Dienstag, 24. April 2007
Blinded by the light
Es gibt einen Spruch, der besagt dass, willst Du etwas über den Charakter eines Menschen erfahren, dann beobachte, wie er sein Personal behandelt. Nun sind heutzutage die Wenigsten in der Lage, abgesehen von einer Putzfrau einen Stab an Hauspersonal zu unterhalten, was wiederum zeigt, wie lange dieser Spruch zurückgeht. An Aktualität hat er jedoch nicht verloren. Man mag mich für verrückt erklären aber genau daran halte ich mich in meinem Urteil über einen Mitmenschen. Worte können derer viele schön formuliert sein, sie sind allesamt nichtig, wenn sie nicht mit den Handlungen des Sprechers übereinstimmen.

Das Personal der Neuzeit sind Assistenten, Personenschützer und eben die Gruppe, zu der ich ebenfalls gehöre. Dienstleistende, die möglichst unaufdringlich ihre Aufgabe in der Öffentlichkeit erledigen. So habe ich schon einige bekannte Persönlichkeiten auf ihren Flügen begleitet, unter ihnen nicht wenige Politiker. Den Meisten mag man von Unehrlichkeit über Korruption bis hin zu Machtobsession viel unterstellen, eines waren sie jedoch nicht: unhöflich. Jürgen Trittihn, Otto Schilly, Claudia Rotth, um nur einige namentlich zu nennen, stets freundliche Zeitgenossen.

Als ich auf der Suche nach meinem verliehenen Kugelschreiber in die Runde fragte, wer der werten Herrschaften ihn wohl diesmal geklaut hätte, erwiderte Herr Kinkle auf schwäbisch charmante Art: "Ha i wars ned!" Und die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt nickte mir jedesmal freundlich zu, wenn ich sie beim Vorbeigehen mal wieder fragend anstarrte, da mir nicht einfallen wollte, woher mir die Dame bekannt sei. Nun bleiben auch die Damen und Herren des öffentlichen Lebens sicherlich nicht vor Gemütsschwankungen verschont. Die Kunst besteht eben darin, selbige nicht in der Öffentlichkeit auszuleben.

Herr Stoiba war bester Dinge als ich ihn traf, obwohl er soeben als Kanzlerkandidat abgelehnt und zudem auf diese Tatsache von Seiten einer Mitreisenden angesprochen wurde (O-Ton: Dit war ja nu nüscht mitter Wahl, wa?). Auch Herr Kohhl schien die Gelassenheit in Person, während man im Untersuchungsausschuß des Bundestags fieberhaft nach Beweisen für seine Beteiligung an der CDU-Spendenaffäre suchte. Selbst über meinen freud'schen Faux-pas sah er gelassen hinweg, als ich ihm gedankenlos den aktuellen Spiegel anbot, dessen Titelbild sein Konterfei zeigte.

Dass unser Altaltbundeskanzler Herr Sch.midt gelegentlich seinem Unmut in Form von unschönen Worten und Gebaren freien Lauf lässt, schreiben manche meiner Kolleginnen seiner Nikotinabhängigkeit zu. Persönlich war ich zum Glück noch nicht Zielobjekt seiner Beschimpfungen. Ein einziger Politiker hat es bisher geschafft, durch sein Verhalten in seinem Ansehen auf meiner inneren Skala von 'gleichgültig' auf 'widerwärtig' zu sinken. Ich spreche von Wolfgang Sch..ble. Über ihn ist dieser Tage viel zu lesen. Von Gesetzesentwürfen zur inneren Sicherheit, von Einschränkung persönlicher Freiheit und von seinem Traum des Überwachungsstaates. Nun bin ich nicht nur ein gewissermaßen politisch ungebildeter Mensch, sondern zähle mich zudem zu der Masse des einfachen Volkes. Vielleicht sind mir deswegen Umgangsformen und ein persönlicher Eindruck zur Urteilsbildung über einen Menschen so wichtig.

Aus Gründen möchte ich über die einzelnen Vorkommnisse im Zusammentreffen lieber schweigen, nicht aber über meinen Eindruck, den ich damals - es mögen inzwischen schon ein paar Jahre ins Land gezogen sein - von ihm gewonnen habe. Dieser Mensch offenbarte im Umgang mit seinen Begleitern und mir nicht nur durchweg unsympathische Züge, er wirkte zudem auf mich ungeduldig, verbissen und verhärmt, kurz: jede Faser seines Körpers schien Unzufriedenheit auszustrahlen. Mich erinnerte seine Erscheinung an jene Charaktere, mit denen lange Jahre in Hollywoodfilmen deutsche Nazis besetzt wurden. Und all das sogar mit 'Behindertenbonus'. Der Mann mag in seinem Leben eine unvorstellbar schwere Phase hinter sich gebracht haben. Trotz allem ist nicht zu vergessen, dass er ein öffentliches Amt bekleidet und ihm dies die Macht gibt, seinem unterschwelligen Unmut Ausdruck zu verleihen.

Mehrmals las ich in letzter Zeit Vermutungen über seine Traumatisierung durch das Attentat. Ich bin weder Psychologe, noch kann ich mir hierüber ein Urteil erlauben. Was ich jedoch mit Sicherheit behaupten kann, ist, dass der Mann auf mich in höchstem Maße unsympathisch, wenn nicht gar bedrohlich wirkt. Ich hoffe, dass noch mehr Menschen aus seiner unmittelbaren Umgebung, die etwas zu sagen haben und auch die, die nur alle vier Jahre durch ein kleines Kreuz auf einem Zettel in Erscheinung treten, auf ihr Bauchgefühl achten mögen.