Donnerstag, 5. Juni 2008
A room with a view (28)

Paris, La Défense

Eigentlich wollte ich Bilder aus dem Hotelzimmer in Skandinavien liefern. Eines zu jeder Stunde, weil's da gerade nur dämmert und nie richtig dunkel wird aber dann dachte ich mir, das glaubt mir sowieso wieder keiner und die Bilder könnten ja alle schon am Nachmittag entstanden sein und nachts muss ich ja auch mal schlafen. Das ausschlaggebende Argument gegen die nächtliche Midsommerfotoserie lieferte dann aber mein Arbeitgeber, der mich statt nach Stockholm kurzerhand nach Paris schickte. So ist das halt manchmal bei uns. Dabei war ich bisher fast ausschließlich im Winter in Skandinavien, wenn es nie richtig hell wird und ich sowieso leicht depressiv so schwer aus dem Bett komme. Ich glaube, kein Volk kann es besser als die Skandinavier nachvollziehen, wenn man von der 'Ungerechtigkeit in der Welt' klagt.

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Montag, 2. Juni 2008
De partir n'importe où


"He is designing for grown women in a world of little-girl images."
Suzy Menkes, International Herald Tribune

Yves Saint Laurent, 1.8.1936-1.6.2008

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Montag, 2. Juni 2008
Easy Meat
Beim Wichteln zu Weihnachten letztes Jahr diverse Bücher verschenkt. Die Beschenkte zieht ein Cocktailmixbuch. Sie lamentiert, sie trinke keinen Alkohol, worauf der Nebensitzer sein Geschenk - das Buch 'Fleisch ist mein Gemüse' - großzügig zum Tausch anbietet. Darauf sie: "Aber ich bin Vegetarierin!" *)

Vor vielen Jahren hatte eine Bekannte den Hund von Nachbarn in ihrer Obhut. Am ersten Abend bekam der Hund eine Scheibe Wurst, für die er sich fast überschlug. Als die Nachbarn ihren Hund abholten, berichtete sie von diesem Ereignis. "Aber unser Hund ist Vegetarier", behaupteten die Besitzer. Sie selbst waren allerdings Fleischspeisen nicht abgeneigt.

Freund Oweh berichtet kürzlich von seinem Disput mit einer Veganerin:
Oweh: "...ihre Schuhe sind folglich von Tieren, die freiwillig Selbstmord begangen haben."
Ich: "Lemmingleder?"

Unter diesen Umständen bekommt der Ausspruch 'Dumme Nuss' eine völlig neue Bedeutung.

*)Dementi: Es ist nicht so, dass ich was gegen Vegetarier hätte. Im Gegenteil, jeder soll so leben, wie er es gerne möchte, soll das essen, was er moralisch und geschmacklich vertreten kann und überhaupt gibt es durchaus leckere Alternativen zur täglichen Fleischfresserei, von denen ich mich selbst größtenteils ernähre.

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Samstag, 31. Mai 2008
Watermelon man
Herbie Hancock

Prall und rund liegt sie vor mir. Ich halte sie an mein Ohr und klopfe mit dem Knöchel gegen die Schale. Ihr Innerstes antwortet mit dem dumpfen Echo einer Trommel. Als sich das Messer durch das Äußere bohrt, tropft Saft wie Tränen heraus. Wie weich es sich durch ihr rotes Fleisch führen lässt, nachdem der erste Widerstand gebrochen ist. Wie eine Hure mit offenen Beinen bietet sie sich mir an. Ich grabe meine Zähne hinein. An meinen Mundwinkeln bilden sich kleine Rinnsale, Wasser läuft mir die Arme bis zu den Ellenbogen hinunter. Das letzte Stück - dort wo das rot zartrosa wird und schließlich in einer weißen Schicht endet - ist am schwersten zu erreichen, und obwohl ihr Geschmack dort nur noch eine Reminiszenz dessen ist, was so orgiastisch begann, presse ich meinen Mund gegen die Innenseite der Schale und höhle sie mit meinen Zähnen vollständig aus.

Die grünen Reste türmen sich auf einem Teller. Viereinhalb Kilo wog sie und bestand doch fast nur aus Wasser, das Melonenbaby.

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Donnerstag, 29. Mai 2008
Dance! Even if you have nowhere to do it but in your own living room

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Mittwoch, 28. Mai 2008
No more keeping my feet on the ground
Coldplay

Es ist doch immer das Gleiche in China. Man rennt über diverse Märkte, beinahe auf der Flucht vor den lautstarken Billigwarenpreisern. Begeht man einmal den Fehler stehenzubleiben, stürzen sie sich auf einen wie Schmeißfliegen auf Scheiße. 'I make you good price, my friend' lautet neben 'this is best quality, only that cheap for you' die gebräuchlichste Phrase. Wenn man dann ein Drittel des vom Händler vorgegebenen Preises nennt und trotz dessen schauspielerisch eindrucksvoller Verzweiflungsdarstellung geht, wird man meist mit der selbstgewählten Summe zum Geschäftsabschluß zurückgerufen.

Entweder bin ich vom Flug zu erschöpft oder einfach nicht der Typ für derartige Feilscherei, jedenfalls bevorzuge ich Händler, die mir von Beginn an faire Preise nennen, die ich nach vormalig guter Erfahrung gerne zu zahlen bereit bin. Leider gibt es zu viele Touristen, die beim Anblick einer Chanelplastikhandtasche für umgerechnet 50 Euro in wahre Begeisterungsstürme ausbrechen und dem Verkäufer am liebsten noch hundert Rimimbi (chinesische Währung, von Kollegen auch 'Dinger' genannt) drauflegen. Schon manchmal wünschte ich mir insgeheim, der Landessprache mächtig zu sein, um die Verkäufer hinterher zu belauschen. Diese Art Touristen fördern inzwischen utopische Olympiapreise in Peking. Es lohnt sich nicht mehr, auf Märkten einzukaufen. Wenn ich nicht eine dringende Besorgung zu erledigen habe, meide ich derartige Einkaufseinrichtungen sowieso.

Jetzt ist es aber so, dass man in 24 Stunden und mit einem Müdigkeitsschleier in Peking nicht sonderlich viel anstellen kann. Große Mauer und Kaiserpalast viel zu zeitaufwändig, das Gehirn nicht aufnahmefähig und die Füße versagten den Dienst bereits im Anflug. Mein kleines Import-Exportunternehmen mit Fernweh läuft immer noch. Vor einem Flug frage ich im Bekanntenkreis, ob sich jemand was wünscht, das ich von dort mitbringen kann. So verbringe ich meinen Aufenthalt noch einigermaßen sinnvoll. Leider komme ich dann auch nicht um besagte Märkte rum.

Meine Besorgungen sind dieses Mal schnell erledigt und ich streife haste nochmal über den Markt. Meine Augen fallen auf eine Einrichtung zur Nagelverschönerung, doch mein Gehirn hat keine Sekunde Zeit, um das nachzuvollziehen, was ich sehe, da hat mich eine kleine Chinesin bereits rabiat am Arm gepackt und zieht mich in Richtung eines freien Sessels. 'Naja,' denke ich 'warum nicht?'
Man muss sich das so vorstellen: während in langen Polstersesselreihen Kund/innen vor sich hin dösen, sitzen emsige Chinesen auf kleinen Schemeln davor, die Füße der Kunden auf den Schenkeln bearbeitend. Während die Hornhaut vom Hobel in alle Richtungen spratzelt, macht sich eine zweite Chinesin an den Händen zu schaffen oder knetet Gesicht und Nacken der Dösenden. Im ersten Moment sieht das alles sehr entspannend aus.

Im zweiten Moment sitze ich in einem Sessel und bin alles andere als entspannt. Ein Fuß steckt in einer Schüssel mit lauwarmem Wasser, während mein Folterknecht den anderen begutachtet. Hey, ich weiß, dass das an meiner Fußsohle nicht toll aussieht aber ich brauche eine Schutzschicht, wenn meine Füße stundenlang in hohe Schuhe gequetscht meinen Körper grazil über die Flugzeuggänge schweben lassen sollen und bitte lass davon noch was übrig. Er zückt das Messer, ich zucke mit dem Bein. In Folge liefern wir uns einem schier endlosen Kampf, den schließlich er gewinnt. Nach dreißig Minuten zwischen Kitzel und Schmerz bin ich entlassen. Ohne tote Haut, dafür mit weißen Fußnägeln. Die Kollegin meint, man bekäme normalerweise noch Blümchen draufgemalt. Darauf verzichte ich gerne, nachdem ich mir wegen Verständigungsschwierigkeiten nicht mal die Farbe aussuchen darf. Blümchen kann ich mit 'nem schwarzen Edding auch selbst malen.



Als meine Füße wieder in Schuhen und mit mir im Taxi stecken, bin ich wirklich erleichtert. Damit sich die Qualen gelohnt haben, werde ich in nächster Zeit nur noch offene Schuhe tragen. Mit ohne Socken. Das erste Mal Pediküre in China. Für nur vier Euro. Immerhin habe ich was erlebt, das ich jetzt schreiben kann. Unbezahlbar.

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Montag, 26. Mai 2008
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Samstag, 24. Mai 2008
I shot the Sheriff, but I swear it was in self-defense
München ist so eine Sauberstadt. Wo in Berlin an jeder Ecke ein Penner steht, steht in München höchstens ein Zeitungskasten, der von mindestens zwei Rentnern aus dem gegenüberliegenden dritten Stock durchgehend beobachtet wird. Auf Münchens Straßen fahren mehr Polizei- als Postautos.

All dies hat jedoch die beiden U-Bahn-Schläger nicht daran gehindert, im Februar einen Passanten zu vermöbeln. Jetzt bin ich kein Mensch, der deswegen in U-Bahnstationen oder auf der Straße Angst hätte. Ich habe keine Angst, in der Dämmerung alleine zu laufen. Nirgends auf der Welt. Und schon gar nicht in München. Aber ich kenne dieses ungute Gefühl, wenn sich Besoffene torkelnd nähern oder Halbstarke laut profilieren. Um die mache ich - wenn möglich - einen etwas weiteren Bogen.

Freitags muss ich gegen halb elf abends gelegentlich auf meine U-Bahn warten, die mich aus einem sozial niedrigeren Milieu in eine bessere Gegend bringt. Und so begab es sich vor zwei Wochen, dass mich ein stark angetrunkener Mann in riechbar ungepflegtem Zustand aus kurzer Distanz bepöbelte. Ich entschied in diesem Falle, dem Störer keine weitere Aufmerksamkeit zu schenken und stattdessen durch ihn hindurchzusehen, hoffend, er würde nach einer Weile das Interesse an meiner Person verlieren. Dem war jedoch erst so, als ich meine U-Bahn bestieg.

Gestern nun dasselbe Spiel. Doch diesmal entschied ich mich für aktive Gegenwehr. Als sich der alkoholisierte Mensch mir hinterrücks näherte und in einem Abstand von wenigen Zentimetern stehen blieb, drehte ich mich um und sagte sehr laut, er solle mich in Ruhe lassen. Der Typ schien völlig überrascht von meiner Reaktion und entschied sich spontan für zwei Schritt Abstand, den er auch im weiteren Verlauf jeweils nach hinten suchte, sobald ich mich in seine Richtung bewegte, was ihn allerdings nicht daran hinderte, mich lautstark mit diversen Schimpfwörtern zu bedenken.

Bezeichnenderweise drehten sich zwar andere Wartende neugierig in Richtung des Geschehens, auf tatkräftige Unterstützung hätte ich im Falle einer Eskalation jedoch sicher vergeblich gehofft. Und jetzt stellt sich mir die Frage, ob ich nicht doch diverse Selbstverteidigungstechniken lernen sollte oder lieber weiterhin auf meine verbale Überzeugungskraft vertrauen - immerhin erstaunte mich meine Reaktion und ihre Wirkung selbst ein wenig. Wer hat Ähnliches erlebt? Sind Selbstverteidigungskurse sinnvoll? Erfahrungsberichte und Empfehlungen zum Thema werden in den Kommentaren erbeten.

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Samstag, 24. Mai 2008
Make it good
snoop dogg

Wiedergutmachung.
"Ich mache es wieder gut."
"Mutti pustet und alles ist wieder gut."

Gibt es Wiedergutmachung? Funktioniert dieses Prinzip? Wenn etwas in der Vergangenheit schief gelaufen ist, kann es in der Gegenwart nicht korrigiert, sondern bei zukünftiger Gelegenheit nur anders gemacht werden. Wiederandersmachung sozusagen.
Im Grunde erinnert das Wort an etwas Kindliches. Das Kind, das Blümchen pflückt oder Bilder malt, weil Papi böse ist und es wieder liebgehabt werden will.

Wenn man einen Fehler macht, durch den ein anderer zu Schaden kommt, sollte man sich dafür entschuldigen und entstandene Nachteile soweit als möglich ausgleichen. Aber etwas Wiedergutmachen im Sinne von etwas Schlechtes in sein Gegenteil kehren, das geht nicht.

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Donnerstag, 22. Mai 2008
It's not over yet
Jazzbar Vogler vor dem Aus

So lauten die Schlagzeilen bei Münchenblogger. Bereits letzten Sonntag erreichte mich der übliche Newsletter mit ungewöhnlichem Inhalt:

Liebe Freundin, lieber Freund der Jazzbar Vogler,

das wird ein sehr schwerer Brief:

Wie Sie wissen, habe ich mich vor bald elf Jahren entschieden, das "Vogler" zu eroeffnen - ohne jegliche Erfahrung in der Gastronomie und ohne auch nur einen einzigen Musiker zu kennen. Seitdem ist das "Vogler" fuer viele von Ihnen zum zweiten musikalischen Wohnzimmer geworden; es gab im Laufe der Jahre viele Konzerte und Veranstaltungen, es gab aber auch manche Steine, die mir in den Weg gelegt wurden - aber irgendwie fand sich immer wieder eine Loesung.

Jetzt gibt es einen Stein, der fuer mich allein zu gross ist und mir nur zwei Moeglichkeiten laesst: Entweder das "Vogler" Ende Juni zu schliessen, oder mit Ihrer Hilfe die Schliessung zu verhindern.

Soviel Glueck ich mit meinen Gaesten, Musikern und Mitarbeitern habe, soviel Pech hatte ich mit meiner Steuerberaterin; wie sich leider viel zu spaet herausgestellt hat, wurden vier Jahre lang meine Steuern falsch und/oder nur unvollstaendig deklariert; die daraus folgenden Nach-Zahlungen sind fuer mich seid Monaten ein riesen Problem. Da sie in diesem Geschaeft keine Ruecklagen bilden koennen, weil der Sommer immer alles auffrisst und Banken sich dreimal auf die Schenkel klopfen, wenn es bei einer Jazzbar um einen Ueberbrueckungs-Kredit geht (da nuetzt es auch nichts, bei Banken schuldenfrei zu sein), bleiben nicht viel Moeglichkeiten. Wenn Sie mich ueber die Jahre nur ein bisschen kennen, wissen Sie, daß ich alles versucht habe, um das Problem allein zu loesen.

Meine ungewoehnliche Bitte ist nun: Wenn Sie weiter montags bei der Jam-Session die Musiker der Muenchner Szene mit internationalen Gaesten, Dienstags bis Donnerstag bei freiem Eintritt z.B. Joe Kienemann, freitags u.a. Stars wie z.B. Don Menza oder Pee Wee Ellis erleben, wenn Sie samstags tanzen moechten zu Bands wie den "Zucchinis" oder "Buena Vida", z.B. im November Randy Brecker erleben wollen, wenn Sie moechten, daß das "Vogler" weiter in Muenchen existieren soll - dann wuerde ich Sie um "Spende fuers Vogler" (jeder Euro zaehlt :-) auf mein Konto 890885805 bei der Postbank Blz: 70010080 bitten.

Ich weiss, es ist eine sehr, sehr ungewoehnliche Bitte. Und ich habe lange mit mir gerungen, ob ich dies auf diesem Weg so machen kann. Aber es erschien mir der bessere Weg, als das Vogler einfach zu schliessen.

Und vielleicht habe ich als "der" Vogler ja Glueck, dass viele, viele, viele Freunde "des" Voglers "das" Vogler am Leben erhalten wollen ... :-)

Ihnen allen schon jetzt: Tausend Dank!
Und wie auch immer das Ganze ausgeht verbleibt,
mit den besten Gruessen und Wuenschen
Ihr Thomas Vogler


Hoffen wir, dass sich genügend Spender finden, um das Vogler zu erhalten.

weitere Links zum Vogler:

http://www.jazzbar-vogler.com
http://smartass.blogger.de/20070731/
http://smartass.blogger.de/20080210/

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Sätze, die man sofort bloggen muss (44)
Frau K. im Stephansdom mit Blick auf die brennenden Kerzen vor dem Seitenaltar:
"Wenn ich die alle auf einmal auspuste, darf ich mir dann was wünschen?"

Ja, ich finde das wahnsinnig komisch. Immer noch.

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