Samstag, 5. Mai 2007
The devil may care
Live love today, love come tomorrow or May
Don't even stop for a sigh, it doesn't help if you cry
That's how I live and I'll die
Devil may care.
[D. Krall]



Dies ist die Geschichte von Ole*. Keine erdachte Geschichte könnte je so grausam sein wie die vom Leben geschriebenen. Details mögen frei erfunden sein, im Wesentlichen hat sie sich jedoch so oder ähnlich zugetragen.

Ole kam aus Schweden, um das Ingenieurswesen an einer deutschen Universität zu studieren. Schon bald schloß er Freundschaft mit Dietmar und Wang, einem deutschen und einem chinesischen Kommilitonen. Sie waren wie die drei Musketiere und ihre Freundschaft war eine dieser seltenen, auf Lebenszeit angelegten. Es dauerte nicht lange, da lernten erst Wang und wenig später auch Dietmar ihre zukünftigen Ehefrauen kennen. Ole ließ sich etwas mehr Zeit bei der Auswahl der richtigen Partnerin, doch schließlich hatte er sie gefunden. Sie hieß Ingrid, von ihm liebevoll Ingerlein genannt. Das Ende des Studiums und die Geburt der ersten Kinder tat ihrer Freundschaft keinen Abbruch. Ole fungierte nicht nur als Trauzeuge, sondern auch als Pate für je eines der Kinder von Dietmar und Wang. Als das lang herbeigesehnte erste Kind von Ole und Ingrid das Licht der Welt erblickte, fiel die Wahl des Taufpaten automatisch auf einen der beiden Freunde.

Man traf sich zu Familienfesten und allen erdenklichen Anlässen. Mindestens einmal im Jahr – meist im Winter zum Skifahren - verbrachten die drei einen gemeinsamen Urlaub mit ihren Familien und Freunden. Meine erste bleibende Erinnerung an Ole geht auf einen jener Urlaube zurück. Seine Aufgabe bestand darin, die Kinder ins Bett zu bringen. Als selbsternannter Geschichtenerzähler war er unschlagbar. Wir bettelten jeden Abend um eine Fortsetzung, obwohl manche von uns den Gutenachtgeschichten, die er sich für seine Töchter ausdachte, schon entwachsen waren. Nicht nur um seine eigenen Kinder kümmerte er sich rührend, auch jedes andere, das sich in seiner Nähe aufhielt, wurde auf der Stelle zeitweise adoptiert. Ole liebte Kinder und die Kinder liebten ihn. Noch mehr als für seine Kinderliebe beneideten ihn die Freunde heimlich um seine Ehe. Keiner konnte sich daran erinnern, dass zwischen Ole und Ingrid je ein böses Wort gefallen wäre. Ingrid war Oles große Liebe und so behandelte er sie auch. Zuvorkommend las er ihr stets jeden Wunsch von den Augen ab. Im Gegenzug vergötterte Ingrid ihren Ole, der sie auf Händen durch den Alltag trug. Während mancher Auseinandersetzung in Dietmars und Wangs Ehen wurde, nicht immer zum Gefallen der Männer, Ole und Ingrid als leuchtendes Beziehungsvorbild zitiert.

Dabei war Ole nicht besonders attraktiv. Schon früh büßte er seine Haarpracht ein. Der Rest wechselte bald von blond in seriöses grau, wovor Wangs asiatische Haarpracht noch lange verschont blieb. So athletisch wie Dietmar war er nie und seine Vorliebe für gutes Essen hinterließ sichtbare Spuren um die Körpermitte. Alle körperlichen Nachteile machte Ole mit unvergleichlichem Charme, Witz und sonnigem Wesen locker wett. Obwohl er jedes weibliche Wesen in seiner Nähe in Sekundenbruchteilen um den Finger zu wickeln verstand, ließ er keinen Zweifel daran, wohin er tatsächlich gehörte. Wie eine unsichtbare Mauer begrenzte der Bund seiner Ehe mit Ingrid das sorglose Spiel und ließ sie von außen unantastbar werden. Auch bei Geschlechtsgenossen erfreute sich Ole an Beliebtheit. Wie könnte man je einen Menschen unsympathisch finden, der so höflich, so diplomatisch, so umgänglich war und gleichzeitig soviel Güte ausstrahlte. Diesem Menschen wünschte man nichts Böses.

Eines Tages erkrankte Oles ältere Tochter. Die Diagnose lautete Krebs, eine Form mit guten Heilungschancen. Ole scheute keine Kosten und Mühen für die Genesung seiner Tochter. Man zog alternative Heilmethoden genauso wie herkömmliche Schulmedizin in Betracht. Ole ließ sich beurlauben, um mit ihr Zeit in Frankreich zu verbringen, während Ingrid sich daheim um die jüngere schulpflichtige Tochter kümmerte. Bei ihrer Rückkehr war man guter Dinge und die Ärzte bestätigten eine Verbesserung ihres Zustandes. Dennoch fraßen dringend benötigte medizinische Hilfsmittel langsam die Ersparnisse auf. Vor allem aber sollte die Tochter alles bekommen, was sie sich wünschte. Das Abitur rückte ebenso wie die anstehende Berufswahl in ferne Zukunft, denn erst einmal sollte das Wunschkind wieder gesund werden. Sie wünschte sich einen weiteren Aufenthalt an Frankreichs Küste und einen Wechsel ihrer Behandlung auf ausschließlich teure Alternativmedizin.

Wieder trafen sie sich, diesmal um Oles Tochter und Dietmars Patenkind zu beerdigen. Keiner konnte begreifen, wieso das Schicksal ausgerechnet Ole so übel mitspielte. Dieser Mann, dem seine Familie alles bedeutete, war in seinen Grundfesten erschüttert. Und das Leben ging weiter. Während Wang bereits geschieden war und verbale Auseinandersetzungen zwischen Dietmar und seiner Frau schon rituelle Züge annahmen, schienen Ole und Ingrid durch das Ereignis noch fester als vorher zusammengeschweißt. All die Jahre ohne Streit, Ole stets fürsorglich um sein Ingerlein bemüht. Als Ingrid ebenfalls mit Krebs diagnostiziert wurde, begann das Drama von vorne. Ingrid kämpfte, denn sie wollte noch lange Jahre gemeinsam mit ihrem Ole verbringen. Die Freunde waren fassungslos. Wieviel Leid konnte ein Mann ertragen, ohne daran zu zerbrechen? Schließlich wendete sich das Blatt und Ingrid gewann den Kampf. Gemeinsam mit Ole. Die Zeit für den Tod, der sie einmal trennen sollte, war noch nicht gekommen.

Die Treffen wurden seltener. Obwohl die Kinder aus dem Haus und der Ruhestand nicht weit waren, gab es immer weniger Gelegenheit sich zu sehen. Eine der seltenen Nachrichten über Ole und Ingrid machte schnell die Runde. Und wieder waren die Freunde erschüttert. Diesmal war es Ole, der das Schicksal herausforderte. Er hatte eine Geliebte. Man nahm Ole ins Gebet und Ingrid mit in den Urlaub. Ingrid hing so sehr an ihrem Ole, dass sie lieber litt, als sich von ihm zu trennen. Keiner konnte es ihr verübeln, zumal Ole sich charmant und zuvorkommend wie eh und je um sie bemühte. Abgesehen von manch einsamen Nächten, die Ole im Bett der Geliebten oder auf Reisen verbrachte, hatte sich zwischen ihnen nichts geändert. Die Geliebte ihrerseits war eine von der modernen Art, die keinerlei Besitzansprüche stellte. Den Freunden wurde er allmählich fremd. Nicht nur hatte er den Glauben an die ideale Beziehung in ihnen zerstört, sondern auch das Bild eines aufrichtigen und zuverlässigen Mannes. Fast konnte man meinen, sie litten ein wenig mehr als Ingrid, die sich im Stillen mit der Situation zu arrangieren schien.

Während andere zurückblicken, fing für Ole das Leben mit 66 an. Er hatte dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen. Aus Ole wurde ein Pendler zwischen den Welten, einer der das Abenteuer suchte, während er die Sicherheit in der Tasche wähnte. Doch alle Sicherheit ist so vergänglich wie das Leben selbst. Als er sie fand, war Ingrid bereits seit Stunden tot. "Bis dass der Tod uns scheidet", stand im Abschiedsbrief. Bis heute bin ich mir nicht sicher, wer damit mehr überfordert war: Ole selbst, seine Geliebte oder seine Freunde.


*Alle Namen wurden vom Autor geändert und stehen nicht in Zusammenhang mit noch lebenden Bloggern.

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Schon wirklich ein seltsames Ding, dieses Leben.

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Hmmm... lässt mich sehr nachdenklich zurück Ihre Geschichte, besonders der Schluss. Muss man öfters lesen.

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... glaube ich sofort, die Geschichte. Sollte man sich als Ehemann unbedingt übers Bett hängen - egal, ob man die Ole-Version der Ehe lebt, die Wang-Version oder die Dietmar-Version.

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