... newer stories
Dienstag, 22. Februar 2022
Two Thousand Years
frau klugscheisser, 23:22h

Dieses Datum, diese Uhrzeit. Vor allem heute.
... link
Getting Older
frau klugscheisser, 10:21h
Die letzte große Feier liegt neun Jahre zurück. Ich erinnere mich noch ganz genau an das Treppenhaus in Salzburg, das WG Zimmer und die Küche, in der sich am Ende jede Party einfindet. Du wohntest hier, weil Du in der Stadt eine neue Stelle angetreten hattest. An jenem Abend war ich, wie immer, mit Abstand die Älteste, und insgeheim hatte ich in den Tagen bis zu diesem Geburtstag oft die Jahre überschlagen, die uns trennten. 14 Jahre, in denen ich mengenmäßig vielleicht mehr und vor allem andere Erfahrungen als Du gemacht hatte. Du hast mich immer ganz selbstverständlich akzeptiert und in Deinen Bekanntenkreis integriert. Ich hingegen schluckte an dem Abend schwer an der Alterskröte. Zum ersten Mal hatte ich bei Deiner Geburt nachgerechnet, später immer an den Geburtstagen. Wie alt würde ich sein, wenn Du in die Schule kommst, wenn Du volljährig wirst oder zu arbeiten beginnst? Dazwischen verging die Zeit. Das Ereignis war ganz leise herangeschlichen und hatte mich rücklings überwältigt. Du warst jetzt 30. Und ich?
Da gab es all diese Vorstellungen in meinem Kopf, wie mein Leben aussehen würde, wenn Du 30 wärst. Vielleicht hätte ich eine Familie aber ganz bestimmt eine Partnerschaft, eine größere Wohnung, einen tollen Job, kurzum all das, was man gemeinhin als gesicherte Verhältnisse bezeichnet. Ich hätte Dir gerne Ratschläge gegeben - schließlich macht man das so als ältere Schwester. Nun waren aber meine Verhältnisse alles andere als gesichert und ich nicht in der Position, die man als vorbildhaft beschreiben würde. Im Gegensatz dazu hattest Du die beständigeren Beziehungen, den besseren Job und Träume, die Du mit allen Dir gegebenen Möglichkeiten umsetztest. Sogar die Vernunft war auf Deiner Seite, während in meiner Tasche eine Schachtel Zigaretten steckte, die ich nach langer Abstinenz an diesem Abend zu rauchen plante. Wenn ich mich schon schlecht fühlte, dann wenigstens so richtig.
Obwohl ich mich nie wirklich auf konventionellen Pfaden bewegte, ließen mich gesellschaftliche Konventionen immer wieder über meine eigenen Füße stolpern. Es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis ich begriff, dass diese Dinge, die ich zu wollen glaubte, nicht aus meinen Bedürfnissen entsprangen. So verbrachte ich viel Zeit mit Selbstsabotage. Du wirst Dich gerade fragen, wieso ich so viel von mir schreibe, wo heute doch Dein Tag ist. Zu meiner Verteidigung kann ich nur anbringen, dass wir die Welt und die Menschen darin immer in Bezug auf uns selbst begreifen.
Du warst so oft geduldig mit mir, hast mir am Telefon zugehört und in den dunklen Tagen die Kommunikation nie abreissen lassen. In Deiner Güte hast Du mir immer eine Hand gereicht und mich wissen lassen, dass Deine Türe für mich offen steht. Wir waren nicht immer einer Meinung aber immer wohlwollend gegenüber einander. Und das, meine Liebe, werde ich von Dir immer im Herzen tragen. Lass mich Dir im Gegenzug nur eines weitergeben - ja, jetzt kommt die große Schwester zum Zug. Mit Beständigkeit und etwas Glück treibt alles im Leben in eine Richtung, die wir am Ausgangspunkt nicht für möglich gehalten hätten. Der Schlüssel dazu liegt in uns selbst, denn nicht nur die Umstände, sondern zuallererst verändern wir uns ständig. Ich schreibe Dir das heute, weil der bevorstehende Eintritt in eine neue Dekade oft ein mulmiges Gefühl in uns auslöst - vor allem im letzten Jahr der alten. Das Unbekannte macht uns Angst. Vielleicht ist es aber nur die Angst vor unseren eigenen Meinungen und Gedanken. Und wenn Du an unserem Beispiel zurückschaust, ist dieses Älterwerden vielleicht gar nicht so schlimm.
An jenem Abend hatte ich zu Deinem runden Geburtstag eine kleine Rede gehalten, von der ich heute nichts mehr weiß. Im Vorfeld wolltest Du mich davon abbringen, aus Angst, es könnte peinlich werden. Ich weiß nur noch, dass ich vorher fürchterlich viel getrunken, geraucht, mich hinterher in's Waschbecken übergeben habe und dann in Deinem Bett eingeschlafen bin, während die Party um mich herum weiterlief. Das war dann der eigentlich peinliche Part. Die Rede aber fanden alle sehr schön. Im Grunde ist nichts so schlimm wie in unserer Vorstellung. Nicht einmal Geburtstagsreden.
Da gab es all diese Vorstellungen in meinem Kopf, wie mein Leben aussehen würde, wenn Du 30 wärst. Vielleicht hätte ich eine Familie aber ganz bestimmt eine Partnerschaft, eine größere Wohnung, einen tollen Job, kurzum all das, was man gemeinhin als gesicherte Verhältnisse bezeichnet. Ich hätte Dir gerne Ratschläge gegeben - schließlich macht man das so als ältere Schwester. Nun waren aber meine Verhältnisse alles andere als gesichert und ich nicht in der Position, die man als vorbildhaft beschreiben würde. Im Gegensatz dazu hattest Du die beständigeren Beziehungen, den besseren Job und Träume, die Du mit allen Dir gegebenen Möglichkeiten umsetztest. Sogar die Vernunft war auf Deiner Seite, während in meiner Tasche eine Schachtel Zigaretten steckte, die ich nach langer Abstinenz an diesem Abend zu rauchen plante. Wenn ich mich schon schlecht fühlte, dann wenigstens so richtig.
Obwohl ich mich nie wirklich auf konventionellen Pfaden bewegte, ließen mich gesellschaftliche Konventionen immer wieder über meine eigenen Füße stolpern. Es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis ich begriff, dass diese Dinge, die ich zu wollen glaubte, nicht aus meinen Bedürfnissen entsprangen. So verbrachte ich viel Zeit mit Selbstsabotage. Du wirst Dich gerade fragen, wieso ich so viel von mir schreibe, wo heute doch Dein Tag ist. Zu meiner Verteidigung kann ich nur anbringen, dass wir die Welt und die Menschen darin immer in Bezug auf uns selbst begreifen.
Du warst so oft geduldig mit mir, hast mir am Telefon zugehört und in den dunklen Tagen die Kommunikation nie abreissen lassen. In Deiner Güte hast Du mir immer eine Hand gereicht und mich wissen lassen, dass Deine Türe für mich offen steht. Wir waren nicht immer einer Meinung aber immer wohlwollend gegenüber einander. Und das, meine Liebe, werde ich von Dir immer im Herzen tragen. Lass mich Dir im Gegenzug nur eines weitergeben - ja, jetzt kommt die große Schwester zum Zug. Mit Beständigkeit und etwas Glück treibt alles im Leben in eine Richtung, die wir am Ausgangspunkt nicht für möglich gehalten hätten. Der Schlüssel dazu liegt in uns selbst, denn nicht nur die Umstände, sondern zuallererst verändern wir uns ständig. Ich schreibe Dir das heute, weil der bevorstehende Eintritt in eine neue Dekade oft ein mulmiges Gefühl in uns auslöst - vor allem im letzten Jahr der alten. Das Unbekannte macht uns Angst. Vielleicht ist es aber nur die Angst vor unseren eigenen Meinungen und Gedanken. Und wenn Du an unserem Beispiel zurückschaust, ist dieses Älterwerden vielleicht gar nicht so schlimm.
An jenem Abend hatte ich zu Deinem runden Geburtstag eine kleine Rede gehalten, von der ich heute nichts mehr weiß. Im Vorfeld wolltest Du mich davon abbringen, aus Angst, es könnte peinlich werden. Ich weiß nur noch, dass ich vorher fürchterlich viel getrunken, geraucht, mich hinterher in's Waschbecken übergeben habe und dann in Deinem Bett eingeschlafen bin, während die Party um mich herum weiterlief. Das war dann der eigentlich peinliche Part. Die Rede aber fanden alle sehr schön. Im Grunde ist nichts so schlimm wie in unserer Vorstellung. Nicht einmal Geburtstagsreden.
... link
Dienstag, 15. Februar 2022
Ladies in Their Sensitivities
frau klugscheisser, 20:09h
Wenn er mit wirklich schlechtem Nachtschlaf anfängt, hat der Tag schon zu Beginn verloren. Dann sind die Nachbarn zu laut, das Essen zu heiß, das Wetter zu trübe und die eigene Laune im Keller. Dabei ist von aussen betrachtet alles wie immer. Die Nachbarn sind lebendig, das Essen schneller warm al erwartet, das Wetter macht eine Pause und meiner Laune ist das alles herzlich egal. Was ist dann anders als sonst?
Ich reagiere extrem empfindlich auf Reize aus meinem Umfeld. Handlungen anderer Leute beziehe ich viel zu schnell und ohne triftige Gründe auf mich. Überhaupt scheint mein sogenanntes Erregungspotential erhöht - oder die Auslöseschwelle für eine irrationale Reaktion viel zu niedrig. Ich bin äusserst unruhig und in mir nicht daheim. Und das fühlt sich sehr unangenehm an. Früher hätte ich in so einem Zustand geraucht oder getrunken oder beides. Heute vermeide ich diese Art Ablenkungsmanöver. Naja, nicht ganz, an solchen Tagen surfe ich völlig unreguliert im Netz, ohne mich auf längere Texte konzentrieren zu können.
Klar, Hormone. Andererseits sind Hormone nicht nur zu bestimmten Zeiten am Werk, sondern eigentlich immer. Mit dem Unterschied, dass ich dünnhäutiger bin als sonst. Die gute Seite drin finden, sich akzeptieren, umdeuten, ach lasst mich doch alle in Ruhe mit dem Scheiß. Ich geh' jetzt springen. Morgen manifestiert sich meine schlechte Laune an der entzündeten Achillessehne und ich habe wenigstens einen Grund dafür.
Ich reagiere extrem empfindlich auf Reize aus meinem Umfeld. Handlungen anderer Leute beziehe ich viel zu schnell und ohne triftige Gründe auf mich. Überhaupt scheint mein sogenanntes Erregungspotential erhöht - oder die Auslöseschwelle für eine irrationale Reaktion viel zu niedrig. Ich bin äusserst unruhig und in mir nicht daheim. Und das fühlt sich sehr unangenehm an. Früher hätte ich in so einem Zustand geraucht oder getrunken oder beides. Heute vermeide ich diese Art Ablenkungsmanöver. Naja, nicht ganz, an solchen Tagen surfe ich völlig unreguliert im Netz, ohne mich auf längere Texte konzentrieren zu können.
Klar, Hormone. Andererseits sind Hormone nicht nur zu bestimmten Zeiten am Werk, sondern eigentlich immer. Mit dem Unterschied, dass ich dünnhäutiger bin als sonst. Die gute Seite drin finden, sich akzeptieren, umdeuten, ach lasst mich doch alle in Ruhe mit dem Scheiß. Ich geh' jetzt springen. Morgen manifestiert sich meine schlechte Laune an der entzündeten Achillessehne und ich habe wenigstens einen Grund dafür.
... link
Mittwoch, 2. Februar 2022
02.02.2022
frau klugscheisser, 23:07h
Für so ein schönes Datum braucht's einen Platzhalter hier. Der nächste Eintrag folgt in 20 Tagen.
... link
Freitag, 28. Januar 2022
Soul Chemistry
frau klugscheisser, 13:37h

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, steht in der Bibel, und obwohl ich die generell für eine nette Geschichtensammlung halte, steht manchmal auch Wahres drin, wie dieser Satz beispielsweise. Folglich habe ich mich aufgemacht, um trotz all der Omikronwirren mal wieder jemanden in echt zu treffen. Ich meine hey, steht doch sogar in der Bibel!
Der junge Mann hatte auch sofort einen Vorschlag, wo man sich begegnen könnte - eine mir unbekannte Bar mit dem Namen Call Soul. Als fachfremde Person fiel es mir schwer, den Namen mit irgendwas aus der Chemie zu assoziieren - vielleicht kann Frau Brüllen da etwas Licht ins Dunkel bringen. Jedenfalls ging's in der Getränkekarte und auch sonst viel um's Periodensystem. Der obige Cocktail wurde beispielsweise durch special effects Blubber inklusive Dampf aus dem Laborglas (wie heißen die Dinger richtig?) aufgemotzt. Das soll aber nicht das eigentliche Thema sein, denn verwirrender war das, was mir vor der Türe passierte.
Die Impfnachweiskontrolle war schon auf der Heimseite angekündigt, weshalb ich keinen Verdacht schöpfte, als mich ein vor der Treppe zum Eingang telefonierender Herr mit ausgestreckter Hand zu warten anwies. Ich wartete und wunderte mich ob der Unfreundlichkeit. Und dann noch im Dienst privat telefonieren. Als er mich schließlich nach Impfzertifikat und Ausweis fragte, zeigte ich beides vor und wunderte mich erneut, als der junge Mann mein Geburtsdatum betonte. Sodann gab er die Treppe zum Kellereingang frei, jedoch nicht ohne mich darauf hinzuweisen, dass ich mein Zertifikat drinnen noch einmal zu zeigen hatte.
Ja, der junge Mann hatte mich veräppelt, war nur Gast und probierte das aus, was - so erfuhr ich später - die neueste Masche zur Anmache ist. Ich vermute mal es war mein Alter, das ihn die Sache doch recht zügig aufklären ließ. Auf meinen Protest hin lud er mich ein, bei seinen Freunden Platz zu nehmen. Auf mich wartete allerdings weitaus angenehmere Gesellschaft, weshalb ich die Episode schlicht als Kompliment für mein Aussehen mit anschließender Verzweiflungsgeste verstand. In Dunkelheit und mit Kapuze + Maske gehe ich aber sicher noch für Mitte Zwanzig durch. Qed.
... link
Samstag, 22. Januar 2022
Having a Blast
frau klugscheisser, 01:54h
Es gab mal ein Blog für Betrunkene , in dem ich dareinst beitrug. Heute bin ich auch aus Gründen angeschickert. Das Ausdrücken in diesem Zustand ist aber nicht mehr so dringend. Schon schön, dieses Älterwerden?
... link
Dienstag, 11. Januar 2022
Going Home
frau klugscheisser, 16:44h
In memoriam Stefan Öhlschläger
Man traf sie stets zusammen auf der Straße, in der Tram oder im Supermarkt an, häufig lautstark miteinander schimpfend. Passanten - meist Stadtunkundige - drehten sich mit ungläubigem Blick oder amüsiertem Lächeln nach ihnen um. Denn wenn die Öhlschläger Zwillinge eines nicht waren, dann unauffällig. Selbst im tiefen Winter sah man sie draussen in knalligen Hotpants und unter der Winterjacke bauchfrei bekleidet laufen. Nur das Schuhwerk wurde den Temperaturen angepasst. Und wer sie übersah, der hörte sie eben.
Was nicht in's Bild passt, wird belächelt, doch wer weiß schon, welche Geschichte hinter den beiden Erscheinungen steckte? Geschichten hatten die Beiden bestimmt zu erzählen. Von ihrer Zeit als Modelle - mir bekannt ist beispielsweise ein Buch über Haare von Herlinde Kölbl, in denen sie auftauchten - oder ganz allgemein von Erlebnissen im Zusammentreffen mit dem konservativen Münchner Volk. Bisweilen muss sich sogar der Durchschnittsmensch über konservative Verhaltensweisen und Ansichten in München wundern. Für Aufmerksamkeit benahmen sie sich eben ein wenig anders als andere, doch geschadet haben sie damit niemandem.
Kennengelernt habe ich die Beiden beim Tanzunterricht in einer bekannten Münchner Tanzschule. Einer von ihnen - ich vermute, es war Stefan - nahm Ballettunterricht, der andere - das muss dann Christian gewesen sein - wartete vor dem Saal und beobachtete seinen Bruder durch die Scheibe. Ich vermutete immer eine gewisse Genderfluidität bei einem der Zwillinge, wenn nicht gar bei beiden. Genaues wusste ich aber nie. Irgendwann sind sie aus der Schule geflogen, weil sie der Aufforderung nach "züchtiger Kleidung" nicht nachgekommen waren. Besorgte Eltern hatten sich bei der Schulleitung beschwert, nachdem Stefan gerne durchsichtige Netzhemdchen im Unterricht trug. In meinen Augen war das übertrieben, denn sie hätten keiner Seele etwas zuleide getan.
Dann sah ich sie längere Zeit nicht mehr, erfuhr aber über die Presse, dass sie aus ihrer Wohnung ausziehen mussten. Ihr weiteres Schicksal verfolgte ich nicht mehr, bis ich gestern die Todesnachricht las. Für den Überlebenden wird nun eine sehr harte Zeit anbrechen, denn ich bin mir sicher, mit seinem Bruder ist auch ein Teil seiner eigenen Identität verstorben. Ich wünsche ihm die Kraft und den Mut, einen neuen Weg einzuschlagen.
Liebe Lesende, sollten Sie ein besonders auffälliges Individuum im öffentlichen Bereich antreffen, dann bitte verurteilen Sie diesen Menschen nicht gleich aufgrund seines Aussehens oder seines Benehmens. Niemand kann wissen, was sich dahinter verbirgt. Letztlich erleben wir alle Schmerz oder Freude und suchen das Glück auf die uns ganz eigene Weise - etwas das uns alle eint.
... link
Montag, 3. Januar 2022
Thank You for Being a Friend
frau klugscheisser, 19:44h
Il Sole bacia i belli
Gerade hatte ich das Studium an der Musikhochschule Stuttgart begonnen. Der alte Bau am Urbansplatz warf einen riesigen Schatten auf die Verkehrsinsel davor, der die Mülltonnenbox aus Waschbeton ganz knapp verfehlte. Dort oben saß ich in der Wartezeit zwischen zwei Seminaren in meinem luftigen Kostüm - Gänsehaut am ganzen Körper - und hielt mein Gesicht in die warmen Sonnentrahlen. Für einen kurzen Moment, gemessen an der Dauer eines Lebens, war ich sorgenfrei. Im Vorbeigehen hörte ich Dich diesen Satz sagen und bedankte mich lächelnd. Das Kompliment war auch für mich - des Italienischen nicht mächtig - zu verstehen. Die Sonne küsst die Schönen.
Natürlich warst Du mir schon vorher aufgefallen. Die fröhliche Dame, die in einem der Sekretariate arbeitete und die man oft bunt gekleidet durch die Gänge laufen sah. Die kleine, rothaarige Frau, die immer lächelte, wenn man ihr im Aufzug oder Treppenhaus begegnete und die für jeden ein freundliches Wort übrig hatte. Noch wusste ich nichts über Dich, weder Deine Zuständigkeit noch Privates. Auf dem Schild neben der Bürotüre im vierten Stock stand Dein Name: Engelbrecht. Den hatte ich mir gemerkt. Am nächsten Morgen legte ich einen selbstgepflückten Wiesenstrauß dort ab. Kurze Zeit später trat ich zum ersten Male ein. Das Zimmer war mehr als nur Arbeitsraum. Es unterschied sich so sehr von all den tristen Räumen im Gebäude. Es war Anlaufstelle für Lehrende, mit denen Du Dich über Kunst, Musik sowie den neuesten Hochschulklatsch austauschtest. Es war Zufluchtsstätte für Studierende, die ihre Sorgen und Nöte mit Dir teilten. Es war Dein kleines Reich, das Du mit Schönem ausgeschmückt hattest und mit Leben erfülltest. Auch ich saß alsbald häufig auf dem Stuhl vor Deinem Schreibtisch und wunderte mich nie, dass Du immer Zeit für meine langatmigen Schilderungen fandest. Ich nahm als selbstverständlich, wofür Du jedes Mal Deine Arbeit beiseite schobst. Es war Sommer als ich Deinen Lebensgefährten kennenlernte. Ich war ihm gelegentlich in den Gängen der Hochschule über den Weg gelaufen. Ihr wart meiner Einladung zur Vernissage gefolgt, die ich musikalisch umrahmte. Du trugst rote, hochhackige Schuhe zum Kleid. Es gab nur wenige Sitzgelegenheiten, weshalb Du einen Stuhl mit dem Professor teiltest. Und weil man in der Regel nicht auf dem Schoß von Arbeitsbekanntschaften sitzt, musste es sich um den Herzensmann handeln. Auf den ersten Blick überraschte diese Verbindung, denn während Du immer besonders edle Einzelstücke trugst, verortete man seinen Modestil eher in der sogenannten alternativen Szene. Die Diskrepanz in Einstellung und Lebensweise, so erfuhr ich viel später, überbrücktest Du durch das Zelebrieren der Verbundenheit im Kern. Dann lernte ich auch Deine Tochter kennen. Mich erstaunte, dass sie nur wenige Jahre jünger war als ich. Da wurde mir bewusst, dass Du ja auch im Alter meiner Mutter sein musstest. Fortan verglich ich Euch gedanklich in vieler Hinsicht. Meine Mutter schnitt dabei immer schlechter ab. Du warst so viel liebevoller, herzlicher und mir zugewandter, so hätte ich es mir von ihr gewünscht. In den darauffolgenden Jahren wünschte ich mir Dich des Öfteren an ihre Stelle. Als Freundschaft war mir unsere Verbindung jedoch viel wertvoller als eine komplizierte Beziehung zwischen Mutter undTochter. Das begriff ich am Beispiel Deiner eigenen Tochter. So konnte ich Dir ungehindert mein Herz über Familiäres ausschütten und mich von Dir trösten lassen. Einmal hast Du sogar mir meiner Mutter über mich gesprochen. Allein die Tatsache, dass jemand für mich Partei ergreift, hat mich damals tief berührt und gestärkt. Wieder fiel mir Dein exquisiter Geschmack auf, als ich zum ersten Mal Deine Wohnung betrat. Liiert war ich damals mit einem sehr jugendlichen und realitätsfernen jungen Mann, der mich aus meiner Rationalität wieder an das Staunen erinnerte. Wir waren zum Teetrinken eingeladen. Deine Wohnräume spiegelten die Liebe zum Detail wieder. Hier ein Bild, dort eine Vase, jeder Gegenstand war bewusst gewählt, nichts zufällig platziert. Alles hatte eine Geschichte, von denen Du einige mit uns teiltest. In einer zweckdienlichen Umgebung aufgewachsen, eröffnete sich mir eine völlig neue Perspektive. Du serviertest Kuchen und andere Leckereien auf schönem Geschirr. Während Du langsam genießen konntest, verschlang ich blitzschnell, was mir schmeckte. Ein andermal waren es Ingwermandeln, die Du in einem Schälchen im Büro darbotest, welches ich zu Deinem Entsetzen im Handumdrehen geleert hatte. Im Nachhinein war mir mein Verhalten mehr als peinlich, doch meine Unbeherrschtheit war nur eine Seite von Unersättlichkeit. Dem gegenüber stand eine immerwährende Leere, die weder mit Nahrung oder Erlebnissen noch Zuwendung zu füllen war. Deine Bereitschaft, mich in meiner Rastlosigkeit anzunehmen, ließ mich für einen kurzen Moment Linderung spüren. Deine immerwährende Geduld wirkte mit der Zeit heilend auf meine getriebene Seele. Nach einer angemessenen Zeit der Bekanntschaft hast Du mir das vertrauliche Du angeboten. Obwohl es mir zu Beginn zu benutzen schwer fiel, machte mich die Bedeutung der Geste stolz. Alsbald erzähltest Du mir sehr Persönliches, zu dem ich außer Hypothetischem nichts Hilfreiches beitragen konnte. Als der Herzensmann erkrankte und bald darauf starb, wollte ich gerne für Dich da sein, ganz so, wie Du es immer für mich warst. Dieser Aufgabe war ich jedoch nicht gewachsen. Ich hätte Dir so gerne die Schwere abgenommen, die fortan Deinen Alltag überzog. Du wusstest, dass es nicht möglich ist. Damals warst Du so alt wie ich heute. Ich dachte, was für ein blödes Alter es sei, um einen Lebenspartner zu verlieren, da man doch hätte gemeinsam alt werden wollen. Einen geliebten Menschen zu verlieren, passt zu keinem Zeitpunkt in die Lebensplanung. In meiner jugendlichen Vorstellung war es das Alter, in dem man nicht mehr suchte, geschweige denn fand. Später belehrtest Du mich wieder eines Besseren als eine kurze Romanze wie ein Tornado durch Dein Leben fegte und Dich seelisch zerzaust hinterließ. Danach konzentriertest Du Deine Zuneigung auf den Enkel und all die Freundschaften, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Allen gemeinsam war Deine Liebe. Man müsse auch Freundschaften zu den Jüngeren pflegen, denn die Älteren stürben und dann stünde man wieder alleine da. Eine zunächst irritierende Aussage, erklärte aber Deine Offenheit für die Belange derer, die ihre Füße noch zögernd auf holprigen Wegen positionieren, wo Erfahrenere zielsicher entlangschreiten. Selbst konnte ich mit jüngeren Altersgruppen nichts anfangen und suchte die Nähe zu denen mit einem Vorsprung an Lebenserfahrung. Ich fragte mich, wie man derart besondere Freundschaften findet. Da waren die ehemaligen Studierenden oder Lehrkräfte aus Deiner aktiven Hochschulzeit, Dein ehemaliger Kommilitone, ein Ersatzfamilienpaar aus der Zeit als junge Mutter, aber auch die Frau auf der Straße, der Stammfriseur und der junge Mann aus dem Restaurant, der bald zur wöchentlichen Mittagstischverabredung und später zu einem weiterer Sohn wurde. Du ludst diese Menschen mit offenen Armen in Dein Leben ein, weil Du in ihnen das Besondere sahst. Vor allem die Verbindungen aus jungen Jahren pflegtest Du treu. Als eine lange Freundschaft zu scheitern drohte, fiel Dir das Ende schwer. Doch so groß Deine Geduld auch war, war es für Dich an der Zeit, eine klare Grenze zu ziehen. Unser Kontakt verlagerte sich nach meinem Wegzug auf lange Telefonate, die allmählich seltener wurden. Du gabst mir den Raum, den ich brauchte, ohne mich ganz aufzugeben. Deine Tür stand für mich immer offen. Inzwischen warst Du pensioniert. Deine Kinder hätten Dir den Computer eingerichtet, doch Du verweigertest den Einzug moderner Kommunikationstechnik in Deine privaten Räumlichkeiten. Briefe und Telefonate waren Dir lieber als elektronische Nachrichten. Der Charme Deiner wohlüberlegten und handgeschriebenen Zeilen waren mit den schnell getippten nicht zu vergleichen. So mussten alle zum Stift oder Hörer greifen, die mit Dir in Kontakt treten wollten. Briefe kann man in Schachteln bewahren, um den Augenblick des Geschriebenen viel später noch einmal zu beleben. Das hat mich immer schon an Handschriftlichem fasziniert. Ich begann nun, in unregelmäßigen Abständen Postkarten an Dich zu senden. Auch sie wanderten bei Dir nach einiger Zeit vom Ansichtsplatz in eine Schachtel. Die Motive waren mit Bedacht gewählt, die Texte hielt ich eher kryptisch. Später formulierte ich verständlicher, weil Du immer nach dem Sinn fragtest und ich mich nicht mehr an meine Gedankengänge erinnern konnte. Jede Karte wurde mit einem Anruf Deinerseits oder einer Gegenkarte quittiert. Dann nahm ihre Frequenz ab, die Anrufe wurden seltener. Wie immer, warst Du auch in diesen Zeiten geduldig. Während der seltenen Gespräche prallten manchmal unsere unterschiedlichen Ansichten aufeinander. Und alles Gesagte traf tief in mein Herz - auch meine eigenen Worte. Dabei wollte ich nicht verletzen, nur meinen Standpunkt untermauern. Ich wollte mich nicht reiben, sondern sachlich diskutieren, wollte kein Mitleid und keine Ratschläge. Die Gespräche verloren ihre Wärme, fast als ob unsere Beziehung in die Pubertät gekommen wäre. Manchmal weinte ich über die verlorene Verbindung, doch das Verbindende war nie ganz weg. So arbeitete ich meine Traumata an den Nahestehenden ab. Wieder hast Du ausgehalten und ausgesessen. Generell ging es Dir immer besser, während ich in meiner persönlichen Talsohle zu stecken schien. Als ich nicht mehr über mich reden wollte, weil sich doch nur alles wiederholte, berichtetest Du von Deinen täglichen Erlebnissen. Wen Du kürzlich auf dem Markt getroffen hattest, welchen Film Du im Kino gesehen und welches Buch Dir gefallen hatte, dass Du jetzt ein Abo für den Eintritt in die Staatsgalerie besaßt und was alles in der neuen Nebenbeschäftigung geschah, all das erzähltest Du kurzweilig wie niemand anderes. Deine Schilderungen waren so lebendig, ich konnte mir vorstellen dabeizusein. Allmählich kamen wir uns wieder näher. Ich begriff, dass eine Freundschaft auch solche Phasen überdauert. Man streift alte Sichtweisen wie Haut ab und wächst in neue. Wachstumsschmerzen sind unvermeidbar. Wichtig ist nur, das gegenseitige Wohlwollen beizubehalten. Zwei Mal besuchtest Du mich in meiner kleinen Wohnung. Wir hatten viel Spaß miteinander. Vielleicht erinnerst Du Dich noch an die Überraschung unter dem Kissen? Ein kleines Präsent, das viel Gelächter hervorrief. Während ich mich auf einen Auftritt vorbereitete, besuchtest Du das Museum Brandhorst. Deine Begeisterung für die riesigen Gemälde von Cy Twombly färbte auf mich ab und lockte mich in die Ausstellung. Auch andere Kunstwerke sah ich nicht ohne ein Lächeln beim Gedanken an Deine Schilderungen. Mehrmals besuchten wir zusammen die Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart, wo wir bei Deinen beiden Lieblingsbildern verweilten. Emil Noldes Zitronengarten verknüpfst Du mit der Zeit Deiner großen Liebe während Der Jurist für Dich Ordnung und kindliche Geborgenheit symbolisiert. Und obwohl ich es zunächst anders wahrnahm, sehe ich jetzt wie in einem Kippbild gleichzeitig meine und Deine Assoziation. Als ich Dich fragte, welche Orte Du in Europa noch bereisen wolltest, nanntest Du Stockholm. Wir werden die Stadt im Mai gemeinsam besuchen, sofern es die derzeitige Lage erlaubt. Drei Nächte beziehen wir dann ein zentral gelegenes Hotel, erkunden die Straßen, Museen und Sehenswürdigkeiten. Wir werden in Cafés Menschen beobachten und uns den leiblichen Genüssen hingeben. Vielleicht brauchen wir auch ein wenig Geduld füreinander - so genau weiß ich das nicht, denn es wird unsere erste gemeinsame Reise werden. Aber nach einer Weile werden wir darüber lachen und uns nur noch an die schönen Begebenheiten erinnern. Keiner von uns kann wissen, wie lange wir uns noch austauschen können, uns erzählen und zuhören, uns erinnern und auf ein Treffen freuen. Das ist der Lauf der Dinge. Dennoch fällt es mir unendlich schwer, mir mein Leben ohne Dich vorzustellen, ohne ein abendliches Telefonat, eine gelegentliche Postkarte oder eine Umarmung, ohne Deine Wärme und Fürsorge. Es fällt mir schwer und lässt mich gleichzeitig jede unserer Begegnungen noch mehr schätzen. Du fragtest einmal, welchen Deiner Gegenstände ich gerne als Erinnerung an Dich behielte. Darauf wusste ich keine rechte Antwort. Ich schwankte zwischen einem Schal und einem Deiner Kunstwerke, doch eigentlich wollte ich keine Sache nennen, denn die müsste ich eines Tages gegen Dich eintauschen. Mein Blick fiel auf die Fotografien, die während der Hochschulzeit in Deinem Büro hingen. Andere Bilder trugen bereits einen Namen auf ihrer Rückseite. Das blaue Sofa oder den Lesesessel hätte ich sehr gerne, denn dort verbrachtest Du viele Abende. Das Lautenbild im Wohnzimmer hast Du oft betrachtet, die Figurine einer Tänzerin mit dem Geliebten ausgesucht und im Auto aus der Provence heimtransportiert. Auch heute fällt mir die Entscheidung schwer. Wenn der Tag gekommen ist, hoffe ich, etwas von Dir in Händen zu halten, wozu ich Deine Gedanken oder die Geschichte kenne. Diese Geschichte kann ich dann mit Deinen Freunden teilen. Jeder und Jede von ihnen wird dann einen kleinen Ausschnitt Deines Lebens hüten und Du niemals ganz weg sein. Und ich werde die Nähe derer suchen, in denen Du lebendig bist.
Gerade hatte ich das Studium an der Musikhochschule Stuttgart begonnen. Der alte Bau am Urbansplatz warf einen riesigen Schatten auf die Verkehrsinsel davor, der die Mülltonnenbox aus Waschbeton ganz knapp verfehlte. Dort oben saß ich in der Wartezeit zwischen zwei Seminaren in meinem luftigen Kostüm - Gänsehaut am ganzen Körper - und hielt mein Gesicht in die warmen Sonnentrahlen. Für einen kurzen Moment, gemessen an der Dauer eines Lebens, war ich sorgenfrei. Im Vorbeigehen hörte ich Dich diesen Satz sagen und bedankte mich lächelnd. Das Kompliment war auch für mich - des Italienischen nicht mächtig - zu verstehen. Die Sonne küsst die Schönen.
Natürlich warst Du mir schon vorher aufgefallen. Die fröhliche Dame, die in einem der Sekretariate arbeitete und die man oft bunt gekleidet durch die Gänge laufen sah. Die kleine, rothaarige Frau, die immer lächelte, wenn man ihr im Aufzug oder Treppenhaus begegnete und die für jeden ein freundliches Wort übrig hatte. Noch wusste ich nichts über Dich, weder Deine Zuständigkeit noch Privates. Auf dem Schild neben der Bürotüre im vierten Stock stand Dein Name: Engelbrecht. Den hatte ich mir gemerkt. Am nächsten Morgen legte ich einen selbstgepflückten Wiesenstrauß dort ab. Kurze Zeit später trat ich zum ersten Male ein. Das Zimmer war mehr als nur Arbeitsraum. Es unterschied sich so sehr von all den tristen Räumen im Gebäude. Es war Anlaufstelle für Lehrende, mit denen Du Dich über Kunst, Musik sowie den neuesten Hochschulklatsch austauschtest. Es war Zufluchtsstätte für Studierende, die ihre Sorgen und Nöte mit Dir teilten. Es war Dein kleines Reich, das Du mit Schönem ausgeschmückt hattest und mit Leben erfülltest. Auch ich saß alsbald häufig auf dem Stuhl vor Deinem Schreibtisch und wunderte mich nie, dass Du immer Zeit für meine langatmigen Schilderungen fandest. Ich nahm als selbstverständlich, wofür Du jedes Mal Deine Arbeit beiseite schobst. Es war Sommer als ich Deinen Lebensgefährten kennenlernte. Ich war ihm gelegentlich in den Gängen der Hochschule über den Weg gelaufen. Ihr wart meiner Einladung zur Vernissage gefolgt, die ich musikalisch umrahmte. Du trugst rote, hochhackige Schuhe zum Kleid. Es gab nur wenige Sitzgelegenheiten, weshalb Du einen Stuhl mit dem Professor teiltest. Und weil man in der Regel nicht auf dem Schoß von Arbeitsbekanntschaften sitzt, musste es sich um den Herzensmann handeln. Auf den ersten Blick überraschte diese Verbindung, denn während Du immer besonders edle Einzelstücke trugst, verortete man seinen Modestil eher in der sogenannten alternativen Szene. Die Diskrepanz in Einstellung und Lebensweise, so erfuhr ich viel später, überbrücktest Du durch das Zelebrieren der Verbundenheit im Kern. Dann lernte ich auch Deine Tochter kennen. Mich erstaunte, dass sie nur wenige Jahre jünger war als ich. Da wurde mir bewusst, dass Du ja auch im Alter meiner Mutter sein musstest. Fortan verglich ich Euch gedanklich in vieler Hinsicht. Meine Mutter schnitt dabei immer schlechter ab. Du warst so viel liebevoller, herzlicher und mir zugewandter, so hätte ich es mir von ihr gewünscht. In den darauffolgenden Jahren wünschte ich mir Dich des Öfteren an ihre Stelle. Als Freundschaft war mir unsere Verbindung jedoch viel wertvoller als eine komplizierte Beziehung zwischen Mutter undTochter. Das begriff ich am Beispiel Deiner eigenen Tochter. So konnte ich Dir ungehindert mein Herz über Familiäres ausschütten und mich von Dir trösten lassen. Einmal hast Du sogar mir meiner Mutter über mich gesprochen. Allein die Tatsache, dass jemand für mich Partei ergreift, hat mich damals tief berührt und gestärkt. Wieder fiel mir Dein exquisiter Geschmack auf, als ich zum ersten Mal Deine Wohnung betrat. Liiert war ich damals mit einem sehr jugendlichen und realitätsfernen jungen Mann, der mich aus meiner Rationalität wieder an das Staunen erinnerte. Wir waren zum Teetrinken eingeladen. Deine Wohnräume spiegelten die Liebe zum Detail wieder. Hier ein Bild, dort eine Vase, jeder Gegenstand war bewusst gewählt, nichts zufällig platziert. Alles hatte eine Geschichte, von denen Du einige mit uns teiltest. In einer zweckdienlichen Umgebung aufgewachsen, eröffnete sich mir eine völlig neue Perspektive. Du serviertest Kuchen und andere Leckereien auf schönem Geschirr. Während Du langsam genießen konntest, verschlang ich blitzschnell, was mir schmeckte. Ein andermal waren es Ingwermandeln, die Du in einem Schälchen im Büro darbotest, welches ich zu Deinem Entsetzen im Handumdrehen geleert hatte. Im Nachhinein war mir mein Verhalten mehr als peinlich, doch meine Unbeherrschtheit war nur eine Seite von Unersättlichkeit. Dem gegenüber stand eine immerwährende Leere, die weder mit Nahrung oder Erlebnissen noch Zuwendung zu füllen war. Deine Bereitschaft, mich in meiner Rastlosigkeit anzunehmen, ließ mich für einen kurzen Moment Linderung spüren. Deine immerwährende Geduld wirkte mit der Zeit heilend auf meine getriebene Seele. Nach einer angemessenen Zeit der Bekanntschaft hast Du mir das vertrauliche Du angeboten. Obwohl es mir zu Beginn zu benutzen schwer fiel, machte mich die Bedeutung der Geste stolz. Alsbald erzähltest Du mir sehr Persönliches, zu dem ich außer Hypothetischem nichts Hilfreiches beitragen konnte. Als der Herzensmann erkrankte und bald darauf starb, wollte ich gerne für Dich da sein, ganz so, wie Du es immer für mich warst. Dieser Aufgabe war ich jedoch nicht gewachsen. Ich hätte Dir so gerne die Schwere abgenommen, die fortan Deinen Alltag überzog. Du wusstest, dass es nicht möglich ist. Damals warst Du so alt wie ich heute. Ich dachte, was für ein blödes Alter es sei, um einen Lebenspartner zu verlieren, da man doch hätte gemeinsam alt werden wollen. Einen geliebten Menschen zu verlieren, passt zu keinem Zeitpunkt in die Lebensplanung. In meiner jugendlichen Vorstellung war es das Alter, in dem man nicht mehr suchte, geschweige denn fand. Später belehrtest Du mich wieder eines Besseren als eine kurze Romanze wie ein Tornado durch Dein Leben fegte und Dich seelisch zerzaust hinterließ. Danach konzentriertest Du Deine Zuneigung auf den Enkel und all die Freundschaften, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Allen gemeinsam war Deine Liebe. Man müsse auch Freundschaften zu den Jüngeren pflegen, denn die Älteren stürben und dann stünde man wieder alleine da. Eine zunächst irritierende Aussage, erklärte aber Deine Offenheit für die Belange derer, die ihre Füße noch zögernd auf holprigen Wegen positionieren, wo Erfahrenere zielsicher entlangschreiten. Selbst konnte ich mit jüngeren Altersgruppen nichts anfangen und suchte die Nähe zu denen mit einem Vorsprung an Lebenserfahrung. Ich fragte mich, wie man derart besondere Freundschaften findet. Da waren die ehemaligen Studierenden oder Lehrkräfte aus Deiner aktiven Hochschulzeit, Dein ehemaliger Kommilitone, ein Ersatzfamilienpaar aus der Zeit als junge Mutter, aber auch die Frau auf der Straße, der Stammfriseur und der junge Mann aus dem Restaurant, der bald zur wöchentlichen Mittagstischverabredung und später zu einem weiterer Sohn wurde. Du ludst diese Menschen mit offenen Armen in Dein Leben ein, weil Du in ihnen das Besondere sahst. Vor allem die Verbindungen aus jungen Jahren pflegtest Du treu. Als eine lange Freundschaft zu scheitern drohte, fiel Dir das Ende schwer. Doch so groß Deine Geduld auch war, war es für Dich an der Zeit, eine klare Grenze zu ziehen. Unser Kontakt verlagerte sich nach meinem Wegzug auf lange Telefonate, die allmählich seltener wurden. Du gabst mir den Raum, den ich brauchte, ohne mich ganz aufzugeben. Deine Tür stand für mich immer offen. Inzwischen warst Du pensioniert. Deine Kinder hätten Dir den Computer eingerichtet, doch Du verweigertest den Einzug moderner Kommunikationstechnik in Deine privaten Räumlichkeiten. Briefe und Telefonate waren Dir lieber als elektronische Nachrichten. Der Charme Deiner wohlüberlegten und handgeschriebenen Zeilen waren mit den schnell getippten nicht zu vergleichen. So mussten alle zum Stift oder Hörer greifen, die mit Dir in Kontakt treten wollten. Briefe kann man in Schachteln bewahren, um den Augenblick des Geschriebenen viel später noch einmal zu beleben. Das hat mich immer schon an Handschriftlichem fasziniert. Ich begann nun, in unregelmäßigen Abständen Postkarten an Dich zu senden. Auch sie wanderten bei Dir nach einiger Zeit vom Ansichtsplatz in eine Schachtel. Die Motive waren mit Bedacht gewählt, die Texte hielt ich eher kryptisch. Später formulierte ich verständlicher, weil Du immer nach dem Sinn fragtest und ich mich nicht mehr an meine Gedankengänge erinnern konnte. Jede Karte wurde mit einem Anruf Deinerseits oder einer Gegenkarte quittiert. Dann nahm ihre Frequenz ab, die Anrufe wurden seltener. Wie immer, warst Du auch in diesen Zeiten geduldig. Während der seltenen Gespräche prallten manchmal unsere unterschiedlichen Ansichten aufeinander. Und alles Gesagte traf tief in mein Herz - auch meine eigenen Worte. Dabei wollte ich nicht verletzen, nur meinen Standpunkt untermauern. Ich wollte mich nicht reiben, sondern sachlich diskutieren, wollte kein Mitleid und keine Ratschläge. Die Gespräche verloren ihre Wärme, fast als ob unsere Beziehung in die Pubertät gekommen wäre. Manchmal weinte ich über die verlorene Verbindung, doch das Verbindende war nie ganz weg. So arbeitete ich meine Traumata an den Nahestehenden ab. Wieder hast Du ausgehalten und ausgesessen. Generell ging es Dir immer besser, während ich in meiner persönlichen Talsohle zu stecken schien. Als ich nicht mehr über mich reden wollte, weil sich doch nur alles wiederholte, berichtetest Du von Deinen täglichen Erlebnissen. Wen Du kürzlich auf dem Markt getroffen hattest, welchen Film Du im Kino gesehen und welches Buch Dir gefallen hatte, dass Du jetzt ein Abo für den Eintritt in die Staatsgalerie besaßt und was alles in der neuen Nebenbeschäftigung geschah, all das erzähltest Du kurzweilig wie niemand anderes. Deine Schilderungen waren so lebendig, ich konnte mir vorstellen dabeizusein. Allmählich kamen wir uns wieder näher. Ich begriff, dass eine Freundschaft auch solche Phasen überdauert. Man streift alte Sichtweisen wie Haut ab und wächst in neue. Wachstumsschmerzen sind unvermeidbar. Wichtig ist nur, das gegenseitige Wohlwollen beizubehalten. Zwei Mal besuchtest Du mich in meiner kleinen Wohnung. Wir hatten viel Spaß miteinander. Vielleicht erinnerst Du Dich noch an die Überraschung unter dem Kissen? Ein kleines Präsent, das viel Gelächter hervorrief. Während ich mich auf einen Auftritt vorbereitete, besuchtest Du das Museum Brandhorst. Deine Begeisterung für die riesigen Gemälde von Cy Twombly färbte auf mich ab und lockte mich in die Ausstellung. Auch andere Kunstwerke sah ich nicht ohne ein Lächeln beim Gedanken an Deine Schilderungen. Mehrmals besuchten wir zusammen die Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart, wo wir bei Deinen beiden Lieblingsbildern verweilten. Emil Noldes Zitronengarten verknüpfst Du mit der Zeit Deiner großen Liebe während Der Jurist für Dich Ordnung und kindliche Geborgenheit symbolisiert. Und obwohl ich es zunächst anders wahrnahm, sehe ich jetzt wie in einem Kippbild gleichzeitig meine und Deine Assoziation. Als ich Dich fragte, welche Orte Du in Europa noch bereisen wolltest, nanntest Du Stockholm. Wir werden die Stadt im Mai gemeinsam besuchen, sofern es die derzeitige Lage erlaubt. Drei Nächte beziehen wir dann ein zentral gelegenes Hotel, erkunden die Straßen, Museen und Sehenswürdigkeiten. Wir werden in Cafés Menschen beobachten und uns den leiblichen Genüssen hingeben. Vielleicht brauchen wir auch ein wenig Geduld füreinander - so genau weiß ich das nicht, denn es wird unsere erste gemeinsame Reise werden. Aber nach einer Weile werden wir darüber lachen und uns nur noch an die schönen Begebenheiten erinnern. Keiner von uns kann wissen, wie lange wir uns noch austauschen können, uns erzählen und zuhören, uns erinnern und auf ein Treffen freuen. Das ist der Lauf der Dinge. Dennoch fällt es mir unendlich schwer, mir mein Leben ohne Dich vorzustellen, ohne ein abendliches Telefonat, eine gelegentliche Postkarte oder eine Umarmung, ohne Deine Wärme und Fürsorge. Es fällt mir schwer und lässt mich gleichzeitig jede unserer Begegnungen noch mehr schätzen. Du fragtest einmal, welchen Deiner Gegenstände ich gerne als Erinnerung an Dich behielte. Darauf wusste ich keine rechte Antwort. Ich schwankte zwischen einem Schal und einem Deiner Kunstwerke, doch eigentlich wollte ich keine Sache nennen, denn die müsste ich eines Tages gegen Dich eintauschen. Mein Blick fiel auf die Fotografien, die während der Hochschulzeit in Deinem Büro hingen. Andere Bilder trugen bereits einen Namen auf ihrer Rückseite. Das blaue Sofa oder den Lesesessel hätte ich sehr gerne, denn dort verbrachtest Du viele Abende. Das Lautenbild im Wohnzimmer hast Du oft betrachtet, die Figurine einer Tänzerin mit dem Geliebten ausgesucht und im Auto aus der Provence heimtransportiert. Auch heute fällt mir die Entscheidung schwer. Wenn der Tag gekommen ist, hoffe ich, etwas von Dir in Händen zu halten, wozu ich Deine Gedanken oder die Geschichte kenne. Diese Geschichte kann ich dann mit Deinen Freunden teilen. Jeder und Jede von ihnen wird dann einen kleinen Ausschnitt Deines Lebens hüten und Du niemals ganz weg sein. Und ich werde die Nähe derer suchen, in denen Du lebendig bist.
... link
Freitag, 3. Dezember 2021
Directions
frau klugscheisser, 14:41h
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzähen, behauptet Matthias Claudius. Im 18.Jh kann ich mir das gut vorstellen. Aber der Satz gilt bis heute. Vor nicht allzu langer Zeit war ich mit Frau Herzbruch in Italien. Vorwegschicken möchte ich, dass keine von uns der Landessprache mächtig ist. Während ich über einen guten bis sehr guten Orientierungssinn verfüge, kann Frau Herzbruch sehr gut mit elektronischen Orientierungshilfen umgehen.
Am Ende eines gemütlichen Bootsausfluges befinden wir uns in La Spezia. Einen Rückfahrschein mit der Bahn haben wir in der Tasche. Einziges Manko ist, dass sich der Bahnhof offensichtlich nicht in der Nähe des Hafens befindet. Daran hat im Vorfeld keine von uns gedacht. Folglich besitzen wir auch keine Orientierungshilfen. Wir beschließen, ein Stück Richtung Innenstadt zu gehen und sehen uns an einer größeren Straße die Busverbindungen an, in der Hoffnung, dass uns einer davon zum Bahnhof fährt. Gelaufen bin zumindest ich an diesem Tag reichlich. Jetzt muss man bei Buslinien aber vor allem wissen, wie die Endstationen heißen. Mit dem mickrigen Aushang an einer Haltestelle stoßen wir schnell an die Grenzen. Also gehe ich fünf vor Ladenschluss in einen benachbarten Schuhladen. Die Verkäuferin ist sehr nett und hilfsbereit, weiß aber auch nicht, welchen Bus wir nehmen müssen. Der Ladeninhaber schließt darauf kurzerhand sein Geschäft und folgt der Verkäuferin zur Haltestelle, um den Aushang zu studieren. Beide beraten sich auf italienisch, was viel Gestik impliziert. Sie deuten in diverse Richtungen, schließlich sagt die Verkäuferin, wir sollen eine bestimmte Linie fahren, dann irgendwo umsteigen und dann nochmal zwei Stationen oder so. Ich hoffe insgeheim, dass Frau Herzbruch im Gegensatz zu mir alles aufgenommen und memoriert hat. Nach weiterer Beratung stellt sich heraus, dass wir den Bahnhof viel schneller und unkomplizierter zu Fuß erreichen können. Wir machen uns also auf den Weg. Tatsächlich ist unser Ziel ganz einfach zu finden. Was bleibt, ist Dankbarkeit und Staunen über die unglaubliche Hilfsbereitschaft der Einheimischen.
Vom Dienst kommend, trage ich Uniform, weshalb ich oft angesprochen werde. Deshalb fahre ich in öffentlichen Verkehrsmitteln ausschließlich mit Kopfhörern, um dem vorwegzugreifen. In letzter Zeit häufen sich jedoch die Ausfälle oder Ausnahmesituationen bei meinen Fahrten. So auch vor zwei Tagen. Stellwerksstörung, weshalb die S-Bahn nicht zum Hauptbahnhof, sondern nur die U-Bahn usw. Mir ist's bis auf das erhöhte Fahrgastaufkommen egal, weil ich sowieso umsteigen muss. Am U-Bahngleis fällt mir eine junge Frau auf, die die Anzeige mit einem Zettel in ihrer Hand abgleicht. Ich trete an die Türe und rufe laut: "Zum Hauptbahnhof?" Sie kommt näher, zeigt auf die Schrift auf ihrem Zettel. Da steht HBF, und ich erkläre, dass das eine Abkürzung für Central Station sei und wir direkt dorthin fahren. Sie bedankt sich, setzt sich mit ihrem Koffer in einen anderen Vierersitz und beginnt ein Telefonat auf italienisch. Da muss ich schmunzeln, weil mich die Situation an unsere Suche in La Spezia erinnert. An meiner Haltestelle deute ich ihr mit den Fingern die Anzahl der verbleibenden Stationen bis zum Hauptbahnhof, sie bedankt sich wieder und ich steige aus. Zack Karmakonto ausgeglichen und für die positive Wahrnehmung der Deutschen im Ausland gesorgt. Danach bin ich erschöpft und muss sofort schlafen. Fast wie damals in La Spezia.
... link
Donnerstag, 2. Dezember 2021
Love is All You Need
frau klugscheisser, 01:03h
Vor etwa 15 Jahren schrieb ich einen Text über ein Sendungsformat, das nicht nur mit der heutigen Überschrift, sondern vor allem mit der Hauptperson meiner Geschichte zu tun hat. Keine Angst, so garstig wie damals wird es heute nicht, eher nostalgisch.
Es muss inzwischen über 20 Jahre her sein, als ich dem damaligen Moderator der oben genannten Sendung persönlich an Bord begegnete. Ich war ganz frisch Flugbegeiterin und kam meinen Aufgaben noch sehr pfichtbewusst nach. Nicht dass ich heute anders arbeiten würde, musste aber erst noch lernen, auf dem Grat zwischen Kundenorientierung und Firmenvorgaben - auch schnöde Realität der Einsparungspolitik genannt - virtuos zu balancieren. So kam es nun, dass ich den Zorn eines Passagiers auf mich zog, weil ich nicht all seine Wünsche erfüllen konnte. In der Luft manifestierte sich sein Zorn als sehr lautes Sprechen in meine Richtung, also sehr, sehr laut. Als er mit seiner sehr, sehr lauten Ansprache fertig war, wendete er sich zu seinem Sitznachbarn mit den Worten: "Das Mäuschen werde ich mir auch noch ziehen!" Ich war so perplex, dass mir schlicht keine Antwort darauf einfiel. Und wenn das Erwiderungsschild nicht funktioniert, trifft so ein doofer Spruch ganz schnell mitten in's Herz.
Da die Ansprache des Herrn sehr, sehr laut gewesen war, hatten auch alle Umsitzenden davon mitbekommen. Zufällig saß zwei Reihen weiter der Moderator mit dem obstigen Nachnamen. Als ich neben ihm stand, formulierte er einen gut über zwei Reihen hörbaren Verteidigungsspruch in meine Richtung, der offensichtlich nicht mich adressieren sollte. Das ist übrigens ein Verfahren, das uns als Servicekräften am meisten aus der Bredouille hilft. Von einem anderen Gast verteidigt zu werden, ist Balsam für unsere verletzten Seelen. Die Kolleg:innen hatten die Szene ebenfalls miterlebt und trösteten mich im Anschluss. Zur Einmischung des Herrn Moderators meinten sie, es sei angeblich mit einer ehemaligen Kollegin liiert, was aber meines Erachtens die Aktion nicht schmälerte.
Nach über zwanzig Jahren traf ich nun selbigen Moderator wieder und erzählte ihm nicht nur das Erlebnis unserer ersten Begegnung, sondern auch, wie dankbar ich ihm damals war. Ich hatte diese Geschichte nicht vergessen. Er schien überhaupt nicht erstaunt über den Ausgang, was mich schließen ließ, dass er des Öfteren für Schwächere in die Bresche springt. Wir fachsimpelten ein bisschen über die Beweggründe garstiger Mitmenschen, ich gab Techniken seelischer Abwehrmechanismen preis, seine Reisebegleitung - ebenfalls aus dem TV bekannt - entlockte mir noch eine längst vergangene Peinlichkeit und dann war's auch schon Zeit für getrennte Wege. Beim nächsten Treffen kann ich ihm von dieser für mich weitaus positiveren Begegnung erzählen. Und vielleicht erinnert er sich an die Kabinenchefin, die einst peinlicherweise Frau Christ*ansen in "Frau Berg*hoff" umbenannte.
Es muss inzwischen über 20 Jahre her sein, als ich dem damaligen Moderator der oben genannten Sendung persönlich an Bord begegnete. Ich war ganz frisch Flugbegeiterin und kam meinen Aufgaben noch sehr pfichtbewusst nach. Nicht dass ich heute anders arbeiten würde, musste aber erst noch lernen, auf dem Grat zwischen Kundenorientierung und Firmenvorgaben - auch schnöde Realität der Einsparungspolitik genannt - virtuos zu balancieren. So kam es nun, dass ich den Zorn eines Passagiers auf mich zog, weil ich nicht all seine Wünsche erfüllen konnte. In der Luft manifestierte sich sein Zorn als sehr lautes Sprechen in meine Richtung, also sehr, sehr laut. Als er mit seiner sehr, sehr lauten Ansprache fertig war, wendete er sich zu seinem Sitznachbarn mit den Worten: "Das Mäuschen werde ich mir auch noch ziehen!" Ich war so perplex, dass mir schlicht keine Antwort darauf einfiel. Und wenn das Erwiderungsschild nicht funktioniert, trifft so ein doofer Spruch ganz schnell mitten in's Herz.
Da die Ansprache des Herrn sehr, sehr laut gewesen war, hatten auch alle Umsitzenden davon mitbekommen. Zufällig saß zwei Reihen weiter der Moderator mit dem obstigen Nachnamen. Als ich neben ihm stand, formulierte er einen gut über zwei Reihen hörbaren Verteidigungsspruch in meine Richtung, der offensichtlich nicht mich adressieren sollte. Das ist übrigens ein Verfahren, das uns als Servicekräften am meisten aus der Bredouille hilft. Von einem anderen Gast verteidigt zu werden, ist Balsam für unsere verletzten Seelen. Die Kolleg:innen hatten die Szene ebenfalls miterlebt und trösteten mich im Anschluss. Zur Einmischung des Herrn Moderators meinten sie, es sei angeblich mit einer ehemaligen Kollegin liiert, was aber meines Erachtens die Aktion nicht schmälerte.
Nach über zwanzig Jahren traf ich nun selbigen Moderator wieder und erzählte ihm nicht nur das Erlebnis unserer ersten Begegnung, sondern auch, wie dankbar ich ihm damals war. Ich hatte diese Geschichte nicht vergessen. Er schien überhaupt nicht erstaunt über den Ausgang, was mich schließen ließ, dass er des Öfteren für Schwächere in die Bresche springt. Wir fachsimpelten ein bisschen über die Beweggründe garstiger Mitmenschen, ich gab Techniken seelischer Abwehrmechanismen preis, seine Reisebegleitung - ebenfalls aus dem TV bekannt - entlockte mir noch eine längst vergangene Peinlichkeit und dann war's auch schon Zeit für getrennte Wege. Beim nächsten Treffen kann ich ihm von dieser für mich weitaus positiveren Begegnung erzählen. Und vielleicht erinnert er sich an die Kabinenchefin, die einst peinlicherweise Frau Christ*ansen in "Frau Berg*hoff" umbenannte.
... link
Dienstag, 30. November 2021
No Matter if You're Black or White
frau klugscheisser, 12:52h
Am Wochenende habe ich mal wieder was erlebt. Fast wie so eine typische Arbeitnehmerin. Ich bin nämlich spät abends mit den öffentlichen Verkehrsmitteln heimgefahren. Das allein ist derzeit schon ein Abenteuer, soll aber hier nicht zentrales Thema des Eintrages werden.
Ich stehe also am Hauptbahnhof auf meine U-Bahn wartend. Vor mir eine Dreiergruppe asiatisch aussehende Männer mit großen Koffern. Kommt ein Mann mittleren Alters, Typ unter Drogeneinfluss leicht enthemmt, kleidungsmäßig eher sportlich jedoch keiner bestimmten Gesinnung zuzuordnen, und spricht die Gruppe an. Ich höre ihn Sachen sagen wie "hey Sushi" und "where you come from Schlitzauge". Die Gruppe reagiert nicht und wendet sich sichtlich verunsichert ab. Der Typ lässt nicht locker, beginnt einen ein wenig mit den Worten "Why you not react?" auf den Arm zu boxen. Da stelle ich mich vor den Provozierenden und die Gruppe, um zu deeskalieren und sage ganz ruhig wiederholend "just go away". Das wiederhole ich mehrmals. Der Typ entfernt sich ein wenig, kommt dann aber wieder zurück. Inzwischen hoffe ich, dass die U-Bahn bald eintrifft, denn so ganz sicher fühle ich mich auch nicht mehr in meiner Haut. Das überspiele ich mit einer Handbewegung und den Worten "just go over there or there". Einer der Männer aus der Gruppe bedankt sich leise und ich erwiedere: "I'm sorry for this". Schließlich trifft die U-Bahn ein, der Typ entfernt sich und einer aus der Gruppe erklärt in bestem Deutsch: "Das passiert überall, nicht nur hier in Deutschland." Und ich bin ein bisschen peinlich berührt, weil ich die ganze Zeit wie selbstverständlich auf englisch reagierte.
Würde die Geschichte hier enden, wäre sie nur ein kleiner Lobgesang auf mein scheinbar mutiges Intervenieren. Solche Handlungen geschehen bei mir ja sehr spontan und vor allem unüberlegt. Als ich an meiner Haltestelle aussteige, bemerke ich, dass der Typ nach mir Ausschau hält und die Bahn ebenfalls verlässt. Offenbar folgt er mir. Zum Glück ist mein Heimweg nicht weit, gut beleuchtet und ich, dunkel gekleidet, plötzlich sehr schnell. Noch nie habe ich die Haustüre schneller hinter mir zugezogen, um danach erst einmal durchzuatmen. An dieser Stelle wird mir nicht nur die Konsequenz meines Handelns bewusst, sondern auch die Macht, die ein Mensch durch scheinbar harmlose Handlungen auf andere ausüben kann. Wenn Sie mich fragen, würde ich allerdings genau so wieder handeln.
Ich stehe also am Hauptbahnhof auf meine U-Bahn wartend. Vor mir eine Dreiergruppe asiatisch aussehende Männer mit großen Koffern. Kommt ein Mann mittleren Alters, Typ unter Drogeneinfluss leicht enthemmt, kleidungsmäßig eher sportlich jedoch keiner bestimmten Gesinnung zuzuordnen, und spricht die Gruppe an. Ich höre ihn Sachen sagen wie "hey Sushi" und "where you come from Schlitzauge". Die Gruppe reagiert nicht und wendet sich sichtlich verunsichert ab. Der Typ lässt nicht locker, beginnt einen ein wenig mit den Worten "Why you not react?" auf den Arm zu boxen. Da stelle ich mich vor den Provozierenden und die Gruppe, um zu deeskalieren und sage ganz ruhig wiederholend "just go away". Das wiederhole ich mehrmals. Der Typ entfernt sich ein wenig, kommt dann aber wieder zurück. Inzwischen hoffe ich, dass die U-Bahn bald eintrifft, denn so ganz sicher fühle ich mich auch nicht mehr in meiner Haut. Das überspiele ich mit einer Handbewegung und den Worten "just go over there or there". Einer der Männer aus der Gruppe bedankt sich leise und ich erwiedere: "I'm sorry for this". Schließlich trifft die U-Bahn ein, der Typ entfernt sich und einer aus der Gruppe erklärt in bestem Deutsch: "Das passiert überall, nicht nur hier in Deutschland." Und ich bin ein bisschen peinlich berührt, weil ich die ganze Zeit wie selbstverständlich auf englisch reagierte.
Würde die Geschichte hier enden, wäre sie nur ein kleiner Lobgesang auf mein scheinbar mutiges Intervenieren. Solche Handlungen geschehen bei mir ja sehr spontan und vor allem unüberlegt. Als ich an meiner Haltestelle aussteige, bemerke ich, dass der Typ nach mir Ausschau hält und die Bahn ebenfalls verlässt. Offenbar folgt er mir. Zum Glück ist mein Heimweg nicht weit, gut beleuchtet und ich, dunkel gekleidet, plötzlich sehr schnell. Noch nie habe ich die Haustüre schneller hinter mir zugezogen, um danach erst einmal durchzuatmen. An dieser Stelle wird mir nicht nur die Konsequenz meines Handelns bewusst, sondern auch die Macht, die ein Mensch durch scheinbar harmlose Handlungen auf andere ausüben kann. Wenn Sie mich fragen, würde ich allerdings genau so wieder handeln.
... link
... older stories