Freitag, 9. November 2007
Ain't no mountain high enough


mehr davon in den Kommentaren...

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Donnerstag, 8. November 2007
Sätze, die man sofort bloggen muss (31)
Die Frage "Na, wie war ich?" erübrigt sich, weil man das sowieso am nächsten Tag im entsprechenden Blog nachlesen kann.

Die richtige Lösung lautet: was ist Web2.0?

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Mittwoch, 7. November 2007
Ha ha said the clown
"Weißt du, wenn ich vor dem Tanzen etwas trinke, muss ich immer Pipi." Ursprünglich war ich mit ihr zum Kaffee verabredet, doch daraus wird heute nichts. Dabei hätte ich noch so viele Fragen. So treffen wir uns eben eine Stunde später zu gewohnter Zeit in der Tanzschule. Ihr Mann bringt sie jeden Tag hin und holt sie wieder ab, meistens mit einer Harley, bei Regen in einem Mercedeskombi mit dem Emblem des Zirkus Krone auf der Fahrertüre. Als ich nachfrage, erzählt sie mir ihre Geschichte.

Svetlana ist auf der Ballettschule in St. Petersburg und blutjung als der Anruf einer Freundin kommt. "Komm nach Moskau, wir brauchen dich hier." Der Russische Staatszirkus sucht zeitweise Ersatz für eine verletzte Artistin. Kurze Zeit später balanciert die zierliche Person auf riesigen Elefantenköpfen, macht Spagat zwischen Rüsseln und dreht Pirouetten im Sägemehl statt auf glatten Parkettböden. Am Ende gefällt es ihr so gut, dass sie bleibt. Der Zirkus wird für sie Familienersatz, Heimat und Abenteuer zugleich.

Auf einer Tournee in Ungarn trifft sie Bobby - einen österreichischen Gastartisten - und seine Schimpansen. Die beiden freunden sich an. Doch dann lernt sie die Schattenseiten des damaligen Regimes kennen. Ausgang nur in größeren Gruppen und unter Aufsicht eines Beauftragten der Staatssicherheit, keine persönlichen Kontakte zu Angehörigen anderer Nationalitäten. Svetlana und Bobby werden mißtrauisch beobachtet. Trotzdem fasst sie sich eines Tages ein Herz und spricht mit der Zirkusdirektorin. "Du kannst jederzeit zurückkommen", sagt diese am Ende und entlässt Svetlana in eine unsichere Zukunft. Für offizielle Seite ist die Artistin auf unbestimmte Zeit erkrankt. Man wird Ersatz aus St. Petersburg anfordern müssen.

In Österreich ist sie nicht sehr willkommen. Zunächst beantragt sie eine Aufenthaltsgenehmigung, die immer wieder verlängert werden muss. Man rät ihr, mit ihrem neugeborenen Sohn auf keinen Fall russisch zu sprechen. Selbst nach fünf Jahren im Land und einer Ehe mit einem österreichischen Staatsangehörigen will man ihr immer noch keinen Paß ausstellen. Wieder fasst sie sich ein Herz und spricht im Konsulat vor. Der Botschafter meint, sie könne mit etwas körperlicher Zuwendung den Vorgang sicherlich beschleunigen. Beim nächsten Termin wird sie von Bobby begleitet. Mit zittrigen Händen strecken sie dem Herrn ihren Antrag und das Kuvert mit den Geldscheinen entgegen. Es ist viel Geld. So viel, dass der Botschafter auf die körperliche Zuwendung zugunsten der Scheine verzichtet.

"Und dann?"
"Dann habe ich meinen Pass bekommen", sagt sie und lächelt dabei stolz. Selbst nach so vielen Jahren zittert ihre Stimme, als sie dieses Erlebnis erzählt. Über das Angebot der Zirkusdirektorin habe sie nie ernsthaft nachgedacht. "Wer weiß, was passiert wäre, wenn ich zurückgegangen wäre." Beide Eltern sind früh verstorben, Geschwister, die nach ihrer Flucht den Repressalien des Staates ausgesetzt gewesen wären, hat sie keine. Auch ihre neue Familie ist eine mit langer Zirkustradition. Die Ansässigen leben gemeinsam unter einem Dach, alle anderen reisen in Wohnanhängern durch die Welt.

Ich würde gerne noch viel mehr erfahren, doch das Knattern des Harleymotors kündigt das Ende unseres Gespräches an. "Wenn du möchtest, dann komm' uns im Zirkus besuchen. Mein Mann kann dir dort alles zeigen." Sie schlüpft in den Helm, steigt auf die Maschine und winkt zum Abschied. Ich stehe verloren mit meinem Fahrrad in der Einfahrt und lasse ihre Geschichte auf mich wirken. Eine Geschichte wie sie sicherlich viele damals erlebten und doch eine, die mich merkwürdig berührt. Die Einladung werde ich mir jedenfalls nicht entgehen lassen.

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Sonntag, 4. November 2007
Sätze, die man sofort bloggen muss (30)
Und als Blacky Fuchsberger das Flugzeug betritt denke ich noch: "Sieht wirklich gut aus für sein Alter, der Jopie Heesters."

Zum Glück nur gedacht, nicht ausgesprochen wie etwa
damals
. Im Übrigen ein wirklich reizender Herr und Gentleman der alten Schule.

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Mittwoch, 31. Oktober 2007
Taste of India
Hinter mir liegt ein Nachtflug und die Augen wehren sich noch gegen die Sonne. Trotzdem starre ich angestrengt aus dem Bus. Manches von dem, was ich sehe, möchte ich in Bildern festhalten. Bunte wehende Saris der Frauen, die auf Mopeds und Fahrrädern hinten elegant im Damensitz balancieren. Alte englische Taxis, die in vier Reihen nebeneinander auf einer dreispurigen Straße fahren. Schulkinder, eingepfercht in schrottreife Fahrzeuge. Kühe, die den Mittelstreifen nach letzten Grashalmen absuchen. Doch da ist auch immer wieder diese Armut, die mich innehalten läßt. Menschen, die mit einem Stück Wellpappe bedeckt am Straßenrand schlafen. Bettelnde Kinder und Alte, mit nichts als ihrer Kleidung am Körper. Selbst ein Stück Pappe bedeutet hier schon Reichtum. Langsam steigt Übelkeit in mir auf. Ich lasse das Fotohandy sinken. Den Blick kann ich nicht abwenden. Wie ein Film zieht die Kulisse im fahrenden Bus an mir vorbei. Könnte ich doch nur behaupten, es wäre nicht wirklich.



Da fällt mein Blick auf einen handbemalten Wassertankwagen. Wer wird sich diesen Service leisten können? Die Armen trinken aus Kloaken. Reiche haben ihr eigenes Wassersystem. 'Horn please' lese ich auf der Rückseite des Tanks. Ob das nun bedeutet, man hupt, will man den Service in Anspruch nehmen oder um zu überholen, kann ich beim Vorbeifahren nicht genau erkennen. Gehupt wird sowieso andauernd. Eine Hupe ersetzt hier oft den fehlenden Blinker. Man hupt vorsorglich aber zu jeder erdenklichen Gelegenheit. Hupen als Kommunikationssurrogat.



Der Bus hält vor einem Luxushotel. Eine dreispurige Straße trennt das Märchenland vom Elend der Wirklichkeit. Beim Überqueren folgen uns bettelnde Kinder. Sie strecken uns die staubigen kleinen Hände entgegen und weichen nicht von unserer Seite. Am liebsten würde ich ihnen alles geben was ich habe, tu es aber dann doch nicht. Stattdessen schließe ich die Augen. Das Geräusch der nackten Füße begleitet uns durch die Unterführung. Sie lassen sich genauso wenig abschütteln wie die Bilder in meinem Kopf. Beissender Uringeruch steigt mir in die Nase. Die Behauptung Indien rieche nach Gewürzen, ist olfaktorisches Wunschdenken. An jeder Straßenecke häuft sich Abfall, daneben schlafende Menschen.

Wir sind auf dem Weg zum Schneider, der Lederbekleidung anfertigt. Die Kolleginnen haben es eilig, denn danach steht eine Massage, eine Maniküre und eine Pediküre auf dem Programm. Der Gebäudekomplex besteht aus vielen kleinen Läden, in denen Händler ihr Handwerk anbieten. Man hat bereits in den frühen Morgenstunden geöffnet, denn die Kundschaft - allesamt Angestellte diverser Luftfahrtunternehmen, die im Hotel gegenüber nächtigen - bleibt jeweils nur einen Tag. So begrüßt uns ein dunkler Inder mit Turban vor seinem Laden und führt uns in ein kleines Hinterzimmer. Das Leder türmt sich um eine abgewetzte Couch, auf der wir Platz nehmen. Jede trägt nacheinander ihre Wünsche vor, sucht passendes Leder aus, wird vermessen und handelt schließlich einen Preis aus. Alle Einwände und Zweifel schmettert der Geschäftsmann mit den Worten 'I make quality' ab. Schließlich wolle er, dass seine Kunden wiederkommen. Dann deutet er auf die Wand mit Fotos von fröhlich grinsenden Kolleginnen. Sie alle seien mit den Anfertigungen zufrieden gewesen.

Beim Verlassen des Ladens schlägt mir wieder dieser Geruch von Elend und Verwesung entgegen. Ich flüchte schnell in meine kleine Oase über die Straße. Ein schlechter Tag für die Bettler. Auch für die Kollegin ist heute ein schlechter Tag. Als wir uns am Pool die Sonne auf die Bäuche scheinen lassen, jammert sie, sie hätte keinen Massagetermin mehr bekommen. Ich weiß, dass auf der anderen Seite der Mauer Menschen am Straßenrand krepieren, während ein Bediensteter mit weißen Handschuhen Cocktails an unseren Liegen anreicht. Hunger beschehrt denen Magenkrämpfe, die auf der falschen Seite der Mauer sitzen, während die Kollegin mit einer leichten Verspannung in der Schulterpartie kämpft. Die Diskrepanz lässt mich schaudern. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr dreht sich alles in mir. Wieder schließe ich die Augen wie ein Kind, das sich auf diese Weise unsichtbar glaubt. Ich weiß, ich bin trotzdem da, am Pool, im Luxushotel. Ich gehöre zu den Privilegierten, deren größte Sorge der Zustand ihrer Fingernägel ist. Ich kann mich nicht wegdenken, nicht ausnehmen. Ich bin nicht besser als sie, die sich um eine verpasste Massage grämt und dennoch gehöre ich in diesem Land zu den besseren Leuten.

Abends liefert der Schneider die fertige Ware ins Hotel. Ohne Vorlage oder konkrete Angaben ist die Jacke wunderschön geworden. Ich bedanke mich in überschwänglichen Worten. Am liebsten würde ich diese Nacht darin schlafen. Das Leder verströmt einen eigenen Geruch im Zimmer. Ein typischer Ledergeruch, doch mich erinnert er zunehmend an Delhis Straßenränder. Als ich die Augen schließe sind sie wieder da, die bettelnden Kinder. Zottelig und in zerfetzter Kleidung hüpfen sie vor mir her. Ich zucke kurz, drehe mich zur anderen Seite und ziehe energisch die Decke über die Schulter. Die laufende Klimaanlage brummt mich in den Schlaf. Es ist der Schlaf der Ignoranten. Ein tiefer Schlaf hinter hohen Mauern im Märchenland, ein guter Schlaf.

Am nächsten Morgen bringt uns der Bus zurück zum Flughafen. Noch einmal sehe ich Menschen am Straßenrand liegen, andere Abfallhaufen nach Eßbarem durchstöbern und dürre Rinder gemächlich die Straßen überqueren. Ich sehe Menschen vor ihren fragilen Wellblechbehausungen sitzen und Kinder, die an Ampeln Plastikspielzeug aus ihren Tüten zücken und den Fahrzeuginsassen zum Verkauf anbieten. Ich weiß, ich bin bald zu Hause. Dann werde ich meinen Koffer auspacken, die Lederjacke aufhängen und mir Gedanken um den nächsten Dienstplan machen. Ich werde an Weihnachten denken und daran, dass ich keine Pläne für Silvester habe. Ich werde mir wieder Sorgen machen, wenn die Jeans kneift und darüber, dass mein Computer nicht so funktioniert wie er sollte. Nur manchmal werde ich beim Vorbeigehen an der Garderobe ein wenig schnuppern und mich an die Bilder erinnern, an die Eindrücke aus einem fernen Land, dessen Armut inzwischen ebenfalls in unwirkliche Ferne gerückt ist. Ich weiß, dass ich nicht besser bin aber manchmal wäre ich es gerne.

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Sonntag, 28. Oktober 2007
A room with a view (20)

Delhi

Hotelpool, gefüllt mit Wasser aus Leitungen, das man unter keinen Umständen trinken soll. Das Becken selbst ein Datingparadies für Chlorpartikel und Kolibakterien.


Das schlimmste am Fliegen ist nicht der Jetlag, wie so mancher meint, das Schlimmste sind die ständigen Klimaschwankungen. Während sich andere hierzulande bei sinkenden Temperaturen langsam an kommende Minusgrade gewöhnen, falle ich bei meiner Heimkehr regelmäßig in einen kälteschockartigen Zustand.

Das beginnt bereits beim Kofferpacken. Bei einstelligen Außentemperaturen kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sich 25°C anfühlen. Meistens packe ich zu warme Kleidung ein, manchmal zu leichte. Der Sommer - oder das, was man in der Jahresmitte gemeinhin so nennt - ist erst wenige Monate her und trotzdem hat mein Körper vergessen, wie es ist zu schwitzen. Das holt er dann binnen Sekunden in fernen Ländern nach.

Ich komme immer wieder zu dem Ergebnis, dass Fliegen der reinste Irrsinn ist.

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Sätze, die man sofort bloggen muss (29)
Wenn man Muskelkater an Stellen hat, wo wenig oder keine Muskeln sind, nennt man das Phantomschmerzen.

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Samstag, 27. Oktober 2007
Take the time out
Wenn ich auf einen Lichtschalter drücke, wird es normalerweise hell. Falls nicht, kann das nur zwei Gründe haben: entweder die Stromrechnung ist nicht bezahlt oder die Glühbirne ist hinüber. Warum kann ein Computer nicht genauso funktionieren? Ich hätte die letzten zwei Wochen gerne auf einen Schalter gedrückt und das Internet wird hell.

Man glaubt ja nicht, wieviel Zeit man damit verbringen kann, alle Birnchen durchzutesten. Wenn dann das letzte Haar gerauft und großes Chaos in Einstellungen und System herrscht, ziehe ich durchaus in Erwägung, einen zu fragen, der sich damit auskennt. Der probiert dann ein wenig herum, wundert sich über die merkwürdigen Einstellungen und das Chaos im System und sagt schließlich, dass dies und jenes hinüber sei. Weil er ein besorgtes Gesicht dabei macht und sehr viele Gerätschaften mitgebracht hat, glaube ich ihm. Haare hat er übrigens schon lange keine mehr.

Insgeheim hoffe ich aber jeden Morgen, dass die Verbindung wieder heil ist. Mir ist egal, ob Heinzelmännchen, Außerirdische oder eine besonders günstige kosmische Strahlung über Nacht am Werk waren, ich will einfach, dass alles wieder funktioniert. Sehr sogar. Im Akzeptieren war ich noch nie gut. Wenn mein Auto, meine Waschmaschine oder mein Computer nicht funktionieren, nehme ich das sehr persönlich. Erst bin ich beleidigt, dann werde ich grantig und schließlich depressiv. Leider kann mein Therapeut keine Autos reparieren. Aber reden können wir drüber. Stundenlang. Das ist der Grund, warum Automechaniker weniger verdienen als Therapeuten.

Vielleicht liegt es einfach an meinen Einstellungen. Persönliche Betroffenheit deaktivieren. Depression1.2 deinstallieren. Sind Sie sicher, dass Sie alle Komponenten von Depression1.2 entfernen wollen? So ein Jammermodus mit Außenbestätigung hat was für sich, im Bett bleiben spart Heizung und ist umweltschonend. Abbrechen. Irgendwas läuft in meinem Leben ganz falsch, wenn mich ein technisches Problem so aus der Bahn wirft. Während ich mich vorher mit Hilfe des Internets vom Alltag ablenke, lenke ich mich jetzt vom Internet durch Alltag ab.

Die zündende Idee hat der Mann vom Kundenservice. Ich kenne ihn nicht. Trotzdem telefonieren wir etwa eine halbe Stunde. Am Ende möchte ich ihn gerne heiraten. Er sagt, er sei schon liiert. Mir wird langsam klar, woher meine Verbindungsprobleme kommen. Meinem Therapeuten auch. Am nächsten Tag ist alles geregelt, alles funktioniert, alles paletti. Es geht mir gut, danke der Nachfrage. Ich hatte schlicht und ergreifend zu viel Alltag. Dagegen hilft am Besten ein (technisches) Problem.

Erstaunlich, dass trotz Funkstille so viele hier vorbeigesurft sind, wohl in der Hoffnung auf neue Beiträge. Ihr bekommt alle einen Treuebonus. Wer hundert Punkte gesammelt hat, kriegt von mir gratis die Software Getalife2.0. Und ich hab Euch trotzdem lieb.

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Donnerstag, 18. Oktober 2007
What you get is what you see
Ein déjà-vu jagt das nächste. Die (Wieder-)Entdeckung der Langsamkeit. Elsa hieß das Modem, das Kilobite für Kilobite durch die Drähte schaufelte, und war grün, das aber nur am Rande. Als vor Kurzem das viel schnellere Modem seinen Geist aushauchte, fanden sich noch Reminiszenzen von Elsa in irgendwelchen Systemdateien. Wir trennten uns vor etwa zwei Jahren. Danach verbrachte sie einsame Nächte in den Tiefen des Einbauschrankes. Kürzlich fiel sie mir wieder in die Hände und ich setzte sie am Straßenrand aus. Jemand muss sie noch in derselben Nacht adoptiert haben, denn am nächsten Morgen war sie verschwunden. Elsa war langsam, dafür umso zuverlässiger. Nicht so wie die jungen Dinger ohne Durchhaltevermögen. Mein Neuer heißt Fritz und hat sein Pulver schon nach wenigen Tagen verschossen. Jetzt weigert er sich, Bilder und Metaphern durch den Äther zu leiten. Ganze Seiten lädt er nur noch mit viel Zureden und Bestätigung. Ein Ende der Rekonvaleszenz ist nicht in Sicht. Fritz ist schuld, wenn hier in geraumer Zeit nichts Neues erscheint. Alte Schnarchnase!
CHRRRRRRRrrrrrrrzzzzzzzzz...

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Mittwoch, 10. Oktober 2007
Wer, wie was?
Auf dem Heimflug, den wir in Uniform zwischen den Passagieren sitzend antreten, neben mir ein achtjähriger Junge auf dem Weg von einem Elternteil zum anderen. Normalerweise stelle ich mich 'tot', um Gesprächen mit Umsitzenden zu entgehen und auch das Kindchenschema animiert nicht zwingend mein Fürsorgegen. Ganz entgegen meiner Gewohnheiten bekämpfe ich die bleierne Müdigkeit und lasse mich auf eine Unterhaltung ein. Das Handy müsse er jetzt ausschalten, meint der Kleine pflichtbewußt. Auf meine Frage, ob denn seine Klassenkameraden auch so ein Ding besitzen, nickt er kurz. Die hätten sogar welche mit Kamera und so Schnickschnack aber die Nummern, die wisse er nicht und deswegen könne er auch nicht mit ihnen telefonieren. Selbst seine eigene Nummer kenne er nicht, denn er soll damit ja nur zu Hause anrufen und sagen, dass er jetzt angekommen sei. So etwas habe ich mir bereits gedacht. Gleichzeitig fühle ich mich sehr alt, so alt, wie man sich bei dem 'zu meiner Zeit' Gedanken eben fühlt.

Als wir starten, sage ich, das sei mein liebster Moment beim Fliegen. Die Geschwindigkeit drückt den Körper noch ein wenig tiefer in die Sitze, fast wie beim Achterbahn fahren. Er sagt, das wäre ganz anders, weil eine Achterbahn erst ganz langsam anfahre und danach erst die Geschwindigkeit komme. Ich entschuldige mich für den schlechten Vergleich, doch er nickt wissend. Wenn man oben sei, so der Kleine, dann spüre man beim Fliegen ja überhaupt nichts mehr, das sei als ob man stehe. Nur die Kurven, die würde man manchmal ein wenig spüren.

Dann sieht er mir direkt in die Augen. Er hätte da mal eine Frage: wenn man so eine Kurve fliege, das wäre ja seltsam, dass da trotzdem alles gerade bleibe. Er hätte einmal seine Jacke aufgehängt und die hinge in einer Kurve völlig gerade zum Flugzeugboden. Dabei müsse die ja eigentlich schräg hängen. Plötzlich lauschen Umsitzende auffällig unauffällig unserem Gespräch. Alle warten auf die logische Erklärung einer Fachkraft. Mir wird ein wenig mulmig, weil mir keine intelligente Antwort einfallen will. Erst rede ich ein wenig herum, stammle etwas von Geschwindigkeit und dass beim Start ja alles schräg hängt. Schließlich gebe ich zu, es nicht wirklich zu wissen. Die Umsitzenden wenden sich wieder ihren Gesprächen oder der Zeitungslektüre zu. Der Junge zuckt kurz mit den Schultern: "Naja, dann frage ich eben meinen Papa, der ist auch Flugbegleiter." Hoffentlich hat der Papa die richtige Antwort parat. Und zu meiner Ehrenrettung bei nächster Gelegenheit warte ich mal auf eine physikalische Erklärung von Herrn NFF, denn der muss es ja wissen.


Wissenswertes vom Fachmann:
Warum sie oben bleiben

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Montag, 8. Oktober 2007
A room with a view (19)


Fast acht Jahre war ich nicht mehr dort. Ich wollte nicht mehr nach Barcelona. Nicht in dieses neue Hotel, das gefühlte Lichtjahre vom Zentrum entfernt liegt. Das alte Hotel lag direkt an den Ramblas, hatte Flair und Steinboden, der jeden Schritt auf dem Gang akustisch verstärkte. Deswegen suchte man ein neues Hotel, eines mit Teppich.

Vor acht Jahren war jede Stadt spannend, jedes Hotel neu und jeder Aufenthalt aufregend. Damals glaubte ich noch, dass männliche Kollegen nur meine inneren Werte schätzen. So schlug ich einem, der von meinen inneren Werten besonders angetan schien, vor, den anstehenden Urlaub gemeinsam zu verbringen. Wir begossen unsere tollkühnen Pläne mit viel Flüssigkeit in diesem alten Hotel mit dem Steinboden. Als uns der Nachschub an der Bar wegen Dienstschluß verweigert wurde, wankten wir über den Steinboden zum Aufzug. Das richtige Zimmer zu finden, gestaltete sich außerordentlich schwierig und als der Schlüssel wenigstens ein richtiges Schloß fand, wollten wir kein Risiko eingehen. Immerhin waren da zwei Einzelbetten, die sich aber leicht über den Steinboden schieben ließen.

Am nächsten Morgen weckten mich Schritte und laute Stimmen. Was sich anhörte wie eine Personalversammlung direkt vor dem Bett, fand in Wirklichkeit auf dem Flur statt. Im Zimmer war ich allein. Ein kurzer Rundblick ließ mich erleichtert aufatmen. Mein Koffer, meine Kleider, mein Zimmer. Noch wusste ich weder, warum die Betten zusammengeschoben waren, noch von der Minibarrechnung, die auf mich wartete. Auf dem Nachttisch eine Visitenkarte und ein Gruß von einem, den ich nicht kannte. Noch nicht.

Zwei Monate später verbrachten wir eine gemeinsame Woche in einem Hotel mit Steinboden. Diesmal beschränkten wir uns nicht nur auf meine inneren Werte. Ein Jahr später zog ich mit einem Koffer in seine kleine Wohnung. Meine Möbel standen noch in einer anderen Stadt. Wir suchten nach einer größeren Bleibe, etwas mit Steinboden oder Parkett. Bezahlbar war jedoch nur Auslegware. Nach wenigen Monaten waren meine inneren Werte so platt wie sein Teppich. Irgendwann fand ich eine kleine Wohnung mit Parkett, nur für mich alleine. Er half beim Schieben des Bettes und baute die Regale auf. Dann kehrte er zu seinem Teppich zurück.

Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Es gibt kaum noch Hotelzimmer ohne Teppich. In manchen Hotels ist der Teppich inzwischen so lebendig, dass er als erstes draußen ist, wenn's brennt. Eine Hinweistafel neben der Türe mit der Aufschrift "Hier entsteht ein Mikrobiotop" würde mich nicht wundern. Dabei schluckt Teppich nicht nur Geräusche, sondern auch jegliche Romantik. Und Barcelona wird in meiner Erinnerung immer das kleine Hotel mit dem unvergleichlichen Flair und dem Steinboden sein.

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