Sonntag, 20. August 2006
Die musikalische Reise - Teil 22
Von La Coruna ist sie mit dem Flugzeug nach München zurückgekehrt. Mit Aufsetzen der Räder fühlt sie sich augenblicklich in die Realität katapultiert. Die unbeschwerte Zeit wird nun von Verpflichtungen abgelöst. Sie muss sich mit der Agentur in Verbindung setzen, die immer noch glaubt, sie sei erkrankt. Ihre Schüler warten ebenfalls auf ihre Rückkehr. Außerdem liegt ihr das Telefonat mit der Mutter im Magen. Sie weiß nicht, wie sie ihren kleinen Ausflug erklären soll, denn obwohl sie den Kinderschuhen entwachsen ist, spielt ihre Mutter immer noch gerne die erbarmungslose Erzieherin. Die Freiheit, die sie sich genommen hat, wird ihren Tribut jetzt einfordern. Wie sehr hätte sie sich gewünscht, wenigstens einen kleinen Teil der Freiheit mitzunehmen. Wie soll sie über die Musik dem Zuhörer eine Illusion von Freiheit übermitteln, wenn ihr innerstes an den Ketten äußerer Zwänge gefesselt ist. Natürlich ist Freiheit nie unbegrenzt – das weiß sie. Vielmehr bedeutet Freiheit, sich innerhalb vorgegebener Grenzen zu bewegen und diese zu erweitern. Zwänge sind in der nachschaffenden Kunst bereits systemimmanent. Vom Komponisten vorgegebene Parameter lassen nur begrenzte Interpretationsmöglichkeiten zu. Zudem spielen ihr körperliche Begrenzungen wie Anschlagtechnik, die Spannweite ihrer Hände oder ihre Reaktionsgeschwindigkeit ab und zu einen Streich, nicht zu vergessen ihr eigenes Denken, das immer von Versagensängsten durchwoben ist. Sie wird sich damit abfinden müssen, dass ihre Arbeit an sich und dem Instrument eine dauerhafte bleibt. Selbst wenn sie, während eines Konzertes ab und an einen Höhenflug im endlos scheinenden Musikhimmel beginnt, wird sie immer wieder landen müssen. Der nächste Abflug ist genauso hart erkämpft, wie jeder einzelne davor. Bei diesem Gedanken seufzt sie leise. Wie schön wäre es, könnte sie noch genauso unbedarft musizieren wie früher. Als sie sich noch keine Gedanken um Leistung und Konkurrenz zu machen brauchte, bedeutete Klavierspielen für sie, alles um sich herum inklusive sich selbst zu vergessen. Später trat an die Stelle der Selbstvergessenheit eine eiserne Disziplin und Selbstkritik. Sie war bereit, alles zu geben, alles zu opfern. Wäre es von Nutzen gewesen, hätte sie sich ohne zu zögern die Finger gebrochen. Kein professioneller Künstler ist frei von Besessenheit. Die Sehnsucht nach Selbstausdruck wird umso stärker, je besser es gelingt. Wie ein Süchtiger verzehrt er sich nach der Leichtigkeit, die so schwer zu erringen ist. Dafür geht er nötigenfalls über seine eigene Leiche. Manchmal beneidet sie ihre Schüler für deren Unbedarftheit – eine Form der Naivität, die ihr für immer verloren scheint. Sie ist streng zu ihnen, wo nötig, und nachsichtig zugleich. Die Augen der Lernenden lechzen nach Anerkennung und senken sich verschämt nach einer Rüge zu Boden. Sie erkennt in ihnen sich selbst vor vielen Jahren. Gerne wäre sie eine gute Lehrerin, eine, die das in den Schülern weckt, was in ihnen schlummert, doch manchmal wächst ihr alles über den Kopf. Erwartungen und Sehnsüchte, einfach alles erinnert sie zu sehr an ihre Ketten. Nach einem Unterrichtstag fühlt sie sich ausgesaugt. Selbst das Musizieren gibt ihr an solchen Tagen nicht mehr die nötige Kraft zurück. Dabei ist sie mit Sicherheit eine bessere Pädagogin als die vielen frustrierten Musiker, die sich allein für den Lebensunterhalt zu Unterrichten gezwungen sehen.

Obwohl die Stadt von der Sonne freundlich beschienen wird, senkt sich bei der Ankunft an ihrer Wohnung ein grauer Schleier auf ihre Seele. Sie sperrt die Türe auf und stellt ihre Tasche in den Flur. Die Tasche der Erinnerungen an ihre Reise scheint irgendwo auf halbem Weg verlorengegangen zu sein. Ein paar Briefe, einige Anrufe auf der Maschine, ein wenig mehr Staub auf den Regalen, ansonsten ist alles wie immer. Es scheint fast so, als wäre sie nie weggewesen. Nachdem sie ihre Tasche ausgeräumt hat, setzt sie sich mit einer Tasse Tee in die Küche und blättert lustlos durch die Post. Die Ansichtskarte – vermutlich von einem Schüler – legt sie mit den Rechnungen achtlos beiseite. Schließlich holt sie das Telefon. Ihr Arm scheint plötzlich unendlich schwer. Sie muss sich zwingen, die Nummer einzugeben. Dann hält sie den Hörer ans Ohr und lauscht zwischen dem Freisignal in eine imaginäre Ferne.

[Irgendwie ist die Luft raus. Mal sehen, ob ich bald weiterschreibe...]

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Freitag, 16. Juni 2006
Die musikalische Reise - Teil 21
Sie steht vor dem Theatro de Rosalia in la Coruña. Die Zigeuner sind längst weitergezogen. Sie hat sich von Kolya, Laika und den anderen, nicht ohne einen aufsteigende Emotionen blockierenden Kloß im Hals verabschiedet. Neben guten Wünschen hält sie ein Amulett in Händen, das sie beschützen und an Kolya erinnern soll. Von Laika hat sie eine kleine Figur aus Holz bekommen. Es ähnelt einem Hund, doch genau kann sie es nicht identifizieren. In ihrem Kopf hämmern die ersten Takte des Scherzos aus Bruckners siebenter Sinfonie. Sie ist wieder alleine, so alleine, wie es Bruckner war, als er stundenlang auf der Orgel des Stiftes St. Florian nur einen einzigen Akkord anschlug. So ist es überliefert. Sie ahnt, was er dabei empfunden haben mag. Vielleicht wollte er dem Klang hinterher lauschen, sein Ende abwarten und ergründen. Vielleicht waren die Klänge sein geistiges Zuhause. Der Nebeneingang des Theaters lässt sich öffnen. Wahrscheinlich probt das ortsansässige Orchester gerade. Sie tritt in das Dunkel. Die kühle Luft schlägt ihr entgegen. Ein wenig unsicher tastet sie sich in den Gängen vor, bis ihre Augen sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben. Vor einiger Zeit war sie bereits einmal hier für ein Rezital. Sie weiß, dass im Keller ein Flügel steht, auf dem sie sich damals für das Konzert eingespielt hat. Als sie die Treppen begleitet von Klängen einer Schuberstsinfonie des probenden Orchesters hinuntersteigt, erinnert sie sich an den zurückliegenden Auftritt. Sie spielte ein Klavierkonzert von Brahms mit dem mittelmäßigen Orchester unter einem noch mittelmäßigerem Dirigenten. Die Konzertagentur hatte ihr diesen Auftritt vermittelt, doch am Ende war sie froh, dass es vorbei war. Sie war und ist auf diese kleinen Auftritte angewiesen, wenn sie eine internationale Karriere aufbauen will. Dabei waren es meist die fernen Orte, die sie lockten, nicht die musikalischen Gelegenheiten.

Die ersten Akkorde, die sie anschlägt, klingen verstimmt. Der nahegelegene Atlantik fordert sein Attribut in Form von verstimmten Klaviersaiten. Die Partitur hat sie so oft gespielt, sie hat sie im Kopf. Erst der Anfang des ersten Satzes, dieses Öffnen eines ganzen Universums mittels Sprüngen über mehrere Oktaven. Mischas Celloklang läuft über ihre Finger in die Tasten des alten Flügels. Sie kann den überwältigenden Orgelklang aus den Noten förmlich spüren. Dann das zweite Thema, übergeben von einem zu Ende gelaufenen ersten Klangkonglomerat, so zart und zögerlich, als ob es keine Daseinsberechtigung hätte, und dennoch durch Umkehrung aus dem allumfassenden ersten entstanden, wie nach schwerer Geburt. Die Pizzicati der Streicher mögen auf dem Klavier nicht so recht zur Geltung kommen. Sie hadert ein wenig mit ihren Fingern, die im Laufe der Reise steif geworden zu sein scheinen. Die Themen vereinen sich im Laufe der Durchführung bis zu einem ersten Höhepunkt, den sie in die Tasten schmettert. Während der ganzen Zeit hat sie die Aufnahmen von Celibidache – dem einzigen Dirigenten, der Bruckners Höhepunkte adäquat zur Geltung bringt – vor ihrem inneren Ohr. Sie erinnert sich an eine Probe mit dem Stuttgarter Rundfunksinfonieorchester, in der sie als Zuhörer saß. Es wurde eine Aufführung der siebten von Schubert geprobt. Die ganze Zeit war sie fassungslos und mit offenem Mund Zeugin eines Entstehungsprozesses von Musik, die vor Jahrzehnten niedergeschrieben, nun in neuem Glanz erstrahlte. Es war nicht die Musik, die sie erstarren ließ, sondern der unvergleichliche Sog, der sie zu anderen Ufern fortzutragen schien. Celibidache verstand es wie kein anderer, die Musik zu dem Leben zu erwecken, die ihr angemessen war. Seine Musiker waren für ihn nicht Personen, sondern Instrumente, die er unter seiner Regie erklingen ließ. So manches verschnupfte Ego nahm er im Dienste des Ganzen geflissentlich in Kauf. Nur so konnte Einzigartiges im Moment des Erklingens entstehen.

Die ersten Bassisten betreten den Kellerraum, in dem sie gedankenversunken Bruckners Tönen am Flügel folgt. Man spricht sie an, doch versteht sie die spanischen Worte nicht. Sie entschuldigt sich auf englisch für ihre Anwesenheit, greift nach ihren Habseligkeiten und flüchtet von diesem Ort. Draußen lässt sie sich in der Sonne nieder, die den Asphalt des Hafens erhitzt. Sie weiß nicht, wie es weitergehen soll, mit ihr, mit der Musik, mit dem Klavier. Morgen wird sie sich ein Ticket nach Deutschland holen und von dort Kontakt zur Agentur aufnehmen. Ihr Leben hat sie wieder. Es lässt nicht los, solange sie nicht im Stande ist loszulassen.

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Mittwoch, 14. Juni 2006
Die musikalische Reise - Teil 20
Das Holz knistert in den Flammen. Sie sitzt am Rand des Lagers mit Blick auf den Atlantik. Kolya hat ihr eine Decke um ihre Schultern gelegt. Während der Aufenthalte in San Sébastien und Oviedo hat sie ihn beobachtet. Umhüllt von geheimnisvollem Schweigen hält er sich stets ein wenig abseits vom Rest der Gruppe. An diesem Abend siegte die Neugier, sie sprach ihn an. Erst wortkarg, später etwas mitteilsamer beginnen sie eine Unterhaltung. Sie sitzen schon eine ganze Weile so nebeneinander, nur er und sie. Die Anderen haben sich längst in ihre Träume zurückgezogen. Der Himmel erhellt sich langsam gen Osten. Erste Vogelstimmen werden hörbar. Es dauert nicht mehr lange, bis die Grillen ihren täglichen Balzgesang anstimmen werden. Die Luft ist angenehm kühl und klar. Wer ist dieser Mensch, der sich so sehr in sich zurückgezogen hat? Was hat ihn dazu veranlasst? Sie weiß es nicht. Offenbar scheint er ihre Anwesenheit zu genießen. Vielleicht muss sie es nicht wissen, es genügt, die innere Einsamkeit schweigend zu teilen. Ein leichtes Zittern überzieht die Oberfläche ihres Körpers. Die Müdigkeit lässt sie schaudern. Dennoch möchte sie diesen Augenblick noch ein wenig halten, noch ein wenig ausharren, in sich aufsaugen. Kolya legt einen Arm um sie, in den sie sich bereitwillig einschmiegt. Ihr Kopf liegt auf seiner Schulter. Gemeinsam lauschen sie den Wellen, die kontinuierlich gegen Felsen rollen. Mit der freien Hand streicht er über ihr Haar. Sie weiß, was jetzt kommen wird und doch ist alles anders. Er ist anders. Nicht so fordernd wie Mischa, sondern verhaltener, fast ängstlich. Morgen werden sie in La Coruña und damit am Ziel ihrer Reise sein. Dann werden sich ihre Wege trennen, jeder den seinen weitergehen. Morgen wird er nur noch eine Erinnerung sein. Trotzdem möchte sie sich einlassen. Sie betrachtet seine schwarzen Augen. Wenn Augen das Tor zur Seele sind, ist dieses Tor für sie verschlossen, der Schlüssel unerreichbar. Mit dem Finger streicht er über ihre Lippen, bevor sie sich mit den seinen treffen. Der Kuss, erst zögerlich, wird intensiver. Sie spürt seine Hände auf ihrem Körper. Ganz sachte verfolgen sie unsichtbare Linien, erst über ihren Rücken, nahe dem Grat bis zu seinem Ende, über die Schenkel an den Flanken entlang bis unter die Achseln, dann am Arm entlang, das Schlüsselbein nachzeichnend zum Hals, vom Kiefer zu den Wangenknochen und wieder hinab. Ihr Körper signalisiert sein Einverständnis. Sie lässt sich in die Berührungen fallen wie in eine weiche Matratze. Die Hände ziehen sich zurück, um sie mit kräftigem Griff aufzuheben und zum Zelt zu tragen, wo sie unter Decken und Matten ihren Weg weiter verfolgen werden. Stück für Stück öffnen sie Knöpfe und Verschlüsse, schieben Stoff beiseite, entblößen ihre Haut. Sie spürt den drahtigen Körper, seine Wärme, seine Haut ganz nah. Ihre Hände gehen auf Entdeckungsreise über seinen Rücken, seine Brust, seine Beine, gleiten über Unebenheiten und feste Muskeln, über die raue Oberfläche seiner Hände und die weichen Stellen in seiner Leiste. Seine Fingerspitzen entlang ihrer inneren Schenkel und den Pobacken jagen ihr einen Schauer der Lust durch den Körper. Es ist eine unendliche Steigerung, die sie an die langen Phrasen aus Bruckners Sinfonien erinnern. Nur einer konnte diesen Spannungsbogen halten, indem er immer wieder zurücknahm, von vorne begann und so die Illusion eines unendlichen Crescendos erschuf. Während Celibidache durch ihren Kopf spukt, bewegt sich Kolya mit ihr. Sie streckt sich seinen Händen und seinem Körper entgegen, wo er zurückweicht und zögert dort, wo er sich annähert. Die Bewegungen beginnen sich zu harmonisieren, finden den Weg miteinander zu einem Höhepunkt und sacken schließlich erschöpft ineinander. Ein Schluchzen durchzuckt ihre Kehle. Sie spürt die Tränen wie Wellen in sich aufsteigen und gegen den Damm der Beherrschung schlagen. Als sich die Schleusen öffnen, fließen sie ungehindert über ihre Wangen, seine Hände und seine Brust. Kolya hält sie ganz fest, flüstert leise Worte in einer Sprache, die sie nicht versteht und gibt ihren verdrängten Schmerzen einen Ort des Schutzes, der Geborgenheit. Er hält das Kind in seinem Arm, bis es erschöpft eingeschlafen ist.

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Mittwoch, 7. Juni 2006
Die musikalische Reise - Teil 19
Prades liegt bereits hinter ihnen. Eine bergige Landschaft zieht an ihnen vorbei. Sie sind früh aufgebrochen, um die zweite Teilstrecke bis kurz vor Tarbes hinter sich zu bringen. Kleine Ortschaften liegen links und rechts neben der Landstraße. Gelegentlich hält der Konvoi in seitlichen Parkbuchten, um Toiletten aufzusuchen. Die Hunde springen wild um die Wägen, schnuppern an Abfalleimern und achtlos Weggeworfenem. Wenn ein anderes Auto vor ihrer Ankunft dort stand, steigen Reisende alsbald ein, um den Ort schnell zu verlassen. Man will nichts mit ihnen zu tun haben, obwohl man sie nicht kennt. Die Wenigen, die bleiben, beäugen die Truppe misstrauisch. Türen werden verriegelt, Fenster hochgekurbelt und Taschen in Sicherheit gebracht. Sie schaut zu Sita, ihre Blicke treffen sich. Sita zuckt kurz mit den Schultern und lächelt. So ist das eben. Man ist deswegen nicht nachtragend, nur ein wenig bedauernd. Sie bewundert diesen Gleichmut. Wenn sie ständig von Fremden gemieden würde, verlöre sie sicherlich bald den Mut, sich zwischen Fremden zu bewegen. Langsam dämmert die Erkenntnis in ihr, weshalb viele Randgruppen solch einer Behandlung mit Aggression begegnen. Jeder hat das Recht, sich frei zu bewegen, ohne dafür strafende Blicke zu ernten. Kein Mensch ist wie der andere und doch sind sie alle gleich in ihren Sorgen, Wünschen und Sehnsüchten.

Laika ist inzwischen fast ununterbrochen an ihrer Seite. Sie hat kaum eine Minute für sich alleine. Das Kind greift ihre Hand, zerrt an ihr, um ihr etwas zu zeigen. Sie weiß nicht, wie lange ihre Geduld noch anhält, ist sie doch das Alleinsein gewöhnt. Andererseits beginnt sie, die Welt aus kindlichen Augen zu sehen, wenn sie mit Laika zusammen ist. Hier eine Blume, dort ein Schmetterling, Fragen, die sie sich zu beantworten bemüht, selbst wenn sie die korrekte Antwort nicht kennt. So unmittelbar möchte sie in ihrem Leben noch einmal sein, so grenzenlos und doch die Erfahrung ihrer Jahre nicht missen. Kindliche Naivität gegen Erfahrungen – und seien sie noch so schmerzhaft – eintauschen zu wollen, zeugt von Dummheit. Mutig kann nur der sein, der die Angst kennt. Wenn Parsifal der gefeierte reine Tor alleine durch seine Anwesenheit keine Erlösung für die angeschlagene Tafelrunde bringen kann, dann nur deswegen, weil er nicht weiß, worum es geht. Kundrys Kuss wird ihn aus der Torheit wecken, doch gleichzeitig für die Zwecke der Gralsritter unbrauchbar machen. Das Dilemma ist erst zu lösen, wenn Torheit über den Weg des Leides und der Erfahrung mit neuen Erkenntnissen verschmilzt. Erlöst ist nur der, der beide Pole in Einklang bringt. Dann mag auch das ewige Streben nach dem, was nicht ist, aufhören. Sie wünscht sich ein anderes Leben, eines ohne Musik, dafür mit Familie. Jetzt, wo sie leihweise eine Familie hat, will sie nichts anderes als alleine sein. Die Zeit ohne Instrument erscheint ihr inzwischen unendlich lange. Nicht dass sie das Üben vermisste, sie vermisst nur die Klänge unter ihren Händen. Ach ja, ihre Hände, die jeden Tag etwas mehr heilen, genau wie ihre Seele. Seit ihrer überstürzten Abreise von Stuttgart hat sie nur selten an den Professor gedacht. Jetzt liegt er unter der Erde. Diese Tatsache kann sie nicht leugnen, so gerne sie es würde. Von Sita hat sie gehört, dass es möglich sein soll, mit den Geistern der Toten in Kontakt zu treten. Sie mag diesen Humbug nicht glauben, ihre Neugier ist in diesem einen Fall jedoch stärker. Ein letztes Mal würde sie gerne von ihm hören, ihm sagen dürfen, wie viel er ihr bedeutete. Vielleicht würde Sita am nächsten Nachtlager etwas für sie tun können.

Kurz nach St. Gaudens biegen sie in die Berge ab. Die Straßen schlängeln sich zwischen kargen Felsen hindurch, führen hoch und runter, fließen wie Wasser zwischen Hindernissen. Fast könnte man meinen, hier wurde jeder Baum umgangen. Ihr wird flau im Magen von den vielen Kurven. Sie bittet Aram anzuhalten. Dieser biegt widerwillig in eine seitliche Aussparung ein, die mehr zum Ausweichen als Parken gedacht ist. Man würde den Anschluss zu den anderen verpassen, wenn sie noch länger hier in die Ferne starrend stehen würde. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Die Landschaft sieht aus wie Klingsors Zaubergarten entsprungen. Eine Weile starrt sie noch so vor sich hin. Da spürt sie, wie Sita ihre Hand nimmt. Sie drückt ihr einen flachen schwarzen Stein in die Innenfläche und umschließt ihn mit den Fingern. Der Stein fühlt sich bis auf ein Loch in der Mitte ganz glatt an. So etwas hat sie noch nie gesehen. Vermutlich wurde er ausgehöhlt, um ihn als Anhänger zu tragen. Einen Hühnerherren (Seigneur de poule) – zumindest ist es das, was sie versteht, als sie Sita nach dem Namen des Steines fragt - hält sie in der Hand. Während der Weiterfahrt konzentrieren sich ihre Finger auf die Struktur des Steines und lassen sie die Kurven vergessen. Der Gott der Hühner hat seine Schuldigkeit getan. Sita erklärt ihr, dass der Schutz des Gottes Weles ihr gewiss sei, so lange sie den Stein nur sichtbar bei sich trüge. Auch gegen den bösen Blick der anderen Leute könnte er sie schützen. Die Erlösung von aufkommender Übelkeit sei nur ein Nebeneffekt gewesen. Daran mag sie nun wirklich nicht glauben. Sie erinnert sich daran, wie ihr die Großmutter auf längeren Fahrten eine Kastanie oder ähnliches in die Hand gab, damit sie sich ablenken konnte. Unabhängig von einem bestimmten Glauben scheint das Wissen der Alten zu funktionieren.

Die Straße wird kurviger. Sie haben nach einigen Kilometern zu den anderen aufgeschlossen und hängen sich an die Rücklichter des letzten Wagens. In einer besonders starken Biegung beginnt der Wagen gefährlich zu schwanken, schert zur Seite aus und droht zu kippen. Aram bremst scharf ab. Hoffentlich kommt jetzt kein Gegenverkehr. Die Insassen des Wagens sind angespannt. Nach einigen Schlenkern hat sich das Gefährt vor ihnen wieder beruhigt. Fast könnte man meinen, die Wägen seien eingespannte eigenwillige Pferde. Man muss sie mit ruhiger Hand führen, nie zu stark abbremsen und unvorsichtige Bewegungen vermeiden. Sita sitzt kerzengerade. Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte sie das Geschehen vor ihnen. Der Wagen ihres Vaters stürzte einst über eine Straßenabgrenzung. Er wollte einer streunenden Katze ausweichen. Als die Männer ihn aus dem Fahrzeug befreien konnten, war er schwer verletzt und starb kurz darauf im nahegelegenen Krankenhaus. Der Leichnam wurde bald freigegeben und man hielt Totenwache. In dieser Nacht seien merkwürdige Dinge geschehen, so berichtet Sita. Sie möchte mehr erfahren, doch Sitas Blick lässt sie verstummen. Zum Glück haben sie Loudenvielle bereits erreicht. Von dort führt ein steiler Weg nach Germ, der mit Wohnwägen nicht zu bewältigen ist. Die Gruppe stellt ihre Wägen auf freiem Feld ab. Einige packen Rucksäcke und Zelte ein, um nach Germ weiterzufahren. Der Rest der Gruppe bleibt am Ort. Was genau die Zigeuner hier suchen, weiß sie nicht. Vermutlich hat Germ irgendeine mystische Bedeutung in ihrer Geschichte. Wenn nicht, sollen hier zumindest nette Verwandte wohnen.

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Dienstag, 6. Juni 2006
Die musikalische Reise - Teil 18
Die Gruppe bricht gegen Abend im Konvoi Richtung Perpignan auf. Zunächst nach Montpellier, dann immer an der Küste entlang. Man will Autobahngebühren sparen. Die Route ist zudem abwechslungsreicher. Sie sitzt am halb geöffneten Fenster und lässt den Wind durch ihr Haar greifen, die Augen zusammengekniffen. Durch den Augenspalt sieht sie Lichter vorbeiziehen, die durch die Wimpern wie kleine Sonnen aussehen. Jede Sonne erhellt mit ihren Strahlen ein begrenztes Stück Dunkelheit. Manche Sonnen sind Fixsterne, andere Trabanten. Sie kommen ihr entgegen, erst langsam, dann immer schneller, bis sie an ihr in Lichtgeschwindigkeit vorbeizurauschen scheinen. Der nächtliche Himmel ist mit Lichtpunkten übersät. Laikas Kopf liegt auf ihrem Schoß. Auch sie schaut in den Himmel. Das Mädchen deutet nach oben und fragt nach dem Namen eines Sterns. Bis auf wenige Ausnahmen weiß Sie die korrekten Namen nicht. Gemeinsam taufen Sie die Sterne. Isor, Laura, Phileos, Namen von Freunden, Hunden oder Märchenfiguren. Es dauert eine Weile, bis Laika dem Spiel überdrüssig wird. Die Truppe biegt nach links von der Straße ab auf einen Rastplatz. Hier wolle man zur Nacht bleiben. Am nächsten Morgen geht die Reise weiter ins Landesinnere. Ihre letzte Nacht am Meer möchte sie zelebrieren. Als die anderen um das Lagerfeuer sitzen, nimmt sie sich eine Decke und läuft Richtung Wasser. Es ist bereits dunkel. Schiffslichter werden in weiter Ferne wie von Geisterhand über die dunkle Oberfläche gezogen. Der Wind hat sich gelegt, das Meer ist erstaunlich ruhig. Nur vereinzelte Wellen, die den Strand hinaufspülen und sich gurgelnd zurückziehen, bezeugen den Atem des schlafenden Riesen. Ihre Augen folgen dem Wasser, das sich Wege zwischen Steinen sucht und beim Rückzug miniaturförmige Schneisen hinterlässt. Nach jeder Welle wandern verstreute Muschelgehäuse. Das Wasser oder kleine Einsiedlerkrebse geben ihnen Beine zur Fortbewegung. Sie saugt die salzige Luft tief in ihre Lungen. Als Kind hat sie einmal versucht, das Meer nach Hause zu holen. Sie füllte die Badewanne mit Wasser, schüttete alles Salz hinzu, das sie im Haus auftreiben konnte und begann mit einer Blumenschaufel Wellen zu erzeugen. Das Wasser bewegte sich jedoch nur im Kreis. Sie wollte eine richtige Brandung, wie sie es an der Steilküste Spaniens gesehen hatte, nicht so ein lasches Schwappen. Dazu brauchte Sie Felsen, die sie aus dem Garten holte. Der dritte Gang nach draußen - sie hatte gerade ein besonders großes Exemplar herbeigeschleppt – endete kurz vor der Türe zum Badezimmer. Ihre Mutter hatte das Wasser ausgelassen und schimpfte über ihre Torheit. Den Stein nahm sie mit in ihr Zimmer, wo er seinen Platz auf der Fensterbank bekam.

Es ist kühl geworden. Sie zieht die Decke über die Schultern. Morgen werden sie nach Prades fahren, den Ort, den der Cellist Pablo Casals durch das jährliche Musikfestival berühmt gemacht hat. Das erste, was sie von ihm hörte, waren die wiederentdeckten Aufnahmen von Bachs Solosuiten. Aus heutiger Sicht durch zahlreiche Rubati stark romantisiert, kann man die Faszination seines dominierenden Klanges erahnen. Wie bereits Artur Schnabel sagte: „Der falsche Fingersatz aber das richtige Gefühl“, genau diese Kunst beherrschte Casals wie kaum einer. Es existiert ein Probenmitschnitt des Streichquintetts von Schubert, in dem Casals eine ganze Viertel hinterher hängt. Und dennoch gilt diese Aufnahme zusammen mit der endgültigen in Fachkreisen als eine der exorbitantesten, die von besagtem Stück existieren. Der Ton dieses Instrumentes fasziniert sie. Als sie Mischa sah, war das erste, was ihre Aufmerksamkeit erregte, nicht seine große Statur oder die schwarzen welligen Haare, sondern der Kasten, den er bei sich trug. Bereits damals galt er als Frauenschwarm und Filou. Nachdem sie ihn in einem Konzert zum ersten Mal hörte, war sie fasziniert. Der Klang seines Cellos durchdrang ihr Mark, ließ sie frieren und schwitzen zugleich. Diesen Mann musste sie kennen lernen. Ähnliches erfuhr sie erst wieder bei einer Aufnahme des ersten Cellokonzertes von Schostakowitsch gespielt von der koreanischen Cellistin Han-Na Chang. Bis heute beneidet sie diese Unmittelbarkeit der Tonerzeugung. Sie kann zwar den Klavierhammer nuanciert auf die Saiten klopfen, jedoch nie diese klangliche Vielfalt von Streichern, Bläsern oder gar Sängern hervorbringen. Sie nimmt einen Stein, um ihn der dunklen Masse entgegenzuschleudern. Jeder Stein, den sie ins Meer wirft, ein nicht zu Ende gedachte Gedanke und jeder Stern am Himmel ein unerfüllter Wunsch. Die Natur scheint ihr inneres Spiegelbild in dieser klaren Nacht zu sein. Manch einer hätte Sterne herunterholen können. Nun muss es der alte Brunnen für ihn tun. Sie, die Zuschauende, weiß, was Nelly Sachs meinte.

Leise kehrt sie zurück zum Wagen, in dem die anderen bereits ihr Nachtlager bezogen haben. Sie schlüpft in das Zelt daneben, zieht sich aus und will unter die Decke schlüpfen. Beim Zurückschlagen entdeckt sie eine winzige aus Papier gefaltete Figur, die gemeinsam mit einem Keeblatt auf ihrem Kissen liegt. Wahrscheinlich ein kleines Präsent von Laika, die sich auf ihre Art für den Stein bedankte. Die Zuneigung des Kindes ist so unverschämt grenzenlos und so voller Vertrauen, dass es sie fast ein wenig erschrecken lässt.
Morgen wird die große Strecke entlang der Pyrenäen zurückgelegt. Sie ist gespannt auf neue Orte und Eindrücke. Es ist ein Abstecher vor Tarbes in die Berge geplant, sowie ein Besuch in Lourdes. Dann geht die Reise weiter über die spanische Grenze nach San Sébastien, Bilbao, Santander, Oviedo und schließlich La Coruña, die Hauptstadt Galiziens. Von dort sind es nur noch wenige Kilometer nach Santiago de Compostela. Einige Tage wird es aber noch dauern, bis das Ziel erreicht ist. Tage, die sie in angenehmer Gesellschaft genießt und die – wie sie hofft – nicht zu schnell vorübergehen werden. In der Ferne hört sie Hundegebell, aufgeschrecktes Vogelgezwitscher und eine Glocke. Die Klänge tragen sie sanft über die Klippe des Bewusstseins, bis sie vom Sog einer Traumwelle ergriffen und fortgezogen wird.

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Montag, 5. Juni 2006
Die musikalische Reise - Teil 17
Seit gestern will sie nichts anderes, als stundenlang am Meer sitzen und die Eindrücke in sich aufzusaugen. Sita, die Zigeunerfrau hat ihr vergangene Nacht eine Tinktur gegeben, die sie in den Handflächen verrieb, bevor sie in einem kleinen Zelt neben dem Wohnwagen einschlief. Sie träumte von ihrem Professor. „Hab keine Angst“ sagte er „sie werden dich mögen“. Sie wusste nicht genau, wovon er sprach, sah ihn fragend an. „Es wird immer Menschen geben, die dich lieben.“ Vor ihr standen die Noten zum Präludium G-Dur BWV 884, das sie einst für die Aufnahmeprüfung zur Hochschule vorbereitete. Langsam begann sie zu begreifen, was er meinte. Ihr ganzes Leben rang sie um die Aufmerksamkeit und somit um die Liebe ihrer Eltern. Dieser Wunsch verselbständigte sich im Laufe der Jahre. Sie bildete sich ein, es wäre der Wunsch, Musik zu machen. Dabei vermengte ihr Kopf nur zwei voneinander unabhängige Bedürfnisse. Sein gütiger Blick ließ sie in Tränen ausbrechen. Als sie aufwacht, ist das Kissen nass vom Weinen. Es ist noch früh am Morgen. Von draußen dringt das Singen der Vögel herein, die den Morgen ankündigen. Sie schlüpft aus dem Nachtlager, zieht sich Pullover und Hose über und öffnet das Zelt, um ihr Gesicht der kühlen Morgenluft auszusetzen. Im Fenster des Wagens brennt nur die kleine Kerze, die Sita jeden Abend anzündet, um die Geister der Ahnen mild zu stimmen. Sie glaubt nicht an Geister und Rituale, die Tinktur scheint allerdings geholfen zu haben. Ihre Hände jucken nicht mehr so stark wie in den letzten Tagen. Sie schlüpft in die Schuhe vor dem Zelt und macht sich über einen Kiesweg auf in Richtung Küste. Das Rauschen der sich brechenden Wellen begrüßt sie wie eine alte Bekannte. „Meer, was hast Du mir heute zu erzählen?“ denkt sie beim Anblick der Wassermassen. Dann lässt sie sich auf einen flachen Stein nieder, der von manchen Wellen sanft liebkost wird. Es sind nur die kräftigen, die es bis hierher schaffen, die alles daran setzen zu scheinen, ihn, den stetigen Gefährten erreichen zu wollen. So muss wahre Freundschaft sein. Von Zeit zu Zeit berührt man sich gegenseitig. Das Wasser benetzt die Steinoberfläche, der Felsen gibt ein kleines Stück seiner Struktur den abfließenden Wellen mit. Sie bereichern sich gegenseitig und doch steht jeder für sich alleine. Dabei will das Meer den Stein nicht fließend und der Felsen das Nass nicht fest werden sehen. Wenn der Fels nicht wäre, gäbe es kein Hindernis, an dem sich die Wasseroberfläche kräuseln könnte. Der Fels wechselt an den nassen Stellen seine Farbe. Beide profitieren voneinander, ohne sich gegenseitig zu sehr anzupassen.

Laika springt plötzlich um sie herum und reißt sie aus ihrem Gedankenfluss. Das kleine Mädchen möchte ihre Aufmerksamkeit, greift ihre Hand und zerrt an ihr. Sie weiß nicht, wie lange sie dort gesessen hat. Die Sonne ist bereits aufgegangen und wärmt den Boden unter den nackten Füßen. Zeit für ein Frühstück bei den anderen. Als sie sich auf den Rückweg macht, läuft Leika immer ein kleines Stück vor ihr her, sich ungeduldig nach einigen Schritten zu ihr wendend, als wolle sie sie zum schnelleren Gehen auffordern. Vor dem Wohnwagen sieht sie einige Klappstühle und einen mit Plastiktellern und –tassen gedeckten Campingtisch. Der Duft von Kaffee dringt durch die salzige Luft bis in ihre Nase. Genau das braucht sie jetzt, eine heiße Tasse starken Kaffee. Sita steht in der offenen Türe. Sie winkt, als die beiden näher kommen. Während Laika im Wohnwagen verschwindet, tritt Sita neben den Stuhl, in den sie sich setzt, um den Kaffee vorsichtig aus der Kanne zu gießen. Der Satz darf dabei nicht in die Tasse. Wie sie geschlafen habe, fragt Sita und ob die Hände schon besser sind. Sie lächelt die Frau an. Beide verstehen sich wortlos. Man wolle sich heute Abend mit einigen anderen aus der Sippe treffen und morgen Richtung Spanien aufbrechen, ob sie mitkommen wolle. Ihr Ziel sei Galizien. Seit Jahrzehnten pilgere man von hier nach Santiago de Compostela. Natürlich wolle man die Strecke nicht auf einmal zurücklegen, sondern zwischendurch campieren. Natürlich will sie mit. Unwillkürlich fällt ihr die Agentur ein, ihre Konzerte und die anderen Kleinigkeiten. Sie wird heute telefonieren müssen. Was danach kommt, ist das, wonach sie sich so lange sehnte. Ein kleines Stück Freiheit, Zeit ohne Verpflichtung. Abgesehen von den Ferienreisen mit den Eltern war sie nie längere Zeit ohne Instrument unterwegs. Sie fragt, ob sie sich in irgendeiner Weise erkenntlich zeigen könne. Es gäbe genügend Aufgaben sagt Sita. Momentan fällt ihr nicht mehr ein, als sich um den Abwasch oder die Wäsche zu kümmern. Darum hat sie sich bisher immer erfolgreich gedrückt. Das sei nichts für ihre Hände, meinte ihre Mutter. Zu oft hatte sie Gläser zerbrochen und sich beinahe an den Scherben geschnitten. Da halfen auch keine Gummihandschuhe. Doch Sitas Blick fällt auf Laika, die inzwischen vor dem Wagen aus kleinen Kieseln Figuren auf dem Boden formt. Mit Kindern hatte sie bisher nicht allzu viel zu tun. Nicht ohne das Medium Musik. Sie konnte Kindern Klavierspielen beibringen, wusste darüber hinaus aber nichts mit ihnen anzufangen. Diese Familie ist so hilfsbereit zu ihr, dafür muss sie wohl ein größeres Opfer bringen. Sie kauert zu Laika auf den Boden und legt einen weiteren Stein in die bereits geformte Linie. Laika sieht kurz auf, dann fährt sie fort, die Steinchen in ihrer kindlichen Logik anzuordnen.

Am Nachmittag begleitet sie Aram und zwei weitere Männer ins Dorf. Auf dem Platz vor der Kirche wolle man für die Touristen singen. Das bringt immer ein wenig Geld und lässt sie nicht aus der Übung kommen. Sie läuft neben ihnen durch die verwinkelten Gassen zwischen alten Häusern. Anwohner sehen verstohlen aus den Fenstern, ziehen sich jedoch zurück, als sie zu ihnen hochschaut. Einige schließen gar die Fensterläden. Merkwürdig, wie die Leute reagieren, obwohl sie die Anwesenheit von Zigeunern gewöhnt sind. Einige Meter weiter sieht sie ein Postschild. Dort kann sie mit Sicherheit telefonieren. Sie betritt den kühlen abgedunkelten Raum. Ein Angestellter schaut sie abweisend an, als sie nach einem Telefon fragt. Man verweist sie auf eine freie Zelle. Die Glastüre schließt automatisch hinter ihr. Davor stecken die Angestellten die Köpfe zusammen und beginnen zu tuscheln. Sie kramt in ihrer Tasche nach der Nummer der Agentur. Nach kurzem Läuten meldet sich eine Stimme. Sie nennt ihren Namen. Nein, sie wolle nicht durchgestellt werden, nur Bescheid geben, dass sie krank sei. Ob sie die Verpflichtungen der nächsten Wochen wahrnehmen könne, wisse sie noch nicht. Dann legt sie schnell auf, bevor sie von weiteren Fragen zu lügen genötigt wird. An der Kasse bezahlt sie das Gespräch mit ein paar Münzen und verlässt schnell diesen ungastlichen Ort. Auf dem Weg zum Kirchplatz spürt sie plötzlich Laika neben sich, die ihre Hand greift. Sie weiß nicht, ob das Mädchen von ihrer Mutter bereits vermisst wird, ob sie sie zurückbringen oder einfach weitergehen soll. Wahrscheinlich macht sie sich viel zu viele Gedanken. Sita wird wissen, dass das Kind bei ihr ist. Schließlich ist das ihre neue Aufgabe. Die kleine staubige Hand fügt sich in ihre raue Innenfläche wie der Stein, den sie morgens gedankenverloren aus dem Wasser fischte. Sie holt ihn aus der Hosentasche und gibt ihn dem Mädchen. Die kleine Hand schließt sich um ihn wie die große um die kleine Hand. Langsam beginnt sie zu begreifen. Es geht nicht darum, ob sie glaubt, etwas zu können. Es geht einzig darum, zu vertrauen, dem Mädchen, der Mutter, sich. Solange etwas in guter Absicht geschieht, existieren Fehler nicht. Es ist nicht wie auf einem Notenblatt, wo falsche Töne zerstören, keine Entscheidung zwischen schwarzen oder weißen Tasten. Es ist die Musik, die im Augenblick des Erklingens erst erschaffen wird. Sie drückt die kleine Hand ein wenig. Laika schaut aus dunklen Augen fragend zu ihr auf. Sie kann es nicht erklären. In diesem Moment spürt sie, wie sich die Wärme um ihr Herz legt und es umspült wie die Wellen den Stein.

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Samstag, 3. Juni 2006
Die musikalische Reise - Teil 16
Der Zug fährt in die Nacht. Sie zieht die Beine an und rollt sich auf einem der Sitze zusammen. Ihre Schultertasche legt sie unter den Kopf. Dennoch schläft sie nicht, nickt nur ab und zu kurz ein. Immer wieder schreckt sie hoch, weil sie glaubt, jemand stünde vor ihr. In der kleinen Tasche sind all ihre persönlichen Habseligkeiten. Die große Tasche liegt oben auf der Gepäckablage. So vergehen Stunden im Echo des gleichmäßigen Schienengemurmels, das zwischendurch von Weichenrülpsern unterbrochen wird. Draußen beginnt allmählich der neue Tag. Das Morgenlicht gebiert Farben, die die Dunkelheit jeden Abend aufs Neue schluckt. Wiesen und Wälder ziehen im Eiltempo am Fenster vorbei, werden zum Band ohne Muster. Sie hat beschlossen, in Avignon umzusteigen, um anschließend direkt über Arles nach Stes-Marie-de-la-Mer zu fahren. Mit diesem Ort verbindet sie eine vage Kindheitserinnerung an eine Serie* über zwei Zigeunermädchen, die sich auf den Weg machen, ihre Eltern zu finden. In einer Folge findet Pimmi – die jüngere – einen alten Schlüssel, der zum Tor eines geheimnisvollen Gartens passt. Diesen Schlüssel sucht sie selbst heute noch. Als Kind hatte sie viel Phantasie, lebte in einer selbstkreierten Welt, die für Erwachsene unsichtbar war. Die Mutter unterbrach solche Episoden jäh, indem sie sie an ihre Pflichten erinnerte. Manchmal hasste sie ihre Mutter dafür. Dann wollte sie – wie alle Kinder – ausreißen, einfach wegrennen und ihre Freiheiten genießen. Sie konnte es kaum erwarten, endlich älter zu werden, damit ihr keiner mehr vorschreiben kann, was sie zu tun hat. Dass es anders kommen würde, wusste sie damals noch nicht. Sie träumte von dem verborgenen Zaubergarten und davon, unsichtbar zu sein. Die Zigeunermädchen finden sich für das Fest der schwarzen Madonna in Stes-Marie ein, um ihre Sippe zu treffen. Jedes Jahr treffen sich dort Zigeuner aus ganz Europa. Einst durften sie bleiben, weil sie behaupteten, sie befänden sich auf einer Pilgerfahrt nach Spanien und durften deswegen auch betteln. Ein Mythos besagt, dass an diesem Ort ein Schiff mit diversen Marias (u.a. Maria Magdalena), Lazarus, seiner Schwester Martha und der Dienerin Sarah gelandet sein soll. Zwei der heiligen Marien – Maria Jakoba, die Schwester der Jungfrau Maria und Maria Salome, die Mutter von Johannes –starben aufgrund körperlicher Schwäche. Fast zur selben Zeit folgte Sarah. Zuvor hatten sie einen Altar errichtet, der vermutlich Grundstein für die Kirche war, unter der man mehr als tausend Jahre später Gebeine fand. Die Zigeuner ernannten Sarah zu ihrer Schutzpatronin und tragen jedes Jahr Ende Mai ihre Statue durchs Dorf, um sie am Abend auf einem Floß ins Meer zu schicken.

Auf dem Bahnhof hat die Hektik des Tages noch nicht begonnen. Sie nimmt ihre Tasche und sucht die Busstation. Von hier sind es nur noch 45 Kilometer bis zum Ort am Meer. Ungewaschen und zerknautscht fühlt sie sich fast ein wenig wie eine Zigeunerin. Sie weiß, dass dieses Völkchen bei Einheimischen nicht sehr beliebt ist, weil man fürchtet, bestohlen zu werden. Dabei sind Zigeuner stolze Menschen, in deren Tradition Ehre von zentraler Bedeutung ist. Der Begriff „Zigeuner“ ist politisch nicht korrekt, das weiß sie. Dennoch denkt sie ihn, selbst wenn sie „Sinti und Roma“ sagt. Die Menschen haben eine jahrtausendwährende Reise von Indien bis Europa hinter sich, damals in Kutschen oder zu Fuß, heute in großen Karosserien mit Wohnwägen. Sie wurden beschimpft, vertrieben oder getötet, man gab ihnen die Schuld an Krankheiten und Unglück, verfolgte sie und versuchte sie auszurotten. Ein Schicksal, das sie mit einigen anderen Randgruppen teilen. Aus unerfindlichen Gründen fühlt sie sich von diesen Menschen magisch angezogen. Der Bus wird erst in einer Stunde abfahren. Sie hat kaum mehr Bargeld, nur eine Scheckkarte in der Tasche und eine Geheimzahl im Gedächtnis. Am Rand des Platzes sitzen zwei dunkelhäutige Männer auf Gitarren zupfend zwischen Gepäcksstücken. Eine Frau summt leise die Melodie einer alten Weise. Zwischen ihnen springt ein Kind von einem zum anderen. Sie geht auf die Gruppe zu und spricht die Frau auf französisch an. Nein, sie wisse nicht, wo sich ein Bankautomat befinde. Man warte auf einen Verwandten, der alle abhole. Wenn sie wolle, könne sie bis Stes-Maries mitfahren. Man reicht ihr eine Flasche Wasser. Dankbar nimmt sie die Flasche und einen großen Schluck daraus. Eine Weile plaudert sie und lauscht der Musik, bis plötzlich ein alter Mercedes vor ihnen hält. Das Auto erscheint ihr zu klein für fünf Personen, zumal die Gepäcksstücke einen nicht unerheblichen Raum einnehmen. Der Fahrer bindet sie kurzerhand auf den Dachträger, sie rutscht mit der Frau, deren Mann und Kind auf die Hinterbank und schließt vorsichtig die Türe. Auf der Fahrt durch die Camargue bestaunt sie die wilde Landschaft, die sich vor ihr eröffnet. Man wolle noch einen kleinen Abstecher zur Verwandtschaft in Albaron machen. Sie nickt kurz, obwohl ihr das nicht besonders angenehm ist. Schließlich will sie die Freundlichkeit der Fremden nicht überstrapazieren. Der Wagen biegt kurzerhand in eine kleine Gasse des besagten Ortes ein und hält vor einem kleinen Häuschen. Man begrüßt sie genauso herzlich wie die Familienmitglieder. Langsam wird ihr klar, dass der Begriff Familie nicht im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr als Ausdruck von Stammeszugehörigkeit gebraucht wird. Der gereichte Kaffee schmeckt bitter. Gleichzeitig weckt er ihren von der langen Bahnfahrt zermürbten Körper auf und lässt sie in der Gegenwart ankommen. Sie könne in Stes-Maries bei der Familie bleiben, müsse sich kein Zimmer nehmen, man habe genügend Platz für Gäste. Sie fühlt sich beinahe überwältigt von so viel Gastfreundschaft und nimmt das Angebot dankend an. Dann machen sich alle wieder auf den Weg. Im Wagen sitzen die beiden Frauen nebeneinander. Plötzlich greift die Fremde nach ihrer Hand, dreht die Handflächen nach oben und betrachtet den Ausschlag. Erst will sie die Hand instinktiv wegziehen, doch erinnert sie sich an überliefertes Wissen, das in diesen Kreisen immer noch Anwendung findet. Vielleicht kennt die Frau eine Salbe, die ihr gegen das Jucken helfen kann. Sie nickt kurz. Am Abend könne sie zu ihr kommen. Dann hätte sie die Kräutertinktur vorbereitet.

Der Wagen biegt in die Einfahrt eines Campingplatzes direkt am Meer ein. Sie kann bereits die salzige Luft durch das geöffnete Seitenfenster riechen. Jetzt möchte sie nur noch ihre Tasche abstellen und dann schnell zum Wasser laufen. Das Meer hat sie hierher gelockt. Sie will es an den nackten Füßen spüren, will mit den Zehen zwischen kleinen Kieseln graben und so lange in den Horizont starren, bis sie dessen Ende zu sehen glaubt. Zum ersten Mal seit langem hat sie das Gefühl, angekommen zu sein.

*Mond Mond Mond

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Freitag, 2. Juni 2006
Die musikalische Reise - Teil 15
Am nächsten Morgen wacht sie früh auf. In der Küche klappert Geschirr. Stimmen sind gedämpft hörbar. Sie wartet, bis Ruhe eingekehrt ist, bevor sie aus dem Bett schlüpft und sich auf den Weg ins Badezimmer macht. Außer ihr ist niemand mehr da. Das heiße Wasser der Dusche läuft ihren nackten Körper hinab. Sie weiß nicht, wie lange sie so unter dem Strahl steht. Als sie sich abtrocknet, ist die Luft mit Wasserdampf verdichtet, der sich auf Kacheln und Spiegel niederschlägt. Eilig schlüpft sie in die bereitgelegte Kleidung, rubbelt ihr kurzes Haar trocken und begibt sich zurück in das Übernachtungszimmer, wo sie ihre Sachen packt. Dann nimmt sie die Schultertasche, steckt Geldbörse und einige Habseligkeiten hinein und macht sich auf den Weg nach draußen. Sie weiß nicht, was sie bis zur Beerdigung am Nachmittag anstellen soll. Im Schlossgarten dürfte um diese Tageszeit wenig los sein, ebenso auf der Königsstrasse – der Einkaufsmeile. Nachdem sie den Weg in die Stadtmitte zu Fuß zurücklegte, überquert sie die Königsstrasse in Richtung Rathausplatz. Die wenigen Fußgänger eilen zur U-Bahn oder in naheliegende Büros. Im Schwabenzentrum gibt es ein kleines Café namens Osho´s, ein Relikt aus der Zeit der Hippies und Bhagwanjünger. Tagsüber Kaffeehaus für Laufkundschaft, verwandelt es sich jeden Abend ab neun in eine Cocktailbar der gehobenen Klasse. Durch das große Fassadenfenster hat man einen guten Blick in den Innenraum, der lange in blau-orange gehalten war. Irgendwann kam einer auf die Idee, türkis für die Regalwände hinzuzufügen. Seitdem ähnelt die Bar eher einem Aquarium als einem Refugium für gestresste Manager und Tagesmütter. Früher war sie öfter hier. Einige Zeit hat sie dort während ihres Studiums gekellnert. Sie bediente nachts, um am Tag üben zu können. Geld hatte sie in dieser Zeit genug, es ging mehr um Spaß und den Umgang mit Menschen, der ihr durch die einsame Arbeit am Klavier fehlte. Und was für merkwürdige Gestalten sie dort traf. Gegen drei, wenn sich durchschnittliche Nachtschwärmer bereits auf dem Heimweg befanden – schließlich müsse man am nächsten Tag arbeiten – trudelten vereinzelt Taxifahrer ein, tranken einen schnellen Kaffee und machten den Zuhältern mit ihren Damen Platz, die im gegenüberliegenden Bohnenviertel ihre Wirkungsstätte hatten. Auch sie blieben nie lange, bestellten ein Getränk und bezahlten unter Zugabe eines stattlichen Trinkgeldes. So mancher Einsame suchte hier Zuflucht vor Verzweiflung und Dunkelheit. Man erzählte ihr Geschichten, sie hörte zu. Manches Mal stand sie mit der Kollegin in der kleinen Küche und kicherte gemeinsam über jene Erzählungen, während der Erzähler am Tresen sein Bierglas leerte. Oft trudelte um diese Uhrzeit auch die Belegschaft benachbarter Gaststätten ein. Man kannte sich untereinander. Viele suchen in der Gastronomie zunächst eine Nebenbeschäftigung, bis diese langsam die Hauptaufgabe verdrängt. So mancher Studienabbrecher bleibt für immer in der Gastronomie hängen. Sie empfand das Leben dieser Gestrandeten trauriger als die Anzugträger, die ihr mit leerem Gesichtsausdruck in öffentlichen Verkehrsmitteln gegenüber saßen. Das Ende der Schulzeit war gleichzeitig der Beginn eines neuen Lebens, oftmals innerhalb einer Universität. Im Bauch ungeduldig zitternd, das Herz überquellend vor Hoffnung, so gingen sie dem entgegen, woran ihre Eltern gescheitert waren. Sie wollten es besser machen, wollten anders sein. Dabei waren sie denen, die sie kritisierten, ähnlicher als sie es sich einzugestehen wagten.

Den Kaffee trinkt sie hastig. Danach bestellt sie ein Wasser. Sie wäre jetzt gerne weit weg, vielleicht am Meer, würde in die Wellen starren und Steine ins Wasser werfen. Stattdessen sitzt sie in diesem Moloch und wartet auf die Beisetzung ihres Mentors. Am liebsten würde sie sich davonstehlen. Wenn sie nicht hinginge, könnte sie so tun, als ob er noch am Leben wäre. Manchmal verstrichen einige Wochen, bis sie wieder mit ihm telefonierte, Monate bevor sie ihn traf. Das Ritual einer Beerdigung war der Abschluss des irdischen Lebens. Sie hat von Menschen gehört, die ihre Verwandten nicht beisetzen konnten, weil die Körper aus unterschiedlichen Gründen verschollen waren. Diese Menschen warteten angeblich ihr Leben lang auf die Rückkehr des Vermissten. Manchmal wurde dann das Begräbnis eines leeren Sarges arrangiert, nur um endlich Ruhe zu finden. Der Gedanke lässt sie schaudern. Dennoch möchte sie nicht auf diese Beerdigung. In ihrem Kopf formt sich diese Idee allmählich zu einem Entschluss. Eilig zahlt sie, verlässt das Café und läuft Richtung Hauptbahnhof. Für Ortsunkundige ist der Mercedesstern auf dem Turm des Bahnhofes Orientierungshilfe und Wegweiser zugleich. Am Schalter kauft sie ein Ticket für den Zug Richtung Frankreich. Sie will nach Avignon, dann vielleicht weiter nach St. Maries-de-la-mer oder Montpellier, später Perpignan oder gar über die spanische Grenze. Barcelona ist nicht mehr weit. Sie erinnert sich an eine Freundin, die in Toulouse wohnt. Dort könnte sie ebenfalls Halt machen. Im Grunde möchte sie einfach untertauchen, verschwinden, ohne jemandem Rechenschaft über ihr Tun ablegen zu müssen. Mit diesen Händen ist sowieso nicht an Konzertieren zu denken. Die Fahrkarte in ihrer Tasche erlaubt ihr eine kleine Flucht vor der Wirklichkeit. Als der Zug einfährt, schaut sie sich noch einmal um. Es ist nicht mehr ihr Stuttgart, das sie einst kannte. Sie fühlt sich fremd, hier und in ihrem Körper.

Puh, Halbzeit. Jetzt erst mal wieder unterwegs.

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Donnerstag, 1. Juni 2006
Die musikalische Reise - Teil 14
Von Weitem hört sie ein schlurfendes Geräusch, als ob Sohlen über Kiesel schleifen. Der Mond erhellt das Plateau vor dem Teehaus. Sie sieht mehrere Gestalten paarweise angeordnet, erst ungenau, dann immer deutlicher. Es ist eine Gruppe Tänzer, die sich zu Tangomusik aus einem mittig platziertem Kassettenrekorder bewegen. Die Paare schieben leise, wiegen sich gleichmäßig in den Armen oder umschlingen Beine, kombinieren weite Ausfallschritte mit Drehungen des gespannten Körpers. Sie beobachtet den Reigen eine Weile fasziniert. Der Tango lamentiert seine Melancholie zu den Schritten hintergrundartig, fast nebensächlich, und doch fordernd. Keine Musik der Welt scheint ihr derzeit trauriger. Sie setzt sich auf den Mauerrand der Plattform und lässt den Blick über die Lichter der Großstadt schweifen. Bösartige Zungen behaupten, Stuttgart wäre die kleinste Großstadt Deutschlands. Ein wenig zu spießig, zu geordnet und erdrückend empfand sie die Stadt, als sie hier studierte. Im Sommer drückt die Hitze wie unter dem Deckel eines Kochtopfes. Kein Lüftchen bewegt sich in der Stadtmitte, die durch die umrandenden Erhebungen eingekesselt scheint. Auch dies eine Stadt der Hügel. Als sie sich wieder umdreht, ist die Musik erloschen, die Paare verschwunden. Da fällt ihr ein, dass sie die Bekannte anrufen muss, bei der sie heute und morgen übernachtet. Damals, als sie noch studierten, hatten sie hochtrabende Träume. Sie wollten Karriere als Musiker machen, die Freundin mit ihrer Geige. Man unterrichtete an Musikschulen, um sich das Studium zu finanzieren und spielte an Weihnachten oder zu Hochzeiten in Kirchen. Sie mochten es nicht besonders und taten es dennoch. Später bekam die Freundin ein Kind, heiratete einen Studenten der Luft- und Raumfahrttechnik und blieb beim Unterrichten hängen. Ab und zu spielt sie mit den anderen Lehrern Quartett oder in Amateurorchestern. Man müsse in Übung bleiben, sagte sie. Dabei hat ihr Spiel gewaltig an Qualität eingebüßt. Sie war nicht mehr bereit, Opfer zu bringen. Ob die Kommilitonin jetzt zufriedener als damals ist, bezweifelt sie. Nur um die Familie beneidet sie sie, das Heim, in das es sich zurückzukehren lohnt. Sie selbst hat nichts, wofür es sich heimzukehren lohnt. Die letzte Heimat war der Mensch, der morgen unter der Erde liegen wird.

Auf dem Weg in die Rosenbergstrasse ziehen Häuser wie Gedanken an ihr vorbei. Hier eine Fassade, dort ein Platz, mit dem sie Erinnerungen verbindet. Es ist wie ein anderes Leben, an das sie sich erinnert. Sie ist eine andere. Gedankenverloren reibt sie die Handflächen aneinander. Der Ausschlag ist schlimmer geworden, die Bläschen aufgeplatzt. An manchen Stellen bildet sich so etwas wie Hornhaut. Die Finger schmerzen, wenn sie sie biegt. Sie spürt die Angst in sich aufkeimen, nie wieder Klavier spielen zu können, schluckt sie dann aber schnell mit dem angesammelten Speichel hinunter. Nein, das kann, das darf nicht sein. Vermutlich handelt es sich nur um eine Reaktion auf die Ereignisse der letzten Tage. Sie hat ihren Körper im Griff, wird trotzdem spielen, wird dann eben eine neue Technik erlernen. Nicht umsonst sind körperlich benachteiligte Künstler besonders gut. Sie kompensieren den physischen Nachteil mit Disziplin und Willenskraft. Paul Wittgenstein, der einen Arm in Folge des Krieges verlor, beauftragte neben anderen Komponisten auch Ravel, ein Klavierkonzert für die linke Hand zu schreiben. Thomas Quasthoff schaffte es trotz Conterganschädigung in die oberste Liga international anerkannter Sänger. Michel Petrucciani spielte bis zu seinem Tod hervorragenden Jazz, obwohl er unter Glasknochenkrankheit litt. Die Beispiele sind vielfältig und ihre schmerzenden Hände kein Vergleich zu dem, was diese Personen ihr Leben lang zu überwinden hatten. Im Moment steht ihr der Sinn sowieso nicht nach Musizieren. Die Freundin wird sie bitten, ein oder zwei Sonaten zu begleiten, da ist ihr das kleine Handicap eine willkommene Ausrede. Fast hätte sie die Haltestelle verpasst. Sie springt auf, greift ihre Tasche und stürzt aus der offenen Bustüre. Von dort sind es nur noch ein paar Meter bis zur Wohnung der Bekannten. Es wartet ein spätes Abendessen mit einem Glas Rotwein und viele Kindergeschichten auf sie, die sie für eine günstige Bleibe in Kauf nimmt. Ab und zu wird sie nicken und den Zeitpunkt herbeisehnen, an dem die Bekannte zum ersten Mal gähnt. Die Mutter wird sich bald entschuldigen, da sie wegen des Kindes so früh aufstehen müsse. Die Logik hat sie noch nie verstanden. Ab einem gewissen Alter sind Kinder durchaus in der Lage, sich selbst zu versorgen. Sie war beim Ankleiden nicht lange auf die Hilfe ihrer eigenen Mutter angewiesen. Aber insgeheim wird sie froh sein, wenn ihr die Bekannte eine gute Nacht wünscht. Dann kann sie sich ungestört in ihre Gedankenwelt zurückziehen.

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Mittwoch, 31. Mai 2006
Die musikalische Reise - Teil 13
Die Beerdigung wird in Stuttgart stattfinden. Sie ist schon heute mit dem Zug angereist, um die Witwe zu besuchen. Als der Zug in Stuttgart einfuhr, wurde ihr Brustkorb von unsichtbaren Schnüren zusammengezurrt. Sie konnte kaum atmen. Unwillkürlich musste sie an die Passage aus dem Märchen „Der Froschkönig“ denken. Der Prinz fährt mit seiner Auserwählten in einer Kutsche. Da hört er ein Geräusch. „Heinrich, der Wagen bricht“ ruft er seinem Diener zu. „"Nein, Herr, der Wagen nicht, es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen...“ Genau so fühlt sich Ihr Herz an, wund und gequetscht, mit dem Unterschied, dass keine überquellende Freude das unsichtbare Band sprengt. Vor der Türe zur kleinen Wohnung ihres Lehrers hält sie inne, atmet noch einmal tief durch bevor sie die Klingel drückt und wartet auf eine Stimme über Sprechanlage. Dieses Mal wird es keine männliche Stimme sein. Die Stimme ihres Mentors klingt in ihrem Kopf. „Du musst die Töne gehen lassen wie Kinder“. Sie ist gekommen, um ihn gehen zu lassen. Eine Frauenstimme tönt über den Lautsprecher. Als sie ihren Namen nennt, surrt der Türöffner. Vor ihr liegen fünf Stockwerke enge Treppen. Die Treppen hielten ihn fit, sagte er, genau wie die hundert Schritte zur Musikhochschule, die er täglich zurücklegte. Schon bald war sie zu einem namhaften Professor nach Köln und später Berlin gewechselt. Die Unterrichtsstunden bei ihm hat sie jedoch nie aufgegeben. Von den anderen Professoren brauchte sie nur die Namen im Lebenslauf, von ihm seine ungeheuer große musikalische Weisheit und sein Einfühlungsvermögen. Selbst als sie bereits international konzertierte, kam sie zu ihm, um mit ihm verschiedene Passagen oder Fingersätze zu diskutieren. In Wirklichkeit wollte sie aber nur ein wenig Heimat bei ihm spüren. Oft saßen sie beim Nachmittagstee mit seiner Frau beisammen. Das alte Porzellan zierte den antiken Tisch. Meist saß er auf dem Sofa unter einem riesigen düsteren Familienportrait seiner Vorfahren. Die kleine Stehlampe erhellte das Eck unter der Dachschräge. Seine Frau trug eifrig Kuchen und Kannen herbei, während sie miteinander redeten oder alten Radiomitschnitten lauschten. Heute wird das hellgrüne Sofa leer bleiben, der Kaffeetisch nur zur Hälfte gedeckt sein.

Vor der Eingangstüre wartet sie, bis sich ihr Atem beruhigt hat, bevor sie klopft. Eine große stattliche Dame in schwarz öffnet die Türe. Sie sehen sich einen langen Augenblick an, bevor die Gattin des Professors zur Seite tritt, um ihr Einlass zu gewähren. Keine der Beiden bringt auch nur ein Wort über die Lippen. Sie umarmen sich kurz, bevor sich die Dame abwendet, um mit einem Taschentuch verstohlen einige Tränen aus den Augenwinkeln zu tupfen. Sie bemerkt, dass die Frau gebückter als sonst geht. Sie war ein wenig größer als er, weswegen sie sich immer kleiner zu machen versuchte. Den Kopf eingezogen zwischen schlaffen Schultern biegt sie nach links in die Küche ein, während sie selbst im Tee- und Musikzimmer auf dem Sessel Platz nimmt. Während ihr Tee eingeschenkt wird, bemerkt sie das Zittern. „Darf ich?“ Mit diesen Worten nimmt sie die Teekanne an sich und schenkt ein. Die unerträgliche Stille ist gebrochen. Die Frau des Lehrers sinkt in den linken Sessel. „Es ist nicht dasselbe, nicht wahr?“ „Nein, es wird nie mehr so sein. Aber ich möchte Ihnen sagen, dass ich gerne gekommen bin.“ Die kleine Lüge lässt ihre Wangen erröten. Unter solchen Umständen sieht wohl kein Mensch freudig einem Besuch entgegen. Die Atmosphäre ist ein wenig steif, wie immer. Sie hat das Ehepaar immer gesiezt, während sie die Beiden duzten. Außerdem wurde im Hause des Professors streng auf Einhaltung von Etiketten geachtet. Als Kind und Jugendliche empfand sie es als ein wenig künstlich, später genoss sie diesen Habitus, weil er für sie etwas ganz Besonderes darstellte. Sobald sich die Wohnungstüre hinter ihr schloss, befand sie sich in einer ganz eigenen Welt. Gerade heute stellt dieses gezierte Verhalten ein Gefühl von Kontinuität her. Der Mentor ist gegangen aber mit seiner Gattin wird ein kleines Stück von ihm weiterleben. Was wird geschehen, wenn es niemanden mehr gibt, dessen Gedanken und Tun von ihm beeinflusst wurde und in dessen Erinnerung ein Mensch weiterleben kann? Dann ist der Mensch wirklich gestorben. Erst stockend, dann ein wenig flüssiger beginnt die Professorengattin aus ihrer Erinnerung zu berichten. Sie erzählt von seinem plötzlichen Tod, den letzten gemeinsamen Stunden und geht allmählich immer weiter zurück bis zum ersten Kennenlernen. Einmal schmunzelt sie, als sie seine Umwerbungsversuche schildert, dann lacht sie laut, beim Bericht eines Missgeschickes während er um ihre Hand anhielt. Das Lachen bricht jäh ab, wechselt in lautes Schluchzen, um den Tränen freien Lauf zu lassen. Die Frau ist wieder in der Gegenwart angekommen. Im Grunde weiß sie nicht so recht, was sie tun oder sagen soll. Sie steht auf, geht hinüber zu der Dame und legt ihr die Hand auf eine der bebenden Schultern. Eigene Tränen laufen ihr über die Wangen, bilden am Kiefer Tropfen und fallen lautlos zu Boden. Es gibt nichts, was sie sagen oder tun könnte, um das Leid dieser Frau zu lindern. Das ist die eigentliche Grausamkeit im Leben. Nicht der Tod, sondern die unendliche existentielle Einsamkeit, die allem Menschsein innewohnt. Sie spürt die Hand der Lehrergattin auf der ihren. Zugleich hat sie selbst das Gefühl, nicht mehr schlucken zu können. Alles will nach draußen. Sie muss von hier weg, muss in die Luft unter freiem Himmel. Mit knappen Worten verabschiedet sie sich, um die Wohnung überstürzt zu verlassen. Man sieht sich morgen auf der Beisetzung am Waldfriedhof.

Der Hoppenlaufriedhof wäre viel angemessener gewesen, doch finden dort zwischen berühmten Gräbern keine Beisetzungen mehr statt. Ganz in der Nähe des städtischen Konzertgebäudes, der Liederhalle, hätte er in der Nähe seiner Wirkungsstätte ruhen können. Immerhin wurde der Tenor Wolfgang Windgassen einst ebenfalls auf dem Waldfriedhof begraben. Es dämmert bereits, als sie sich auf den Weg zum Teehaus macht. Von dort hat man abends einen wunderbaren Blick über die Stadt. Dieser Ort war immer ein wenig Zuflucht für sie. Spät nachts halten sich hier vereinzelte Liebespaare oder einsame Gestalten wie sie selbst auf. Die Plattform ist nicht beleuchtet, weswegen man dort trotzdem ungestört seinen Gedanken nachhängen kann. Mit der Straßenbahn fährt sie vom Charlottenplatz über die Weinsteige in Richtung Weissenburgpark. Von einer kleinen Parkbucht führt eine lange Treppe nach oben. Bald wird sie in ihrer Erinnerung angekommen sein.

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