Freitag, 5. Mai 2006
It´s time to play the music (Gonzo blows his trumpet)
Mit der Musik ist das ja so eine Sache. Da muss man schon früh anfangen, wenn man berühmt werden will. Ein Kind orientiert sich am Vorbild (so will ich auch sein, wenn ich groß bin) der Eltern oder anderen Bezugspersonen. Sind die Eltern Musiker, äußert das Kind meist diesen Berufswunsch. Fragte man mich, was ich werden wollte, war ich meist ziemlich ratlos. Ich wusste nicht, was meine Eltern beruflich machen. Zumindest war mir schon früh klar, dass Biertrinker kein Berufsbild sein kann. Und das war auch noch vor der Zeit, als es schick war, auf die Frage nach dem Berufswunsch mit Entwicklungshelfer oder Arzt zu antworten. Als ich mit 6 Jahren das erste Mal vom Haus meiner damaligen Freundin zurückkehrte, berichtete ich ganz aufgeregt meiner Mutter
Mama, stell Dir vor, der Papa von der C. ist Komiker!
Wie, Komiker?
Naja, der malt so Comics.
Irgendetwas hatte ich da verwechselt. Oder auch nicht.

Was mich nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, dass immer mehr Kinder ihre Kindheit vor dem Fernseher verbringen. Was wollen solche Kinder mal werden? Talkmaster? Waschmittelanpreiser? Sind sich Eltern über die traumatischen Auswirkungen auf das Leben der Kinder bewußt, wenn sie sie der unzensierten Faltencremewerbung mit Uschi Glas aussetzen?
Früher da gab es wenigstens noch pädagogisch wertvolles Programm für Kinder z.B. Sesamstrasse und Muppet Show. Während meines Studiums fragte ich einen Kommilitonen, wieso er gerade dieses Instrument gewählt hatte und er erzählte mir die Geschichte von Gonzo mit der Trompete. Damals glaubte ich noch an einen Einzelfall, während mir im Laufe der Jahre sämtliche Illusionen geraubt wurden.

Inzwischen glaube ich, Musiker werden nur noch Menschen, die in ihrer Kindheit nicht wussten, was sie werden wollen. Ausserdem ist Musiker genauso wenig wie Biertrinker ein Beruf. Auch hier wieder ein griffiges Beispiel aus abgespeicherten Konversationsfetzen, die diese These untermauert: Ach, sie machen Musik? Wie schön. Und was machen sie beruflich?
Und meine Mutter sagte bereits Kind, wenn Du unbedingt Musik studieren willst, ist das schon in Ordnung. Schließlich heiratest Du mal und dann kann man das schön nebenher machen. Sie hat mir bis heute nicht verraten, neben was ich Musik machen kann. Neben Kindern? Neben Kochen? Neben Sex? Ausserdem war das mit dem Heiraten eine Fehlkalkulation, wie sich später herausstellen sollte. Die Börse meldete Verluste, als meine Aktien auf den Markt kamen.

Eine Pointe gibt´s heute keine, weil ich weg muss. Tschüss.

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Donnerstag, 4. Mai 2006
In the summertime (Sommer kommt´s)
In München ist der Sommer ausgebrochen. Keine Ahnung, wie das Wetter in Deutschland so ist (ja, da bricht das Freistaatbewußtsein durch), ich glaube ja keiner Wettervorhersage aber Erfahrungsberichte von überall werden gerne in den Kommentaren gelesen – vor allem wenn es irgendwo heute regnen sollte. Gestern war´s auch schon schön. Vorgestern war´s erst nicht so schön aber dann war´s schon schön... An dieser Stelle unterbreche ich die laufende Schneebergerparodie. Man soll ja immer schön sich selbst treu bleiben. Und authentisch und so. Das ist derzeit ziemlich hip und soll ein anderes Mal besprochen werden.

Worin ich mir allerdings untreu wurde, ist meine körpereigene Melatoninausschüttung. So ist das eben mit Kontrollfreaks. Immer schön dosiert und nur nie zu viel auf einmal. Als Ergebnis hat sich meine Haut heute Morgen rötlich verfärbt. Das war so nicht geplant aber irgendwie ist mein Zellengedächtnis auf dem Stand von vor zehn Jahren. Irgendwer sagte mir mal, dass das eine Alterserscheinung sei. Die alten Leute leben auch vorwiegend in der Vergangenheit, zumindest können sie sich daran am besten erinnern. Ich glaube heute noch, ich könne mich der Sonne ungehindert aussetzen und keinen Sonnenbrand kriegen, da ich ein dunkler Typ bin. Die kleinen dunklen Flecken, die sich in den letzten zehn Jahren auf meiner Haut wie die Karnickel vermehren, ignoriere ich dabei geflissentlich. Was ich auch verdrängt habe, sind die auf UV-Strahlung zurückzuführenden Schmerzen, die man nachts hat, wenn man auf einem roten Rücken zu liegen kommt. Nein, ich kriege ja keinen Sonnenbrand, den kriegen nur die anderen, diese hellhäutigen Typen, die sich ohne Sonnenschutz stundenlang im Freien bewegen und die Engländer, die sich selbst dann noch am Strand aalen, wenn die Haut bereits in Fetzen von den Schultern hängt. Die Schmerzen müssen demnach eine andere Ursache haben, eventuell eine Waschmittelunverträglichkeit oder ein subkutaner Muskelkater jeweils gepaart mit einem offensichtlich abfärbenden neuen Kleidungsstück. Oder das war einfach was Psychosomatisches. Dagegen kann man dann irgendwelche Blüten vom Bach einnehmen und ein wenig meditieren.

Ich hab ja schon viel meditiert in meinem Leben, meist für den Weltfrieden und gegen das Ozonloch. Irgendwie hab ich auch das Gefühl, es ist alles besser geworden, außer dem Weltfrieden und dem Ozonloch. Vielleicht hab ich einfach die falsche Technik. Oder ich muss mich noch mehr anstrengen und das mit verschiedenen keltischen Ritualen kombinieren. Natürlich muss da auch der äußere Rahmen stimmen. Man meditiert am besten nach Osten kopfstehend auf einem mit Dreadlocks ausgestopften buddhistischen Meditationskissen (Fortgeschrittenen genügt eine Kippa oder ein Pileolus als Polsterung).Dabei kann man die nach unten rutschende Burka mittels Gebetskapselriemen um die Beine befestigen. Streng darauf zu achten ist, dass während der Meditation sämtliche Kasten der Kommode im Zimmer geschlossen sind. Als Hintergrund eignen sich leise Sitarklänge und auf einem kreuzförmigen Rost grillende Fischstäbchen, die man hinterher zusammen mit kosher Cola verzehren darf. Wenn das ganze Brimborium nichts bringt, war´s wenigstens politisch korrekt. Das ist in der heutigen Zeit unheimlich wichtig.

Ob man so ein Ozonloch wohl stopfen kann? Ich hätte da schon eine Idee. Man braucht nur Cargoflugzeuge der Aeroflot mit ausgedienten Brennstäben von Atomkraftwerken auf der ganzen Welt bestücken und die immer innerhalb des Loches kreisen lassen. Hilft zwar nix gegen das Loch, sieht aber bei Nacht hübsch aus. Ich meine, diese ganze Tschernobylgeschichte ist doch auch recht hübsch gewesen. Letztens war ich in Kiew und habe mich gewundert, warum die Leute dort alle so strahlen, bis ich dann im Stern oder Spiegel oder so von dem Tschernobyljubiläum gelesen habe. Da war mir alles klar. Seit heute Nachmittag strahlt meine Haut auch, nämlich rot. Ich war schon wieder in der Sonne, weil ich vergessen hatte, dass ich da schon gestern war. Irgendwie steht mir rot auch vorzüglich. Und passt so gut zu meinem neuen Bikini, den ich jedoch erst tragen werde, wenn ich auch in der Lage bin, mein überschüssiges Körperfett zu vergessen. Ja, man muss auch mal vergessen können. Dann kann das Leben so schön sein wie das Wetter.

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Mittwoch, 3. Mai 2006
Rastlos
Heute hier, morgen dort
bin kaum da muß ich fort
hab' mich niemals deswegen beklagt
hab' es selbst so gewählt
nie die Jahre gezählt
nie nach gestern und morgen gefragt.

Manchmal träume ich schwer
und dann denk' ich es wär
Zeit zu bleiben und nun
was ganz anderes zu tun.

So vergeht Jahr um Jahr
und es ist mir längst klar
daß nichts bleibt, daß nichts bleibt
wie es war.

Daß man mich kaum vermißt
schon nach Tagen vergißt
daß ich längst wieder anderswo bin
stört und kümmert mich nicht
vielleicht bleibt mein Gesicht
doch dem ein oder andren im Sinn

Fragt mich einer warum
ich so bin bleib ich stumm
den die Antwort darauf fällt mir schwer
denn was neu ist wird alt
und was gestern noch galt
stimmt schon heut' oder morgen nicht mehr.

[Hannes Wader]

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Sprich zu deiner Hand!
Wer kennt sie nicht, die widerlichen kleinen Wurzelgnome aus der Arschlochfraktion? Sie laufen überall herum, verteilen emsig ihre vorgefertigten Meinungen, die meist auf Vorurteilen beruhen und halten sich für die Größten. Eine erste Begegnung hat bereits stattgefunden. Es ist der Ex Partner, der lügt, weil er zu feige ist, seine Fehler einzugestehen und sie lieber kaschiert, die Kollegin, die einem durch ihre Intrigen das Leben schwer macht oder der Kunde, der sich nie zufrieden stellen lässt, obwohl man alles für ihn tut. Es ist die Zufallsbekanntschaft, die zu einem Monster mutiert, der Nachbar, der Kleinkrieg gegen einen führt und der Beamte, der einem den Paragraphenknüppel zwischen die Beine wirft. Während dieser ersten Begegnung war man nahezu sprachlos ob dieser Willkür, die sich bei näherer Betrachtung als Machtspiel eines kindlichen Egos herausstellt. Man denkt weiter und plötzlich fallen einem unzählige Argumente und Erwiderungen ein, doch jetzt ist es zu spät. Das Spiel ist gelaufen. Rien ne va plus. Man tritt im Kreislaufmarathon die Teppichflusen platt, wirbelt bei jeder Kehrtwende am Ende des Zimmers ein klein wenig Staub auf und schleudert seine schlagfertigen Argumente und Flüche dem Usambaraveilchen am Fenster entgegen. Das lauscht geduldig und ohne Widerworte. Einzig ein bräunlich herabhängendes Blatt zeugt am nächsten Tag von der Verletzung der introvertierten Pflanzenseele.

Es vergeht einige Zeit. Langsam vergisst man die Sprüche, die man sich geschworen hat, bei der nächsten Begegnung an den entsprechenden Mann zu bringen. Und die Wurzelgnome der Arschlochfraktion lassen auf sich warten. Jetzt, wo man sich nicht von Verbalschlägen hätte umhauen lassen, jetzt sitzen sie in ihren kleinen dunklen Ecken und lauern. Sie beobachten uns aus ihren Augenschlitzen. Manchmal schnüffeln sie ein wenig wie Hunde, denn Selbstbewusstsein und Stärke lassen sich erriechen. Die Wurzelgnome warten, bis man wieder ganz unten ist, sich ein wenig selbst bemitleidet und zögerlichen Schrittes vorbeigeht. Dann springen sie aus ihren Verstecken und stehen plötzlich vor uns. Der Exfreund, die Zufallsbekanntschaft und der ehemalige Kollege, man trifft sie in der Schlange der Supermarktkasse, beim Friseur, auf Behörden oder im Restaurant. Man würde gerne verschwinden, sich unsichtbar machen, denn gerade jetzt fühlt man sich für eine Auseinandersetzung zu schwach, das Loch zwischen den Bodendielen ist zu klein und man selbst zu groß. Natürlich kann man einer Begegnung nicht ausweichen, das haben die Wurzelgnome schon so vorbereitet. Sie erwischen einen kalt von vorne, während sich hinter einem die Wände zur Ecke treffen. Das Hirn beginnt schlagartig in Turbogeschwindigkeit die Windungen nach passenden Worten abzufahren. Einzig das Usambaraveilchen könnte jetzt helfen, doch das hat noch nie auf Telefonläuten reagiert. Man stammelt ein paar Belanglosigkeiten und will sich an den Wurzelgnomen vorbeidrücken, doch die blasen sich vor einem zu wabbeligen Jabbas auf und lassen erkennen, dass auch sie die letzte Begegnung irgendwo in ihren verschrumpelten Gehirnen abgespeichert haben. An einem beleidigten Jabba kommt keiner vorbei, selbst wenn man sich noch so klein macht. Sie saugen die gesamte Raumluft in sich ein und entlassen sie wieder in stinkenden Worten. Man fühlt sich ein wenig schwindelig, beginnt zu rudern und tritt von einem Bein auf das andere. Im Grunde möchte man lieber auf dem abgetretenen Teppich daheim laufen, der ist immer wieder eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Weil man aber keinen fliegenden Teppich und keine Tarnkappe zur Hand hat, und auch die Ritter auf den weißen Pferden schon seit längerem beurlaubt sind, lässt man die gruseligen Jabbaworte mit gesenktem Haupt und hängenden Schultern über sich prasseln wie einen strahlenden Regenschauer aus einer Atompilzwolke. So plötzlich die Jabbas auftauchten, so schlagartig sind sie auch wieder weg. Sie schnurren zusammen, ähnlich einem aufgeblasenen Luftballon, den man loslässt und verschwinden als Wurzelgnome wieder nach Arschlochhausen, ein Ort, an dem kein liberal denkender Mensch je gewesen sein möchte. Man selbst sammelt seine Habseligkeiten, sowie die geschundenen Knochen zusammen und macht sich auf zum Usambaraveilchen, das daheim schon wartet.

Im Grunde glaube ich nicht an den Satz Man trifft sich immer zwei Mal, denn es sind viele Male, die man sich trifft. Nur die schrumpeligen Gesichter der Wurzelgnome unterscheiden sich ein wenig voneinander. Der Typ ist immer der Gleiche. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich noch in diesem Monat mit dem Kapitän fliegen muss, der vor zwei Jahren an mir seinen übersteigerten Männlichkeitshabitus in Form von Dienstvorschriften und willkürlichen Unterstellungen ausließ und ich nur knapp die Tränen der Wut und Verletztheit zurückhalten konnte. Arschlochhausen hat seine Pforten geöffnet, und ich gehe jetzt vorsorglich duschen.

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Montag, 1. Mai 2006
Thank you for the music
Wenn heute am Kampftag der Arbeiterbewegung jeder ein Bier weniger trinken würde und das Geld spenden, hätten wir den neuen Server schon morgen. Oder jeder, der einen neuen Beitrag online stellt, zahlt heute mal 10 Euro. Blogger.de kostet die Nutzer sonst keinen Pfennig und liefert gute Qualität. Da kann man schon mal eine Ausnahme machen. Genug gequatscht, lassen wir Taten folgen. Ich geh jetzt für meine Beiträge einzahlen.

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Wir wollen niemals auseinandergehn
Schön war´s gestern. Und gruselig. Wir haben unser Bestes getan, damit der Sommer kommt. Danke an alle Zuhörer. Nächstes Mal sehen wir uns draußen.

Martina live

Andrea unveröffentlicht

Brainfarts unübertroffen

Don katholisch

Banana abwesend

Mein Zitterstimmentext

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Samstag, 29. April 2006
Keine besonderen Vorkommnisse. Das Wetter.
Mistmistmist oder zefixgreizdeifi, wer hat da sein Tellerchen nicht leergegessen? Ich war´s nicht. Ehrlich. Hyperventilieren nutzt vermutlich jetzt auch nix mehr. Ist halt nass draußen. Deswegen sind wir morgen drinnen. Macht ja keinen Sinn, mit dem nassen Gras und so. Kalt ist es auch noch, viel zu kalt für stundenlanges Zuhören. War vorhin am Friedhof. Alles schon grün, alles gar nicht so gruselig wie vermutet. Hilft aber nix. Wer sich dennoch nicht abhalten lässt, unseren Texten über das Leben und andere Kleinigkeiten zuzuhören, kann das im Twisted Bavarian ab ca. 19.00 tun.

Ist ja nicht aller Tage Abend und meine Genehmigung gilt unbefristet. Mal sehen, ob es mir dann gelingt, Herrn Kid aus Hamburg mit morbiden Fantasien anzulocken. Und demnächst schreibe ich auch wieder lustigere Texte. Versprochen. So kann das ja nicht weitergehen. Ist ja kein Zustand. Aber echt, doo.

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Für C.
Es war ein kalter Herbstmorgen, viel zu kalt für die Jahreszeit. Die Sonne schien und der Schnee auf den Dächern leuchtete weiß gegen den blauen Himmel. Die Luft wurde bei jedem Ausatmen sichtbar. Man traf sich in der Dorfkneipe. Etwas anderes war nicht geöffnet. Der Vater wartete an einem Tisch. Vor ihm stand ein Bier. Seine Mutter sollte heute beerdigt werden. Als er uns sah, stand er auf, begrüßte meine Mutter und mich. Dann setzten wir uns um den Tisch. Irgendeiner machte einen Scherz und ich musste lachen. Später, viel später habe ich mich für dieses Lachen geschämt, genauso wie ich mich dafür schämte, eine Woche später an einer Veranstaltung meiner Tanzschule teilzunehmen. Aber so war das, ich hatte es versprochen und stand zu meinem Wort.

Wir gingen langsam zur Kirche, eine alte katholische Kirche in einem kleinen katholischen Dorf. Innen war es noch kälter als draußen. Zum ersten Mal in meinem bis dahin kurzen Leben sah ich Reliquienschreine. Schaukästen, hinter deren Scheiben mit Gold und Glitter überzogene Gebeine der Heiliggesprochenen liegen. Mich schauderte ein wenig. Wir setzen uns in die erste Reihe. Im Hintergrund stimmten Klageweiber ihre endlosen Litaneien des Ave Marias an. Meine Hände waren so kalt, ich hatte Angst, die Finger würden abfallen. Dann begann der Gottesdienst. Die Worte und Lieder zogen an mir vorbei. Ich war nur körperlich anwesend. In Gedanken war ich bei ihr, meiner Großmutter. Als ich sie zuletzt sah, war sie so schwach, sie konnte kaum mehr reden. Sie drückte meine kleine Hand in der ihren. Dann wollte sie sich aufsetzen. Ich stützte sie. Sie war so dünn, der Wind hätte sie mit einem Hauch forttragen können.

Wir gingen zum Friedhof. Der Sarg vor uns. Mein Vater und ich dahinter. Vor dem offenen Grab sprach der Pfarrer erneut einige Worte. Ich hörte sie nicht, betrachtete meinen Vater aus dem Augenwinkel. „Was will er hier, der Heuchler?“ fragte ich mich. Später, als der Sarg unten und die Erde darüber gehäuft war, schüttelte ich zahllose Hände. Ich kannte diese Menschen nicht. Selbst die, die mir bekannt waren, schienen mir fremd. Warum redeten sie von Beileid? Und warum weinten die, die ihren Willen nicht respektierten als sie noch lebte? Ich weinte nicht, betrachtete nur die Gesichter. Alles schien fremd, fern, unverständlich. An diesem Tag wurde ein Teil meines Herzens begraben. Dieser Tag war das Ende meiner Kindheit.

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Freitag, 28. April 2006
Die Nebensonnen
Ist es nicht so, dass wir alle auf der Suche nach Verständnis sind? Der Wunsch nach einer Person, die tiefe Empfindungen versteht, nachvollziehen kann und ohne Worte mit uns teilt. Eine Sehnsucht, der wir uns gerne hingeben, obwohl sie als das, was sie ist, nämlich der Sehnsucht nach einer Illusion, nie eintreffen wird. Und die Hoffnung auf Erfüllung hält uns am Leben. Paradoxe Welt.

Ist es nicht so, dass nachts, wenn alles um uns still wird, die Gedanken umso lauter sind? Dann ist der Grat zwischen Selbstmitleid und klaren Gedanken über das eigene Treiben schmal. Ich balanciere, torkle, gewinne Gleichgewicht, schaue in den Abgrund, der mich in seiner Tiefe genauso fasziniert wie magisch anzieht. Ich möchte alles loslassen und mich hineinstürzen. Nie wieder denken müssen. Alles hinter mir lassen. Verantwortung abgeben. Im Eisbad vegetieren. Doch die leise Stimme im Hintergrund warnt, lässt nicht locker, insistiert. Wäre sie nicht, die Stimme der Vernunft, wie lange läge ich schon dort drunten im Dunkel? Ein Jahr oder zehn oder zwanzig? Selbstmitleid mag verwerflich sein, doch genau das ist es, was mich dem Leben näher bringt. Ich habe Mitleid mit mir. Deswegen lasse ich mich nicht fallen, sondern halte mich fest, lass die anderen sich an mir halten, auch wenn ich noch so schwach bin. Ich leide mit ihnen genau wie mit mir. Nur wenn ich mich verstehe, kann ich auch andere verstehen. Nur das, was ich für mich tue, kann ich auch für andere tun.

Ist es nicht merkwürdig, dass ich Rufe höre, Mitleid sei nicht dasselbe wie Mitgefühl? Könnte von mir selbst sein, dieser Ruf. Das einzige, was Mitleid von Mitgefühl unterscheidet, ist die Abgrenzung der eigenen Person vom Leid der anderen. Wie jedoch sollte ich mich vom eigenen Leid abgrenzen? Dementsprechend bin ich nur fähig zu verstehen, wenn ich Selbstmitleid kenne. Mitleidig sein hat auch was von Überheblichkeit. Ich schaue von meinem hohen Sockel herab auf all die, die sich leidend im eigenen Elend winden. So oder ähnlich gehe ich mit mir selbst um. Ego1 schaut auf Ego2 mitleidig herab und kommentiert:
Sieh Dich an, wie schäbig Du bist. Hör auf damit! Ich ertrage Dich so nicht.
Dann beginnt Ego2 sich langsam zu berappeln, zu schnäuzen und zusammenzureißen.
Hast ja recht murmelt es kleinlaut.
Doch Ego1 ist streng. Sehr streng sogar.
Mensch, musst Du Dich so gehenlassen? Ist ja nicht zum Aushalten mit Dir.
Und Ego2 beginnt, sich ein wenig zu schämen.

Dieser innere Dialog wird dann willkürlich auf andere Menschen in anderen Situationen projiziert. Wer streng mit sich umspringt...
Alles schon gehabt, alles dagewesen.
Lernen ist ein langer, schwieriger Weg.

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Freitag, 28. April 2006
Mit meinen heissen Tränen
Näher als alles andere geht mir Schuberts Musik. Vor Jahren habe ich Abhandlungen von Adorno und anderen Musiktheoretikern gelesen, habe im Rahmen meines Studiums analysiert und zu verstehen versucht, habe im Laufe der Zeit Gelesenes vergessen. Was geblieben ist, ist die Berührung meiner Seele. Ich möchte hier kein allgemeingültiges Urteil, noch eine objektiv nachvollziehbare Beurteilung abgeben. Vielmehr liegt mir der Ausdruck meiner persönlichen Subjektivität am Herzen.

Wer sich mit Kunst im Allgemeinen und Künstlern im Besonderen auseinandersetzt, der kommt meines Erachtens nicht umhin, sich mit deren Biographien zu beschäftigen. Will ich eine Komposition, ein Bild oder eine Satzkonstruktion begreifen, muss ich mich mit dem Menschen auseinandersetzen, der dies hervorbrachte. In Schuberts Fall war für mich ein Schlüsselerlebnis der Fernsehdreiteiler Mit meinen heissen Tränen von Fritz Lehner. Selten wurde mir ein Mensch durch eine Verfilmung näher gebracht als alle Literatur es vermochte.

Versetzen wir uns einmal in den Franzl hinein. In einer Zeit geboren, als die Romantik sozusagen erfunden wurde – weswegen er fälschlicherweise im Volksglauben zu dieser Epoche zählt. Korrekterweise müsste sein Werk musikwissenschaftlich in der Spätklassik angesiedelt werden – lebt dieser Mann von seinem übermächtigen Vater malträtiert, von den Geschwistern ausgenutzt, von Frauen verschmäht, von Kollegen unterschätzt, von Freunden als Kasper degradiert und als „Schwammerl“ verspottet, in seine Seele zurückgezogen und gleichzeitig von ihr zerrissen. Der Wahnsinn ist nicht weit, grüßt bereits aus der Ferne. Franz weiß das, greift immer wieder über die verbotene Grenze und kostet davon. Wer in einer Gesellschaft existieren muss, auf die er als soziales Wesen angewiesen ist und die ihn gleichzeitig wegen seiner innersten Bedürfnisse und Gedanken ausschließt, dem bleibt nicht viel mehr als Rückzug und Isolation. Verständlich, dass sich eine große Melancholie, ja gar Todessehnsucht breit macht. Während in seiner Musik die Seele des gequälten Franz Ausdruck findet, verstummt er in der realen Welt, komponiert und spielt für die Freunde lustige Tänze zum Nachmittagstee – die einzige Form, mit der er die so sehr ersehnte Annerkennung bekommt – die doch so konträr zum inneren Schmerz klingen. Die anderen Werke behält er für sich. Nicht weil er es so will, sondern weil sich kein Verleger findet und kein Käufer. Keiner versteht das, was er zu sagen hat. Man schreckt vor so viel Schwermut zurück.

Mit einem seiner letzten Werke, dem Liederzyklus „Die Winterreise“ trifft er im konspirativen Zirkel der Revolutionäre ins Schwarze. Im Grunde geschieht dies jedoch nur, weil sie ihn zu einem Werkzeug gegen das Biedermeiertum umfunktionieren. Die Texte von Müller – geheime Antiparolen im Schutzmantel gängiger Liebesschnulzen – beinhalten für Schubert mehr als Kritik an politischen Zuständen. Sie sind das Synonym für seine eigene Todessehnsucht. Wer die Vertonung einmal gehört hat, weiß was ich meine. Er selbst sagt darüber in einer Ankündigung zum regelmäßigen Treffen bei seinem Freund Schober: „Ich werde euch einen Zyklus schauerlicher Lieder vorsingen.[...] Sie haben mich mehr angegriffen, als dieses je bei anderen Liedern der Fall war.“ Doch seine Freunde begriffen nicht. Einzig „Der Lindenbaum“ war für sie sofort eingängig und somit gefällig.

Werde ich gefragt, welche seiner Werke ich favorisiere, so sind dies neben der Winterreise die Streichquartette, das Quintett und das Klaviertrio in Es neben den Klaviersonaten und der unvollendeten Sinfonie, sowie der letzten. In all diesen Werken ist eine Tiefe zu spüren, die nur ein Mensch auszudrücken vermag, der einmal in die menschlichen Abgründe geschaut hat. Schubert hat hineingeschaut, lange und intensiv. Es blieb ihm nichts anderes übrig, denn sie waren in ihm. Ich verneige mich vor seiner Fähigkeit, sie zu Papier zu bringen.

Möglicherweise fasziniert mich sein Werk, weil ich selbst eine Affinität zu menschlichen Abgründen, zu Wahnsinn und Tod habe. Gleichzeitig finde ich darin immer wieder eine Aussöhnung mit genau diesen Aspekten. Einige Zeit konnte ich diese Musik nicht mehr ertragen. Zu viele Wunden wurden aufgerissen, zu viel aufgewirbelt. Jetzt höre ich sie wieder – nicht ohne Tränen. Manchmal muss man aushalten, um zu heilen.

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I´d rather drive a Titleist
Ab und zu muss man ein wenig in sein Kopfkissen weinen. Das lässt jedoch nicht nur die Augen unschön aufquellen, sondern auch Federn zusammenkleben. Wer sein Kissen in der Waschmaschine fluffig waschen möchte, sollte Tennisbälle mitwaschen. Habe ich jedenfalls gehört. Meine Karriere als Tennisnachwuchsspielerin habe ich nach kurzem Fehlversuch vor 24 Jahren beendet. Tennisbälle waren keine im Haus, als ich das Kissen in die Trommel stopfte. Was ich allerdings in Vorbereitung auf die kommende sexbefreite Zeit hatte, waren Golfbälle. Macht auch keinen Unterschied, denn auf die Größe soll es bekanntlich nicht ankommen. Dachte ich. So schleuderten in der Maschine drei Titleist mit. Der Lärm im Schleudergang konnte sich mit einem ausgewachsenen Gamelanorchester messen. Das erinnerte mich an einen alten Witz:
Lower class working people play football,
lower class management people play tennis,
upper class management people play golf.
What´s the conclusion of it?
The higher the position is, the smaller the balls are.

Die golfballgeläuterten Daunen waren allerdings nicht annähernd so fluffig wie erwartet. Das ließ mich erneut in mein Kissen weinen.

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Mittwoch, 26. April 2006
Raindrops are falling on my head
Derzeit führt in München jemand einen Regentanz auf. Wenn ich den erwische, der kann am Sonntag was erleben.

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Dienstag, 25. April 2006
Amazonen
Es ist nicht vorgesehen, dass bei der Wunschliste nur ein Synonym angegebenen werden kann. Der Wunschzettel ist dazu gedacht, dass Ihre Freunde oder Verwandten Ihnen Geschenke zukommen lassen. Ihr Name wird hier aus Ihrer Versandadresse übernommen. Eine Speicherung unter einem anderen Namen ist also nicht sinnvoll.

Liebe Frau Fürst,

das ist sehr interessant. Eine nicht unwesentliche Anzahl an Bestellungen gehen bei Amazon nämlich über Wunschlisten von Blogs ein. Ich verstehe Ihre Aussage so: Amazon ist inzwischen so reich, dass darauf verzichtet werden kann. Da wird sich wohl der ein oder andere Blogger überlegen, auf Alternativen auszuweichen.
Im Übrigen sollten Geschenke verpackt ankommen, wenn für die Geschenkverpackung bezahlt wurde (wie im Falle von Herrn flyingcook. Auch in diesem Falle handelt es sich übrigens um ein Pseudonym).

Mit freundlichen Grüßen

Frau Klugscheisser - die jetzt eine Firmenadresse hat, über die Freunde und Bekannte nicht bestellen möchten.

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Postcard lyrics
Die ersten beiden Postkarten sind raus. Dabei ist die Motivwahl wirklich nicht einfach. In London beispielsweise gibt es fast nur geschmacklose Postkarten, was für britische Verhältnisse nichts Ungewöhnliches ist, ganz abgesehen davon, dass die Läden nur Briefmarken im Packen verkaufen. Jetzt kann ich noch ungefähr drei hässliche Karten aus London versenden. Dabei mag ich das überhaupt nicht.
Das mit den Postkarten habe ich nie begriffen. Da schreiben Menschen kiloweise Grüße aus dem Urlaub an ihre Verwandtschaft, jeder will eine haben und eine Woche später landen sie dann im Papiermüll. Das Geld hätte man lieber versaufen sollen, wobei sich manche Texte auch anhören, als entstammten sie einem Dauerbesäufnis.
Hallo, schönes Wetter, toller Strand, super Leute hier, Gruß, bis bald, bis demnächst.
Die erste Frage am Telefon lautet dann hast Du meine Karte bekommen?. Wird diese verneint, erzählt der Rückkehrer haarklein, was er geschrieben hat. Natürlich macht er das nicht absichtlich, er hat nur nichts anderes zu erzählen als über das tolle Wetter, den Strand und die super Urlaubsbekanntschaften. Wozu muss er das dann schreiben? Ganz einfach. Er erwirbt mit jeder abgeschickten Postkarte den Anspruch auf den Empfang einer ebensolchen. In Zeiten von e-Mails und SMS liegen im Briefkasten nur noch Rechnungen und Werbung. Postkarten zu bekommen bedeutet, noch zu leben, denn das andere Zeug wird auch noch nach dem eigenen Ableben im Briefkasten landen. Fast könnte man den Satz Ich denke, also bin ich für die heutige Zeit umformulieren in Ich bekomme Postkarten, also bin ich

Zurück zu meinen eigenen Postkarten. Im Grunde mag ich selbst schöne schwarz-weiß Motive o.ä.. Dabei ist mir nicht wichtig, wie typisch die Motive für den Absendeort sind, sondern ob sie sich als Collagenteile eignen. Die schönsten Karten habe ich zu Sammelbildern zusammengefasst, alle anderen fliegen bei jedem Umzug raus aus dem großen Karton. Es soll ja Leute geben, die Postkarten jahrelang sammeln. Dabei kommt es nicht auf die Motive, sondern die Anzahl an. Das sind wahrscheinlich so Menschen, die nach jedem Sex Kerben in die Bettkante hauen oder die für jeden Tag einen Strich auf die Zimmerwand malen. Jede Postkarte bedeutet dann einen Tag mehr Leben. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso jemand etwas aufbewahrt, das er nie wieder lesen wird.

Liebe Empfänger, bitte lassen Sie meine geschmacklosen Postkarten nicht in einem Karton verenden. Lesen Sie und führen Sie die Karten dann einem Recyclingunternehmen zu. Denn meine Karten sind Wegwerfprodukte. Selbst wenn sie mehr als einmal von Ihnen gelesen werden, werden Sie aus dem vergleichsweise lapidaren Text nicht mehr rausholen, als sie so schon verstanden haben (auch nicht rückwärts gelesen). Meine Postkarten sind wie Bloggertexte - vergänglich und unwichtig. Immerhin habe ich sie nicht zu senden vergessen.

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Sonntag, 23. April 2006
On a sunny afternoon


Loslassen ist nicht mehr schwer.
Schmerzt nur ein wenig.
Das geht vorbei.
Wie alles.
Meistens.

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