Mittwoch, 30. Oktober 2019
Feel The Pain
Liebes Tagebuch, heute geht es mir schlecht. Nein, das stimmt nicht, denn eigentlich geht es mir gut - mal abgesehen von andauernden Schmerzen bei Bewegung, beim Sitzen und im Schlaf. Abgesehen von Rumsitzen und -liegen kann ich nicht viel tun. Zwischendrin dann kurze Exkursionen zum örtlichen Gemüsehändler, zum Keksverkauf oder zur Konservenstation, zum Gelenkmechaniker oder zum Bewegungsklempner. Das sind alles schöne Namen für eher unschöne Notwendigkeiten. Man könne sich die Dinge schönreden, so lauten jedenfalls die Kalendersprüche. Heute allerdings geht da nichts mehr mit schönen Metaphern, denn die niederschmetternde aber zumindest geahnte Diagnose lautet Operation am offenen Gelenk. Routine, wie alle zu berichten wissen, die es hinter sich haben. Eine Kleinigkeit behaupten auch die, die eigentlich keine Ahnung davon haben, dafür aber viel Meinung. Zumindest die Aussicht auf Schmerzfreiheit und zukünftig uneingeschränkte Bewegungsfähigkeit trösten über das Damoklesschwert hinweg.

Eine Frage wäre allerdings noch zu klären, nämlich die, wie man sowas ohne fremde Hilfe bewerkstelligen soll. Ich meine nicht nur die offensichtliche, die körperliche Hilfestellung, sondern auh die seelische. Die Mutter am Telefon lässt mich kurzatmig zurück, denn sie nutzt jede Atempause für einen wichtigen Einwurf. Der Freundeskreis - zwischen Arbeit und Familie zerhetzt - hat auch keinen wirklichen Rat. Man könne ja ein Netzwerk der Alltagshilfe einrichten. So viele Schlüssel besitze ich nicht, und in naher Zukunft wird sich wohl Mr. Minit über einen Großauftrag freuen können. Da hilft nur Zähne zusammenbeißen und auf Krücken über eisige Gehwege balancieren - zumindest das kann ich gut. Das Gute-Nacht-Lied werde ich wohl selbst singen müssen. Gloria Gaynor in der Metalversion I will survive
wäre somit das Trostlied meiner Wahl.




Abgesehen davon, dass ich nun im November irgendwann spülen muss, gibt es bis dahin kaum noch Dringendes zu erledigen. Vielleicht ein, zwei Kekspackungen besorgen und die Pyjamas falten, den Stromablesetermin absagen und Pflegehinweise für die Pflanzen an die Wand pinnen. Damit wäre dann alles gesagt. Frohen Mutes auf zur Demontage, immer ein Lied auf den Lippen.

Einmal ein bisschen so zwischenzeilig schreiben wie Kid37, check

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Samstag, 26. Oktober 2019
Coming Home V
Der Countdown läuft. Im Zuge der 5000 habe ich bereits ein bisschen über meine Gäste (Kommentierende) geschrieben. Heute und über die nächsten Tage möchte ich ein paar hervorheben und erklären, wieso ich bei ihnen ebenfalls gerne zu Gast bin. Im Hinblick auf Fremdbild/Selbstbild hat's übrigens durchaus Potenzial für ein sogenanntes Bloggerstöckchen. Folge 1, 2 und 3 versteckt sich hinter den Zahlen.

Meine Personenbeschreibungen sind subjektiv, unvollständig und unwissenschaftlich, quasi homöopathisch aber auch in hoher Dosierung wohlwollend.


Sein Name ist Cabman, James Cabman. Erst lasen wir uns, dann kommentierten wir uns, schließlich schrieben wir uns. Mehr ist aber nie aus uns geworden, denn obwohl der Cabman viel in der Gegend rumfliegt, haben wir uns noch nie getroffen. Dem wollen wir jetzt Abhilfe schaffen in Form von sehr schönen Erkennungszeichen:



Seinen eigenen Button soll er ruhig selbst in den Kommentaren präsentieren, denn ich darf offiziell keine derartigen am Uniformrevers tragen. Mal sehen, ob wir uns wirklich begegnen, denn die Wahrscheinlichkeit ist nicht sonderlich groß. Sollte es dennoch eintreffen, wird das für andere Mitreisende wohl eine ziemlich merkwürdige Szene geben. Cab als Passagier eines Langstreckenfluges, am Fenster sitzend. Ich begrüße ihn, er sieht mich prüfend an, dann zieht er langsam seinen Button aus der Tasche, heftet ihn an's Revers. Ich, sichtlich erfreut, begrüße ihn als Cabman, stelle mich als Frau Klugscheisser vor, Nebensitzende sind spätestens jetzt etwas verunsichert, schielen verlegen zu uns herüber. Er verlangt nach meinem Erkennungszeichen, weitere Passagiere vermuten einen Geheimbund, Sektenzugehörigkeit oder Undercoveragenten, ein anderer wedelt mit einer Eintrittskarte seiner letzten Swingerparty. So oder ähnlich wird das mit Sicherheit ablaufen.

Cabman schreibt über seine Erlebnisse unterwegs auf durchweg humorige und unterhaltsame Weise - sein Stil erinnert mich an Frau Novemberregen oder andersrum. Damals wusste er die Vorzüge des Bloggens durchaus für seine Zwecke einzusetzen. Man könnte ihn auch als den Bandini von blogger.de bezeichnen. Jedenfalls schien die Liaison mit einer anderen Bloggerin gerade beendet, da erreichte mich eine Mail. Wir schrieben ein bisschen hin und her, er aus dem Norden, ich aus dem Süden. Dann lernte er Cabwoman kennen und es wurde erst mal still im Blog. Als die Cabkids da waren, schrieb er gelegentlich über Ausflüge oder Heimwerkercontent, manchmal über Schweden, immer sehr unterhaltsam und immer ziemlich ausführlich, fügte Bildmaterial ein, kommentierte aber hier fast gar nicht mehr. Schade eigentlich. Ich fand den Austausch immer witzig und geistreich. Aus seinen Texten entnehme ich, dass er ebenfalls die Zufallsbegegnungen schätzt, gelegentlich suchen sie auch ihn. Man erlebt ja so einiges, wenn man ständig unterwegs ist.

Inzwischen ist es in seinen Kommentaren ruhig geworden. Ich vermute, das Bloggen ist unterwegs für ihn Ablenkung und Zeitvertreib, wie es für andere Pokemon oder Candy Crush sind. Man kommt zudem in die Jahre, hat nach Arbeit und Familie nicht mehr so viele Nebenschauplätze. Das ist das Gruselige am Älterwerden.
Damals im Blog war er ein kleiner Revoluzzer, hat mich und andere - entgegen der damals üblichen Etikette - geduzt. Ihm habe ich das verziehen, wofür ich fremde Kommentierende angepampt habe. Er war nämlich sonst sehr höflich und immer für einen kleinen Plausch zu haben. Leider kann ich nicht alle Kommentare eroieren, die Suchmaschine sucht nur im Text verwendete Worte - also Cab oder Cabman - und nicht nach Autorennamen. So bin ich für die letzten zwei Stunden ganz tief in die eigene Vergangenheit getaucht und habe mich wieder über den ein oder anderen Kommentar amüsiert.

Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann dass er wieder in höherer Frequenz kürzere Erlebnisberichte bloggt. Die Fee hatte aber gerade nur einen Wunsch dabei, den ich wohl vernünftiger anlegen sollte. Machenses gut Cabman und nicht vergessen: Flugpersonal mag Dich, wenn Du sie gut behandelst (weiterführende Informationen über das idealtypische Verhalten auf Flugreisen sind aus diesem Blog zu beziehen).

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Dienstag, 22. Oktober 2019
Clueless
Liebes Tagebuch, heute wollte ich mal meine alte Wohnung bei myblog besuchen, habe aber leider den Schlüssel verloren. Der Schlüsseldienst versprach, mir Hilfe in Form eines neuen Passwortes zu senden. Leider ist er nie bei mir angekommen, obwohl ich die richtige Adresse angegeben habe. Möglicherweise komme ich jetzt nicht mehr an meine alten Sachen. Vielleicht hat die der Hausherr auch schon verschachert, wer weiß. Ein bisschen melancholisch macht mich das schon. Oder gibt es da noch eine andere Möglichkeit, wie ich wieder Zugang bekomme?

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Montag, 21. Oktober 2019
Coming Home IV
Der Countdown läuft.
Folge 1 war Gaga gewidmet, 2 für die Kaltmamsell und Herrn Rau. Die neue Folge meiner Bloggeraudatio kommt hier.
Meine Personenbeschreibungen sind dabei hochgradig subjektiv, unvollständig und von meinem Erleben geprägt, was zwar unter Subjektivität läuft aber noch einmal deutlich hervorgehoben werden soll.

Kennen Sie den Herrn Kid? Nein, nicht den Sundance, den vom Clouddance. Also den vom Hermetischen Café.



Da oben ist ihm gerade Technisches in's Auge gefallen. Ausserdem interessiert er sich noch für Ringelstrümpfe, tote Tiere, Wrestling und Feinkunst. Kürzlich war er in New York. Das ist aber eine Ausnahme, denn sonst verbringt er seine Urlaube gerne in Wien, Berlin oder am Fenster seiner Wohnung am Kanal. Die Bilder davon sind meistens ein bisschen düster, melancholisch, wie überhaupt alles in seinem Café. Fast könnte man meinen, der Herr sei etwas arg missmutig, wenn da nicht gleichzeitig eine Prise Humor in Form von Selbstironie mitschwänge. Kleine Seitenhiebe sind immer in feine Worte verpackt, ganz so, als ob man jemanden mit einer Schwimmnudel haut. Aus der Reserve locken ihn indes spezielle Kunstmagazine und Bücher, auch Musik von Siouxsie and the Banshees oder Florence+The Machine etc. und Fotografien - eben vieles aus längst vergangenen Tagen.

Die wohlgeformten Sätze, die Wortwahl, sie verraten einen Ästheten, einen Freund der schönen Künste generell, der vom Destruktiven, Demolierten angezogen scheint. Ich kann vieles nur schwer nachvollziehen, manches stößt ab, manches macht neugierig. Insgesamt haben wir nur eine geringe Schnittmenge, was die Interessen anbelangt. Umso erstaunlicher ist es, dass wir uns schon so lange lesen. Ich hab's bereits erwähnt - er war einer der ersten bekannten Blogger, der in meinem damalig bei myblog frisch angelegten Blog kommentierte. Schon alleine deswegen blieb ich ihm treu. Einmal sind wir sogar für ein paar Tage gemeinsam nach Wien gereist. Eine denkwürdige Reise, in jeglicher Hinsicht.

Was mir immer wieder an Kid auffällt, ist die Angewohnheit, sich selbst zu degradieren, sich als minderwertig darzustellen und sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Ich weiß nicht, ob das nur eine Masche ist, befürchte aber, es bleibt bei aller Selbstironie innendrin was hängen. Das hat er weder verdient noch nötig. Der Kid, das ist einer von den Guten, der würde eine Eintagsfliege zwei Wochen pflegen, nur um sie am Leben zu halten und sie nach ihrem Tod präparieren und katalogisieren, damit sie nicht in Vergessenheit gerät. Vielleicht ist es die eigene Sterblichkeit, die seine Faszination am Vergänglichen antreibt, vielleicht auch eine andere Erfahrung aus seinem reichen Leben. Obwohl er ab und an (Fake!)Bilder der Verwandtschaft in seinem Blog zeigt oder über sein Leben fabuliert, kann man ihn grundsätzlich als hermetisch bezeichnen. Die Frage aller Frage lautet: wieso um alles in der Welt 37? Wir werden es wohl nie erfahren.



So lange wir noch leben schreiben, freue ich mich über seine Kommentare - hier und anderswo.

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Samstag, 19. Oktober 2019
Coming Home III
Der Countdown läuft.
Folge 1 war Gaga gewidmet, die nächste Folge meiner Laudatio auf Blogger lesen sie hier. Als Warnung weise ich darauf hin, dass meine Personenbeschreibungen hochgradig subjektiv, unvollständig und von meinem Erleben geprägt sind, was zwar unter Subjektivität läuft aber noch einmal deutlich hervorgehoben werden soll.

Wenn ich an einem freien Tag morgens aufstehe - das ist für andere zu nachtschlafender Zeit - und meine gewohnten Internetpfade absurfe, schaue ich immer als erstes, ob die Kaltmamsell bereits gebloggt hat. Manchmal muss ich noch ein bisschen warten aber spätestens um 7 hat sie verlässlich in ihr Tagebuch geschrieben. Sie berichtet von ihrem Tag, von Vorkommnissen aber auch den Gedanken, die hiervon angestoßen wurden. Viele Links zu Artikeln oder anderen Schreibenden führen mich auf neue Pfade und in neue Gedankenwelten. Das mag ich sehr, denn mein Hirn verlangt ständig nach Futter, am liebsten aussergewöhnliches, interessantes, gut geschriebenes und unübliches Futter. Man wird sich selbst auf Dauer gern ein bisserl fad. Noch lieber als die Hinweise sind mir aber die ganz persönlichen Gedanken, die kleinen Begebenheiten, die bei einem Treffen unter den Tisch fallen würden, weil man sich oft nur auf das Denkwürdige, Andersartige oder Erlebnisreiche konzentriert und meint, so Alltag hätte doch jeder, das bräuchte man nicht erwähnen. Dabei sind's genau diese Alltäglichkeiten - aufstehen, arbeiten, kleine oder große Hindernisse bewältigen, Gedanken dazu haben, Routine verfolgen, essen und schlafen - die uns zeigen, dass sich bei anderen alles genauso abspielt, dass so Leben stattfindet und dass wir uns sehr gleichen. Manchmal finden dann doch Ereignisse statt, die aus der Reihe des Gewöhnlichen fallen und die Routine ein bisschen durcheinanderwirbeln - sozusagen die Schneekugeln des Lebens.


©Smilla Dankert

Solch ein schönes Ereignis war die Feier des Rosentages im Mai. Ich denke immer wieder an das Fest, schaue mir Fotos an oder lese ein paar Einträge. Es war natürlich nicht das erste Mal, dass ich die Kaltmamsell und Herrn Rau persönlich traf. Wir kannten uns schon von der Ersten Münchner Bloglesung. Auch bei der zweiten und dritten waren beide - lesend oder unterstützend aber immer voll - dabei. Beide fand ich immer schon sympathisch bodenständig und wollte den Kontakt gerne aufrechterhalten. Gelungen ist uns das dann erst später. Am Anfang wusste ich nicht, dass die Zwei miteinander verbandelt sind, denn die Kaltmamsell schrieb immer von ihrem Mitbewohner oder dem Herrn Kaltmamsell und Herr Rau von Frau Rau. Auf ihn bin ich aber erst später gestoßen.

In Natura ist die Kaltmamsell sehr lebendig temperamentvoll, fröhlich und wohlwollend offen Fremden gegenüber - ein bisschen im Gegensatz zu ihren Texten, in denen sie sich selbst oft negativer darstellt und einen Einblick in gelegentlich gar nicht so fröhliche Tiefen gewährt. Manchmal wünschte ich, sie wäre sich selbst gegenüber so verzeihend und gütig wie sie es bei anderen ist. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das nicht so leicht ist und dadurch der Alltag um so vieles schwerer wird. Ihr stärkste Trigger ist alles was mit Esoterik im weitesten Sinne zu tun hat. Kommentierende können sie mit einer homöopathischen Bemerkung oder einem Hinweis auf wissenschaftlich unbewiesene Zusammenhänge in ungeahnte Gegenwehr katapultieren. Geneigte Leser wissen genau, welche Themen in ihrem Blog tunlichst zu vermeiden sind, und der ein oder andere Unwissende fängt sich da schon mal eine verbale Watschn ein. Dafür hat sie bei anderen Themen stets ein offenes Ohr.

Sie berichtet über Literatur, Kino, Restaurants, Kochen & Backen, wobei auch Diäten ein sensibles Thema sind. Wer bei Beschreibungen vom Wandern oder Joggen erwähnt, diese Wege selbst als Radfahrer zu benutzen, hat bei ihr verloren. Rücksichtslosigkeit mag sie genauso wenig wie Regelverstöße im Straßenverkehr. Als Radfahrerin steigt sie nämlich auf Gehwegen ab. Dass ihr Temperament manchmal mit ihr durchgeht, macht sie greifbar und menschlich, obwohl sie sich dafür selbst stark verurteilt. Durch polnisch-spanische Wurzeln geprägt, kennt sie die Probleme, mit denen Einwanderungskinder zu kämpfen haben und liefert Einblicke in das Leben anderer Kulturkreise oder Gesellschaftsschichten. Als Frau liefert die Kaltmamsell owohl interessante Beobachtungen zur Geschlechterrolle als auch Gedanken zu deren natürlichen Implikationen. Vorsicht ist beim Thema Weiblichkeit geboten, wenn der schmale Grad in Richtung Reduzierung auf Äusserlichkeiten und Instrumentalisierung überschritten wird. Sie hat mir durch so viele Impulse den Feminismus näher gebracht.

Die Reizthemen und Reaktionen der Kaltmamsell zeigen im Grunde genommen nur, dass sie sich ein Miteinander wünscht, bei dem jeder - auch sie selbst - sein darf und alles nebeneinander existiern kann. Die Regeln müssen dazu natürlich eingehalten werden. Und Regel Nummer eins lautet nunmal keinen Anderen mit dem eigenen Verhalten einzuschränken oder ungefragte Ratschläge zu geben. Dass dann Diskussionen gelegentlich aus dem Ruder laufen, ist normal. Wer lässt sich schon widerspruchslos vor die Wohnungstüre kacken? Tief innen aber ist sie ein Lamm, das sich vom Wolf der Selbstkritik regelmäßig reissen lässt. Eine ganz wunderbare und seltene unter vielen Gaben der einstigen Gewinnerin des Goldenen Blogawards, ist, dass sie anderen ihr Glück nicht nur gönnen kann, sie feiert es auch und empfindet gleichzeitig tief das Leid ihrer Mitmenschen.


Foto @Smilla Dankert

Herr Rau ist die technische Fee der Vorspeisenplatte und wird oft als gute Seele dort erwähnt. Er selbst schreibt im Lehrerzimmer über seinen Alltag, Rollenspiele, Informatik und beruflich Fachliches. Manches ist mir ein bisschen zu speziell, zu informatiklastig, wobei er aber so erklären kann, dass es auch ein Laie versteht. Herr Rau ist ein sehr feiner Mensch, der sich gerne - wie oben zu sehen - ungewöhnlich kleidet und möge es mir verzeihen, hier in einem Eintrag zusammen mit seiner Frau genannt zu werden. Über 25 Jahre sind sie zusammengewachsen, ohne jedoch ihre Eigen-
ständigkeit zu vernachlässigen und gehen sehr umsichtig und fürsorgend miteinander um. Im Hintergrund gefällt's ihm ganz gut, dem Herrn, und manchmal braucht er einen Stups, damit er im echten Leben von sich erzählt oder was macht, das ihn in's Zentrum des Geschehens rückt. Dabei hat er durchaus was zu erzählen, denn seine Worte und Schilderungen sind durchdacht, seine Ausführungen mit einer Prise Humor untermalt und nie langweilig. Als Chefkoch im Hause Kaltmamsell experimentiert er mit Zutaten, kümmert sich um die Einkäufe und organisiert auch mal eine Minibloggerverköstigung vom Ernteanteil. Eigentlich weiß ich viel zu wenig vom Herrn Rau, der bei extrovertierten Gegenüber sehr schnell in die Zuhörerrolle tritt. Vielleicht bräuchte es ein bisschen mehr Geduld meinerseits, vielleicht mehr Vertrauen oder Zeit von seiner Seite. Jedenfalls weiß ich nichts über seine Sorgen und Nöte, die er bestimmt auch hat. Da müsste man schon Sherlock Holmes heißen, um die ganzen kleinen Anmerkungen zwischen den Zeilen zu einem schlüssigen Gebilde zu formen.

Ich wünsche mir, beide noch oft und lange zu lesen. Meine Türe steht ihnen immer offen. Hoffentlich habe ich die Beiden jetzt nicht vergrault.

©Smilla Dankert

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Donnerstag, 17. Oktober 2019
No Surprise

Gestern war ich zu Gast bei einer Geburtstags-Überraschungsparty. Eigentlich ahnte der Jubilar bereits von der bevorstehenden Überraschung und hatte seinem Freund meine Telefonnummer zugespielt, indem er sein Handtelefon entsperrt auf dem Tisch ließ. Auch andere Dinge waren nicht so sehr vom Planer als vielmehr vom Jubilar selbst geplant, wie beispielsweise die Örtlichkeit und die Zusammensetzung des Kuchens. Ein geschickter Schachzug, wie ich finde. Der Planer indes hatte viel Freude am Umsetzen seiner angeblich eigenen Ideen und dem Gelingen der Überraschung, wie er über den Sammelkanal verlauten ließ. Das rührende an der Geschichte ist, dass er selbst nichts davon ahnte, wie sehr er in gewisser Weise manipuliert wurde. Der Freude des Geburtstagskindes tat dies keinen Abbruch. Am Ende waren alle glücklich.

Das Geschenk allerdings war eine Überraschung, denn damit hatte der Beschenkte nun wirklich nicht gerechnet. Er wollte einfach nur einen schönen Abend mit seinen Freunden verbringen. Dass dann sowohl Deko als auch etwas zum Auspacken präsentiert wurden, rührte ihn doch sehr. Das eigentliche Präsent befand sich in einem Umschlag, doch so ein Umschlag repräsentiert nicht gut. Also habe ich einen Karton aufgehübscht, ihn mit Luftfolie ausgestopft, damit man vorab schütteln kann und schließlich mit einer Schleife verschlossen. Die Spannung war beim Öffnen groß, die Überraschung noch größer.



Und schließlich waren alle sehr zufrieden, dass sie ihn doch noch überraschen konnten. Der Planer tat mir jedoch ein bisschen leid, denn er hätte sich sicher mehr über das ganze Gelingen seines Planes gefreut als einen Teilerfolg zu erhalten. Doch die Freude des Teilüberraschten machten das sicher wieder wett.


All das ließ mich wieder über die Sache nachdenken, wie viel mehr der Akt des Schenkens mit dem Gebenden als mit dem Beschenkten zu tun hat.

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Mittwoch, 16. Oktober 2019
Coming Home II
Der Countdown läuft. Im Zuge der 5000 habe ich bereits ein bisschen über meine Gäste (Kommentierende) geschrieben. Heute und über die nächsten 38 Tage möchte ich ein paar hervorheben und - natürlich sehr subjektiv - erklären, wieso ich bei ihnen ebenfalls gerne zu Gast bin. Das hat übrigens durchaus Potenzial für ein sogenanntes Bloggerstöckchen.


Foto: Gaga 2008

Gaga ist nicht nur eine hervorragende Fotografin, sie versteht es auch wie keine andere, sich selbst mit Wort & Bild in Szene zu setzen. Doch der virtuelle Eindruck täuscht. Sie ist keine Egozentrikerin, keine Selbstdarstellerin im herkömmlichen Sinne. Gaga drückt einfach nur aus, was sie denkt und fühlt. In echt wirkt sie zurückhaltend, fast ein wenig schüchtern und beherrscht die hohe Kunst der Hintergrunddominanz - eine Fertigkeit, die guten Fotografierenden gemein ist.

So Gaga wie ihr Name prophezeit, ist sie gar nicht. Ab und zu macht sie lustige Sachen, wie beispielsweise Stummfilme drehen oder in einer Radiosendung auftreten, Literarisches vortragen oder MRT Selfies veröffentlichen. Sie hat - wie ich - einen Faible für Grande Dames. So ehrte Sie Brigitte Bardot zu deren Geburtstag oder schrieb über Hildegard Knef und die, die sie persönlich kennengelernt hat. Es gibt aber auch andere Serien, in denen sie nur über alltägliche Begebenheiten schreibt - so im Goldenen Notizbuch.

Ich schätze die offene und ehrliche Weise in der sie schreibt. Manchmal entstehen daraus längere Unterhaltungen, in denen wir meist stark vom Thema abschweifen. Dann sitze ich daheim und warte auf eine Antwort hier oder bei ihr drüben, die nie lange auf sich warten lässt. Das ist ein bisschen wie zeitverzögertes Telefonieren, bei dem wir öffentlich abgehört werden, weil sich nie jemand anderer beteiligt. Und manchmal denke ich, wir sollten wirklich richtig miteinander sprechen, denn ich mag auch ihre dunkle, warme Stimme.

Seit gestern weiß ich nicht, ob da ein naher Verwandter gestorben ist oder die Ankündigung von Nick Caves Requiem nur dem Künstler huldigt. Ich möchte ungern stören, zumal ich keine Kontaktdaten mehr habe. Irgendwann werden wir aber unsere Unterhaltung fortsetzen, da bin ich sicher.

tbc.

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Sonntag, 13. Oktober 2019
Lying Down
Darf ich Sie mal eben auf einen kleinen Rundgang in die Crewgemächer einladen? Sie sehen hier den Ort, an den wir uns in unseren Pausen zurückziehen.



Was Sie nicht wirklich sehen, ist die räumliche Enge - ein Ärgernis für große Kollegen. Auf manchen Flugzeugen sind die Liegen so schmal und niedrig, dass Personen mit Hang zur Klaustrophobie nicht dort ruhen können. Die steilen Zugangstreppen werden nach unten von Kollegen gerne vorwärts genommen, was gelegentlich zum Fall führt. Dann landen sie meist vor oder auf dem ersten Bett - dem Bett der Kabinenleitung (also meins). Oder die Türe wird nicht richtig verriegelt und von Passagieren geöffnet, die dann schlaftrunken ihre Notdurft in's Dunkle verrichten. Als Münchenwohnhafte ist man ja diesbezüglich vieles gewöhnt und hinterfragt nichts, vor allem nicht in der Wiesnzeit.

Es gibt aber auch das Crewrest der Piloten. Das ist deutlich komfortabler und größer - hier von einem Vertreter der Gilde vorgestellt:



Die Erläuterungen sind ein bisschen irreführend. So stehen vorschriftsmäßig in jedem Crewrest Sauerstoffmasken und Notausrüstungsequipment zur Verfügung, nicht aber Entertainment. Das gibt's nur auf einigen wenigen Flugzeugen bzw. meist nur für die Cockpitbesatzung. Braucht's auch nicht, denn nach vielen Stunden Smalltalk und Gerenne möchte ich gerne die Augen und Ohren abschalten. Die Betten sind meist so hart, dass man nicht länger als zwei Stunden verweilen möchte - gerade lang genug, um die schmerzenden Beine und Füße zu entlasten. Und die Anschnallgurte, nun ja, es gibt Angestellte, die den nicht mehr schließen können. Denen kann aber bei Turbulenzen nicht so viel passieren, weil der Abstand zwischen Bauch und Decke nicht mehr sonderlich groß ist. Die Decken und Kissen sind übrigens auch nicht besonders kuschelig. In der Ankündigung des obigen Herrn klingt alles ein bisschen nach Hotelkomfort. In Fall der Kabinenangestellten handelt es sich eher so um Sarggemütlichkeit.

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Dienstag, 8. Oktober 2019
Who Let The Dogs Out
Da war diese ältere Dame mit dem Schäferhund - ein Servicehund offensichtlich, er trug ein Geschirr und hatte ein Zeugnis. Die Beiden sorgten bei allen Anwesenden für großen Aufruhr, denn der Hund war einerseits sehr groß und sollte andererseits in der Kabine reisen. Normalerweise werden Hunde dieser Größenordnung in speziellen Behältnissen im Frachtraum befördert. Das war auch der ursprüngliche Plan seiner Besitzerin. Doch Beförderungsvorschriften für die Größe des Behältnisses, das für den Hund laut Mitarbeitern zu klein war, machten diesen Plan zunichte. So tauchte er bei uns auf und sollte seinen Platz zu Füßen der Dame einnehmen, wofür er eigentlich auch zu groß schien. Die Dame war sehr aufgebracht, denn sie hatte von dieser Vorschrift an jenem Tag zum ersten Mal gehört, obwohl sie ihren Hund in der Vergangenheit doch schon öfter in selbigem Behältnis den Frachtverantwortlichen ohne weitere Einwände übergeben konnte. Eine gewisse Unsicherheit über die neue Beförderungssituation ließ sie noch aufgeregter sein, als sie ohnehin war.

Nun muss man wissen, dass auch die Beförderung in der Kabine strengen Regeln unterliegt. Während in anderen Ländern selbst Ponies zur emotionalen Unterstützung zu Füßen des hilfsbedürftigen Gastes liegen dürfen, beschränkt sich unser Recht auf Hunde und Katzen einer bestimmten Größe. Das liegt schlicht am Platzmangel und den Rechten weiterer, nebensitzender Passagiere. Dem Hund schien das alles herzlich egal zu sein. Er wirkte lethargisch und mehr um seine einknickenden Hinterläufe bemüht als um die Halterin, die sich selbst auf sein Geschirr zu stützen schien. Dies wiederum führte zu großer Aufruhr unter den Kolleginnen. So berichtete eine, der Hund wäre nicht in Ordnung, man solle doch das Tier von der Beförderung ausschließen und bitteschön dem Veterinär vorstellen, eine andere bat für eine Begutachtung ihre Erfahrung als Tierarztpraktikantin an, was nun wiederum mich staunend und ratlos zurückließ. Wie erklärt man besorgten Kolleginnen, dass der Beförderungsausschluß eines Servicehundes zur berechtigten Klage gegen die Firma führt? Wie erhält man das gute Arbeitsklima, wenn die allgemeine Verantwortung in erster Linie gegenüber den Passagieren gilt, nicht aber für mitgeführte Tiere?

Schließlich brachten wir das Tier in einer Mittelreihe auf dem Boden zum Liegen. Der Halterin standen dadurch drei Plätze zur Verfügung. Gelegentlich ragte jedoch ein Hinterlauf, der Schwanz und nach ein paar Stunden der komplette hintere Hund in den Gang. Ich versuchte vorsichtig aber erfolglos dieses Hintere wieder in die Reihe zu schieben, denn im dunklen Gang bildete es eine Stolperquelle. Zudem wollte ich Verletzungen des Hundes vermeiden. Das Tier war aber um so viel schwerer als ein Gepäckstück, es ließ sich nicht schieben und musste durch die Besitzerin per Zuruf wieder zum Nachrücken gebracht werden. Eine halbe Stunde lag es dann in der neuen Position. Wir besserten fortan halbstündig nach. Ein Passagier wäre mir in vergleichbarer Situation beim zweiten Mal wahrscheinlich an den Hals gesprungen, der Hund aber schien über alle Maßen geduldig.

Am Ende des Fluges informierte ich den Betreuungsdienst über die ungewöhnliche Situation. Der bereitgestellte Rollstuhl sei möglicherweise mehr für das Tier als die Dame, was den Herrn Betreuer wiederum ratlos zurückließ. Wie der Hund dann mit schwachen Hinterläufen zum Ausgang lief, wurde uns klar, dass es sich nicht um ein körperliches Gebrechen, sondern vielmehr um die Folgen der Narkose handelte. Das Tier war ja ursprünglich für den Transport im Frachtraum sediert worden. So klärten sich auf einen Schlag alle Fragen und Zweifel. Obwohl sich die Hündin bedingt durch Vorschriften für viele Stunden in einer recht misslichen Lage befand, hatte sie sich vorbildlich benommen. Zehn Stunden ohne Toilettengang, das soll erst mal ein anderer Fluggast nachmachen. Und ich empfand tiefes Mitgefühl, denn das Gangbild des Tieres glich zu diesem Zeitpunkt durch die eingeschränkte Benutzbarkeit der Hüftgelenke dem meinen doch mehr als gewöhnlich.

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Freitag, 4. Oktober 2019
Disappointed


Ehrlich gesagt finde ich keinen passenden ersten Satz für diesen Eintrag. Ähnlich wird's mir mit dem Schluss gehen. Was dazwischen folgt, ist ein Rant auf Umstände, die es mir schwer machen, mich auf meine Weise zu entfalten und zu entwickeln.

Über das vergangene Jahr habe ich mich mehrfach für die unterschiedlichsten Zusatzaufgaben innerhalb meiner Firma beworben. Es waren Aufgaben im Lehr- und Führungsbereich dabei und solche, die Veränderung und Repräsentation sowie Innovation beinhalteten, Für jede einzelne Bewerbung erhielt ich eine Absage. Die Gründe waren vielfältig, das Ergebnis dasselbe. Meine Arbeit macht mir Spaß, doch suche ich immer nach neuen Herausforderungen. Ich war von Anfang an für diesen Job überqualifiziert und mein letztes Studium hat dazu nur beigetragen. Die einen fühlen sich in ihrem Bereich durch mich bedroht, die anderen nicht genügend repräsentiert. Ich passe in kein herkömmliches Schema. Doch statt die neue, innovative Seite der Veränderung umzusetzen, beobachte ich täglich, wie gerade Andersdenkende ängstlich in ihre Schranken verwiesen werden.

So bleibt mir nichts als neue Wege zu beschreiten, die sehr wahrscheinlich nebenberuflich und selbständig aussehen werden. Mehr weiß ich gerade nicht. Nur eines: ich bin sehr, sehr enttäuscht.

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