Dienstag, 30. Mai 2006
Die musikalische Reise - Teil 12
Von weiter Ferne dringt der Ton der Türglocke in ihr Bewusstsein. Langsam öffnet sie die Augen, beginnt damit die Zimmerdecke abzutasten. Nach und nach erinnert sie sich: San Francisco, die Heimreise, ihr Professor. All das scheint plötzlich so unwirklich zu sein. Sie weiß nicht, wie lange sie so auf dem Boden im Flur gelegen hat. Noch fühlt sie sich zu schwach, um sich aufzusetzen. Ihre Hände spüren Nässe neben dem Körper, die ihre Kleidung durchdringt. Über die Schulter rollt sie sich zur Seite, zieht die Beine an und stützt sich auf einen Arm. Der Inhalt ihrer Blase breitet sich in einer Pfütze unter ihr auf dem Parkett aus. Es muss eine tiefe Ohnmacht gewesen sein. Plötzlich beginnen Tränen wie aus dem Nichts aus ihren Augen zu quellen. Ein tiefes Seufzen packt ihren Körper, wächst zu einem Schrei an und schüttelt ihn. Sie rappelt sich heulend auf, um im Badezimmer die nassen Kleider auszuziehen. Dann lässt sie Wasser in die Wanne einlaufen. Während sie zitternd auf dem Rand der Wanne sitzt, zieht ein Band von Bildern aus ihrer Erinnerung durch ihren Kopf. Die letzte Begegnung, der Wettbewerb, das Mozartkonzert. Sie hatte nicht einmal Gelegenheit, mit ihm den Sieg zu feiern. Als sie ihn anrief, um vom Wettbewerb zu berichten, war er für seine Verhältnisse fast ausgelassen. Sie hat für ihn gewonnen, wollte seine Anerkennung, die er meist zurückhielt, um sie nur noch mehr anzuspornen. „Das hast Du verdient. Ich habe es Dir sehr gewünscht und freue mich für Dich.“ Seine letzten an sie gerichteten Worte sickern in die Hirnrinde und brennen sich dort ein. Jemand behauptete einst, erst wenn die Eltern gestorben seien, würde man erwachsen. Der Professor war für sie immer mehr als Vater und Mutter. Sie brauchte ihn nicht mehr für ihre musikalische Entwicklung, wusste sie doch, was sie zu tun hatte, wie zu arbeiten und kannte seine Worte schon bevor er sie aussprach. Dennoch war er für sie immer eine wichtige Bezugsperson, ein Freund und Berater. Jetzt ist sie auf sich allein gestellt. Nicht wie in einem Konzert, in dem sie ebenfalls ganz alleine am Flügel sitzt. Diese Art der Einsamkeit kann sie mit Klängen füllen. Es ist ein Gefühl, als ob sie ohne Netz mitten auf einem Seil über den Abgrund balanciert. Jeden Moment kann sie in die Tiefe stürzen. Selbst wenn sie die Plattform am anderen Ende erreicht, kann sie das Erlebte mit niemandem teilen. Der, der das Seil und den Abgrund nur zu gut kennt, ist nicht mehr. Das Läuten des Telefons reißt sie aus ihren Gedanken. Sie mag jetzt mit keinem sprechen. Stattdessen taucht sie einen Fuß in das Wasser, zieht den anderen nach und senkt sich in die Wanne. Das warme Wasser, das ihren Körper umhüllt, gibt ihr in solchen Situationen das Gefühl von Geborgenheit. Vom Flur hört sie eine Stimme auf den Anrufbeantworter sprechen. Man teilt ihr mit, wann die Beerdigung sein wird und fragt, ob bei ihr alles in Ordnung wäre. Selten war so vieles in Unordnung in ihrem Leben wie jetzt. Sie weiß nicht, ob sie auf die Beerdigung gehen wird. Da ist diese Konzertverpflichtung in Rom. Nein, die ließe sich auch verschieben. Viel mehr als das ist es die Angst vor der Endgültigkeit, die sie jegliche Gedanken an die Beisetzung vermeiden lässt. Noch ist sie nicht bereit, zu nahe ist der Mensch, der verabschiedet wird. Sie möchte ihn gerne am Leben halten, glauben, dass alles nur ein böser Traum war.

Am Nachmittag ruft sie in der Agentur an. Ja, man habe vom Tod ihres Lehrers gehört. Ob sie nicht dennoch nach Rom fahren möchte. Falls nicht, würde für Ersatz gesorgt. Als nächstes telefoniert sie mit der Frau des Lehrers. Die entgegnete Verzweiflung schnürt ihr den Hals zu. Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Passende Worte scheint es in solch einer Situation nicht zu geben. Da ist kein Raum für formulierte Gedanken. Beide weinen leise am Telefon. Dann verspricht sie, am nächsten Tag vorbeizukommen. Als sie den Hörer auf die Gabel senkt, fällt ihr Blick auf ein Foto aus längst vergessenen Tagen. Ein junges Mädchen sitzt darauf am Klavier, die Augen auf die Tastatur gerichtet. Daneben der Lehrer, der ihr Tun mit wohlwollendem Gesichtsausdruck verfolgt. Das Bild steht in einem Rahmen auf dem kleinen Tischchen im Flur. Manchmal war sie sich nicht sicher, ob sie weitermachen soll. In solchen Momenten betrachtete sie das Foto und wusste augenblicklich, dass ihre Wahl die Richtige war. Dieser Mann war zu einer Art Vaterersatz für sie geworden. Von ihrem Vater hat sie kaum Aufmerksamkeit bekommen. Er wusste oft nicht einmal, ob sie verreist war oder nur bei einer Freundin übernachtete. Als sie von Zuhause wegging, drückte er ihr einen Scheck in die Hand. Er hätte ihr auch eine Ohrfeige geben können, für sie wäre da kein Unterschied gewesen. Alles, was sie jemals von ihm wollte, war seine Aufmerksamkeit und Zuwendung. Auf ihren Konzerten glänzte er mit Abwesenheit. Einzig wenn sie für geladene Gäste im Haus spielen sollte, war er da. Nicht dass er ihr zuhörte. Seine Gedanken drehten sich meist um Geschäftliches. Während sie mit Tönen spielte, spielte er mit Zahlen und Worten. Sie leben in zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein können. Alles, was er ihr nicht geben konnte, hat sie sich im Laufe der Zeit von ihrem Mentor geholt. Dieser Mann schenkte ihr ungeteilte Aufmerksamkeit, hatte immer ein offenes Ohr für ihre kleinen Alltagssorgen und setzte sich mit ihren Gedanken und Worten auseinander. Die Diskussionen waren niemals bösartig, sondern eher konstruktiv. Dennoch war sie manchmal wütend auf ihn. Mit seinem Wissen gab er ihr manchmal das Gefühl, ein Kind zu sein. Dabei wollte sie ihm doch beweisen, wie sehr sie verstand, was er meinte. Sie wollte es in Klang umsetzen und ihm zeigen, dass sie seine Anforderungen zu erfüllen bereit ist. Später wurden die Auseinandersetzungen weniger. Er wusste, dass sie wusste, was zu tun sei. Nur ab und zu stupste er sie in eine Richtung, wenn sie sich an der Weggabelung nicht entscheiden konnte. Meistens behielt er damit Recht, zuletzt bei der Entscheidung um das Stück für das Wettbewerbsfinale.

Sie setzt sich an den Flügel und schlägt die Noten zu Chopins zweiter Sonate auf. Die Finger mögen die Tasten nicht berühren. Zwischen ihren Händen und der Tastatur scheint eine unsichtbare Scheibe zu liegen. Die Haut fühlt sich an, als ob sie dicke Handschuhe aus Glaswolle trüge. Auf den Handinnenflächen haben sich rote Stellen mit kleinen Bläschen gebildet. Vielleicht war das Badewasser zu heiß oder sie reagiert auf irgendetwas allergisch. Jedenfalls muss sie morgen deswegen unbedingt einen Arzt konsultieren. So kann sie nicht musizieren, allenfalls unkoordiniert auf die Tasten einhämmern. Tränen laufen über ihre Wangen, als sie ihre Hände betrachtet. So sitzt sie eine unbestimmte Weile regungslos vor dem Notenblatt mit Chopins bekanntestem Werk, dem Trauermarsch.

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Freitag, 26. Mai 2006
Die musikalische Reise - Teil 11
Der vergangene Abend nach dem Konzert war kurz. Nach einer unbeschlafenen Nacht packte sie eilig, verließ das Hotel in einem Taxi zum Flughafen und holte nicht nur den Schlaf, sondern auch das Träumen im Flieger nach. Früh am Morgen landet sie in München. Das Tageslicht fühlt sich unwirklich an, lässt sie schlafwandlerisch durch eine imaginäre Landschaft schreiten. Von oben hat sie bereits die blühenden Rapsfelder bestaunt – versprenkelt gelbe Vierecke in der so geometrisch sortierten Landschaft. Kein einziger Fleck dieser Landschaft ist von Menschenhand unberührt. Dieser Gedanke lässt sie melancholisch werden. Vielleicht ist es aber auch die Tatsache, dass sie Californien verlassen hat, ohne sich zu verabschieden. Die Nacht war die nächste Variante einer ewig alten Sonate. Am morgen war sie wieder einmal mit einem Zettel auf dem Nachttisch allein. Lettern, die sie gerne zum Leben erweckt hätte, um sich davon wachküssen zu lassen. Wie sehr sie seine Art zu gehen hasste. Und nicht nur das, sie hasst das Gefühl, zu einem kleinen Mädchen zu regredieren, das gehalten und gestreichelt werden will. Lange hat sie dieses Gefühl in die hinterste Ecke ihres Herzens gedrängt, eingesperrt und verleugnet, hat sich einzureden versucht, wie unabhängig und erwachsen sie doch sei. Jetzt ist es wieder da. Sie hasst ihn dafür, wünscht ihm einen unheilbaren kratzenden Ausschlag an den Hals oder mindestens ein paar Eiterabszesse an Stirn und Gesäß. Bei diesem Gedanken muss sie schmunzeln. Ihr Plan schlug fehl. Dafür kann sie sich jetzt wieder auf sich und ihre Arbeit konzentrieren. Ab heute werden für unbestimmte Zeit tote Komponisten die einzigen Männer sein, die sie an sich heranlässt.

In Rom wird sie mit dem Orchester der Mailänder Scala debütieren. Wieder einmal Mozarts A-Dur Konzert. Sie war vor vielen Jahren mit ihren Eltern in Rom, hat Pantheon und Villa antiqua gesehen, das Kolosseum und die unzähligen Kirchen. Von einer Hügelstadt in die nächste, schießt es ihr durch den Kopf, als sie den Koffer abstellt, um die Wohnungstüre aufzusperren. Mit der Türe schiebt sie die Post zur Seite, die sich dahinter auf dem Boden stapelt. Rechnungen, Werbung, eine Postkarte ihrer Schülerin, eine Musikzeitschrift. Sie schaut nur flüchtig nach Absendern, bevor sie damit den Stapel auf ihrem Schreibtisch ein wenig vergrößert. Der Anrufbeantworter blinkt ungeduldig. Die Stimme ihrer Mutter ertönt. Worte wie friedlich eingeschlafen, Herz und tot hört sie durch den dicken Schleier aus Müdigkeit und Unverständnis. Diese Worte verwendet ihre Mutter in Kombination mit dem Namen ihres Professors. Ihr Mentor tot? Warum wurde sie nicht schon gestern informiert? Was ist passiert? Erst jetzt erinnert sie sich, dass sie im Flugzeug nicht erreichbar war. Ein Stechen, das sich durch ihren Körper zieht, lässt sie zucken. Ihr wird schlecht, dann schwindelig, schließlich geben die Beine nach. Wie in Zeitlupe sackt ihr Körper in sich zusammen.

Bin jetzt zwei Tage in der Stadt der Hügel. Danach geht es weiter. Liest hier noch einer mit?

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Donnerstag, 25. Mai 2006
Die musikalische Reise - Teil 10
Seine Küsse schmecken süß wie der Sommer, ein wenig nach Muskat und Zypressen mit einem Hauch von frischem Gras. Während seine Hände ihre Kleidung langsam abstreifen, lässt sie die ihren über seine Brust gleiten, dann zu seinen Hüften und auf seinen Po. Sie presst sich an ihn, um ihn mit allen Poren zu spüren, lässt ein wenig nach und reibt ihre Wange an seiner Schulter. Seine Finger kreisen um ihre Brustwarzen, streicheln und necken so lange, bis sie hart werden. Dann beginnt er sie erneut auf den Hals zu küssen, den sie mit dem Kopf weit nach hinten beugt. Er dirigiert sie langsam durch den Raum und drückt sie sanft auf das Bett. Dann entledigt er sich seiner restlichen Kleidung, während sie auf dem Rücken liegend wartet. Sie hält die Augen geschlossen, möchte seine Berührungen in sich aufsaugen und ihnen mit allen Sinnen folgen. Als sie seinen Atem auf ihrem Bauch spürt, atmet sie tief aus. Bald werden seine Hände das tun, was sie so sehr liebt, was sie in Verzückung geraten und sie wünschen lässt, es würde niemals enden. Ohne zu schauen weiß sie, dass er sie betrachtet. Dann senkt sich sein Kopf in ihren Schoß. Sie reckt sich ihm entgegen, biegt dafür ihren Rücken hohl und spannt sämtliche Muskeln an. Seine Finger suchen den Weg zu ihrem empfindlichsten Punkt, streifen langsam durch ihre Lippen und versinken in ihrem Inneren. Ein leises Stöhnen entfährt ihrem Mund. Er hat ihr Lustzentrum gefunden, umkreist sanft mit den Fingern den Punkt und gleitet über ihre Feuchtigkeit. Mit den Beinen umschlingt sie seine Körpermitte. „Komm her“ flüstert sie in das gedämpfte Licht, das ihre Augen durch die halb geöffneten Lider erreicht. Langsam zieht er sich neben ihr empor und streift mit seiner Erektion an ihrem Bein entlang. Sie greift danach und beginnt, ihn zu massieren, während er ihre Brust mit der Zunge umspielt und schließlich daran saugt. Seine Hand wandert wieder in ihren Schritt. Als sie ihn entlässt, sucht er seinen Weg in ihren Schoß. Während er in sie eindringt, bleiben seine Finger auf ihrem Lustpunkt. Seine Bewegungen, erst langsam, dann immer drängender übertragen sich auf die Hand, die es sonst gewohnt ist, den Bogen über das Instrument zu führen. Sie beginnt innerlich zu klingen, erst tief, dann immer höher, bis der Oktavsprung auch über die Stimmbänder hörbar wird. Sein Atem acceleriert mit den Bewegungen, die sie gänzlich ausfüllen. Die Melodie wird immer schneller, der Rhythmus treibender, bis sie schließlich dem Höhepunkt im lauten Fortissimo entgegen eilt. Jede Faser ihres Körpers spielt nun im Unisono die lange antizipierte Phrase, die sich bereits durch zahllose Variationen entwickelte und sich doch immer neu kreiert. Endlich haben beide Themen nach der Durchführung zueinander gefunden, um gemeinsam der Coda entgegenzugehen. Sein verschwitzter Körper sinkt auf den ihren. Eine Weile hält sie ihn noch fest, bevor sie die Augen öffnet.. Sie möchte ihn nicht loslassen, ihn immer in sich halten und den Moment zu einer Ewigkeit dehnen. Noch hat kein Klatschen die verhallenden Klänge durchschnitten. Der Applaus lässt auf sich warten. Das ist der schönste Moment eines Konzertes: die spannungsvolle Stille, nachdem der letzte Ton verklungen ist. Draußen beginnt der Morgen. Vereinzelte Vogelstimmen vermischen sich mit dem Geräusch vorbeifahrender Autos. Hie und da hört sie in der Ferne die jaulende Sirene eines Rettungsfahrzeuges. Der Applaus hat eingesetzt.

Als sie die Augen öffnet, ist es bereits hell. Der Platz neben ihr ist leer, die Decke zurückgeschlagen. Hat sie am Ende alles nur geträumt? Mit einem kurzen Blick stellt sie fest, dass sie sich in seinem Zimmer, in seinem Bett befindet. Nein, er ist nur – wie meistens – vor ihr aufgewacht und geflüchtet. Sie schlüpft aus den Laken, sammelt ihre Kleider ein und macht sich auf den Weg in ihr eigenes Zimmer, nachdem sie sich angezogen hat. Ein bitterer Geschmack liegt ihr auf der Zunge. Es ist das Gift der letzten Nacht, das ihren Mund füllt und den Hals kratzt. Das Gift braucht lange, um eine Seele zu töten. Wenn sie nicht aufpasst, wird sie irgendwann daran sterben und doch ist sie süchtig danach. Heute Abend wird sie mit ihm konzertieren und anschließend heim fliegen. So lange braucht die Sehnsucht, um über jedes noch so kleine Haargefäß ihren Körper zu fluten und schließlich taub werden zu lassen. Sie weiß nicht, wie viel Zeit ihr noch bleibt, bevor sie ihm endgültig verfallen ist. Was sie weiß, ist, dass er sich ihr nie versprechen wird. Sie wird ihn nie alleine für sich haben. Die Position neben seinem Instrument, dem Publikum und den weiblichen Bewunderern will sie nicht einnehmen. Dann lieber alleine sein. Sie hat ja selbst ein Instrument, ein Publikum und Bewunderer. Und sie hat sich. In diesem Augenblick erscheint ihr all das allerdings als ein schwacher Ersatz.

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Mittwoch, 24. Mai 2006
Die musikalische Reise - Teil 9
„Brahms also“ sagt sie gedankenverloren, während sie die Noten auf der Ablage zurechtrückt. „Muss nicht sein“ er steht direkt hinter ihr, während er die Worte formuliert, die mehr sagen als der Inhalt vermuten lässt. Seine Hände liegen auf ihren Schultern. Im Rücken spürt sie den Reißverschluss seiner Hose und die dahinter verborgene Männlichkeit. Ihr Kopf kippt kurz nach hinten gegen seinen Bauch, der Hals will sich in seine Hände schmiegen. Dann richtet sie sich mit einem Ruck auf. „Komm schon, nimm dein verdammtes Instrument zwischen die Beine!“ Sie ist wütend auf ihre momentane Schwäche, will die für die Musik aufbewahren, zielgerichtet arbeiten. Dafür ist sie hier, nicht für Plänkeleien. Er setzt sich auf den Stuhl in der Mulde des Flügels, nimmt den Bogen mit der rechten Hand vom Instrument und beginnt ihn zu spannen. „Willst du weiter rumzicken oder können wir wie Erwachsene miteinander umgehen?“ Er wagt es, von Erwachsensein zu sprechen. Er, der nie bereit war, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen und stattdessen sein Leben lang spielen wird. Ihr Magen beginnt sich zusammenzuballen. „Erste Sonate, Beginn dritter Satz“ bellt sie knapp in seine Richtung. Ihre Finger schleudern ihm die Eingangsakkorde des Fugatos entgegen. Sein Einsatz verstreicht ungehört. „Das ist nicht mein Tempo. Nimm den Anfang ein wenig langsamer“. Sie beginnt von Neuem, diesmal in einem etwas langsameren Tempo. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, sich auf das Wesentliche konzentrieren. Nicht sie ist wichtig, sondern die Musik. Früher, als sie noch regelmäßig miteinander musizierten, wusste sie in jedem Augenblick, was in ihm vorging. Die Art wie er einatmete, wie er sich bewegte, zeigten ihr, was als nächstes kommen würde. Über Phrasierungen und Tempo brauchten sie nicht zu sprechen. Später waren genau das die unüberwindbaren Hindernisse, die sie getrennte musikalische Wege gehen ließen. Sie war nicht mehr bereit, seine Vorstellungen ungesehen zu teilen, weil sie eigene hatte. Die Proben wurden damals zur Qual. Endlosdiskussionen über Tempi, die Absicht des Komponisten und diverse Dynamikabstufungen machten sie mürbe. Sie wusste viel mehr über die Beschaffenheit der Musik als jeder Melodieinstrumentalist, der nur seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen schien. Sie hatte ihre Gefühle im Griff, lenkte sie in die vom Wissen freigegebenen Bahnen und war überzeugt von ihrem Tun. Das letztlich schlagende Argument war die Genialität seines Spiels. Wie konnte dieser Mann mit dieser Art zu denken so unglaublich berührend spielen? Als sie diesen inneren Konflikt nicht mehr ertrug, ging sie. In diesem Augenblick war er wieder präsent. Sie weiß genau, was er von ihr denkt. Nein, sie ist keine trockene Analytikerin, sie kann ebenso wie er Töne zum Leben erwecken, kann genießen und Bereiche der Seele zum Klingen bringen, die nicht mit Worten auszudrücken sind. Um ihm und sich dies zu beweisen war sie hier. Langsam beginnt die Musik zwischen ihnen zu fließen, erst langsam wie ein Zwiegespräch, dann mehr und mehr gleichzeitig, bis sie wieder zu der Einheit werden, die sie in der Nacht in New York für einige Sekunden waren. Langsam beginnt sie weich zu werden, doch diesmal kann sie es zulassen. Der Abstand zur Flügelmulde ist groß genug.


Es ist bereits dunkel, als sie den Probensaal verlassen. Sie fühlt sich erschöpft und leer. Morgen wird das erste Konzert im Gould Theater stattfinden. Die Vorraussetzungen sind gut. Das weiß sie seit den vergangenen drei Stunden. Während er ein Taxi ruft, schaut sie in den Himmel. Noch kann man einige Sterne sehen. „Lass uns zum Telegraph Hill fahren, ja?“ Seine Augen blicken sie überrascht an. „Wollen wir nicht essen?“, sagt er nach kurzem Zögern „hinterher können wir immer noch überlegen“. Hinterher wird sie nicht mehr die sein, die sie sich zu sein vorgenommen hat. Die Probe hat die Distanz zwischen ihnen schmelzen lassen. Das alte Gefühl ist wieder da. Während sie in den Wagen steigt, versucht sie sich an ihre Vorsätze zu erinnern. Alle Vernunft scheint wie Wolken weggeblasen. Bei diesem Gedanken seufzt sie unmerklich. Dann schmiegt sie sich auf dem Rücksitz in seinen Arm. Ein zärtlicher Kuss auf dem Ohr lässt sie auch den letzten Zweifel verdrängen. Morgen wird sie wieder die Starke sein, die Unnahbare, die nicht mit sich umspringen lässt. Dafür ist noch morgen Zeit. Heute mag sie nicht mehr kämpfen. Seine Finger gleiten durch ihr Haar, spielen mit einer einzelnen Strähne. Seine Lippen beginnen eine sanfte Reise von ihrem Hals zu ihrem Mund, werden drängender, bis sie die ihren zum Nachgeben fordern. Dabei streicht seine Hand über ihren Hals, das Schlüsselbein hinunter und stoppt auf ihrer Brust. „Nicht hier. Wir sind gleich im Hotel“ flüstert sie. Seine Hand will nicht ablassen, genauso wenig wie sein Mund, der sich jetzt in die Mulde am unteren Ende des Halses drückt. „Bitte Mischa, warte“. Just in diesem Augenblick hält das Taxi vor dem Eingang des Hotels. Er drückt sie noch einmal an sich, bevor sie aussteigen. An der Rezeption liegt ein Paket für sie. Das müssen die Kleider von zuhause sein, die sie bei ihrer Mutter geordert hat. Merkwürdig nur, dass kein Absender vermerkt ist. Sie klemmt das Paket unter den Arm und folgt ihm in den Aufzug. Die Türe schließt sich langsam. Sie sieht Lust in seinen Augen aufblitzen. Als er sie mit seinem Körper gegen die Spiegelwand drückt, zieht sie das Paket an sich. „Lass mich sehen, was da für mich gekommen ist“. Die Verpackung ist schnell entfernt. Zwischen der dünnen Pappe fischt sie eine Garnitur Spitzenunterwäsche heraus. „Gefällt es dir?“ Sie erinnert sich, am Vortag in seiner Anwesenheit einen Mangel an frischer Unterwäsche erwähnt zu haben. „So war das aber nicht gemeint“. „Aber ich meine das so“. Wie könnte sie diesen Mann je von Notwendigkeiten des Alltages überzeugen? Im achten Stock öffnen sich die Aufzugtüren. Der Schlüssel zu seinem Zimmer klappert in seiner Hand. Ihre Absätze versinken bei jedem Schritt im weichen Teppich des Flures, als sie ihm folgt. Selbst wenn sie wollte, hätte sie keine Chance, diese Nacht in ihrem eigenen Zimmer zu verbringen. Ganz abgesehen von seinem bestimmenden Habitus will sie es nicht einmal.

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Dienstag, 23. Mai 2006
Die musikalische Reise - Teil 8
Wie er so dasteht in Jeans und Jackett, eine Hand lässig in der Hosentasche, überheblich grinsend, distanziert, würde sie gerne mit den Fäusten auf seine Brust einschlagen. Stattdessen lässt sie sich auf den Mund küssen. „Ma petit Julie. Schön, dass Du da bist „ Seine Worte dringen durch das andauernde Rauschen der Flugzeugmotoren über die Venenstraße bis kurz vor die Herzwand, prallen daran ab und schlittern in den mit Zynismusleichen gefüllten Arteriengraben.. Ihr Name ist Julia. Sie hat längst den Folterknecht unter dem Mantel des Beaumont gesehen. „Hatte ich eine Wahl?“ Das zwinkern in seinen Augen zeigt ihr, dass er genau verstanden hat, was sie meint. Ein neuerlicher Machtkampf hat begonnen, die Protagonisten die Arena betreten, das Rückspiel ist eröffnet. Sie weiß nicht, warum sie sich darauf einlässt. Es ist, als ob er den Finger auf einen ihrer wunden Punkte gelegt hätte. Manchmal drückt er ein wenig stärker, bis sie schreit, dann wieder streichelt er darüber, damit sie durchatmen kann. Damals war der einzige Weg, sich seinem Einfluss zu entziehen. Jetzt ist sie stärker. Es geht ihr nicht darum, ihn zu besiegen, sondern sich selbst. Und dann ist da noch dieser unendlich große Gefühlsspeicher, der über die Jahre ausgetrocknet zu sein scheint. Er hat eine Fähigkeit, die den Anderen versagt war. Nur er kann Geborgenheit und Lust regnen lassen. Jeden kostbaren Tropfen davon fängt sie gierig auf. Wenn es ihr gelingen würde, ein Gleichgewicht aus Nähe und Distanz zu ihm herzustellen, würde sie das bekommen, wonach sie sich so sehr sehnt und gleichzeitig unverletzbar sein. Diese Begegnung ist anders, als die schwärmerische Liebe zu dem Kunststudenten. Sie ist erwachsener, distanzierter und dennoch intensiver als alles, was sie bisher erlebt hat. Vielleicht funktioniert Erwachsenwerden durch das Ablegen von Naivität. Derzeit fühlt sie sich gewachsen. Ob sie tatsächlich auch erwachsen ist, kann sie nicht mit Sicherheit beantworten.

Es bleibt keine Zeit, ihren Gedanken nachzuhängen. Eine Probe steht an. Vom Hotel am Union Square bis zum Florence Gould Theater müssen sie einmal quer durch die Stadt. Was er mit der Wahl des Hotels in dieser Lage bezweckt, kann sie nicht einschätzen. Sie fahren über scheinbar unzählige Hügel hinauf und hinunter. Wenn die Spitze eines Hügels erreicht ist, scheinen sie unerträglich lange geradeaus ins Meer zu fahren, bis sich endlich die Nase des Wagens bedrohlich tief auf die abfallende Straße senkt. Die Verfolgungsfahrten aus alten Filmen, in denen Autos zu fliegen scheinen, bis sie krachend auf dem Asphalt landen, fand sie meist amüsant. Am eigenen Leib möchte sie das jedoch hier nicht erleben. Ihre Hand liegt in der seinen. Die Luftfeuchtigkeit lässt ihre Bluse unter den Achseln kleben. Noch ist es nicht zu warm. Ein stetiger Wind versorgt die Hügelstadt mit kühlender Meerluft. Am Abend würde sie gerne den Sonnenuntergang vom Telegraph Hill genießen, bevor die Feuchtigkeit sich zu Nebel wandelt, der diese Stadt einhüllt. Vielleicht würde er sie begleiten. Zwar hat er keinen Sinn für Pathetik aber sie weiß, dass sie ihn in seiner Rolle des Verführers ködern kann. Einmal will sie ihn an einem Punkt haben, an dem er sich nicht mehr wie die Lombard Street über den Hügel seiner Gefühle winden kann, bis er wieder unnahbar im blauen Dunst verschwindet. Ein eitles Unterfangen und vielleicht vollkommen aussichtslos. Doch lässt es sie nicht ruhen, lässt sie immer wieder mit hoch erhobenem Kopf in die Höhle des Löwen schreiten und in Fetzen wieder daraus fliehen. Die Fassaden ziehen wie Wolken am Auto vorbei, spiegeln sich im Fenster und verschwinden so schnell, wie sie aufgetaucht sind. Irgendwann hält der Wagen vor einer dieser Fassaden. Er hält ihr die Türe auf und hilft ihr aus dem Wagen. Sie weiß, was als nächstes kommt. Sie wird am Klavier sitzen und sich ihm wieder einmal fügen, ihre Stimme der seinen unterordnen und den Impuls nach lauten Fortissimoschreien unterdrücken. Die Agentur hat es so gewollt. Sie hat es so gewollt. Wie lange sie es noch will, weiß sie allerdings nicht.

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Montag, 22. Mai 2006
Die musikalische Reise - Teil 7
Eigentlich hätte sie beim Blick aus dem Fenster den Baum im Innenhof sehen sollen. Stattdessen sieht sie auf eine weiße Wolkendecke. In weniger als einer halben Stunde wird sie an der Westküste landen. Der Gedanke an die vergangene Nacht durchfährt ihren Bauch. Er hinterlässt ein warmes Schwingen in ihrer Körpermitte, das sich wie Wellenkreise im Wasser langsam nach allen Seiten ausbreitet. Auf dem Weg von der Probe zum Hotel spürte sie seine Hand auf ihrer Schulter. Sie drehte sich um. Seine Worte hallten in jeder einzelnen ihrer Körperhöhlen nach. Sie hörte seine Stimme während des Konzertes, spielte nur für ihn, wollte ihm in Tönen so vieles erzählen, was über die Jahre geschehen war. Später lag er wie sein Cello zwischen ihren Beinen. Doch nicht sie spielte ihn, sondern er sie. Seine Hände glitten über ihren Körper, brachten ihn in Schwingung, zupften, strichen und stimmten eine längst vergessene Melodie in ihrem Innersten an. Sie spürte ihn vibrieren, als er in ihr kam. Als sie wieder erwachte, war sie allein. Was ihr blieb, war ein klebriges Gefühl zwischen ihren Schenkeln und ein Zettel auf dem Nachttisch. Seine Kontaktadresse stand da in klaren Lettern neben der Anweisung, wo sie das Ticket für den Flug nach San Francisco abholen sollte. Dort würde sie für den ausgefallenen Kammermusikpartner einspringen. Musikalisch kannten sie sich lange genug, sodass sich Proben erübrigten. Einstweilen würde er vorreisen und alles arrangieren. Ein kurzer Anruf bei ihrer Agentur bestätigte, dass er sie bereits gesucht hatte. Die Lücke zwischen ihren Konzerten in New York und Rom stimmte mit seinen Plänen überein. Man hatte über ihren Kopf entschieden, ohne sie vorher zu fragen. Sie ärgert sich ein wenig darüber. Gleichzeitig weiß sie, dass seine ungestüme Art, für Überraschungen zu sorgen, Ausdruck seiner Selbst ist. Schon damals waren sie deswegen aneinandergeraten. Als Klavierbegleitung konnte sie sich einfügen, nicht aber als Mensch.

Sie weiß nicht einmal, wann genau sie ihn wiedersehen wird. Kleine Notizen an Rezeptionen und neben Telefonapparaten werden ihr wie in einem Detektivspiel den Weg zu ihm weisen. Am Ausgang des Flughafens wartet ein Chauffeur, der sie zu ihrem Hotel bringen soll. Erst gleitet ihr Blick suchend über die Menschenmenge, bis sie das Schild mit der Aufschrift Ma petite Julie sieht. Der Halter, ein Schwarzer in légèrer Kleidung, grinst, als sie ihren Namen nennt. Ja, er hätte Anweisung, sie in die Stadt zu bringen. Auf dem Rücksitz liegt ein Fax mit dem Namen des Hotels, sowie Ort und Zeit für eine kurze Probe. Am Abend will er die beiden Brahmssonaten für Violoncello und Klavier aufführen. Die erste in e-moll war das Stück, mit dem sie seine Bekanntschaft vor vier Jahren machte. Seine Agentur hatte ihre Nummer vom Vorlesungsverzeichnis des Konservatoriums. Der Ruf einer ausgezeichneten Begleiterin eilte ihr über die Hochschulgrenzen voraus. Es folgten unzählige Proben und Konzerte mit verschiedensten Stücken aus dem Cellorepertoire. Nebenbei formierten sie ein Klaviertrio mit einem mäßig bekannten, dafür musikalisch hervorragenden Violinisten. Die Schubert- und Beethoventrios spielten sie so lange, bis sie zu den Ohren herauskamen. Dabei kann sie sich an den Trios von Schubert normalerweise nicht satt hören. Möglicherweise hat sie sich irgendwann einmal an den beiden Musikern sattgehört. Oder sie hat sich im Laufe der Zeit verändert. Sie wuchs aus der Rolle der kleinen Begleiterin hinaus, um zu dem zu werden, was sie jetzt ist. Eine Frau, die sich nicht mehr einfach sagen lässt, was sie zu tun oder zu lassen hat. Sie ist stolz auf das, was sie erreicht hat, auf das, was sie ist. In nur einer Nacht hat er sie wieder zu Wachs in seinen Händen werden lassen. Wie konnte das geschehen? Was ist seine Zauberformel, die sie nicht nein sagen lässt? Während sie sich auf der Rückbank des Wagens zurücklehnt, spürt sie wieder die warmen Kreise durch ihren Körper ziehen.

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Freitag, 19. Mai 2006
Die musikalische Reise - Teil 6
Als sie die Augen öffnet, fällt ihr Blick auf eine kleine Spinne, die sich von der Zimmerdecke direkt über ihr abseilt. Mit einem Ruck springt sie aus dem Bett. Draußen ist es noch dunkel. Die Uhr zeigt 4.00. Sie schaltet das Fernsehgerät ein und zappt sich durch unzählige Kanäle. Aus dem Kasten biedern Werbeprofis in adjektivreichen Sätzen ihre Produkte an, Nachrichtensprecher verkünden mit ernster Miene die neuesten Vorkommnisse, unterbrochen von Bildern aus fernen Ländern, in Bezug auf das kleine amerikanische Zentrum des Universums. Sie verspürt den dringenden Wunsch, die Wände gegen Unbegrenztheit einzutauschen. Während sie in ihre Schuhe schlüpft, klingt im inneren Ohr das Thema der Goldbergvariationen von Bach. Dem schlaflosen Grafen hat er sie einst gewidmet. Die interessanteste Aufnahmen des Stückes existieren von Gould, dem Enfant terrible der Klaviermusik. Zwischen der ersten und zweiten Aufnahme liegen mehr als 10 Jahre musikalische Entwicklung. Sie hätte viel darum gegeben, einmal, nur einmal, die Möglichkeit gehabt zu haben, mit Glenn Gould zu sprechen. In ihrer Vorstellung vom einsamen menschenscheuen Künstler sind ihr Goulds Interpretationen ans Herz gewachsen. Ein großer Unterschied zwischen ihr und Gould besteht darin, dass sie immer noch verhasste Aufgaben für Geld erfüllen muss. Sie unterrichtet an verschiedenen Musikschulen, hat nebenbei einen kleinen Lehrauftrag am Konservatorium ergattert und begleitet ab und an die Absolventen der dortigen Streicherklassen. Früher spielte sie manchmal für Geld in Ballettklassen oder in kleinen Bars, doch das ist lange her. Sie kann sich nicht über Geldnot beklagen. Die Eltern sind sehr spendabel. Auf Dauer muss sie sich aus dem Zwang der erkauften Liebesbekundungen lösen. Die Abende als Barpianistin waren so schlecht nicht. Sie lernte dadurch andere Menschen kennen, deren Welt nicht die ihre war. Mit der Zeit langweilten sie die immer gleichen Gesichter, musikalischen Wünsche und persönlichen Geschichten, die man ihr an der Theke unaufgefordert erzählte. Vielleicht war es auch nur der Sumpf von Verzweiflung und Einsamkeit dieser Menschen, die sie dort kündigen ließen. Sicher ist sie sich nicht.

Die Straßen in Manhattan scheinen nie zu schlafen. Sie geht Richtung Central Park. Bilder aus längst vergessenen Kinofilmen steigen in ihr auf. Während sie einen Fuß vor den anderen setzt, träumt sie von Freiheit. Eine Zeit mit frei ziehenden Wolken, Bergen, Meer oder einer bis zum Horizont reichender Wiese. Eine Zeit ohne den schwarzen Folterknecht aber nie ohne Musik. Sie würde gerne wie andere diese Zeit mit neuen Herausforderungen füllen. Für ein Hobby war nie Zeit übrig. Sie möchte wissen, wie es ist, auf langen Brettern einen schneebedeckten Hang hinuntersausen oder unter Wasser zu atmen, wie es sich anfühlt, auf dem Rücken eines Pferdes durch den Wald getragen zu werden oder vom Gipfel eines Berges in den Sonnenuntergang zu schweben. Die Verletzungsgefahr bei derlei Sportarten sei für sie zu groß. Also blieb sie all die Jahre zu Hause. Das Meer und die Berge sah sie nur in Begleitung ihrer Eltern. Manchmal wünscht sie sich, an der Hand eines Mannes durch die Straßen zu laufen oder gemeinsam das Bild eines großen Meisters zu betrachten, so wie damals in Barcelona. Ein einmaliges Erlebnis, das sich später nicht mehr wiederholte. Männer traf sie viele, doch keiner war dabei, der ihre Gedanken nachvollziehen konnte. So trafen sich Körper nur an der Oberfläche. Die Seelen blieben während dieser Begegnungen unberührt. Bei solchen Gedanken fühlt sie sich naiv und kindisch. Natürlich nützt es nichts, sich die Realität schön zu träumen. Aber die Träume halten sie am Leben, lassen sie weitergehen, weiterschauen, weiter sehnen.

Am Rande des Central Park gibt es selbst noch um diese nachtschlafende Zeit Pferdekutschen. Wallache stehen im Gechirr eingespannt mit hängenden Köpfen auf drei Beinen am Rande der vielbefahrenen 59. Straße. Ein erbarmungswürdiger Anblick. Vereinzelte Pärchen ziehen Richtung Eingang Plaza Hotel. Ein Obdachloser schiebt den mit seinen Habseligkeiten gefüllten Einkaufswagen vor sich her. Es ist ihr bewusst, dass ein Nachtspaziergang durch den Central Park von ausgeprägter Dummheit zeugen würde. Da gibt es zu viele Drogenabhängige, zu viel Kriminalität, von der sie bis jetzt nur aus den Medien hörte. Dennoch fühlt sie sich von den dunklen Silhouetten der Bäume magisch angezogen. Es ist das Risiko, der Adrenalinkick, der ihr das Gefühl gibt, noch lebendig zu sein. Auf eine Art ist sie nicht besser als all die Junkies, genauso abhängig und süchtig nach Grenzerfahrungen, von denen sie hofft, eines Tages nicht nur zu wissen, wie Leben funktioniert, sondern das Wissen auch transformieren zu können. Nach den beiden Tagen in New York wird sie ein, zwei freie Tage haben, in denen sie weiterreisen möchte. Die Orte einer unbeschwerten Kindheit will sie besuchen und hoffen, dass ihr das Gefühl zu konservieren und bei Bedarf abzurufen möglich ist. In den nächsten zwei Wochen stehen noch einige Konzerte an. Den genauen Plan hat sie nicht auswendig parat. Dafür ist ihre Agentur zuständig. Vielleicht sollte sie heute im Laufe des Tages dort anrufen, schon allein um herauszufinden, auf welchen Flug nach Deutschland sie gebucht ist. Die Realität hat sie wieder eingeholt und in Ketten gelegt. Vor dem Eingang zum Park kehrt sie um und geht langsam zurück zum Hotel.

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Donnerstag, 18. Mai 2006
Die musikalische Reise - Teil 5
Als die Maschine landet ist es Nachmittag, obwohl ihr Körper behauptet, es wäre bereits Abend. Vom Flughafen John F. Kennedy nimmt sie den Bus bis zur Grand Central Station. Sie war noch nie zuvor in Manhattan. Das World Trade Center hat sie verpasst. Während der Anschläge saß sie wie so oft in ihrer Wohnung und übte. Erst am nächsten Tag las sie in der Zeitung davon. Ihre Mutter scherzt ab und zu, sie würde es nicht einmal mitbekommen wenn der Krieg ausbräche. Ihr Verhalten hat jedoch weniger mit verträumter Versunkenheit als vielmehr hart erarbeiteter Disziplin zu tun. Einmal an den Tasten sitzend, hat sie sich über die Jahre angeeignet, alles um sich herum auszublenden. Erst wenn die vorgenommene Zeiteinheit verstrichen ist, genehmigt sie sich eine Pause. Sinnvoll sind hoch konzentrierte Einheiten von 45 Minuten, auf die eine 15 minütige Pause folgt. So kommt sie auf etwa 8 Stunden Übzeit pro Tag. Der Rest des Tages ist ausgefüllt mit externen Proben, essen, schlafen und den alltäglichen Kleinigkeiten. Wenn sie – wie jetzt – auf Reisen ist, zehrt sie von der Vorarbeit. Hinterher muss sie neu beginnen. Die verspielte Leichtigkeit, die das Publikum so bewundert, ist hart erarbeitet. Man bekommt in diesem Metier nichts geschenkt. Die Mähr vom Wunderkind ist eine Lüge. Genialität kommt erst zur Geltung, wenn die 95 Prozent Arbeit erbracht wurden. Es geht nicht von alleine, auch wenn das so mancher Anfänger gerne glauben mag und sich hinterher auf fehlendes Talent herausredet. Manchmal wünscht sie sich einen Zustand herbei, in dem sie nur noch ein wenig Fingerübungen machen muss. Doch gleichzeitig weiß sie, dass dieser Wunsch aus dem Reich der Illusionen kommt. Irgendwann wird sie kein neues Repertoire mehr erarbeiten müssen, sondern nur noch aufwärmen. Die Grundarbeit bleibt jedoch immer dieselbe. Und dann gibt es noch so viele Stücke, die mit ihr wachsen. Das Mozartkonzert hat sie vor zwei Jahren auch noch völlig anders aufgefasst, als sie es jetzt tut. Der Kopf kennt das Notenmaterial, doch immer wieder revidiert sie Fingersatz oder Spannungsbögen. Und das braucht Zeit, um sich zu setzen. Wer vor 500 Leuten spielt, braucht nicht nur Nerven aus Stahl, sondern vor allem eine schlafwandlerische Sicherheit in der Technik. Morgen früh wird sie mit dem Orchester die Probe aufs Exempel machen. Dann wird sie wissen, was möglicherweise am Abend auf sie zukommt.

Obwohl ihre Beine vom Flug schwer sind, beschließt sie, von der Grand Central Station aus zu laufen. Den Koffer kann sie ja hinter sich herziehen. Sie orientiert sich kurz am Ausgang – das Hotel liegt in nordöstlicher Richtung – dann läuft sie los. Zwischen den Häuserschluchten blitzt hie und da blauer Himmel. Als sie nach oben blickt, wird ihr schwindelig. Man sagt, Touristen erkenne man in New York daran, dass sie ständig nach oben sehen. Als sie zum zweiten Mal von einem Passanten angerempelt wird, beschließt sie, doch lieber auf den Boden zu schauen. Die Luft ist stickig und mit Autoabgasen geschwängert. Kein besonders idyllisches Pflaster. Irgendetwas Undefinierbares schwingt in der Luft zwischen den Wolkenkratzern, lässt die Straße vibrieren und beschleunigt ihren Schritt. Diese Stadt pulsiert wie eine künstliche Herzklappe, tickt wie der beschleunigte Sekundenzeiger eines Ziffernblattes, schiebt Menschen und Autos wie der Kolben einer Dampflok durch die Straßen. Sie spürt förmlich die Gedankenmasse der Millionenstadt in ihrem Kopf explodieren. Eigentlich hätte morgen Abend der Pianist Lang Lang spielen sollen, der 2003 in der Carnegie Hall debutierte. Das sonst so verhaltene New Yorker Publikum war begeistert. Man sagte ihr, er hätte aus gesundheitlichen Gründen abgesagt, deswegen die Anfrage bei den Finalisten des diesjährigen Tschaikowsky Wettbewerbs. Ablehnen könne sie nicht. So eine Chance bekomme man nur einmal. Bei dem Gedanken an das morgige Konzert wird ihr schummrig. Die Knie geben bei jedem Schritt ein wenig mehr nach als üblich. Sie könnte hundert Mal hintereinander in dieser blöden Carnegie Hall spielen und wäre trotzdem jedes einzelne Mal davor nervös. Auch das geht nicht vorbei, wie so mancher Laie fälschlicherweise glauben mag. Manchmal muss sie sich vor Konzerten übergeben. Oder sie hat starke Kopfschmerzen. Der Erwartungsdruck ist enorm. Er macht sich über den Körper Luft. Mit der Zeit hat sie gelernt, trotz Kopfschmerzen und anderen Schwierigkeiten zu spielen. Irgendwann einmal hat sie einfach begonnen, sich zu ignorieren. Das Klavier hat sie zu sich selbst erbarmungslos werden lassen.

Der Weg zum Hotel führt sie über die 42. Straße auf den Broadway, der sich schließlich am Times Square mit der 7th Avenue kreuzt. Von dort geht es weiter in Richtung Norden auf die Carnegie Hall zu. Kurz hat sie an der 5th Avenue und der nächsten Kreuzung gezögert, ob sie abbiegen soll. Morgen ist auch noch Zeit für das Rockefeller Center mit der Radio City Music Hall und ein kleines Frühstück vor Tiffanys Schaufenster. Das einzig Besondere an dem von der Agentur gebuchten Hotel ist der überhöhte Preis. Das Fenster des winzigen Zimmers führt zu einem Luftschacht. Bevor sie das Bad betreten möchte, muss sie den Koffer schließen. Die geschmacklosen Tapeten konkurrieren gegen den abgetretenen Teppich in Modrigkeit. Sie würde gerne das Fenster öffnen, um wenigstens die Illusion von Frischluft zu haben, weiß allerdings nicht, wie sie das bewerkstelligen soll. Schließlich kapituliert sie. Wenn sie ganz vorsichtig Luft holt, muss sie nicht zu viel Verfall auf einmal atmen. Plötzlich wird ihr schwarz vor Augen. Das Bett fängt ihren übermüdeten Körper auf. Sie hört Stimmfetzen, sieht sich inmitten einer starrenden Menschenmenge. Ja, morgen wird sie ihr Bestes geben. Sie verspricht es noch einmal ausdrücklich. Die Menge kommt näher, wirkt bedrohlich, kein Lichtstrahl dringt bis zu ihr durch. In Sekundenbruchteilen ist sie ins Reich der Träume hinübergeglitten.

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Mittwoch, 17. Mai 2006
Die musikalische Reise - Teil 4
Das Konzert war überraschend gut. Sie hatte das Orchester unterschätzt. Noch kurz nach der Generalprobe im Saal der Ferenc Liszt Hochschule für Musik hätte sie nicht für möglich gehalten, dass der Abend so gut laufen würde. Tempounstimmigkeiten, Intonationsschwierigkeiten in den Bläsergruppen und schwammige Streicher, die der Dirigent jedoch mit seinem Einfühlungsvermögen in die Solostimme überwand und zu einer Einheit zwang. Der neue Tag begann grau. Die Wolken würden heute den ganzen Tag am ungarischen Himmel hängen. Sie war schon morgens abgereist, um einen kostbaren Tag in ihren eigenen vier Wänden zu verbringen. Morgen würde sie nach New York fliegen. Sie brauchte einen Tag, um sich zu sammeln, Gedanken zu sortieren und auch die Schmutzwäsche. Während des Auspackens schweift sie ab. Der junge Kunststudent von damals war nur der Beginn einer inneren Reise zu sich selbst. Sie lernte viele andere Künstler kennen, Musiker, Dirigenten, Professoren aber auch Schreiber und Tänzer. Alle hatten sie eines gemeinsam. Da war diese tiefe Sehnsucht nach Verständnis, nach Heimat, nach Sicherheit und gleichzeitig eine starke Furcht vor Verletzung des so weichen Innersten. Die den Kreativen eigene und notwendige Sensibilität wird erst gehätschelt, dann versteckt und verbarrikadiert. Alle bauen sie dicke Mauern aus Steinen der Intellektualität, Überheblichkeit und Unnahbarkeit um ihre Herzen. Dabei suchen sie alle verzweifelt nach dem Gegenüber, der diese Mauern einzureißen oder wenigstens zu umgehen in der Lage war. Gleichzeitig getrieben von an Selbstzerstörung grenzender Disziplin, entwickeln sie eine Selbstverachtung, die ein Öffnen scheinbar unmöglich machen. Man will die dunklen Stellen vertuschen. Keiner soll sie zu sehen bekommen, außer man selbst. Wie sollte eine Begegnung der Seelen da noch möglich sein? Das Dilemma schien unausweichlich, die Spiralen von eigenem Unvermögen und Sehnsucht begannen sich wie ein Perpetuum mobile zu drehen.

Auch sie spürt diesen Streit in sich. Herz gegen Kopf, Verstand gegen Gefühl, Mensch gegen Seele, es geht nicht mit aber auch nicht ohne einander. Manchmal, wenn das Gefühl zu übermächtig wurde, wenn es sie in Stücke zu reißen drohte, setzte sie sich an ihr Instrument, um der Wut und Trauer Ausdruck zu verleihen. In solchen Momenten spielt sie Bártòk, Schubert oder Brahms, manchmal hämmert sie auch nur unkoordiniert mit den Fingern oder der ganzen Faust auf die Tasten ein. Doch Bártòk, Schubert und Brahms sind lange tot. Sie können nichts gegen diese überwältigenden Emotionen ausrichten. Dieser schwarze Kasten mit den vielen Saiten, an dem sie so viel Zeit verbrachte, ist ihr Sprachrohr und ihr Hassobjekt zugleich. Wie soll sie mit etwas Frieden schließen, das sie um so viel betrogen hat? Manchmal wünschte sie, als eine andere geboren zu sein. Sie stellt sich vor, Tag für Tag in einem Büro zu sitzen, den Gesprächen der Kollegen zu lauschen und unwichtige administrative Aufgaben zu erledigen. Die Pausen wären gewerkschaftlich geregelt, ebenso der Urlaubsanspruch. Sie hätte vielleicht eine Familie, ein, zwei Kinder und einen Mann, mit dem sie sich nachts um die Bettdecke streiten würde. Der Schuh gleitet aus ihrer Hand und fällt mit lautem Gepolter auf das Parkett. Das Geräusch reißt sie aus ihrem Tagtraum. Ihr langes Haar verdeckt die Augen, als sie den Kopf energisch zur Seite dreht, um die Gedanken abzuschütteln. Was nützt es, sich in ein was-wäre-wenn Spiel einzulassen, wo doch alles ganz anders ist. Die Zukunft sieht verheißungsvoll aus. Wer weiß, an welche Orte die sie bringen, wen sie treffen und welcher neue Eindruck sie berühren wird. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil ihres Lebens besteht darin, mit immer neuen Situationen konfrontiert zu sein. Sie ist neugierig auf das Leben, ja verlangt gar mehr von ihm. Durchschnittlichkeit ist ihr verhasst, genau wie der gleichmäßige Strom, in dem die Menschen neben ihr zu schwimmen scheinen. Sie will mehr, will alles.

Morgen Vormittag wird sie in die Maschine nach New York steigen. Eine ihr fremde Welt wartet da draußen. Die Carnegie Hall als Beginn einer internationalen Karriere. Während sie durch die Post blättert spielt Martha Argerich im Hintergrund Schumanns Fantasie op.17. Man sagt der Argerich nach, sie hätte mit all ihren Kammermusikpartnern geschlafen. Keiner - außer sie selbst - weiß, ob das der Wahrheit entspricht. Höchst wahrscheinlich schwingt bei den Verbreitern solcher Geschichten verletzte Eitelkeit oder im weiblichen Fall eine gehörige Portion Neid mit. Sie wäre gerne ein wenig wie Martha. Wild, leidenschaftlich und gleichzeitig berechnend und abweisend. Das zieht Männer an. Es weckt ihren Jagdinstinkt. Aber auch Martha wird einsame Nächte in tristen Hotelzimmern fremder Städte erleben. Im Grunde ist keiner aus ihrem Metier zu beneiden. In den Köpfen derer, die keine Ahnung davon haben, wie es ist, werden Klischees gezüchtet. Nicht immer decken sie sich mit der ernüchternden Wirklichkeit. Mit diesem Gedanken schließt sie das Fenster. Draußen beginnt es zu regnen. Nach einem langen Winter in Süddeutschland endlich einmal wieder Temperaturen, die den Asphalt im Regen riechbar machen. Das Neue hat gerade erst begonnen. Sie muss nur abwarten und die Augen offen halten.

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Dienstag, 16. Mai 2006
Die musikalische Reise - Teil 3
Die Konzertagentur schreibt ihr vor, wo sie heute und morgen zu sein hat. Die entscheiden über ihr Leben. Damals, gleich nach ihrem ersten gewonnenen Wettbewerb hat ihr ehrgeiziger Vater diese Agentur über einen Freund engagiert. Man machte Bekanntschaften, knobelte Geschäftsbeziehungen und kleine Gefälligkeiten neben dem kalten Buffet oder einem Glas Wein aus. Zusammenkünfte, bei denen sie regelmäßig durch Abwesenheit glänzte. Nur während der Hausmusikzirkel durfte sie als Hauptattraktion nie fehlen. Sie war das Zirkuspferdchen, das Kunststücke am heimischen Flügel präsentierte. Damals hasste sie diese Treffen der Einflussreichen im elterlichen Haus und liebte es zugleich, Anerkennung in Form von Applaus zu bekommen. Die Konzertagentur war mittlerweile nicht mehr für sie als der verlängerte Arm der Eltern. Wo sie wann zu sein hat, wird ihr per Post übermittelt. Heute soll sie mit einem Orchester unter der Leitung eines unbekannten Dirigenten in Budapest spielen, wo sie zwei Tage bleiben würde. Dann übermorgen Rom, am darauffolgenden Tag heim, um den Koffer umzupacken und sich auf das Debüt in der Carnegie Hall vorzubereiten. All das wächst ihr langsam über den Kopf. Sie hasst es, fremdbestimmt zu sein. Viel lieber würde sie Luft schöpfen, ihren Gedanken nachhängen und in der ihr gewohnten Umgebung sein. Doch die Saat des Ehrgeizes ihrer Eltern scheint Früchte zu tragen. Sie will nicht ohne den Applaus sein, ohne die Anerkennung für ihre Entbehrungen und seelischen Qualen. Da ist etwas in ihr, das sie anzutreiben scheint, immer weiter zu gehen. Weiter und weiter, wie der Wanderer, der ihr aus Schuberts Werk so nah scheint.

Die Altstadt Budapests empfängt sie freundlich. Frühsommerliche Sonne erwärmt den Asphalt. Noch sind die Temperaturen erträglich. Sie erinnert sich an die Hitze des Spätsommers einer Klassenfahrt hierher. Die Blasen an ihren Füssen schmerzten, als sie von Laden zu Laden lief, um Klaviernoten aus den Archivaren aufzutreiben. Vieles wurde in der Zeit, als Budapest noch unter sozialistisch kommunistischem Regime stand, billiger verkauft, als sie es in Deutschland hätte erwerben können. Eines der damals erworbenen Schnäppchen war Bartóks Allegro barbaro. Dieses Kleinod, das ihr in den Stunden der Wut so ans Herz gewachsen war, würde sie heute Abend als Zugabe spielen. Nicht gerade kompatibel mit dem so erhabenen Mozart. Mozart sei leicht, verspielt und dennoch tragisch. Die Worte ihrer langjährigen Lehrerin während der Schulzeit klingen noch in ihrem Ohr. Bartók sei wild, zornig und ursprünglich. Diese Äusserung machte sie neugierig. Sie musste die Noten haben, den Text lernen, die Gefühle durch ihre Finger begreifen. Je öfter sie das Allegro spielte, umso mehr fühlte sie mit der Zeit die Kraft der Aussage in Klängen. Manchmal war sie so wütend auf ihre Eltern, dass sie in ihr Zimmer rannte, die Türe hinter sich zuknallte und mit der Faust auf die Klaviatur hämmerndihren Gefühlen freien Lauf ließ. Klänge wurden zum Befreiungsschlag gegen die elterliche Unterdrückung, jedes Fortissimo ein Aufschrei gegen empfundene Ungerechtigkeit. Obwohl all das lange her ist, spürt sie immer noch die Kraft, die in Bartóks Stück gebannt scheint. Manches Mal wünschte sie, einem Menschen zu begegnen, der die durch ihre Finger hervorgebrachten Aussagen deuten könnte.

Die Kettenbrücke verbindet Búda mit Pest. Alte Autokatalysatoren machen die Luft dort stickig. Sie steht eine Weile auf der Brücke und starrt auf das fließende Donauwasser. Was wäre, wenn sie einfach hinunterspringen würde? Ein durchaus reizvolles Gedankenspiel. Nein, tot wäre sie nicht, dazu braucht es mehr. Was wäre, wenn sie sich das Leben nehmen würde? Wer würde um sie trauern, wer sie vermissen? Natürlich wäre das eine Schande für die Eltern. Sie wären schockiert, wüssten nicht, was sie im Bekanntenkreis sagen sollten. Während sie diesen Gedanken nachhängt, erblickt sie ein Blatt, das auf der Wasseroberfläche dahinschwimmt. Nein, solche Gedanken will sie abschütteln wie der Wind das herbstliche Blatt am Baum. Viel zu sehr ist sie mit dem Leben verwachsen, mit den Tönen und mit dem Augenblick, der sie sich jeden Moment neu kreieren lässt. Sie ist in ihrem Innersten reich, ausgefüllt von Gedanken und Gefühlen, die sie jetzt der Welt zu präsentieren bereit ist. Diese Chance will sie sich nicht entgehen lassen. Während sie langsam das Trottoire neben dem Brückengeländer entlang schlendert, erklingen in ihrem inneren Ohr die ersten Takte des Mozartkonzertes. So oft hat sie sich die Aufnahme von Clara Haskil unter einem nicht namhaften Orchester mit einem noch viel unnamhafteren Dirigenten angehört. Diese Frau, die ihre wichtigsten Lebensjahre in einem Gipskorsett verbrachte, war eine ihrer heimlichen Heldinnen. Nur wenige Aufnahmen zeugen von ihrer schöpferischen Kraft. Dennoch gelangte sie posthum durch einen nach ihr benannten Klavierwettbewerb und einige wenige erhaltene Aufnahmen zu Weltruhm. Die Aufnahme des langsamen Satzes aus dem Mozartklavierkonzert KV 488 birgt so viel von diesem Leiden, von der trotzigen Zärtlichkeit der Interpretin, dass man sie kaum ohne davon berührt zu sein anhören kann. Genau dieses Erbe wird sie heute Abend in die Welt tragen. Wer es nicht begriffen hat, wird spätestens durch ihre heutige Interpretation begreifen, welche Dimensionen solch ein Werk zu eröffnen in der Lage ist. Mit diesen Gedanken im Schlepptau schreitet sie langsam ihrer derzeitigen Unterkunft entgegen. Langsam senkt sich die Abenddämmerung über die Stadt. Hier will sie nicht bleiben, lieber einen Tag früher abreisen, lieber bei sich sein. Noch bevor sie den Konzertsaal betritt, wird sie auch von dieser Stadt Abschied genommen haben.

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