Freitag, 23. April 2021
Wind of Change
Falls Sie mal bisschen Hintergrundinfo über die Luftzirkulation im Flugzeug kriegen möchten, vor allem wo doch jetzt der Impftourismus nach USA in Mode kommt, bitte hier entlang:
How safe are you from Covid when you fly?
(Das Ding funktioniert auch mit allen anderen Ausdünstungen)

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Mittwoch, 17. März 2021
When I'm sixty-four II
Sixty-four I

Folgende Konversation entwickelte sich heute in einer Physiopraxis meines Vertrauens. Die Wände der Behandlungszimmer sind oben offen, im angrenzenden Gymnastikraum unterhält sich offenbar junge Patientin mit jungem Physiomann über Tatoos.

JP: Das ist so endgültig und im Alter sieht es nicht mehr so toll aus.

Ich zu meinem PT: Das Tatoo ist im Alter das geringste Problem, da gibt's noch ganz andere Sachen, die nicht mehr toll aussehen.

PT (etwa Anfang 30) nickt und lacht: Ja, man muss seine Eitelkeit im Alter beiseite stellen können.

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Samstag, 6. März 2021
Warm Beer and Cold Women


So sieht's nach der Liveübertragung des Starkbieranstichs am Nockherberg aus. Eigentlich bin ich weder an Bier bzw. Feierlichkeiten zur dessen Konsummierung noch an Politik sonderlich interessiert. Aus diesem Grund ging das sogenannte Dablecka (zu Hochdeutsch: auf's Korn nehmen) am Nockherberg immer an mir vorbei. Einzig eine kurze Episode aus ersten Lebensjahren verbindet mich biographisch mit dem Ort, an dem ich die letzten beiden Nächte verbrachte.

Da ich fliegerisch gerade nicht viel zu tun habe, arbeite ich nebenher im Sicherheitsbereich. Das klingt jetzt spannender als es ist. Meine Aufgabe besteht vorwiegend darin, meine Zeit nachts neben Ü-Wagen abzusitzen, damit sie nicht unbeaufsichtigt in der Gegend rumstehen. Gelegentlich ist aber auch das spannend. Wenn beispielsweise eine Horde Jugendlicher grölend vorbeizieht und an die Wand hämmert, während ich drinnen sitzend lese, dann steigt mein Adrenalinpegel plötzlich stark an. Oder wenn sich der Schlüssel im Schloss der schweren Zugangstüre nicht drehen lässt, dann wird mir auch bei Minustemperaturen ganz warm. Meist geht so eine 12 - 14 Stunden Schicht aber quälend langsam vorbei. Müdigkeit und Kälte machen es nicht unbedingt einfacher. Vor allem wenn der Organismus gegen 3 auf Sparflamme schaltet, hilft auch keine noch so warme Heizung mehr gegen die innere Kälte.

Dieses Mal war's nicht ganz so ruhig, denn die Menschen hinter den Kulissen arbeiteten bis spät in die Nacht. Der zuständige Mitarbeiter meinte, das seien aber auch die, die sowieso nicht heimgehen wollten. Und das sind erstaunlich viele. Wie viele kann man sich erst vorstellen, wenn man den Aufwand für solch eine Sendung sieht. Eine Woche Aufbau, Proben, technische Finessen, da ist eine komplette Maschinerie am Werk. Damit dies auch in Pandemiezeiten sicher von Statten geht, wurden alle vor der Produktion und dann jeden Tag vor Ort getestet. Folglich habe ich in der vergangenen Woche drei Stäbchen in die Nase eingeführt bekommen und am Rachen kratzen gespürt. Was man halt so tut für ein wenig Abwechslung.

Vom Ereignis selbst habe ich sehr wenig mitbekommen. Ich hatte ja zu beaufsichtigen. Nur hinterher bin ich noch mehrere Male durch die leeren Räumlichkeiten gestreift, um das Licht zu löschen und auch sonst nach dem Rechten zu sehen. Wie so eine Hausmeisterin am Theater.

Als Kind träumte ich immer, nachts im Kaufhaus eingeschlossen zu werden - etwas, das ich im Kleinen schon ausprobierte. Überhaupt diese öffentlichen Räume, die man nur belebt kennt und plötzlich betritt man sie ausserhalb der Öffnungszeiten, das fühlt sich immer ein wenig wie Einweihung an. Dunkelheit und Stille, erloschene Energie, wo vor kurzem noch die Luft vibrierte. Das Echo vergangener Ereignisse in den Wänden gespeichert, deren Türen mir normalerweise verschlossen bleiben. In der Dunkelheit gehören diese Räume mir, denn dann bin ich die Einzige, die ihre Bedeutung bezeugen kann. Gleichzeitig gehöre ich jetzt dazu, weil ich hinter die Kulissen geschaut habe. Ich sehe, was von der Illusion übrig ist. Der Trick ist damit entlarvt, wird aber zur eigentlichen Magie. So war das für mich zum ersten Mal hinter einer Theaterbühne und zum ersten Mal in einem leeren Flugzeug. Der Zauber selbst wird nie vergehen, ist aber auf einem Bild - wie oben - nicht wiederzugeben. Das braucht körperliche Anwesenheit. So wird selbst eine durchfrorene und durchwachte Nacht zum lohnenden Unterfangen.

Am nächsten Morgen sinke ich seelig in mein Bett, nicht jedoch ohne noch ein paar Ausschnitte der Übertragung im Netz gesehen zu haben. Und wieder stelle ich fest, das hat nichts mit dem zu tun, was ich sah, was ich spürte. Für mich entsteht die Magie nicht auf, sondern hinter der Bühne. Indem ich mich dort aufhalte, bleibt alles lebendig. Während die Bühnenarbeiter das Zeugnis der vergangenen Nacht abbauen, träume ich von Räumen, die ich früher verbotenerweise erkundete. Heute bekomme ich dafür Stundenlohn. Vielleicht ist das dieses Erwachsensein, von dem man so viel hört.

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Sonntag, 28. Februar 2021
One Night In Bangkok
... and the world's your oyster.
Wissen Sie eigentlich, wie lange ich warten musste, bis ich endlich diese Liedzeile als Überschrift benutzen kann? Und dann ist alles ganz anders als erwartet. Natürlich war ich schon einmal vor vielen Jahren in Bangkok. Damals sogar für fünf Nächte mit einem Zwischenstopp in Saigon. Damals, das war die Zeit, als man die Hotels noch verlassen durfte. Dieses Mal war mein Aufenthalt allerdings nur einige Stunden lang und auf das Zimmer begrenzt. Sie sehen, ich scheue keine Mühen, um Ihnen ein bisschen Reisefeeling in den heimischen Lockdown zu vermitteln.



Von den Passagieren erfahre ich, dass man in Thailand 14 Tage Zimmerquarantäne hinter sich bringen muss, um dann vier Tage den beruflichen Zweck seines Aufenthalts zu absolvieren. Es sei denn, man möchte sowieso drei Monate im Land oder nach Bali reisen, dann lohnen sich zwei Wochen Eingesperrtsein im Vergleich zu monatelangem Lockdown light. Die Beweggründe für die Reise sind offenbar vielfältig.

Wir werden direkt nach der Einreise von Bussen abgeholt und zum flughafennahen Hotel gebracht. Auf dem Weg zum Zimmer wird gefühlt 10x meine Körpertemperatur gemessen. Die blauen Überzieher an den Schuhen verliere ich auf dem Flur. Vor den Zimmertüren stehen Stühle, auf denen bestellte Speisen abgestellt werden. Im Zimmer ist der Boden mit PVC überzogen, die Stühle mit Hussen. Erstaunlicherweise steckt die Fernbedienung des Fernsehers nicht wie sonst üblich in einer Plastikhülle. Mir ist das alles egal, denn in etwa 12 Stunden werde ich wieder abgeholt. Dazwischen darf ich mein Quartier nicht verlassen. Sollte ich es dennoch tun, kann ich die Türe nicht mehr öffnen und muss für den neuen Schlüssel eine hohe Strafsumme bezahlen.
Die Aussicht auf sommerliche 30 Grad am Pool machen das kurze Intermezzo erträglich. Allerdings schauen meine Augen nur zwei Stunden vom Bett aus dem Fenster bevor sie endgültig zu fallen. Als ich sie wieder öffne, ist es bereits dunkel. Nach einer Dusche schlüpfe ich in meine Kleidung und die Schuhüberzieher, nehme meine Koffer und verlasse das Zimmer. Die FFP2 Maske werde ich jetzt bis zur Ankunft daheim mit kurzen Trinkunterbrechungen 17 Stunden getragen haben. Trotz aller Mühen bin ich froh, wieder einmal unterwegs gewesen zu sein. Nur die Müdigkeit, die noch Tage danach in den Knochen steckt, die habe ich nicht vermisst.

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Mittwoch, 24. Februar 2021
You Can't Hurry Love
Was bisher geschah (wo ich doch so lange nichts geschrieben habe)

Über ein Jahr ist die OP her. Das Gelenk schmerzte lange, viel zu lange. Die Orthopäden arbeiteten im Ausschlussverfahren - was man halt in 10 Minuten Behandlungszeit so ausschließen kann. Der Operateur hat erst Mal seine Schuld an allem ausgeschlossen. Im Grunde hatte er aber über die Ursache meiner anhaltenden Schmerzen genauso wenig Ahnung wie der Anfang des Jahres noch behandelnde Physio. Ich solle halt weniger belasten. Also ging ich's mit der Nachrehagymnastik langsam an, nutzte aber die genehmigten Stunden innerhalb des Gültigkeitszeitraumes. Da war schon Corona und alles andere zu. Ich freute mich über die Abwechslung im Rehastudio und beim Physio. Die Tabletten waren auch nicht ohne.

Im Sommer radelte ich mit einem Bekannten regelmäßig zur Morgengymnastik in den Park. Bestimmte Übungen - vor allem die mit Beine Anheben im Liegen, die Bauchmuskeln machen sollen - gingen nicht. Ich war einfallsreich und absolvierte was eben ging. Liegestütz, Bankstütz, Seelenstütz und mehr. Die Bewegung tat seelisch so gut wie die Begegnung. Irgendwas musste ich in der Zeit ja tun, in der ich nicht arbeitete und auch sonst niemanden traf. Wir waren nicht die Einzigen, die es zum Sport nach draußen zog. Einmal probierte ich sogar eine kurze Joggingeinheit. Im Nachhinein betrachtet keine so gute Idee.

Wo es weh tat, konnte ich genauso gut lokalisieren, wie beschreiben, was den Schmerz auslöste. Ich hatte über die Wochen recherchiert, zahllose Videos im Netz gesehen und viel über Anatomie gelesen. Nur mit den lateinischen Bezeichnungen haperte es zwischendurch. Mit möglichen Diagnosen war ich zögerlich, denn ich wollte der Fachkraft nicht vorgreifen. Der Operateur zuckte nur mit den Schultern. Das sei alles untypisch. Tabletten waren das Resultat meiner Frage nach Lösungswegen. Ich nahm seinen Zweifel an meinen Schilderungen und Vermutungen wahr. Dabei verbringe ich doch meine gesamte Zeit in diesem Körper, wer könnte mich besser spüren als ich selbst? Spätestens da war mir klar, dass ich auf mich allein gestellt war. Vielleicht doch noch ein Medizinstudium?

Im beginnenden Herbst immer noch Schmerzen. Ich konnte das Bein nicht mal zum Sockenanziehen heben, geschweige denn mich zum Schuhe zubinden mit gestreckten Knien hinunterbeugen - letzteres in der Durchschnittsbevölkerung nicht unüblich, für mich hingegen ein Beweis für meine starke körperliche Einschränkung. Nach reiflicher Überlegung und tiefer Traurigkeit über diesen Zustand fasste ich den Entschluss: jetzt aber mal ausgiebig schonen. Sollte das nicht helfen, war zumindest Selbstheilung ausgeschlossen. Ausschlussverfahren kann ich auch. Die Pandemie kam mir entgegen.

Die Erkenntnis, dass Rumliegen allein nicht weiterhelfen würde, weder beim körperlichen noch beim seelischen Heilungsprozess war im Dezember nicht Überraschend. Insgeheim ahnte ich es schon im Frühjahr. Selbst in Ruhe schmerzte das Körperareal. Muskeln konnten inzwischen keine mehr verhärtet sein, denn die waren praktischerweise alle abgebaut. Dafür hatte ich an Körperfülle zugelegt. Wenigstens konnte ich nun Überanstrengung ausschließen. Herr Ortho hat das im Januar auch gleich eingesehen als er meinte, man könne da nach einem Jahr nicht mehr behaupten, das ginge von alleine weg. Meine Frage nach bildgebender Diagnostik unterbrach er mit einer abweisenden Handbewegung. Röntgen zeige nicht das entzündete Gewebe, Ultraschall käme nicht so tief und MRT ginge wegen des Metalls jetzt auch nicht mehr. Was er denn verschreiben solle, fragte er, das Übliche - sprich Physio und Tabletten - bringe ja keine Besserung. Als ich mich ohne Alternative zu gehen weigerte, verschrieb er mir dann doch genau das. Ausserdem bekam ich die Bewilligung für ein Magnetbild.

Auf dem Bild war, wie vorhergesehen, an der schmerzenden Stelle ein Fleck, der sich Signalauslöschung nennt. Seitlich davon entzündete Schleimbeutel, auf denen Herr Ortho ungläubig herumdrückte. Nein, das tat - im Vergleich zum eigentlichen Problemfeld - wirklich nicht weh, selbst wenn es laut Bildgebung so sein müsste. Auf dem Rücken liegend bewegte er das Gelenk ein bisschen hin und her, dann war wieder Schluss. Ohne Ergebnis, dafür mit der Adresse für eine neue Physiopraxis in der Hand verließ ich das Behandlungszimmer.

Der neue Physio bewegte das Gelenk gründlich für zwanzig Minuten in alle Richtungen mit der Erkenntnis, dass das so nicht normal sei. In mir breitete sich gleichzeitig Erleichterung und Verzweiflung aus. Einerseits die erste Bestätigung meines untrüglichen Körpergefühls, andererseits die drohende Möglichkeit einer erneuten Operation. Die ganze Anstrengung, Einschränkung, Entbehrung, alles umsonst. Die Ursache der Tränen mischte sich mit allgemeiner Verzweiflung über die Gesamtsituation. Dann spürte ich meine Wut aufsteigen. Diese blöden Ratschläge, der Ruf nach Geduld. Natürlich hätte ich gerne an ein Wunder geglaubt, doch vermutlich nicht fest genug.

Eine einfache orthopädische Untersuchung sei das gewesen, meinte er, wieso das nicht vom Arzt gemacht worden sei. Ich hatte für Herrn Physio keine plausible Antwort. Gleichzeitig schätzt er Herrn Ortho als sehr guten Fachmann ein. Am Telefon übermittelte er ihm wohl die gewonnenen Erkenntnisse. Möglicherweise muss ich nun doch nicht Medizin studieren. Wie es aber weitergeht, erfahre ich erst nächste Woche. Dazwischen liegen ein paar Tage Arbeit und Tränen. Meine Reserven sind aufgebraucht, mein Wille schwach und ich habe Angst. Schalten Sie also nächste Woche wieder ein, wenn es heißt: wir wissen auch nicht woran es liegt aber beehren sie uns recht bald wieder.

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Dienstag, 23. Februar 2021
Homeless


Ich habe Fragen.

Vor einigen Tagen war es sehr kalt, danach sehr warm. Möglicherweise ist das Bild Ergebnis eines mit dem Wetterbericht abgestimmten Großwaschtages. Und je länger ich darüber nachdenke, umso trauriger macht es mich.

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Donnerstag, 3. September 2020
Ain't no Mountain High Enough
Zwischendrin war ich dann mal wieder in Stuttgart. Das ist diese hügelige Stadt, in der ich einst den Führerschein gemacht habe und in der kein Bike mehr ohne E vorne fährt. Die innerste Innenstadt geht noch - zumindest die Fussgängerzone vom Bahnhof zum Königsplatz und ein Stück weiter ist flach. An den Rändern geht's aber schon nach oben los. So erinnere ich mich, wie ich zu Studienzeiten vom Hauptbahnhof - von dem inzwischen nicht viel mehr als eine riesige Baugrube übrig ist - über den Schlossgarten die Musikhochschule ansteuerte, davor aber die Landhausstraße hoch abbog, an der alten John Cranko Schule vorbei, danach in den Innenhof einbiegend am Wohnhaus meines Professors kurz vor Klingeln pausierte, denn es lagen sechs Stockwerke Altbau vor mir, an dessen Ende mich der über Sechzigjährige fröhlich in der Türe stehend begrüßte. Mir war es als Teenager immer ein wenig peinlich, weil ich so außer Atem war. Zudem sollte ich die kommende Stunde genau diesen Atem durch mein Instrument in Töne umwandeln. Eigentlich hatte ich vom vielen Fahrradfahren durch die Weinberglandschaft schon etwas Kondition gesammelt, doch die Begrüßung fiel immer sehr kurzatmig aus. Das Dilemma bestand darin, dass ich den guten Mann vom Zeitpunkt des Klingelns gemessen nicht länger als nötig an der Wohnungstüre warten lassen wollte. Verschnaufpausen im Zwischengeschoss waren demnach nicht drin. Kurz vor Drücken der Glocke nahm ich also jedes Mal noch einige tiefe Atemzüge, ähnlich der Apnoetauchenden kurz bevor sie unter Wasser gehen. Oben angekommen presste ich eine höfliche Begrüßungsfloskel zwischen gezwungen verlangsamten und manchmal auch angehaltenen Atemzügen heraus. Der rote Kopf verriet mich aber doch jedes Mal.

Dieses Mal ging ich andere Stufen - Stäffele, wie der Schwabe sie liebevoll nennt. Der alte Freund wohnt im Gebiet am Hang, das nur über eine lange Treppe oder viel Umweg zur nächsten Hauptverkehrsstraße führt. Und weil ich viel Zeit und wenig Schlaf hatte, dachte ich, es sei eine vorzügliche Idee, diese Stufen zu sportlichen Zwecken ein paar Mal nach oben zu laufen. Runter ging's über den geschlungenen und sehr steilen Weg durch einen Park. Mal abgesehen vom (natürlich rein temperaturbedingten) roten Kopf, war es ein wirklich gutes Training, das ich fast noch eine Woche später in den Waden spürte. Aber die Aussicht war phänomenal.

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Montag, 24. August 2020
Cry Me a River
Vor einigen Tagen stieß ich auf diesen Artikel, der mich aus mehreren Gründen ansprach. Es geht darin um Musikstudierende, die wegen der allgemeinen Situation vermehrt im Unterricht weinen:
"Für die Musikstudenten ist der Zustand der Isolation mehr als nur unangenehm: Sie brauchen den sozialen Kontakt, um gemeinsam musizieren zu können. Und sie brauchen ein Publikum, das ihnen zuhört."

Zunächst erinnerte mich diese Zeilen an mein eigenes Studium. Die Arbeit, das Erlernen der Technik, geschieht natürlich alleine - das Studium besteht hauptsächlich daraus. Doch worunter ich am meisten gelitten habe, waren schon damals die vielen einsamen Stunden ohne Austausch, die Harmonien im Kopf zur Melodie ergänzend. Die wenigen Proben im Zusammenspiel halfen da nicht drüber weg, obwohl sie natürlich einen Höhepunkt und beliebte Abwechslung zum tristen Üben darstellten. Wenn Liebhaber von der Schönheit des Musikmachens schwärmen, ist die Vorstellung immer auf Zusammenspiel bezogen. Dass Profis die Proben so effizient und kurz wie möglich halten, ist ausserhalb ihres Verständnisses. Denn während für einen Profi die Probe nur zur Feinabstimmung im Hinblick auf die Aufführung dient, möchte der Laie so lange wie möglich mit anderen zusammen spielen. Meist steht dahinter auch kein Aufführungsdatum als Ziel, sondern das Zusammentreffen selbst.

Der zweite Aspekt des Artikels bewegt mich noch mehr, denn obig zitierter Satz betrifft nicht nur Musikschaffende, sondern eigentlich alle. Ersetzt man Musikstudenten durch Menschen und musizieren mit existieren, ist es die Zusammenfassung dessen, was ich derzeit erlebe. Mein ganzes Leben war bisher um Kommunikation und Verbindung zu anderen angesiedelt. Nun ist meine Arbeit weggebrochen, meine Freizeittätigkeiten liegen brach und der tägliche Austausch reduziert sich auf die wenigen Worte, die ich mit der Kassiererin im Supermarkt wechsle. Ich sitze wochenlang alleine in meiner Wohnung und weiß nicht, wie ich daran etwas ändern könnte. Telefonate können das nicht auffangen. Der einzige Unterschied zur Artikelüberschrift ist, dass ich nicht weine. Innerlich fühle ich mich aber sehr schwach, wenn nicht gar weinerlich. Das ist mir einerseits peinlich, denn Jammern war nie meine Absicht, und andererseits halte ich mit der wenigen Restenergie meine Fahnen hoch, versuche mich abzulenken oder mir Tätigkeiten auszudenken und bewahre Haltung. Das hat mich die Gesellschaft gelehrt, denn nur der Produktive bekommt Anerkennung.

Ich denke viel darüber nach, was in meinem Leben falsch gelaufen ist, über die Abzweigungen und meine generelle Einstellung, über das Älterwerden und mein Ringen mit dessen Auswirkungen. Mein Erleben beziehe ich rein auf meine Person, wohl weil ich nur wenig von anderen mitbekomme, wie sie all die Einschränkungen empfinden - der Austausch fehlt. Mich wundert, nicht mehr offene Zustandsbeschreibungen in Blogs zu finden. Aber auch hier ist man entweder zu beschäftigt oder zu bedeckt, um sich damit auseinanderzusetzen. Dabei würde genau das helfen. Die Erkenntnis, dass es anderen ähnlich geht, gäbe ein Gefühl von Gemeinschaft. Stattdessen sehe ich im Vergleich nur, was andere scheinbar haben das mir fehlt. Ich wünschte, die Pandemie brächte eine Veränderung in der inneren Auseinandersetzung mit sich und anderen. Von Gemeinsamkeit und Miteinander wird geredet, wenn es um deren Bekämpfung geht. Der Feind sitzt scheinbar draussen, doch was eigentlich fehlt, ist die Ehrlichkeit, Verletzbarkeit und Menschlichkeit, die das Miteinander erst wirklich werden lässt. Wir funktionieren nämlich als soziale Wesen nur in Beziehung mit anderen.

Lösungsvorschläge habe ich keine, nicht mal eine Pointe ausser der, dass ich nicht weine. Dabei würde ich es gerne mit jemandem, der nicht urteilt, sondern mitfühlt. Miteinander weinen - wörtlich oder metaphorisch - ist nämlich die höchste Form von Miteinander.

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Donnerstag, 20. August 2020
Everything Counts in Large Amounts
Bei meinem heutigen Ausflug an den Starnberger See konnte ich wunderbare Sozialstudien betreiben, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Nicht am See selbst, denn dort beobachtete ich vor allem die Segler und Ruderer oder starrte einfach auf's Wasser. Dafür war die Heimreise mit der S-Bahn umso ergiebiger.

Die elektronische Anzeige kündigt die Bahn zurück in die Stadt mit wechselnden Abfahrtszeiten an. Als sie auf dem gegenüberliegenden Gleis eintrifft, stellt sich auch die Gleisangabe als irrtümlich heraus. Innerlich gebe ich sie bereits verloren, denn um sie zu erreichen, muss ich durch die Unterführung auf die andere Seite, setze mich aber dennoch mit vielen anderen Wartenden in Richtung Treppenabgang in Bewegung. Die Menschenmenge begegnet beim nächsten Treppenaufgang den Angekommenen, die Treppe bietet zu wenig Raum für gleichzeitigen Auf- und Abstieg. In beide Richtungen wird geschnaubt, gedrängelt und geschwitzt, denn die Temperaturen liegen im Aussenbereich um 30°. Oben laufe ich noch ein Stück nach vorne. Vermutlich steigen alle bei der ersten erreichbaren Türe ein. Ich befinde mich zunächst in einem fast vollständig leeren Abteil, bis sich nach wenigen Minuten drei ältere Damen im geschätzten Alter um 75 in der Sitzgruppe neben meiner niederlassen. Nach und nach stoßen eine Ausflugsgruppe und weitere Einzelpersonen hinzu.

Gerti, die vermutlich älteste der Damenrunde, beschwert sich bei den Freundinnen über die Gleisänderung. Man hätte schließlich mehr als 10 Minuten auf dem falschen Bahnsteig gewartet und hätte da ja schon in Ruhe das Gleis wechseln können, hätte man's halt gewusst. Aber nein - und da pflichten ihr die Freundinnen eifrig bei - da müsse man sich auf den letzten Drücker abhetzen und zudem so ohne Information, das sei wirklich nicht die feine Art. Nun sei man aber froh, es rechtzeitig geschafft zu haben. Auch hier wieder eifriges Nicken der Begleiterinnen. Mir fällt auf, dass ich diese Stimmen bereits am falschen Bahnsteig sich über fehlenden Schatten beschweren gehört habe. Und obwohl ich nach vorne in die Sonne auswich, während die Drei im Schatten am Treppenabgang warteten, kann ich meinem Schicksal nicht entgehen.

Nach der zweiten Station hält der Zug unvermutet auf freier Strecke. Ein paar Minuten passiert nichts, dann fällt Gerti ein, dass sie genau diese Situation vor Kurzem schon einmal erlebte. Keine Information hätt's gegeben, nichts. Noch beraten die Damen, ob es schlimmer sei, in einem Tunnel zu stehen oder auf freier Strecke. Nach weiteren fünf Minuten hat es auch jetzt noch keine Durchsage gegeben und die Damen werden unruhig. Ob Gerti wohl Recht behält und der Zug diesmal auch eine halbe Stunde ohne Erklärung auf der Stelle bleibt? Es werden Handys gezückt. Die Verspätungsapp hat Gerti nicht drauf, denn die braucht so viel Platz. Karla hat mehr Speicher, kann aber keine Verspätung ablesen. Da schallt die Stimme des Zugführers in tiefem bayrisch und auch sonst schwer verständlich durch das Abteil. "Mndammherrrrrn wenganaratchnschnStrrrrrunghamapfrrrrammmpstzt... wanniwoaswaslosis."

Gerti ist indigniert, weil die Damen nichts verstehen, obwohl sie selbst sowohl Landessprache als auch Dialekt beherrschen. Ich überlege kurz ob ich übersetze, verwerfe den Gedanken dann aber kurzerhand, da ich nicht in's Gespräch eingebunden werden möchte. Überhaupt möchte ich nur sitzen und beobachten, was mit den Leuten um mich und mit mir geschieht. Die Bahn steht nun schon seit 20 Minuten mit ungewisser Weiterfahrt. Während ich durch die Reflexion der Plastikabsperrung die Insassen hinter mir registriere, bemerke ich einen kurzen Anflug von Panik in mir aufsteigen. Ein geschlossener Raum ohne Möglichkeit zur Flucht, dazu steigende Temperaturen, lassen auch andere Reisende nicht gleichgültig. Einer hat sein Shirt ausgezogen, ein anderer eine Flasche Bier geöffnet. Die ersten Masken werden kurz gelüftet. Ich bleibe stoisch, während Gertis Damen überlegen, wie man Kontakt zum Zugführer aufnehmen könne. Da sei doch immer so ein Knopf am Ausgang mit einem Mikrofon. Die Türen werden jetzt genau inspiziert. Der Knopf ist aber nur zum Öffnen da. Dieses Risiko will man letztlich doch nicht eingehen. Stattdessen wird weiter über die Bahn im Allgemeinen und den Zugführer im Besonderen larmentiert.

Schnell sind sich Gertis Damenkränzchen und andere Reisende einig, dass die Entschuldigungen der Bahn generell geheuchelt seien. Man könne sich ja nicht mal irgendwo beschweren, das bringe ja nichts, denn wenn es was brächte, hätten es die vielen von Verspätung betroffenen Pendler schon getan. Zwischenzeitlich werden vorbeifahrende Züge kommentiert und Vorschläge unterbreitet, den Zug wenigstens bis zur nächsten Station fahren zu lassen. Eine andere Problemlösung kommt vom Viererabteil hinter Gertis. Man könne ja das Gleis wechseln. Wohlgemerkt weiß keiner, ob die Störung die Strecke oder den Zug betrifft, als Gerti einfällt, dass der Zug ja bereits vom falschen Gleis abgefahren sei. Sie ist sich jetzt ziemlich sicher, der Defekt am Zug war schon vorher bekannt gewesen, man habe ihn zum Test aber trotzdem fahren lassen und nun stünde er eben auf dem nicht benötigten Gleis. Dieses Wissen bekräftigt sie noch mehrere Male, während hinter uns die ersten unverschämt Rufe laut werden. Man ist sich einig, dass der Zugführer, der kurz vorher in einer weiteren Ansage seine Bemühung um Problembehebung kundtat, und die Bahn uns absichtlich in diese unsägliche Situation gebracht haben. Nur die Ausflugsgruppe, der Biertrinker und ich bleiben stoisch. So entstehen Verschwörungstheorien, denke ich und der Biertrinker schüttelt ein wenig den Kopf.

Der Rest ist schnell erzählt. Der Zug setzt sich nach etwa einer Stunde in Bewegung und alle steigen einigermaßen wohlbehalten an der nächsten Station aus. Auch Gerti, die zuvor ankündigte, im Abteil gleich zu kollabieren, damit endlich etwas geschehe und nun Kopfschmerzen beklagt. Nach der letzten Ansage des Zugführers mit Aufforderung an alle, den Zug bitte zu verlassen, beschweren sich die Damen noch lautstark über seine fehlende Entschuldigung (Anm.d.R.: eine geheuchelte). Als dieser den Zug zur Kontrolle abläuft, schauen ihm alle stumm mahnend hinterher. Mein Fazit des Tages lautet: Du kannst es den Leuten einfach nicht recht machen. Und ich frage mich wieder, ob sich je einer mal in die andere Seite von Dienstleistung versetzt. Gerti tut es jedenfalls nicht.

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Sonntag, 9. August 2020
Picture Perfect
Einstweilen bin ich ein bisschen mehr auf Instagram unterwegs. Dort schaue ich mir Bilder von Landschaften und Orten an, wo ich gerade nicht sein darf, nach denen ich aber Sehnsucht habe. Zwischendurch stoße ich auf anderes, wie beispielsweise eine Tierfotografin, die die ersten Schritte eines Elefantenkalbs in Zimbabwe festhielt. Die Bilder und das kleine Video der ersten Gehversuche sind sehenswert. IG

Es ist heiß in Südfrankreich. Eine Freundin berichtete vom Aufenthalt dort. Man könne sich tagsüber nur im Haus aufhalten. Zum Glück hat fast jedes Heim zur Erfrischung einen Pool. Die Fotos von der Gegend lassen sich aber auch drinnen betrachten und wecken schöne Erinnerungen an diverse Besuche. (Die Bilder auf Instagram sind leider oft sehr gefiltert und unecht, für einen Sehnsuchtsanstoß reichen sie aber allemal).

Über das Hotel Bristol in Paris und seine Geschichte gibt es noch ein paar Wochen einen Film auf Arte zu sehen. Mir fällt auf, dass ich selbst bei deutschen Kommentaren die Untertitel lese. Im Französischen helfen sie zumindest, nicht zu viel vom Inhalt zu verpassen.

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