Samstag, 2. August 2008
Living in America
Wird mal wieder Zeit für ernstere Themen hier. Wird überhaupt mal wieder Zeit für Neues. Der Grund für die einwöchige Pause: Amerika. Ich scheine seit zwei Wochen ein Abo auf die Strecke nach Übersee zu haben. Denver und kein Ende.



Meistens bin ich müde wenn ich hinfliege und müde, wenn ich dort ankomme. Müde bin ich während des Aufenthaltes und noch müder auf dem Heimflug. Der Gipfel der Müdigkeit ist erreicht, wenn ich dann zuhause ankomme. Kaum ausgeschlafen, soll ich auch schon wieder los. Meinen Jetlag betreffend behaupte ich ja immer, Biorhythmus sei was für Weicheier. Inzwischen bin ich selber eines, ich hätte nämlich gerne sowas wie einen Rhythmus. Muss auch nicht Bio sein, das klingt mir sowieso zu sehr nach Öko. Ich steh halt auf Chemie. Schon als Kind liebte ich Esspapier und rote Lebensmittelfarbe. Ich leckte am Tintenkiller und kaute Uhukügelchen. Uhu schmeckt übrigens besser als Pattex, einfach echter. Pattex hingegen war das Pepsi der Siebziger und somit bäh. Womöglich verbrachte ich meine Schulzeit in einem asbestverseuchten Raum und inhalierte zu viel Kohlenmonoxid an der Kreuzung vor meiner Schule aufgrund fehlender Körpergröße.

Amerika ist ein Chemieparadies, vermutlich wegen des overkills an Natur. Fährst du aus der Stadt raus, hast du Natur und zwar soweit das Auge reicht. Über kurz oder lang wird man da automatisch zum Walton wenn man nicht gegensteuert. Das wiederum geht am einfachsten in den sogenannten Drugstores. Walgreens, CVS, Rite Aid und wie sie alle heißen, die örtlichen Drogeriemärkte, sind das Eldorado für jeden Chemiejunkie. Da kann ich ganze Nachmittage verbringen. Im Unterschied zu Deutschland führen amerikanische Drogenläden nämlich allerlei chemische Drogen, die hierzulande unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Ganz ohne Rezept erhältlich. Ich hab's ausprobiert mit Migränetabletten. Eine Tablette wirkt ungefähr wie eine Monatsdosis Prozac in Kombination mit zwei Liter Billiglambrusco. Die Kopfschmerzen sind damit zwar nicht komplett weg aber das geringere Problem. Nach jeder Einnahme braucht man etwa 48 Stunden, um beim Notar seine Testierfähigkeit glaubhaft vertreten zu können. Zwei Tage debiles Glücksgefühl andererseits ist auch nicht zu verachten. Frag' mal jemand, der auf Wick MediNait® ist, der hat ähnliche Erfahrungen gemacht.

Nebenbei führen die natürlich auch harmlosere weniger gefährliche Medikamente. Letztens sah ich eines gegen Wasser im Ohr. Ich bin ja so naiv, benutze nach dem Duschen Ohrenstäbchen oder warte gar mit seitlich geneigtem Kopf, bis das Wasser abläuft. Nein, Wasser im Ohr ist ganz, ganz böse und muss medikamentös bekämpft werden. Oder Medikamente gegen Verstopfung - laut Beschreibung schon am ersten Tag anwendbar. Ich bin ja immer ganz froh, wenn ich nicht so oft aufs Klo muss. Falls doch nötig, hilft auch eine Ration ausgesuchtes Gemüse. Am vierten Tag ohne mache ich mir eventuell diesbezüglich Gedanken. Vermutlich würde ich aber auch nicht kacken (sorry) können, wenn ich nur weiches Brot und Vitaminpillen in mich reinstopfe. In einem Land, in dem es sogar Tabletten gegen Darmgase gibt, muss eben medikamentös nachgeholfen werden. Man stelle sich das vor: ein ganzes Land chronisch verstopft. Vielleicht hätte Bush Junior statt im Irak lieber mal in sein stilles Örtchen einmarschieren und seine persönlichen Massenvernichtungswaffen entdecken sollen.

Wie gesagt, ganze Nachmittage kann ich mich dort mit Beipackzetteln und Verpackungstexten vergnügen. Am liebsten im Gang zwischen Erkältungsmedizin und Vitaminpillen, da ist am meisten los. Einsam hingegen ist es zwischen Verdauung und Verhütung. Wenn sich mal einer hierher verirrt, dann versucht der möglichst schnell wieder zu verschwinden, denn in Amerika hat man weder Verdauung noch Sex. Zumindest nicht vor Dritten.

Jeder gut sortierte Drogeriemarkt hat auch eine Lebensmittelabteilung. Viel mehr als Chips und Cookies, Bonbons und Kaugummis gibt der Laden aber kaum her. Schließlich will man den Absatz von Diätpillen ankurbeln. Und auch die Getränkeregale sind nicht ohne Hintersinn eingerichtet. Eine dieser Tiefkühltüren im Hochsommer geöffnet und du findest dich im Handumdrehen vor dem Erkältungsregal wieder. Du kennst einen, der zu lange vor geöffneter Tiefkühltüre stand? Dann findest du im nächsten Gang Genesungs- oder schlimmstenfalls Kondolenzkarten. Einer, der sich in der Eile bei den Verhütungsmitteln vergriffen hat? Glückwunschkarten zu Eheschließung und Geburt. Einer mit Verdauung? Glückwunsch zum neuen Heim in Übersee. Und was wünscht man einem, der gerade seine Migränetabletten genommen hat? Einen schönen Kurzurlaub und eine verdammt gute Haftpflichtversicherung.

... link (14 Kommentare)   ... comment