungehindert auf den Sitz neben sich. Die Umstehenden beobachten, schauen weg, manche tuscheln, manche gehen einen Schritt zur Seite, andere scheinen unsicher, wie sie sich verhalten sollen. Auch ich weiß die Situation nicht so recht einzuschätzen. Was vielleicht wie zu viel Alkohol in Kombination mit zu wenig Schlaf aussieht, könnte auch einen anderen Grund haben. Da ich beim Fliegen auf diverse Krankheitsbilder geschult werde, beschließe ich zu handeln. Wenn sich die Dame in der Unterzuckerung befindet, sieht das für Aussenstehende ebenfalls aus wie ein wenig zu tief in's Glas geschaut. Sollte es sich um eine Obdachlose handeln, die halt hier ihren Rausch ausschlafen möchte, wird sie mir das schon sagen. Und auch Obdachlose haben übrigens ein Recht auf Hilfe von ihren Mitmenschen - unterlassene Hilfeleistung ist auch da ein Thema.
Ich nähere mich der Dame, berühre sie am Oberarm, spreche sie laut an. Sie reagiert nicht. Also schüttle ich ein wenig, frage ob alles in Ordnung ist. Jetzt sehen mir alle am Bahnsteig in unmittelbarer Nähe Stehenden interessiert zu. Die Frau fährt plötzlich nach oben, murmelt Unverständliches, schnappt ihre Taschen und steht auf. Wäre sie nicht zu sich gekommen, hätte ich sie im nächsten Schritt in den inneren Oberarm gezwickt, dann nochmal auf der anderen Seite und bei Nichtreagieren die Notfallnummer gerufen. So aber bin ich erleichtert. Die U-Bahn ist noch nicht eingefahren, weshalb sie sich wieder setzt und sofort erneut einschläft. Als die Bahn kommt, wecke ich sie wieder. Sie springt auf, schnappt die Tüten und steigt ein. Eine Station vor mir verlässt sie den Wagon, um es sich in einer ruhigeren Station gemütlich zu machen.
Ich habe keine Ahnung, was der Grund für ihr Verhalten war aber gelernt, keine Mutmaßungen oder gar Diagnosen zu stellen. Denn genau das ist der Beginn allen Übels. Die Menschen beobachten und beurteilen. Wenn bereits viele andere herumstehen und keiner eingreift, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass eine neu hinzugekommene Person etwas tut. Im Gegenteil ist die Wahrscheinlichkeit eines Eingreifens höher, je weniger Personen involviert sind. Die Verantwortung verteilt sich auf alle Anwesenden - so in einem sozialpsychologischen Experiment einst nachgewiesen. Ich möchte dann lieber doch nicht das tun, was mein Sozialtrieb mir nahelegt, sondern mit klarem Verstand und ohne Ausreden helfen.
Als ich vor zwei Tagen meinen Koffer am Flughafen wieder in Empfang nehmen durfte, fuhr ich ebenfalls mit der S-Bahn heim. Mir gegenüber setzte sich eine etwas jüngere Frau mit einem Koffer und einem Geigenkasten. Mein Interesse war geweckt. Nur wie spricht man jemanden an, der Ohrstöpsel trägt, während ich eine Maske aufhabe? Ich hab's bewerkstelligt, woraus sich ein sehr schönes Gespräch zwischen einer internationalen Berufsmusikerin und mir entspann. Auch hier wieder war mir die Aufmerksamkeit aller Umsitzenden sicher, obwohl der Austausch auf Englisch stattfand. Ich erzählte ein wenig aus meiner beruflichen Vergangenheit, sie aus ihrer Gegenwart, doch so wirklich viel wollte sie nicht von sich preisgeben. Da bohre ich auch nicht nach. Dass sie wissen wollte, ob ich liiert sei oder gar verheiratet, ob ich alleine wohne und andere soziale Umstände, zähle ich zu kulturellen Unterschieden. Ein Nordamerikaner fragt beispielsweise ohne mit der Wimper zu zucken beim ersten Treffen nach dem Einkommen, während die Unterhaltung über Geld bei uns eher unter vorgehaltener Hand geführt wird. Später habe ich ein Bild von ihr und die dazugehörige Biographie im Netz gefunden. Sie kam an diesem Tag zwar aus London und spielt in einem schwedischen Ensemble, ist selbst aber Finnin. Vielleicht spricht man in Finnland schnell über soziale Verhältnisse, weil bei der langen Dunkelperiode keiner alleine sein möchte. Ich werde es nie erfahren, denn auch die Konzertkarte habe ich abgelehnt. Eines Tages sieht man sich bestimmt wieder. Die Welt ist ja dieses Dorf, von dem alle sprechen - unter Fliegenden noch mehr als für die sogenannten Fußgänger.
Als ich am Bahnsteig ankomme, fällt mir eine ältere Frau auf, relativ gut gekleidet, Papiertüten renomierter Läden neben sich stehend, sie selbst sitzt auf einer der aus Draht geformten Sesselbänke. Sie hat die Augen geschlossen und sinkt langsam zur Seite. Als sie dabei ihre Nebensitzerin berührt, steht selbige auf und entfernt sich. Daraufhin kippt die ältere Dame ungehindert auf den Sitz neben sich. Die Umstehenden beobachten, schauen weg, manche tuscheln, manche gehen einen Schritt zur Seite, andere scheinen unsicher, wie sie sich verhalten sollen. Auch ich weiß die Situation nicht so recht einzuschätzen. Was vielleicht wie zu viel Alkohol in Kombination mit zu wenig Schlaf aussieht, könnte auch einen anderen Grund haben. Da ich beim Fliegen auf diverse Krankheitsbilder geschult werde, beschließe ich zu handeln. Wenn sich die Dame in der Unterzuckerung befindet, sieht das für Aussenstehende ebenfalls aus wie ein wenig zu tief in's Glas geschaut. Sollte es sich um eine Obdachlose handeln, die halt hier ihren Rausch ausschlafen möchte, wird sie mir das schon sagen. Und auch Obdachlose haben übrigens ein Recht auf Hilfe von ihren Mitmenschen - unterlassene Hilfeleistung ist auch da ein Thema.
Ich nähere mich der Dame, berühre sie am Oberarm, spreche sie laut an. Sie reagiert nicht. Also schüttle ich ein wenig, frage ob alles in Ordnung ist. Jetzt sehen mir alle am Bahnsteig in unmittelbarer Nähe Stehenden interessiert zu. Die Frau fährt plötzlich nach oben, murmelt Unverständliches, schnappt ihre Taschen und steht auf. Wäre sie nicht zu sich gekommen, hätte ich sie im nächsten Schritt in den inneren Oberarm gezwickt, dann nochmal auf der anderen Seite und bei Nichtreagieren die Notfallnummer gerufen. So aber bin ich erleichtert. Die U-Bahn ist noch nicht eingefahren, weshalb sie sich wieder setzt und sofort erneut einschläft. Als die Bahn kommt, wecke ich sie wieder. Sie springt auf, schnappt die Tüten und steigt ein. Eine Station vor mir verlässt sie den Wagon, um es sich in einer ruhigeren Station gemütlich zu machen.
Ich habe keine Ahnung, was der Grund für ihr Verhalten war aber gelernt, keine Mutmaßungen oder gar Diagnosen zu stellen. Denn genau das ist der Beginn allen Übels. Die Menschen beobachten und beurteilen. Wenn bereits viele andere herumstehen und keiner eingreift, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass eine neu hinzugekommene Person etwas tut. Im Gegenteil ist die Wahrscheinlichkeit eines Eingreifens höher, je weniger Personen involviert sind. Die Verantwortung verteilt sich auf alle Anwesenden - so in einem sozialpsychologischen Experiment einst nachgewiesen. Ich möchte dann lieber doch nicht das tun, was mein Sozialtrieb mir nahelegt, sondern mit klarem Verstand und ohne Ausreden helfen.
Als ich vor zwei Tagen meinen Koffer am Flughafen wieder in Empfang nehmen durfte, fuhr ich ebenfalls mit der S-Bahn heim. Mir gegenüber setzte sich eine etwas jüngere Frau mit einem Koffer und einem Geigenkasten. Mein Interesse war geweckt. Nur wie spricht man jemanden an, der Ohrstöpsel trägt, während ich eine Maske aufhabe? Ich hab's bewerkstelligt, woraus sich ein sehr schönes Gespräch zwischen einer internationalen Berufsmusikerin und mir entspann. Auch hier wieder war mir die Aufmerksamkeit aller Umsitzenden sicher, obwohl der Austausch auf Englisch stattfand. Ich erzählte ein wenig aus meiner beruflichen Vergangenheit, sie aus ihrer Gegenwart, doch so wirklich viel wollte sie nicht von sich preisgeben. Da bohre ich auch nicht nach. Dass sie wissen wollte, ob ich liiert sei oder gar verheiratet, ob ich alleine wohne und andere soziale Umstände, zähle ich zu kulturellen Unterschieden. Ein Nordamerikaner fragt beispielsweise ohne mit der Wimper zu zucken beim ersten Treffen nach dem Einkommen, während die Unterhaltung über Geld bei uns eher unter vorgehaltener Hand geführt wird. Später habe ich ein Bild von ihr und die dazugehörige Biographie im Netz gefunden. Sie kam an diesem Tag zwar aus London und spielt in einem schwedischen Ensemble, ist selbst aber Finnin. Vielleicht spricht man in Finnland schnell über soziale Verhältnisse, weil bei der langen Dunkelperiode keiner alleine sein möchte. Ich werde es nie erfahren, denn auch die Konzertkarte habe ich abgelehnt. Eines Tages sieht man sich bestimmt wieder. Die Welt ist ja dieses Dorf, von dem alle sprechen - unter Fliegenden noch mehr als für die sogenannten Fußgänger.
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Donnerstag, 14. Juli 2022
Ich hab noch einen Koffer in Berlin
frau klugscheisser, 05:16h
Berlin ist ein Ort, an dem mein Koffer nicht stand. Dafür hat er mir sowohl aus Düsseldorf als auch München Mails geschickt - natürlich nicht er, sondern die Beauftragten des Flughafens, die für ordnungsgerechte Zuordnung des massenhaft stehengebliebenen Passagiergepäcks zuständig sind. Am 24.Juni gab ich ihn ab und winkte ihm - wie jedes Mal - beim Verschwinden in den Förderbandschlund noch einmal scherzhaft zu, wünschte ihm eine gute Reise und baldiges Wiedersehen. Dann war er für die Dauer von einer Woche überhaupt nicht mehr lokalisierbar. Wie so ein Halbstarker während der Wiesnzeit oder ein Rheinländer im Karneval.
Irgendwann gegen Ende des gemeinsamen Urlaubs mit Frau Herzbruch nebst Nachwuchs erhielt ich die Meldung, er sei jetzt auf dem Weg nach Düsseldorf, wobei ich zuvor Anweisung gegeben hatte, er möge doch bitteschön - wenn schon nicht nach Fuerteventura geliefert - in München auf mich warten. Nach unserer Ankunft in Düsseldorf sah das dann so aus:
Man forderte mich auf, doch gerne das abgestellte Gepäck zwischen Band 1 und 13 selbst zu inspizieren und nach meinem Koffer zu suchen. Dieses Gepäck war sehr unübersichtlich dort auf die Besitzenden wartend gesammelt. In München am nächsten Tag dann ein ähnliches Bild. Der Unterschied hier: man hatte sorgsam Reihen gebildet, durch die Suchende gehen konnten, um sich einen Überblick zu verschaffen. Weiterer Unterschied: es roch etwas streng aus diversen Koffern.

Nach diesem mir gebotenen Bild ließ ich alle Hoffnung fahren, mein Gepäck jemals wiederzusehen und füllte den Verlustreport aus, verabschiedete mich innerlich von jedem eingepackten Teil und schloß dieses Kapitel meines Lebens ab, wie einst der Eintrag im Poesiealbum lautete: Was du liebst, lass gehen. Wenn es zurückkommt ist es deines, wenn nicht, nie deines gewesen.
Gestern erreichte mich die Nachricht, dass mein Großer gerne aus dem Flughafenland abgeholt werden möchte und zwar subito, denn wenn ich ihn nicht abholen würde, käme er frei Haus geliefert. Nur als ich sagte, ich sei nicht anwesend, lenkte die Konversation in die gewünschte Richtung. Ich meine, hey, er stand mehr als zwei Wochen irgendwo rum, von wo er jetzt SOFORT weg soll, weil da kein Platz mehr für ihn ist? Mein Koffer stinkt nicht und passt sich auch sonst sehr praktisch den Gegebenheiten an. Ich finde, die paar Tage kann er ruhig noch da stehen wo er ist. Und zum ersten Mal in meinem Leben werde ich nach einem Urlaub in der Lage sein, saubere Wäsche auszupacken und sofort verräumen zu können.
Irgendwann gegen Ende des gemeinsamen Urlaubs mit Frau Herzbruch nebst Nachwuchs erhielt ich die Meldung, er sei jetzt auf dem Weg nach Düsseldorf, wobei ich zuvor Anweisung gegeben hatte, er möge doch bitteschön - wenn schon nicht nach Fuerteventura geliefert - in München auf mich warten. Nach unserer Ankunft in Düsseldorf sah das dann so aus:
Man forderte mich auf, doch gerne das abgestellte Gepäck zwischen Band 1 und 13 selbst zu inspizieren und nach meinem Koffer zu suchen. Dieses Gepäck war sehr unübersichtlich dort auf die Besitzenden wartend gesammelt. In München am nächsten Tag dann ein ähnliches Bild. Der Unterschied hier: man hatte sorgsam Reihen gebildet, durch die Suchende gehen konnten, um sich einen Überblick zu verschaffen. Weiterer Unterschied: es roch etwas streng aus diversen Koffern.

Nach diesem mir gebotenen Bild ließ ich alle Hoffnung fahren, mein Gepäck jemals wiederzusehen und füllte den Verlustreport aus, verabschiedete mich innerlich von jedem eingepackten Teil und schloß dieses Kapitel meines Lebens ab, wie einst der Eintrag im Poesiealbum lautete: Was du liebst, lass gehen. Wenn es zurückkommt ist es deines, wenn nicht, nie deines gewesen.
Gestern erreichte mich die Nachricht, dass mein Großer gerne aus dem Flughafenland abgeholt werden möchte und zwar subito, denn wenn ich ihn nicht abholen würde, käme er frei Haus geliefert. Nur als ich sagte, ich sei nicht anwesend, lenkte die Konversation in die gewünschte Richtung. Ich meine, hey, er stand mehr als zwei Wochen irgendwo rum, von wo er jetzt SOFORT weg soll, weil da kein Platz mehr für ihn ist? Mein Koffer stinkt nicht und passt sich auch sonst sehr praktisch den Gegebenheiten an. Ich finde, die paar Tage kann er ruhig noch da stehen wo er ist. Und zum ersten Mal in meinem Leben werde ich nach einem Urlaub in der Lage sein, saubere Wäsche auszupacken und sofort verräumen zu können.
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Dienstag, 12. Juli 2022
Walk in Your Shoes
frau klugscheisser, 15:38h
Die geneigte Leserschaft erinnert sich vielleicht an die letzte Reise mit Frau Herzbruch nach Florenz. Dort standen wir dann vor diesem Schuhladen.

Feinstes italienisches Handwerk. Ich konnte nicht widerstehen und musste die Stiefel anprobieren.

Doch war ich mir sehr unsicher, ob ich jemals wieder ohne größere Schmerzen auf Absätzen laufen können würde. Kurz gesagt, ich kann wieder. Zwar nicht lange aber hey, wenn das der einzige Grund ist, der gegen einen Kauf spricht und Frau Herzbruch sogar für schnödes Parfum dort mit mir hinreist, dann kann ich auch bestellen.
Vor ein paar Tagen kamen sie an. Ich hatte leider keine Zeit zum Auspacken und gebührend bewundern, weswegen ich das auf heute verschob. Sowas muss zelebriert werden - der Preis rechtfertigt's!
Die liebevolle Verpackung begann übrigens bereits beim Umschlag des Kartons, den ich sehr begeistert zerstörte noch bevor ich dran dachte, ein Foto zu machen. Im Inneren zwei weiche Schuhsäckchen und dann das:

Also habe ich sie einmal schick abgelichtet, bevor ich sie Wind und Wetter sowie meinen krummen Füßen aussetze und sie nie wieder so unberührt aussehen werden.

In der Sommersonne sehen sie noch viel schöner aus als damals im Laden. Und ich bin ein bisschen verliebt.
Das waren aber nicht die einzigen Schuhe, die ich mir geleistet habe. In den Kommentaren geht's weiter.

Feinstes italienisches Handwerk. Ich konnte nicht widerstehen und musste die Stiefel anprobieren.

Doch war ich mir sehr unsicher, ob ich jemals wieder ohne größere Schmerzen auf Absätzen laufen können würde. Kurz gesagt, ich kann wieder. Zwar nicht lange aber hey, wenn das der einzige Grund ist, der gegen einen Kauf spricht und Frau Herzbruch sogar für schnödes Parfum dort mit mir hinreist, dann kann ich auch bestellen.
Vor ein paar Tagen kamen sie an. Ich hatte leider keine Zeit zum Auspacken und gebührend bewundern, weswegen ich das auf heute verschob. Sowas muss zelebriert werden - der Preis rechtfertigt's!
Die liebevolle Verpackung begann übrigens bereits beim Umschlag des Kartons, den ich sehr begeistert zerstörte noch bevor ich dran dachte, ein Foto zu machen. Im Inneren zwei weiche Schuhsäckchen und dann das:

Also habe ich sie einmal schick abgelichtet, bevor ich sie Wind und Wetter sowie meinen krummen Füßen aussetze und sie nie wieder so unberührt aussehen werden.

In der Sommersonne sehen sie noch viel schöner aus als damals im Laden. Und ich bin ein bisschen verliebt.
Das waren aber nicht die einzigen Schuhe, die ich mir geleistet habe. In den Kommentaren geht's weiter.
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Samstag, 9. Juli 2022
A room with a view (43)
frau klugscheisser, 15:06h

Vancouver
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Freitag, 1. Juli 2022
I will survive (2)
frau klugscheisser, 14:45h
Jetzt ist alles wieder gut. Nein, nicht alles, denn morgen ist Rückreisetag. Da kann - und wird erfahrungsgemäß - noch viel passieren. Die Schmerzen bei Frau Herzbruch sind in ihrem Blog nachzulesen, meine begrenzen sich auf Muskelkater im Oberschenkelbereich vom Fahrradtag und Bizeps, den ich für gewöhnlich nicht spüre, weil ich kaum welchen habe aber gestern war Langhanteltraining und man muss auch mal was Neues ausprobieren. Das sagt Frau Herzbruch täglich dem Nachwuchs, der mich aus Gründen seit gestern auch offiziell Mama ruft. Heute sehe ich mich also nicht im Gruppensport, was sicher gut ist, denn dort werden meist Bekanntschaften zu Alleinreisenden geknüpft, die dann am Strand oder Pool vertieft werden - so gestern zu meinem Leidwesen geschehen. Da hat Ona mich einfach Mama gerufen und Schlimmeres, namentlich eine Neubesetzung unseres letzten offenen Sitzplatzes am Tisch verhindert. Zuvor saß da des Öfteren Thilo der Tauchlehrer, der von Onas Unterwasserfähigkeiten so begeistert war, dass er ihn gerne in einem Kurs gesehen hätte. Ona wiederum sah sich die letzten Tage meist chillend auf Bett oder Liege. Wachsen ist übrigens anstrengend und sticht Frühsport. Jedenfalls haben wir herausgefunden, dass es einen mitarbeiterbefreiten Sitzbereich auf der Terrasse gibt und den wir die letzten Tage bevorzugten. Mein rechter Platz ist seither wieder leer, da wünsche ich mir aber keinen Friedrich Merz Verschnitt her - der Alleinreisende sieht dem nämlich zum Verwechseln ähnlich, wobei ich seine politische Einstellung noch nicht erfragte. Ich möchte am liebsten überhaupt nichts von ihm wissen, das bewahrt mich vor grober Enttäuschung und Fluchtreflex.
Was wollte ich eigentlich erzählen? Ach ja, ich bin eine schlechte Leihmutter, denn während Frau Herzbruch beim Nachwuchsentertainment ausfiel, habe ich zwar alles gegeben aber immer nur in dem mir möglichen Rahmen. Da es hier einen Gleichaltrigen gibt, der aber etwas größer als Ona ist und in der ersten Liga Handball spielt, wollte ich unter keinen Umständen mit Ona Bälle zu gut werfen und fortan die Chance für eine beginnende wunderbare Freundschaft zwischen den Beiden vertun. Das Lob, ich sei aber gar nicht soo schlecht und er hätte selbst Gleichaltrige - was auch immer das in den Augen eines Dreizehnjährigen bedeuten mag - schon schlechter werfen sehen, beantwortete ich mit einem Wurf in die Hecke, worauf Ona sich für die Teilnahme am Clubrätsel entschied - er wollte mich nicht hängenlassen, war aber vom Bällewerfen dann doch gelangweilt - während ich den Ball rettete. Zuvor hatten wir am Strand Bodyboards ausgeliehen, ich dem Verleihenden schöne Augen gemacht und Ona selbige stark verdreht. Nach nur einer Stunde - geliehen wird jeweils zwei - war auch das durch, ich brachte beide Bretter zurück und musste feststellen, dass der herzbruch'sche Nachwuchs keine Zimmerkarte dabeihatte. Also wieder an den Strand, leise an Friedrich Nerz vorbeigeschlichen, Ona aus den Wellen gepfiffen und dann unter aller alleinreisender Augen sowie derer des nackten Mannes, dessen bestes Stück so lang ist, dass der sich nie hinsetzen oder -legen kann und immer in Richtung Weiblichkeit drehen muss, mit Ona zum Duschen abgezogen. Raten Sie, wie lange es dauerte, bis sich alle am Pool einfanden - der Nackte natürlich bekleidet, wobei ich den in Badehose selbständig überhaupt nicht wiedererkenne. Dafür habe ich den Leihsohn, dem das alles sehr peinlich ist.
Am Abend war Gala und meine Abwesenheit nicht sonderlich auffallend. Das Unterhaltungsprogramm ist clubniveaumäßig gut, das Feuerwerk ordentlich, doch Ona und ich waren da mehr um die Tiere besorgt als die Gäste, die den Lärm mit pappsüßen Cocktails betäubten. Heute Morgen waren die wohl immer noch betäubt, denn beim Frühstück war ich fast alleine anwesend. Auch kein Personal für Kaffee, und während uns sonst nach dem letzten Krümel der Teller quasi unter der zurückgeführten Gabel weggezogen wird, erschrak ich heute als er sich wie von Geisterhand nach eineinhalb Stunden am Tisch sitzend neben meiner Tastatur weg bewegte. Nein auch kein Friedrich Merz war da, denn der fand gestern Anschluss zu zwei netten Damen weit unter seinem Alter. Vermutlich ist er heute Abend aber wieder frei. Und so findet alles Gute sein Ende, damit Neues kommen kann. Ich bin gespannt, denn es wird sicherlich nicht die letzte Reise mit Frau Herzbruch nebst Nachwuchs sein. Vielleicht aber die letzte, die er mein Leihsohn sein möchte. Das macht mich ein bisschen traurig.
Was wollte ich eigentlich erzählen? Ach ja, ich bin eine schlechte Leihmutter, denn während Frau Herzbruch beim Nachwuchsentertainment ausfiel, habe ich zwar alles gegeben aber immer nur in dem mir möglichen Rahmen. Da es hier einen Gleichaltrigen gibt, der aber etwas größer als Ona ist und in der ersten Liga Handball spielt, wollte ich unter keinen Umständen mit Ona Bälle zu gut werfen und fortan die Chance für eine beginnende wunderbare Freundschaft zwischen den Beiden vertun. Das Lob, ich sei aber gar nicht soo schlecht und er hätte selbst Gleichaltrige - was auch immer das in den Augen eines Dreizehnjährigen bedeuten mag - schon schlechter werfen sehen, beantwortete ich mit einem Wurf in die Hecke, worauf Ona sich für die Teilnahme am Clubrätsel entschied - er wollte mich nicht hängenlassen, war aber vom Bällewerfen dann doch gelangweilt - während ich den Ball rettete. Zuvor hatten wir am Strand Bodyboards ausgeliehen, ich dem Verleihenden schöne Augen gemacht und Ona selbige stark verdreht. Nach nur einer Stunde - geliehen wird jeweils zwei - war auch das durch, ich brachte beide Bretter zurück und musste feststellen, dass der herzbruch'sche Nachwuchs keine Zimmerkarte dabeihatte. Also wieder an den Strand, leise an Friedrich Nerz vorbeigeschlichen, Ona aus den Wellen gepfiffen und dann unter aller alleinreisender Augen sowie derer des nackten Mannes, dessen bestes Stück so lang ist, dass der sich nie hinsetzen oder -legen kann und immer in Richtung Weiblichkeit drehen muss, mit Ona zum Duschen abgezogen. Raten Sie, wie lange es dauerte, bis sich alle am Pool einfanden - der Nackte natürlich bekleidet, wobei ich den in Badehose selbständig überhaupt nicht wiedererkenne. Dafür habe ich den Leihsohn, dem das alles sehr peinlich ist.
Am Abend war Gala und meine Abwesenheit nicht sonderlich auffallend. Das Unterhaltungsprogramm ist clubniveaumäßig gut, das Feuerwerk ordentlich, doch Ona und ich waren da mehr um die Tiere besorgt als die Gäste, die den Lärm mit pappsüßen Cocktails betäubten. Heute Morgen waren die wohl immer noch betäubt, denn beim Frühstück war ich fast alleine anwesend. Auch kein Personal für Kaffee, und während uns sonst nach dem letzten Krümel der Teller quasi unter der zurückgeführten Gabel weggezogen wird, erschrak ich heute als er sich wie von Geisterhand nach eineinhalb Stunden am Tisch sitzend neben meiner Tastatur weg bewegte. Nein auch kein Friedrich Merz war da, denn der fand gestern Anschluss zu zwei netten Damen weit unter seinem Alter. Vermutlich ist er heute Abend aber wieder frei. Und so findet alles Gute sein Ende, damit Neues kommen kann. Ich bin gespannt, denn es wird sicherlich nicht die letzte Reise mit Frau Herzbruch nebst Nachwuchs sein. Vielleicht aber die letzte, die er mein Leihsohn sein möchte. Das macht mich ein bisschen traurig.
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Mittwoch, 29. Juni 2022
I will survive
frau klugscheisser, 01:32h
Kaum ist die letzte Katastrophe abgeklungen, folgt die nächste auf dem Fuße. Ich meine, so ein Kofferverlust ist nicht wirklich katastrophal, wenn man mal bedenkt, dass ich mich in sommerlichen 24° mit Meeresbrise befinde. Ganz anders verhält es sich mit Frau Herzbruch. Die hat die Katastrophen ja quasi für sich gebucht - wir erinnern uns an den unfreiwilligen Einliegerpool mit Einlage nach Starkregen im Keller oder den Cluburlaub auf Kos, den sie als traumatisierendes Beispiel zu jeder Gelegenheit als Vergleich zitiert. Mit Trauma hatte ich heute ebenfalls zu kämpfen, dazu aber später.
Erst mal soll es darum gehen, dass ich immer noch weiß, wie ich das System für mich arbeiten lassen kann (work the syxtem), weil ich halt auch im Job Teil desselbigen bin. Und wenn Frau Herzbruch Cranberrysaft für ihre Blasenentzündung braucht, dann organisiere ich Cranberrysaft beim EInkaufsleiter des Clubs kurz vor halb zwölf abends. Zunächst sah das aber gar nicht gut aus, denn die kleine Yasemine-Isabellina schüttelte heftig ihren zu hoch gesteckten blonden Pferdeschwanz hin und her als ich danach fragte. Ihre Aufgabe - so OTon - sei es auch nicht, für uns einkaufen zui gehen, wobei ich mit solchen Statements sehr vorsichtig wäre, hätte ich Tomatensaft als Cranberry auszugeben versucht. Frau Herzbruch wollte beschwichtigen, da sei ich ja quasi berufsbedingt vorbelastet und würde den Unterschied durch überdurchschnittlich häufige Berührungspunkte sofort erkennen und Yasemine-Isabellina mit fehlender Erfahrung und Ferienjob als Kinderbetreuerin im Club sei da in Customer Relationship nicht so dolle geübt. Ich wiederum war der Meinung, da müsse Jasemine-Isabellina eben auf die harte Tour lernen, ließ mir Namen und Durchwahl der Clubchefin geben, vereinbarte einen Gesprächstermin an der Rezeption, mit dem zufälligen, dortigen Treffens mit dem Einkaufschef, der sein Handy zückte, den Küchenchef mit Beschaffung beauftragte - vorausgesetzt sowas sei überhaupt auf der Insel zu bekommen - und dem Ergebnis von persönlich in's Zimmer gelieferten zwei Litern Cranberrysaft für Frau Herzbruch. Kurzum, wir konnten schlimmere Folgen der Blasenentzündung abwenden.
Nun weiß die mir geneigte Leserschaft, dass ich einst als Tauchlehrerin in heimischen Gewässern aktiv war. Als Frau Herzbruch mit Nachwuchs beschloss, den Atlantik von unten zu erkunden, war ich von dieser Möglichkeit für mich nicht besonders angetan. Was ich hier nie erwähnte, war der Grund, weshalb ich damals sehr abrupt nicht nur die Karriere als Tauchlehrerin beendete, sondern vor allem selbst nicht mehr tauchen wollte: ich hatte einen Unfall. Von diesem Unfall war ich traumatisiert. Bearbeitet habe ich das Trauma nie wirklich, war nur mal danach mit viel Überwindung unter Wasser, doch das Vertrauen blieb aus. Ich wechselte das Hobby und verkaufte meine Ausrüstung bis auf ein paar Einzelstücke, die seitdem im Keller darben. Gestern beobachtete ich die Verantwortliche, wie sie mit den völlig unerfahrenen Frischlingen eine erste Lektion im Pool absolvierte und fand, dass sich Frau Herzbruch mit Nachwuchs dieser Obhut nur unter einem aufmerksamen zusätzlichen Augenpaar - nämlich meinem - ausliefern sollte. So kam es, dass ich mich heute Morgen ohne Frau Herzbruch - da betthütend - dafür aber mit freudig aufgeregtem Nachwuchs nach einer nur dreistündig schlafend verbrachten Nacht auf der Tauchbasis einfand. Was dann passierte, möchte ich aus Gründen nicht en détail hier beschreiben, es war allerdings sehr unangenehm. Kurz gesagt stieg ich völlig retraumatisiert aus dem Wasser, legte meine Ausrüstung ordnungsgemäß ab, wechselte in trockene Kleidung und konzentrierte mich die folgenden dreissig Minuten sehr angestrengt darauf, meine Atmung von Hyperventilation auf normal und damit zeitgleich meinen erhöhten Puls zu regulieren - Tüte war keine zur Hand, ich kann aber ganz gut den Kopf zwischen meine Knie stecken. Im Anschluss weinte ich die nächsten 15 Minuten unkontrolliert, während alle anderen aus dem Wasser kamen, ihre Ausrüstung ablegten und einzeln fragten, ob mit mir alles okay sei. Diese Frage kann ich auch heute Abend noch nicht mit völliger Sicherheit positiv beantworten, ich habe aber vorsofglich schon ein paar Gläser Wein intus und werde mir gleich den dritten Cocktail bestellen. Denn im Club herrscht ausgelasse Stimmung und Ona braucht ab morgen Anschluss an Gleichaltrige. Da sollte ich als seine zweite lesbische Mutter - ja, dieses Spiel haben wir uns ausgedacht und es macht ihm Spaß, das vorzugeben - nicht durch irrationales Verhalten bei den beobachtenden Erziehungsberechtigten Zweifel am Kontakt aufkommen lassen. Das bin ich ihm schuldig.
Erst mal soll es darum gehen, dass ich immer noch weiß, wie ich das System für mich arbeiten lassen kann (work the syxtem), weil ich halt auch im Job Teil desselbigen bin. Und wenn Frau Herzbruch Cranberrysaft für ihre Blasenentzündung braucht, dann organisiere ich Cranberrysaft beim EInkaufsleiter des Clubs kurz vor halb zwölf abends. Zunächst sah das aber gar nicht gut aus, denn die kleine Yasemine-Isabellina schüttelte heftig ihren zu hoch gesteckten blonden Pferdeschwanz hin und her als ich danach fragte. Ihre Aufgabe - so OTon - sei es auch nicht, für uns einkaufen zui gehen, wobei ich mit solchen Statements sehr vorsichtig wäre, hätte ich Tomatensaft als Cranberry auszugeben versucht. Frau Herzbruch wollte beschwichtigen, da sei ich ja quasi berufsbedingt vorbelastet und würde den Unterschied durch überdurchschnittlich häufige Berührungspunkte sofort erkennen und Yasemine-Isabellina mit fehlender Erfahrung und Ferienjob als Kinderbetreuerin im Club sei da in Customer Relationship nicht so dolle geübt. Ich wiederum war der Meinung, da müsse Jasemine-Isabellina eben auf die harte Tour lernen, ließ mir Namen und Durchwahl der Clubchefin geben, vereinbarte einen Gesprächstermin an der Rezeption, mit dem zufälligen, dortigen Treffens mit dem Einkaufschef, der sein Handy zückte, den Küchenchef mit Beschaffung beauftragte - vorausgesetzt sowas sei überhaupt auf der Insel zu bekommen - und dem Ergebnis von persönlich in's Zimmer gelieferten zwei Litern Cranberrysaft für Frau Herzbruch. Kurzum, wir konnten schlimmere Folgen der Blasenentzündung abwenden.
Nun weiß die mir geneigte Leserschaft, dass ich einst als Tauchlehrerin in heimischen Gewässern aktiv war. Als Frau Herzbruch mit Nachwuchs beschloss, den Atlantik von unten zu erkunden, war ich von dieser Möglichkeit für mich nicht besonders angetan. Was ich hier nie erwähnte, war der Grund, weshalb ich damals sehr abrupt nicht nur die Karriere als Tauchlehrerin beendete, sondern vor allem selbst nicht mehr tauchen wollte: ich hatte einen Unfall. Von diesem Unfall war ich traumatisiert. Bearbeitet habe ich das Trauma nie wirklich, war nur mal danach mit viel Überwindung unter Wasser, doch das Vertrauen blieb aus. Ich wechselte das Hobby und verkaufte meine Ausrüstung bis auf ein paar Einzelstücke, die seitdem im Keller darben. Gestern beobachtete ich die Verantwortliche, wie sie mit den völlig unerfahrenen Frischlingen eine erste Lektion im Pool absolvierte und fand, dass sich Frau Herzbruch mit Nachwuchs dieser Obhut nur unter einem aufmerksamen zusätzlichen Augenpaar - nämlich meinem - ausliefern sollte. So kam es, dass ich mich heute Morgen ohne Frau Herzbruch - da betthütend - dafür aber mit freudig aufgeregtem Nachwuchs nach einer nur dreistündig schlafend verbrachten Nacht auf der Tauchbasis einfand. Was dann passierte, möchte ich aus Gründen nicht en détail hier beschreiben, es war allerdings sehr unangenehm. Kurz gesagt stieg ich völlig retraumatisiert aus dem Wasser, legte meine Ausrüstung ordnungsgemäß ab, wechselte in trockene Kleidung und konzentrierte mich die folgenden dreissig Minuten sehr angestrengt darauf, meine Atmung von Hyperventilation auf normal und damit zeitgleich meinen erhöhten Puls zu regulieren - Tüte war keine zur Hand, ich kann aber ganz gut den Kopf zwischen meine Knie stecken. Im Anschluss weinte ich die nächsten 15 Minuten unkontrolliert, während alle anderen aus dem Wasser kamen, ihre Ausrüstung ablegten und einzeln fragten, ob mit mir alles okay sei. Diese Frage kann ich auch heute Abend noch nicht mit völliger Sicherheit positiv beantworten, ich habe aber vorsofglich schon ein paar Gläser Wein intus und werde mir gleich den dritten Cocktail bestellen. Denn im Club herrscht ausgelasse Stimmung und Ona braucht ab morgen Anschluss an Gleichaltrige. Da sollte ich als seine zweite lesbische Mutter - ja, dieses Spiel haben wir uns ausgedacht und es macht ihm Spaß, das vorzugeben - nicht durch irrationales Verhalten bei den beobachtenden Erziehungsberechtigten Zweifel am Kontakt aufkommen lassen. Das bin ich ihm schuldig.
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