Dienstag, 18. September 2007
Keep on smiling
Flüge Richtung Indien zählen unter Personal nicht unbedingt zu den beliebtesten. Das liegt vorwiegend an den Landesbewohnern, die als Passagiere ziemlich anstrengend sein können. Um so einen Flug gutgelaunt zu überstehen, muss man einiges über die Kultur des Landes wissen. Der Inder an sich ist, obwohl im Zeitalter der Technologie angelangt, immer noch stark in seiner Tradition verwurzelt. Im Vergleich zu den Kasten sind unsere westlichen Schubladen der reinste Kindergeburtstag. In der Wiedergeburtslehre ist man nämlich selbst verantwortlich für sein Schicksal. Da hilft kein Jammern auf hohem Niveau, Saftschubse ist Saftschubse. Sie wird nichts besseres verdient haben und vom Inder, der es zu ein klein wenig Wohlstand gebracht hat, auch entsprechend behandelt. Ein indischer Passagier sagte einst zur Kollegin (mit indischem Akzent zu lesen)"You know, in my country you are a servant", worauf sie geistesgegenwärtig erwiderte "You know, in my country you are a taxi driver."

Die indische(n) Sprache(n) kennt kein Bitte und Danke, was mir im Grunde herzlich egal sein könnte, denn ich spreche nicht indisch, sondern englisch mit meinen Gästen. Das dahinterstehende Prinzip ist vielen Indern genausowenig geläufig, wie die englische Übersetzung der beiden Worte. Kann man jetzt drüber hinwegsehen, ist allerdings schwer, wenn in Kombination mit Satzbau und Sprachmelodie aus jeder Bitte eine Forderung wird. Beliebtester Satz während des Einsteigevorganges: "Give me water!" Sollte man sich jetzt zur Frage "what's the magic word?" hinreißen lassen, darf man als Antwort nicht viel mehr als ein "move!" erwarten. So beginnt man wohl oder übel den Hindernislauf, springt über Koffer und Plastiktüten, die die Gänge verstopfen und quetscht sich an unförmigen Menschen vorbei zur nächstgelegenen Wasserstelle. Dort füllt man einen Becher, bemüht sich, auf dem Weg nichts von dem kostbaren Naß zu verschütten, verteidigt es gegen neidvolle Blicke anderer Passagiere und präsentiert ihn stolz dem Auftraggeber. Nach drei Schlücken streckt der ihn mit angewidertem Blick von sich und dem nächsten Kollegen entgegen, als würde es sich um Gift handeln.

In Indien ist es üblich, einem Gast bei dessen Ankunft Wasser zu reichen. Im Grunde eine nette Geste, nur nicht ganz so auf das heutige Transportwesen übertragbar. Auch Gastgeschenke sind sehr beliebt unter den Indern. Ein Gast, der einst lautstark "Give me compliments!" forderte, war nicht mit freundlichen Bemerkungen über seine Person zufriedenzustellen, sondern nur durch eine kleine Pralinenschachtel mit dem Aufdruch "with compliments". Manches Handgepäcksstück ist nach dem Flug schwerer als vorher, denn es gibt viele Kleinigkeiten, die man umsonst bekommt und die man - wer weiß - sicher irgendwann dringend benötigt.

"I want a whiskey"
"Sure Sir, on the rocks or with soda?"
"Pure."


Wir befinden uns in der Zeit zwischen dem 1. und 2.Service, auch 'Wache' genannt. Während die meisten Passagiere schlafen, den Film verfolgen oder sich anderweitig beschäftigen, beschäftigen sich indische Passagiere gerne mit dem Getränkesortiment. Ich laufe durch die gesamte Kabine, memoriere drei weitere Getränkewünsche auf meinem Weg nach hinten und bringe alles auf einem Tablett nach vorne, die nächsten drei Bestellungen annehmend.

"What is that?"
"That is your whiskey, Sir."
"I wanted it with Soda."


Von den letzten drei Auftraggebern haben sich zwei ebenfalls umentschieden. Alles retour, stets offen für neue Wünsche. So geht das in einem fort. Indienflüge sind der reinste Marathonlauf. Das kleine Licht der Passagierrufe erlischt niemals. Aufenthalte in den Bordküchen transformieren zu Boxenstopps, rechts rein, tanken, links raus. Und wenn endlich alle Sonderwünsche erfüllt sind, ist der Flug auch schon vorbei.

Dass sich Smitty, die indische Kollegin mit dem stummen 'r' und ohne 'y', gelegentlich ebenfalls über ihre Landsleute beklagt, wirkt in diesem Zusammenhang beruhigend. Und alle Inder sind ja auch nicht so. Im Gegenteil, auf dem vergangenen Flug hörte ich erstaunlich oft Bitte und Danke, sammelte viele leere Becher ein und hatte keine unzufriedenen Gästen zu beschwichtigen. Das mag an meinem exzessiven Lächeln gelegen haben. Eine etwa grenzwertige Aussage in Kombination mit stetigem Lächeln, lässt den Inder glauben, es handele sich um eine besonders trockene Form britischen Humors. Man kann ihm vieles vorwerfen, dem Inder an sich, aber zimperlich ist er nicht.

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Sonntag, 16. September 2007
A room with a view (17)


Delhi

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Freitag, 14. September 2007
The beautiful people
Gelegentlich - so einmal im Jahr - stellen Leser dieses Blogs Fragen rund ums Fliegen, die ich dann zu beantworten versuche.

Monika fragt beispielsweise:
... da kam bei mir stets die Frage auf, wie das Flugpersonal es schafft, nach 12 Stunden oder mehr immer so auszusehen, als ob es gerade frisch geduscht und gekleidet aus dem Bad kommt.

Tja Monika, das ist eine gute Frage, die ich mir auch manchmal stelle. Wieso sehen Schauspieler immer so toll aus, wenn sie gerade aufwachen? Im Zweifelsfalle ist das auf das Bemühen der Maskenbildnerin zurückzuführen. Bei uns ist das ähnlich. Nach wenigen Stunden krümelt der Lippenstift, die Haut saugt das letzte Restchen Feuchtigkeit mitsamt Farbe ein und die Haare sind elektrisiert. Da hilft nur ab in die Maske. Leider wird die Zeit zum Nachmalen von der Pause abgezogen. Ich zähle mich eher zu den Minimalisten unter den Künstlern, weswegen mir ein wenig Lippenstift, etwas Rouge und ein ordentlicher Lidstrich genügen. Haare werden mit angefeuchteten Händen gebändigt und die Uniform ist weitgehend knitterfrei. Wie es allerdings in mir drin aussieht, steht auf einem ganz anderen Blatt. Aber das sieht ja keiner.

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Freitag, 14. September 2007
Singing in the shower
Erstmal duschen. Mit diesem Gedanken fängt jeder Tag an. Leider bleibt es an manchen Tagen beim Gedanken. Am Ende hat man das Haus nicht verlassen, weil ohne Dusche kann man keine frischen Sachen anziehen und ohne frische Sachen kann man nicht unter die Leute. Stattdessen macht man ständig irgendwas anderes, um das Duschen vor sich herzuschieben. Kaffee trinken zum Beispiel oder Löcher in die Luft starren. Wenn nach der dritten Tasse die Vernunft einsetzt und die Luft wie ein Nudelsieb im Zimmer wabert, kann man Lüften. Und wenn man lüftet, kann man sich danach unmöglich sofort umziehen, weil ungeduschte Haut sich nicht mit frischer Luft verträgt. So löchert man weiter neue Luft und stoffwechselt vor sich hin. Dabei funktioniert nicht mal das ordentlich ohne externe Hilfe. Das nehme ich meiner Schilddrüse echt übel.

Die Arme sind viel zu schwach, um ein Buch zu halten, exzessive Bewegung ganz schlecht und Haare wachsen lassen kann auch ziemlich anstrengend sein. Im Grunde würde man jetzt gerne mit einer Yukkapalme verschmelzen, wenn da nicht so viel zu tun wäre. Das Geschirr stapelt sich und der Bügelwäscheberg wird von alleine auch nicht kleiner, der Kühlschrank genauso leer wie das Hirn. Tausend Kleinigkeiten hat man sich vorgenommen, von denen keine einzige erledigt wird, wenn man nicht endlich duscht.

Irgendwann ist es Abend. Man verschiebt das Duschen auf den nächsten Tag und ist froh, dass niemand fragt, was man denn heute so gemacht hat. Wie sollte man jemandem klar machen, dass man an einer fehlenden Dusche gescheitert ist? Sogar zwei Tage in Folge. In meiner alten Wohnung hatte ich noch eine gute Ausrede. Da wurde gelegentlich das Wasser ohne Vorwarnung abgestellt. Ein morgendliches Glucksen in der Leitung ließ mich jedes Mal so schnell aus dem Bett springen, wie ich es zuvor nie für möglich gehalten hätte, nur um noch einige Tropfen für Tee und Toilette zu erhaschen. Die Zeiten sind zum Glück vorbei, Wasser permanent vorhanden und dennoch brauche ich manchmal die Überredungskünste der Mutter eines Kleinkindes bei Bettzeit, um mich endlich unter den Wasserstrahl zu stellen.

Und morgen wird erst mal geduscht. Gleich als allererstes.

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A sparkling glare
So schreibt Missm.:

Sienna Miller leuchtet, als hätte sie eine Wunderkerze in ihrem Inneren

Mir geht's da ähnlich, mal ganz abgesehen davon, dass sich mein Gehirn gerade in einer Art ektothermen Kältestarre befinde. Müsste ich vom Schreiben leben, würde ich glatt abnehmen verhungern.

Und ihr so?

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Mittwoch, 12. September 2007
... the 21st night of September
September ist so ein Larifarimonat. Nix Ganzes und nix Halbes. Kein Sommer und kein Herbst. Der kleine Bruder vom April. Hätte ich Wetten abgeschlossen, ich hätte sie haushoch verloren. Ein Scheißdreck von einem goldenen Herbst. September kann mir dieses Jahr gestohlen bleiben.

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Do you remember?
Hallo, hier ist Klaus!* Wir haben Ewigkeiten nix mehr voneinander gehört aber wenn du mich mal unter ... anrufst, würde ich mich freuen. Ciao

Hallo Klaus, wenn du mir jetzt noch verrätst in welchem Jahrhundert wir gevögelt haben woher du meine Nummer hast, würde das meinem Gedächtnis vielleicht auf die Sprünge helfen.

*Klaus? wtf... wenn das so weitergeht, muss ich bald eine Pflegestufe beantragen.

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Dienstag, 11. September 2007
...
Seit dem Beitrag von Frau Kaltmamsell über das Bestatterweblog lese ich dort interessiert - auch in früheren Einträgen - ohne geahnt zu haben, wie schnell ich die Informationen selbst benötigen würde. Durch das Blog sensibilisiert, hatte ich heute die traurige Gelegenheit, mir ein Bild über einen kleinen Ausschnitt der Berufspraxis zu machen. Ich muss sagen, ich habe größte Hochachtung, sowohl vor dem Beruf im Allgemeinen, als auch dem abgeordneten Kollegen des Herrn Bestatters gewonnen.

Nicht nur zog er völlig unaufdringlich alle Fäden der Organisation, er strahlte auch in jedem Augenblick Seriosität und angemessene Ruhe aus. Ein Profi auf ganzer Linie aus dem Hause eines kleinen Familienunternehmens. Sowas kann man nicht lernen, das hat einer oder auch nicht. In jener Stunde war ich wirklich aus tiefstem Herzen dankbar, dass es solche Menschen gibt.

Mein ganz besonderer Dank geht auch an den Herrn Bestatter, der mich in seinem Blog und auf spezielle Anfrage mit hilfreichen Informationen im Vorfeld versorgte.

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Mittwoch, 5. September 2007
Soliloquy
Du wirst vom Läuten geweckt. "Sie ist vor 10 Minuten gestorben" sagt die Stimme am Telefon. Alles was du denken kannst, ist, was du gerade geträumt hast. Dann stehst du auf. Du schaust auf die Straße. Autos fahren vorbei, Leute laufen die Gehwege entlang. Es regnet. Ein Tag wie jeder andere.

Du gehst in die Küche und machst dir einen Tee. Jemand ist gestorben. An einem ganz normalen Wochentag. Täglich sterben Menschen auf der ganzen Welt. Ihre Zeit ist abgelaufen. Du denkst an deine eigene Endlichkeit.

In etwas mehr als zwei Wochen wäre sie 85 geworden. Der Anruf kam nicht überraschend. Sie war lange Zeit krank. Jetzt ist sie erlöst. Vielleicht ist das aber auch nur eine Phrase, mit der sich die Zurückgebliebenen trösten. Wer weiß schon, was danach kommt?

Du hast oft über den Tod nachgedacht, auch über deinen eigenen. Trotzdem trifft dich die Vorstellung mit einer Wucht, die dich schwanken lässt. Deine Beine werden schwach. Du setzt dich an den Tisch. Kann man jemals vorbereitet sein?

Die Tasse steht vor dir. Noch ist sie voll. Bald wird sie halbleer sein. Schönrederei ist jetzt nicht dein Ding. Irgendwann wirst du sie ausgetrunken haben. Und während du Tee trinkst, läuft deine Zeit ab. Einfach so. Du kannst nichts dagegen tun. Du kannst sie nicht beschleunigen.

Du fühlst dich eigenartig. Nicht richtig traurig, eher melancholisch und ein wenig ängstlich. Wie geht es jetzt weiter? Du kannst nicht einfach Urlaub nehmen. Ob dir ein freier Tag für die Beerdigung zusteht, weißt du nicht. Du liest in den Dienstvorschriften, findest aber nichts. In Kürze hast du einen Langstreckenflug, den du wirklich gerne antreten würdest. Heute Abend hast du was vor. Dein Gehirn tickt weiter, als ob nichts gewesen wäre.

Was ist pietätlos und wer ausser dir kann über dich urteilen? Du selbst bist dein schärfster Richter. Du glaubst nicht an Schuld und Sühne, an Fegefeuer und ein Leben danach. Zumindest nicht in vorstellbarer Form. An was du aber glaubst, ist dein Gewissen. Du kennst die Selbstvorwürfe in schlaflosen Nächten nur zu gut.

Langsam solltest du duschen. Jeden Augenblick deines Lebens läuft die Zeit. Sie peitscht dich durch den Tag, den Monat, das Jahr wie ein erbarmungsloser Zuchtmeister. Deine Zeit läuft ab. Du merkst es nur, wenn du stehenbleibst, atmest und dich umsiehst. Du merkst es, wenn sie für einen anderen abgelaufen ist.

Plötzlich werden deine Augen feucht. Du wehrst dich nicht. Durch die schwersten Situationen geht man im Leben alleine. Keiner kann sie dir abnehmen. Du weißt das. Vielleicht sind sie gerade deswegen so schwer. Der Tod ist die letzte schwere Situation, durch die jeder alleine gehen muss. Diese Art Alleinsein macht dir Angst.

Du merkst, wie wenig du über andere weißt. Du kennst nur deine Gedanken, deine Gefühle, dein Leben. Du weißt nur, wie sich etwas für dich anfühlt. Natürlich kannst du ahnen, was in einem anderen Menschen vorgeht. Du kannst dir vorstellen, wie er etwas erlebt. Aber sicher kannst du dir nicht sein. Und keiner kennt dich so gut wie du selbst.

Wenn du den Atem anhältst, kannst du deinen Herzschlag hören. Das Herz schlägt immer weiter. Einfach so. Bis nach einem Schlag keiner mehr folgt. Du weißt nie, welcher der letzte Schlag sein wird. Vielleicht ist es der nächste. Vielleicht folgen noch viele tausend Schläge. Jeder einzelne davon bedeutet Leben. Und du nimmst dir vor, in Zukunft noch genauer hinzuhören, wenn ein anderer den Atem anhält.

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Pleased to meet you
Das schöne an Blogs ist die Tatsache, dass da echte Menschen dahinterstecken. Wenn ich brilliante, geistreiche, anrührende, humorvolle und beknienswerte Texte anderer Blogger lese, stelle ich mir die Menschen dahinter immer brilliant, geistreich, humorvoll und beknienswert schön vor. Solche Menschen will ich dann auch persönlich treffen. Mein Arbeitgeber schickt mich in fremde Städte, in denen diese Menschen wohnen. Was liegt da näher, als Hobby mit Beruf zu verbinden? Ich nenne es Bloggertourismus, wenn ich in Hamburg mit Herrn Kid ins Glas philosophiere oder auf einen Sprung beim Opa vorbei schaue. Leider will sich mit mir niemand in Tokio, New York oder Shanghai treffen, und selbst die deutschen Städte sind noch längst nicht alle abgedeckt.

In Köln wohnt Frau Applebum, die ich am Wochenende ganz kurz vor ihrem täglichen Training im Studio besuche. Meine Zeit lässt keinen gemeinsamen Kaffee mehr zu, aber immerhin kann ich einen kurzen Blick auf anmutige Profibewegungen erhaschen. Dann musst ich zurück ins Hotel, vor dem sich an diesem Tag eine riesige Menschentraube versammelt hat. Nervös kichernde Teenies, gestylte Jungs, einige Bierbauchschieber, dazwischen ein paar Mütter mit ihren Sprößlingen. Was aussieht wie die Kreuzung aus Fans von Tokio Hotel und den Wildecker Herzbuben, entpuppt sich als Castingteilnehmer für DSDS. Ihr gemeinsamer Traum ist es, einmal vor versammelter Mannschaft von Bohlen verhöhnt zu werden. Anders kann ich es mir nicht erklären. "Alles Loser" bemerkt der Kollege mehrmals gut hörbar beim Verlassen des Hotels. In der Tat klingt seine Kostprobe vom kleinen grünen Kaktus in der Lobby sehr apart [die Trolleydollys wurden leider so kurzfristig nicht zum Casting zugelassen] und allemal besser als das, was sich hinter verschlossener Türe im sechsten Stock abspielt. Auf diesem Stockwerk befindet sich zufällig auch mein Zimmer. So werde ich unfreiwillig Zeuge, wie die nichtssagenden Schäfchen einzeln zum Schafott geführt werden. "Was sind denn deine Hobbies?" fragt die Assistentin einen der Teilnehmer auf dem Weg. "Fußball und Fahrrad" antwortet er leise. "Und sonst?" Langes Schweigen. Ob er seine Stimme kurz darauf wiedergefunden hat, erfahre ich nicht mehr. Einen Kameraassistenten treffe ich zufällig im Lift, der sich nur bei gültiger Zimmerkarte, nämlich meiner, in Bewegung setzt. In einem kurzen Gespräch erfahre ich, dass diese Art Sendungen nicht nur für mich der Alptraum schlechthin sind. Wenigstens wird er dafür bezahlt. Alle anderen bezahlen an die GEZ.

"Wenigstens haste was zum bloggen" meint Frau Applebum zum Schluß. Muss man ja auch für dankbar sein. Nächstes Mal habe ich hoffentlich mehr Zeit. Vielleicht sogar für ein Training. In der offenen Ballettstunde hätte ich mir sogar zugetraut mitzumachen. Dann aber nicht gerade neben Frau Applebum, denn da käme ich mir eher vor wie ein Duplikat der Wildecker Herzbuben beim Casting zu DSDS.

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Freitag, 31. August 2007
Let's get lost
Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass all meine Ratschläge auf persönlichen Erfahrungen basieren? Nein? Nun, all meine Ratschläge basieren auf persönlichen Erfahrungen. Die letzte Erfahrung ist noch ziemlich frisch.

Nach einem langen, anstrengenden Flug und einem kurzen, nicht minder anstrengenden Kleiderwechsel (remember: nach Langstreckenflügen passen nur Stretchhosen oder Umstandskleidung) stehe ich wieder in der Hotellobby. Ich bin das erste Mal in Denver im Layover. Der denvererprobte Kollege kennt sich aus und darüber hinaus noch einen Buchladen ganz in der Nähe. Auf meiner Liste steht EIN ganz bestimmtes Buch, ein Geschenk für eine Freundin. Wir schlagen den Weg Richtung Shoppingmall ein. Fünf Stunden, fünf Bücher, ein Paar Laufschuhe und zwei Wasserblasen später erreiche ich völlig erschöpft den Hoteleingang. Der Kollege sitzt davor auf dem Raucherbänkchen (nur Nichtraucherzimmer) und grinst mich an. "Wo kommst Du denn jetzt her?" Das wüsste ich auch nur zu gerne. Was ist passiert?

Während wir die Straßen entlanglaufen, entspinnt sich ein Gespräch mittleren Anforderungsgrades. Irgendwann erreichen wir den Buchladen, wo sich unsere Wege trennen. Ich versacke langsam aber sicher zwischen den Regalen 'fiction' und 'self-improvement'. Die drei Bücher, die ich während der ersten zehn Minuten meines Aufenthaltes unter den Arm klemme, liegen eine Stunde später vor mir auf dem Tisch, an dem ich lesend sitze. Zwei Stunden später schleppe ich den Stapel an die Kasse (Abteilung 'self-discipline') und zahle. Der Kassierer fragt, ob ich eine Mitgliedskarte möchte. Ich möchte lieber keine, die kostet nämlich 10$ und würde mein Schwabengen zu einem weiteren Rundgang zwingen. Nebenbei lässt er eine Bemerkung über den Titel eines meiner Bücher fallen ('how to dance forever' oh that's a wonderful title, I'd like to play tennis forever - I have a hint for you: tape it on video, haha! Wie wir von hier allerdings zum Kuhmist kamen, den sich alle von Haarausfall betroffenen Männer auf den Kopf schmieren würden falls es hülfe [sic!], kann ich nicht mehr genau nachvollziehen). Mission mehr als beendet, Rückzug empfohlen.

Auf dem Rückweg komme ich am Laden eines Markenhändlers für Sportartikel vorbei. Wollte ich nicht schon immer mal Laufschuhe? Nicht dass ich Laufen würde, aber wenn ich solche Schuhe hätte, könnte ich damit ja anfangen. Life's all about possibilities. Und ich denke noch 'Frau Klugscheisser' denke ich, 'geh' da jetzt nicht rein!' Da sitze ich schon im zweiten Stock mit einem nagelneuen Laufschuh am rechten und einem ausgelatschten Treter am linken Fuß. 'Kann ich ja wenigstens mal anprobieren' denke ich, denn das Geld reicht höchstens noch für einen Schuh. Denke ich. Die Verkäuferin schaut betreten weg als ich es zähle. Dann bringt sie den zweiten. Auf einem kann man nicht stehen. Sie lacht verunsichert über meine Ausführungen, wie ungemein häßlich ich Laufschuhe im Allgemeinen finde, und ziemlich erleichtert, als ich nach der dritten Runde auf der Treppe nach unten winkend verschwinde. Sie winkt nicht zurück. Einer ihrer Arme deutet ausgestreckt Richtung Treppe, während der andere die Puppe umklammert, die ich auf der zweiten Runde anstieß.

Die Fußgängerzone in Denver heißt 16th Street shopping mall und sieht genauso aus wie die Königsstraße in Stuttgart. Nur fährt in Stuttgart kein Bus durch. Sonst wär's ja auch keine Fußgängerzone. Denke ich noch, bevor ich unter wütendem Hupen zur Seite springe. An der dritten Kreuzung weiß ich nicht mehr genau wo ich bin bzw. ob ich hier überhaupt schon mal war. Normalerweise merke ich mir einen Laden an der Ecke oder ein Straßenschild beim Hinweg. Hab' ich beim Tauchen gelernt. Zu Beginn immer eine Besonderheit unter Wasser merken. Normalerweise halte ich aber auch keine hochtrabenden Selbstgespräche. Die Straßennamen habe ich nie zuvor gehört. In meiner Tasche befinden sich Kärtchen mit Hoteladressen von Sao Paulo, Shanghai und eine Straßenkarte von San Francisco, ein U-Bahn Plan von Tokio und ein altes Ticket von der New Yorker Subway, kein Plan von Denver, keine Hoteladresse von Denver, nichts. Ich beschließe, solange zu laufen, bis mir etwas bekannt vorkommt. An der nächsten Ecke erkenne ich ein Café und biege rechts ab.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass Schnellimbißketten und Starbucks überall auf der Welt gleich aussehen? Nicht? Nun, alle Starbucks- und Schnellimbißketten sehen überall auf der Welt ziemlich gleich aus. Das nennt man Wiedererkennungswert. 'Kein Problem', denke ich 'kann ja jemanden fragen'. Denke ich. Bis mir klar wird, dass ich nicht mal weiß, in welchem Hotel ich mich so schnell umgezogen habe. Das aufkommende Gefühl der Panik bekämpfen, indem man sich auf Handlungsoptionen besinnt. Hab' ich beim Tauchen gelernt. Keine Adresse, keine Orientierung, kein Geld, keine Ahnung. Jetzt ruhig atmen und immer in Bewegung bleiben. Das ist die einzige Option, die mir einfällt.

Als ich den breit grinsenden Kollegen erkenne, bin ich ziemlich erleichtert. Und ziemlich kaputt. Genau genommen bin ich seine Vorgesetzte. 'Och, ich habe einen ausgiebigen Spaziergang gemacht, damit ich gut schlafen kann' denke ich auf seine Frage. In einer Führungsposition sollte man Fehler nicht ohne weiteres zugeben. Das reduziert Vertrauen. Hab' ich beim Tauchen gelernt. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich den Job als Tauchlehrer geschmissen habe? Nicht? Nun, der Tauchlehrerjob ist passé. Und Pfadfinder wollte ich sowieso nie werden. Mannmannmann, lost in einer rechtwinkeligen Stadt. Die Sache mit dem A380 könnte für mich zur echten Herausforderung werden.

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Mittwoch, 29. August 2007
The bright lights of Denver


Amerika ist - mit Ausnahme von New York, aber diese Stadt ist sowieso die Mutter aller amerikanischen Ausnahmen - nicht zum Laufen konzipiert. Die Wege sind lang und das Fleisch schwach. Wenn Amerika eines im Überfluß hat, dann ist es Fläche. Besonders flach scheint mir die Gegend um den flächenmäßig größten Flughafen der Welt, Denver Airport, zu sein. Wer aus Niedersachsen kommt, fühlt sich hier sicher schnell heimisch. Alle anderen starren in den Horizont, um irgendwo eine Erhebung zu entdecken.
Den Indianern scheint es hier ebenfalls gut gefallen zu haben. Entlang der Terminalwände hängen Portraits von Indianerhäuptlingen der unterschiedlichen Stämme und aus den Lautsprechern im Flughafengebäude klingt indianische Hintergrundmusik. Vermutlich fliegen Indianer aber nicht mehr so gerne seit man Tomahawks bei der Sicherheitskontrolle abgeben muss. Gesehen habe ich jedenfalls keinen.

Damit wären wir auch schon bei einem wesentlichen Punkt angelangt. Das Wichtigste an Denver ist der Flughafen. Kein Schwein wüsste etwas über die Stadt, wäre sie nicht in den Achzigern durch die Serie Denver-Clan zu zweifelhaftem Ruhm gelangt. Eine ganze Teeniegeneration spaltete sich damals in Denver- oder Dallasfans. Denver war für mich Krystle und Blake Carrington, Alexis, Steven und Fallon, war fulminante Fönfrisuren und Wangenimplantate, monströse Schulterpolster und schluchtenartige V-Ausschnitte. In Denver waren die Guten blond und die Bösen dunkelhaarig. Denver war die Erfindung von Catfights, machte Spätgebären populär und Intrigen salonfähig. Mit meiner damaligen Freundin spielte ich imaginäre Folgen oder auch gesendete nach. Sie war blond und trug ihr Pony nach außen geföhnt, weswegen sie automatisch die integere Krystle war. Ich war die labile Claudia Blaisdel, hatte dafür aber den jüngeren, attraktiveren Kerl an meiner Seite (über die Liaison mit Steven möchte ich an dieser Stelle lieber schweigen). Manchmal frage ich mich, wieviel von damals mein späteres Leben prägte.

In genau dieser Zeit war ich das erste Mal in Denver und damit der Star bei meinen Klassenkameradinnen. Dabei hatte ich nicht sonderlich viel zu erzählen. Und auch zwanzig Jahre später hat sich nicht viel geändert. Denver ist fad. Vielleicht war das der Grund, warum 'Denver-Clan' nicht in Denver gedreht wurde. Nächstes Mal fliege ich lieber nach Dallas.

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Dienstag, 28. August 2007
Easy
Werbung im amerikanischen Fernsehen ist selten unterhaltsam. Hier eine Ausnahme:



und hier einer der zahlreichen Folgespots.

[ganz alter Hut, trotzdem immer wieder gerne gesehen]

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