Montag, 14. Juni 2021
Rocky Mountain High
by John Denver



Zugegeben, es waren dann doch nicht die Rockies, zumindest aber ein Berg am Fuße von Boulder. Eine leichte, nicht zu anstrengende Bergwanderung sollte es werden. So hatte der Kollege diesen Ausflug angekündigt, der während unseres mehrtägigen Aufenthalts in Denver stattfinden sollte. Ich sollte nicht die Einzige bleiben, die beim Aufstieg ihre körperlichen Kräfte verließen. Kein Wunder, bewegte ich mich doch die letzten Monate verletzungsbedingt vorwiegend im Kopf und weniger auf den Beinen.

Zugegeben, die Erzählungen des Kollegen am Vortag - er und ich waren auf einer kleinen Wanderung um einen See unterwegs, auf der er seine üblichen Gewaltmärsche erwähnte - hätten mich stutzig machen sollen. Als er sich für die vierstündige Fußvariante entschied, ich mich aber für den Bus zurück, da hatte ich es noch ein klein wenig bereut, wollte ihm aber durch meine körperlichen Gebrechen kein Hindernis für sein Geherlebnis sein.

Zugegeben, während die untrainierte Kollegin sich unterschätzte, hatte ich mich an meiner doch fitten Vergangenheit orientierend überschätzt. Auch die Kombination aus Hitze und über 2000m Höhe hatten mich nicht abgeschreckt - was ich nicht weiß usw - wohl aber die großen, in die Felsen geschlagenen Stufen zu Beginn des Aufstiegs, die den immerwährenden Schmerz beim Anheben des Beines schnell verdoppelten. Dennoch wollte nicht aufgeben, sondern oben ankommen, koste es was es wolle.

Zugegeben, die Strecke war nicht nur viel länger, sondern vor allem viel steiler als gedacht. Die Einschätzung wurde durch die verdeckte Sicht auf den Gipfel noch erschwert. Nach jeder Wegbiegung dann große Enttäuschung, da sich der erhoffte Gipfel dann doch nur als eine weitere Etappe auf dem Weg nach oben herausstellte. Also weiter über unwegsame Steine und Felsen, mal kletternd, mal steigend.

Zugegeben, auch die Hoffnung am Gipfel auf einen leichteren Abstieg - so die Aussage des erfahrenen Kollegen, der sich jedoch nicht mehr so genau erinnern konnte - zerschlug sich sehr schnell. Man wollte nicht den schwierigen Aufstieg zurück, also wählten wir den Abstieg zur anderen Seite, der noch schmälere Wege, noch steilere Klettereien und noch unwegsamere bis unkenntlichere Pfade bediente als zuvor. Das alles ohne wirkliche Ausrüstung - wobei adäquates Schuhwerk ja relativ ist, denn während nicht nur echte Australier, sondern auch die Kollegin gerne in Flipflops wandert, hat unsereins schon vom Anblick diversen Schuhwerks Blasen und Scheuerstellen.

Zugegeben, während ich auf der gesamten Strecke nicht nur einmal still in mich hineinfluchte, war ich hinterher nicht nur stolz, sondern auch glücklich über meine Leistung. Und im Nachhinein betrachtet war alles sowieso nur noch halb so anstrengend. Immerhin hatte ich am nächsten Tag keine zusätzlichen Folgeerscheinungen in Form von Schmerzen. Aber die Aussicht war einfach bombastisch. Ich fürchte, ich muss das irgendwann wiederholen.


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Freitag, 14. Mai 2021
The Needle Man
Kaum ein Ereignis wird derzeit öfter in den privat-darstellenden Medien dokumentiert als die Coronaschutzimpfung. Deshalb halte auch ich hier fest, ich wurde heute geimpft. Zuvor hatte ich aufmerksam die Berichte in bekannten Blogs und Twitter gelesen, wie sowas vonstatten geht. Man will ja schließlich gut vorbereitet sein. Der Tenor war einstimmig, das Personal sei freundlich aufmerksam und die Grundstimmung fröhlich, gelöst. Bis zur Impfkabine kann ich das durchweg bestätigen, hinter dem Vorhang kippte die Stimmung in Irritation.

Nun muss man wissen, dass ich schon berufsbedingt ein freundlicher und offener Mensch bin. Man könnte sogar behaupten, ich war es auch vorher schon, denn diese Eigenschaften gehören zu den Auswahlkriterien von Fluggesellschaftspersonal. Zudem habe ich viel Erfahrung im Umgang mit den unterschiedlichsten Charakteren. Manche sind, sagen wir mal schwieriger als andere. Servicepersonal weiß das, weshalb ich mich durchweg bemühe, Kolleg:innen aus dieser Sparte keine zusätzlichen Umstände zu bereiten. Läuft dann eine Situation seltsam schief, kann es nur daran gelegen haben, dass ich was falsch verstand - die Kommunikation und ihre Grundvoraussetzung (Annahmen) lief aus dem Ruder.

Personal, das sich freiwillig zur Durchführung und Organisation von Massenimpfungen bereiterklärt, sind in meinen Augen Alltagshelden, ich möchte ihnen so wenig wie möglich zusätzliche Arbeit bereiten, weshalb ich auf dem Impfbogen "ausdrücklich auf das ärztliche Aufklärungsgespräch verzichten" ankreuzte. Das schien aber den Impfarzt nicht sonderlich zu beeindrucken. Bedächtig hob er an, mich auf Nebenwirkungen hinzuweisen. Ich nickte freundlich und murmelte gelegentlich ein "ja" durch die Maske. Danach suchte er lange nach einem Platz in meinem Impfbuch, um die Coronaimpfung einzutragen. Man könne es ja bei der Tuberkuloseimpfung eintragen, wofür das Wort Tuberkulose auf der Seite oben dick durchstrich und in etwas krakeliger, an Sütterlin erinnernde Schreibschrift "Corona" drüberschrieb. Dann füllte er die Spalten der Tabelle aus und strichelte anschließend einen Trennstrich unter seinen Eintrag. "Für die zweite Impfung", wie er bemerkte und ich solle das daheim dann noch schön mit Lineal nachziehen, da er das hier nicht könne. "Ach das macht nichts...", erwiderte ich. Den nächsten Satz konnte ich nicht mehr anfügen, weil mir der Arzt ins Wort fiel. Schließlich würde er sich hier sehr viel Mühe geben und das sei ein Dokument von ausserordentlicher Wichtigkeit, das mache schon etwas. Als ich auf die ausgefledderten Ränder hinwies, die von kontinuierlicher Aufbewahrung in meiner Uniformhandtasche stammen, bemerkte er, die müsse ich mit Tesa reparieren.

Spätestens als er mir den Ärmel herunterzog, nachdem er mir das Pflaster aufgeklebt hatte, war ich doch sehr irritiert. Nicht nur möchte ich mich selbst aus- und wieder anziehen, sondern auch nicht wie ein Schulmädchen belehrt werden. Der Knoten im Magen löste sich auch nicht wieder während der Busfahrt zur Ubahnhaltestelle. Und die Frage, ob ich in diesem Fall überempfindlich reagierte, schwirrt noch immer in meinem Kopf. War ich am Ende gar gemansplained worden? Es wird sich im Nachhinein nicht eindeutig klären lassen.

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Sonntag, 2. Mai 2021
Nothing more than Feelings
Da habe ich doch glatt mal wieder was geschrieben aber (noch) nicht veröffentlicht und zack sind schon wieder zwei Wochen rum und nichts ist mehr aktuell oder originär. Passiert mir in letzter Zeit öfters, dass ich so eine Idee habe und dann hatte die jemand anders auch aber ungefähr eine Millisekunde vor mir. Zumindest weiß ich dann, dass ich nichts mehr drüber schreiben brauch, weil das schon besser erledigt wurde als ich es jemals hinbekommen hätte. Beispielsweise ging mir das letztens so mit dem NYT Artikel über dieses Gefühl des Dahindümpelns (languishing).

Ich hab' mir nämlich lange darüber Gedanken gemacht, wieso ich mich so fühle. So ausgelutscht. Dabei bezweifle ich, dass sich bei mir die Umstände mit Abebben der Pandemie ändern, denn die waren schon vorher durch die körperlichen Einschränkungen und werden auch noch lange danach sein. Aber dann kommt mir wieder in den Sinn, wie ich mich in schwierigen Situationen immer neu orientiert habe und angepasst. Was ich jüngst darüber lernte, ist, dass man das Resilienz nennt und die auch nach hinten losgehen kann, wenn man sich, wie ich, ganz krampfhaft dran festhält. Ich frage mich, wieso in keinem sogenannten Selbsthilfebuch steht, dass man bitteschön ohne schlechtes Gewissen auch mal ganz unten ankommen darf. Das ist weder verwerflich noch unvernünftig. Alles andere schon, denn alles andere bedeutet Kampf gegen irgendwas, das - weil unvermeidlich - am Ende doch gewinnt.

Im Grunde geht die (Gefühls-)Kiste nämlich von ganz alleine rauf und runter. Aber auch damit erzähle ich Ihnen nichts Neues. Wie ich schon schrieb, andere sind halt schneller und besser. Immerhin weiß ich dann, dass ich nicht völlig verquert bin.

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Freitag, 23. April 2021
Wind of Change
Falls Sie mal bisschen Hintergrundinfo über die Luftzirkulation im Flugzeug kriegen möchten, vor allem wo doch jetzt der Impftourismus nach USA in Mode kommt, bitte hier entlang:
How safe are you from Covid when you fly?
(Das Ding funktioniert auch mit allen anderen Ausdünstungen)

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Mittwoch, 17. März 2021
When I'm sixty-four II
Sixty-four I

Folgende Konversation entwickelte sich heute in einer Physiopraxis meines Vertrauens. Die Wände der Behandlungszimmer sind oben offen, im angrenzenden Gymnastikraum unterhält sich offenbar junge Patientin mit jungem Physiomann über Tatoos.

JP: Das ist so endgültig und im Alter sieht es nicht mehr so toll aus.

Ich zu meinem PT: Das Tatoo ist im Alter das geringste Problem, da gibt's noch ganz andere Sachen, die nicht mehr toll aussehen.

PT (etwa Anfang 30) nickt und lacht: Ja, man muss seine Eitelkeit im Alter beiseite stellen können.

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Samstag, 6. März 2021
Warm Beer and Cold Women


So sieht's nach der Liveübertragung des Starkbieranstichs am Nockherberg aus. Eigentlich bin ich weder an Bier bzw. Feierlichkeiten zur dessen Konsummierung noch an Politik sonderlich interessiert. Aus diesem Grund ging das sogenannte Dablecka (zu Hochdeutsch: auf's Korn nehmen) am Nockherberg immer an mir vorbei. Einzig eine kurze Episode aus ersten Lebensjahren verbindet mich biographisch mit dem Ort, an dem ich die letzten beiden Nächte verbrachte.

Da ich fliegerisch gerade nicht viel zu tun habe, arbeite ich nebenher im Sicherheitsbereich. Das klingt jetzt spannender als es ist. Meine Aufgabe besteht vorwiegend darin, meine Zeit nachts neben Ü-Wagen abzusitzen, damit sie nicht unbeaufsichtigt in der Gegend rumstehen. Gelegentlich ist aber auch das spannend. Wenn beispielsweise eine Horde Jugendlicher grölend vorbeizieht und an die Wand hämmert, während ich drinnen sitzend lese, dann steigt mein Adrenalinpegel plötzlich stark an. Oder wenn sich der Schlüssel im Schloss der schweren Zugangstüre nicht drehen lässt, dann wird mir auch bei Minustemperaturen ganz warm. Meist geht so eine 12 - 14 Stunden Schicht aber quälend langsam vorbei. Müdigkeit und Kälte machen es nicht unbedingt einfacher. Vor allem wenn der Organismus gegen 3 auf Sparflamme schaltet, hilft auch keine noch so warme Heizung mehr gegen die innere Kälte.

Dieses Mal war's nicht ganz so ruhig, denn die Menschen hinter den Kulissen arbeiteten bis spät in die Nacht. Der zuständige Mitarbeiter meinte, das seien aber auch die, die sowieso nicht heimgehen wollten. Und das sind erstaunlich viele. Wie viele kann man sich erst vorstellen, wenn man den Aufwand für solch eine Sendung sieht. Eine Woche Aufbau, Proben, technische Finessen, da ist eine komplette Maschinerie am Werk. Damit dies auch in Pandemiezeiten sicher von Statten geht, wurden alle vor der Produktion und dann jeden Tag vor Ort getestet. Folglich habe ich in der vergangenen Woche drei Stäbchen in die Nase eingeführt bekommen und am Rachen kratzen gespürt. Was man halt so tut für ein wenig Abwechslung.

Vom Ereignis selbst habe ich sehr wenig mitbekommen. Ich hatte ja zu beaufsichtigen. Nur hinterher bin ich noch mehrere Male durch die leeren Räumlichkeiten gestreift, um das Licht zu löschen und auch sonst nach dem Rechten zu sehen. Wie so eine Hausmeisterin am Theater.

Als Kind träumte ich immer, nachts im Kaufhaus eingeschlossen zu werden - etwas, das ich im Kleinen schon ausprobierte. Überhaupt diese öffentlichen Räume, die man nur belebt kennt und plötzlich betritt man sie ausserhalb der Öffnungszeiten, das fühlt sich immer ein wenig wie Einweihung an. Dunkelheit und Stille, erloschene Energie, wo vor kurzem noch die Luft vibrierte. Das Echo vergangener Ereignisse in den Wänden gespeichert, deren Türen mir normalerweise verschlossen bleiben. In der Dunkelheit gehören diese Räume mir, denn dann bin ich die Einzige, die ihre Bedeutung bezeugen kann. Gleichzeitig gehöre ich jetzt dazu, weil ich hinter die Kulissen geschaut habe. Ich sehe, was von der Illusion übrig ist. Der Trick ist damit entlarvt, wird aber zur eigentlichen Magie. So war das für mich zum ersten Mal hinter einer Theaterbühne und zum ersten Mal in einem leeren Flugzeug. Der Zauber selbst wird nie vergehen, ist aber auf einem Bild - wie oben - nicht wiederzugeben. Das braucht körperliche Anwesenheit. So wird selbst eine durchfrorene und durchwachte Nacht zum lohnenden Unterfangen.

Am nächsten Morgen sinke ich seelig in mein Bett, nicht jedoch ohne noch ein paar Ausschnitte der Übertragung im Netz gesehen zu haben. Und wieder stelle ich fest, das hat nichts mit dem zu tun, was ich sah, was ich spürte. Für mich entsteht die Magie nicht auf, sondern hinter der Bühne. Indem ich mich dort aufhalte, bleibt alles lebendig. Während die Bühnenarbeiter das Zeugnis der vergangenen Nacht abbauen, träume ich von Räumen, die ich früher verbotenerweise erkundete. Heute bekomme ich dafür Stundenlohn. Vielleicht ist das dieses Erwachsensein, von dem man so viel hört.

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Sonntag, 28. Februar 2021
One Night In Bangkok
... and the world's your oyster.
Wissen Sie eigentlich, wie lange ich warten musste, bis ich endlich diese Liedzeile als Überschrift benutzen kann? Und dann ist alles ganz anders als erwartet. Natürlich war ich schon einmal vor vielen Jahren in Bangkok. Damals sogar für fünf Nächte mit einem Zwischenstopp in Saigon. Damals, das war die Zeit, als man die Hotels noch verlassen durfte. Dieses Mal war mein Aufenthalt allerdings nur einige Stunden lang und auf das Zimmer begrenzt. Sie sehen, ich scheue keine Mühen, um Ihnen ein bisschen Reisefeeling in den heimischen Lockdown zu vermitteln.



Von den Passagieren erfahre ich, dass man in Thailand 14 Tage Zimmerquarantäne hinter sich bringen muss, um dann vier Tage den beruflichen Zweck seines Aufenthalts zu absolvieren. Es sei denn, man möchte sowieso drei Monate im Land oder nach Bali reisen, dann lohnen sich zwei Wochen Eingesperrtsein im Vergleich zu monatelangem Lockdown light. Die Beweggründe für die Reise sind offenbar vielfältig.

Wir werden direkt nach der Einreise von Bussen abgeholt und zum flughafennahen Hotel gebracht. Auf dem Weg zum Zimmer wird gefühlt 10x meine Körpertemperatur gemessen. Die blauen Überzieher an den Schuhen verliere ich auf dem Flur. Vor den Zimmertüren stehen Stühle, auf denen bestellte Speisen abgestellt werden. Im Zimmer ist der Boden mit PVC überzogen, die Stühle mit Hussen. Erstaunlicherweise steckt die Fernbedienung des Fernsehers nicht wie sonst üblich in einer Plastikhülle. Mir ist das alles egal, denn in etwa 12 Stunden werde ich wieder abgeholt. Dazwischen darf ich mein Quartier nicht verlassen. Sollte ich es dennoch tun, kann ich die Türe nicht mehr öffnen und muss für den neuen Schlüssel eine hohe Strafsumme bezahlen.
Die Aussicht auf sommerliche 30 Grad am Pool machen das kurze Intermezzo erträglich. Allerdings schauen meine Augen nur zwei Stunden vom Bett aus dem Fenster bevor sie endgültig zu fallen. Als ich sie wieder öffne, ist es bereits dunkel. Nach einer Dusche schlüpfe ich in meine Kleidung und die Schuhüberzieher, nehme meine Koffer und verlasse das Zimmer. Die FFP2 Maske werde ich jetzt bis zur Ankunft daheim mit kurzen Trinkunterbrechungen 17 Stunden getragen haben. Trotz aller Mühen bin ich froh, wieder einmal unterwegs gewesen zu sein. Nur die Müdigkeit, die noch Tage danach in den Knochen steckt, die habe ich nicht vermisst.

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Mittwoch, 24. Februar 2021
You Can't Hurry Love
Was bisher geschah (wo ich doch so lange nichts geschrieben habe)

Über ein Jahr ist die OP her. Das Gelenk schmerzte lange, viel zu lange. Die Orthopäden arbeiteten im Ausschlussverfahren - was man halt in 10 Minuten Behandlungszeit so ausschließen kann. Der Operateur hat erst Mal seine Schuld an allem ausgeschlossen. Im Grunde hatte er aber über die Ursache meiner anhaltenden Schmerzen genauso wenig Ahnung wie der Anfang des Jahres noch behandelnde Physio. Ich solle halt weniger belasten. Also ging ich's mit der Nachrehagymnastik langsam an, nutzte aber die genehmigten Stunden innerhalb des Gültigkeitszeitraumes. Da war schon Corona und alles andere zu. Ich freute mich über die Abwechslung im Rehastudio und beim Physio. Die Tabletten waren auch nicht ohne.

Im Sommer radelte ich mit einem Bekannten regelmäßig zur Morgengymnastik in den Park. Bestimmte Übungen - vor allem die mit Beine Anheben im Liegen, die Bauchmuskeln machen sollen - gingen nicht. Ich war einfallsreich und absolvierte was eben ging. Liegestütz, Bankstütz, Seelenstütz und mehr. Die Bewegung tat seelisch so gut wie die Begegnung. Irgendwas musste ich in der Zeit ja tun, in der ich nicht arbeitete und auch sonst niemanden traf. Wir waren nicht die Einzigen, die es zum Sport nach draußen zog. Einmal probierte ich sogar eine kurze Joggingeinheit. Im Nachhinein betrachtet keine so gute Idee.

Wo es weh tat, konnte ich genauso gut lokalisieren, wie beschreiben, was den Schmerz auslöste. Ich hatte über die Wochen recherchiert, zahllose Videos im Netz gesehen und viel über Anatomie gelesen. Nur mit den lateinischen Bezeichnungen haperte es zwischendurch. Mit möglichen Diagnosen war ich zögerlich, denn ich wollte der Fachkraft nicht vorgreifen. Der Operateur zuckte nur mit den Schultern. Das sei alles untypisch. Tabletten waren das Resultat meiner Frage nach Lösungswegen. Ich nahm seinen Zweifel an meinen Schilderungen und Vermutungen wahr. Dabei verbringe ich doch meine gesamte Zeit in diesem Körper, wer könnte mich besser spüren als ich selbst? Spätestens da war mir klar, dass ich auf mich allein gestellt war. Vielleicht doch noch ein Medizinstudium?

Im beginnenden Herbst immer noch Schmerzen. Ich konnte das Bein nicht mal zum Sockenanziehen heben, geschweige denn mich zum Schuhe zubinden mit gestreckten Knien hinunterbeugen - letzteres in der Durchschnittsbevölkerung nicht unüblich, für mich hingegen ein Beweis für meine starke körperliche Einschränkung. Nach reiflicher Überlegung und tiefer Traurigkeit über diesen Zustand fasste ich den Entschluss: jetzt aber mal ausgiebig schonen. Sollte das nicht helfen, war zumindest Selbstheilung ausgeschlossen. Ausschlussverfahren kann ich auch. Die Pandemie kam mir entgegen.

Die Erkenntnis, dass Rumliegen allein nicht weiterhelfen würde, weder beim körperlichen noch beim seelischen Heilungsprozess war im Dezember nicht Überraschend. Insgeheim ahnte ich es schon im Frühjahr. Selbst in Ruhe schmerzte das Körperareal. Muskeln konnten inzwischen keine mehr verhärtet sein, denn die waren praktischerweise alle abgebaut. Dafür hatte ich an Körperfülle zugelegt. Wenigstens konnte ich nun Überanstrengung ausschließen. Herr Ortho hat das im Januar auch gleich eingesehen als er meinte, man könne da nach einem Jahr nicht mehr behaupten, das ginge von alleine weg. Meine Frage nach bildgebender Diagnostik unterbrach er mit einer abweisenden Handbewegung. Röntgen zeige nicht das entzündete Gewebe, Ultraschall käme nicht so tief und MRT ginge wegen des Metalls jetzt auch nicht mehr. Was er denn verschreiben solle, fragte er, das Übliche - sprich Physio und Tabletten - bringe ja keine Besserung. Als ich mich ohne Alternative zu gehen weigerte, verschrieb er mir dann doch genau das. Ausserdem bekam ich die Bewilligung für ein Magnetbild.

Auf dem Bild war, wie vorhergesehen, an der schmerzenden Stelle ein Fleck, der sich Signalauslöschung nennt. Seitlich davon entzündete Schleimbeutel, auf denen Herr Ortho ungläubig herumdrückte. Nein, das tat - im Vergleich zum eigentlichen Problemfeld - wirklich nicht weh, selbst wenn es laut Bildgebung so sein müsste. Auf dem Rücken liegend bewegte er das Gelenk ein bisschen hin und her, dann war wieder Schluss. Ohne Ergebnis, dafür mit der Adresse für eine neue Physiopraxis in der Hand verließ ich das Behandlungszimmer.

Der neue Physio bewegte das Gelenk gründlich für zwanzig Minuten in alle Richtungen mit der Erkenntnis, dass das so nicht normal sei. In mir breitete sich gleichzeitig Erleichterung und Verzweiflung aus. Einerseits die erste Bestätigung meines untrüglichen Körpergefühls, andererseits die drohende Möglichkeit einer erneuten Operation. Die ganze Anstrengung, Einschränkung, Entbehrung, alles umsonst. Die Ursache der Tränen mischte sich mit allgemeiner Verzweiflung über die Gesamtsituation. Dann spürte ich meine Wut aufsteigen. Diese blöden Ratschläge, der Ruf nach Geduld. Natürlich hätte ich gerne an ein Wunder geglaubt, doch vermutlich nicht fest genug.

Eine einfache orthopädische Untersuchung sei das gewesen, meinte er, wieso das nicht vom Arzt gemacht worden sei. Ich hatte für Herrn Physio keine plausible Antwort. Gleichzeitig schätzt er Herrn Ortho als sehr guten Fachmann ein. Am Telefon übermittelte er ihm wohl die gewonnenen Erkenntnisse. Möglicherweise muss ich nun doch nicht Medizin studieren. Wie es aber weitergeht, erfahre ich erst nächste Woche. Dazwischen liegen ein paar Tage Arbeit und Tränen. Meine Reserven sind aufgebraucht, mein Wille schwach und ich habe Angst. Schalten Sie also nächste Woche wieder ein, wenn es heißt: wir wissen auch nicht woran es liegt aber beehren sie uns recht bald wieder.

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Dienstag, 23. Februar 2021
Homeless


Ich habe Fragen.

Vor einigen Tagen war es sehr kalt, danach sehr warm. Möglicherweise ist das Bild Ergebnis eines mit dem Wetterbericht abgestimmten Großwaschtages. Und je länger ich darüber nachdenke, umso trauriger macht es mich.

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Donnerstag, 3. September 2020
Ain't no Mountain High Enough
Zwischendrin war ich dann mal wieder in Stuttgart. Das ist diese hügelige Stadt, in der ich einst den Führerschein gemacht habe und in der kein Bike mehr ohne E vorne fährt. Die innerste Innenstadt geht noch - zumindest die Fussgängerzone vom Bahnhof zum Königsplatz und ein Stück weiter ist flach. An den Rändern geht's aber schon nach oben los. So erinnere ich mich, wie ich zu Studienzeiten vom Hauptbahnhof - von dem inzwischen nicht viel mehr als eine riesige Baugrube übrig ist - über den Schlossgarten die Musikhochschule ansteuerte, davor aber die Landhausstraße hoch abbog, an der alten John Cranko Schule vorbei, danach in den Innenhof einbiegend am Wohnhaus meines Professors kurz vor Klingeln pausierte, denn es lagen sechs Stockwerke Altbau vor mir, an dessen Ende mich der über Sechzigjährige fröhlich in der Türe stehend begrüßte. Mir war es als Teenager immer ein wenig peinlich, weil ich so außer Atem war. Zudem sollte ich die kommende Stunde genau diesen Atem durch mein Instrument in Töne umwandeln. Eigentlich hatte ich vom vielen Fahrradfahren durch die Weinberglandschaft schon etwas Kondition gesammelt, doch die Begrüßung fiel immer sehr kurzatmig aus. Das Dilemma bestand darin, dass ich den guten Mann vom Zeitpunkt des Klingelns gemessen nicht länger als nötig an der Wohnungstüre warten lassen wollte. Verschnaufpausen im Zwischengeschoss waren demnach nicht drin. Kurz vor Drücken der Glocke nahm ich also jedes Mal noch einige tiefe Atemzüge, ähnlich der Apnoetauchenden kurz bevor sie unter Wasser gehen. Oben angekommen presste ich eine höfliche Begrüßungsfloskel zwischen gezwungen verlangsamten und manchmal auch angehaltenen Atemzügen heraus. Der rote Kopf verriet mich aber doch jedes Mal.

Dieses Mal ging ich andere Stufen - Stäffele, wie der Schwabe sie liebevoll nennt. Der alte Freund wohnt im Gebiet am Hang, das nur über eine lange Treppe oder viel Umweg zur nächsten Hauptverkehrsstraße führt. Und weil ich viel Zeit und wenig Schlaf hatte, dachte ich, es sei eine vorzügliche Idee, diese Stufen zu sportlichen Zwecken ein paar Mal nach oben zu laufen. Runter ging's über den geschlungenen und sehr steilen Weg durch einen Park. Mal abgesehen vom (natürlich rein temperaturbedingten) roten Kopf, war es ein wirklich gutes Training, das ich fast noch eine Woche später in den Waden spürte. Aber die Aussicht war phänomenal.

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