Freitag, 5. Januar 2007
Sätze, die man sofort bloggen muss (18)
Nur damit das ein für allemal klar ist: wenn ich den Kellner frage, ob sich in der gewählten Speise Schalentiere befinden, meine ich damit nicht Schildkröten und Schnecken.

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Donnerstag, 4. Januar 2007
C'est la voix d'un chagrin tout neuf
Aus, Basta, genug, endgültig. Ich reiche die Scheidung ein. Keine Minute will ich mehr mit mir verbringen, geschweige denn zusammen wohnen. Den Meistertitel in der Disziplin Bedauern meines bemitleidenswürdigen Selbstes hätte ich über die letzten Wochen mühelos gehalten. Umso trauriger, dass damit kein Blumentopf zu gewinnen ist und ein Anlaß mehr, mich schlecht zu fühlen. Das einzige, was ich wirklich gut kann, ist nicht mal eine Auszeichnung wert. Dabei bedarf es keiner Anstrengung, um in der nächsten Sekunde in Tränen auszubrechen. Gründe schießen wie Unkraut aus dem Boden. Man muss nur einmal richtig in Fahrt kommen. Die entsprechende Abzweigung im Gedankenlabyrinth und schon wird aus jedem Sonnentag ein verhangener par excellence. Schnell die letzten Kränkungen memoriert und das Perpetuum mobile beginnt sich zu drehen. Eins, zwei, drei, die reinste Lust ist so ein watzlawick'scher Selbstläufer.

Die Hölle, das sind natürlich die anderen. Immer. Wer sich anständig bemitleiden will, dem steht der Sinn nicht nach Reflektion. Wenn da keine anderen sind, fein. Man glaubt sich mutterseelenallein in dieser bösen, kalten Welt. Neues Futter für neue Tränen. Die dunkle Jahreszeit tut das ihre. Und Weihnachten, welch ein Quell unerschöpflicher Trauer. Eine verlorene Kindheit will ordentlich beweint sein. Hochsaison des Verlangens nach Geborgenheit, wie man sie an gewöhnlichen Tagen in der romantischen Liebe feiert. Unstillbare Lust auf Heimat. Ein Grund mehr, sich ohne Sicherheitsleine in Gefühlstäler fallenzulassen. Je härter der Aufprall, umso besser. Seht her, ich hab's getan und bin, oh Wunder, verletzt. Da springt es sich gleich doppelt so schön.

Mit fortschreitender Zeit verliert das Spiel seinen Reiz. Umso schneller, je weniger applaudierendes Publikum die Hölle anheizt. Ohne Encore! kein zweiter Vorhang. Mit faulen Tomaten lässt sich nur aus Abstand gut werfen. Um diesen zu gewinnen, muss man schon von der Stelle, auf der man seit Wochen von einem Bein auf's andere oder gar auf die eigenen Zehen tritt. Heraus aus dem Rampenlicht des eigenen Selbst. Und siehe da, schrumpft der rote Riese Ego zu einem weißen Zwerg. Zurück bleibt nur die Ahnung eines Schattens, eine unwesentliche Divergenz gemessen an Unendlichkeit. Ein Schluckauf in der Chronik eines langen Lebens. Wohl dem, der stets ordentlich kaut.

Selbstmitleid lässt sich durchaus genießen, sobald als selbst gewählt enttarnt, leider nur noch halb so gut. Meine hohen Ansprüche sind doch alles, was mir bleibt sagte einst einer mit zwinkerndem Auge und von mir sofort unterschrieben. Dann doch lieber eine neue Variante. Oder etwa - man wagt es kaum zu denken - die Weichen anders stellen? Eine Auszeit, ein Urlaub von sich selbst. Heute Abend habe ich meine Koffer gepackt. Wohin die Reise geht, ist noch ungewiß.

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Sonntag, 31. Dezember 2006
Auld Lang Syne


So hammas wieda gschafft.
Am liebsten würd ich es festhalten, das Alte. Nicht weil es besonders gut war. Nein, besonders gut war es wirklich nicht. Nicht mal einigermaßen. Ich glaube aber, das liegt an der allgemeinen Stimmung in dieser Zeit. Partielle Jahresendzeitamnesie gemischt mit sentimentaler Unzurechnungsfähigkeit. Kein Richter der Welt würde mich da für voll schuldfähig erklären. Festhalten will ich nur die Zeit. Mich mit aller Kraft an den großen Zeiger der biologischen Uhr hängen. Den schleichenden Verfall stoppen, das Rädchen rückwärts drehen und all die vergeudeten Momente nachträglich füllen. Jede Szene nochmal drehen, bis sie passt.

Das Neue wird trotzdem unaufhaltsam kommen. Tausende werden es heute Nacht mit Böllern, Raketen und Alkohol willkommen heißen. Neues Spiel, neues Glück. Und alle leben in der Hoffnung, es möge alles besser werden. Dabei ist die Hoffnung nichts anders als die an einem Stab befestigte Karotte, die den Esel den Karren weiterziehen lässt. Meine größte Angst hat sich in den vergangenen Jahren bestätigt. Alles was sich ändert, ist die letzte Zahl im Datum. Mal abgesehen von Kleinigkeiten - hier eine Liebelei, dort ein Neuerwerb, eine andere Wohnung, ein anderer Arbeitgeber, was auch immer am Rande vorbeizieht - bleibt alles beim Alten. Gute Vorsätze sind spätestens am 2.Januar vergessen und die Endlosschleife beginnt von vorne. Langeweile galore und Silvester ist der europäische Groundhog Day.

Ich wünsche mir und Euch, dass es endlich mal kracht im zähen Lebensfluß. Und wer einen amüsanteren Text zum Thema sucht, der lese bitte hier.

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Donnerstag, 28. Dezember 2006
Sätze, die man sofort bloggen muss (17)
Wenn ein bayrischsprachiger Blogger einem anderen "a schdaade Zeit" wünscht, bedeutet dies nicht zwingend Kritik an dessen Schreibstil.

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Chick flick
Wenn man auf einem Flug während des Bordfilmes von den weiblichen Angestellten mit Getränken versorgt werden möchte und darüber hinaus aufgrund akuter Langeweile das Gespräch sucht, sollte man dies nicht mit den Worten "Ey, habt ihr den Film gesehen? Voll der Frauenfilm..." eröffnen.

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Dienstag, 26. Dezember 2006
A room with a view (4)

Manhattan, New York

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Dienstag, 26. Dezember 2006
I want to be a part of it
Ich habs versucht, ehrlich, habe den Atem angehalten, um nicht versehentlich ein Weihnachtsmolekül zu inhalieren, habe mich der Geschenkepflicht entzogen und keine allgemeingültigen Wünsche zum Fest abgesondert. Ich habe tapfer genickt, wenn mir einer schöne Weihnachten wünschte, die Jalousien heruntergezogen und geweint. Irgendwie muss dieses hinterlistige Ding aus einem der Lüftungsschlitze hereingekrochen sein. Da war er also, der Weihnachtsvirus. Kurz vor dem Erstickungstod inhaliert, invadierte er meinen Körper über die Alveolen, setzte das Restratio ausser Kraft und übernahm die Kontrolle über das vegetative Nervensystem. Die Folge waren unkontrollierbare Selbstmitleidsausbrüche. Ganz widerstandslos wollte ich das Feld jedoch nicht räumen. Vereinzelt kämpften in meinem Kopf noch Partisanen mit Ironieschwert und Realitätsschilde gegen den Eindringling, mussten sich aber beim Großeinsatz von Hormonwaffen geschlagen geben.

Um mich dem allgemeinen Frohlocken zu entziehen, verordne ich mir einen Flug. Eine Kollegin verteilt Schokoläuse im Briefing. Auf dem Tisch brennen Teelichter. Die Kollegen sind guter Dinge. Ich möchte gerne wieder nachhause. Der Kapitän und die Purserkollegin auch. Hilft aber nicht. Wir fliegen nach New York.

New York? Oh mein Gott. Erst jetzt fällt mir auf, dass meine Wahl reichlich unüberlegt war. Um Weihnachten zu umgehen, muss man mindestens nach Asien fliegen oder Timbuktu. Auf dem Weg vom Flughafen ins Hotel überall Bäume mit Lichterketten. Ein Blick nach links auf Kevins Baum am Rockefeller Center, und einer nach rechts in die dekorierten Schaufenster genügen, um anschließend den Blick auf meine Hände zu zwingen. Der Fernseher auf dem Zimmer bietet eine Auswahl an Moralgeschwängertem und Herzschmerz, unterbrochen von letzten Geschenkvorschlägen zu reduzierten Preisen. In Amerika wird Weihnachten erst am 25. gefeiert. Die letzten Gaben können rund um die Uhr an den Tagen zuvor erworben werden. Ich lösche das Licht und träume von Männern mit weißen Bärten und roten Nasen.


Das Wetter ist frühlingshaft mild. Ein starker Wind fegt durch die Häuserschluchten. Vor dem Hoteleingang ringt ein Schwarzer seinem Instrument gequälte Weihnachtsmelodien ab. Ein paar verstreute Passanten spazieren auf dem sonst stark frequentierten Broadway. Ich lasse mich treiben, überquere hier eine Straße, biege dort in eine Avenue ohne genaues Ziel. Irgendwo zwischen Madison und 51. soll ein Laden sein, wo ich nach Jeans gucken könnte. Den Namen habe ich vergessen, nach der dritten Ecke auch mein Vorhaben. Am MoMa vorbei, über die 5th Avenue, immer weiter Richtung Osten. Ein Obdachloser wärmt sich am Auspuff eines Maronistandes. Er trägt nichts außer einer Nikolausmütze und zwei um den Leib gebundenen Pappschildern. Auf dem Rückweg komme ich an der St. Patrick’s Cathedral vorbei. Ferngesteuert steige ich die Stufen zum Eingang hinauf und befinde mich mitten in der Weihnachtsmesse. Obwohl dies nie meine Absicht war, setze ich mich in eine der freien Bänke am Rande. Eine Rednerin gedenkt namentlich genannter Verstorbener, es wird gesungen und Gebete gesprochen. Als der Pfarrer aufruft, sich zum Zeichen des Friedens die Hände zu reichen ist mein Tränenkanal geöffnet. Bevor irgendein Fremder auf die Idee kommt, mich in seine Arme zu schließen, verlasse ich fluchtartig die Kirche. Manhattan hinterlässt nach dem Konsumwahn der vergangenen Tage einen deprimierenden Eindruck. Selbst der Weihnachtsbaum am Rockefeller Center scheint bei Tageslicht betrachtet in den letzten Zügen zu sein.

Wenigstens das wäre überstanden, denke ich, als ich das Flugzeug betrete. Mit einer Bescherung in der vorderen Küche habe ich nicht gerechnet. Die Purserkollegin hat Geschenke für jeden verpackt. Wir trinken Kinderpunsch und knabbern Spekulatius. Ich stehe ein wenig verloren zwischen den anderen und ziehe mich schnell zur Wache nach hinten zurück, wo ich den gläsernen Teelichthalter in meine Tasche verstaue. Jetzt steht er auf meinem Tisch. Das Licht der Kerze schimmert durch die Sterne des matten Glases. Ich weine ein bisschen. Dann zünde ich eine Zigarette an. Hilft ja alles nichts. Das nächste deprimierende Ereignis wirft schon seine Schatten voraus.

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Samstag, 23. Dezember 2006
Every year, every christmas
Der Klassiker:

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May your days be merry and bright


Am Heiligabend pack ich den ganz aus.

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Donnerstag, 21. Dezember 2006
Thank you for the music
Hallo Opa,

die CD ist angekommen, vielen Dank. Und in das erste Lied habe ich mich gleich verliebt:



Feine Auswahl Ole.

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Mittwoch, 20. Dezember 2006
The air that you breathe
Lisa9 hat mir einen Eintrag gewidmet. Naja eigentlich nicht mir, weil ich ja nicht wirklich Flugbegleiter bin, sondern genau genommen der imaginäre Sandsack für miesgelaunte Passagiere, Kollegen und Cockpits (komm schon Baby, hau mir eine rein! Da steh ich drauf), und auch nicht mir allein, sondern den vielen saftschubsenden Engeln der Lüfte, die jeden Tag im Fall der Fälle für Ihre Sicherheit einstehen. Aus gegebenem Anlaß hat die Zeichnung heute dennoch gepasst wie Arsch auf Klobrille.

[Achtung, Ekelcontent!]

Beim Fliegen habe ich gelernt, dass sich unsere Gesellschaft in wichtige und unwichtige Leute unterteilen lässt. Die wichtigen Leute verhalten sich in der Öffentlichkeit auch so, damit jeder gleich weiß, mit welch wichtiger Persönlichkeit man es zu tun hat. Sie reden ein wenig lauter als andere und fordern auch sonst sehr viel Zuwendung und Aufmerksamkeit, um sich deutlich von den unwichtigen Leuten abzugrenzen, denn unauffällig bedeutet unwichtig. Während ihrer Kindheit haben sie gelernt, dass Schreien und sich strampelnd auf den Boden werfen sehr viel Aufmerksamkeit einbringt. Auch eine volle Windel garantiert die ungeteilte Aufmerksamkeit, denn dann wird einem liebevoll der Hintern abgewischt und wenn man Glück hat, wird man sogar für den gemachten Haufen noch gelobt.

Jetzt ist es aber nicht sonderlich vorteilhaft, wenn man sich den teuren Armanianzug auf rauhem Asphalt ruiniert, und das wohlige Gefühl einer vollgeschissenen Flanellhose ist auch nur von kurzer Dauer. Deswegen haben wichtige Leute im Laufe der Sozialisation ihre erfolgsgarantierenden Mechanismen verfeinert. Wir kennen die mit hervorgetretenen Adern Zeternden, die sich aus banalen Anlässen um ihre Wichtigkeit betrogen fühlen. Ein deutlich subtileres Aufmerksamkeitsvehikel sind sogenannte Pheromone. Die Definition nach Karlson und Lüscher hierfür lautet folgendermaßen: Substanzen, die von einem Individuum nach außen abgegeben werden und bei einem anderen Individuum der gleichen Art spezifische Reaktionen auslösen. Nichts kann einfacher und gleichermaßen anonymer nach außen abgegeben werden als Verdauungsgase. Ihre Abgabe garantiert volle Aufmerksamkeit aller Individuen der unmittelbaren Umgebung und spezifische Reaktionen wie Naserümpfen, Würgereiz und Erstickungsanfälle.

Eine besonders wirkungsvolle Methode seine Mitmenschen an den eigenen Verdauungsvorgängen teilhaben zu lassen, ist, die Türe zur Flugzeugtoilette nach erfolgreicher Entleerung einen Moment länger als nötig geöffnet zu halten oder gar nicht erst zu schließen. Den ultimativen Kick erlebt der Toilettengänger, wenn sich Kabinenmitarbeiter vor den Toiletten zeitgleich der Nahrungsaufnahme widmen. Ich frage mich allen Ernstes, ob solche Menschen tatsächlich glauben, ich könne ihnen den nötigen Respekt entgegenbringen. Und ich weigere mich schlichtweg, Lob für einen Haufen auszusprechen, der zu Demonstrationszwecken nicht mittels Hydraulik dem chemischen Nirvana zugeführt, sondern devotionaliengleich in der Schüssel verweilt. [An dieser Stelle sei angemerkt, dass Flugzeugtoiletten nicht nach dem gleichen Prinzip funktionieren, wie die der Deutschen Bahn, und durchaus auch an Parkpositionen benutzt werden dürfen. Die Mär von gefrorenen Fäkalien, die angeblich mancherorts wie Meteoriten in Vorgärten einschlugen, zu dementieren, erübrigt sich hiermit.]

[Ekelcontent Ende]

Noch etwas habe ich im Laufe meines fliegerischen Daseins gelernt: die wirklich Wichtigen sind durchweg unauffällige und zuvorkommende Mitmenschen.
Da weiß man, was man hat. Guten Abend.

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Sonntag, 17. Dezember 2006
We wish you a merry christmas (3)


Diesmal ein ganz ehrlicher Geschenketipp:
Santaland diaries von David Sedaris
(fast identischer Inhalt wie Holidays on ice vom selben Autor, das Cover ist aber eindeutig besser).

Wie gutmütige Gesellen und herzallerliebste Kinder in der Weihnachtszeit zu bösartigen Bestien mutieren. Ich hab mich jedenfalls gut amüsiert.

Kleine Kostprobe für Sedarisfans und die, die es noch werden wollen:
6 to 8 black men gelesen vom Autor.

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Gute Reise
Auch heute steht sie vor dem kleinen Laden und betrachtet die Bilder in der Auslage. Es sind Bilder vom Meer, von Palmen und Sonne. Immer wenn sie zum Bäcker geht, um sich ein halbes Brot für die nächste Woche zu holen, kommt sie an dem kleinen Reiseladen vorbei. Mit dem aufgeschnittenen Brot in der Tasche bleibt sie dann vor der Scheibe stehen. Was sie auf den Bildern sieht, ist so ganz anders, als das, was sie kennt. Vor vielen Jahren ist sie mit ihrem Mann verreist. Sie waren gemeinsam in den Alpen und am Mondsee. Einmal sind sie mit dem Zug bis zur Küste gefahren. Dort hat sie das Meer gesehen. Es sah aber nicht aus wie auf den bunten Bildern in der Auslage. Als der Mann gestorben war, wollte sie nicht mehr wegfahren. Der Sohn hat sie an Weihnachten immer eingeladen. Und auch die Schwester lag ihr in den Ohren. Es sei doch mit dem Zug nicht weit. Dabei lag zwischen ihnen sogar eine Landesgrenze. Sie hatte vergessen, wo sie ihren Pass hingeräumt hat. Den brauchte sie nicht mehr, seit der Mann gestorben war. So antwortete sie nur, sie würde lieber daheim bleiben.

Am Muttertag oder an Ostern kommt meist der Sohn zu Besuch. Sie weiß, dass er schnell ungeduldig wird. Deswegen hängt sie schon am Vortag den Mantel und den Hut an die Garderobe und stellt die Schuhe dazu. Wenn sie den Schlüssel nicht gleich findet, schimpft er mit ihr. Darum legt sie den Schlüssel neben die Handtasche. Er schimpft auch wegen der Krümel auf dem Teppich. Wenn sie die Wohnung nicht sauber halten könne, brauche sie eben eine Putzfrau. Als ob sie nicht putzen könnte. Damals als sie mit ihm schwanger war, hat sie bei fremden Herrschaften geputzt. Der Mann hat nicht genug für drei verdient und sie brauchten jede Mark. Dem Sohn sagt sie das nicht. Auch nicht, dass die Augen immer schwächer werden. Sie schämt sich, dass sie die Krümel übersehen hat. Dabei will sie ihm doch zeigen, dass sie gut alleine zurecht kommt. Er hat eine eigene Familie, um die er sich kümmern muss und eine anstrengende Arbeit. Da will sie ihm keine zusätzlichen Sorgen machen.

Viel braucht sie nicht zum Leben. Die kleine Rente reicht für die Wohnung und das Nötigste. Sonntags zieht sie ein schönes Kleid an, setzt den Hut auf und geht in den Park. So haben sie es immer gemacht, als der Mann noch lebte. Danach geht sie, wie jeden Tag, zum Grab und zupft das Gras zwischen den Sträuchern. Im Herbst stellt sie ein kleines Licht vor den Grabstein. Damit er es ein wenig heller hat. Ist dunkel genug da drunten. Einmal in der Woche hat sie frische Blumen dabei. Die tauscht sie gegen die verwelkten in der grünen Vase aus und schüttet frisches Wasser aus einer Friedhofskanne hinein. Eine Weile spricht sie mit ihm, erzählt ihm vom Sohn. Wie stolz er wäre, wenn er ihn sehen könnte. Wie er sie mit dem großen neuen Auto abgeholt hat und sie in einem feinen Restaurant gegessen haben. Der Sohn verdient gutes Geld. Sie will sich nicht beklagen, nur er, der Mann, fehle ihr halt ein wenig. Dann streicht sie energisch die Träne von der Wange, sagt schnell auf Wiedersehen und macht sich auf den Weg. Von dem Reiseladen erzählt sie nichts. Am Ende hält er sie noch für undankbar.

Sorgfältig hat sie die Angebote studiert und sich schließlich entschieden. Die Dame im Laden war sehr freundlich. Natürlich bräuchte sie einen gültigen Reisepass. Ihre Wangen glühen, als sie daran denkt, wie sie ihn zwischen all den alten Briefen fand, ihn in die Handtasche steckte und damit zu dem kleinen Laden marschiert ist. Dem Sohn wird sie nichts davon erzählen und auch nicht dem Mann. Am Ende halten die sie noch für verrückt. Ein wenig verrückt ist es schon, was sie plant. Wenn sie sich vorstellt, wie sie zwischen den großen Palmen herumspaziert, fühlt sie sich fast wieder wie ein junges Mädchen. Sie wird endlich einmal den Ort sehen, den sie nur von den Bildern in der Auslage kennt. Manchmal schickt der Sohn Postkarten mit ähnlichen Bildern. Auf der Rückseite steht, dass es sehr warm sei, dort wo er gerade sei, und dass die Sonne jeden Tag scheine. Sie hat in den Jahren ein wenig Geld gespart. Ihre Hände zitterten, als sie es vor sich auf den Tisch legte, um die Reise zu bezahlen. Der Koffer war über die Jahre auf dem Schrank eingestaubt. Jetzt steht er sauber und gepackt im Flur. Die Schlüssel liegen neben der Handtasche. Sie schlüpft in den Mantel, setzt den Hut auf und geht zum Sessel. Das Taxi wird bald da sein.

Sie hat die Nachbarin gebeten, die Blumen zu gießen und nach dem Rechten zu sehen. Die Nachbarin dreht den Schlüssel im Schloss. Die Türe öffnet sich. Im Flur steht ein Koffer. Als sie das Zimmer betritt, sitzt die alte Dame mit Mantel und Hut im Sessel, den Kopf auf die Brust gesunken, als ob sie nur kurz eingenickt sei. Die Hand im Schoß hält ein Flugticket nach Mexiko.

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