Dienstag, 10. Oktober 2006
Immer weiter, immer weiter
Kaum angekommen, schon wieder los. Aufgesperrtes Koffermaul verschlingt Stoff. Blusen sehen nach der Ankunft genauso zerknittert aus wie ich. Zusammenlegen war noch nie meine Stärke.
Hotel bedeutet allergiegeprüfte Kissen, knautschresistent. Der Kopf mit Schwung auftreffend, prallt wie ein Flummi daran ab.
Angetackerte Bettdecken. Gefahr von Zehenbruch beim Versuch, die Enden im Liegen zu lockern.
Earl Grey ist nicht gleich Earl Grey. Davon können Brittafilterfetischisten ein Lied singen. Chlor im Wasser lässt jedes Heißgetränk wie gegorenes Evian schmecken. Muss wohl wegen Edelschimmel in der Leitung sein. Erinnert an unbeschwerte Adoleszenzsommer im Freibad. Gesund ist was anderes.
Ich fühle mich beobachtet. Abertausend Mikroben starren aus Teppichschlingen. Man ist nie allein.
Der Fernseher spricht in Zungen. Drei von dreissig Programmen sind verstehbar, der Inhalt nicht nachvollziehbar. Mir wäre lieber, ich wäre der Sprache ebenfalls nicht mächtig.

Ein Telefon, das mich aus süßen Träumen plärrt. Morgenappell vom Band. Fünf Minuten später die Anfrage vom Rezeptionisten, ob ich lebe. Pfumpf. Mehr geht an der Zahnbürste nicht vorbei. Zahnpasta auf dem Hörer,dem Nachttisch, dem Lampenschirm.
Die Kleider am Leib, die andere Hälfte im Koffer. Erster Kontrollgang ergebnislos. Alles eingepackt. Die Türe will sich schließen. Zweiter Kontrollgang. Nur zur Sicherheit. Nichts vergessen. Die Türe noch nicht im Schloß. Dritter Kontrollgang. Zugeständnis an die Zwangsneurose.

Ankommen bedeutet bleiben. Ich bleibe nicht, komme nie irgendwo an.

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Kenne ich auch irgendwie. Wenn auch Wochen ins Land gehen, Leben ist immer aus dem Koffer. Kein Ausräumen, kein Heimatgefühl, ein Existieren auf Abruf. Vielleicht muss ich ja schnell raus aus dem Hotel, vielleicht ändert sich die politische, die wirtschaftliche Situation...

Grauslig sind die Wecker über den Fernseher, der, immer lauter werdend, das nationale Programm zeigt, vorzugsweise afrikanisches Englisch und Politiker, die wichtige Reden halten. Daher bin ich auf die Weckfunktion des Mobiltelefons umgestiegen. Verhindert auch Zahnpastaunfälle.

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Weckruf vom Fernseher geht gar nicht. Gibt ja auch diese piepsenden Rufe über die Röhre. Bis ich die Fernbedienung gefunden habe, bin ich dem Herzinfarkt schon erlegen. Telefone sind aber mancherorten auch nicht besser. Stehen gleich neben dem Kopf und lassen das Adrenalin in so hohen Mengen durch die Blutbahn schießen, dass man den ganzen Tag an Hochdruck leidet.

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Sch....., habe auch gerade eine Krise! Gruss aus Manhattan (was mache ich eigentlich hier?)

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Was Sie dort tun? Vermutlich die Zeit zwischen zwei Flügen abwarten. Dabei ist Manhattan nicht mal so schlecht. Manchmal hilft ein Hobby, das in den Koffer passt, manchmal Bekannte. Meistens ist die Müdigkeit aber stärker.

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Reisen, ja toll. Aber Pflichtreisen, Dienstreisen, an Orte, die man nicht besuchen will? In Hotels wohnen, in denen man nicht sein möchte? Beklemmender Text. Und noch viel beklemmendere Vorstellung.

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Tut mir leid, dass das so beklemmend wirkt. Im Grunde finde ich Alltag, der immer gleich an einem Ort stattfindet auch beklemmend. Immerhin gibt es ab und zu Highlights in Form von schönen Orten mit höheren Temperaturen, einem Strand oder anderen Sehenswürdigkeiten. Das entschädigt.

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Die verdammten getackerten Bettdecken! Angeblich eine Kultursache - ich wollte immer schon wissen, wie die Kulturangehörigen damit umgehen.

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Die Bettdeckenorigamifetischisten gibt´s nach meiner Recherche fast überall, selbst in Deutschland. Ich gehe damit folgendermaßen um: je nach Müdigkeitsgrad wird die Decke entweder vor hineinschlüpfen energisch unter der Matratze hervorgezerrt oder ich versuche es liegenderweise, gebe aber meist nach einigen mißlungenen Versuchen auf bzw. schlafe dabei ein.

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«Freie Füße!»
… lautet der Schlachtruf. Dann stürze ich mich auf die Decken und ziehe alles raus, einfach alles. Sollen die doch sehen wie sie die beknackten Spitzfußverursacher wieder hin bekommen. Erst dann geht es in die Waagerechte.

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Jawohl, freie Füße für alle!

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An Orten mit festgetackerten Bettdecken kann es nur ein Sinnen und Trachten geben... so schnell wie möglich weg.

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Kenn ich.

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das richtige Wort für verstehbar ist verständlich.

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Nein, ich meinte verstehbar. So wie ich schrieb.

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