Dienstag, 2. September 2008
We sail tonight for Singapore (3)


Was gibt es in einer Stadt zu tun, die vor Luxus und Hightec nur so strotzt? Eine Stadt, die radikal vom Altbaucharme gesäubert wurde und in der Chinatown eher wie eine schwäbische Kleinstadt anmutet als ein asiatischer Schmelztiegel. In einer Stadt, in der es keine dunklen Häuserecken und schmutzigen Straßenkinder, keine Bettler und kein natürliches Wachstum gibt, gleitet das Interesse schnell vom Profanen hinüber zum Sakralen.
Und Gebetshäuser gibt es derlei viele, wenn manche auch eher an ein Toyota-Autohaus erinnern, als an eine heilige Stätte.



Gott ist bekanntlich überregional, was wiederum die buddhistischen Tempel in Little India und die Hindugebetsstätten in Chinatown erklärt. Auch gegen Moscheen neben Kirchen hat keiner was einzuwenden. Man sucht sich einfach aus dem breiten Angebotsspektrum das richtige aus und bedient sich des individuellen Segens.

So auch ich an diesem einen Sonntag in Singapur. Ich suche zunächst den Tempel der tausend Lichter. Stattdessen treffe ich eine riesige Plastikbuddhastatue an, die von Ikeateelichtern umrahmt wird. Woher ich weiß, dass die Teelichter von Ikea sein müssen? Sie brennen nicht ordentlich. Natürlich bin ich enttäuscht. Das habe ich mir imposanter vorgestellt. Etwa so, wie den liegenden Buddha in Bangkok oder zumindest beeindruckender. Ich flüchte in einen kleinen Tempel gegenüber, wo gerade vier Mönche die Messe vorbereiten.



Während sie ihre Klangschalen und Schlaghölzer zurechtrücken, stelle ich mich kurzerhand dazu. Die Mönche beginnen ihr endloses Mantra zu rezitieren, während ich mich darauf konzentriere, möglichst zum richtigen Zeitpunkt zu knien oder mich zu verneigen, stets den Chinesen neben mir imitierend - den einzigen weiteren Gottesdienstbesucher, mit dem ich mir ein kleines Kniebänkchen teile. Ich habe Angst, mich daneben zu benehmen, vor einem Faux-pas oder gar mit meiner reinen Existenz dem Ereignis etwas von seiner Heiligkeit zu nehmen, bis plötzlich aus der Hosentasche des Nachbarn lautstark asiatische Melodien erklingen. Auf dem Pfad der Gleichgültigkeit hat dieser Herr bereits einen weiten Weg zurückgelegt, jedenfalls ignoriert er das Geträllere und starrt noch ein wenig angestrengter als zuvor in sein Gebetbuch.


das da oben sind modernere Mönche mit Notenständer...

Als die Mönche gefolgt von meinem chinesischen Gebetsnachbarn polonaiseartig den Altar umrunden, stelle ich mich seitlich an die Wand. Erst als der Obermönch mich mit den Worten 'you can follow' einlädt, folge ich der Prozession Runde um Runde durch die heilige Halle. Ein merkwürdiges Bild muss das für die drei, vier Touristen abgeben, die gerade den Tempel betreten. Einer zückt gar eine Kamera. Nächstes Mal wähle ich auch das orangefarbene Kleid. Am Ende fühle ich mich sehr gesegnet und auch die Füße schmerzen nicht mehr, weil ich jetzt schwebe. Sogar an den Schmerz vom knien kann man sich gewöhnen, was sicher jeder gute Katholik bestätigen wird.



Danach besichtige ich ein paar Hindutempel ganz in der Nähe. Mal abgesehen davon, dass man hier seine Schuhe ausziehen muss, die Böden aber von Dreck überzogen sind und für Fotos prophylaktisch am Eingang eine Gebühr zu entrichten ist, mögen meine indischen Freunde auch keine andersartigen Gottesdienstbesucher. So steht es auf einem Schild an der Absperrung vor dem Altarraum zu lesen. Somit haben sie mich als potentielles Schäflein auf Krishnas großer Weide verloren. Und das in einer Zeit, in der jede Vereinigung um Mitgliedszahlen kämpft. Aber das einzige was Indien reichlich besitzt, sind Kinder und Kühe.



Fazit meines ersten Aufenthaltes in der Stadt:
Singapur kann man angucken, muss es aber nicht. Nur ich, ich muss die Tage wieder hin. So Buddha will und Kali unser Flugzeug heil läßt.

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Dienstag, 19. August 2008
We sail tonight for Singapore (2)
Dass Singapur angeblich die sauberste Stadt der Welt sein soll, höre ich schon im Vorfeld. Dann die ersten Restriktionen bei der Einreise: keine Kaugummis. Klar, denn Kaugummis hinterlassen scheußliche Flecken auf dem sauberen Asphalt der Gehwege. Also müssen die zwei Packerl Kaugummi der Kollegin noch an Bord gekaut werden. Ich schaffe eine Packung in durchschnittlich fünf bis sieben Minuten, weil ich die Dinger meistens ziemlich schnell schlucke. So kann ich wenigstens was für die Kollegin tun. Ich schmuggle ihre Kaugummis im Magen durch die Zollkontrolle.



Es soll aber noch schlimmer kommen. Nämlich als ich am nächsten Tag die saubere Orchard Road - eine Einkaufsstraße mit Luxusläden, die man nicht gesehen haben muß - hinunterschlendere, mir noch kurz vor der U-Bahnstation einen extra großen Becher Kaffee hole und dann nicht wie geplant vor dem Fahrkartenautomat, sondern obigem Hinweisschild stehe. Von rechts oben zoomt eine Kamera auf meinen Pappbecher, den ich aus lauter Verlegenheit unter meinem Shirt verstecke. Die Kamera zoomt auf meinen Ausschnitt, aus dem ein Strohhalm ragt. Ich erwäge kurz, einem Passanten den Becher einfach in die Hand zu drücken, entscheide mich dann aber, schnell an die Oberfläche zu flüchten, bevor der Kaffee zu einem der teuersten meines Lebens wird.



Teuer wird auch das Abendessen, wobei in besonders exquisitem Kolonialstilambiente nahe des Flußufers die Speisen nochmal so gut schmecken. Diesmal lasse ich mich von meinen indischen Freunden bedienen. Sie erledigen ihren Job flink, aufmerksam und zugegebenermaßen viel besser als ich es könnte.



Leider ist in meinem Magen neben den gebunkerten Kaugummis kein Platz mehr für drei Gänge. Ich verzichte zu Gunsten des Sorbets auf die Hälfte des Hauptganges. Der chinesische Kohl wartet jedoch nicht, bis das Sorbet eingetroffen ist, sondern breitet sich beständig aus. Die Besitzer werden sich wohl etwas dabei gedacht haben, das Restaurant unter freiem Himmel zu betreiben. Übrigens eine weitere top Arbeitsstelle im Freien ist in Singapur Lamborghinisitter:



Gerne auch auf 400 Euro Basis. Obwohl in Singapur kaum einer aus versehen mit dem Schlüssel seitlich vorbeischrappen würde. Auf nicht vom Besitzer initiierte Rallyestreifen steht dort mit Sicherheit die Todesstrafe, wenn man schon für einen läppischen Kaffee in der U-Bahn 500 SGD zahlt.



Der hier braucht keinen Aufpasser, der ist in Singapur nämlich Massenware. Vor jedem größeren Hotel stehen davon mindestens drei. Verwirrend ist nur das Steuer auf der rechten Seite. Man stelle sich das mal vor: ein Italiener erwirbt dieses Kolonialfabrikat als Schnäppchen. Auf heimatlichen Straßen könnte er damit glatt als Geisterfahrer durchgehen. Für die pedaggio - die Maut - muss er allerdings sowieso aussteigen, egal auf welcher Seite das Steuer ist.




Ich fahre lieber U-Bahn, denn die ist wohl in keiner anderen Stadt so durchorganisiert wie in Singapur. Nur sollte man nicht neben der gelben Linie stehen, immer in Pfeilrichtung laufen und dabei möglichst keinen Coffee to go in der Hand halten, sonst wird man unfreiwillig zum Hauptdarsteller sämtlicher Überwachungsvideos. Danach weiß ich den öffentlichen Nahverkehr in München zu schätzen. Wenn man nicht schnell genug zusteigt, tönt hier ein grantlerisches "auf geht's! Nei jetzad!" aus dem Lautsprecher. Aber wenigstens wird da noch mit einem gesprochen. Extra laut sogar.

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Sonntag, 17. August 2008
We sail tonight for Singapore
Tom Waits

Lieber FXF,

eigentlich wollte ich nicht hin. Ich war zu müde und zu schlapp und bin schon den ganzen Tag herumgelaufen. Aber Du sagtest, ich solle unbedingt einen Tee im 'Raffles' trinken, weil man da Gürkchen und anderen Schnickschnack dazu gereicht bekommt. Jetzt könnte man meinen, dass so ein Vorschlag nur von einem ganz einem elitären Sack (sacque élitaire) kommen kann. Wer Dich näher kennt, weiß, dass Du einer bist (kleiner Scherz, 'tschuldigung).
Zum Tee habe ich es leider nicht mehr geschafft, dafür aber kurz vor der Dämmerung auf dieses äusserst erfrischende Getränk:


Singapore Sling - was sonst?

In den Kommentaren extra für Dich noch ein paar Fotos. Ich hoffe, damit ist Deine Neugier auf's Erste gestillt.

Herzlichst,
Deine Frau Klugscheisser

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Dienstag, 12. August 2008
So let's do it like they do on the Discovery Channel
Weil ich gerade so schön in Amerikabashinglaune bin geht's gleich weiter und zwar mit Fernsehprogrammen. Eigentlich kann ich ja nicht wirklich mitreden. Daheim habe ich kein Empfangsgerät, so muß ich halt gucken, wenn ich im Hotel bin und dort schlafe ich nach einer halben Stunde regelmäßig davor ein. So entgingen mir Serienhelden wie die Sopranos und Ally Klein. Es hat zwei Jahre gedauert bis ich bei der Erwähnung von 'Sex and the city' nicht mehr rot geworden bin. Nicht weil ich so prüde wäre, sondern weil ich dachte, da ginge es um Sex an ungewöhnlichen Orten und ich natürlich sofort meine persönliche Geschichte beisteuerte. Als ich dann eine Folge hierzulande sah, erkannte ich sie als eine meiner Übersee-Einschlafhilfen wieder und wußte endlich, wie sie aus geht.

Meistens wache ich im Werbeblock kurz auf. Der unterbricht Serien in Amerika regelmäßig alle 15-20, dauert aber nicht länger als 5 Minuten. Geworben wird entweder für Essen oder für Versicherungen, manchmal auch für Bakterienkiller oder Medikamente. Schon klar, warum viele Amerikaner fett, ängstlich und depressiv sind. Würde mir einer im Halbschlaf ständig die Gefahren des Lebens suggerieren, denen man nur mit der richtigen Versicherung, der richtigen Pizza oder dem richtigen Medikament begegnen kann, wäre ich genauso. Das Antiserum - bei dem ich erstaunlicherweise NIE einschlafe - heißt HallmarkChannel. Inzwischen sendet dieser Kanal leider nicht mehr nur Bekehrungsstories mit auf Grußkartensprüchen basierenden Drehbuchdialogen, sondern auch weniger erbauliche Talkshows und gänzlich unreligiöse Fernsehfilme. Früher war das Programm da nicht unbedingt besser aber wenigstens voraussehbarer. Hallmarkchannel strahlte im Glanze der Scheinheiligkeit und ich konnte meinen Blick einfach nicht abwenden. Vielleicht weil mich diese Sorte weichzeichnermodusgedrehter Berichte gänzlich ungläubig zurückließen.

Wenn ich wachbleiben will, gucke ich einen neuen Sender, den NASAchannel. Das ist sowas wie Bayern3 Spacenight auf amerikanisch. Man stelle sich Big Brother im Großraumbüro irgendwo in Houston vor, wo dreissig Mann permanent per Bildschirm irgendwelche interstellaren Vorgänge überwachen und dazwischen kaffeetrinkend mit dem Kollegen ein Schwätzchen über Frau und Kinder halten. Das ganze wird live übertragen. Sowas ist wahnsinnig spannend, das hat man nicht alle Tage. Die von NASA TV nennen es Lückenfüller. Zum 50järhigen gibt es natürlich auch Sendung mit der Maus "wie funktioniert eine Rakete" und Bilder aus dem All. Manchmal wundere ich mich dann über die Menschen, die beständig irgendwo da draußen nach etwas suchen, ihre nächste Umgebung aber nicht kennen, geschweige denn sich selbst. Die wissen ja nicht mal wonach sie suchen, das aber für ein stolzes Jahresbudget von 17 Mrd. US Dollar (Quelle: Wikipedia). Derlei Gedanken rauben mir den Schlaf.

Da puhle ich lieber Fusel aus dem Zwischenraum meiner Zehen. Wenigstens weiß ich, wo die herkommen und wo sie hingehen. Und irgendwann schlafe ich dabei auch garantiert ein, während im Hintergrund leise einer "I'm loving it" flüstert.

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Sonntag, 29. Juni 2008
The Wrigley building, Chicago is


Es gibt zwei Lager in den Vereinigten Staaten: die New Yorker und der Rest von Amerika. Böse Zungen behaupten, Chicago wäre gerne ein bisschen New York. Könnte sein, denn hohe Gebäude, Straßenschluchten, gelbe Taxis und ein Haufen Fußgänger, breite Brücken inmitten der Stadt und eine Menge Wasser, das alles haben New York und Chicago gemeinsam. Allerdings ist Chicago ein wenig wie der vernünftige ältere Bruder des hormongebeutelt verrückten Pflasters an der Ostküste. Alles sehr gediegen, sauber, adrett. Sogar die Passanten auf den Gehwegen weichen aus, was man von New Yorkern nicht behaupten kann.
Blablaundsoweiterundsofort.
Es folgen einige Bilder in den Kommentaren, weil Text grad nicht so meine Stärke zu sein scheint.

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Donnerstag, 12. Juni 2008
Shout, let it all out
Dass man in Japan von allen Seiten angeschrien beschallt wird, ist nicht neu. Ampeln kuckucken, Lastwägen fiepen rückwärts und aus Lautsprechern schallt das neueste Werbejingle. Dass man allerdings beim Betreten eines Ladens von jedem Mitarbeiter von Weitem mit einem blagnamurmlmrmlsumimaseeeen!! bedacht wird, fiel mir erst jetzt auf. Und das, wo doch die Japaner sonst so ein dezentes Völkchen sind. Das habe ich mir gleich abgeschaut und meine Gäste beim Einsteigen mit einem herzlichen 'Konichiwaaaa!' aus dem Hinterhalt beschallt, worauf diesmal vereinzelt 'servus', gelegentlich 'Grüß Gott' und ganz selten 'ciao' zurückkam. Schließlich war ich so verunsichert, dass ich meine japanische Kollegin um Rat bat, die sich am Ende mit einem sehr herzlichen 'Pfiad di nachad' verabschiedete. Die Japaner sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Eine weitere Premiere war die Benutzung einer öffentlichen Toilette. Zwar wußte ich aus Berichten, dass dem Japaner alles Menschliche - insbesondere Körpergeräusche - fremd ist, doch auf die Beschallung aus der Schüssel war ich nicht gefaßt. Wenn nur der Schatten des Hinterns die Wasseroberfläche streift, wird dieser von einer weiblichen Stimme, gefolgt von Volièrenrevolte an den Niagarafällen begrüßt. Die Stimme selbst klingt ebenfalls, als hätte Sylvester endlich Tweety gekriegt. Andererseits klingt mein Echo aus einer Kloschüssel auch nicht viel besser. Diese japanische Variante der Klofrau nennt sich Geräuschprinzessin und ist soweit mir bekannt nur auf der Damentoilette vorzufinden. Mir persönlich hätte auch ein kleiner Gebirgsbach gereicht. Wo doch sonst in Japan alles so klein ist.

Je mehr ich über die Japaner weiß, umso weniger verstehe ich sie. Manchmal glaube ich fast, sie verstehen sich selbst nicht immer. Kein Wunder bei so einer Geräuschkulisse.

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Mittwoch, 28. Mai 2008
No more keeping my feet on the ground
Coldplay

Es ist doch immer das Gleiche in China. Man rennt über diverse Märkte, beinahe auf der Flucht vor den lautstarken Billigwarenpreisern. Begeht man einmal den Fehler stehenzubleiben, stürzen sie sich auf einen wie Schmeißfliegen auf Scheiße. 'I make you good price, my friend' lautet neben 'this is best quality, only that cheap for you' die gebräuchlichste Phrase. Wenn man dann ein Drittel des vom Händler vorgegebenen Preises nennt und trotz dessen schauspielerisch eindrucksvoller Verzweiflungsdarstellung geht, wird man meist mit der selbstgewählten Summe zum Geschäftsabschluß zurückgerufen.

Entweder bin ich vom Flug zu erschöpft oder einfach nicht der Typ für derartige Feilscherei, jedenfalls bevorzuge ich Händler, die mir von Beginn an faire Preise nennen, die ich nach vormalig guter Erfahrung gerne zu zahlen bereit bin. Leider gibt es zu viele Touristen, die beim Anblick einer Chanelplastikhandtasche für umgerechnet 50 Euro in wahre Begeisterungsstürme ausbrechen und dem Verkäufer am liebsten noch hundert Rimimbi (chinesische Währung, von Kollegen auch 'Dinger' genannt) drauflegen. Schon manchmal wünschte ich mir insgeheim, der Landessprache mächtig zu sein, um die Verkäufer hinterher zu belauschen. Diese Art Touristen fördern inzwischen utopische Olympiapreise in Peking. Es lohnt sich nicht mehr, auf Märkten einzukaufen. Wenn ich nicht eine dringende Besorgung zu erledigen habe, meide ich derartige Einkaufseinrichtungen sowieso.

Jetzt ist es aber so, dass man in 24 Stunden und mit einem Müdigkeitsschleier in Peking nicht sonderlich viel anstellen kann. Große Mauer und Kaiserpalast viel zu zeitaufwändig, das Gehirn nicht aufnahmefähig und die Füße versagten den Dienst bereits im Anflug. Mein kleines Import-Exportunternehmen mit Fernweh läuft immer noch. Vor einem Flug frage ich im Bekanntenkreis, ob sich jemand was wünscht, das ich von dort mitbringen kann. So verbringe ich meinen Aufenthalt noch einigermaßen sinnvoll. Leider komme ich dann auch nicht um besagte Märkte rum.

Meine Besorgungen sind dieses Mal schnell erledigt und ich streife haste nochmal über den Markt. Meine Augen fallen auf eine Einrichtung zur Nagelverschönerung, doch mein Gehirn hat keine Sekunde Zeit, um das nachzuvollziehen, was ich sehe, da hat mich eine kleine Chinesin bereits rabiat am Arm gepackt und zieht mich in Richtung eines freien Sessels. 'Naja,' denke ich 'warum nicht?'
Man muss sich das so vorstellen: während in langen Polstersesselreihen Kund/innen vor sich hin dösen, sitzen emsige Chinesen auf kleinen Schemeln davor, die Füße der Kunden auf den Schenkeln bearbeitend. Während die Hornhaut vom Hobel in alle Richtungen spratzelt, macht sich eine zweite Chinesin an den Händen zu schaffen oder knetet Gesicht und Nacken der Dösenden. Im ersten Moment sieht das alles sehr entspannend aus.

Im zweiten Moment sitze ich in einem Sessel und bin alles andere als entspannt. Ein Fuß steckt in einer Schüssel mit lauwarmem Wasser, während mein Folterknecht den anderen begutachtet. Hey, ich weiß, dass das an meiner Fußsohle nicht toll aussieht aber ich brauche eine Schutzschicht, wenn meine Füße stundenlang in hohe Schuhe gequetscht meinen Körper grazil über die Flugzeuggänge schweben lassen sollen und bitte lass davon noch was übrig. Er zückt das Messer, ich zucke mit dem Bein. In Folge liefern wir uns einem schier endlosen Kampf, den schließlich er gewinnt. Nach dreißig Minuten zwischen Kitzel und Schmerz bin ich entlassen. Ohne tote Haut, dafür mit weißen Fußnägeln. Die Kollegin meint, man bekäme normalerweise noch Blümchen draufgemalt. Darauf verzichte ich gerne, nachdem ich mir wegen Verständigungsschwierigkeiten nicht mal die Farbe aussuchen darf. Blümchen kann ich mit 'nem schwarzen Edding auch selbst malen.



Als meine Füße wieder in Schuhen und mit mir im Taxi stecken, bin ich wirklich erleichtert. Damit sich die Qualen gelohnt haben, werde ich in nächster Zeit nur noch offene Schuhe tragen. Mit ohne Socken. Das erste Mal Pediküre in China. Für nur vier Euro. Immerhin habe ich was erlebt, das ich jetzt schreiben kann. Unbezahlbar.

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Montag, 21. April 2008
Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen?
Leichen pflastern seinen Weg oder die Antwort auf die Frage, warum Wien so morbide sey.



Man spüre es einfach, behauptet Herr Kid, wie er zwischendurch auch mit fester Stimme behauptet, hier müsse man rechts bzw. dort links abbiegen oder eine komplett neue Richtung einschlagen. Man darf ihn ruhigen Gewissens den großen Orientator nennen, denn an kommen wir immer, wenn auch mit diversen Umwegen. Aber bekanntlich ist ja der Weg das Ziel.

Der wiederum führt uns zu sehr netten Menschen, die Herrn Kid ebenfalls kennen. Bei der C. genießen wir Kaffee und Kuchen unter einem blühenden Apfelbaum. Zum Abschied schenkt sie uns Selbstgebundenes. Den Deckel meines Büchleins ziert eine alte Postkarte, die graphische Ansicht der Münchner Maximilianstraße. Die Innenseiten wollen allerdings erst mit Leben befüllt werden. Ich bin sehr gerührt.




Später dann Wien bei Nacht.
Es ist voraussichtlich für lange Zeit der letzte Abend hier. Rapidfans belärmen die Fußgängerzone, während ich vor der Staatsoper still einige gute Wünsche zu Harmonie und Erato auf den geflügelten Pferden hinaufschicke. Dieses Mal ist die Bombe geplatzt. Ich besitze nämlich die seltene Gabe, meine Mitmenschen durch häufiges Nachfragen in Verzweiflung zu stürzen. Das Gedächtnis, Sie wissen schon. Zudem bin ich mit einer Aufmerksamkeitsspanne von einem Pfund Magerquark von hier bis zum nächsten Satz gesegnet. Geduldig repetiert Herr K. U-Bahnzahlen und Haltestellennamen, die er im Laufe der Zeit wie persönliche Mantras intoniert. Bei seiner Wiedergeburt dürfte nach diesen vier Tagen schon mehr als nur ein Ringel Regenwurm drin sein.

Ein klein wenig habe ich mich dann doch von der Morbidität anstecken lassen. Wien schlägt mir auf's Gemüt. Nicht viel, nur ein kleines bisschen. Nur so viel, dass ich mir das Bärenfell bis unter's Kinn ziehen möchte, nicht aber bis über beide Ohren. Jetzt ganz ohne Schmäh. Die ein oder andere Träne drückt schon nach draußen. Servus Wien, mach's guad! Ab morgen dann wieder wärmere Gefilde.

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Samstag, 19. April 2008
Vienna calling


Noch suche ich nach der Antwort auf die Frage, warum Wien immer als morbide bezeichnet wird. Ein Friedhof scheint mir der rechte Platz, um auf die Antwort zu stoßen, die ich in der medizinhistorischen Sammlung des Josephinums nicht finde. Stattdessen stoße ich dort auf allerlei wunderschön nachgebildet und liebevoll aufbereitet Innenmenschliches, wie etwa Blutgefäße und Gebeine. Die Besucher der "Körperwelten" wissen es sicher längst, was ich erst jetzt ahne. Zwei Stunden Ausstellungsbesuch ersetzt mehrere Trainingseinheiten, denn hinterher spüre ich jeden Muskel.

Dann auf dem Zentralfriedhof, Sektion Buddhismus, wimmelt Herr Kid gekonnt zwei krawattierte Bibelmissionare ab. Jetzt trifft man die schon auf Friedhöfen. Wo sonst könnte sich allerdings wirkungsvoller ewiges Leben verkaufen lassen, wenn nicht am Ort des Geschehens selbst. Später darf ich kurz an der Gedenkstätte von Franz Schubert verweilen, während Herr Kid in der Sonne ein Käsebrot verzehrt. Für Schönbergs und Ligetis Gräbersuche reicht unsere Orientierung leider nicht. Macht nichts, die laufen mir ja nicht weg. Immerhin habe ich noch keine Antwort auf meine zu Eingang gestellte Frage. Möglicherweise muss ich noch einmal zurückkommen, um sie zu finden.

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Donnerstag, 27. März 2008
I am telling you, I'm not going


Wir befinden uns im Jahre 2008 n. Chr. Ganz Narita ist von den Flughafenbetreibern besetzt... Ganz Narita? Nein! Ein von einem unbeugsamen Bauern bevölkertes Stückchen Land hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die Piloten aus aller Welt, die als Besatzung auf der befestigten Landebahn 34R zu stehen kommen...

[Hintergrundinformation zum Kampf des Hinokesan gegen Goliath.]

I'm telling you I'm not going

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