Donnerstag, 14. Dezember 2006
We wish you a merry christmas (2)
Noch rechtzeitig zum Fest hier ein zweiter Geschenkevorschlag:

Passend zur Jahreszeit die original Rudi Knabl Klingeltöne. Das Geschenk für jung und alt. Lässt garantiert jedes Handy erzithern.

[Töne nur solange Vorrat reicht]

... link


Mittwoch, 13. Dezember 2006
Sing Hallelujah
Seit ich denken kann, ist Weihnachten mit einer Art Melancholie belastet, die mir zu verscheuchen nie gelang. Mag sein, das kommt von einer besonders leutseligen Gemütsverfassung, die Weihnachten ja gemeinhin hervorruft. Mag sein, mein Herz erinnert sich an die vielen dunklen Tage, die wir zitternd vor Angst oder im Streit verbrachten. Doch da gab es auch andere vorweihnachtliche Momente. Die nämlich, an denen mir meine Mutter bayerische Lieder beibrachte, die wir dann gemeinsam sangen. An zwei erinnere ich mich noch - wenn auch mit Gedächtnislücken:

Es wird scho glei dumpa,
Es wird scho glei Nacht.
Drum kimm i zu dir her,
Mein Heiland, auf d'Wacht.

Fortsetzung hier. Gefunden von Gitana

Es hod se scho aufdoa des himmlische Tor,
de Engalan de gagalan ganz haufenweis hervor,
de Engalan de gagalan, de macha Purzigagalan,
boid auffi, boid owi, boid hin und boid her,
boid üba se, boid untase, es gfreid se umso mehr.
Halleluja...


Als meine musikalische Fortbildung gedieh und mir das Lesen von Noten keine Mühe mehr bereitete, glaubte ich, aus der Not des alljährlichen "spiel doch mal was vor" eine Tugend machen zu können, indem ich meine Rudimentärfamilie in die Geheimnisse des mehrstimmigen Singens einzuweisen versuchte. Bis zu diesem Zeitpunkt sangen alle mit Inbrunst, doch nicht immer in der vorgesehenen Tonlage.

Zunächst analysierte ich das gegebene Stimmmaterial. Da war meine Mutter, deren Laienstimme zwar keinen besonders großen Umfang aufwies, die jedoch in Wort und Klang sehr sicher schien. Ihre Mutter wiederum konnte mühelos auch noch dritte und vierte Textstrophen wiedergeben, driftete aber stimmlich schnell in die untere Lage ab, was zur Folge hatte, dass sie die Melodie als ostinaten Bass interpretierte. Der angeheirateten Großmutters Text wiederum wies erhebliche Gedächtnislücken auf, wobei sie mit glockenklarer Stimme auch noch höchste Höhen erreichte und so aller Anwesenden Hämmerchen und Ambosse in teils schmerzliche Schwingung versetzte, denn auch ihre Liedinterpretation war eine ganz eigene, ganz zu schweigen von der angeheirateten männlichen Fraktion, die sich äusserst mürrisch sowohl in Text, als auch Ton zunehmend vergriffen.

Mir oblag das Anstimmen eines jeden Liedes, wobei ich den Tonumfang genau zu beachten hatte. Stimmte ich ein Lied zu hoch an, bedeutete dies den Verlust von textsicheren Stimmen und zwei einsame Streiter in den oberen Etagen, die in gängigen Platzhaltern wie lalala oder handelsüblichen Vokalen intonierten. Wurde das Lied von mir zur Freude des ostinaten Basses zu tief angesetzt, verloren die Worte jegliche Ähnlichkeit mit ansonsten bekannten Weihnachtsliedern. Mit Schrecken denke ich an die entsprungene Ros, die oft in musikalisch unendlichen Tiefen versank, ebenso wie der See in den Kehlen erstarrte, wo noch kurz zuvor der Schnee leise niederrieselte. Eine ganz eigene Herausforderung war die Tochter Zions, die recht einsam jauchzte und deren Friedensfürst gleichzeitig manchmal an Ivan Rebroff erinnerte. Triviale Vorschläge wie die Lieder über kommende Kinderlein und grüne Tannenbäume wurden sofort abgeschmettert. Nein, man wollte anspruchsvollere Texte singen. Ein heikles Unterfangen also, dessen Tragweite gelegentlich mehrmaliges Unterbrechen im Verlauf der musikalischen Darbietung erforderte.

Unterbrechungen waren auch zwischen den Strophen nicht unüblich. Nach so gut wie jeder Strophe stellten der angeheiratete Freund meiner und der ihrer Mutter abwechselnd einen Antrag auf Öffnen des Geschenkematerials, was von meiner Mutter entweder mit strafendem Blick kommentiert oder aber lautstark abgewiesen wurde. Nein, es mussten schon mindestens vier Lieder mit jeweils drei Strophen sein, bevor man sich die Geschenke verdient hätte. Obgleich die teilweise katastrophale Darbietung eine Belohnung nicht zwingend rechtfertigte, war mir das gemeinsame Singen immer wichtiger als jegliche Geschenke oder das darauffolgende Essen. Eine Minderheitsregierung tut sich jedoch schwer in der Durchsetzung und so wurde das gemeinschaftliche Singen alsbald zugunsten der Gaben unter dem Baum eingestellt, nicht ohne jedoch zu versprechen, sich nächstes Jahr besser vorzubereiten.

Zu diesem Zwecke kopierte meine Mutter im nächsten Jahr Texte bereits im November und verteilte sie an die Verwandtschaft, die nun selbige auswendig lernen sollten. Eine Woche vor Weihnachten probte ich mit meiner Mutter das zweistimmige Singen einschlägiger Weihnachtslieder und es funktionierte mit Unterstützung eines Tasteninstrumentes einigermaßen gut. An Heiligabend sollte die Premiere stattfinden, der wir entgegenfieberten. Alles fing harmlos wie immer an. Einer schlug ein Lied vor, ich stimmte es an und die Verwandtschaft fiel mit ein. Nach den ersten Takten überließ ich die Führung der Hauptstimme meiner Mutter und stimmte leise in Terz- und Quartabstand eine zweite Melodie an. Sogleich kam die Hauptmelodie gefährlich ins Wanken. Mutter verlor die Grundharmonie und fuhr Slalom zwischen Dominante und etwas, das nach stark vermindertem und Subdominantquintsextakkord klang. Ein Trugschluß war nicht nur die Annahme, sie könne alleine die Melodie führen, sondern auch auf die Unterstützung der anderen zu hoffen. Sobald keine starke Stimme mehr die Führung übernahm, brach musikalische Anarchie unter den Sängern aus. Jeder sang in einer beliebigen Tonart, bis nach und nach alle verstummten und sich verwundert ansahen. Ich hatte vergessen, dass das Klavier bei den Proben einen nicht minderen Anteil an der Führungsrolle hatte. Da das Instrument in meinem Zimmer stand, der Weihnachtsbaum aber im Zimmer am anderen Ende des Flures, erklärte ich das Experiment mehrstimmiges Singen von Weihnachtsliedern mit einer musikalisch ungebildeten Rudimentärfamilie für gescheitert und schlug sofortiges Entfernen aller Verpackungsmaterialien von den unter dem Baum liegenden Kartons vor. Nach zwei weiteren, von Mutter eingeforderten, katastrophalen Versuchen fügte auch sie sich dem Wunsch der Mehrheit, nicht ohne mir das Versprechen abzunehmen, dieses Protokoll des Scheiterns nie zur Belustigung von Freunden und Bekannten preiszugeben.

In den folgenden Jahren entkam ich durch Flucht in die Arbeit den musikalischen Darbietungen meiner Familie, doch kein Weihnachtsoratorium, das ich gegen Entlohnung anstimmte, und kein Ort der Welt konnten mir das geben, was einst meine Mutter mir mit dem ersten Erlernen bayerischer Weihnachtslieder gegeben hat. Der Verlust der Lieder bedeutet gleichzeitig ein Verlust von Kindheit. Das damit verbundene Gefühl von Geborgenheit und Familie konnte auch durch oben beschriebene alljährliche Bemühungen nie mehr erreicht werden.

... link


Montag, 11. Dezember 2006
Don't cha wish your music was hot like mine?
Seit Wochen wimmert Christina durch das gesamte Tanzstudio, dass ihr irgendwas wahnsinnig leid tue. Gelegentlich wird sie von Timberlakes sexy Rückenproblemen unterbrochen, manchmal auch von der Frage, ob der ein oder andere Hörer nicht doch lieber eine so warme Freundin wie die Miezekatzenpuppen hätte. Nicht nur die Außentemperatur, auch meine Laune tendiert gegen Null. Die drei Retortenmädchen schämen sich wohl auch noch bis ins neue Jahr, der Mannheimer Muezzin ruft zur Vernunft und Madonna hüpft fröhlich durch die Musiksender aber hoffentlich nicht in meine Hüpfburg. Wenn ich mir alle Alternativen so anhöre, ist der kleine Emporkömmling des Miniknabenchors 'nSync nicht mal die schlechteste. Zumindest solange nicht einer demnächst nen 80er Song mit einer netten Rhythmusgruppe koppelt, und nein, die Welt braucht kein neues Cover von Last christmas.

Wenn ihr wählen könntet zwischen dem hier und dem, lieber Original oder Coverversion?

 
52.38% (11 Stimmen)
Die Jungs von Soft Cell sind unschlagbar

 
4.76% (1 Stimme)
Die Pussies sind um Welten besser

 
14.29% (3 Stimmen)
Ich bin taub und gucke gerne halbnackte Mädels

 
28.57% (6 Stimmen)
Nur Volksmusik ist wahre Musik

Insgesamt: 100% (21 Stimmen)

Angelegt von frau klugscheisser am 11. Dezember, 21:24.
Diese Abstimmung wurde am 17. Dezember, 13:34 beendet.


Oder kennt jemand die ultimative Tanzmukke mit intellektuellem Anspruch geiler Basedrum für geplagte Hupfdohlen?

... link


Who cares (8)
Das seelische Immunsystem stärken:
Einen Vorrat an Ohrenschmalz anlegen und viel Vitamin B.

... link


Freitag, 8. Dezember 2006
A touch of sense and sensibility
Man kennt diesen Begriff, er wird oft und gerne umgangssprachlich benutzt und doch finde ich keine fundierten Informationen darüber. Unter einer Künstlerseele versteht man gemeinhin gesteigertes Einfühlungsvermögen, Sensibilität, emotionales Erfassen tiefgründiger Zusammenhänge und deren Verarbeitung in Schrift, Bild oder Musik. Man spricht von Künstlerseelen im Zusammenhang mit Meisterwerken, von Menschenhand erschaffener Göttlichkeit. Man sagt Künstlerseele und meint damit innerlich zerrissene Menschen, Suchende, die psychisch labil, sich im Leben nicht zurechtfinden und ihm gegebenenfalls schließlich ein Ende setzen. Fast scheint mir der Begriff ein wenig überstrapaziert, eine Art posthume Glorifizierung, ein idealisierender Erklärungsversuch für etwas, das im Grunde jeder mehr oder weniger schon erfahren hat.

Woher kommt dieser Begriff? Stammt er aus der Epoche der Romantik? Während die Nachwelt Berühmtheiten wie etwa Vincent van Gogh, Klaus Mann, oder Kurt Cobain als Künstlerseelen darstellt, spricht man über unzählige Anonyme als Depressive, Borderliner oder Schizophrene. Eine Künstlerseele muss schon in Vorleistung gehen, um als solche bezeichnet zu werden, obwohl die Voraussetzungen beider Gruppen sich durchaus gleichen. Was aber, wenn die tiefsinnige Seele nicht mit Worten, Farben oder Klängen umzugehen gelernt hat, was wenn sie keine der gängigen Ausdrucksformen als die ihre bezeichnet? Ist sie dann des Künstlers unwürdig? Komm mir jetzt keiner mit dem oft [falsch] zitierten Beuys, wonach jeder ein Künstler sei [wahlweise Bob Ross]. Ist nicht jeder halbwegs intelligente und einfühlsame Mensch ab und zu innerlich zerrissen? Oder fördert eine an der Spitze der Bedürfnispyramide angekommene Gesellschaft, deren Sucht nach Selbstausdruck durch die narzisstische Peitsche des Machbarkeitswahnes krankhaft getrieben wird, die innere Zerrissenheit? Kurz: ist es der Mensch selbst oder die Möglichkeiten, die ihn zu einem Suchenden machen?

Sowohl äußere Einflüsse, als auch innere Voraussetzungen mögen hierbei eine Rolle spielen. Doch bezweifle ich eine eindeutige Zuordnung des Begriffes und dessen Exklusivität im Bezug auf eine Berufsgruppe. Und wer will schlussendlich Kunst definieren?

Gedankenfortspinnung in den Kommentaren, sowie aufschlußreiche Links zum Begriff (Definition, Geschichte, Wissenschaft) werden ausdrücklich erbeten.

... link


Dienstag, 5. Dezember 2006
Sao Paulo - my life is just one big cliché (2)
Wie bereits hier vermutet, bis jetzt keine Spur von Bildern. Eher entdecke ich wohl den von offizieller Seite beglaubigten Stammbaum des Weihnachtsmannes, der den Osterhasen als seinen Cousin verzeichnet, als Bilder von den lieben Kollegen im Post-/Mailfach.

Vom Hotel geht es im Taxi direkt durch die Stadt. Ich hätte gerne direkt in die Innenstadt geschrieben, doch Sao Paulo besitzt keine solche. Schon beim Anflug konnte ich aus dem Cockpitfenster eine gewisse Ähnlichkeit mit L.A. feststellen, zumindest was die Fläche betrifft. Überhaupt ist der Anflug eine spannende Sache. Das Flugzeug heischt wie ein quengelndes Kind mit aufdringlichen Warnsignalen nach der Aufmerksamkeit seiner Führer. Dann taucht es in die niedrige Wolkendecke ein, die den Blick auf knapp überflogene Berge verdeckt. Nur auf den Instrumenten ist die Umgebung noch erfassbar. Alles kein Problem, denn was sind schon diese lächerlichen Hügel gegen den alten Flughafen Hongkongs, wo von so manchem Fahrwerk nach der Landung Wäschestücke aus umliegenden Wohnungen entfernt werden mussten.

Auf der Schnellstraße - oder das, was sich hier so nennt - ziehen an uns ganze Viertel bestehend aus verfallenen Bretterbuden, die sogenannten Favelas, vorbei. Selbst Abenteuerlustige möchten hier nicht zwingend nachts eine Autopanne erleben. Im Stadtverkehr scheint es üblich, die kurzen Ampelphasen und den daraus resultierenden Rückstau zu umgehen, indem man zum Abbiegen die Durchfahrt der an jeder Ecke liegenden Tankstellen nutzt. Man will schließlich ans Fahrtziel gelangen. Unser Ziel ist an diesem Tag der Rodeo Drive Sao Paulos, wo wir zu Fuß an Schaufenstern der Nobelläden vorbeiflanieren. Windowshopping ist hier ein wenig umständlich, denn man muss schon den Blick auf den Boden richten, will man nicht plötzlich wie unser Stadtführer bis zur Brust in einem Loch auf dem Gehweg verschwinden. Dabei hält er nach wie vor sein Handy am Ohr und führt das Gespräch gelassen eine Etage tiefer weiter, bis wir ihm zur Hilfe eilen. Eine Freundin will ihm und uns ihre zwei Autos für den Nachmittag überlassen. Wer sich in Sao Paulo keinen Hubschrauber leisten kann, der nennt zumindest ein Auto mit Fahrer sein eigen. Wozu dieser Fahrer gut sein soll, bleibt mir allerdings den ganzen Tag verborgen, denn der kennt sich nicht besser als wir aus. So kreisen wir mehrere Male im selben Viertel, bevor wir das berühmte Café finden, in dem sich Schokolade so dickflüssig auf dem Tassenboden sammelt, dass der Löffel darin steckenbleibt. Von Kaffee haben die Brasilianer wirklich Ahnung, das muss man ihnen lassen. Vom Autofahren weniger.

Wir sind schon einige Stunden unterwegs, wohlgemerkt die meiste Zeit im Auto, bevor wir endlich wieder im Hotel ankommen. Gesehen haben wir neben dem Rodeo Drive, dem Fakemarkt, der Markthalle, einem Park und der Wohnung von Marcos Freundin nicht viel. Wahrscheinlich gibt es hier keine touristischen Sehenswürdigkeiten, so meine Vermutung. Immerhin war der Nachmittag durch Marco und die Kollegen recht kurzweilig. Das wichtigste Ereignis steht jedoch kurz bevor: wir gehen Essen.

Südamerika ist kein Land für Vegetarier. Selbst der Rinderwahn hält keinen davon ab, sich Fleisch einzuverleiben. Der Tisch für 14 Personen im Fogo de Chao [wie krieg ich jetzt das ~ auf das a?] ist bestellt, die Crew in den Startlöchern. The Gaucho way of preparing meat, wie auf der Webseite angekündigt, ist Programm. Kellner in folkloristischer Tracht rennen mit Fleischspießen und scharfgewetzten Messern zwischen den Tischen umher und schneiden das Fleisch dem Gast direkt auf den Teller, vorrausgesetzt das Schild daneben liegt auf der "sim por favor" lSeite.

Nach den ersten Gängen drehe ich das Schild schnell auf "nao obrigado", denn so zahlreich wie die Kellner meinen Teller passieren, komme ich mit dem Kauen nicht hinterher. Selbst als der Magen wegen Überfüllung geschlossen meldet, kann ich nur schwer widerstehen. Noch nirgends habe ich schmackhafteres Fleisch gegessen als hier. Das große Fressen neigt sich dem Ende zu und ich hänge erschöpft im Stuhl. Zwischen zwei Bäuerchen beobachte ich argwöhnisch, ob nicht doch einem der Kellner mal versehentlich das Messer ausrutscht und in des Gastes Tenderloin steckenbleibt. Die meisten Gäste des Etablissements essen nicht nur Fleisch, sie tragen es auch in großen Mengen um die Hüften.

Es wäre ein Leichtes, sich schwer vom Essen in sein Bett sinken zu lassen, doch meine Kollegen haben bereits den nächsten Programmpunkt geplant. Man will sich in die Schwulenszene Sao Paulos begeben und ich darf mir selbstverständlich die zahlreichen, und wie ich hörte, unvergleichlich schönen Männer nicht entgehen lassen. Unerreichbar für mich aber jetzt sind die Augen mit Essen dran. Wieder besteigen wir ein Taxi, Marco erklärt dem Fahrer kurz unser Ziel und wir sind on the road again. Homosexualität ist in einem erzkatholischen Land wie Brasilien so verpöhnt, wie in Baden-Württemberg am Weltspartag Geld auszugeben. Dementsprechend schwierig gestaltet sich die Suche nach einer geeigneten Lokalität. Der Taxifahrer ist katholisch ratlos, nachdem wir im entsprechenden Viertel nicht fündig werden. Es ist Montag und zudem noch vor 1.00 Uhr. Nach einer halben Stunde Kreisfahrt schlage ich vor, die schönen Männer auf eine andere Gelegenheit zu verschieben und lieber in der Hotelbar einen Absacker zu trinken. Wieder einmal haben wir viel Zeit in einem Taxi zugebracht. Überhaupt bin ich noch nie so viel und lange Auto gefahren wie in Sao Paulo. Aufgrund der dortigen Verkehrssituation sollte der Heilige Paulus neben Matten- und Korbflechtern unbedingt Automechaniker und Straßenbauer in sein Schutzprogramm aufnehmen. Vielleicht fällt die Stadt aber eher in den Zuständigkeitsbereich des Apostels Paulus, der bekanntlich ständig unterwegs war. So genau kenne ich mich da nicht aus. Den Weg zum Hotel habe ich aber bis jetzt immer gefunden.

... link


Sonntag, 3. Dezember 2006
Wenn du schmollst und traurig bist
Wenn sich deine Pupillen in der Dunkelheit verengen, weil du in einen kleinen Lichtstrahl blickst.
Wenn du auf Fahrtwind hoffst und dein Boot vom Gegenwind in die falsche Richtung geschoben wird.
Wenn deine Ohren vom Motorenlärm taub sind und du die leisen Stimmen nicht mehr hörst.
Wenn deine Hände statt an das rettende Tau ins Leere greifen.
Wenn die Strudel im Kopf nach unten ziehen und du vom Strampeln müde geworden bist.
Wenn du den Duft des Lebens nicht mehr wahrnimmst, weil deine Nase tief in der Scheiße steckt.
Wenn du den Mund offnest, um nach Hilfe zu rufen und deine Stimme versagt.
Wenn du die Steinschleuder nicht mehr findest, die die einzige Chance gegen Goliath bedeutet.
Wenn auf dem Weg keine Abzweigung mehr eine Wahlmöglichkeit lässt.

Was ist dann? Ich weiß es nicht. Ich kann dir nicht sagen, was du tun sollst. Ich kann dir keine neuen Wege eröffnen, noch die Steine aufsammeln. Ich kann dich nicht zwingen, deine Augen auf die guten Dinge zu richten. Ich kann dir keine Hoffnung geben. Ich kann die Reise nicht für dich antreten. Alles was ich kann, ist dir sagen, dass es immer weitergeht, jedoch nicht wie, nicht ob gut oder schlecht. Das ist die Grausamkeit des Lebens, dass jeder von uns sich dieser Zufälligkeit alleine stellen muss. Nur denke daran, welcher Stolz dich erfüllt, wenn du es ganz alleine geschafft hast. Jeden einzelnen Tag. Immer und immer wieder.

... link


Dienstag, 21. November 2006
Ain't no sunshine when she's gone
Es war einer dieser typischen Novembertage. Der erste Schnee sollte nur eine Woche später fallen. Heute vor fast fünfundzwanzig Jahren ist sie gestorben. Sie war alles, was ich jemals hatte, mein Trost, mein Halt, meine Familie, meine Heimat. Damals wusste ich, ich wäre von nun an allein auf mich gestellt. Dieses Gefühl trage ich seit dieser Zeit in mir. Manchmal wiegt es so schwer, dass meine Beine nachgeben.

... link


Montag, 20. November 2006
Who cares (7)
Den ganzen Tag erfolglos versuchen wach zu werden, nur um dann nachts nicht schlafen zu können.

... link


Freitag, 17. November 2006
Last night a D.O.* saved my life
*Abkürzung für Dirk Olbertz

Da habe ich mir heute den ganzen Tag das Hirn über eine neue Geschichte zermartert und plötzlich deutete alles aufgrund von Serverproblemen darauf hin, dass ich gleich zwei neu schreiben muss. Eine der Geschichten für die Bloglesung am Sonntag steht nämlich exklusiv im Blog und ist nirgends sonst abgespeichert. Doch der Schutzpatron des Internet hat meine Stoßgebete erhört und so konnte ich eben ganz schnell den Text abspeichern. Ob sich allerdings mein Adrenalinpegel bis Sonntag wieder auf normales Niveau absenkt, bleibt noch ungewiss.

Lieber Server, mach das nie, nie wieder, hörst Du?

... link


Donnerstag, 16. November 2006
Sao Paulo - my life is just one big cliché (1)
"Wenn du was über uns bloggst, dann wollen wir das aber lesen", sagen die Kollegen. Warum ich meinen Mund nicht halten konnte, ist schnell erklärt. Noch bevor das Zimmer verwüstet ist, will ich die Aussicht für die Serie A room with a view mit dem Handy knipsen. Leider ist der Akku leer und ich komme nicht um eine Erklärung herum, als ich Nico vom Nebenzimmer darum bitte. Seine Aussicht dürfte nicht viel von der meinen abweichen.

Den zwei häufigsten Lügen des Flugpersonals, die da lauten Ich ruf dich mal an und Ich lege dir die Bilder ins Postfach, baue ich vor, indem ich ihnen erst die URL zum Beitrag verrate, nachdem ich die Bilder auch wirklich erhalten habe. Möglicherweise finden sie sie auch alleine. Nico und Michael sind nämlich zwei schlaue Kerlchen, mit denen ich, aller Warnungen zum Trotz, noch am Ankunftsabend in die Skybar ziehe. Es bleibt auch nicht bei einem Caipirinha, doch die Enthüllungsgeschichten werden mit zunehmendem Alkoholgenuss interessanter. Spätestens nach dem dritten hätte ich ihnen sowieso von meinem Blog erzählt. Dass ich die URL nicht bereits vor Erhalt der Bilder verrate, liegt nur an den konservativen Öffnungszeiten besagter Bar. Um 3.00 machen die nämlich schon dicht. Unglaublich, das in einer Weltstadt wie Sao Paulo.

Mein erster Gedanke nach dem Aufwachen: "Welches Arschloch hat eigentlich auf die Frage, wann wir uns am nächsten Tag treffen, 10 Uhr gerufen?" Das Arschloch war ich. Der Rohrzucker scheint über Nacht in meinem Kopf angekommen zu sein. Dementsprechend schwer fällt mir jede Bewegung. Meine einzige Hoffnung ist, dass es den Kollegen ähnlich ergeht. Nur mit Marcos Tatendrang - Michaels Bekannter und seines Zeichen Brasilianer - habe ich nicht gerechnet. Gestern noch in der Bar, heute schon in der Lobby wartend, um uns die Stadt zu zeigen. Was dem Bayer sein Bier, ist dem Brasilianer sein Caipi. Keine Spuren von Müdigkeit oder gar Restalkohol sind an ihm erkennbar.

Ich beobachte ihn immer wieder aus dem Augenwinkel, nicht nur, weil ich an seiner guten Laune zweifle, sondern vor allem, weil ich vom Körperkult in Brasilien weiß. Man geht dort zum Chirurgen wie hierzulande zur Wursttheke. Dreihundert Gramm Fett absaugen bitte und ja, es darf auch ein bisserl mehr sein. Gelegentlich schaue ich ihn direkt an, weil ich hoffe, ihn so besser zu verstehen. Deutsch mit portugiesischer Phonetik klingt zwar apart aber manchmal etwas undeutlich. Liegt vielleicht auch an meinen Ohren. Wenn ich beispielsweise nach dem Flug an meiner Uniform lausche, kann ich ganz deutlich das Rauschen der Triebwerke hören.

Ein wenig verwundert betrachten mich die drei, als ich gedankenverloren meine Handschuhe aus der Jackentasche ziehe. Der brasilianische Frühling ist immerhin 22° mild. Ich stopfe sie in die Umhängetasche neben den Stadtplan von San Francisco. Der Inhalt meiner Taschen überrascht mich oft selbst. Im Falle einer Klimakatastrophe oder einer Entführung nach San Francisco bin ich jedenfalls gewappnet. Wir steigen in das Taxi und fahren los. Noch ahne ich nicht, wieviel Zeit man hier in Autos verbringen kann, denn abgesehen von der Großflächigkeit dieser Stadt, halten sich viele Brasilianer gerne gleichzeitig zur selben Zeit am selben Ort innerhalb ihrer Fahrzeuge auf. Für mich nicht weiter schlimm, denn ich unterhalte mich gut. Nur schaue ich nächstes Mal dabei etwas öfter aus dem Fenster.

[Fortsetzung folgt]

... link