Sonntag, 26. Juni 2022
Surrender 2
Als ich am nächsten Morgen mit Frau Herzbruch und Familie frühstücke, habe ich noch die leise Hoffnung, dass mein Koffer sich in Düsseldorf befindet. Alles andere wäre mehr als ärgerlich. Ernsthaft, ich habe einen ganzen Tag damit vergeudet, diesen Koffer so zweckmäßíg wie möglich zu füllen, habe die Aufgabe fast perfekt gelöst, obwohl ich trotz meiner beruflichen Routine sehr schlecht darin bin, und soll jetzt im lang ersehnten Urlaub darauf verzichten? Wir sprechen nicht von Unterwäsche und bestimmten Medikamenten im Waschbeutel, wir sprechen von Flossen und Tauchermaske, von seidenen Überwurfkleidchen und indischen Blusen, von zweit und Drittbikinis und Schwimmanzügen für unter den Neoprenanzug und von Sommerschuhen, geschweige denn Badelatschen. Dieses Zeug kauft man sich nicht doppelt, das besitzt man genau einmal und verzichtet dann halt in dieser einen Woche Urlaub schweren Herzens drauf. In den folgenden zwei Tagen fallen immer wieder Bemerkungen zwischen Frau Herzbruch und mir, was sich da so alles in dem in München stehenden Koffer befindet. Sie bohrt gelegentlich auch mit kleinen Bemerkungen über fehlende Zahnseide und anderem in meiner Wunde, und auch Ona bemerkt, dass die am Flughafen Düsseldorf gekauften Schuhe nicht seinem Geschmack entsprechen. Aber hey, die waren im Sonderangebot und ich brauchte welche, weshalb ich die unprobiert innerhalb von fünf Minuten kaufte, während Familie Herzbruch den Platz in der Schlange vor der Security sicherte und mich an der Kasse anrief, damit ich nach Bezahlung dort hinsprinte, um dann von einem Polizisten gebodyblocked und zum wieder hinten Anstellen gezwungen werde, wo ich auf den Rest der Reisegruppe treffe. Macht nix, es geht schneller als vermutet.

Nicht so schnell geht allerdings die Wartezeit am Gate auf den verspäteten Abflug vorbei. Erst als ich misstrauisch werde und mal einen Blick auf den Monitor werfe, dann sehr hektisch alle einsammle und im Sprint an das andere Ende des B Bereiches laufe, weil das Abfluggate gewechselt hat und unser Flug bereits aufgerufen ist, da ist wieder Spannung im Spiel. Wie so Anfänger. Nach der Landung vermisse ich die Tüte mit der neu gekauften Kleidung auch erst im Bus zum Terminal, was alle abgeholten Gäste etwa eine Stunde Verzögerung, ein sehr verkürztes Abendessen und mich einen vorgetäuschten Nervenzusammenbruch kostet. Ja, die Tüte befand sich im Gepäckfach ganz hinten, weshalb ich sie als körperlich eher kleine Person übersah. Und bei der Gepäckvermittlung weiß man zwar über Funk von der Tüte, hat jedoch keine freien Mitarbeitenden, die sie zum Ankunftsbereich bringen können. Die Clubbeauftragte drängt auf Abfahrt des Reisebusses mit den restilchen 40 Gästen. Ich wiederum will mich gerne am Abend noch umziehen und kein Geld für ein separates Taxi an's andere Ende der Insel ausgeben - ich will mir davon noch Sportkleidung finanzieren, denn das Sportprogramm war schließlich so abgesprochen. Es folgt ein klassischer Walk of shame durch den Reisebus, im Hintergrund die Entschuldigung der Verantwortlichen via Mikrofon. Diese mich durchbohrenden Blicke sind Garant für die Einhaltung der Abstandsregelung in den folgenden sieben Tagen - wir erinnern uns: Frau Herzbruch wollte im Club ja keine Freundschaften schließen. Alles richtig gemacht.

Ab diesem Zeitpunkt wird alles besser. Ich kaufe Kleidung, ein paar andere Kleinigkeiten und bin danach mit den wenigen eigenen und ein paar von Frau Herzbruch geliehenen Sachen sehr zufrieden. Nur gelegentlich fällt mir ein, was ich hätte dabeihaben können. Das erwähne ich, lache kurz und erfreue mich entweder am Buffet oder der Aussicht auf's Meer. Meinen Bikini hatte ich nämlich im Handgepäck, genau wie eine kurze Hose, eine sehr edle Bluse und meinen Schmuck. You don't get the Handgepäcksprofi out of the Flugbegleiterin.
Und so war das mit unserer Anreise. Eine echte Übung in Bescheidenheit und Hingabe an die Situation.

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