Sonntag, 18. Juli 2021
Concrete jungle where dreams are made of...

Blick vom One World Observatory

Zur Abwechslung war ich mal für drei Tage in der Stadt der hohen Gebäude. Das ist was ganz Besonderes, denn normalerweise wird hingeflogen, übernachtet und am nächsten Tag geht's husch, husch wieder zurück. Für den ausgedehnten Aufenthalt musste natürlich im Vorfeld recherchiert werden. Am Ende fraß die Recherche mehr Zeit als die jeweilige Anfahrt. Schlussendlich bin ich im spontanen Aktionsmodus zwischen den Sehenswürdigkeiten gependelt. Da in der großen Stadt alles - vor allem Eintrittspreise - recht hoch ist, erwarb ich einen New York Pass. Damit können zwar viele Gebäude, Museen und sonstige Attraktionen umsonst genutzt werden, er kostet aber auch ein bisschen was. Normalerweise bin ich ein Mensch, der neue Eindrücke gerne sacken lässt. Das bedeutet, ich betrachte lieber weniger, dafür umso intensiver, was sich vollkommen konträr zur Idee eines Besichtigungspasses verhält. Einmal erworben, zwingt der Pass sozusagen zu komprimierter Amortisierung. So habe ich drei Tage lang die höchsten Gebäude von oben, der Seite und unten, via Land und Wasser, in Vergangenheit und Gegenwart gesehen. Danach war ich platt.

Die eindrücklichste Aussichtsplattform - Edge - befindet sich übrigens im 100. Stockwerk des Hudson Yards. Sie ragt 24m waagrecht aus dem Gebäude und ist mit nach aussen gerichteten Glaswänden begrenzt. In der Mitte kann man durch ein Glasbodendreieck nach unten blicken. Alles nichts für Zartbesaitete, und auch ich, die früher vor nichts Angst hatte, spürte beim Stehen an der Kante unerwarteterweise zittrige Beine und stockenden Atem. Dementsprechend war ich nicht in der Lage, das Glasdreieck zu betreten, wunderte mich aber im Nachhinein ob meiner irrationalen Ängstlichkeit.


Sicht von der sog. Highline - eine renaturierte, einstige Hochschienenstrecke im Meatpackdistrict. Man sieht die Plattform des Edge rechts am spitzen Gebäude herausragen.

Ob es an Corona oder dem größtenteils wolkig regnerischen Wetter lag, die touristischen Orte waren weit weniger gefüllt als üblicherweise. So musste ich fast nirgends anstehen. Allerdings waren die Ausblicke dann auch nur so lala. Nichts für eine potentielle Influencerkarriere. In den letzten Jahren wurde unheimlich viel gebaut - viele Wolkenkratzer sind Luxusappartmentgebäude. So auch vor dem Central Park. Das Observationsdeck auf dem Rockefeller Center wirbt noch immer mit einem ungetrübten Blick über die grüne Oase, doch die Aussicht ist bereits jetzt nicht mehr ganz unverbaut. Selbst der Aufseher konnte mir nicht beantworten, was genau sich in den schlanken Türmen verbirgt.


Blick vom Top of the Rock nach Norden

Viel Beton macht Beine und Geist müde. Das haben Manhattans Bewohnende wohl bemerkt. Es existiert in Manhattan mehr grün als früher. Nicht nur die High Line, Little Island und die bekannten Parks, auch in Soho und Greenwich Village gibt es jetzt Straßen, die zu Fußgängerpassagen umfunktioniert und begrünt wurden. So ist jede begrünte Sitzgelegenheit eine willkommene Oase zum Auftanken.

Dienstags sind übrigens nicht nur die berühmten Museen, sondern auch das One World Observatory geschlossen. Dank meiner Recherche konnte ich die einzigen sonnigen Momente während meines dreitägigen Aufenthalts an einem Montag von dort oben genießen (s.o.)
Danach verbrachte ich einige Zeit um das Memorial und im Museum. Auch hier wieder ein für mich unerwartet emotionaler Moment, denn obwohl die Ereignisse so lange zurück liegen, wurde mir die Dimension vor Ort wieder so richtig bewusst.

Neben einer Bootsfahrt zur Freiheitsstatue besuchte ich zu guter Letzt das Wachsfigurenkabinett auf der 42nd Straße - beides Aktivitäten, die ich ohne Pass nicht gemacht hätte. Zu viele Menschen auf zu wenig Platz, schlechte Darbietungen, wenig Mehrwert. Für All Inclusive eigne ich mich nur sehr bedingt. Am Ende war mir schlecht, ich strebte vorbei an wächsernen Prominenten auf schnellstem Weg zum Ausgang. Nein ich habe mich nicht amüsiert und auch das obligatorische Foto in jedem verdammten Eingangsbereich jedes Mal umgangen. Jetzt bin ich eine der Deutschen, die den Ruf einer Nation als schlechtgelaunte Besucherin verantworten muss. Meine nächsten freien Tage verbringe ich wieder im Grünen.

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Dienstag, 6. Juli 2021
Eine Reise in den Süden
... ist für andre schick und fein... C.Froboess

Weil wir alle so lange daheim saßen und unser Wissen über die Welt nur aus dem Internet bezogen, fühle ich mich gerade jetzt zum Beginn der Hauptreisezeit berufen, über die veränderten Abläufe bei Flugreisen aufzuklären.

Noch bevor sie ein Flugticket kaufen, haben Sie sich hoffentlich über aktuelle Einreisebeschränkungen in Ihrem Zielland nicht nur informiert, sondern erfüllen auch alle Bedingungen, um bis hinter die Passkontrolle gelassen zu werden. Nein, man macht auch für Omma Liesbeth keine Ausnahme, wenn sie sich nicht mit einem Stäbchen in der Nase rumrühren lassen möchte. Ja, das gilt auch für Kinder. Falls Sie keinen gültigen PCR Test vorweisen können, kommen Sie nicht mal bis in's Flugzeug, denn die Airline haftet für Sie und bezahlt nicht nur Ihren Rückflug, sondern auch eine saftige Strafe. Deshalb sind Kontrollierende bei Versäumnissen sehr, sehr unbarmherzig. Und die Kontrolle aller Unterlagen dauert. Planen Sie folglich großzügig Zeit ein und seien sie nicht nur rechtzeitig beim Checkin, sondern auch am Gate.

Dort angekommen werden Sie zum Einsteigen aufgefordert. Hören Sie bitte bei Ansagen gut zu. Ist Ihre Zone oder Reihe nämlich noch nicht aufgerufen worden, hilft es auch nix, wenn Sie ganz vorne stehen. Die Zonen finden Sie dort, wo auch die Nummer Ihres Sitzplatzes auf der Bordkarte steht. An der Flugzeugtüre interessiert uns im Übrigen nicht die Reihe, sondern der Buchstabe. Der zeigt uns an, in welchen Gang wir sie schicken, falls das Flugzeug über mehr als einen verfügt. Es gibt in heutigen Flugzeugen keine Quergänge mehr und im Restaurant würden Sie auch nicht durch die Küche gehen, wenn der Durchgang zu Ihrem Platz verstellt ist.
Die Gateangestellten weisen in den Ansagen auch auf einen Mindestabstand hin. Sollte in der Warteschlange vor dem Einsteigen zwischen zwei Passagieren ein Meter Abstand sein, bedeutet das nicht, dass Sie die Lücke füllen müssen. Ich weiß, dass Vieles, was bereits zum Coronaalltag gehört, gerne am Flughafen vergessen wird. Möglicherweise fallen wir in frühere Gewohnheiten zurück, wenn wir Situationen nicht regelmäßig erleben.

Das wichtigste Accessoire für Ihre Flugreise ist nicht das Nackenkissen, sondern - je nach Flugdauer - ein bis zwei FFP2 Masken. Sie kennen das sicher vom öffentlichen Nahverkehr. Im Gegensatz zu Bahnangestellten kontrollieren die Flugbegleitenden auch, ob die Nase drinsteckt. Falls man sie zweimal auffordern muss, Ihre Maske richtig aufzusetzen, haben Sie den Groll der Mitarbeitenden bereits auf sich gezogen. Um Sie herum sitzen nämlich - je nach Flugzeugtyp - zwischen 50 und 360 weitere Reisende, von denen ein Drittel ebenfalls ermahnt werden muss. Wir reden gerne - deshalb sind wir ausgewählt worden - nur nicht immer das Gleiche. Wer zu uns freundlich ist und kooperiert, kann fast alles bekommen. Im Gegenzug ernten Sie mit kindlichem Trotz nur müdes Lächeln oder in ganz harten Fällen möglicherweise einen Rauswurf. Das wissen allerdings nur sehr Wenige, sonst würden sie beispielsweise auf Flügen in die USA keinen Vermerk in den Homeland Security Akten riskieren. Ja, wir können Ihnen auch lächelnd wehtun. Sie können übrigens auch eine sogenannte chirurgische Einwegmaske tragen. Wenn Sie aber das obige Beispiel des Anteils Maskenmüder an der Gesamtpassagieranzahl rechnerisch nachvollzogen haben, möchten Sie Ihre FFP2 Maske womöglich nicht einmal mehr zum Essen abnehmen. Natürlich gibt es an Bord Hepafilter. Die vergleiche ich gerne mit der Sicherheit bestimmter Verhütungsmittel. Für Corona gibt es leider (noch) keine Pille danach. Zum besseren Verständnis des Luftfiltersystems empfehle ich diesen Artikel.

Übrigens müssen Sie auch als vollständig geimpfte Person eine Maske tragen. Ja, das ist so und nein, wir diskutieren nicht über die Sinnhaftigkeit von Vorschriften. Wir sind nämlich stark unterbesetzt und haben während des Fluges dafür keine Kapazität. Wenn Sie Ihre Einwände dennoch zu Gehör bringen wollen, schreiben Sie eine Nachricht an die Beschwerdestelle oder buchen Sie eine teurere Klasse. Dort wird man Ihnen zwar nicht die Maskenpflicht erlassen, wir kommen aber öfter an Ihrem Platz vorbei und schenken Ihnen zwangsläufig mehr Aufmerksamkeit.

Sie haben den Flug überstanden und sind am Zielort gelandet. Natürlich dürfen Sie jetzt klatschen, wenn Ihnen danach ist. Lassen Sie sich das nicht durch selbsternannte Experten und Angeber vermiesen. Ich weiß nicht, wann es uncool geworden ist, Freude wahrnehmbar zum Ausdruck zu bringen. Wir werden Sie jedenfalls nicht mitleidig, sondern ausgesprochen freundlich belächeln und warten, bis Sie fertig sind. Dann folgt erneut eine Ansage über das weitere Prozedere. Nein, Sie können jetzt nicht wie früher bei Flugzeugstillstand sofort aufspringen, Ihr Gepäck herauszerren und dem Vordermann in die Kniekehlen drücken. Nachdem die Türen offen und freigegeben sind, werden die Reihen durchgegeben, die zum Aussteigen aufgefordert sind. Sie stehen idealerweise also erst auf, wenn sich die Personen aus der Reihe vor Ihnen mitsamt Hab und Gut gen Ausgang bewegen. Das dauert übrigens nicht länger als früher. Im Gegenteil. Falls Sie im hinteren Drittel sitzen, nutzen Sie doch einfach die Zeit für eine kleine Nachricht an die Daheimgebliebenen, denn jetzt dürfen die Smartphones auch an sein.

Rechtzeitig vor Ihrem Heimflug sollten Sie noch einmal überprüfen, ob Sie für die Rückreise einen negativen PCR Test brauchen. Denn auch hier gilt wieder: es werden keine Ausnahmen gemacht. Gut vorbereitet steht dem Urlaubsvergnügen nun nichts mehr im Wege. Gute Reise und kommen Sie bitte gesund zurück, damit wir alle gesund bleiben.

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Freitag, 25. Juni 2021
The Needle Man II
Man meint ja gerne mal, man wüsste genau, wie was abläuft und schöpft dabei aus vergangenen Erfahrungen. So erlebe ich das mit Menschen, die zweimal pro Jahr in ein Flugzeug steigen und sich selbst dabei als Vielflieger bezeichnen. Diese Unverbesserlichen hören nie genau zu, weil sie ja eh schon alles wissen, was es über's Fliegen zu wissen gibt. Manche prahlen auch gerne gegenüber Mitreisenden mit ihrem Erfahrungsschatz. Blöd halt, wenn sich während ihrer Abwesenheit der ein oder andere Prozess verändert hat. Das macht sie gleich ein bisschen ungehalten, denn erstens hängt der durchschnittliche Mensch an seiner Routine und zweitens am vermeindlichen Wissensvorsprung. Ich hingegen verdrehe innerlich die Augen, wenn mir einer dieser selbsternannten Experten mal wieder meinen Job erklären möchte.

Heute bin ich dem Irrglauben selbst aufgesessen, denn nach meiner ersten Impfung entpuppte sich der Ablauf der Zweitimpfung als etwas anders. Ich ließ mir bei der Anreise viel Zeit, denn letztens ging doch alles sehr schnell. Während ich vor 6 Wochen quasi vom leeren Zubringerbus bis zur Nadel durchmarschierte, fing die Schlange heute schon an der Bushaltestelle an. Die Meisten kamen zur Zweitimpfung, und so begann die Schlange dann auch schon vor dem Haupteingang um's Gebäudeeck. Es vergingen ungefähr 40 Minuten, bis ich meinen Personalausweis vorlegen konnte. Zu diesem Zeitpunkt standen die Wartenden draußen schon im U entlang der verglasten Gebäudeseite. Als Vorteil erwies sich, Erstimpf- oder Astra- bzw Biontechempfangende zu sein, denn die konnten an auf Moderna Wartenden vorbeiziehen.

Als ich meine Kabine betrat, waren ungefähr zwei Stunden vergangen. Das ist weiter nicht schlimm, denn für ein besonderes Ereignis warte ich gerne. Mich an die Erlebnisse mit dem letzten Impfarzt erinnernd, nahm ich mir vor, heute die Unterhaltung selbst zu steuern. Also fragte ich den Arzt, ob die Tätigkeit denn anstrengend sei. Nein, meinte der, anstrengend seien nur die vielen Menschen, auf die man sich den ganzen Tag einstellen müsse. Als Personal wolle man primär herausfinden, ob die Leute Angst hätten, ob sie einen verstünden und ob es ihnen gut ginge. So begegnete man halt dem ganzen Querschnitt vom Schüchternen bis zum Angeber an nur einem Tag. Ja, das ginge mir in meinem Beruf ebenso, erwiderte ich, worauf ich sofort Fragen zur touristischen Einreise in die USA gestellt bekam. Nein, man dürfe im Juli voraussichtlich noch nicht einreisen. Mit dieser Antwort hinterließ ich einen enttäuschten Arzt, der nun am Ende des Tages seinen nahenden Flug wohl ein weiteres Mal umbuchen wird. Ich hingegen war erst mal froh, geimpft zu sein.

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Montag, 14. Juni 2021
Rocky Mountain High
by John Denver



Zugegeben, es waren dann doch nicht die Rockies, zumindest aber ein Berg am Fuße von Boulder. Eine leichte, nicht zu anstrengende Bergwanderung sollte es werden. So hatte der Kollege diesen Ausflug angekündigt, der während unseres mehrtägigen Aufenthalts in Denver stattfinden sollte. Ich sollte nicht die Einzige bleiben, die beim Aufstieg ihre körperlichen Kräfte verließen. Kein Wunder, bewegte ich mich doch die letzten Monate verletzungsbedingt vorwiegend im Kopf und weniger auf den Beinen.

Zugegeben, die Erzählungen des Kollegen am Vortag - er und ich waren auf einer kleinen Wanderung um einen See unterwegs, auf der er seine üblichen Gewaltmärsche erwähnte - hätten mich stutzig machen sollen. Als er sich für die vierstündige Fußvariante entschied, ich mich aber für den Bus zurück, da hatte ich es noch ein klein wenig bereut, wollte ihm aber durch meine körperlichen Gebrechen kein Hindernis für sein Geherlebnis sein.

Zugegeben, während die untrainierte Kollegin sich unterschätzte, hatte ich mich an meiner doch fitten Vergangenheit orientierend überschätzt. Auch die Kombination aus Hitze und über 2000m Höhe hatten mich nicht abgeschreckt - was ich nicht weiß usw - wohl aber die großen, in die Felsen geschlagenen Stufen zu Beginn des Aufstiegs, die den immerwährenden Schmerz beim Anheben des Beines schnell verdoppelten. Dennoch wollte nicht aufgeben, sondern oben ankommen, koste es was es wolle.

Zugegeben, die Strecke war nicht nur viel länger, sondern vor allem viel steiler als gedacht. Die Einschätzung wurde durch die verdeckte Sicht auf den Gipfel noch erschwert. Nach jeder Wegbiegung dann große Enttäuschung, da sich der erhoffte Gipfel dann doch nur als eine weitere Etappe auf dem Weg nach oben herausstellte. Also weiter über unwegsame Steine und Felsen, mal kletternd, mal steigend.

Zugegeben, auch die Hoffnung am Gipfel auf einen leichteren Abstieg - so die Aussage des erfahrenen Kollegen, der sich jedoch nicht mehr so genau erinnern konnte - zerschlug sich sehr schnell. Man wollte nicht den schwierigen Aufstieg zurück, also wählten wir den Abstieg zur anderen Seite, der noch schmälere Wege, noch steilere Klettereien und noch unwegsamere bis unkenntlichere Pfade bediente als zuvor. Das alles ohne wirkliche Ausrüstung - wobei adäquates Schuhwerk ja relativ ist, denn während nicht nur echte Australier, sondern auch die Kollegin gerne in Flipflops wandert, hat unsereins schon vom Anblick diversen Schuhwerks Blasen und Scheuerstellen.

Zugegeben, während ich auf der gesamten Strecke nicht nur einmal still in mich hineinfluchte, war ich hinterher nicht nur stolz, sondern auch glücklich über meine Leistung. Und im Nachhinein betrachtet war alles sowieso nur noch halb so anstrengend. Immerhin hatte ich am nächsten Tag keine zusätzlichen Folgeerscheinungen in Form von Schmerzen. Aber die Aussicht war einfach bombastisch. Ich fürchte, ich muss das irgendwann wiederholen.


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Freitag, 14. Mai 2021
The Needle Man
Kaum ein Ereignis wird derzeit öfter in den privat-darstellenden Medien dokumentiert als die Coronaschutzimpfung. Deshalb halte auch ich hier fest, ich wurde heute geimpft. Zuvor hatte ich aufmerksam die Berichte in bekannten Blogs und Twitter gelesen, wie sowas vonstatten geht. Man will ja schließlich gut vorbereitet sein. Der Tenor war einstimmig, das Personal sei freundlich aufmerksam und die Grundstimmung fröhlich, gelöst. Bis zur Impfkabine kann ich das durchweg bestätigen, hinter dem Vorhang kippte die Stimmung in Irritation.

Nun muss man wissen, dass ich schon berufsbedingt ein freundlicher und offener Mensch bin. Man könnte sogar behaupten, ich war es auch vorher schon, denn diese Eigenschaften gehören zu den Auswahlkriterien von Fluggesellschaftspersonal. Zudem habe ich viel Erfahrung im Umgang mit den unterschiedlichsten Charakteren. Manche sind, sagen wir mal schwieriger als andere. Servicepersonal weiß das, weshalb ich mich durchweg bemühe, Kolleg:innen aus dieser Sparte keine zusätzlichen Umstände zu bereiten. Läuft dann eine Situation seltsam schief, kann es nur daran gelegen haben, dass ich was falsch verstand - die Kommunikation und ihre Grundvoraussetzung (Annahmen) lief aus dem Ruder.

Personal, das sich freiwillig zur Durchführung und Organisation von Massenimpfungen bereiterklärt, sind in meinen Augen Alltagshelden, ich möchte ihnen so wenig wie möglich zusätzliche Arbeit bereiten, weshalb ich auf dem Impfbogen "ausdrücklich auf das ärztliche Aufklärungsgespräch verzichten" ankreuzte. Das schien aber den Impfarzt nicht sonderlich zu beeindrucken. Bedächtig hob er an, mich auf Nebenwirkungen hinzuweisen. Ich nickte freundlich und murmelte gelegentlich ein "ja" durch die Maske. Danach suchte er lange nach einem Platz in meinem Impfbuch, um die Coronaimpfung einzutragen. Man könne es ja bei der Tuberkuloseimpfung eintragen, wofür das Wort Tuberkulose auf der Seite oben dick durchstrich und in etwas krakeliger, an Sütterlin erinnernde Schreibschrift "Corona" drüberschrieb. Dann füllte er die Spalten der Tabelle aus und strichelte anschließend einen Trennstrich unter seinen Eintrag. "Für die zweite Impfung", wie er bemerkte und ich solle das daheim dann noch schön mit Lineal nachziehen, da er das hier nicht könne. "Ach das macht nichts...", erwiderte ich. Den nächsten Satz konnte ich nicht mehr anfügen, weil mir der Arzt ins Wort fiel. Schließlich würde er sich hier sehr viel Mühe geben und das sei ein Dokument von ausserordentlicher Wichtigkeit, das mache schon etwas. Als ich auf die ausgefledderten Ränder hinwies, die von kontinuierlicher Aufbewahrung in meiner Uniformhandtasche stammen, bemerkte er, die müsse ich mit Tesa reparieren.

Spätestens als er mir den Ärmel herunterzog, nachdem er mir das Pflaster aufgeklebt hatte, war ich doch sehr irritiert. Nicht nur möchte ich mich selbst aus- und wieder anziehen, sondern auch nicht wie ein Schulmädchen belehrt werden. Der Knoten im Magen löste sich auch nicht wieder während der Busfahrt zur Ubahnhaltestelle. Und die Frage, ob ich in diesem Fall überempfindlich reagierte, schwirrt noch immer in meinem Kopf. War ich am Ende gar gemansplained worden? Es wird sich im Nachhinein nicht eindeutig klären lassen.

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Sonntag, 2. Mai 2021
Nothing more than Feelings
Da habe ich doch glatt mal wieder was geschrieben aber (noch) nicht veröffentlicht und zack sind schon wieder zwei Wochen rum und nichts ist mehr aktuell oder originär. Passiert mir in letzter Zeit öfters, dass ich so eine Idee habe und dann hatte die jemand anders auch aber ungefähr eine Millisekunde vor mir. Zumindest weiß ich dann, dass ich nichts mehr drüber schreiben brauch, weil das schon besser erledigt wurde als ich es jemals hinbekommen hätte. Beispielsweise ging mir das letztens so mit dem NYT Artikel über dieses Gefühl des Dahindümpelns (languishing).

Ich hab' mir nämlich lange darüber Gedanken gemacht, wieso ich mich so fühle. So ausgelutscht. Dabei bezweifle ich, dass sich bei mir die Umstände mit Abebben der Pandemie ändern, denn die waren schon vorher durch die körperlichen Einschränkungen und werden auch noch lange danach sein. Aber dann kommt mir wieder in den Sinn, wie ich mich in schwierigen Situationen immer neu orientiert habe und angepasst. Was ich jüngst darüber lernte, ist, dass man das Resilienz nennt und die auch nach hinten losgehen kann, wenn man sich, wie ich, ganz krampfhaft dran festhält. Ich frage mich, wieso in keinem sogenannten Selbsthilfebuch steht, dass man bitteschön ohne schlechtes Gewissen auch mal ganz unten ankommen darf. Das ist weder verwerflich noch unvernünftig. Alles andere schon, denn alles andere bedeutet Kampf gegen irgendwas, das - weil unvermeidlich - am Ende doch gewinnt.

Im Grunde geht die (Gefühls-)Kiste nämlich von ganz alleine rauf und runter. Aber auch damit erzähle ich Ihnen nichts Neues. Wie ich schon schrieb, andere sind halt schneller und besser. Immerhin weiß ich dann, dass ich nicht völlig verquert bin.

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Freitag, 23. April 2021
Wind of Change
Falls Sie mal bisschen Hintergrundinfo über die Luftzirkulation im Flugzeug kriegen möchten, vor allem wo doch jetzt der Impftourismus nach USA in Mode kommt, bitte hier entlang:
How safe are you from Covid when you fly?
(Das Ding funktioniert auch mit allen anderen Ausdünstungen)

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Mittwoch, 17. März 2021
When I'm sixty-four II
Sixty-four I

Folgende Konversation entwickelte sich heute in einer Physiopraxis meines Vertrauens. Die Wände der Behandlungszimmer sind oben offen, im angrenzenden Gymnastikraum unterhält sich offenbar junge Patientin mit jungem Physiomann über Tatoos.

JP: Das ist so endgültig und im Alter sieht es nicht mehr so toll aus.

Ich zu meinem PT: Das Tatoo ist im Alter das geringste Problem, da gibt's noch ganz andere Sachen, die nicht mehr toll aussehen.

PT (etwa Anfang 30) nickt und lacht: Ja, man muss seine Eitelkeit im Alter beiseite stellen können.

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Samstag, 6. März 2021
Warm Beer and Cold Women


So sieht's nach der Liveübertragung des Starkbieranstichs am Nockherberg aus. Eigentlich bin ich weder an Bier bzw. Feierlichkeiten zur dessen Konsummierung noch an Politik sonderlich interessiert. Aus diesem Grund ging das sogenannte Dablecka (zu Hochdeutsch: auf's Korn nehmen) am Nockherberg immer an mir vorbei. Einzig eine kurze Episode aus ersten Lebensjahren verbindet mich biographisch mit dem Ort, an dem ich die letzten beiden Nächte verbrachte.

Da ich fliegerisch gerade nicht viel zu tun habe, arbeite ich nebenher im Sicherheitsbereich. Das klingt jetzt spannender als es ist. Meine Aufgabe besteht vorwiegend darin, meine Zeit nachts neben Ü-Wagen abzusitzen, damit sie nicht unbeaufsichtigt in der Gegend rumstehen. Gelegentlich ist aber auch das spannend. Wenn beispielsweise eine Horde Jugendlicher grölend vorbeizieht und an die Wand hämmert, während ich drinnen sitzend lese, dann steigt mein Adrenalinpegel plötzlich stark an. Oder wenn sich der Schlüssel im Schloss der schweren Zugangstüre nicht drehen lässt, dann wird mir auch bei Minustemperaturen ganz warm. Meist geht so eine 12 - 14 Stunden Schicht aber quälend langsam vorbei. Müdigkeit und Kälte machen es nicht unbedingt einfacher. Vor allem wenn der Organismus gegen 3 auf Sparflamme schaltet, hilft auch keine noch so warme Heizung mehr gegen die innere Kälte.

Dieses Mal war's nicht ganz so ruhig, denn die Menschen hinter den Kulissen arbeiteten bis spät in die Nacht. Der zuständige Mitarbeiter meinte, das seien aber auch die, die sowieso nicht heimgehen wollten. Und das sind erstaunlich viele. Wie viele kann man sich erst vorstellen, wenn man den Aufwand für solch eine Sendung sieht. Eine Woche Aufbau, Proben, technische Finessen, da ist eine komplette Maschinerie am Werk. Damit dies auch in Pandemiezeiten sicher von Statten geht, wurden alle vor der Produktion und dann jeden Tag vor Ort getestet. Folglich habe ich in der vergangenen Woche drei Stäbchen in die Nase eingeführt bekommen und am Rachen kratzen gespürt. Was man halt so tut für ein wenig Abwechslung.

Vom Ereignis selbst habe ich sehr wenig mitbekommen. Ich hatte ja zu beaufsichtigen. Nur hinterher bin ich noch mehrere Male durch die leeren Räumlichkeiten gestreift, um das Licht zu löschen und auch sonst nach dem Rechten zu sehen. Wie so eine Hausmeisterin am Theater.

Als Kind träumte ich immer, nachts im Kaufhaus eingeschlossen zu werden - etwas, das ich im Kleinen schon ausprobierte. Überhaupt diese öffentlichen Räume, die man nur belebt kennt und plötzlich betritt man sie ausserhalb der Öffnungszeiten, das fühlt sich immer ein wenig wie Einweihung an. Dunkelheit und Stille, erloschene Energie, wo vor kurzem noch die Luft vibrierte. Das Echo vergangener Ereignisse in den Wänden gespeichert, deren Türen mir normalerweise verschlossen bleiben. In der Dunkelheit gehören diese Räume mir, denn dann bin ich die Einzige, die ihre Bedeutung bezeugen kann. Gleichzeitig gehöre ich jetzt dazu, weil ich hinter die Kulissen geschaut habe. Ich sehe, was von der Illusion übrig ist. Der Trick ist damit entlarvt, wird aber zur eigentlichen Magie. So war das für mich zum ersten Mal hinter einer Theaterbühne und zum ersten Mal in einem leeren Flugzeug. Der Zauber selbst wird nie vergehen, ist aber auf einem Bild - wie oben - nicht wiederzugeben. Das braucht körperliche Anwesenheit. So wird selbst eine durchfrorene und durchwachte Nacht zum lohnenden Unterfangen.

Am nächsten Morgen sinke ich seelig in mein Bett, nicht jedoch ohne noch ein paar Ausschnitte der Übertragung im Netz gesehen zu haben. Und wieder stelle ich fest, das hat nichts mit dem zu tun, was ich sah, was ich spürte. Für mich entsteht die Magie nicht auf, sondern hinter der Bühne. Indem ich mich dort aufhalte, bleibt alles lebendig. Während die Bühnenarbeiter das Zeugnis der vergangenen Nacht abbauen, träume ich von Räumen, die ich früher verbotenerweise erkundete. Heute bekomme ich dafür Stundenlohn. Vielleicht ist das dieses Erwachsensein, von dem man so viel hört.

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Sonntag, 28. Februar 2021
One Night In Bangkok
... and the world's your oyster.
Wissen Sie eigentlich, wie lange ich warten musste, bis ich endlich diese Liedzeile als Überschrift benutzen kann? Und dann ist alles ganz anders als erwartet. Natürlich war ich schon einmal vor vielen Jahren in Bangkok. Damals sogar für fünf Nächte mit einem Zwischenstopp in Saigon. Damals, das war die Zeit, als man die Hotels noch verlassen durfte. Dieses Mal war mein Aufenthalt allerdings nur einige Stunden lang und auf das Zimmer begrenzt. Sie sehen, ich scheue keine Mühen, um Ihnen ein bisschen Reisefeeling in den heimischen Lockdown zu vermitteln.



Von den Passagieren erfahre ich, dass man in Thailand 14 Tage Zimmerquarantäne hinter sich bringen muss, um dann vier Tage den beruflichen Zweck seines Aufenthalts zu absolvieren. Es sei denn, man möchte sowieso drei Monate im Land oder nach Bali reisen, dann lohnen sich zwei Wochen Eingesperrtsein im Vergleich zu monatelangem Lockdown light. Die Beweggründe für die Reise sind offenbar vielfältig.

Wir werden direkt nach der Einreise von Bussen abgeholt und zum flughafennahen Hotel gebracht. Auf dem Weg zum Zimmer wird gefühlt 10x meine Körpertemperatur gemessen. Die blauen Überzieher an den Schuhen verliere ich auf dem Flur. Vor den Zimmertüren stehen Stühle, auf denen bestellte Speisen abgestellt werden. Im Zimmer ist der Boden mit PVC überzogen, die Stühle mit Hussen. Erstaunlicherweise steckt die Fernbedienung des Fernsehers nicht wie sonst üblich in einer Plastikhülle. Mir ist das alles egal, denn in etwa 12 Stunden werde ich wieder abgeholt. Dazwischen darf ich mein Quartier nicht verlassen. Sollte ich es dennoch tun, kann ich die Türe nicht mehr öffnen und muss für den neuen Schlüssel eine hohe Strafsumme bezahlen.
Die Aussicht auf sommerliche 30 Grad am Pool machen das kurze Intermezzo erträglich. Allerdings schauen meine Augen nur zwei Stunden vom Bett aus dem Fenster bevor sie endgültig zu fallen. Als ich sie wieder öffne, ist es bereits dunkel. Nach einer Dusche schlüpfe ich in meine Kleidung und die Schuhüberzieher, nehme meine Koffer und verlasse das Zimmer. Die FFP2 Maske werde ich jetzt bis zur Ankunft daheim mit kurzen Trinkunterbrechungen 17 Stunden getragen haben. Trotz aller Mühen bin ich froh, wieder einmal unterwegs gewesen zu sein. Nur die Müdigkeit, die noch Tage danach in den Knochen steckt, die habe ich nicht vermisst.

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