Samstag, 22. Januar 2022
Having a Blast
Es gab mal ein Blog für Betrunkene , in dem ich dareinst beitrug. Heute bin ich auch aus Gründen angeschickert. Das Ausdrücken in diesem Zustand ist aber nicht mehr so dringend. Schon schön, dieses Älterwerden?

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Dienstag, 11. Januar 2022
Going Home


In memoriam Stefan Öhlschläger

Man traf sie stets zusammen auf der Straße, in der Tram oder im Supermarkt an, häufig lautstark miteinander schimpfend. Passanten - meist Stadtunkundige - drehten sich mit ungläubigem Blick oder amüsiertem Lächeln nach ihnen um. Denn wenn die Öhlschläger Zwillinge eines nicht waren, dann unauffällig. Selbst im tiefen Winter sah man sie draussen in knalligen Hotpants und unter der Winterjacke bauchfrei bekleidet laufen. Nur das Schuhwerk wurde den Temperaturen angepasst. Und wer sie übersah, der hörte sie eben.

Was nicht in's Bild passt, wird belächelt, doch wer weiß schon, welche Geschichte hinter den beiden Erscheinungen steckte? Geschichten hatten die Beiden bestimmt zu erzählen. Von ihrer Zeit als Modelle - mir bekannt ist beispielsweise ein Buch über Haare von Herlinde Kölbl, in denen sie auftauchten - oder ganz allgemein von Erlebnissen im Zusammentreffen mit dem konservativen Münchner Volk. Bisweilen muss sich sogar der Durchschnittsmensch über konservative Verhaltensweisen und Ansichten in München wundern. Für Aufmerksamkeit benahmen sie sich eben ein wenig anders als andere, doch geschadet haben sie damit niemandem.

Kennengelernt habe ich die Beiden beim Tanzunterricht in einer bekannten Münchner Tanzschule. Einer von ihnen - ich vermute, es war Stefan - nahm Ballettunterricht, der andere - das muss dann Christian gewesen sein - wartete vor dem Saal und beobachtete seinen Bruder durch die Scheibe. Ich vermutete immer eine gewisse Genderfluidität bei einem der Zwillinge, wenn nicht gar bei beiden. Genaues wusste ich aber nie. Irgendwann sind sie aus der Schule geflogen, weil sie der Aufforderung nach "züchtiger Kleidung" nicht nachgekommen waren. Besorgte Eltern hatten sich bei der Schulleitung beschwert, nachdem Stefan gerne durchsichtige Netzhemdchen im Unterricht trug. In meinen Augen war das übertrieben, denn sie hätten keiner Seele etwas zuleide getan.

Dann sah ich sie längere Zeit nicht mehr, erfuhr aber über die Presse, dass sie aus ihrer Wohnung ausziehen mussten. Ihr weiteres Schicksal verfolgte ich nicht mehr, bis ich gestern die Todesnachricht las. Für den Überlebenden wird nun eine sehr harte Zeit anbrechen, denn ich bin mir sicher, mit seinem Bruder ist auch ein Teil seiner eigenen Identität verstorben. Ich wünsche ihm die Kraft und den Mut, einen neuen Weg einzuschlagen.

Liebe Lesende, sollten Sie ein besonders auffälliges Individuum im öffentlichen Bereich antreffen, dann bitte verurteilen Sie diesen Menschen nicht gleich aufgrund seines Aussehens oder seines Benehmens. Niemand kann wissen, was sich dahinter verbirgt. Letztlich erleben wir alle Schmerz oder Freude und suchen das Glück auf die uns ganz eigene Weise - etwas das uns alle eint.

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Montag, 3. Januar 2022
Thank You for Being a Friend
Il Sole bacia i belli


Gerade hatte ich das Studium an der Musikhochschule Stuttgart begonnen. Der alte Bau am Urbansplatz warf einen riesigen Schatten auf die Verkehrsinsel davor, der die Mülltonnenbox aus Waschbeton ganz knapp verfehlte. Dort oben saß ich in der Wartezeit zwischen zwei Seminaren in meinem luftigen Kostüm - Gänsehaut am ganzen Körper - und hielt mein Gesicht in die warmen Sonnentrahlen. Für einen kurzen Moment, gemessen an der Dauer eines Lebens, war ich sorgenfrei. Im Vorbeigehen hörte ich Dich diesen Satz sagen und bedankte mich lächelnd. Das Kompliment war auch für mich - des Italienischen nicht mächtig - zu verstehen. Die Sonne küsst die Schönen.

Natürlich warst Du mir schon vorher aufgefallen. Die fröhliche Dame, die in einem der Sekretariate arbeitete und die man oft bunt gekleidet durch die Gänge laufen sah. Die kleine, rothaarige Frau, die immer lächelte, wenn man ihr im Aufzug oder Treppenhaus begegnete und die für jeden ein freundliches Wort übrig hatte. Noch wusste ich nichts über Dich, weder Deine Zuständigkeit noch Privates. Auf dem Schild neben der Bürotüre im vierten Stock stand Dein Name: Engelbrecht. Den hatte ich mir gemerkt. Am nächsten Morgen legte ich einen selbstgepflückten Wiesenstrauß dort ab. Kurze Zeit später trat ich zum ersten Male ein. Das Zimmer war mehr als nur Arbeitsraum. Es unterschied sich so sehr von all den tristen Räumen im Gebäude. Es war Anlaufstelle für Lehrende, mit denen Du Dich über Kunst, Musik sowie den neuesten Hochschulklatsch austauschtest. Es war Zufluchtsstätte für Studierende, die ihre Sorgen und Nöte mit Dir teilten. Es war Dein kleines Reich, das Du mit Schönem ausgeschmückt hattest und mit Leben erfülltest. Auch ich saß alsbald häufig auf dem Stuhl vor Deinem Schreibtisch und wunderte mich nie, dass Du immer Zeit für meine langatmigen Schilderungen fandest. Ich nahm als selbstverständlich, wofür Du jedes Mal Deine Arbeit beiseite schobst.


Es war Sommer als ich Deinen Lebensgefährten kennenlernte. Ich war ihm gelegentlich in den Gängen der Hochschule über den Weg gelaufen. Ihr wart meiner Einladung zur Vernissage gefolgt, die ich musikalisch umrahmte. Du trugst rote, hochhackige Schuhe zum Kleid. Es gab nur wenige Sitzgelegenheiten, weshalb Du einen Stuhl mit dem Professor teiltest. Und weil man in der Regel nicht auf dem Schoß von Arbeitsbekanntschaften sitzt, musste es sich um den Herzensmann handeln. Auf den ersten Blick überraschte diese Verbindung, denn während Du immer besonders edle Einzelstücke trugst, verortete man seinen Modestil eher in der sogenannten alternativen Szene. Die Diskrepanz in Einstellung und Lebensweise, so erfuhr ich viel später, überbrücktest Du durch das Zelebrieren der Verbundenheit im Kern.


Dann lernte ich auch Deine Tochter kennen. Mich erstaunte, dass sie nur wenige Jahre jünger war als ich. Da wurde mir bewusst, dass Du ja auch im Alter meiner Mutter sein musstest. Fortan verglich ich Euch gedanklich in vieler Hinsicht. Meine Mutter schnitt dabei immer schlechter ab. Du warst so viel liebevoller, herzlicher und mir zugewandter, so hätte ich es mir von ihr gewünscht. In den darauffolgenden Jahren wünschte ich mir Dich des Öfteren an ihre Stelle. Als Freundschaft war mir unsere Verbindung jedoch viel wertvoller als eine komplizierte Beziehung zwischen Mutter undTochter. Das begriff ich am Beispiel Deiner eigenen Tochter. So konnte ich Dir ungehindert mein Herz über Familiäres ausschütten und mich von Dir trösten lassen. Einmal hast Du sogar mir meiner Mutter über mich gesprochen. Allein die Tatsache, dass jemand für mich Partei ergreift, hat mich damals tief berührt und gestärkt.


Wieder fiel mir Dein exquisiter Geschmack auf, als ich zum ersten Mal Deine Wohnung betrat. Liiert war ich damals mit einem sehr jugendlichen und realitätsfernen jungen Mann, der mich aus meiner Rationalität wieder an das Staunen erinnerte. Wir waren zum Teetrinken eingeladen. Deine Wohnräume spiegelten die Liebe zum Detail wieder. Hier ein Bild, dort eine Vase, jeder Gegenstand war bewusst gewählt, nichts zufällig platziert. Alles hatte eine Geschichte, von denen Du einige mit uns teiltest. In einer zweckdienlichen Umgebung aufgewachsen, eröffnete sich mir eine völlig neue Perspektive. Du serviertest Kuchen und andere Leckereien auf schönem Geschirr. Während Du langsam genießen konntest, verschlang ich blitzschnell, was mir schmeckte. Ein andermal waren es Ingwermandeln, die Du in einem Schälchen im Büro darbotest, welches ich zu Deinem Entsetzen im Handumdrehen geleert hatte. Im Nachhinein war mir mein Verhalten mehr als peinlich, doch meine Unbeherrschtheit war nur eine Seite von Unersättlichkeit. Dem gegenüber stand eine immerwährende Leere, die weder mit Nahrung oder Erlebnissen noch Zuwendung zu füllen war. Deine Bereitschaft, mich in meiner Rastlosigkeit anzunehmen, ließ mich für einen kurzen Moment Linderung spüren. Deine immerwährende Geduld wirkte mit der Zeit heilend auf meine getriebene Seele.


Nach einer angemessenen Zeit der Bekanntschaft hast Du mir das vertrauliche Du angeboten. Obwohl es mir zu Beginn zu benutzen schwer fiel, machte mich die Bedeutung der Geste stolz. Alsbald erzähltest Du mir sehr Persönliches, zu dem ich außer Hypothetischem nichts Hilfreiches beitragen konnte. Als der Herzensmann erkrankte und bald darauf starb, wollte ich gerne für Dich da sein, ganz so, wie Du es immer für mich warst. Dieser Aufgabe war ich jedoch nicht gewachsen. Ich hätte Dir so gerne die Schwere abgenommen, die fortan Deinen Alltag überzog. Du wusstest, dass es nicht möglich ist. Damals warst Du so alt wie ich heute. Ich dachte, was für ein blödes Alter es sei, um einen Lebenspartner zu verlieren, da man doch hätte gemeinsam alt werden wollen. Einen geliebten Menschen zu verlieren, passt zu keinem Zeitpunkt in die Lebensplanung. In meiner jugendlichen Vorstellung war es das Alter, in dem man nicht mehr suchte, geschweige denn fand. Später belehrtest Du mich wieder eines Besseren als eine kurze Romanze wie ein Tornado durch Dein Leben fegte und Dich seelisch zerzaust hinterließ. Danach konzentriertest Du Deine Zuneigung auf den Enkel und all die Freundschaften, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Allen gemeinsam war Deine Liebe.


Man müsse auch Freundschaften zu den Jüngeren pflegen, denn die Älteren stürben und dann stünde man wieder alleine da. Eine zunächst irritierende Aussage, erklärte aber Deine Offenheit für die Belange derer, die ihre Füße noch zögernd auf holprigen Wegen positionieren, wo Erfahrenere zielsicher entlangschreiten. Selbst konnte ich mit jüngeren Altersgruppen nichts anfangen und suchte die Nähe zu denen mit einem Vorsprung an Lebenserfahrung. Ich fragte mich, wie man derart besondere Freundschaften findet. Da waren die ehemaligen Studierenden oder Lehrkräfte aus Deiner aktiven Hochschulzeit, Dein ehemaliger Kommilitone, ein Ersatzfamilienpaar aus der Zeit als junge Mutter, aber auch die Frau auf der Straße, der Stammfriseur und der junge Mann aus dem Restaurant, der bald zur wöchentlichen Mittagstischverabredung und später zu einem weiterer Sohn wurde. Du ludst diese Menschen mit offenen Armen in Dein Leben ein, weil Du in ihnen das Besondere sahst. Vor allem die Verbindungen aus jungen Jahren pflegtest Du treu. Als eine lange Freundschaft zu scheitern drohte, fiel Dir das Ende schwer. Doch so groß Deine Geduld auch war, war es für Dich an der Zeit, eine klare Grenze zu ziehen. Unser Kontakt verlagerte sich nach meinem Wegzug auf lange Telefonate, die allmählich seltener wurden. Du gabst mir den Raum, den ich brauchte, ohne mich ganz aufzugeben. Deine Tür stand für mich immer offen.


Inzwischen warst Du pensioniert. Deine Kinder hätten Dir den Computer eingerichtet, doch Du verweigertest den Einzug moderner Kommunikationstechnik in Deine privaten Räumlichkeiten. Briefe und Telefonate waren Dir lieber als elektronische Nachrichten. Der Charme Deiner wohlüberlegten und handgeschriebenen Zeilen waren mit den schnell getippten nicht zu vergleichen. So mussten alle zum Stift oder Hörer greifen, die mit Dir in Kontakt treten wollten. Briefe kann man in Schachteln bewahren, um den Augenblick des Geschriebenen viel später noch einmal zu beleben. Das hat mich immer schon an Handschriftlichem fasziniert. Ich begann nun, in unregelmäßigen Abständen Postkarten an Dich zu senden. Auch sie wanderten bei Dir nach einiger Zeit vom Ansichtsplatz in eine Schachtel. Die Motive waren mit Bedacht gewählt, die Texte hielt ich eher kryptisch. Später formulierte ich verständlicher, weil Du immer nach dem Sinn fragtest und ich mich nicht mehr an meine Gedankengänge erinnern konnte. Jede Karte wurde mit einem Anruf Deinerseits oder einer Gegenkarte quittiert. Dann nahm ihre Frequenz ab, die Anrufe wurden seltener. Wie immer, warst Du auch in diesen Zeiten geduldig.


Während der seltenen Gespräche prallten manchmal unsere unterschiedlichen Ansichten aufeinander. Und alles Gesagte traf tief in mein Herz - auch meine eigenen Worte. Dabei wollte ich nicht verletzen, nur meinen Standpunkt untermauern. Ich wollte mich nicht reiben, sondern sachlich diskutieren, wollte kein Mitleid und keine Ratschläge. Die Gespräche verloren ihre Wärme, fast als ob unsere Beziehung in die Pubertät gekommen wäre. Manchmal weinte ich über die verlorene Verbindung, doch das Verbindende war nie ganz weg. So arbeitete ich meine Traumata an den Nahestehenden ab. Wieder hast Du ausgehalten und ausgesessen. Generell ging es Dir immer besser, während ich in meiner persönlichen Talsohle zu stecken schien. Als ich nicht mehr über mich reden wollte, weil sich doch nur alles wiederholte, berichtetest Du von Deinen täglichen Erlebnissen. Wen Du kürzlich auf dem Markt getroffen hattest, welchen Film Du im Kino gesehen und welches Buch Dir gefallen hatte, dass Du jetzt ein Abo für den Eintritt in die Staatsgalerie besaßt und was alles in der neuen Nebenbeschäftigung geschah, all das erzähltest Du kurzweilig wie niemand anderes. Deine Schilderungen waren so lebendig, ich konnte mir vorstellen dabeizusein.


Allmählich kamen wir uns wieder näher. Ich begriff, dass eine Freundschaft auch solche Phasen überdauert. Man streift alte Sichtweisen wie Haut ab und wächst in neue. Wachstumsschmerzen sind unvermeidbar. Wichtig ist nur, das gegenseitige Wohlwollen beizubehalten. Zwei Mal besuchtest Du mich in meiner kleinen Wohnung. Wir hatten viel Spaß miteinander. Vielleicht erinnerst Du Dich noch an die Überraschung unter dem Kissen? Ein kleines Präsent, das viel Gelächter hervorrief. Während ich mich auf einen Auftritt vorbereitete, besuchtest Du das Museum Brandhorst. Deine Begeisterung für die riesigen Gemälde von Cy Twombly färbte auf mich ab und lockte mich in die Ausstellung. Auch andere Kunstwerke sah ich nicht ohne ein Lächeln beim Gedanken an Deine Schilderungen. Mehrmals besuchten wir zusammen die Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart, wo wir bei Deinen beiden Lieblingsbildern verweilten. Emil Noldes Zitronengarten verknüpfst Du mit der Zeit Deiner großen Liebe während Der Jurist für Dich Ordnung und kindliche Geborgenheit symbolisiert. Und obwohl ich es zunächst anders wahrnahm, sehe ich jetzt wie in einem Kippbild gleichzeitig meine und Deine Assoziation.


Als ich Dich fragte, welche Orte Du in Europa noch bereisen wolltest, nanntest Du Stockholm. Wir werden die Stadt im Mai gemeinsam besuchen, sofern es die derzeitige Lage erlaubt. Drei Nächte beziehen wir dann ein zentral gelegenes Hotel, erkunden die Straßen, Museen und Sehenswürdigkeiten. Wir werden in Cafés Menschen beobachten und uns den leiblichen Genüssen hingeben. Vielleicht brauchen wir auch ein wenig Geduld füreinander - so genau weiß ich das nicht, denn es wird unsere erste gemeinsame Reise werden. Aber nach einer Weile werden wir darüber lachen und uns nur noch an die schönen Begebenheiten erinnern.


Keiner von uns kann wissen, wie lange wir uns noch austauschen können, uns erzählen und zuhören, uns erinnern und auf ein Treffen freuen. Das ist der Lauf der Dinge. Dennoch fällt es mir unendlich schwer, mir mein Leben ohne Dich vorzustellen, ohne ein abendliches Telefonat, eine gelegentliche Postkarte oder eine Umarmung, ohne Deine Wärme und Fürsorge. Es fällt mir schwer und lässt mich gleichzeitig jede unserer Begegnungen noch mehr schätzen. Du fragtest einmal, welchen Deiner Gegenstände ich gerne als Erinnerung an Dich behielte. Darauf wusste ich keine rechte Antwort. Ich schwankte zwischen einem Schal und einem Deiner Kunstwerke, doch eigentlich wollte ich keine Sache nennen, denn die müsste ich eines Tages gegen Dich eintauschen. Mein Blick fiel auf die Fotografien, die während der Hochschulzeit in Deinem Büro hingen. Andere Bilder trugen bereits einen Namen auf ihrer Rückseite. Das blaue Sofa oder den Lesesessel hätte ich sehr gerne, denn dort verbrachtest Du viele Abende. Das Lautenbild im Wohnzimmer hast Du oft betrachtet, die Figurine einer Tänzerin mit dem Geliebten ausgesucht und im Auto aus der Provence heimtransportiert. Auch heute fällt mir die Entscheidung schwer. Wenn der Tag gekommen ist, hoffe ich, etwas von Dir in Händen zu halten, wozu ich Deine Gedanken oder die Geschichte kenne. Diese Geschichte kann ich dann mit Deinen Freunden teilen. Jeder und Jede von ihnen wird dann einen kleinen Ausschnitt Deines Lebens hüten und Du niemals ganz weg sein. Und ich werde die Nähe derer suchen, in denen Du lebendig bist.

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Freitag, 3. Dezember 2021
Directions
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzähen, behauptet Matthias Claudius. Im 18.Jh kann ich mir das gut vorstellen. Aber der Satz gilt bis heute. Vor nicht allzu langer Zeit war ich mit Frau Herzbruch in Italien. Vorwegschicken möchte ich, dass keine von uns der Landessprache mächtig ist. Während ich über einen guten bis sehr guten Orientierungssinn verfüge, kann Frau Herzbruch sehr gut mit elektronischen Orientierungshilfen umgehen.

Am Ende eines gemütlichen Bootsausfluges befinden wir uns in La Spezia. Einen Rückfahrschein mit der Bahn haben wir in der Tasche. Einziges Manko ist, dass sich der Bahnhof offensichtlich nicht in der Nähe des Hafens befindet. Daran hat im Vorfeld keine von uns gedacht. Folglich besitzen wir auch keine Orientierungshilfen. Wir beschließen, ein Stück Richtung Innenstadt zu gehen und sehen uns an einer größeren Straße die Busverbindungen an, in der Hoffnung, dass uns einer davon zum Bahnhof fährt. Gelaufen bin zumindest ich an diesem Tag reichlich. Jetzt muss man bei Buslinien aber vor allem wissen, wie die Endstationen heißen. Mit dem mickrigen Aushang an einer Haltestelle stoßen wir schnell an die Grenzen. Also gehe ich fünf vor Ladenschluss in einen benachbarten Schuhladen. Die Verkäuferin ist sehr nett und hilfsbereit, weiß aber auch nicht, welchen Bus wir nehmen müssen. Der Ladeninhaber schließt darauf kurzerhand sein Geschäft und folgt der Verkäuferin zur Haltestelle, um den Aushang zu studieren. Beide beraten sich auf italienisch, was viel Gestik impliziert. Sie deuten in diverse Richtungen, schließlich sagt die Verkäuferin, wir sollen eine bestimmte Linie fahren, dann irgendwo umsteigen und dann nochmal zwei Stationen oder so. Ich hoffe insgeheim, dass Frau Herzbruch im Gegensatz zu mir alles aufgenommen und memoriert hat. Nach weiterer Beratung stellt sich heraus, dass wir den Bahnhof viel schneller und unkomplizierter zu Fuß erreichen können. Wir machen uns also auf den Weg. Tatsächlich ist unser Ziel ganz einfach zu finden. Was bleibt, ist Dankbarkeit und Staunen über die unglaubliche Hilfsbereitschaft der Einheimischen.

Vom Dienst kommend, trage ich Uniform, weshalb ich oft angesprochen werde. Deshalb fahre ich in öffentlichen Verkehrsmitteln ausschließlich mit Kopfhörern, um dem vorwegzugreifen. In letzter Zeit häufen sich jedoch die Ausfälle oder Ausnahmesituationen bei meinen Fahrten. So auch vor zwei Tagen. Stellwerksstörung, weshalb die S-Bahn nicht zum Hauptbahnhof, sondern nur die U-Bahn usw. Mir ist's bis auf das erhöhte Fahrgastaufkommen egal, weil ich sowieso umsteigen muss. Am U-Bahngleis fällt mir eine junge Frau auf, die die Anzeige mit einem Zettel in ihrer Hand abgleicht. Ich trete an die Türe und rufe laut: "Zum Hauptbahnhof?" Sie kommt näher, zeigt auf die Schrift auf ihrem Zettel. Da steht HBF, und ich erkläre, dass das eine Abkürzung für Central Station sei und wir direkt dorthin fahren. Sie bedankt sich, setzt sich mit ihrem Koffer in einen anderen Vierersitz und beginnt ein Telefonat auf italienisch. Da muss ich schmunzeln, weil mich die Situation an unsere Suche in La Spezia erinnert. An meiner Haltestelle deute ich ihr mit den Fingern die Anzahl der verbleibenden Stationen bis zum Hauptbahnhof, sie bedankt sich wieder und ich steige aus. Zack Karmakonto ausgeglichen und für die positive Wahrnehmung der Deutschen im Ausland gesorgt. Danach bin ich erschöpft und muss sofort schlafen. Fast wie damals in La Spezia.

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Donnerstag, 2. Dezember 2021
Love is All You Need
Vor etwa 15 Jahren schrieb ich einen Text über ein Sendungsformat, das nicht nur mit der heutigen Überschrift, sondern vor allem mit der Hauptperson meiner Geschichte zu tun hat. Keine Angst, so garstig wie damals wird es heute nicht, eher nostalgisch.

Es muss inzwischen über 20 Jahre her sein, als ich dem damaligen Moderator der oben genannten Sendung persönlich an Bord begegnete. Ich war ganz frisch Flugbegeiterin und kam meinen Aufgaben noch sehr pfichtbewusst nach. Nicht dass ich heute anders arbeiten würde, musste aber erst noch lernen, auf dem Grat zwischen Kundenorientierung und Firmenvorgaben - auch schnöde Realität der Einsparungspolitik genannt - virtuos zu balancieren. So kam es nun, dass ich den Zorn eines Passagiers auf mich zog, weil ich nicht all seine Wünsche erfüllen konnte. In der Luft manifestierte sich sein Zorn als sehr lautes Sprechen in meine Richtung, also sehr, sehr laut. Als er mit seiner sehr, sehr lauten Ansprache fertig war, wendete er sich zu seinem Sitznachbarn mit den Worten: "Das Mäuschen werde ich mir auch noch ziehen!" Ich war so perplex, dass mir schlicht keine Antwort darauf einfiel. Und wenn das Erwiderungsschild nicht funktioniert, trifft so ein doofer Spruch ganz schnell mitten in's Herz.

Da die Ansprache des Herrn sehr, sehr laut gewesen war, hatten auch alle Umsitzenden davon mitbekommen. Zufällig saß zwei Reihen weiter der Moderator mit dem obstigen Nachnamen. Als ich neben ihm stand, formulierte er einen gut über zwei Reihen hörbaren Verteidigungsspruch in meine Richtung, der offensichtlich nicht mich adressieren sollte. Das ist übrigens ein Verfahren, das uns als Servicekräften am meisten aus der Bredouille hilft. Von einem anderen Gast verteidigt zu werden, ist Balsam für unsere verletzten Seelen. Die Kolleg:innen hatten die Szene ebenfalls miterlebt und trösteten mich im Anschluss. Zur Einmischung des Herrn Moderators meinten sie, es sei angeblich mit einer ehemaligen Kollegin liiert, was aber meines Erachtens die Aktion nicht schmälerte.

Nach über zwanzig Jahren traf ich nun selbigen Moderator wieder und erzählte ihm nicht nur das Erlebnis unserer ersten Begegnung, sondern auch, wie dankbar ich ihm damals war. Ich hatte diese Geschichte nicht vergessen. Er schien überhaupt nicht erstaunt über den Ausgang, was mich schließen ließ, dass er des Öfteren für Schwächere in die Bresche springt. Wir fachsimpelten ein bisschen über die Beweggründe garstiger Mitmenschen, ich gab Techniken seelischer Abwehrmechanismen preis, seine Reisebegleitung - ebenfalls aus dem TV bekannt - entlockte mir noch eine längst vergangene Peinlichkeit und dann war's auch schon Zeit für getrennte Wege. Beim nächsten Treffen kann ich ihm von dieser für mich weitaus positiveren Begegnung erzählen. Und vielleicht erinnert er sich an die Kabinenchefin, die einst peinlicherweise Frau Christ*ansen in "Frau Berg*hoff" umbenannte.

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Dienstag, 30. November 2021
No Matter if You're Black or White
Am Wochenende habe ich mal wieder was erlebt. Fast wie so eine typische Arbeitnehmerin. Ich bin nämlich spät abends mit den öffentlichen Verkehrsmitteln heimgefahren. Das allein ist derzeit schon ein Abenteuer, soll aber hier nicht zentrales Thema des Eintrages werden.

Ich stehe also am Hauptbahnhof auf meine U-Bahn wartend. Vor mir eine Dreiergruppe asiatisch aussehende Männer mit großen Koffern. Kommt ein Mann mittleren Alters, Typ unter Drogeneinfluss leicht enthemmt, kleidungsmäßig eher sportlich jedoch keiner bestimmten Gesinnung zuzuordnen, und spricht die Gruppe an. Ich höre ihn Sachen sagen wie "hey Sushi" und "where you come from Schlitzauge". Die Gruppe reagiert nicht und wendet sich sichtlich verunsichert ab. Der Typ lässt nicht locker, beginnt einen ein wenig mit den Worten "Why you not react?" auf den Arm zu boxen. Da stelle ich mich vor den Provozierenden und die Gruppe, um zu deeskalieren und sage ganz ruhig wiederholend "just go away". Das wiederhole ich mehrmals. Der Typ entfernt sich ein wenig, kommt dann aber wieder zurück. Inzwischen hoffe ich, dass die U-Bahn bald eintrifft, denn so ganz sicher fühle ich mich auch nicht mehr in meiner Haut. Das überspiele ich mit einer Handbewegung und den Worten "just go over there or there". Einer der Männer aus der Gruppe bedankt sich leise und ich erwiedere: "I'm sorry for this". Schließlich trifft die U-Bahn ein, der Typ entfernt sich und einer aus der Gruppe erklärt in bestem Deutsch: "Das passiert überall, nicht nur hier in Deutschland." Und ich bin ein bisschen peinlich berührt, weil ich die ganze Zeit wie selbstverständlich auf englisch reagierte.

Würde die Geschichte hier enden, wäre sie nur ein kleiner Lobgesang auf mein scheinbar mutiges Intervenieren. Solche Handlungen geschehen bei mir ja sehr spontan und vor allem unüberlegt. Als ich an meiner Haltestelle aussteige, bemerke ich, dass der Typ nach mir Ausschau hält und die Bahn ebenfalls verlässt. Offenbar folgt er mir. Zum Glück ist mein Heimweg nicht weit, gut beleuchtet und ich, dunkel gekleidet, plötzlich sehr schnell. Noch nie habe ich die Haustüre schneller hinter mir zugezogen, um danach erst einmal durchzuatmen. An dieser Stelle wird mir nicht nur die Konsequenz meines Handelns bewusst, sondern auch die Macht, die ein Mensch durch scheinbar harmlose Handlungen auf andere ausüben kann. Wenn Sie mich fragen, würde ich allerdings genau so wieder handeln.

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Sonntag, 14. November 2021
Coming Home Baby
Huch, schon wieder ein Monat vorbei, in dem ich nichts veröffentlicht habe. Eigentlich gibt es schon immer mal Dinge, über die es zu schreiben lohnt aber

1.) sitze ich immer noch an einem langen Text, der für mich wichtig ist und deswegen gut werden soll. Es geht da um ein sehr persönliches Geschenk an eine langjährige Freundin in Form einer Erzählung. Jedes Mal, wenn mir dann was anderes, blogbares einfällt, verkneife ich mir's, weil der Text Vorrang hat. Das mag nicht sehr schlau sein, denn es verhindert Kreativität und verdirbt mir die Lust auf das an sich schöne Projekt. Andererseits habe ich gemerkt, dass der Text besser wird, je mehr Zeit ich zwischen den hinzugefügten Teilen unabgelenkt vergehen lasse.

und 2.) bin ich in Bezug auf Berufliches sowie Abwesenheitszeiten öffentlich zu verbreiten zögerlich geworden. Während meiner Auslandsaufenthalte hätte ich Zeit zum Schreiben. Damit mache ich es aber den Bösewichten leicht, mein Heim zu besuchen und dem Arbeitgeber mich für Veröffentlichung von Interna abzumahnen.

Das Dilemma ist nicht so schlimm, wie es scheint. Fast könnte man meinen, es gäbe derzeit Schlimmeres. In schlimmen Zeiten ist aber gerade die Ablenkung für mich so wichtig geworden. So kann ich nur verkünden, dass ich in Washington war. Also in DeZe, nicht im Staat. Dort herrschen gerade nicht nur spätsommerliche Temperaturen, sondern auch die Pandemie ist vorbei. Zumindest trägt niemand mehr Maske in der Öffentlichkeit, die Impfzertifikate werden höchstens als Einreisevoraussetzung überprüft und auch sonst scheint man guter Dinge zu sein. Wenn das mal keine guten Nachrichten sind, dann weiß ich auch nicht.



Jedenfalls bin ich wieder daheim. Wenn ich jetzt noch bessere Schlafkonditionen hätte, sprich keine unter mir wohnende Partymaus und eine schwerhörige Fernsehzuschauerin im Altbau über mir, wäre ich auch schneller wieder im gewohnten Schlafrhythmus. So aber ertappe ich mich beim Schmieden infantiler Rachepläne. Sowas wie morgens früh aufstehen, um mit Stöckelschuhen auf Parkett tanzend die um vier Uhr zu Bett gegangene Feierrunde aus dem Schlaf zu reißen, scheitert halt daran, dass ich ebenfalls erst um vier einschlief und um neun vom erneuten Lärm von unten geweckt wurde. Die Dame oben hört sowieso nichts, da könnte ich ungeniert eine ganze Blaskapelle aufmarschieren lassen. Und wenn ich dann im Wachzustand überlege, komme ich mir sehr alt und spießig vor. Vielleicht sollte ich einfach mal wieder meditieren, so für die innere Ausgeglichenheit. Oder ich gehe Frau Herzbruch besuchen und desensibilisiere mich durch Kirchenglocken und Baustellenlärm. Im Anschluss erscheinen mir nächtliche Bässe wie sanfte Wiegenlieder. Wie dem auch sei, irgendwann werde ich sicher wieder normal und nicht nur aus Erschöpfung schlafen. Das wird der Tag sein, an dem ich mich kräftig genug fühle, mich wieder mit der derzeitigen Situation draussen zu befassen. Bis es soweit ist, sorgen Sie sich, regen Sie sich auf oder lösen sie die Probleme der Welt aber lassen mich davon bitte unbehelligt.

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Dienstag, 19. Oktober 2021
Elsewhere (3)
Hier gibt Sonja Lewandowsky ganz intime und wunderbar geschriebene Einblicke in die Seele von Turnmädchen. Angereichert wird ihr Essay durch Zitate aus Simone Biles' Buch Courage to Soar.

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Über Curse of Knowledge, eine kognitive Verzerrung bei Spezialisierten. Interessante Falle, in die ich selbst immer wieder tappe. Denn eigentlich glaube ich, weiß ich überhaupt nicht mehr als andere. Und was ich weiß, ist doch so offentsichtlich, sonst wüsste ich Dummerle es doch auch nicht. Heißt übrigens auch Imposter Syndrom.

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"It isn't just that we want a free car park ? we've come to think we're entitled to one, too." schreibt Farz Edraki in seinem lesenswerten Essay "We all love free car parking - but who's really paying for it?" für ABC Net. Und ja, da sind für mich neue Gedankengänge drin, z.B. dass kostenfreies Parken den Wohnraum teurer macht. Einfach mal selber lesen und nachdenken.

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Scudieri, Florenz

Es gibt einen Podcast (schon wieder einer), der den geschichtlichen Hintergründen von Dingen nachspürt. Die neueste Folge beschäftigt sich mit der pandemisch aufgeblühten Sehnsucht nach Vergangenem:
"We're looking for comfort and safety in the permanence of the past, or at least, what we think the past was. But, when it first appeared, nostalgia itself wasn't considered a feeling; it was a deadly disease." und jetzt weiß ich auch nicht.
The Nostalgia Bone, und ein erklärender Artikel aus dem Atlantic, wo ich auf den schönen Begriff el mal de corazón stieß, der aus dem Dreissigjährigen Krieg stammt.

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Eine meiner Lieblingsfragen ist, warum Leute dies oder jenes tun - mich selbst natürlich eingeschlossen. So stieß ich auf diesen Artikel, der sich mit menschlichen Reaktionen und ihren Auslösern beschäftigt und warum man nichts auf sich beziehen sollte.
"Emotional generosity is the ability to see past behaviours that we don't understand and proactively look for compassionate ways to explain them."
Das fasst in etwa meine Leitlinie zusammen, nach der ich im beruflichen wie privaten Kontext zu leben versuche. Denn wäre es nicht schön, würden alle statt mit dem Finger auf andere zu zeigen, diese Dinge an sich selbst verändern? Genau. An diser Stelle fällt mir auch eine Wahrnehmungsverzerrung ein, deren Name ich vergessen habe. Negative Verhaltensweisen anderer attribuieren wir auf deren Charakter, unsere eigenen auf die Umstände. Im Zweifel also für den Angeklagten. Sehr schön finde ich übrigens das kleine Video aus dem Artikel.

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Mittwoch, 13. Oktober 2021
Discipline
Eigentlich gäbe es so vieles zu schreiben, doch eine längere Geschichte braucht gerade meine ganze Aufmerksamkeit. Schauen Sie doch einstweilen woanders (wird kontinuierlich erweitert)

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Montag, 20. September 2021
Touch me, feel me, get to know me inside


Heute habe ich eine Tube Gochujang mit Ablaufdatum 2020 weggeworfen, und das kam folgendermaßen:

Wenn Crews reisen, sind sie nicht privat, sondern dienstlich unterwegs, weshalb sie an ausländischen Flughäfen entweder die allgemeine oder die Sicherheitskontrolle für Angestellte passieren. Während bei der allgemeinen Sicherheitskontrolle einige Erleichterungen für Crews gegenüber Privatreisenden gelten - beispielsweise müssen wir meist weder Schuhe noch Gürtel und Jacken ablegen, die elektronischen Geräte sowie Flüssigkeiten dürfen im Handgepäck bleiben und wir können vordrängeln, was der Tatsache geschuldet ist, dass ansonsten entweder der Flug verspätet rausgeht oder die Arbeitszeiten wesentlich länger sein müssten - verfügt die Angestelltenkontrolle über einfacheres technisches Equipment. Es gibt dort normale Metalldetektorenportale und Detektoren, mit denen der Körper von Hand abgesucht wird. Die Sprengstoffdetektoren stehen übrigens überall, Crews werden aber nur am Heimatflughafen ausnahmslos auf Sprengstoffpartikel überprüft. Deshalb weiß die versierte Flugbegleiterin, dass Rückstände von Hand-, Schuh- und sonstige Cremes gerne mal von den Geräten als Sprengstoffpartikel erkannt werden.

Seit sich in meinem Körper Metall befindet, führe ich einen erbitterten Kampf mit dem Sicherheitspersonal, denn obwohl ich eingangs darauf hinweise, wird auf mehrmaliges Hin- und Herlaufen durch das Metalldetektorenportal mit jeweiligem Ablegen neuer Kleidungsteile bestanden und ist erstaunt, dass es auch fiept, wenn ich die unsichtbare Schranke halbnackt aber immer hoch erhobenen Hauptes durchschreite. Ist ja nicht so als hätte ich es nicht angekündigt. Vereinfacht wird die Prozedur, sobald sich einer dieser Ganzkörperscanner im Einsatz befindet. Darin darf ich nämlich sowohl die Schuhe als auch meine Frisur im Originalzustand anbehalten. An Angestelltenkontrollpunkten gibt es so einen modernen Schnickschnack aber nicht. Zu teuer, zu verwegen, whatever. Deshalb habe ich mir angewöhnt, möglichst als erste, möglichst ohne Schuhe, Jacke und Schmuck die Kontrolle zu durchschreiten. Selbst wenn ich zunächst Widerspruch vom Personal ernte, wird schnell klar, ich hatte recht. Missmutig wird dann der Handscanner gezückt oder gleich abgetastet. Und nein, es waren nicht die BH-Bügel, die der Scanner erkannte, sondern das interne Metall.

Als ich zuletzt aus Washington D.C. heimkehrte, war ich eingangs noch etwas mißmutig, weil die Kontrolle ungewöhnlich minutiös schien. Doch meine Laune sollte schnell in Ratlosigkeit umschlagen. Trotz meines Hinweises auf internalisiertes Metall musste ich zunächst die Schuhe ablegen, die wie mein Gepäck durch das Röntgengerät geschickt wurden. Dann bat man mich an die Seite, meine Handtasche und der kleine Koffer wurden ebenfalls auf einen seitlichen Tisch gelegt, die Angestellte zückte ein Paar blaue Latexhandschuhe, ich spannte noch ein bisschen Bauch- und Oberschenkelmuskulatur an - man möchte ja nicht gleich als unsportlich entlarvt werden - und schon ging es los. Ich glaube, ich wurde noch nie so gründlich abgetastet wie dort. Als ich an mir herabschaute, sah ich einen weißen Streifen, der auf meiner Oberbekleidung zwischen meinen Brüsten bis zu den Beinen senkrecht nach unten verlief und den Handkantenweg der TSA-Angestellten nachzeichnete.

Schließlich informierte mich die Dame, dass die Probe von ihren Handschuhen Sprengstoffpartikel angezeigt hätte. In Folge wischte sie jedes verdammte Teil aus dem Inhalt meiner Handtasche UND meines Kabinenkoffers mit dem Sprengstoffdetektor ab. Also abwischen, in den Detektor stecken, auf Ergebnis warten, Teststreifen auf dem Stab wechseln, abwischen, etc. Ich weiß nicht, wie viele Teile ich alles in allem mit mir führte, jedenfalls kam dadurch die oben abgebildete Tube koreanische Chilimischung aus meinem Koffer zum Vorschein, die ich vor etwa vier Jahren eingesteckt und dann vergessen hatte. Ein Teil weniger bei der nächsten Kontrolle. Obwohl ich die Dame unter Vortäuschung falscher Tatsachen (OCD) bat, mich den Koffer selbst wieder einräumen zu lassen, fand ich in meiner Schminktasche später einen längst vergessenen Fuselkiller. Vielleicht bin ich doch ein bisschen neurotisch, denn in meinen Taschen herrscht eine Ordnung, die mich alles blind finden lässt. Eine Fremde in meinen Sachen wühlen zu sehen, war mir unangenehm. Insgesamt dauerte der Vorgang ziemlich lange, war aber dadurch noch nicht abgegolten. Man kündigte an, die Supervisorin würde eine weitere Leibesvisitation in einem kleinen Zimmer durchführen. Vor meinem inneren Auge spielten sich Szenen ab, die denen bei der Aufnahme in einer Suchtklinik oder im Gefängnis ähneln, was mich, auch in Anbetracht der bereits verstrichenen Zeit, die ich nylonbestrumpft auf Steinboden stehend verbrachte, mutlos werden ließ.

Die Supervisorin machte mich darauf aufmerksam, dass sie, im Gegensatz zu ihrer Kollegin, nun bestimmte Körperregionen mit der Handfläche statt dem -rücken oder der -kante abtasten würde und schnalzte währenddessen einmal mit dem Latexrand ihres Handschuhs. Was dann folgte, war weitaus weniger schlimm als die Szenarien aus meinem Kopfkino, mein Bedarf an Körperkontakt mit Fremden ist jedoch über Jahre gedeckt. Welche Stoffe an meinem Körper nun tatsächlich für die exzessive Durchsuchung verantwortlich waren, kann ich nicht sagen, vermutlich war das neue Haarspray schuld. Mir hat aber auch noch nie ein Sicherheitsdienst über den Kopf gestrichen, zumal sich in meinem streng nach hinten gebundenen Haar keine metallischen Waffenteile verstecken lassen. Als ich endlich gehen durfte, fühlte ich mich seltsam verletzlich, ganz so als ob ich einen kleinen Teil von mir bei der Kontrolle gelassen hätte. So fühlt es sich also an, seine Selbstbestimmtheit aufzugeben. Die Crew war bereits zum Flieger vorausgegangen, nur der Copilot wartete am Ausgang der Kontrollstelle auf mich. Meine Schilderung kommentierte er mit: "Naja, is ja nix passiert." Und genau in dieser Aussage liegt der Unterschied zwischen Cockpit- und Kabinenangestellten.

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