Mittwoch, 10. Juli 2013
Ugly, Fat & Old
Das schlimmste am alleine Älterwerden ist die Tatsache, dass Dir niemand sagt, wenn Dir ein dunkles Haar am Kinn wächst.

Klugscheisser, F. (2013). In F. Klugscheisser, Meine wichtigsten Erkenntnisse. Gesammelte Werke (S. 258). München: Schwurbelverlag.

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Samstag, 6. Juli 2013
In Between
Verehrte Leserinnen und Leser,

meine Freude am Formulieren schöner Sätze und eloquenter Textpassagen ist reichlich getrübt. Schuld daran hat nicht nur die Tücke der Formatierung, sondern vor allem die wissenschaftlich geforderte genderneutrale Formulierungsweise. Während etwaige Beweggründe sicherlich nachvollziehbar sind, werden Formulierungen dadurch unnötig holperig und diffus. Die Untiefen der Diskriminierung könnten durch Einsatz passiver Formulierungen durchaus umschifft werden, jedoch gelingt nicht jede Wendung, sodass der Zusammenhang dadurch manövrierunfähig wird. Neben Wörtern und Wörtinnen soll es auch geschlechtsneutrale Wesen geben. Man kennt sie unter dem Begriff Neutrum. Menschliche Wesen sind hingegen nie geschlechtsneutral, sie sind entweder männlich oder weiblich oder beides. Und letztere wollen nun ebenfalls zu ihrem Recht kommen. Verehrte Leserinnen, Lesinen und Leser, die Frage muss demnach lauten, wie wir zukünftig formulieren, ohne jemanden zu beleidigen oder die Schreiberschaft wortlos zu hinterlassen.Da ist guter Rat teuer. Kennt denn wer eine Seite im Internetz oder ein gutes Buch, das Vorschläge zu geschlechtsneutralen Bezeichnungen parat hält? Für konsumentenseitige Vorschläge wäre ich Ihnen zu verbindlichstem Dank verpflichtet.

Herzlichst Ihre Frau Klugscheisserin

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Freitag, 28. Juni 2013
Rainy Days
Gestern war Siebenschläfer. Schätzungsweise wird das ein milder Sommer. Selbst in Bilbao habe ich gestern im Sommerkleid bei 23° gefröstelt. Heute in London Nieselregen bei 13°, morgen wird's in Rom auch nicht viel besser. Ich schreibe das nur, damit meine heimischen Leser nicht ganz so traurig über das Wetter sind. Immerhin habe ich die vergangene Brutwoche auf Zypern verbracht. Da war's schon morgens so heiß, dass ich es nur bis zur Hüfte im Meer mit nem kühlen Drink in der Hand oder schlicht im Schatten aushielt. Auf Dauer ist das auch kein Zustand.

(Hier wäre Platz zum Einfügen von Bildern, hätte ich nicht auf Zypern meine Kamera vergessen und in Bilbao/London/Rom den Akku)

Bei hohen Temperaturen kann ich nicht schlafen, was mir entgegenkommt, denn dann arbeite ich früh an meiner Abschlussarbeit. Andererseits kleben dann die Hirnwindungen zusammen und das Blut wird zäh. Möglicherweise bekomme ich für diese Aussage Morddrohungen aber ich mag das derzeitige Wetter. Nächstes Jahr darf's dann ruhig wieder heiß werden, da bin ich kompromissbereit.

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Dienstag, 25. Juni 2013
What's New?
Die junge, ambitionierte Wissenschaftlerin, die meine Abschlussarbeit betreut ist tatsächlich nicht nur jung und ambitioniert, sondern auch sehr entgegenkommend. So hat sie mir eine wichtige Quelle aus erster Hand organisiert und weitere Unterstützung ausserhalb des gesteckten Rahmens zugesichert. Zudem ist sie mir sympathisch, weil sie mich sehr an Frau Herzbruch erinnert und die ist ja bekanntlich sehr sympathisch. Aus unserem halbstündigen Telefontermin wurde ruckzuck mal das Doppelte. Und Sätze dürfen bei ihr durchaus nur aus Subjekt, Prädikat, Objekt bestehen. Meine Gliederung fand sie originell, meine Überschriften witzig. Leider ist sie schwanger und geht noch vor Abgabetermin in Mutterschutz.

Apropos Abgabetermin, ein offizielles Bestätigungsschreiben hatte ich immer noch nicht im Briefkasten, weswegen ich mal wieder Frau Dr. der Naturwissenschaften kontaktieren muss, die mir dann schätzungsweise erneut die Daumen drückt, weil sie nix weiß. Wissenschaftsbetrieb scheint ein großes Mysterium zu sein. Aber ich habe ja Geduld.

Dann noch eine neue Variation in der Spitzenstunde gelernt. Muss nächste Woche fragen, aus welchem Ballett das war. Meistens bin ich schon von den Schritten überfordert. Dann kommen noch die Arme dazu. Und wenn Frau Iwanowitsch vortanzt, vergesse ich vor lauter Bewunderung beides wieder. Vielleicht sollte ich nächstes Mal mitschreiben. Jedenfalls verstehe ich jetzt die Herkunft von "Hals- und Beinbruch" für auftretende Künstler. Je mutiger ich werde, umso abstruser die Beinahumknicker wenn's mal wieder schief geht. Ich fürchte, den Traum der Primaballerina muss ich dann doch begraben (wenn's sonst nichts ist). Aber eine kleine Leseempfehlung nicht nur für Ballettbegeisterte habe ich noch am Ende:

Lorry von bead109 schreibt über die innere Haltung beim Lernen von Neuem und das Beobachten von Experten: Being inspired or being intimidated.. Werde ich mir ausdrucken und hinter die Ohren kleben.

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Donnerstag, 13. Juni 2013
Tip Toes VI
Die letzte Spitzenstunde war desaströs. Meine aufgeriebene Blase hatte ich getaped. Normalerweise bin ich barfuß in den Schuhen. Dieses Mal hatte ich eine sogenannte convertible Strumpfhose an. Die sehen ein bisschen aus wie Trombosestrümpfe aus dem Krankenhausbedarf mit unten einem Loch. Dadurch kann die Spitze der Strumpfhose über die Zehen gezogen werden, ohne die Strumpfhose komplett auszuziehen. Durch den Strumpf habe ich meist das Gefühl, ich rutsche im Schuh. Zusammen mit dem Tape waren die Schuhe so eng, dass sie selbst beim normalen Stehen empfindlich drückten. Und dann verließen mich nach 10 Minuten an der Stange die Kräfte. Sobald man die Schritte nicht mehr ganz kontrolliert ausführen kann, sollte man aufhören, da das Verletzungsrisiko steigt. Jetzt ist aber aufhören nicht meine Stärke und so kämpfte ich mich irgendwie durch die Kombination in der Mitte. Zum ersten Mal probierte ich auch eine Pirouette, die aber nicht so wirklich gestanden war. Da halfen auch Frau Iwanowitschs aufmunternde Worte am Ende der Stunde nichts. Nach dem vermeindlichen Fortschritt der Stunde davor war ich sehr enttäuscht, zumal ich mich auf diese eine Spitzenstunde in der Woche immer richtig freue und die normale Ballettlektion davor als notwendiges Übel durchlebe. Aber aufgeben ist ja nicht meine Stärke.

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Samstag, 8. Juni 2013
Tip Toes V
Die ersten zwei Minuten des Videos waren unsere Lektion in der letzten Spitzenstunde. Ganz schön toll, was?



Etwa nach 20 Minuten merkte ich, dass ich mir durch eine Falte im Schuh die Haut abgerieben hatte. Ich erfuhr, dass Blut im Schuh bei Aschenputtel Ballerinas regelmäßig vorkommt. Das sagt zumindest Frau Iwanowitsch. Meine Schuhe seien jetzt erst richtig eingeweiht. Ausserdem lernte ich, dass dieses Herumgelaufe auf der Bühne, das ich bisher immer ein wenig entenwatschelig absolvierte, ebenfalls zur Choreographie gehört. Nächstes Mal werde ich versuchen, graziöser zu laufen.

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Freitag, 7. Juni 2013
It's not dark yet
Es wird einfach nicht dunkel in Oslo und St. Petersburg und obwohl ich unglaublich müde bin - immerhin bin ich in Istanbul um 3.00 aufgestanden, in Düsseldorf was später aber immer noch vor 5.00 - kann ich nicht einschlafen, sondern starre fasziniert aus dem Fenster. Daheim besitze ich keine Verdunkelungstechnik, wenn es also ganz dunkel im Zimmer wäre, könnte ich auch nicht wirklich schlafen, weil dann hätte ich Angst, ich fände den Lichtschalter nicht schnell genug. Das klingt jetzt irgendwie kindisch aber ich stelle mir immer vor, allein das anknipsen eines Lichts würde einen Serienmörder davon abhalten, mir was anzutun. Ganz zu schweigen von den Untoten und wilden Tieren, die sich aus meinen Träumen durch die Aufwachtüre hereinschleichen.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, es wird nicht dunkel. Das ist an sich nichts Neues und hängt mit dem Stand der Sonne zusammen. Die wendet demnächst ihren Kreis, deswegen Wendekreis. Und dann ist's halt fast die ganze Nacht hell in Oslo und St. Petersburg. Für mich ist das trotzdem irgendwie unglaublich, denn die Nacht assoziiert der durchschnittliche Westeuropäer ja mit Dunkelheit. Ich könnte die ganze Nacht nach draussen starren, den ziehenden Wolken und Vögeln hinterher. Tu ich aber nicht, weil ich ja bald wieder aufstehen muss. Genauer gesagt so gegen 2.00.

Wenn die Menschen also keine richtige Nacht haben, woher wussten die dann früher, wann sie aufstehen mussten? Woher wissen die Schnaken, wann sie zustechen und die Hähne, wann sie krähen sollen? Und wann sollen die Kinder zu Hause sein und vor allem warum? Es gibt Länder, da ist immer Sommer, in manchen ist immer Winter und in anderen ist's halt ein halbes Jahr hell und die andere Hälfte dunkel. Weisse Nächte haben nichts zu tun mit Schnee, sondern mit Tageslicht und das wird so gegen zehn abends unwirklich. Um zwölf wird's absurd und ab vier morgens wieder gewöhnlich. Für alle unter Vollmondlicht an Schlaflosigkeit Leidenden wäre ein Leben im Norden der sichere Untergang. Oder eine heilsame Erfahrung, je nachdem. Für mich ist es einfach nur ungewohnt. Irgendwann schlafe aber auch ich sicherlich ein.

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Montag, 3. Juni 2013
Red Dot
Achtung Ekelcontent. Beinhaltet keine metaphorische Botschaft.

Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Pickel. So einen von der fiesen Sorte, der unter der Haut drückt und schmerzt. So richtig kommt der nie raus, also so mit weissem Häubchen aber Sie können ihn die ganze Zeit spüren. Sie beherrschen sich natürlich daran rumzufingern, schon allein deswegen, weil das böse Entzündungen begünstigt. Vor allem aber weil Sie wissen, dass jeder Pickel wie eine Frucht seine Zeit braucht. Und wenn er reif ist, wird das Drücken zu einem Kinderspiel. Diese Perspektive erleichtert Ihnen das tatenlose Warten, denn nichts ist so befriedigend wie einen reifen Pickel auszuquetschen, der einen lange quälte.

Und dann geschieht das Unfassbare: kurz bevor es soweit ist - also kurz vor der endgültigen Reife - nehmen Sie aufgrund diverser Entzündungsherde im Körper Antibiotika ein. Plötzlich sind nicht nur die Mandeln schmerzfrei, sondern auch der Pickel ist verschwunden. Ich fühle mich irgendwie betrogen.

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Sonntag, 2. Juni 2013
I'm Every Woman
Im Zuge der Recherche bin ich zum Bewunderer von Alice Eagly, Professorin für Psychologie und Forscherin auf dem Gebiet der Stereotype, Einstellungen, Geschlechtsunterschiede, Führungsverhalten, Feminismus uvm. geworden. Die renomierte Wissenschaftlerin wurde 1938 geboren und ist führend auf ihrem Gebiet. Gut vorstellbar, dass es zu ihrer Zeit wenige Frauen in ihrer Position gab, wahrscheinlich kaum eine, die sich mit Feminismus im wissenschaftlichen Rahmen beschäftigte. Jedenfalls haben mich ihre Feststellungen überzeugt. Sie schreibt (und spricht) nämlich durchaus unterhaltsam - was wiederum im Rahmen ihrer Forschung über Einstellungsänderung interessant sein dürfte, das aber nur am Rande. Bitte überzeugen Sie sich selbst:

Women and the Labyrinth of Leadership

Interview aus der FAZ 2010

Leider sind viele Studien lizensiert und deswegen nicht frei zugänglich, jedoch habe ich einige interessante hier gefunden:

Gender and Aggressive Behavior (1986)

Role Congruity Theory of Prejudice Toward Female Leaders (2002)


Und wie das bei Recherche halt so üblich ist, findet man weitere interessante Dinge (der sog. vom-Hundertsten-ins-Tausendste-Effekt), wie zum Beispiel hier:

"Die zentrale Dimension des modernen Sexismus ist
die Leugnung fortgesetzter Diskriminierung von Frauen
(...)
Aus der Interdependenz von Frauen und Männern erwachsen den Frauenstereotypen Merkmalsinhalte, die aus sexistischer Sicht eindeutig positiver Natur sind. Als Ergebnis erhält man das Diskriminierungs-Zuneigungs-Paradox (Eckes 2002): Einerseits sehen sich Frauen fortgesetzter Diskriminierung ausgesetzt (Benokraitis/Feagin 1995, Eagly/Karau 2002, Swim/Campbell 2001), andererseits erfahren sie vielfach positive Gesamtbewertungen, häufig sogar positivere Gesamtbewertungen als Männer („women-are-wonderful“-Effekt; Eagly/Mladinic 1994). Aus der Perspektive der Theorie des ambivalenten Sexismus (Glick/Fiske 1996, 2001a, 2001b) verschwindet dieses Paradox, wenn man sich klarmacht, dass die spezifische Art der Zuneigung und Idealisierung, die in der positiven Bewertung von Frauen zum Ausdruck kommt, lediglich die andere Seite ein und derselben „sexistischen Münze“ ist. Mit anderen Worten, Sexismus hat eine duale Bewertungsstruktur, die sich aus ablehnenden, feindseligen (hostilen) Einstellungen und subjektiv positiven, wohlmeinenden benevolenten) Einstellungen zusammensetzt. Strukturelle Macht von Männern schürt hostilen Sexismus, Abhängigkeit der Männer von Frauen in engen interpersonellen Beziehungen begünstigt benevolenten Sexismus."

Thomas Ecke: Geschlechterstereotype: von Rollen, Identitäten und Vorurteilen (2008)

Weiter mit Recherche...

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Mittwoch, 29. Mai 2013
Don't Know Nothing
Die vergangenen Tage waren gelinde gesagt nervlich angespannt. Dazu muss der geneigte Leser wissen, dass ich mich in der letzten Phase meines Studiums befinde, genauer gesagt beim Verfassen meiner Abschlussarbeit. Vor einiger Zeit wurde aufgrund horrend hoher Studentenzahlen das Vergabeverfahren an meiner Uni geändert. Die Studenten werden per Losverfahren Betreuern zugeordnet, die dann wiederum Thema und Art der Arbeit festlegen. Anmeldeschluss war Ende April, Bearbeitungsbeginn der 1. Juni. Irgendwann bekam ich mit, dass ich eine der wenigen ohne Thema Verbliebenen war, sprich, ich hatte keine Mail von meinem zukünftigen Betreuer erhalten, während alle anderen bereits seit Wochen recherchierten.

Der Vorteil meines vergleichsweise hohen Alters liegt in Geduld. Ich muss mich nicht sofort verzweifelt betrinken und alle Hochschulangehörigen wüst beschimpfen, sondern schreibe freundliche Mails oder telefoniere mit diversen Zuständigen. Nach dem dritten Telefonat hatte ich sowohl die Aussage, man könne mir zwar versichern, dass eine Anmeldung fristgerecht eingegangen sei, nicht jedoch, wem ich zugeteilt wurde. Übrig blieb die Mailadresse einer mit dem Verfahren betrauten Person des Studienbetriebes. Wenn allerdings jede Mail von Frau Dr. der Naturwissenschaften mit den Worten "Ich drücke Ihnen weiterhin die Daumen" endet, dann wirft selbst mich das aus der Bahn. Ich möchte nicht, dass mir Frau Dr. der Naturwissenschaft die Daumen drückt, ich möchte eine verbindliche Aussage.

Nach der vierten Mail eines Tages - wohlgemerkt immer noch in distanziert freundlichem Ton meinerseits - war das Eis zwischen mir und Frau Dr. der Naturwissenschaften dann endlich gebrochen und sie verriet mir, was sie in den anderen Mails vehement zu wissen bestritt und was ich so dringend wissen wollte (O-Ton: ich habe eine wunderbare Nachricht zu verkünden). Möglicherweise wurde ihr die Lösung auf diese Weise eingegeben. Überhaupt zweifle ich inzwischen sehr am Wissenschaftsbetrieb im Allgemeinen seit ich die Berichte von Frau Herzbruch lese. Zumindest gleicht meine Einstellung diesbezüglich der eines Kindes, das plötzlich feststellen muss, dass die eigenen Eltern nicht perfekt sind. Der Glaube an die Institution Wissenschaft ist am Boden zerstört.

Und dann noch was zur allgemeinen Erheiterung. Die kleine Parodie auf ein derzeit bekanntes Hitparadenlied:

Some study that I used to know

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