Dienstag, 16. September 2008
Ring of fire
Sollte das Haus, in dem ich wohne, jemals abbrennen, dann ist das mit Sicherheit meine Schuld. Soviel vorab, weil hinterher wollen es wieder alle vorher gewußt haben. Diese Erkenntnis ist auch nicht ganz neu, sondern eher sowas wie ein Erfahrungswert. Ob Würstl, Kartoffel oder Reis, eine Hitzequelle und genügend vergangene Zeit verwandeln alles in Briketts, weswegen ich auch diesen ganzen Hype um die Braunkohlereserven nicht ganz nachvollziehen kann. Ich erzeuge davon jede Woche einen Topf voll. Und obwohl man mir rät, nicht alles so schwarz zu sehen, tue ich genau das beim Blick unter den Deckel.

Neueste Erkenntnis ist, dass man mit etwas Geduld sogar Suppe anbrennen lassen kann. Während ich nämlich über meine moralische Integrität nachdenke oder einfach mal eben die Probleme der Welt im Kopf löse, verwandelt sich meine Küche regelmäßig wahlweise in ein Dampfbad oder eine Räucherstube. Letztlich kann man bei Gedanken zum Rentenproblem schon mal was auf der Platte vergessen. Damit läge die Lösung quasi am heimischen Herd. Hat ja Frau Herman auch so ähnlich gesagt. Wie dem auch sei, in nächster Zeit gibt's Rohkost. Nicht weil ich Angst vor Feuer hätte, sondern schlichtweg keinen Topf mehr besitze.

Meine heutige Erkenntnis während der Kartoffelmetamorphose lautete:
so ist das halt im Leben; die einen können kochen und die anderen besser denken. Ganz wenige können beides zur selben Zeit. Der Rest ist obdachlos.

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Sonntag, 14. September 2008
c minor
Französ. Suite Nr.2

Wissenschaftler haben festgestellt, dass die klare und symmetrische Struktur von Barockmusik eine beruhigende Wirkung auf das menschliche Gemüt hat. Um das festzustellen brauche ich keine Wissenschaft, sondern nur meine Stereoanlage. Wenn es ganz schlimm kam, hat mir der olle Bach immer wieder den Kopf zurechtgerückt. Muß man sich nur drauf einlassen können.

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Freitag, 12. September 2008
Insomnia




... mehr (Text), wenn ich geschlafen habe...


Nachtrag: So ist das mit den Goldbergvariationen. Einst für einen schlaflosen Grafen auf Cembalo gespielt, heute für schlaflose Mittelständler auf ordinären Beschallungsanlagen.

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Donnerstag, 11. September 2008
C sharp minor
Glenn Gould, Beethoven Sonate op. 27,2

Der Unterschied zwischen Glenn Gould und mir ist, dass Gould sein Leben lang tat, was er am besten konnte. Ich mache meistens Dinge, die ich (noch) nicht kann. Das allerdings mit einer gewissen Hartnäckigkeit und Ausdauer.

Kürzlich fragte mich einer, ob ich Johnny Depp mag. Nein, ich mag ihn nicht. Ich mag auch Jude Law nicht und muss beim Anblick von Matthew McConaughey nicht hyperventilieren. Na schön, wenn der Clooney neben mir stünde, würde ich vielleicht ein wenig schneller atmen aber auch nur noch die nächsten drei bis vier Jahre. Dann hat er seinen Zenit überschritten und verbringt den Rest seines Lebens am Pool mit einem Hausschwein. Der einzige Schauspieler, für den ich je schwärmte, war Robert Redford und das auch nur, weil man als Adoleszierende ja quasi gezwungen ist, für irgendwen zu schwärmen, der unter Gleichaltrigen bekannt ist. Insgeheim aber gehörte mein Herz Männern wie Glenn Gould und Klaus Kinski.

Es ist das kleine - oder auch große - Quentchen Wahnsinn, das mich immer schon faszinierte. Die steile Klippe am Rande des Abgrundes, an der sie alle so nonchalant entlangschlendern diese Genies. Der Kitzel, ohne Absicherung einen Grat entlangzubalancieren, welcher zwischen Himmel und Hölle liegt. Ich kann mich heute noch stundenlang damit beschäftigen, was in einem Gustav Mahler vorgegangen sein mag, der sein kleines Mädchen zu Grabe trägt, nachdem er drei Jahre zuvor die Kindertotenlieder Rückerts vertonte. Und was bewegt einen, der fröhliche Tanzstücke komponierte, dabei aber - von seinen sogenannten Freunden gar als 'Schwammerl' tituliert - der einsamste Bursche war, den man sich vorstellen kann? Und wie hat einer gelebt, dessen einzig tiefe Bindung die zu Werken toter Komponisten war, dessen brilliante Intelligenz in messerscharfer Analyse durch tonale Zusammenhänge schnitt, der aber keine Ahnung von der Stabilität des kanadischen Dollars hatte? Es interessierte ihn einfach nicht.

Glenn Gould und ich, wir waren zu verschieden. Und obwohl ich die Sache mit dem Wahnsinn mehrmals ausprobierte, wollte es einfach nicht gelingen. Vielleicht fehlte mir die nötige Intelligenz, vielleicht eine gewisse Genialität. Jedenfalls ist nie was aus uns geworden. Bereut habe ich es aber nicht. Echter Wahnsinn kann im Alltag nämlich ganz schön anstrengend sein. Und ich bin inzwischen schon um einiges ruhiger geworden.

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Donnerstag, 11. September 2008
We sail tonight for Singapore (4)


Angeblich bekommt man immer das, was man verdient und ich verdiene ein paar warme Tage am Wasser. Aber muss es denn ausgerechnet in Singapur sein? Der geneigte Leser wird unschwer aus vorangegangenen Berichten herauslesen, das diese Stadt nicht zu meinen Lieblingsaufenthaltsorten gehört.

Heute im Test: Natur und Strand.

Na gut, Singapur und Natur sind zwei Begriffe, die sich gegenseitig relativieren, wenn nicht gar neutralisieren. Nehmen wir beispielsweise Sentosa, eine vorgelagerte Insel, künstliches Naherholungsgebiet und Touristenattraktion mit Showeinlage. Am Strand liegen und den plätschernden Wellen zuhören? Die Gezeiten beobachten während im Hintergrund Vögel zwitschern? Fehlanzeige. Sentosa ist nicht leise, Sentosa ist laut, stinkend und quillt über vom menschlichen Wochenendbefall. Nur mit Glück findet am Abend die Sonne eine Lücke zwischen den Kränen und Tankern, um ins Meer zu sinken. Die Strände ein einziges großes Katzen Hundeklo, Bewirtungsbetriebe mit Loungebeschallung, gegen die nicht einmal Kindergeschrei ankommt.

Selbst ein phantasieloser Geist ist sich in Anbetracht der umliegenden Industrie bzw. der Schiffe über die Zusammensetzung des Meerwassers klar. Ins Wasser wollen sowieso nur Hunde und Kinder (was wiederum der Wasserqualität innerhalb einer Lagune auch nicht gerade zuträglich ist). Alles was größer ist, verfängt sich auf dem Weg dorthin sowieso in einem der zahlreichen Beachvolleyballnetze. Man rennt gerne irgendwelchen fliegenden Objekten hinterher. Wer nicht fängt hat Pech. Der nächste Hund steht immer parat, um die fliegende Beute zu verschleppen. Einige Männer suchen mit Metalldetektoren im Sand. Der Kollege vermutet, gesucht wird ein Hund, der sich gemeinsam mit einem fliegenden Objekt verbuddelte. Ich vermute eher, die suchen ein Sixpack vom letzten Wochenende.



Wir haben keine Wahl, wir harren einfach aus. Mit einem Krug frischen Ananassaft läßt sich auch das bewerkstelligen. Zu Beginn sind Himmel und Körper noch weiß. Später wechselt beides die Schattierung. Obwohl mir rot ausgesprochen gut steht, bekomme ich diesmal im Gegensatz zur Kollegin davon nicht viel ab. Ja, wir Flugpersonal sind in mancher Hinsicht einfach unbelehrbar. Sonnencreme ist nur für Weicheier und Socken sehen scheiße aus; Wasser sammelt sich gerne in Blasen an den Füßen und auch die wechseln gerne mal die Farbe von klar nach rot. Bis zum Bus, der alle Besucher im Kreis um die Insel chauffiert, weil Laufen hier sowieso völlig out ist, schaffe ich es auch ohne Schuhe.

Am Abend schieben wir uns durch Touristenschwärme in Richtung Gondel. Unser Copilot wählt wegen akuter Höhenangst(!) lieber die eingleisige Bahn für den Rückweg. Und wieder neigt sich ein Layover dem Ende entgegen. Mir scheint, ich bin die Einzige, die darüber nicht traurig ist. Singapur ist nicht meine Stadt, nicht meine Welt und nicht mal meine dritte Wahl. Lieber bin ich schlaflos in Tokio, verbrenne mir die Haut in Sao Paulo und die Haare in Hongkong. Überhaupt Hongkong, da wäre mal wieder eine neue Sonnenbrille fällig. Eine, mit der der Himmel blauer wird, während wir uns auf den langen Schmuddelwinter vorbereiten. Zum Glück gibt es dann für mich irgendwo auf der Welt immer ein wärmeres Fleckchen als daheim. Nur bitte nicht Singapur.

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Mittwoch, 3. September 2008
Seize The Day


und das und das und vor allem das da.

Wer hat nochmal gesagt, man solle aus dem Vollen schöpfen und jeden Tag so leben, als wäre es der letzte?

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Dienstag, 2. September 2008
We sail tonight for Singapore (3)


Was gibt es in einer Stadt zu tun, die vor Luxus und Hightec nur so strotzt? Eine Stadt, die radikal vom Altbaucharme gesäubert wurde und in der Chinatown eher wie eine schwäbische Kleinstadt anmutet als ein asiatischer Schmelztiegel. In einer Stadt, in der es keine dunklen Häuserecken und schmutzigen Straßenkinder, keine Bettler und kein natürliches Wachstum gibt, gleitet das Interesse schnell vom Profanen hinüber zum Sakralen.
Und Gebetshäuser gibt es derlei viele, wenn manche auch eher an ein Toyota-Autohaus erinnern, als an eine heilige Stätte.



Gott ist bekanntlich überregional, was wiederum die buddhistischen Tempel in Little India und die Hindugebetsstätten in Chinatown erklärt. Auch gegen Moscheen neben Kirchen hat keiner was einzuwenden. Man sucht sich einfach aus dem breiten Angebotsspektrum das richtige aus und bedient sich des individuellen Segens.

So auch ich an diesem einen Sonntag in Singapur. Ich suche zunächst den Tempel der tausend Lichter. Stattdessen treffe ich eine riesige Plastikbuddhastatue an, die von Ikeateelichtern umrahmt wird. Woher ich weiß, dass die Teelichter von Ikea sein müssen? Sie brennen nicht ordentlich. Natürlich bin ich enttäuscht. Das habe ich mir imposanter vorgestellt. Etwa so, wie den liegenden Buddha in Bangkok oder zumindest beeindruckender. Ich flüchte in einen kleinen Tempel gegenüber, wo gerade vier Mönche die Messe vorbereiten.



Während sie ihre Klangschalen und Schlaghölzer zurechtrücken, stelle ich mich kurzerhand dazu. Die Mönche beginnen ihr endloses Mantra zu rezitieren, während ich mich darauf konzentriere, möglichst zum richtigen Zeitpunkt zu knien oder mich zu verneigen, stets den Chinesen neben mir imitierend - den einzigen weiteren Gottesdienstbesucher, mit dem ich mir ein kleines Kniebänkchen teile. Ich habe Angst, mich daneben zu benehmen, vor einem Faux-pas oder gar mit meiner reinen Existenz dem Ereignis etwas von seiner Heiligkeit zu nehmen, bis plötzlich aus der Hosentasche des Nachbarn lautstark asiatische Melodien erklingen. Auf dem Pfad der Gleichgültigkeit hat dieser Herr bereits einen weiten Weg zurückgelegt, jedenfalls ignoriert er das Geträllere und starrt noch ein wenig angestrengter als zuvor in sein Gebetbuch.


das da oben sind modernere Mönche mit Notenständer...

Als die Mönche gefolgt von meinem chinesischen Gebetsnachbarn polonaiseartig den Altar umrunden, stelle ich mich seitlich an die Wand. Erst als der Obermönch mich mit den Worten 'you can follow' einlädt, folge ich der Prozession Runde um Runde durch die heilige Halle. Ein merkwürdiges Bild muss das für die drei, vier Touristen abgeben, die gerade den Tempel betreten. Einer zückt gar eine Kamera. Nächstes Mal wähle ich auch das orangefarbene Kleid. Am Ende fühle ich mich sehr gesegnet und auch die Füße schmerzen nicht mehr, weil ich jetzt schwebe. Sogar an den Schmerz vom knien kann man sich gewöhnen, was sicher jeder gute Katholik bestätigen wird.



Danach besichtige ich ein paar Hindutempel ganz in der Nähe. Mal abgesehen davon, dass man hier seine Schuhe ausziehen muss, die Böden aber von Dreck überzogen sind und für Fotos prophylaktisch am Eingang eine Gebühr zu entrichten ist, mögen meine indischen Freunde auch keine andersartigen Gottesdienstbesucher. So steht es auf einem Schild an der Absperrung vor dem Altarraum zu lesen. Somit haben sie mich als potentielles Schäflein auf Krishnas großer Weide verloren. Und das in einer Zeit, in der jede Vereinigung um Mitgliedszahlen kämpft. Aber das einzige was Indien reichlich besitzt, sind Kinder und Kühe.



Fazit meines ersten Aufenthaltes in der Stadt:
Singapur kann man angucken, muss es aber nicht. Nur ich, ich muss die Tage wieder hin. So Buddha will und Kali unser Flugzeug heil läßt.

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Montag, 1. September 2008
Dangerous
Michael Jackson

Dieser Kaukasuskonflikt ist inzwischen auch schon wieder kalter Kaffee. So kalt wie der Tsunami im darauffolgenden Sommer. Ist ja auch alles schön weit weg von hier. Und wer weiß schon, wo der Kaukasus liegt. Reinhold Messner hat jedenfalls dort noch keinen einzigen Zeh geopfert.

Für mich war das Gerangel um diverse georgische Gebiete zumindest zweieinhalb Wochen interessant, weil da dieses Kürzel für Tiflis in meinem Dienstplan stand. Konnte es sein, dass der Konflikt bis in die Hauptstadt vordringt? Würde Russland den Luftraum für die zivile Luftfahrt schließen? Naive Mitmenschen behaupten ja, die Luftfahrtgesellschaften wüssten schon was sie tun und so lange sie ein bestimmtes Gebiet anfliegen, würde es auch ganz bestimmt dort sicher sein. Ich persönlich halte das für ein Gerücht. Als sich damals in Sarajewo die einzelnen Lager beschossen, schickte man so lange wie möglich Zivilflugzeuge in die Hauptstadt und damals in Beirut - wir erinnern uns? - landeten Maschinen der westlichen Konsumgesellschaft auf dem Flughafen. Man verliert nicht gerne die heißumkämpften Slots wegen einer kleinen politischen Krise. Politik ist im Grunde auch nicht mehr als Wirtschaftsdiplomatie und Flüchtlingstransport sowas wie die letzte große Marktlücke.

Medvedev hat jedenfalls die abtrünnigen Gebiete Georgiens anektiert anerkannt und sich bis auf weiteres von dort zurückgezogen als ich nach Tiflis flog. Hin wollten etwa 40 Passagiere, weg von dort aber wesentlich mehr. Vor allem diese ungeheuer wichtige, verkabelte und körpergebildete Gruppe von Amerikanern, in ihrer ungeheuer wichtigen Mission, die so ungeheuer viel Waffen und Munition in der Kabine transportieren wollten, was ihnen aber von uns, der Besatzung, verwehrt wurde. Diese Amerikaner und ihre Mission waren so ungeheuer wichtig, dass sie gleichzeitig auch ungeheuer geheim bleiben musste. Ganz seltsame Geschichte. Jahrelang kümmern sich die Amerikaner einen Feuchten um Georgien, jahrelang durfte Stalin diskriminieren und deportieren. Jetzt aber, wo es um wirtschaftliche Interessen geht, jetzt steht plötzlich die Elite Amerikas bei Fuß, wenn um kleine Grenzgebiete gerangelt wird.

Ich bin ja nur ein ganz kleines Korn im großen Weltgetriebe aber wundern darf man sich ja mal, zumal diese Vorfälle meinen Alltag unmittelbar betreffen. Und von der Zivilbevölkerung spricht mal wieder keiner. Wichtig ist ja nur das große Ganze, da muss man auch mal Opfer bringen. Universalschicksal nennt sich das dann und Gott spielen einzelne selbsternannte Machthaber. Aber keiner scheint je von den alten Weisheiten gehört zu haben, die oben mit unten und das Kleine mit dem Großen vergleichen. Sie sind halt auch zu leise, die das aussprechen oder werden mit aller Kraft erstickt, wie derzeit in China. Die verschaffen sich nicht mit Schüssen und Sprengstoff Gehör, die hört man nicht im Feuergefecht. Nur wer innehält und bereit ist zuzuhören, wird die leisen Stimmen wahrnehmen. Möglicherweise verschieben sich dann aber gewisse Prioritäten, das System beginnt zu wanken und muss schließlich einem neuen weichen. Veränderung bedeutet aber Unsicherheit und wirkt bedrohlich. Deswegen hören wir lieber wieder auf die Marktschreier und drehen die Musik laut. Zu viel Stille ist einfach gefährlich. Nachdenken auch. Scheint so jedenfalls für die Mehrheit der Menschen zu sein.

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Mittwoch, 27. August 2008
Long ago and far away
Retrotwittern: Postkarten schreiben. Mehr als zweihundert Zeichen gehen da auch nicht drauf - nicht mit Briefmarke und Adresse.

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Montag, 25. August 2008
All The Things You Are
Ella

Rennt, springt, tanzt, eßt, trinkt, liebt, lacht, weint, singt, schreit, flüstert, schleicht, streichelt, klatscht, beobachtet, tastet, riecht, fühlt, hört, sinniert, steht, wartet, lauft, umarmt, greift, haltet, atmet, träumt, wacht, ...

Aber tut es nicht so halbherzig, wie Ihr alles andere jeden Tag halbherzig und distanziert erledigt. Tut all das mit all der Euch eigenen Kraft und Leidenschaft. Tut es mit aller Aufmerksamkeit und Konzentration, mit allen Sinnen und aus ganzem Herzen. Taucht in den Moment wie der Pinsel in einen Farbtopf, wie der Kopfsprung in kühles Wasser an einem heißen Sommertag. Macht Euch zu einem Teil des Geschehens wie die Note Teil des Liedes und der Sonnenstrahl Teil des Lichtes ist. Wie der Tropfen Teil eines Sees ist und der Grashalm Teil einer Wiese.

Riskiert, dabei verletzt zu werden, wie der Schreiner einen Spreißel riskiert. Riskiert, aus dem Gleichgewicht zu geraten, wie der Seiltänzer einen Sturz riskiert. Riskiert die erstaunten, ärgerlichen oder gar neidischen Blicke der anderen, wie ein Schauspieler auf der Bühne die Blicke auf sich zieht. Beginnt, dieses Risiko anzunehmen und zu lieben. Erst dann entfalten die Dinge ihre ganz eigene Magie. Und jeder Augenblick füllt Eure Herzen mit dem Glück, das Ihr bisher so sehr herbeisehntet.

Frau Klugscheisser, Gesammelte Werke Bd. 1

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